Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil


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       [SIEBENTES KAPITEL]
       Linguet
       
       [Polemik gegen  die bürgerlich-liberale  Ansicht von der Freiheit
       des Arbeiters]
       
       ¦¦438¦ Linguet, "Theorie les loix civiles etc.", Londres 1767.
       Es entspricht  dem Plan meiner Schrift, sozialistische und kommu-
       nistische Schriftsteller  im ganzen  von den historischen Reviews
       auszuschließen. Letztre  sollen nur  zeigen, in  welcher Form die
       1*) Ökonomen  teils sich selbst kritisieren, teils die historisch
       entscheidenden Formen, worin die Gesetze der politischen Ökonomie
       zuerst ausgesprochen  und weiterentwickelt  wurden. Ich  schließe
       daher bei der Betrachtung des Mehrwerts solche Schriftsteller des
       18. Jahrhunderts  wie Brissot,  Godwin usw. aus, ganz wie die So-
       zialisten und Kommunisten des 19ten Jahrhunderts. Die paar sozia-
       listischen Schriftsteller,  auf die  ich in  dieser Rundschau  zu
       sprechen kommen  werde [104] stellen sich entweder selbst auf den
       Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie oder bekämpfen sie von ihrem
       eignen Standpunkt aus.
       Linguet jedoch  ist kein Sozialist. <Er war vielmehr Reaktionär.>
       Seine Polemik  gegen die  bürgerlich-liberalen Ideale seiner auf-
       klärerischen Zeitgenossen,  gegen die  beginnende Herrschaft  der
       Bourgeoisie hüllt  sich halb ernsthaft, halb ironisch in reaktio-
       nären Schein. Er verteidigt den asiatischen Despotismus gegen die
       zivilisierten europäischen Formen desselben; so die Sklaverei ge-
       gen die Lohnarbeit.
       Vol. I.  Der einzige  Satz gegen  Montesquieu: l'esprit des lois,
       c'est la propriete 2*), zeigt die Tiefe seiner Anschauung. [105]
       Die einzigen Ökonomen, die Linguet sich gegenüber fand, waren die
       Physiokraten.
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       1*) In  der Handschrift:  diese -  2*) der Geist der Gesetze, das
       ist das Eigentum
       
       #321# Linguet
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       Die Reichen  haben sich  aller Produktionsbedingungen bemächtigt:
       E n t f r e m d u n g   d e r    P r o d u k t i o n s b e d i n-
       g u n g e n,   die in  ihrer einfachsten  Form die  Naturelemente
       selbst sind.
       
       "In unseren  zivilisierten Ländern sind alle Elemente [der Natur]
       Sklaven." (p. 188.)
       
       Um sich  einen Teil  dieser von  den Reichen angeeigneten Schätze
       anzueignen, muß  man sie  durch strenge  Arbeit kaufen,  die  den
       Reichtum dieser Reichen vermehrt.
       
       "Auf diese Weise hat die ganze gefangengenommene Natur aufgehört,
       ihren Kindern  mühelos  zugängliche  Hilfsquellen  zur  Erhaltung
       ihres Lebens  zu bieten.  Man muß ihre Wohltaten mit beharrlichen
       Anstrengungen und  ihre Geschenke  mit hartnäckiger Arbeit bezah-
       len. [l.c.p. 188.]
       
       (Hier klingt - in den dons de la nature 1*) - die physiokratische
       Ansicht durch.)
       
