Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil
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#259# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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[16. Nassau Senior. Verherrlichung aller der Bourgeoisie nützli-
chen Tätigkeiten als produktiv. Liebedienerei vor der Bourgeoisie
und dem bürgerlichen Staat]
W. Nassau Senior, "Principes fondamentaux de l'écon. polit.",
traduits par Jean Arrivabene, Paris 1836. Nassau Senior setzt
sich aufs hohe Pferd.
"Nach Smith war der Gesetzgeber der Hebräer ein unproduktiver Ar-
beiter." (l.c..p. 198.)
War es Moses von Ägypten oder Moses Mendelssohn? Moses würde sich
schön bei Herrn Senior bedankt haben, ein Smithscher "travailleur
productif" zu sein. Diese Menschen sind so unter ihre fixen Bour-
geoisideen unterjocht, daß sie glauben würden, den Aristoteles
oder den Julius Cäsar zu beleidigen, wenn sie dieselben
"travailleurs improductifs" nennten. Diese
#260# Viertes Kapitel
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würden schon den Titel "travailleurs" als eine Beleidigung be-
trachtet haben.
"Der Arzt, der durch eine Verordnung ein krankes Kind heilt und
ihm so das Leben für viele Jahre erhält, produziert er nicht ein
dauerhaftes Resultat?" (l.c.)
Fadaise! Wenn das Kind stirbt, ist das Resultat nicht minder du-
rable 1*). Und wenn das Kind ganz beim alten bleibt, muß sein
service nicht minder bezahlt werden. Nach Nassau müßten die Ärzte
nur bezahlt werden, sofern sie kurieren, und die Advokaten, so-
weit sie Prozesse gewinnen, und die Soldaten, soweit sie siegen.
Jetzt aber wird er wahrhaft erhaben:
"Haben die Holländer, als sie sich der Tyrannei der Spanier wi-
dersetzten, oder die Engländer, als sie sich gegen eine Tyrannei
empörten, die noch viel schrecklicher zu werden drohte, zeitwei-
lige Resultate produziert?" (l.c.p. 198.)
Belletristische Scheiße! Holländer und Engländer revoltierten auf
ihre eignen Kosten. Niemand zahlte sie dafür, daß sie "in Revolu-
tion" arbeiten. Bei travailleurs productifs oder improductifs
handelt es sich aber immer um Käufer und Verkäufer von Arbeit.
Welcher Blödsinn also!
Diese fade Belletristerei der Burschen, sobald sie gegen Smith
polemisieren, zeigt nur, daß sie den "gebildeten Kapitalisten"
vertreten, während Smith den offenherzig brutalen bourgeois par-
venu 2*) a u s l e g t e. Der gebildete Bourgeois und sein
Wortführer sind beide so stupid, daß sie die Wirkung jeder Tätig-
keit nach ihrer ¦¦411¦ Wirkung auf den Beutel abmessen. Andrer-
seits sind sie so gebildet, daß sie auch die Funktionen und Tä-
tigkeiten, die nichts mit der Produktion des Reichtums zu tun ha-
ben, a n e r k e n n e n, und zwar anerkennen, indem auch diese
ihren Reichtum "indirekt" vermehren etc., kurz, eine für den
Reichtum "nützliche" Funktion ausüben.
Der Mensch selbst ist die Basis seiner materiellen Produktion,
wie jeder andren, die er verrichtet. Alle Umstände also, die den
Menschen affizieren, das S u b j e k t der Produktion, modifi-
zieren plus ou moins 3*) alle seine Funktionen und Tätigkeiten,
also auch seine Funktionen und Tätigkeiten als Schöpfer des mate-
riellen Reichtums, der Waren. In dieser Hinsicht kann in der Tat
nachgewiesen werden, daß alle menschlichen Verhältnisse und Funk-
tionen, wie und worin sie sich immer darstellen, die materielle
Produktion beeinflussen und mehr oder minder bestimmend auf sie
eingreifen.
