Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil


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       #264# Viertes Kapitel
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       [17. P.  Rossi. Ignorierung  der gesellschaftlichen Form ökonomi-
       scher Erscheinungen.  Vulgäre Auffassung  des  "Arbeit-Ersparens"
       durch unproduktive Arbeiter]
       
       ¦¦413¦ P.  Rossi. "Cours d'Écon. Polit." (année 1836-1837), édit.
       Bruxelles 1842.
       Hier ist Weisheit!
       
       "D i e   i n d i r e k t e n   M i t t e l"   (de la  production)
       "umfassen alles,  was die  Produktion fördert,  alles, was  dahin
       wirkt, ein  Hindernis zu  beseitigen, die Produktion aktiver, ra-
       scher, leichter zu machen." (Er sagt vorhin, p. 268: "Es gibt di-
       rekte und  indirekte Mittel  der Produktion.  Das heißt,  es gibt
       Mittel, die  eine Ursache   sine  qua non  2*) der zu erzielenden
       Wirkung sind,  Kräfte, welche  diese Produktion    v e r r i c h-
       t e n.   Es gibt  andere, die  zur Produktion beitragen, aber sie
       nicht   v e r r i c h t e n.   Die ersteren  können sogar    a l-
       l e i n   tätig sein, die zweiten können nur die ersteren bei der
       Produktion unterstützen.")
       "... die  ganze Regierungsarbeit  ist ein  indirektes Mittel  der
       Produktion... Derjenige, der diesen Hut fabriziert hat, muß aner-
       kennen, daß der Gendarm, der durch die Straße geht, daß der Rich-
       ter, der zu Gericht sitzt, daß der Kerkermeister, der einen Übel-
       täter aufnimmt  und gefangenhält,  daß die  Armee, die die Grenze
       gegen die  Einbrüche des  Feindes verteidigt, zur Produktion bei-
       tragen." (p. 272.)
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       2*) unerläßliche Ursache
       
       #265# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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       Welcher Genuß für den chapelier, daß tout le monde se met en mou-
       vement afin  qu'il produise et vende ce chapeau 1*)! Rossi, indem
       er diese  geôliers 2*) etc. indirekt, nicht  d i r e k t  zur ma-
       teriellen Produktion  kontribuieren läßt,  macht in fact dieselbe
       Distinktion wie Adam. (XIIe lecon 3*).)
       In der  folgenden, XIIIe  lecon geht  Rossi ex professo 4*) gegen
       Smith ins Geschirr, in der Tat ziemlich wie seine Vorgänger.
       Aus drei  Gründen, sagt er, kommt die falsche Unterscheidung zwi-
       schen travailleurs productifs und travailleurs improductifs.
       
       1. "Unter  den   K ä u f e r n   kaufen die  einen Produkte  oder
       A r b e i t,    u m    s i e    s e l b e r    d i r e k t    z u
       k o n s u m i e r e n;   andere kaufen  sie nur, um neue Produkte
       zu verkaufen,  die sie  mit den  Produkten und der Arbeit, welche
       sie erworben haben, hervorbringen." [l.c.p. 275, 276.]
       
       Für die  erstren ist die valeur en usage 5*) das Bestimmende, für
       die zweiten  die valeur en échange 6*). Indem man sich nun nur um
       die valeur  en échange  kümmert, fällt man in den Smithschen Irr-
       tum.
       
       "Die Arbeit  meines Bedienten  ist für  mich, nehmen  wir das für
       einen Augenblick  an, unproduktiv;  ist sie für ihn unproduktiv?"
       (l.c.p. 276.)
       