       "Der Reiche,   d e r   s i c h   i h r e n   a u s s c h l i e ß-
       l i c h e n   B e s i t z  a n g e m a ß t  h a t,  gestattet nur
       um diesen  Preis, daß  ein  kleines  Teilchen  davon  wieder  der
       Gesamtheit zufließe.   U m   z u r   T e i l n a h m e  a n  i h-
       r e n   S c h ä t z e n   z u g e l a s s e n   z u  w e r d e n,
       m u ß   m a n   f ü r   i h r e   V e r m e h r u n g  a r b e i-
       t e n."   (p. 189.) "Man muß also auf diese Chimären von Freiheit
       verzichten." (p.  190.) Die  Gesetze sind  da, um  "eine  frühere
       Usurpation"  (des  Privateigentums)  "zu  heiligen,  um  neue  zu
       verhindern" (p.  192). "Sie  sind gewissermaßen eine Verschwörung
       gegen den  zahlreichsten Teil  des  Menschengeschlechts.  (l.c.p.
       195) (nämlich  der Nichtbesitzenden).  "Die Gesellschaft  hat die
       Gesetze gemacht  und nicht  die Gesetze  die  Gesellschaft."  (p.
       230.) "Das Eigentum ist früher da als die Gesetze. (p. 236.)
       
       Die société  selbst -  daß der  Mensch in société lebt, statt als
       unabhängiges, selbständiges  Individuum - ist die Wurzel der pro-
       priété, der auf ihr basierten Gesetze und der notwendigen Sklave-
       rei.
       Auf der  einen Seite  lebten friedlich  und isoliert cultivateurs
       2*) und pasteurs 3*). Auf der andren Seite
       
       "Jäger, gewöhnt, von Blut zu leben, sich zu Banden zu vereinigen,
       um die Tiere, von denen sie sich nährten, leichter überlisten und
       niederschlagen zu  können, und die Teilung der Beute zu vereinba-
       ren." (p.  279.) "Bei  den Jägern  mußte sich das erste Anzeichen
       der Gesellschaft  zeigen." (p.  278.)   "D i e   w a h r e   G e-
       s e l l s c h a f t   b i l d e t e   s i c h  a u f  K o s t e n
       d e r   H i r t e n   u n d   A c k e r b a u e r   u n d    b e-
       r u h t e   a u f  i h r e r  U n t e r j o c h u n g"  durch die
       Bande der  chasseurs réunis  4*). (p.  289.) Alle  Pflichten  der
       Gesellschaft lösen  sich auf  in commander  und obéir 5*). "Diese
       Degradierung eines  Teils des  Menschengeschlechts hat zuerst die
       Gesellschaft veranlaßt  und dann  die  Gesetze  geschaffen."  (p.
       294.)
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       1*) Geschenken  der Natur  - 2*)  Ackerbauern -  3*) Hirten - 4*)
       vereinigten Jäger  - 5*) Befehlen und Gehorchen
       
       #322# Siebentes Kapitel
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       Entblößt von  den Produktionsbedingungen,  zwingt die Not die Ar-
       beiter, um  zu leben,  an der Vermehrung des fremden Reichtums zu
       arbeiten.
       
