Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil
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#253# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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[14. Allgemeine Charakteristik der Polemik gegen Smith' Unter-
scheidung von promtiver und unproduktiver Arbeit]
Die meisten Schriftsteller, die gegen Smith' produktive und un-
produktive Arbeit angekämpft, betrachten die Konsumtion als not-
wendigen Stachel der Produktion, und daher sind ihnen selbst
f ü r d e n m a t e r i e l l e n R e i c h t u m die
s a l a r i é s, die von der Revenue leben, die unproduktiven
Arbeiter, deren Ankauf nicht Reichtum produziert, sondern deren
Ankauf selbst neue Konsumtion des Reichtums ist, ebenso produktiv
als die produktiven Arbeiters indem sie das field of material
consumption 1*) erweitern und damit das field of production 2*).
Dies war also größtenteils Apologie vom bürgerlichen ökonomischen
Standpunkt, teils für die riches oisifs 3*) und die "travailleurs
improductifs" deren D i e n s t e sie konsumieren, teils für
"des gouvernements forts" 4*), die große Ausgaben machen, für
Vermehrung der Staatsschulden, für Pfründer in Kirche und Staat,
Sinekuristen etc. Denn diese "travailleurs improductifs" - deren
Dienste unter den Ausgaben der riches oisifs figurieren - haben
alle das gemein, daß, wenn sie "des produits immatériels"
p r o d u z i e r e n, s i e "d e s p r o d u i t s m a t é-
r i e l s" konsumieren, also Produkte der produktiven Arbeiter.
Andre Ökonomen, wie Malthus, lassen die Unterscheidung zwischen
travailleurs productifs und improductifs zu, beweisen aber dem
capitaliste industriel, daß die letztern ihm ebenso notwendig,
selbst zur Produktion des materiellen Reichtums, sind wie die er-
stern.
Es nützt hier nichts, weder die Phrase, daß Produktion und Kon-
sumtion identisch oder daß die Konsumtion der Zweck aller Produk-
tion oder daß Produktion die Voraussetzung aller Konsumtion ist.
Was - abgesehn von der Tendenz - dem ganzen Streit zugrunde
liegt, ist vielmehr das.
Die Konsumtion des Arbeiters im Durchschnitt nur gleich seinen
Produktionskosten, nicht gleich seiner Produktion. Das ganze Sur-
plus also produziert er für andre, und so ist dieser ganze
T e i l s e i n e r P r o d u k t i o n P r o d u k t i o n
f ü r a n d r e. Der industrielle Kapitalist ferner, der den
Arbeiter zu dieser Ü b e r p r o d u k t i o n (d.h. Produktion
über seine eignen Lebensbedürfnisse hinaus) treibt und alle Mit-
tel anspannt, um sie möglichst zu steigern, diese relative
Ü b e r p r o d u k t i o n im Gegensatz zur notwendigen Produk-
tion zu steigern, eignet sich unmittelbar das Surplusprodukt an.
Aber er als personifiziertes Kapital produziert der Produktion
wegen, will die Bereicherung
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1*) Feld der materiellen Konsumtion - 2*) Feld der Produktion -
3*) müßigen Reichen 4*) "starke Regierungen"
#254# Viertes Kapitel
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der Bereicherung wegen. Soweit er bloßer Funktionär des Kapitals,
also Träger der kapitalistischen Produktion ist, ist es ihm um
den Tauschwert zu tun und dessen Vermehrung, nicht um den Ge-
brauchswert und die Vermehrung seiner Größe. Es ist ihm um die
Vermehrung des abstrakten Reichtums zu tun, steigende Aneignung
fremder Arbeit. Er ist ganz von demselben absoluten Bereiche-
rungstrieb beherrscht wie der Schatzbildner, nur daß er ihn nicht
in der illusorischen Form der Bildung goldner und silberner
Schätze befriedigt, sondern in der Kapitalbildung, die wirkliche
Produktion ist. Ist die Überproduktion des Arbeiters P r o-
d u k t i o n f ü r a n d r e, so die Produktion des normalen
Kapitalisten, des industriellen Kapitalisten, wie er sein soll,
Produktion um der Produktion willen. Je mehr sein Reichtum
wächst, fällt er zwar hinter dies Ideal und wird selbst
verschwenderisch, schon zur Schaustellung des Reichtums. Aber es
ist stets genießender Reichtum mit bösem Gewissen, mit dem Hin-
terhalt der Ökonomie und der Berechnung. Er bleibt trotz aller
Verschwendung, wie der Schatzbildner, essentiellement 1*) geizig.
