Quelle: MEW 26.3 Theorien über den Mehrwert - Dritter Teil

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       #516# Beilagen
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       [7. Luthers  Überlegenheit über Proudhon in der Polemik gegen den
       Zins. Änderung der Ansichten vom Zins mit der Entwicklung der ka-
       pitalistischen Verhältnisse]
       
       ¦¦937¦ Luther,  lebend in der Zeit der Auflösung der mittelaltrig
       bürgerlichen Gesellschaft in die Elemente der modernen - ein Pro-
       zeß, den  der Welthandel  und die Goldentdeckungen beschleunigten
       -, kennt  das Kapital  natürlich nur  in den 2 antediluvianischen
       [Formen] des zinstragenden Kapitals und des Handelskapitals. Wenn
       die schon  erstarkte kapitalistische  Produktion in  ihrer  Kind-
       heitsphase das  zinstragende Kapital  gewaltsam dem industriellen
       zu unterwerfen sucht - in Holland, wo die kapitalistische Produk-
       tion in  der Form  der Manufaktur  und des  großen Handels zuerst
       aufblüht, dies  faktisch zuerst getan, in England im 17. Jahrhun-
       dert als die erste Bedingung der kapitalistischen Produktion pro-
       klamiert in  zum Teil  sehr naiven  Formen -, so beim Übergang in
       dieselbe umgekehrt  die Anerkennung  des "Wuchers",  der altmodi-
       schen Form  des zinstragenden  Kapitals, als einer Produktionsbe-
       dingung,  als   notwendigem  Produktionsverhältnis,   der   erste
       Schritt; wie später, sobald das industrielle Kapital das zinstra-
       gende sich  unterworfen  (18.  Jahrhundert,  Bentham  [128]),  es
       selbst dessen  Berechtigung anerkennt,  es als Fleisch von seinem
       Fleisch erkennt.
       Luther steht über Proudhon. Es ist nicht der Unterschied zwischen
       Leihen und  Kaufen, der  ihn irremacht;  in beiden erkennt er den
       Wucher gleichmäßig. Was an seiner Polemik sonst das Schlagendste,
       ist, daß  das Eingewachsensein  des Zinses in das Kapital von ihm
       als Hauptpunkt des Angriffs gefaßt wird.
       
       #517# Revenue and its sources. Die Vulgärökonomie
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       I. Bücher vom Kaufhandel und Wucher, vom Jahre 1524. VI. Teil von
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       Vorabend des Bauernkriegs.)
       Kaufhandel (Handelskapital):
       
       "Nun ist  bei den  Kaufleuten eine  große Klage über die Edelleut
       oder Räuber" {Man sieht, warum die Kaufleute gegen die Bauern und
       Ritter, mit den Fürsten} "wie sie mit großer Fahr müssen handeln,
       und werden drüber gefangen, geschlagen, geschazt und beraubt etc.
       Wenn sie  aber solches um der Gerechtigkeit willen litten: so wä-
       ren freilich  die Kaufleut  heilige Leut...  Aber weil solch groß
       Unrecht und  unchristliche Dieberei  und Räuberei  über die ganze
       Welt durch  die Kaufleut,  auch selbst  untereinander, geschieht:
       was ist  Wunder, ob Gott schafft, daß solch groß Gut, mit Unrecht
       gewonnen, wiederum  verloren oder  geraubt wird,  und sie  selbst
       dazu über  die Köpfe geschlagen oder gefangen werden? ... Und den
       Fürsten gebürt,  solche unrechte  Kaufhändel mit ordentlicher Ge-
       walt zu  strafen und  zu weren,  daß  ihre  Untertanen  nicht  so
       schändlich von  den Kaufleuten  geschunden würden.  Weil sie  das
       nicht thun:  so braucht  Gott der  Reuter und  Räuber, und straft
       durch sie  das Unrecht an den Kaufleuten, und müssen seine Teufel
       sein: gleich wie er Aegyptenland und alle Welt mit Teufeln plagt,
       oder mit Feinden verderbt. Also stäupt er einen Buben mit dem an-
       dren, ohne  daß er dadurch zu verstehn gibt, daß Reuter geringere
       Räuber sind  denn die Kaufleut: sintemal die Kaufleut täglich die
       ganze Welt  rauben, wo  ein Reuter im Jar einmal oder zwei, einen
       oder zween beraubt." (S. 296.)
       "...Gehet nach  dem Spruche  Esaie: Deine  Fürsten sind der Diebe
       Gesellen geworden.  Dieweil lassen  sie Diebe  hängen, die  einen
       Gulden oder  einen halben gestolen haben, und hantiren mit denen,
       die alle Welt berauben und stehlen sicherer denn alle andren, daß
       ja das Sprichwort wahr bleibe: Große Dieb hängen ¦¦938¦ die klei-
       nen Diebe;  und wie  der römische Ratsherr Cato sprach: Schlechte
       Diebe liegen  in Thürmen und Stöcken, aber öffentliche Diebe gehn
       in Gold  und Seiden.  Was wird  aber zuletzt  Gott dazu sagen? Er
       wird thun,  wie er  durch Ezechiel spricht, Fürsten und Kaufleut,
       einen Dieb  mit dem  andern, in  einander schmelzen  wie Blei und
       Erzt, gleich  als wenn  eine Stadt  ausbrennt, daß  weder Fürsten
       noch Kaufleut  mer seien,  als ich besorge, daß schon vor der Tür
       sei. (S. 296 a.)
       