       "Es ist  die Unmöglichkeit, auf andere Weise zu leben, die unsere
       Tagelöhner zwingt,  die Erde  umzugraben, deren Früchte sie nicht
       genießen werden,  und unsere  Maurer, Gebäude  zu  errichten,  in
       denen sie  nicht wohnen  werden. Das  Elend schleppt  sie auf den
       Mark, wo  sie auf  die Herren warten, die so gnädig sein möchten,
       sie zu  kaufen.   E s  z w i n g t  s i e,  s i c h  v o r  d e m
       R e i c h e n   a u f   d i e   K n i e   z u  w e r f e n,  d a-
       m i t   e r   i h n e n    e r l a u b e,    i h n    z u    b e-
       r e i c h e r n."  (p. 274.)
       "Die Gewalt  war also die erste Veranlassung der Gesellschaft und
       die Macht  ihr erstes  Bindeglied." (p.  302.) "Ihre  (des hommes
       1*)) "erste Sorge war ohne Zweifel die, sich Nahrung zu verschaf-
       fen..., die  zweite mußte  sein, zu  trachten,   s i e    s i c h
       o h n e  A r b e i t  z u  v e r s c h a f f e n." (p. 307, 308.)
       "Dazu konnten  sie nur  dadurch gelangen,  daß   s i e    s i c h
       d i e   F r u c h t   f r e m d e r   A r b e i t  a n e i g n e-
       t e n."   (p. 308.)  "Die ersten Eroberer wurden nur Despoten, um
       straflos faul  sein zu  können, und Könige, um die nötigen Mittel
       zum Leben  zu haben, was die Idee der Herrschaft ... sehr verengt
       und vereinfacht." (p. 309.) Die Gesellschaft wurde aus der Gewalt
       geboren und  das Eigentum  aus der Usurpation." (p. 347.) "Sobald
       es Herren  und Sklaven  gab, war  die Gesellschaft gebildet." (p.
       343.)  "Von  Anfang  an  waren  die  beiden  ¦¦439¦  Pfeiler  der
       Gemeinschaft die  Sklaverei des  größten  Teils  der  Männer  ei-
       nerseits und die aller Frauen andrerseits ... Auf Kosten von drei
       Vierteln ihrer  Mitglieder sicherte  die Gesellschaft  das Glück,
       den Reichtum,  die Muße  der kleinen Zahl der Eigentümer, die sie
       allein im Blickfeld hatte. (p. 365.)
       Vol. II: Es handelt sich also nicht darum, zu untersuchen, ob die
       Sklaverei an und für sich gegen die Natur ist, sondern ob sie ge-
       gen die  Natur der  Gesellschaft ist..., sie ist von ihr nicht zu
       trennen. (p.  256.) "Die  Gesellschaft  und  die  Knechtung  sind
       gleichzeitig entstanden.  (p. 257.) Die dauernde Sklaverei... das
       unzerstörbare Fundament der Gesellschaften. (p. 347.)
       "Nur dann gibt es Menschen, die darauf angewiesen sind, ihren Le-
       bensunterhalt aus der Freigebigkeit eines anderen Menschen zu be-
       ziehen,   w e n n  d i e s e r  d u r c h  d a s  i h n e n  a b-
       g e n o m m e n e   G u t   r e i c h  g e n u g  g e w o r d e n
       i s t,   ihnen einen  kleinen Teil    z u r ü c k g e b e n    zu
       können. Seine  angebliche Großmut  kann nichts  anderes sein  als
       eine   R ü c k e r s t a t t u n g   e i n e s    g e w i s s e n
       T e i l s   i h r e r   A r b e i t s e r g e b n i s s e,  d i e
       e r   s i c h   a n g e e i g n e t   h a t."   (p. 242.) "Ist es
       nicht diese  Pflicht, zu  säen, ohne  für sich  zu  ernten,  sein
       Wohlbefinden dem  eines  anderen  zu  opfern,  ohne  Hoffnung  zu
       arbeiten -  worin   d i e   K n e c h t s c h a f t  besteht) Und
       beginnt deren  eigentliche Epoche  nicht in dem Augenblick, da es
       Menschen gab,  die man  mit Stockschlägen - für einige Maß Hafer,
       die sie  nach der  Rückkehr in  den Stall  erhielten - zur Arbeit
       zwingen konnte?  Nur  in  einer  voll  entwickelten  Gesellschaft
       e r s c h e i n e n   dem hungrigen  Armen die  Lebensmittel  als
       genügendes   Ä q u i v a l e n t   für seine  Freiheit;  aber  in
       einer Gesellschaft,  die am Beginn ihrer Entwicklung steht, würde
       freien Menschen  dieser ungleiche  Tausch grauenhaft  erscheinen.
       Nur  K r i e g s g e f a n g e n e n
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       1*) der Menschen
       