       Da die  ganze kapitalistische  Produktion darauf  beruht, daß die
       Arbeit direkt  gekauft wird,  um im  Prozeß der  Produktion einen
       Teil davon  ohne Kauf  sich anzueignen,  den man  aber im Produkt
       v e r k a u f t  - da dies der Existenzgrund, der Begriff des Ka-
       pitals ist  - ist die Unterscheidung zwischen der Arbeit, die Ka-
       pital produziert, und der, die es nicht produziert, nicht die Ba-
       sis, um  den kapitalistischen  Produktionsprozeß zu verstehn? Daß
       die Arbeit des Bedienten für  i h n  produktiv ist, leugnet Smith
       nicht. Jeder  Dienst ist  für seinen Verkäufer produktiv. Falsche
       Eide schwören  ist für  den produktiv, der es für bares Geld tut.
       Aktenstücke fälschen  ist für  den produktiv,  der dafür  bezahlt
       wird. Einen  morden ist  für den  produktiv, dem der Mord bezahlt
       wird. Das  Geschäft des  Sykophanten, Denunzianten, Schmarotzers,
       Parasiten, Speichelleckers  ist produktiv für ihn, wenn er solche
       "services" nicht gratis verrichtet. Also sind sie "produktive Ar-
       beiter", Produzenten nicht nur von Reichtum, sondern von Kapital.
       Auch der  Spitzbub, der  sich selbst bezahlt, ganz wie es die Ge-
       richte tun  und der  Staat, "wendet eine Kraft an, benutzt sie in
       einer bestimmten  Weise, produziert ein Resultat, das ein Bedürf-
       nis des  Menschen befriedigt" [p. 275], nämlich de l'homme voleur
       7*) und vielleicht noch obendrein seiner Frau und Kinder.
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       1*) Hutmacher,  daß die  ganze Welt sich in Bewegung setzt, damit
       er diesen  Hut produziert  und verkauft - 2*) Kerkermeister - 3*)
       Lektion -  4*) unverblümt  - 5*)  der  Gebrauchswert  -  6*)  der
       Tauschwert - 7*) des Diebes
       
       #266# Viertes Kapitel
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       Also produktiver  Arbeiter, wenn  es  bloß  darauf  ankommt,  ein
       "Resultat" zu  produzieren, das ein "Bedürfnis" befriedigt, oder,
       in den  obigen Fällen,  wenn es  nur darauf ankommt, daß er seine
       "services" verkauft, damit sie "produktiv" sind.
       
       2. "Ein  zweiter Irrtum  bestand darin, die direkte und die indi-
       rekte Produktion nicht zu unterscheiden."
       
       Darum ist der magistrat nicht produktiv bei A. Smith. Aber
       
       "wenn die  Produktion fast  unmöglich" (sans  le travail du magi-
       strat 1*))  "ist es  nicht klar,  daß diese Arbeit dazu beiträgt,
       wenn nicht  durch direkte  und materielle Mithilfe, so wenigstens
       durch eine  indirekte Tätigkeit,  die man  nicht übersehen darf?"
       (l.c.p. 276.)
       
       Diese indirekt  an der Produktion beteiligte Arbeit (und sie bil-
       det nur  einen Teil der unproduktiven Arbeit) nennen wir eben un-
       produktive Arbeit.  Oder sonst  müßte, da  der magistrat  absolut
       nicht ohne den Bauer leben kann, gesagt werden, daß der Bauer est
       un producteur  indirect de  justice 2*) etc. Fadaise! Es ist noch
       ein auf  die Teilung  der Arbeit bezüglicher Gesichtspunkt, wovon
       später.
       
       [3.] "Man  hat nicht  sorgfältig die drei grundlegenden Tatsachen
       des  Phänomens  der  Produktion  unterschieden:  die    K r a f t
       o d e r   d a s   p r o d u k t i v e   M i t t e l,  d i e  A n-
       w e n d u n g  dieser Kraft, das  R e s u l t a t." [l.c.p. 276.]
       Wir kaufen eine Uhr beim Uhrmacher; nur das  R e s u l t a t  der
       Arbeit interessiert uns. Ebenso einen Rock beim Schneider; ditto.
       Aber:
       
       "Es gibt  noch immer  Leute vom alten Schlag, die die Dinge nicht
       so anfassen. Sie lassen einen Arbeiter zu sich kommen und überge-
       ben ihm  die Anfertigung  dieses oder jenes Kleidungsstücks, wozu
       sie ihm  den Stoff und alles zu dieser Arbeit Notwendige liefern.
       Was kaufen  diese? Sie kaufen eine Kraft" {aber doch auch une ap-
       plication de  cette force 3*)}, "ein Mittel, das irgendwelche Re-
       sultate auf ihre Gefahr und ihr Risiko liefern wird... Das Objekt
       des Vertrags ist der Kauf einer Kraft." [l.c.p. 276.]
       