       Wucher. Zinstragendes Kapital:
       
       "Ich lasse  mir sagen,  daß man jetzt järlich auf einem jeglichen
       Leiptzischen Markt  10 Gulden,  d.i. 30 aufs Hundert nimmt [129];
       etliche setzen  hinzu auch  den Neuenburgischen  Markt, daß es 40
       aufs Hundert  werden: obs mer sei, das weiß ich nicht. Pfui dich,
       wo zum  Teufel will  denn auch  zuletzt das  hinaus? ...  Wer nun
       jetzt zu  Leiptzig 100  Floren hat,  der nimmt  järlich 40,  d.h.
       einen Bauer oder einen Bürger in einem Jar gefressen. Hat er 1000
       Floren, so nimmt er jarlich 400, das heißt einen Ritter oder rei-
       chen Edelmann  in einem Jar gefressen. Hat er 10 000, so nimmt er
       järlich 4000; das heißt einen reichen Grafen in einem Jar gefres-
       sen. Hat  er 100 000, wie es sein muß bei den großen Händlern, so
       nimmt er järlich 40 000, das heißt einen großen reichen
       
       #518# Beilagen
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       Fürsten in  einem Jar  gefressen. Hat  er 1 000 000,  so nimmt er
       järlich 400 000,  d.h. einen großen König in einem Jar gefressen.
       Und leidet darüber keine Fahr, weder an Leib noch an Wahr, arbeit
       nichts, sizt  hinter dem  Ofen und  brät Aepfel  also möchte  ein
       Stul-Räuber sitzen  zu Hause,  und eine  ganze Welt  in 10  Jaren
       fressen." (S. 312, 313.) [130]
       
       {II. "Eyn  Sermon auf das Evangelion von dem reichen Mann und ar-
       men Lazaro etc.", Wittenberg 1555.
       
       "Den reichen Mann müssen wir nicht ansehn nach seinem äußerlichen
       Wandel, denn  er hat Schaffskleider an, und sein Leben gleißt und
       scheint hübsch, und deckt den Wolff meisterlich. Denn das Evange-
       lion schillt  ihn nicht, daß er Ehebruch, Mord, Raub, Frevel oder
       irgend etwas  begangen hab,  das die  Welt oder Vernunfft taddeln
       macht. Er  ist ja so erbarlich an seinem Leben gewesen, als jener
       Pharisäer, der  zwei mal  in der  Wochen faßtet und nicht war wie
       ander Leutt."}
       
       Luther sagt  uns hier,  wodurch das  Wucherkapital entsteht: Ruin
       von Bürgern  (Kleinbürgern und  Bauern), Rittern,  Adel, Fürsten.
       Auf der  einen Seite  fließt die  Surplusarbeit und  dazu die Ar-
       beitsbedingungen der  Pfahlbürger, Bauern,  Zünftler ihm zu, kurz
       des kleinen  Warenproduzenten, der Geld braucht, um z. B. zu zah-
       len, bevor  er seine  Ware in Geld verwandelt, und gewisse seiner
       Arbeitsbedingungen selbst schon käuft etc. Anderseits von den Be-
       sitzern der  Rente, die es sich aneignet; also von der verschwen-
       derischen, genießenden richesse 1*). Insofern der Wucher das Dop-
       pelte bewirkt,  erstens überhaupt  ein selbständiges Geldvermögen
       zu bilden,  zweitens die Arbeitsbedingungen sich anzueignen, d.h.
       die Besitzer  der alten  Arbeitsbedingungen zu  ruinieren, ist er
       ein mächtiges  Mittel in  der Bildung der Voraussetzungen für das
       industrielle Kapital  - ein  mächtiges Agens in der Scheidung der
       Produktionsbedingungen vom  Produzenten. Ganz  wie der  Kaufmann.
       Und beide  haben das  gemein, ein  selbständiges Geldvermögen  zu
       bilden, d.h.  sowohl Teil  der jährlichen  Surplusarbeit, wie der
       Arbeitsbedingungen, wie  der Akkumulation  der jährlichen Arbeit,
       in der  Form von  Geldansprüchen in ihren Händen zu akkumulieren.
       Das wirklich  in ihren  Händen befindliche  Geld bildet nur einen
       kleinen Teil,  teils der  jährlichen und  jährlich  akkumulierten
       Schatzbildung, teils  des zirkulierenden  Kapitals. Daß sie Geld-
       vermögen bilden, heißt, daß ein bedeutender Teil, teils der jähr-
       lichen Produktion,  teils der jährlichen Revenuen, ihnen zufällt,
       und zwar  zahlbar nicht  in natura,  sondern in  der verwandelten
       Form des  Geldes. Soweit  das Geld daher nicht aktiv als currency
       2*) zirkuliert,  sich in  Bewegung findet,  ist es akkumuliert in
       ihren Händen, zum Teil in ihren
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       1*) reichen Klasse -2*) Bargeld
       