       #323# Linguet
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       kann man  dies vorschlagen.  Erst nachdem man ihnen den Genuß all
       ihres Vermögens  genommen hat,  kann man ihnen das Notwendige al-
       lein geben." (p. 244, 245.)
       "D a s   W e s e n    d e r    G e s e l l s c h a f t...    b e-
       s t e h t   d a r i n,   d e n  R e i c h e n  v o n  d e r  A r-
       b e i t   z u   b e f r e i e n;  das gibt ihm neue Organe, nicht
       ermüdende Glieder,  die alle mühseligen Arbeiten auf sich nehmen,
       d e r e n   F r u c h t   e r  s i c h  a n e i g n e t.  Das ist
       der Plan,  der ihm  erlaubt, ungestört Sklaverei zu betreiben. Er
       kauft die  Menschen, die  ihm dienen  sollen." (p. 461.) "Als man
       die Sklaverei abschaffte, behauptete man, weder den Reichtum noch
       seine Vorteile  abzuschaffen... Es  war daher  notwendig, daß die
       Dinge, bis  auf den  Namen, in  demselben Zustand blieben. Es war
       immer notwendig,  daß der  größere  Teil  der  Menschen  von  der
       Bezahlung und  in der  Abhängigkeit des  kleineren  Teils  lebte,
       d e r   s i c h   a l l e  G ü t e r  a n g e e i g n e t  h a t-
       t e.   Die Sklaverei  ist also  auf Erden  verewigt worden,  aber
       unter einem  sanfteren Namen.  Sie ist  jetzt bei uns zulande mit
       dem Titel 'Dienerschaft' geschmückt. (p. 462.)
       
       Unter diesen  domestiques 1*),  sagt L[inguet], verstehe er nicht
       die Lakaien etc.:
       
       "Die Städte  und Dörfer  werden von  einer anderen Art Diener be-
       wohnt, viel  zahlreicher, nützlicher, arbeitsamer und bekannt un-
       ter dem  Namen    T a g e l ö h n e r,    H a n d a r b e i t e r
       usw. Sie  sind nicht  entehrt durch die glänzenden Farben des Lu-
       xus; sie  seufzen unter  ekelhaften Lumpen,  die die  L i v r e e
       der Armut  bilden.  S i e  h a b e n  n i e  t e i l   a n  d e m
       Ü b e r f l u ß,   d e s s e n  Q u e l l e  i h r e  A r b e i t
       i s t.   Der Reichtum  scheint ihnen eine Gnade zu erweisen, wenn
       er die   G e s c h e n k e   entgegennimmt,   d i e  s i e  i h m
       m a c h e n.   Sie müssen  für die   D i e n s t e  dankbar sein,
       d i e   s i e   i h m  e r w e i s e n.  Er überhäuft sie mit der
       beleidigendsten Mißachtung,  während sie  seine Knie umfangen, um
       von ihm  die   E r l a u b n i s   zu erhalten,   i h m  n ü t z-
       l i c h   z u   s e i n.  Er läßt sich bitten, dies zu gestatten,
       und   b e i    d i e s e m    e i n z i g a r t i g e n    A u s-
       t a u s c h   z w i s c h e n   t a t s ä c h l i c h e r  V e r-
       s c w e n d u n g  u n d  e i n g e b i l d e t e r  W o h l t ä-
       t i g k e i t   sind Hochmut  und Verachtung  auf der  Seite  des
       Empfangenden und Untertänigkeit, Besorgnis und Diensteifer  a u f
       d e r   S e i t e   d e s   G e b e n d e n.   Das  ist  die  Art
       Diener, die  in der  Tat die  Sklaven bei uns abgelöst haben. (p.
       463, 464.)
       "Es handelt sich darum, zu untersuchen, welches der wirkliche Ge-
       winn ist,  den ihnen  die  A b s c h a f f u n g  d e r  S k l a-
       v e r e i   gebracht hat.  Ich sage es mit ebensoviel Schmerz wie
       Freimut: Ihr  ganzer Gewinn  besteht darin, daß sie stets von der
       Furcht gepeinigt werden, Hungers zu sterben, ein Unglück, vor dem
       wenigstens ihre  Vorgänger auf der untersten Stufe der Menschheit
       bewahrt blieben."  (p. 464.)  "Er ist frei, sagt ihr! Ach! gerade
       darin besteht  sein Unglück. Niemand geht ihn etwas an; aber auch
       er geht  niemanden etwas an. Wenn man ihn braucht, mietet man ihn
       so billig  wie möglich.  Die  geringe  Entlohnung,  die  man  ihm
       verspricht, kommt  kaum   d e m   P r e i s   s e i n e s    U n-
       t e r h a l t s   f ü r  d e n  A r b e i t s t a g  g l e i c h,
       d e n   e r   i m   A u s t a u s c h   h i n g i b t.  Man setzt
       A u f s e h e r"     (overlookers)  "über  ihn,    d i e    i h n
       z w i n g e n,   s e i n e   A r b e i t   r a s c h   a u s z u-
       f ü h r e n;  man treibt ihn an; man stachelt ihn an, aus Furcht,
       eine geschickt verborgene und nur zu verständliche Faulheit könne
       ihn die  Hälfte seiner  Kraft verbergen  lassen: man ist besorgt,
       die Hoffnung,
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       1*) Dienern
       