       (Der Spaß  ist nur, daß diese "gens de la vieille roche" 4*) eine
       Produktionsweise anwenden,  die mit  der kapitalistischen  nichts
       gemein hat  und in  der alle  Entwicklung der Produktivkräfte der
       Arbeit, wie  sie die  kapitalistische Produktion mit sich bringt,
       unmöglich. Charakteristisch,  daß solch  spezifischer Unterschied
       für Rossi e tutti quanti 5*) unwesentlich.)
       
       "Bei einem  Bedienten  kaufe  ich  eine  Kraft,  zu  hunderterlei
       Dienstleistungen brauchbar,  deren Resultate  vom Gebrauch abhän-
       gen, den ich davon mache." (p. 276.)
       
       Dies alles hat nichts mit der Sache zu tun.
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       1*) ohne  die Arbeit der Obrigkeit - 2*) ein indirekter Produzent
       von Rechtspflege  ist -  3*) eine  Anwendung dieser  Kraft -  4*)
       "Leute vom alten Schlag" - 5*) und die ganze Gesellschaft
       
       #267# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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       ¦¦414¦ "Man  kauft oder  mietet... eine bestimmte Anwendung einer
       Kraft... Ich  kaufe nicht ein Produkt, ich kaufe nicht das Resul-
       tat, das  ich im  Auge habe. Das Plaidoyer des Advokaten mag mich
       den Prozeß gewinnen machen oder nicht. Auf jeden Fall besteht das
       Geschäft zwischen  mir und  meinem Advokaten  darin, daß  er  für
       einen bestimmten Wert an dem und dem Tag an den und den Ort gehen
       wird, um  dort für mich zu sprechen und in meinem Interesse seine
       geistigen Kräfte anzuwenden." (p. 276.)
       
       {Hierher noch  eine  Bemerkung.  In  lecon  XIIe,  p.  273,  sagt
       R[ossi]:
       
       "Ich bin weit davon entfernt, bloß in jenen Leuten Produzenten zu
       sehen, die  ihr Leben  damit verbringen, Kattun oder Schuhe anzu-
       fertigen. Ich  ehre die Arbeit, weiche es auch sei... Aber dieser
       Respekt   soll    nicht   das    ausschließliche   Privileg   des
       H a n d a r b e i t e r s  sein."
       
       Das tut  A. Smith nicht. Wer ein Buch, ein Gemälde, eine Komposi-
       tion, eine  Statue macht,  ist bei ihm un "travailleur productif"
       im zweiten  Sinn, obgleich  der Improvisator, Deklamator, Virtuos
       etc. es nicht ist. Und die services, soweit sie in die Produktion
       direkt eingehn,  faßt A. Smith als materialisiert im Produkt, die
       Arbeit der manual labourers 1*) sowohl wie die des managers, com-
       mis, ingenieur  und selbst des savant 2*), soweit er Erfinder, in
       door or  out of  door labourer  3*) des Ateliers. Er setzt in der
       Teilung der  Arbeit auseinander,  wie diese  Operationen sich  an
       verschiedne Personen verteilen, und es ist ihre Kooperativarbeit,
       deren Resultat  das Produkt, die Ware ist, nicht die Arbeit eines
       einzelnen unter  ihnen. Aber die Angst der "geistigen" Arbeiter à
       la Rossi,  die große  share 4*), die sie aus der materiellen Pro-
       duktion beziehn, zu rechtfertigen.}
       Rossi fährt nach dieser Auseinandersetzung fort:
       