       #519# Revenue and its sources. Die Vulgärökonomie
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       Händen auch  die Reservoirs  des zirkulierenden  Gelds, und  noch
       mehr befinden und akkumulieren sich in ihren Händen die Titel auf
       die Produktion,  aber als Titel auf die in Geld verwandelte Ware,
       als Geldtitel.  ¦¦939¦ Der Wucher einerseits als Ruineur des feu-
       dalen Reichtums  und Eigentums. Anderseits als Ruineur der klein-
       bürgerlichen, kleinbäuerlichen  Produktion,  kurz  aller  Formen,
       worin der  Produzent noch als Eigentümer seiner Produktionsmittel
       erscheint.
       In der kapitalistischen Produktion ist der Arbeiter Nichteigentü-
       mer der  Produktionsbedingungen; weder des Ackers, den er bebaut,
       noch des  Instruments, womit  er arbeitet. Dieser Entfremdung der
       Produktionsbedingungen entspricht  hier aber  real change  1*) in
       der Produktionsweise  selbst. Das  Instrument wird  zur Maschine;
       der Arbeiter arbeitet im Atelier etc. Die Produktionsweise selbst
       erlaubt nicht  mehr diese mit dem kleinen Eigentum verbundne Zer-
       splittrung  der  Produktionsinstrumente,  sowenig  wie  die  Zer-
       splittrung der  Arbeiter selbst.  In der kapitalistischen Produk-
       tion kann  der Wucher  nicht mehr  die Produktionsbedingungen vom
       Arbeiter, Produzenten   s c h e i d e n,   weil  sie bereits  ge-
       schieden sind.
       Der Wucher   z e n t r a l i s i e r t  nur da Vermögen, speziell
       in der Form des Geldvermögens, wo die Produktionsmittel zersplit-
       tert sind,  wo also  der Arbeiter  mehr oder  weniger selbständig
       produziert, als  kleiner Bauer,  Zünftler (kleiner Kaufmann) etc.
       Als Bauer  oder Handwerker,  mag dieser Bauer ein Leibeigner sein
       oder nicht,  oder dieser  Handwerker Zünftler  oder Nichtzunftge-
       nosse. Er  eignet sich hier nicht nur den Teil der surplus labour
       an, worüber selbst der Hörige verfügt, oder die ganze surplus la-
       bour, wo  freier Bauer etc., sondern er eignet sich die Produkti-
       onsinstrumente an,  deren nomineller  Eigentümer der  Bauer  etc.
       bleibt und  zu denen  er in  der Produktion selbst als Eigentümer
       sich verhält.  Dieser Wucher beruht auf dieser Basis, dieser Pro-
       duktionsweise, die er nicht verändert, sondern an die er sich als
       Parasit ansetzt  und sie  miserabel macht. Er saugt sie aus, ent-
       nervt sie  und verursacht  die Reproduktion,  unter immer scheuß-
       lichren Bedingungen  vorzugehn. Daher  der populäre Haß gegen den
       Wucher, nun  gar in  den antiken  Verhältnissen, wo diese Produk-
       tionsbestimmtheit -  das Eigentum  des Produzenten an seinen Pro-
       duktionsbedingungen   -    zugleich   Basis    der    politischen
       Verhältnisse, der  Selbständigkeit des citoyen 2*). Das hört auf,
       sobald der  Arbeiter keine Produktionsbedingungen mehr hat. Damit
       hört zugleich  die Macht  des  Wuchers  auf.  Anderseits,  soweit
       Sklaverei herrscht oder [soweit] die Surplusarbeit vom Feudallord
       und seinen retainers 3*) aufgegessen
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       1*) wirklicher Veränderung - 2*) Bürgers - 3*) Lakaien
       
       #520# Beilagen
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       wird und  diese dem Wucher verfallen, bleibt die Produktionsweise
       ditto dieselbe;  nur wird sie härter. Der verschuldete slave hol-
       der 1*) oder Feudallord saugt mehr aus, weil er selbst ausgesaugt
       wird. Oder  schließlich macht  er dem  Wucherer Platz, der selbst
       Grundeigentümer etc.  wird, wie  der eques 2*) etc. im alten Rom.
       An die  Stelle des  alten Exploiteurs,  dessen Exploitation  mehr
       oder minder  politisches Machtmittel  war, tritt  a  coarse,  mo-
       neyhunting parvenu  3*). Aber  die Produktionsweise  selbst  wird
       nicht geändert.
       Revolutionär wirkt der Wucherer in allen vorkapitalistischen Pro-
       duktionsweisen nur   p o l i t i s c h,   indem er die Eigentums-
       formen zerstört  und ruiniert,  auf deren  fester Basis, i.e. be-
       ständiger Reproduktion  in derselben Form, die politische Gliede-
       rung ruht.  Auch zentralistisch  [wirkt der  Wucherer], aber  nur
       zentralistisch auf  der Basis der alten Produktionsweise, wodurch
       die Gesellschaft,  außer den  Sklaven, Leibeignen  etc. und ihren
       neuen Herrn, sich in Mob auflöst. Bei asiatischen Formen kann der
       Wucher lange  fortdauern, ohne etwas andres als ökonomisches Ver-
       kommen und  politische Verderbtheit hervorzurufen, ohne aber real
       aufzulösen. Erst  in einer Epoche, wo die übrigen Bedingungen zur
       kapitalistischen Produktion  vorhanden - freie Arbeit, Weltmarkt,
       Auflösung des  alten Gsellschaftszusammenhangs,  Entwicklung  der
       Arbeit auf  eine gewisse  Stufe, Entwicklung  der  Wissenschaften
       etc. -,  erscheint der  Wucher als  eines der  Bildungsmittel der
       neuen Produktionsweise; zugleich Ruin der Feudallords, der Säulen
       des antibürgerlichen  Elements, und  Ruin der  kleinen Industrie,
       Agrikultur etc.,  kurz, Mittel  der Zentralisation der Arbeitsbe-
       dingungen als Kapital.
       Daß die  Wuchrer, Kaufleute  etc.  das  "Geldvermögen"  besitzen,
       heißt nichts, als daß das Vermögen der Nation, soweit es als Ware
       und Geld erscheint, sich in ihren Händen konzentriert.
       Die kapitalistische Produktion hat ursprünglich mit dem Wucher zu
       kämpfen, soweit  der Wuchrer selbst nicht Produzent wird. Ist die
       kapitalistische Produktion  etabliert, so  hat die Herrschaft des
       Wuchers über  die Surplusarbeit,  die an  die Fortdauer der alten
       Produktionsweise geknüpft  war, schon  aufgehört. Als Profit kas-
       siert der industrielle Kapitalist unmittelbar das Surplus ein; er
       hat sich  auch schon  der Produktionsbedingungen zum Teil bemäch-
       tigt, und  ein Teil  der jährlichen  Akkumulation wird direkt von
       ihm angeeignet.  Von diesem Augenblick an wird, namentlich sobald
       sich das  industrielle und  kommerzielle Vermögen entwickelt, der
       Wuchrer, d.h.  Zinsverleiher, bloß eine durch die Teilung der Ar-
       beit vom industriellen Kapitalisten getrennte, aber dem industri-
       ellen Kapital unterworfne Person.
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       1*) Sklavenhalter - 2*) Ritter - 3*) ein grober, geldgieriger Em-
       porkömmling
       