Wenn Sismondi sagt, daß die Entwicklung der Produktivkräfte der
Arbeit den Arbeiter zu immer größeren Genüssen befähigt, daß aber
diese Genüsse selbst, wenn sie ihm würden, ihn zur Arbeit (als
Lohnarbeiter) disqualifizieren würden {Sismondi sagt:
"Durch den Fortschritt der Industrie und Wissenschaft kann jeder
Arbeiter jeden Tag viel mehr produzieren, als zu seiner notwendi-
gen Konsumtion erheischt ist. Aber zu gleicher Zeit, wo seine Ar-
beit den Reichtum produziert, würde der Reichtum, wäre er beru-
fen, ihn zu konsumieren, ihn zur Arbeit wenig geeignet machen."
("Nouv. Princ." t. I, p. 85.)},
so ist es nicht minder richtig, daß der industrielle Kapitalist
mehr oder minder zu seiner Funktion unfähig wird, sobald er
selbst den genießenden Reichtum vorstellt, sobald er Akkumulation
der Genüsse statt des Genusses der Akkumulation will.
Er ist also ebenfalls ein Produzent von Ü b e r p r o d u k-
t i o n, P r o d u k t i o n f ü r a n d r e. Dieser Über-
produktion auf der einen Seite muß die Überkonsumtion auf der
andern, der Produktion um der Produktion wegen, die Konsumtion um
der Konsumtion wegen gegenübertreten. Was der industrielle
Kapitalist an Grundrentner, Staat, Staatsgläubiger, Kirche usw.,
die bloß Revenue verzehren, abgeben muß, ¦¦408¦ vermindert
absolut seinen Reichtum, erhält aber seinen Bereicherungstrieb
flüssig und erhält so seine kapitalistische Seele. Würden die
Grundrentner, Geldrentner etc. ihre Revenue ebenfalls
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1*) im wesentlichen
#255# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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in produktiver statt in unproduktiver Arbeit verzehren, so wäre
der Zweck ganz verfehlt. Sie würden selbst industrielle Kapitali-
sten, statt die Funktion der Konsumtion als solche darzustellen.
Wir werden über diesen Punkt später eine höchst komische Polemik
zwischen einem Ricardian und einem Malthusianer besichtigen. [82]
Weil Produktion und Konsumtion unzertrennlich a n s i c h
sind, daraus folgt, daß, da sie faktisch im System der kapitali-
stischen Produktion getrennt sind, ihre Einheit sich durch ihren
Gegensatz herstellt, daß, wenn A für B produzieren, B für A kon-
sumieren muß. Wie man bei jedem einzelnen Kapitalisten findet,
daß er pour sa part 1*) Verschwendung auf seiten derer will, die
einmal copartners 2*) seiner Revenue sind, so beruht das ganze
ältre Merkantilsystem auf der Idee, daß eine Nation für sich
selbst frugal sein, aber den Luxus für fremde genießende Nationen
produzieren muß. Es ist hier immer die Idee: Produktion für die
Produktion auf der einen Seite, daher Konsumtion fremder Produk-
tion auf der andren. Diese Idee des Merkantilsystems u.a. ausge-
druckt in Dr. Paley, "Moral Philosophy", vol. II, ch. XI [83];
"Ein genügsames und arbeitsames Volk verwendet seine Tätigkeit
dazu, die Nachfrage einer reichen, dem Luxus ergebenen Nation zu
befriedigen."
"Sie" (nos politiques 3*), Garnier etc.), sagt Destutt, "stellen
als allgemeines Prinzip auf, daß die Konsumtion die Ursache der
Produktion ist, daß es also gut sei, wenn sie stark ist. Sie be-
haupten, daß gerade dies einen großen Unterschied zwischen der
gesellschaftlichen und der privaten Ökonomie bewirke." (l.c.p.
249, 250.)
Gute Phrase noch:
"D i e a r m e n N a t i o n e n sind die, wo das Volk gut
dran ist, und d i e r e i c h e n N a t i o n e n sind die,
wo es gewöhnlich arm ist." (l.c.p. 231.)
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1*) für seinen Teil - 2*) Teilhaber - 3*) unsere Politiker
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