       "Auf diese  Weise wendet  man bei den Tauschhandlungen seine Auf-
       merksamkeit auf  die eine  oder die andere der drei grundlegenden
       Tatsachen der  Produktion.   A b e r   können   d i e s e  v e r-
       s c h i e d e n e n   F o r m e n    d e s    A u s t a u s c h s
       bestimmten   P r o d u k t e n   den Charakter  des    R e i c h-
       t u m s   und den  A n s t r e n g u n g e n  e i n e r  K l a s-
       s e  v o n  P r o d u z e n t e n  d i e  Q u a l i t ä t  p r o-
       d u k t i v e r   A r b e i t   nehmen? Offenbar besteht zwischen
       diesen  Ideen  kein  solcher  Zusammenhang,  der  eine  derartige
       Schlußfolgerung rechtfertigen  würde. Deswegen,  weil ich,  statt
       das  Resultat   zu  kaufen,   die  Kraft  kaufe,  die  zu  seiner
       Hervorbringung nötig  ist,   s o l l   d i e  B e t ä t i g u n g
       d i e s e r   K r a f t   n i c h t   p r o d u k t i v   und das
       P r o d u k t   n i c h t  R e i c  h t u m  s e i n?  Nehmen wir
       zum Beispiel  wieder den  Schneider. Ob  man von  einem Schneider
       fertige Kleidung  kauft  oder  sie  von  einem  Schneiderarbeiter
       anfertigen läßt,  dem  man  Material  und  Arbeitslohn  gibt,  im
       Resultat kommt  beides immer auf das gleiche hinaus. Niemand wird
       sagen, das  erste sei   p r o d u k t i v e  A r b e i t  und das
       zweite  u n p r o d u k t i v e  A r b e i t;
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       1*) Handarbeiter  - 2*)  Gelehrten -  3*) Arbeiter innerhalb oder
       außerhalb - 4*) Anteil
       
       #268# Viertes Kapitel
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       nur ist  im zweiten  Fall derjenige,  d e r  e i n e n  A n z u g
       h a b e n   w i l l,   sein  e i g e n e r  U n t e r n e h m e r
       gewesen. Welcher Unterschied besteht denn zwischen dem Schneider-
       arbeiter, den Sie ins Haus kommen lassen, und Ihrem Bedienten un-
       ter dem  Gesichtswinkel der  Produktivkräfte? Keiner!"    (l.c.p.
       277.)
       
       Hier ist die Quintessenz der ganzen Aberweisheit und wichtigtuen-
       den Seichbeutelei!  Soweit A.  Smith in seiner zweiten, flacheren
       Auffassung produktive  und unproduktive  Arbeit unterscheidet, je
       nachdem sie sich direkt in einer für den Käufer verkaufbaren Ware
       realisieren oder  nicht, nennt er den tailleur 1*) in beiden Fäl-
       len produktiv. Aber er ist ein "unproduktiver Arbeiter" nach sei-
       ner tieferen  Auffassung. Rossi zeigt nur, daß er "évidement" 2*)
       den A. S[mith] nicht versteht.
       Daß die  "formes de  l'échange" 3*)  dem R[ossi] gleichgültig er-
       scheinen, ist  grade, als  ob der Physiolog sagte, die bestimmten
       Lebensformen seien  gleichgültig, sie  seien alle  nur Formen von
       organischer Materie.  Grade auf  diese Formen allein kommt es an,
       wenn es  sich darum handelt, den spezifischen Charakter einer ge-
       sellschaftlichen Produktionsweise aufzufassen. Rock ist Rock. Laß
       aber in  der ersten Form der échanges ihn machen, so habt ihr die
       kapitalistische Produktion  und die  moderne bürgerliche  Gesell-
       schaft; die  zweite, so  habt ihr  eine Form  der Handarbeit, die
       sich mit  asiatischen Verhältnissen selbst verträgt oder mit mit-
       telaltrigen etc.  Und diese  F o r m e n  sind bestimmend für den
       stofflichen Reichtum selbst.
       Rock ist  Rock, das  ist R[ossis]  Weisheit. Aber im ersten Falle
       produziert der ouvrier tailleur 4*) nicht nur einen Rock, er pro-
       duziert Kapital;  also auch  Profit; er  produziert seinen maître
       5*) als Kapitalist und sich selbst als Lohnarbeiter. Wenn ich mir
       einen Rock  von einem  ouvrier tailleur im Haus machen lasse, zum
       Tragen, so  werde ich dadurch sowenig mon propre entrepreneur 6*)
       (im kategorischen Sinn), wie der entrepreneur tailleur 7*) entre-
       preneur ist, soweit ¦¦415¦ er einen von seinen ouvriers gemachten
       Rock selbst  trägt und konsumiert. Im einen Fall stehn der Käufer
       der Schneiderarbeit  und der  ouvrier tailleur einander gegenüber
       als bloße  Käufer und  Verkäufer. Der  eine zahlt Geld, der andre
       liefert die  Ware, in  deren Gebrauchswert mein Geld sich verwan-
       delt. Es  ist hier durchaus kein Unterschied, als ob ich den Rock
       im Laden  kaufe. Verkäufer und Käufer stehn sich hier einfach als
       solche gegenüber. Im andren Fall dagegen stehn sie sich als Kapi-
       tal und  Lohnarbeit gegenüber.  Was den domestique 8*) angeht, so
       hat er  mit dem  ouvrier tailleur  Nr. II, den ich selbst des Ge-
       brauchswerts seiner Arbeit
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       1*) Schneider  - 2*)  "offenbar" - 3*) "Formen des Austausches" -
       4*) Schneiderarbeiter  - 5*) Herrn (Unternehmer) - 6*) mein eige-
       ner Unternehmer - 7*) Schneidereiunternehmer - 8*) Bedienten
       