       #521# Revenue and its sources. Die Vulgärökonomie
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       ¦¦940¦ III.  "An die  Pfarrherrn wider  den  Wucher  zu  predigen
       etc.", Wittemberg 1540 (ohne Pagination).
       Handeln (Kaufen,  Verkaufen) und  Leihen. (Luther läßt sich nicht
       wie Proudhon durch diesen Formunterschied täuschen.)
       
       "Ich habe vor fünfzehn Jahren wider den Wucher geschrieben, da er
       bereits so  gewaltig eingerissen war, daß ich keiner Besserung zu
       hoffen wüßte.  Seit der  Zeit hat  er sich  also erhebt, daß  e r
       n u n   a u c h   k e i n    L a s t e r,    S ü n d e    o d e r
       S c h a n d e   m e h r   s e i n   w i l l,  s o n d e r n  läßt
       sich rhümen  für eitel  Tugend und  Ehre, als  thue er den Leuten
       große Liebe  und einen  christlichen Dienst. Was will nun helffen
       und raten,  da Schande  ist Ehre  und Laster  ist Tugend  worden)
       Seneca spricht  aus der  natürlichen Vernunfft. Deest remedii lo-
       cus, ubi,  quae vitia  fuerunt, mores  fiunt. 1*) Deutschland ist
       gewest, was  es hat  sollen werden,  der leidige Geitz und Wucher
       habens zu Grunde verderbet...
       Erstlich von  L e i h e n  und  B o r g e n.  Wo man Geld leihet,
       und dafür  mehr oder besseres fordert oder nimmt, das ist Wucher,
       in allen  Rechten verdammt.  Darum alle die jenen, so fünf, sechs
       oder mehr  aufs Hundert  nemen, vom geliehnen Gelde, die sind Wu-
       cherer, danach sie sich wissen zu richten, und heißen des Geitzes
       oder Mammons  abgöttische Diener...  Also eben soll man von Korn,
       Gerste und  ander mehr  Wahr auch  sagen, daß,  wo man  mehr oder
       bessres dafür  fordert, das ist Wucher, gestolen und geraubt Gut.
       Denn Leihen  heißt, daß,  wenn ich jemand mein Geld, Gut oder Ge-
       räte thue,  daß ers  brauche wie  lange ihm Not ist, oder ich kan
       und wil,  und er  mir dasselbe  zu seiner Zeit wider gebe, so gut
       als  ichs   im  habe  geliehen."  "Machen  also    a u s    d e m
       K a u f e n  a u c h  e i n e n  W u c h e r.  Aber das ist jetzt
       zu viel auf einen Bissen. Müssen jezt das eine Stück, als vom Wu-
       cher im  Leihen handeln,  wenn wir  dem haben gesteuret (nach dem
       jüngsten Tage) so wollten wir dem  K a u f w u c h e r  auch sei-
       nen Text wol lesen.
       "Spricht Junker  Wucher also:  Lieber, als jetzt die Läufte sind,
       so thue  ich meinem  Nächsten einen grossen Dienst darin, daß ich
       ihm leihe  Hundert auf  fünf, sechs, zehen. Und er dankt mir sol-
       chen Leihens,  als einer  sonderlichen Wohlthat.  Bittet mich wol
       dreimal, erbeut  sich auch  selber willig  und  ungezwungen,  mir
       fünff, sechs,  zehn Gülden  vom Hundert zu schenken. Solt ich das
       nicht von Wuchrer mit gutem Gewissen mögen nemen? ... Laß Du Rhü-
       men, Schmücken  und Putzen ... Wer aber mehr oder besseres nimmt,
       das ist Wucher, und heißt  n i c h t  D i e n s t,  s o n d e r n
       S c h a d e n   gethan seinem Nahesten, als mit Stelen und Rauben
       geschieht. Es  ist nicht  alles Dienst und wolgetban seinem Nahe-
       sten, was  man heißt Dienst und Wolgethan. Denn eine Ehebrecherin
       und Ehebrecher  thun einander grossen Dienst und Wolgefallen. Ein
       Reuter thut  einem Mordbrenner  grossen Reuterdienst, daß der ihm
       hilft, auf der Straßen rauben, Land und Leute bevehden. Die Papi-
       sten thun  den unsren  grossen Dienst, daß sie nicht alle ertren-
       ken, verbrennen, ermorden, im Gefängnis verfaulen lassen, sondern
       lassen doch  etliche leben und verjagen sie, oder nemen jenen was
       sie haben.  Der Teufel  thut selber seinen Dienern grossen, uner-
       meßlichen Dienst ... Summa, die Welt ist voll grosser,
       -----
       1*) Es  gibt kein  Heilmittel dort,  wo das, was man als Untugend
       angesehen hat, zur Gewohnheit wird.
       