       #324# Siebentes Kapitel
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       b e i  d e r  B e s c h ä f t i g u n g  m i t  d e r s e l b e n
       A r b e i t   l ä n g e r e   Z e i t   z u    v e r w e i l e n,
       könne die  Flinkheit seiner  Arme hemmen  und seine Werkzeuge ab-
       stumpfen. Die    s c h m u t z i g e    Ö k o n o m i e,    d i e
       i h n   m i t   u n r u h i g e n   A u g e n    v e r f o l g t,
       ü b e r h ä u f t   i h n  m i t  V o r w ü r f e n  b e i  d e r
       g e r i n g s t e n   R a s t,    d i e    e r    s i c h    g e-
       s t a t t e n   k ö n n t e,   und wenn  er sich einen Augenblick
       ausruht,   b e h a u p t e t   s i e,   d a ß   e r   s i e  b e-
       s t e h l e.   Ist er  fertig, dann  entläßt man ihn, wie man ihn
       genommen, mit  der kältesten Gleichgültigkeit und ohne sich darum
       zu kümmern,  ob die  zwanzig oder  dreißig Sous, die er für einen
       harten Arbeitstag  erhalten  hat,  für  ¦¦440¦  seinen  Unterhalt
       ausreichen,   w e n n  e r  a m  f o l g e n d e n  T a g  k e i-
       n e  A r b e i t  f i n d e t." (p. 466, 467.)
       "Frei ist er! Gerade deshalb bedaure ich ihn. Man schont ihn des-
       halb viel  weniger bei  den Arbeiten,  zu denen man ihn anwendet.
       Man ist  deshalb viel hemmungsloser, sein Leben zu vergeuden. Der
       Sklave war für seinen Herrn wertvoll wegen des Geldes, das er ihn
       gekostet hatte.  Aber der Handarbeiter kostet den reichen Schwel-
       ger nichts,  der ihn  beschäftigt. Unter  der Sklaverei hatte das
       Blut der  Menschen einen gewissen Preis. Sie waren mindestens die
       Summe wert,  zu der  man sie auf dem Markt feilhielt. Seitdem man
       sie nicht mehr feilhält, haben sie in Wirklichkeit keinen eigenen
       Wert mehr.  In einer Armee gilt der Schanzgräber viel weniger als
       das Zugpferd,  weil das Pferd sehr teuer und der Schanzgräber um-
       sonst zu  haben ist.  Die Abschaffung  der Sklaverei  ließ  diese
       Wertauffassung aus  dem kriegerischen  in das  gewöhnliche  Leben
       übergehen.   U n d   e s   g i b t   s e i t d e m    k e i n e n
       w o h l h a b e n d e n    B ü r g e r,    d e r    h i e r b e i
       n i c h t     g e n a u s o     r e c h n e t     w i e     d i e
       K r i e g s h e l d e n."  (p. 467.)
       "Die Tagelöhner werden geboren, wachsen heran und werden erzogen"
       (züchten sich  heran) "zum  Dienst am  Reichtum, ohne dem Reichen
       die geringsten  Kosten zu  verursachen, wie  das Wild, das er auf
       seinen Gütern  niederknallt. Es  scheint, daß er wirklich das Ge-
       heimnis besitzt, dessen sich ohne Grund der unglückliche Pompejus
       rühmte. Er  braucht bloß  mit dem  Fuße auf die Erde zu stampfen,
       und ihr entsteigen Legionen arbeitsamer Menschen, die sich um die
       Ehre streiten,  ihm dienen zu dürfen. Verschwindet einer aus die-
       ser Menge der Söldlinge, die seine Häuser bauen oder seine Gärten
       nach der Schnur bepflanzen, so ist der Platz, den er frei zurück-
       läßt, nicht  sichtbar; er  ist sofort wieder ausgefüllt, ohne daß
       sich jemand  darum kümmerte.  Man verliert  ohne  Bedauern  einen
       Tropfen aus  dem Wasser  eines großen Flusses, weil ohne Unterlaß
       neue Fluten  heranströmen. So  ist es auch mit den Handarbeitern.
       Die Leichtigkeit,  sie zu ersetzen, nährt ihnen gegenüber die Ge-
       fühllosigkeit des  R e i c h e n"
       