       #269# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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       wegen kaufe,  dieselbe Formbestimmtheit gemein. Beide sind einfa-
       che Käufer  und Verkäufer.  Nur tritt hier durch die Art, wie der
       Gebrauchswert genossen  wird, noch ein patriarchalisches Verhält-
       nis, ein  Verhältnis des  Herrschens und  Dienens herein, was das
       Verhältnis seinem  Inhalt, wenn nicht der ökonomischen Form, nach
       modifiziert und ekelhaft macht.
       Übrigens wiederholt Rossi nur in andern Redensarten den Garnier:
       
       "Wenn Smith sagte, von der Arbeit des Bedienten bleibe nichts zu-
       rück, hat er sich in einem Maße geirrt, wie sich - offen gesagt -
       ein A.  Smith nicht irren dürfte. Ein Fabrikant leite selbst eine
       große Fabrik,  deren Überwachung  eine große  Aktivität und  viel
       Arbeit  erfordert...   Derselbe  Mann,  der  keine  unproduktiven
       Arbeiter um sich leiden mag, habe keine Dienerschaft. Er ist also
       gezwungen, sich   s e l b s t   z u  b e d i e n e n...  was wird
       aus seiner  produktiven Arbeit  während der  Zeit, die  er dieser
       angeblich unproduktiven Arbeit widmen muß? Ist es nicht klar, daß
       Ihre Dienstleute eine Arbeit verrichten, die es Ihnen ermöglicht,
       sich einer  Ihren Fähigkeiten  besser entsprechenden Tätigkeit zu
       widmen? Wie  kann man  also sagen,  daß von  ihren Diensten keine
       Spuren zurückbleiben?  Es bleibt  alles das,  was Sie tun und was
       Sie nicht tun könnten, wenn sie Sie in der Bedienung Ihrer Person
       und Ihres Hauses nicht ersetzt hätten." (l.c.p. 277.)
       