       #522# Beilagen
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       trefflicher,  täglicher   Dienste  und  Wolthaten...  Die  Poeten
       schreiben von  einem Cyclop Polyphemo, daß er dem Ulysse verhieß,
       er wollt  ihm die Freundschaft thun, daß er zuvor seine Gesellen,
       danach ihn zuletzt, wollte fressen. Ja es ist auch ein Dienst und
       eine feine  Wolthat gewest. Solcher Dienst und Wolthat fleissigen
       und üben  sich jezt  Edel und  unedel, Bauern  und Bürger, kaufen
       auf, halten  inne, machen theure Zeit, ¦¦941¦ steigern Korn, Ger-
       ste und  alles was  man haben  soll, wischen darnach das Maul und
       sprechen: Ja  was man  haben muß, das muß man haben, ich lasse es
       den Leuten  zu Dienst,  könnt und  möcht ichs  doch wol behalten,
       also ist  dann Gott fein getauscht und genarret ... So gar heilig
       sind die Menschenkinder worden... also kann jezt Niemand mehr wu-
       chern, geitzen, noch böse sein, die Welt ist eitel heilig worden,
       d i e n t   j e d e r m a n n   d e m  a n d r e n,  niemand thut
       dem andren  Schaden... Thut  er aber damit einen Dienst, so thuts
       er dem  leidigen Teufel, obgleich ein armer, benötigter Mann sol-
       chen Diensts  bedarf, und  wol muß  solches für einen Dienst oder
       Wolthat annehmen,  daß er nicht gantz und gar gefressen werde ...
       Er thut Dir und muß Dir thun solchen Dienst" {den Wucher zahlen},
       "will er anders  G e l d  haben."
       
       {Man sieht  aus dem  Obigen, daß  Wucher sehr zugenommen zur Zeit
       Luthers, zugleich  schon als  "Dienst" (Say-Bastiat 1*)) apologi-
       siert. Schon  die Konkurrenzfassung  oder Harmoniefassung: "dient
       jedermann dem andren".
       In der   a n t i k e n  Welt, in der beßren Zeit, Wucher verboten
       (i.e. kein  Zins erlaubt). Später gesetzlich. Sehr vorherrschend.
       Theoretisch stets (wie bei Aristoteles [131]) die Ansicht, daß er
       an und für sich schlecht.
       Im   c h r i s t l i c h e n   M i t t e l a l t e r  "Sünde" und
       "kanonisch" verboten.
       N e u e   Z e i t.   Luther. Noch  die katholisch-heidnische Fas-
       sung. Sehr  um sich  greifend (teils infolge des Geldbedürfnisses
       der Regierung, Entwicklung des Handels und Manufaktur, Notwendig-
       keit der  Geldwerdung des Produkts). Aber schon seine bürgerliche
       Berechtigung behauptet.
       H o l l a n d.  Erste Apologie des Wuchers. Er da auch zuerst mo-
       dernisiert, dem  produktiven oder kommerziellen Kapital unterwor-
       fen.
       E n g l a n d.   17.Jahrhundert. Polemik nicht mehr gegen den Wu-
       cher an  sich, sondern  gegen die Größe des Zinses, sein dominie-
       rendes Verhältnis  zum Kredit. Drang, die Kreditform zu schaffen.
       Gewaltsame Bestimmungen.
       1 8.   J a h r h u n d e r t.  Bentham. Der freie Wucher als Ele-
       ment der kapitalistischen Produktion anerkannt.}
       [Noch einige Auszüge aus Luthers Schrift "An die Pfarrherrn wider
       den Wucher zu predigen".]
       Z i n s  a l s  S c h a d e n e r s a t z.
       