       (dies die Form bei Linguet; noch nicht Kapitalist) (p. 468).
       
       "Diese, sagt  man, haben keinen Herrn... ein reiner Mißbrauch des
       Worts. Was  soll das  heißen, sie  haben keinen  Herrn? Sie haben
       einen, und  es ist der furchtbarste, despotischste von allen Her-
       ren: die   N o t.   Diese  treibt sie in die grausamste Abhängig-
       keit.   S i e  h a b e n  n i c h t  e i n e m  e i n z e l n e n
       M e n s c h e n   z u   g e h o r c h e n,   s o n d e r n   a l-
       l e n  i n s g e s a m t.  Es ist nicht bloß ein einziger Tyrann,
       dessen Launen  sie schmeicheln und dessen Gunst sie suchen müssen
       - das  zöge der Abhängigkeit Grenzen und machte sie erträglicher.
       S i e   w e r d e n   d i e   D i e n e r   e i n e s  j e d e n,
       d e r   G e l d   h a t,   wodurch ihre Sklaverei eine unendliche
       Ausdehnung und  Härte erhält.  Man sagt:  Wenn sie sich bei einem
       Herrn nicht  wohl fühlen,  haben sie doch den Trost, es ihm sagen
       und sich einen anderen
       
       #325# Linguet
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       suchen zu  können; die Sklaven können weder das eine noch das an-
       dere; sie sind also unglücklicher. Welcher Sophismus! Man bedenke
       nur, daß  die Zahl  derjenigen, die  arbeiten lassen, sehr gering
       ist, die  Zahl der  Arbeiter dagegen  gewaltig." (p.  470,  471.)
       "Worauf reduziert  sich für sie jene scheinbare Freiheit, die ihr
       ihnen verliehen  habt?   S i e   l e b e n  b l o ß  v o n  d e r
       V e r m i e t u n g   i h r e r   A r m e.   S i e    m ü s s e n
       a l s o   j e m a n d   f i n d e n,   d e r  s i e  m i e t e t,
       o d e r  H u n g e r s  s t e r b e n.  H e i ß t  d a s  f r e i
       s e i n?"  (p. 472.)
       "Das Schrecklichste ist, daß die Geringfügigkeit dieser Bezahlung
       noch ein Grund ist, sie herabzusetzen. Je mehr der Tagelöhner von
       der Not  bedrückt ist,  desto billiger  muß er sich verkaufen. Je
       dringender seine Notlage ist, desto weniger einträglich ist seine
       Arbeit. Die  Augenblicksdespoten, die  er unter Tränen beschwört,
       seine Dienste  anzunehmen, erröten  nicht, ihm  gewissermaßen den
       Puls zu befühlen, um sich zu vergewissern, wieviel Kraft ihm noch
       geblieben ist:  Nach dem  Grade seiner  Schwäche bemessen sie die
       Bezahlung, die  sie ihm anbieten. Je näher er ihnen dem Untergang
       durch Entkräftung  zu sein  scheint, desto  mehr beschneiden  sie
       das, was  ihn retten  könnte. Und was die Barbaren, die sie sind,
       ihm geben, dient weniger dazu, sein Leben zu verlängern, als sei-
       nen Tod  hinauszuschieben." (p.  482, 483.)  "Die Unabhängigkeit"
       (du journalier 1*)) "...ist eine der verderblichsten Geißeln, die