       Dies wieder das  A r b e i t - E r s p a r e n  von Garnier, Lau-
       derdale und  Ganilh. Danach  wären die  travails improductifs nur
       produktiv, soweit  sie Arbeit  ersparen und  mehr Zeit  zu seiner
       eignen Arbeit  lassen, sei  es dem capitaliste industriel, sei es
       dem produktiven  1*) Arbeiter, der eine wertvollere Arbeit, durch
       diesen remplacement 2*) in der minder wertvollen verrichten kann.
       Ein großer  Teil der  travailleurs improductifs, die damit ausge-
       schlossen, sind  menial servants 3*), soweit sie bloße Luxusarti-
       kel, und  alle travailleurs improductifs, die bloßen Genuß produ-
       zieren und  deren  Arbeit  ich  nur  genießen  kann,  sofern  ich
       g r a d e   s o v i e l   Z e i t   v e r w e n d e,   u m  s i e
       z u   g e n i e ß e n, als ihr  V e r k ä u f e r  b r a u c h t,
       u m   s i e   z u   p r o d u z i e r e n,  um sie zu leisten. In
       beiden Fällen  kann von  "Ersparung" von  Arbeit nicht  die  Rede
       sein. Endlich wären selbst die wirklich Arbeit ersparenden servi-
       ces individuels  4*) nur produktiv, soweit ihr Konsument ein Pro-
       duzent ist.  Ist er  ein capitaliste oisif 5*), so sparen sie ihm
       nur die  Arbeit, überhaupt  etwas zu  tun: Daß ein Saumensch sich
       frisieren oder  die Nägel schneiden läßt, statt es selbst zu tun,
       oder ein  foxhunter 6*),  statt sein  eigner Stallknecht zu sein,
       einen Stallknecht  verwendet,  oder  ein  bloßer  Fresser,  statt
       selbst zu kochen, sich einen Koch hält.
       Unter diese  travailleurs gehörten  dann  auch  die  nach  Storch
       (l.c.), die  das "loisir"  7*) produzieren,  wodurch einer  freie
       Zeit erhält für Genuß, geistige
       ----
       1*) In  der Handschrift: improduktiven - 2*) Ersatz - 3*) Dienst-
       boten -  4*) persönlichen  Dienste - 5*) müßiger Kapitalist - 6*)
       Landjunker - 7*) die "Muße"
       
       #270# Viertes Kapitel
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       Arbeit etc.  Der Polizist  erspart mir die Zeit, mein eigner Gen-
       darm zu  sein, der Soldat, mich selbst zu verteidigen, der Regie-
       rungsmensch, mich  selbst zu  regieren, der  Stiefelwichser,  mir
       selbst die  Stiefel zu  wichsen, der  Pfaffe, die Zeit zu denken,
       etc.
       Was richtig  an dieser  Sache ist,  ist -   T e i l u n g   d e r
       A r b e i t.   Außer seiner produktiven Arbeit oder der Exploita-
       tion der  produktiven Arbeit hätte jeder eine Masse Funktionen zu
       verrichten, die nicht produktiv wären und zum Teil in die Konsum-
       tionskosten eingehn.  (Die eigentlichen produktiven Arbeiter müs-
       sen diese  Konsumtionskosten selbst tragen und selbst ihre unpro-
       duktive Arbeit  verrichten.) Sind  diese "services"  angenehm, so
       verrichtet sie zuweilen der Herr für den Knecht, wie das ius pri-
       mae noctis  1*) beweist, die Mühe des Regierens etc. beweist, der
       sich die Herrn von je unterziehn. Dadurch ist aber keineswegs der
       Unterschied zwischen  produktiver und unproduktiver Arbeit aufge-
       hoben, sondern dieser Unterschied erscheint selbst als ein Resul-
       tat der   T e i l u n g   d e r  A r b e i t  und befördert inso-
       fern die  allgemeine Produktivität  der Arbeiter dadurch, daß sie
       die  unproduktive  Arbeit  zur    a u s s c h l i e ß l i c h e n
       Funktion eines  Teils der  Arbeiter und  die produktive  zur aus-
       schließlichen Funktion eines andern macht.
       Aber selbst  der travail  einer Masse  menial servants,  bloß zur
       Schaustellung, Befriedigung der Eitelkeit "n'est pas improductif"
       2*). Warum? Weil sie  e t w a s  produziert, Befriedigung der Ei-
       telkeit, Ostentation,  Schaustellung von  Reichtum (l.c.p.  277).
       Hier kommen  wir wieder auf den Blödsinn, daß jede Art von servi-
       ces etwas produziert, die Kurtisane Wollust, der Mörder Totschlag
       etc. Übrigens  hat Smith gesagt, daß jede Art dieser Scheiße ihre
       v a l e u r   hat. Es fehlte ¦¦416¦ noch, daß diese services gra-
       tis geleistet  werden. Darum  handelt es sich nicht. Aber selbst,
       wenn  sie  gratis  geleistet  werden,  werden  sie  den  Reichtum
       (materiellen) nicht um einen Deut vermehren.
       Nun die belletristische Seiche:
       
       "Man betont, daß der Sänger, wenn er aufgehört hat zu singen, uns
       nichts hinterläßt. - Er hinterläßt uns eine Erinnerung!"
       