"Es gibt Länder, wo es ganz unmöglich ist, das Land zu bebauen,
ohne von Soldaten beschützt zu werden. Nun gut! Nach der Klassi-
fikation von Smith ist die Ernte nicht das Produkt der gemeinsa-
men Arbeit des Mannes, der hinter dem Pfluge geht,
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1*) dauerhaft - 2*) Bourgeois-Emporkömmling - 3*) mehr oder weni-
ger
#261# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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und des Mannes, der mit der Waffe in der Hand nebenherschreitet;
nach ihm ist nur der Landmann ein produktiver Arbeiter, und die
Tätigkeit des Soldaten ist unproduktiv." (l.c.p. 202.)
Erstens ist das falsch. Smith würde sagen, daß der soin du soldat
est productif de défense 1*), aber nicht du grain de blé 2*).
Stellte sich die Ordnung im Lande her, so würde der labourer nach
wie vor das blé produzieren, ohne gezwungen zu sein, das Leben,
weil den Unterhalt der soldiers into the bargain 3*), zu produ-
zieren. Der soldier gehört zu den faux frais de production 4*),
wie ein großer Teil der unproduktiven Arbeiter, die nichts selbst
produzieren, weder geistig noch materiell, sondern nur nützlich,
nötig sind wegen der mangelhaften sozialen Verhältnisse - social
evils 5*) ihr Dasein verdanken.
Aber Nassau könnte sagen, erfinde eine Maschine, wodurch von 20
labourers 19 überflüssig werden, so sind diese 19 auch faux frais
de production. Aber der Soldat kann wegfallen, obgleich die
m a t e r i e l l e n P r o d u k t i o n s b e d i n g u n-
g e n, die Bedingungen der Kultur als solche, dieselben bleiben.
Die 19 Arbeiter können nur wegfallen, wenn die Arbeit des
übrigbleibenden 1 labourer 20mal produktiver wird, also nur durch
eine Revolution in den gegebnen materiellen Produktionsbedin-
gungen. Übrigens bemerkt schon Buchanan:
"Wenn zum Beispiel der Soldat ein produktiver Arbeiter genannt
werden soll, weil seine Arbeit die Produktion unterstützt, könnte
der produktive Arbeiter mit demselben Recht auf militärische Eh-
ren Anspruch erheben, da es gewiß ist, daß ohne seinen Beistand
keine Armee je ins Feld rücken könnte, um Schlachten zu schlagen
oder Siege zu erringen." (D. Buchanan, "Observations on the Sub-
jects treated of in Dr. Smith's Inqiry" etc., Edinb. 1814, p.
132.)
"Der Reichtum einer Nation hängt nicht von der zahlenmäßigen Pro-
portion zwischen jenen ab, die D i e n s t l e i s t u n g e n,
und jenen, die W e r t e produzieren, sondern von derjenigen
Proportion zwischen ihnen, die die geeignetere ist, die Arbeit
jedes von beiden möglichst wirksam zu machen." (Senior, l.c.p.
204.)
Dies hat Smith nie geleugnet, da er die "notwendigen" travail-
leurs improductifs, wie Staatsbeamte, lawyers 6*), Pfaffen etc.
auf das Maß reduzieren will, worin ihre Dienste unvermeidlich.
Und dies ist jedenfalls die "Proportion", worin sie machen le
plus efficace le travail des travailleurs productifs 7*). Was
aber die andren "travailleurs improductifs" angeht, deren Arbei-
ten jeder nur f r e i w i l l i g kauft, um ihre s e r-
v i c e s zu genießen, also als einen in seinem Belieben
stehenden Konsumtionsartikel, so ist à distinguer 8*). Ist die
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1*) die Tätigkeit des Soldaten Verteidigung produziert - 2*) Korn
- 3*) Soldaten obendrein - 4*) Nebenkosten der Produktion - 5*)
sozialen Übeln - 6*) Juristen - 7*) die Arbeit der produktiven
Arbeiter möglichst wirksam - 8*) zu unterscheiden
#262# Viertes Kapitel
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Anzahl dieser von Revenue lebenden Arbeiter groß im Verhältnis zu
den "produktiven" so e n t w e d e r, weil der Reichtum Ober-
haupt klein oder einseitig ist, z.B. mittelaltrige Barone mit ih-
ren retainers 1*). Statt Manufakturwaren zu irgendwelchem großen
Belang zu verzehren, aßen sie mit den Retainers ihre Agrikultur-
produkte auf. Sobald sie statt dessen Manufaktur[waren] verzehr-
ten, mußten die retainers sich ans Arbeiten setzen. Die Zahl der
von der Revenue Lebenden war nur groß, weil ein großer Teil des
jährlichen Produkts nicht r e p r o d u k t i v konsumiert
wurde. Bei alledem war die Gesamtbevölkerung klein. O d e r die
Zahl der von der Revenue Lebenden groß, weil die Produktivität
der travailleurs productifs groß ist, also ihr surplus produce
which the retainers feed upon 2*). In diesem Falle die Arbeit der
travailleurs productifs nicht produktiv, weil so viele retainers,
sondern umgekehrt so viele retainers, weil die Arbeit der erstren
so produktiv.