       "Wolan, hie  ist weltlich  und juristisch  von der Sache zu reden
       (die Theologia müssen wir sparen bis hernach), so bist Du Baltzer
       mir schuldig  hienach zu geben über die hundert Gülden, alles was
       der Schadewacht mit aller Unkost darauf getrieben hat."
       -----
       1*) Siehe 1. Teil dieses Bandes, S. 379
       
       #523# Revenue and its sources. Die Vulgärökonomie
       -----
       {Unter Unkost  versteht er Gerichtskosten etc., die dem Anleiher,
       weil er selbst nicht zahlen konnte, erwachsen sind.}
       
       "...Darum ists  billig, auch  der Vernunft  und natürlichem Recht
       nach, daß  Du mir  alles widererstattest,  beide die   H a u p t-
       s u m m e   m i t   d e m  S c h a d e n  ... Solchen Schadewacht
       heißen die Juristenbücher zu Latein  I n t e r e s s e...
       Ueber diesen Schadewacht kann noch einer fürfallen. Wenn Du Balt-
       zer mir nicht wiedergiebst auf Michaelis, die hundert Gülden, und
       stehet mir  für" {steht mir bevor} "ein Kauf, das ich könnte kau-
       fen einen  Garten, Acker,  Haus oder was für ein Grund ist, davon
       ich grossen  Nutzen oder  Narung möchte haben, für mich und meine
       Kinder, so  muß ichs  lassen faren,  und du thust mir den Schaden
       und Hindernis, mit deinem Saumen und Schlafen, daß ich nimmer mer
       kann zu solchem Kauf kommen etc. Nu ich Dir sie geliehn habe, ma-
       chest mir  einen Zwilling  aus dem  Schadewacht, daß  ich   h i e
       n i c h t   b e z a l e n  u n d  d o r t  n i c h t  k a u f e n
       k a n n,  und also zu beiden Teilen muß Schaden leiden, das heißt
       man   d u p l e x   i n t e r e s s e,  d a m n i  e m e r g e n-
       t i s  e t  l a c r i  c e s s a n t i s  1*)...
       Nachdem sie gehört, daß Hans mit seinen verliehnen Hundert Gülden
       hat Schaden gelitten, und billige Erstattung seines Schadens for-
       dert, fahren  sie plumps einhin und schlahen auf ein jeglich Hun-
       dert Gülden,  solche zween Schadewacht, nemlich, des Bezalens Un-
       kost,  und  des  versäumten  Gartens  Kauf,    g r a d e    a l s
       w e r e n   d e n   H u n d e r t  G ü l d e n  n a t ü r l i c h
       s o l c h e   z w e e n   S c h a d e w a c h t  a n g e w a c h-
       s e n,   d a ß,   w o   H u n d e r t   G ü l d e n  v o r h a n-
       d e n   s i n d,   d i e  t h u n  s i e  a u s,  u n d  r e c h-
       n e n  d a r a u f  s o l c h e  z w e e n  S c h a d e n,  d i e
       s i e  d o c h  n i c h t  e r l i t t e n  h a b e n...
       Darum bist du ein Wucherer,  d e r  D u  s e l b e r  d e i n e n
       e r t i c h t e n"   {erdichteten}  "S c h a d e n  v o n  d e i-
       n e s   N e h e s t e n   G e l d e  b ü s s e s t,  den dir doch
       niemand getan  hat, und  kannst  ihn  auch  nicht  beweisen  noch
       b e r e c h n e n.   Solchen Schaden  heißen die  Juristen  n o n
       v e r u m,   s e d   p h a n t a s t i c u m    i n t e r e s s e
       2*).   E i n   S c h a d e n,   d e n   e i n   j e g l i c h e r
       i h m  s e l b e r  e r t r e u m e t...
       Es gilt nicht also ¦¦942¦ sagen, Es köndten die Schaden geschehn,
       daß ich  nicht habe  können  b e z a l e n  n o c h  k a u f e n.
       Sonst heißts,   E x  c o n t i n g e n t e  n e c e s s a r i u m
       3*), aus  dem das  nicht ist, machen das, das sein müsse; aus dem
       das ungewiß  ist, eitel  gewiß Ding  machen. Solt  solcher Wucher
       nicht die Welt auffressen in kurzen Jaren...
       Es ist   z u f ä l l i g  Unglück, das dem Leiher widerfaret, ohn
       sein Willen,  daß er  sich erholen  muß; aber in den Handeln ists
       umgekehrt  und   gar  das   Widerspiel,  da   suchet  und    e r-
       t i c h t e t   man Schaden,  auf den  benetigten Nehesten,  will
       damit sich  neren und  reich werden,  feul und  müssig,  p r a s-
       s e n     u n d    p r a n g e n    v o n    a n d e r    L e u t
       A r b e i t,   Sorge, Fahr, und Schaden; daß ich sitze hinter dem
       Ofen und  lasse   m e i n e   H u n d e r t   G ü l d e n   f ü r
       m i c h  a u f  d e m  L a n d e  w e r b e n,  und doch, weil es
       g e l i e h e n   G e l d   i s t,   g e w i ß   i m  B e u t e l
       b e h a l t e,   ohne alle Fahr und Sorge, Lieber, wer möchte das
       nicht?
       Und was  vom geliehen  Gld gesagt  ist, das sol auch vom geliehen
       Getreide, Wein  und dergleichen  Wahr verstanden sein, daß solche
       zween  Schaden   mögen   darinnen   fürfallen.   Aber,      d a ß
       d i e s e l b e n   S c h a d e n   n i c h t   s o l e n   d e r
       W a h r  n a t ü r l i c h  a n g e w a c h s e n  s e i n,
       -----
       1*) doppelten  Schaden, der des entstehenden Verlusts und der des
       versäumten Gewinns - 2*) keinen wirklichen, sondern eingebildeten
       Schaden - 3*) Aus dem Zufälligen das Notwendige machen
       