       (Sehr scheen!)
       
       "Wenn Sie  Champagner getrunken  haben, was bleibt dann übrig?...
       Die ökonomischen  Resultate können  verschieden sein, je nachdem,
       ob die Konsumtion dem Produktionsakt sofort folgt oder nicht; sie
       mag sich  rascher oder langsamer vollziehen aber die Tatsache der
       Konsumtion kann,  weicher Art sie auch sei, dem Produkt nicht den
       Charakter des  Reichtums nehmen.  Es gibt  immaterielle Produkte,
       die von längerer
       -----
       1*) Recht der ersten Nacht - 2*) "ist nicht unproduktiv"
       
       #271# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
       -----
       Dauer sind  als manche  materielle Produkte.  Ein Palast  besteht
       lange Zeit, aber die  I l i a d e  ist eine Quelle noch dauerhaf-
       teren Genusses." (p. 277, 278.)
       
       Welches Blech!
       Im Sinne,  wie er  hier richesse  1*) nimmt,  als  Gebrauchswert,
       macht 2*)  sogar die   c o n s o m m a t i o n,    sie  mag  sich
       langsam oder  rasch vollziehn  (ihre Dauer hängt von ihrer eignen
       Natur und  der des  Gegenstandes ab) - macht nur die consommation
       das produit  erst zu richesse. Der Gebrauchswert hat nur Wert für
       den Gebrauch, und sein Dasein für den Gebrauch ist nur ein Dasein
       als Gegenstand der consommation, sein Dasein in der consommation.
       Sowenig wie das Champagnertrinken eine produktive Konsumtion ist,
       obgleich es "Katzenjammer" produzieren mag, sowenig das Hören von
       Musik, obgleich  es "un  souvenir" 3*)  hinterläßt. Ist die Musik
       gut und  versteht der Hörer Musik, so ist die Musikkonsumtion hö-
       her als die Champagnerkonsumtion 4*), obgleich die Produktion des
       letztren eine "produktive Arbeit" ist und die der erstern nicht.
       Nehmen wir den ganzen Kohl gegen die Smithsche Unterscheidung von
       produktiver und  unproduktiver Arbeit zusammen, so hatte Garnier,
       und etwa  noch Lauderdale  und Ganilh (aber dieser nichts Neues),
       [die Polemik]  erschöpft. Die  Spätren (den verunglückten Versuch
       Storchs abgerechnet)  bloß belletristische Ausführung, gebildetes
       Geschwätz. Garnier der économiste des Direktoriums und des Konsu-
       lats, Ferrier  und Ganilh  die Ökonomisten des empire 5*). Ander-
       seits Lauderdale,  der Herr  Graf, dem  es viel mehr darum zu tun
       war,   d i e   K o n s u m e n t e n   a l s   d i e   P r o d u-
       z e n t e n  d e r  "u n p r o d u k t i v e n  A r b e i t"  z u
       a p o l o g i s i e r e n.   D i e    V e r h e r r l i c h u n g
       des Bediententums  und Lakaientums, tax gatherers 6*), Parasiten,
       läuft  durch   alle  die   Hunde  durch.  Dagegen  erscheint  der
       grobzynische  Charakter   der  klassischen  Ökonomie  als  Kritik
       bestehender Zustände.
       -----
       1*) Reichtum  - 2*)  in der Handschrift: gibt - 3*) "eine Erinne-
       rung" -  4*) in  der Handschrift: Champagnerproduktion - 5*) Kai-
       serreich - 6*) Steuereintreiber

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