       das Raffinement  der modernen Zeiten hervorgebracht hat. Sie ver-
       mehrt den  Überfluß des Reichen und den Mangel des Armen. Der er-
       spart alles,  was der andere ausgibt. Dieser ist gezwungen, nicht
       am Überflüssigen, sondern am Notwendigsten zu sparen." (p. 483.)
       "Wenn es  heute so leicht ist, riesige Armeen zu unterhalten, die
       sich mit  dem Luxus  verbinden, um die Ausrottung des Menschenge-
       schlechts zu  vollenden, so ist nur die Abschaffung der Sklaverei
       daran schuld...  Erst seitdem es keine Sklaven mehr gibt, liefern
       Ausschweifung und Bettelarmut Kriegshelden zu fünf Sous den Tag."
       (p. 484, 405.)
       Ich ziehe"  (die asiatische  Sklaverei) "hundertmal jeder anderen
       Art der  Existenz von Menschen vor, die gezwungen sind, ihr Leben
       durch Tagelöhnerarbeit zu fristen." (p. 496)
       "Ihre" (der  esclaves 2*)  und der  journaliers) "Ketten sind aus
       demselben Stoff  gemacht und  bloß anders  gefärbt. Hier sind sie
       schwarz und  erscheinen massiv;  dort haben  sie weniger  düstere
       Farben und scheinen leichter zu sein; aber man wäge sie unpartei-
       isch, und  man wird  keinen Unterschied  bemerken; beide sind von
       der Not  gefertigt. Sie  haben genau  das gleiche  Gewicht,  oder
       vielmehr, wenn  die eine  einige Lot  mehr wiegt, so ist es jene,
       die äußerlich leichter erscheint." (p. 510.)
       
       Er ruft  den französischen  Aufklärern mit Bezug auf die Arbeiter
       zu:
       
       "Seht ihr  nicht, daß die Unterjochung, die Ausrottung, um es ge-
       radeheraus zu sagen, dieses so großen Teiles der Herde den Reich-
       tum der  Hirten erzeugt)  ... Glaubt  mir, in  seinem" (du berger
       3*)) "Interesse,  in eurem  und selbst  in ihrem,  laßt sie" (die
       Schafe) "in der Überzeugung, in der sie leben, daß der Köter, der
       sie ankläfft, für sich allein mehr Kraft besitzt als sie alle zu-
       sammen. Laßt sie stumpfsinnig beim bloßen
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       1*) des Tagelöhners - 2*) Sklaven - 3*) des Hirten
       
       #326# Siebentes Kapitel
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       Anblick seines Schattens davonlaufen. Alle werden dabei gewinnen.
       Ihr werdet es um so leichter haben, sie zusammenzutreiben, um ih-
       nen die  Wolle zu  scheren. Sie  sind um  so leichter  davor  ge-
       schützt, von den Wölfen gefressen zu werden. ¦¦441¦ Freilich nur,
       um von  den Menschen  verzehrt zu werden. Aber das ist einmal ihr
       Schicksal von dem Augenblick an, da sie den Stall betreten haben.
       Ehe ihr  davon sprecht,  sie von dort herauszuführen, beginnt da-
       mit, den  Stall niederzureißen,  das heißt die Gesellschaft." (p.
       512, 513.) ¦X-441¦¦

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