       #524# Beilagen
       -----
       sondern   z u f ä l l i g l i c h   widerfaren mögen,  und  darum
       nicht ehe  für Schaden  zu rechnen,  sie seien denn geschehen und
       überweiset etc. ...
       Wucher muß sein, aber wehe den Wucherern...
       Auch alle  weise, vernünftige  Heiden den Wucher überaus übel ge-
       scholten haben.  Als Aristoteles  Polit. spricht,  daß Wucher sei
       wider die  Natur, aus  der Ursache: Er nimmt allzeit mehr denn er
       giebt. Damit  wird aufgehoben  das Mittel  und Richtmaß aller Tu-
       gend, das man heißt, gleich um gleich, aequalitas arithmetica 1*)
       etc. ...
       Das heißt  aber sich  schendlich neeren, wer andren Leuten nimmt,
       stilet oder  reubet, und  heissen, mit  Vrlaub, Diebe und Reuber,
       die man an Galgen pfleget zu henken, indeß ein Wucherer ein schö-
       ner Dieb  und Reuber ist, und auf einem Stuel sizt, daher man sie
       Stulreuber heißt...
       Die Heiden  haben können aus der Vernunft rechnen, daß ein Wuche-
       rer sei  ein vierfaltiger Dieb und Mörder. Wir Christen aber hal-
       ten sie  in solchen  Ehren, daß  wir sie  schier anbeten um ihres
       Geldes willen ... Wer einem andern seine Narung aussauget, raubet
       und stilet,  der thut  ebenso grossen Mord (so viel an ihm liegt)
       als der  einen Hungers  sterbet und  zu Grunde verterbet. Solches
       thut aber  ein Wucherer  und sitzet  dieweil auf seinem Stuel si-
       cher, so er billiger hengen solt am Galgen, und von so viel Raben
       gefressen werden,  als er Gülden gestolen hatte, wo ander so viel
       Fleisches an  ihm were,  das so viel Raben sich drein stücken und
       teilen könnten...
       Werden die  Umschleger und Wucherer schreien, man soll Brieve und
       Siegel halten  Darauf haben  die  Juristen  balde  und  reichlich
       geantwortet.   I n   m a l i s   p r o m i s s i s  2*), so sagen
       die Theologen,  die Brieve  und Siegel, so etliche dem Teufel ge-
       ben, sind  nichts, wenn  sie gleich  mit Blut  versiegelt und ge-
       schrieben sind. Denn was wider Gott, Recht und Natur ist, das ist
       ein Nullus.  Darum greife nur ein Fürst, wer es thun kann, frisch
       drein, zerreisse  Siegel und  Brieve, kehre sich nicht daran etc.
       ...
       Also ist  kein grösser  Menschenfeind auf Erden, nach dem Teufel,
       denn ein  Geitzhals und  Wucherer, denn   e r   w i l l   ü b e r
       a l l e  M e n s c h e n  G o t t  s e i n.  Türken, Krieger, Ty-
       rannen sind  auch böse Menschen, doch müssen sie lassen die Leute
       leben, und bekennen, daß sie Böse und Feinde sind, und können, ja
       müssen wol zuweilen sich über etliche erbarmen. Aber ein Wucherer
       und Geitzwanst,  der wollt, daß alle Welt müßte in Hunger, Durst,
       Jammer und  Not verderben,  so viel an ihm ist, auf daß ers alles
       allein möcht haben, und jedermann  v o n  i h m  a l s  e i n e n
       G o t t   e m p f a n g e n    u n d    ¦¦943¦    e w i g l i c h
       s e i n   L e i b e i g e n e r   s e i n.   Da lachet  ihm  sein
       Hertz, das  erfrischt ihm  sein Blut.  Daneben gleich  wol  daher
       tretten, in  marderen Schauben,  güldnen Ketten, Ringen, Kleider,
       das Maul  wischen, sich  für einen  theueren, frommen Mann lassen
       ansehen und  rhümen, der auch viel barmhertziger ist wie der Gott
       selbst, viel freundlicher wie die Mutter Gottes, noch alle Heili-
       gen sind...
       Und was  sie von des Herculis grossen Thaten schreiben, wie er so
       viele monstra,  ungeheure Greuel  zwinget, Land und Leute zu ret-
       ten. Denn  Wucher ist  ein groß ungeheuer Monstrum, wie ein Beer-
       wollf, der alles wüstet, mehr denn kein Cacus, Gerion
       -----
       1*) arithmetische Gleichheit - 2*) In schlimmen Versprechungen
       
       #525# Revenue and its sources. Die Vulgärökonomie
       -----
       oder Anteus  etc. Und schmückt sich doch und will fromm sein, daß
       man nicht sehen soll, wo die Ochsen  (s o  e r  r ü c k l i n g s
       i n  s e i n  L o c h  z i e h t)"
       
       {Allerliebstes Bild,  auf den  Kapitalisten überhaupt, der macht,
       als   g e h e   v o n   i h m  a u s,  was er von andren in seine
       Höhle hereingeholt, gibt ihm aber, indem er es  r ü c k l i n g s
       marschieren  läßt,   den  Schein,  als  sei  es    a u s    i h r
       h e r a u s g e k o m m e n.}
       