Zwei Länder nun genommen von gleicher Bevölkrung und gleicher
Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, wäre es immer rich-
tig, zu sagen mit A. Smith, daß der Reichtum der beiden Länder zu
messen nach dem Verhältnis zwischen produktiven und unproduktiven
Arbeitern. Denn das heißt nichts, als daß in dem Lande, wo die
verhältnismäßig größere Zahl von produktiven Arbeitern, ein ver-
hältnismäßig größres Quantum der jährlichen Revenue reproduktiv
konsumiert, also eine größere Masse von values 3*) jährlich pro-
duziert wird. Also umschreibt Herr Senior nur den Satz ¦¦412¦
Adams, statt ihm a novelty 4*) gegenüberzustellen. Ferner macht
er hier selbst den Unterschied zwischen den producteurs von ser-
vices 5*) und den producteurs von valeurs 6*), und so geht es ihm
wie den meisten dieser Polemiker gegen die Smithsche Unterschei-
dung, daß sie dieselbe annehmen und selbst brauchen, während sie
sie verwerfen.
Charakteristisch, daß alle économistes "improductifs" 7*), die
nichts in ihrem eignen Fach leisten, gegen die Unterscheidung des
travail productif et travail improductif. Aber dem Bourgeois ge-
genüber drückt es einerseits den Servilismus aus, alle Funktionen
als im Dienst der Produktion des Reichtums für ihn darzustellen;
dann andrerseits, daß die bürgerliche Welt die beste aller
Welten, alles in ihr nützlich ist, und der Bourgeois selbst so
gebildet ist, dies einzusehn.
Den Arbeitern gegenüber, daß die große Masse [Produkte], die die
Unproduktiven essen, ganz in der Ordnung, da sie ebensoviel zur
Produktion des Reichtums beitragen wie die Arbeiter, wenn auch in
their own way 8*).
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1*) Dienstleuten - 2*) Mehrprodukt, das die Dienstleute aufessen
-3*) Werten - 4*) etwas Neues - 5*) Produzenten von Dienstlei-
stungen - 6*) Produzenten von Werten - 7*) "unproduktiven" Ökono-
misten - 8*) auf ihre eigene Weise
#263# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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Endlich aber berstet Nassau aus und zeigt, daß er kein Wort von
der wesentlichen Unterscheidung Smiths verstanden hat. Er sagt:
"Es scheint in Wirklichkeit, daß Smith in diesem Fall seine Auf-
merksamkeit völlig auf die Verhältnisse der G r o ß g r u n d-
b e s i t z e r richtete, die einzigen, auf die seine Bemer-
kungen über die unproduktiven Klassen überhaupt angewendet werden
können. Anders kann ich mir seine Voraussetzung nicht erklären,
d a ß d a s K a p i t a l n u r z u m U n t e r h a l t
p r o d u k t i v e r A r b e i t e r a n g e w a n d t w e r-
d e, w ä h r e n d d i e u n p r o d u k t i v e n v o n
d e r R e v e n u e l e b e n. Der größte Teil derjenigen, die
er im wahrsten Sinne des Wortes unproduktiv nennt - die Lehrer,
diejenigen, die den Staat regieren - werden a u f K o s t e n
d e s K a p i t a l s erhalten, das heißt v o n d e n
M i t t e l n, d i e i m v o r a u s f ü r d i e R e p r o-
d u k t i o n a u s g e g e b e n w e r d e n." (l.c.p. 204,
205.)
Hier steht in fact der Verstand still. Die Entdeckung des Herrn
Nassau, daß Staat und Schulmeister auf Kosten des Kapitals leben
und nicht auf Kosten der Revenue, bedarf keiner weitern Glosse.
Will Herr Senior uns damit sagen, daß sie vom Profit des Kapitals
leben, also insofern au moyen du capital 1*), so vergißt er nur,
daß die Revenue des Kapitals nicht das Kapital selbst ist und daß
diese Revenue, das Resultat der kapitalistischen Produktion,
n'est pas dépensé d'avance pour la reproduction, dont elle est au
contraire le résultat 1*). Oder meint er, weil gewisse Steuern in
die Produktionskosten bestimmter Waren eingehn? Also in die dé-
pensees 3*) bestimmter Produktionen? So wisse er, daß dies nur
eine Form ist, um die Steuer auf die Revenue zu erheben.
Mit Bezug auf Storch bemerkt Nassau Senior, der Klugscheißer,
noch:
"Herr Storch irrt sich ohne jeden Zweifel, wenn er ausdrücklich
behauptet, daß diese R e s u l t a t e" (Gesundheit, Geschmack
etc.) "wie die anderen Dinge, die Wert haben, einen Teil der
R e v e n u e derjenigen bildeten, die sie besitzen, und daß sie
ebenso austauschbar seien" (sofern sie nämlich von ihren Produ-
zenten gekauft werden können). "Wenn dem so wäre, wenn Geschmack,
Sittlichkeit, Religion wirklich D i n g e wären, die man
k a u f e n kann, so hätte der Reichtum eine ganz andere Bedeu-
tung, als die Ökonomisten... ihm beimessen. Was wir kaufen, ist
keineswegs Gesundheit, Wissen oder Frömmigkeit. Der Arzt, der
Priester, der Lehrer... können nur die Werkzeuge produzieren, wo-
mit diese Ergebnisse schließlich mit größerer oder geringerer Ge-
wißheit und Vollkommenheit erreicht werden... Wenn in jedem be-
sonderen Falle die geeignetsten Mittel angewendet wurden, einen
Erfolg zu erzielen, hat der Produzent dieser M i t t e l ein
Recht auf eine Belohnung, selbst wenn er nicht Erfolg gehabt oder
nicht die Resultate hervorgebracht hat, die man erwartete. Der
Austausch ist vollzogen, sobald der Rat oder der Unterricht er-
teilt und der Lohn dafür empfangen worden ist." (l.c.p. 288,
289.)
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1*) auf Kosten des Kapitals - 2*) nicht im voraus für die Repro-
duktion ausgegeben wird, deren Resultat sie im Gegenteil ist -
3*) Ausgaben
#264# Viertes Kapitel
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Schließlich nimmt der große Nassau selbst wieder die Smithsche
Unterscheidung an. Er unterscheidet nämlich, statt zwischen tra-
vail productif et improductif, zwischen
"der produktiven Konsumtion und der unproduktiven Konsumtion" (p.
206).
Nun ist der Gegenstand der Konsumtion entweder Ware - davon han-
delt es sich hier nicht - oder direkt Arbeit.
Die Konsumtion wäre produktiv, die solche Arbeit anwendet, die
entweder das Arbeitsvermögen selbst reproduziert (was z.B. die
Arbeit von Schulmeister oder Arzt tun mögen) oder die den Wert
der Waren, womit sie gekauft wird, r e p r o d u z i e r t. Un-
produktiv wäre die Konsumtion solcher Arbeit, die weder das eine
noch das andre bewerkstelligt. Und nun sagt Smith, die Arbeit,
die nur produktiv (i.e. industriell) konsumiert werden kann,
nenne ich produktive Arbeit, und die, die unproduktiv konsumiert
werden kann, deren Konsumtion nicht ihrer Natur nach industrielle
Konsumtion ist, nenne ich unproduktive Arbeit. Damit hat Herr Se-
nior also seinen Witz bewiesen durch nova vocabula rerum 1*). Im
ganzen schreibt Nassau den Storch ab.
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1*) neue Bezeichnungen der Dinge
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