       "hinkommen. Aber  Hercules soll der Ochsen und der Gefangenen Ce-
       schrei hören  und den  Cacum suchen,  auch in Klippen und Felsen,
       die Ochsen  wider lösen  von dem  Bösewicht. Denn Cacus heißt ein
       Bösewicht, der  ein  f r o m m e r  W u c h e r e r  ist, stilet,
       raubet, frißt  alles. Und  wills doch nicht gethan haben, und ihn
       soll ja  Niemand finden,  weil die Ochsen, rücklings in sein Loch
       gezogen, Schein  und Fußtapfen geben, als seien sie  h e r a u s-
       g e l a s s e n.  Also will der Wucherer auch die Welt effen, als
       nütze er  und gebe  er der  Welt Ochsen,  so  e r  s i e  d o c h
       z u  s i c h  a l l e i n  r e i ß t  u n d  f r i ß t...
       Darum ist  ein Wucherer  und Geitzhals  warlich nicht ein rechter
       Mensch, sündiget auch nicht menschlich, er muß ein Beerwolff sein
       über alle  Tyrannen, Mörder  und Reuber,  schier so  böse als der
       Teufel selber,  und nicht  als ein  Feind, sondern als ein Freund
       und Bürger  in gemeinem  Schutz und  Frieden sitzet,  und dennoch
       greulicher reubet  und mordet,  weder kein Feind noch Mordbörner.
       Und so  man die  Straßenreuber, Mörder  oder Bevheder  redert und
       köpffet, wie  viel sollt  man alle Wucherer redern und edern, und
       alle Geitzhälse verjagen, verfluchen und köpffen..."
       
       Höchst pittoresk und zugleich einerseits der Charakter des altmo-
       dischen Wuchers,  anderseits des  Kapitals überhaupt treffend ge-
       faßt, mit  dem "Interesse  phantasticum" 1*),  dem Geld  und Ware
       "von Natur  zugewachsenen Schadewacht", der allgemeinen Nützlich-
       keitsphrase, dem  "frommen" Aussehn  des Wucherers, der nicht ist
       "wie andere  Leut", dem  Schein zu  geben, während genommen wird,
       und herauszulassen, während hereingezogen wird etc.!
       
       "Der große  Vorteil, der  mit dem Besitz von Gold und Silber ver-
       bunden ist, da er die Möglichkeit gibt, die günstigen Momente des
       Kaufes   auszuwählen,    rief   allmählich   das   Geschäft   des
       B a n k i e r s   ins Leben... Der Bankier unterscheidet sich von
       dem alten   W u c h e r e r...,   daß  er dem  Reichen borgt  und
       s e l t e n   o d e r   n i e   d e m  A r m e n.  Er borgt daher
       mit geringerem  Risiko und kann es zu billigeren Bedingungen tun,
       und aus  beiden Gründen  vermeidet er  den im  Volke verbreiteten
       Haß, der  den Wucherer  traf." (F.W.  Newman, "Lectures  on  Pol.
       Econ.", London 1851, p. 44.)
       -----
       1*) "eingebildeten Schaden"
       
       #526# Beilagen
       -----
       Die involuntary  alienation 1*)  des feudalen Grundeigentums ent-
       wickelt sich mit dem Wucher und Geld.
       
       "Die Einführung  des Geldes,  das alle  Dinge kauft und daher der
       Gegenstand der  Cunst für  den Kreditor  ist, der  Geld leiht dem
       Landbesitzer, bringt  die Notwendigkeit  gesetzlicher Veräußerung
       für den  Vorschuß." (John  Dalrymple, "An  essay toward a general
       history of  Feud. Prop. in Great Brit.", 4. edition. London 1759,
       p. 124.)
       ¦¦944¦ "Nach  Themas Culpeper (1641), Josias Child (1670), Pater-
       son (1694)  hängt der  Reichtum von der selbst erzwungenen Reduk-
       tion der  Zinstaxe des Goldes oder Silbers ab. Befolgt in England
       während  fast   zwei  Jahrhunderten."   (Ganilh  ["Des   systèmes
       d'économie politique...",  seconde éd., tome premier, Paris 1821,
       p. 58, 59.])
       
       Als Hume im Gegensatz zu Locke die Bestimmung des Zinsfußes durch
       die Profitrate entwickelte, hatte er bereits viel höhere Entwick-
       lung des  Kapitals im  Auge, noch  mehr so  Bentham, als er gegen
       Ende des  18. Jahrhunderts seine Verteidigung des Wuchers schrieb
       [128].
       Von Heinrich  VIII. bis Anna gesetzliche Herabsetzung des Zinsfu-
       ßes.
       
       Im Mittelalter  in keinem  Land ein  allgemeiner   Z i n s f u ß.
       Erst die  Pfaffen strenge. Unsicherheit der gerichtlichen Anstal-
       ten zur  Sicherung der  Anleihe. Desto höher der Zinssatz in ein-
       zelnen Fällen.  Der   g e r i n g e   G e l d u m l a u f,    die
       N o t w e n d i g k e i t,   d i e  m e i s t e n  G e l d z a h-
       l u n g e n   b a r  z u  l e i s t e n,  und das Wechselgeschäft
       noch nicht  ausgebildet. Große  Verschiedenheit daher in Ansehung
       der Zinsen  und dem  Begriffe des  Wuchers. Zu  Karls des  Großen
       Zeiten galt  es für wucherlich, wenn 100 p.c. genommen. Zu Lindau
       am Bodensee,  1344, nahmen  einheimische Bürger  216 2/3 p.c.  In
       Zürich bestimmte  der Rat  als gesetzlichen  Zins 43 1/3  p.c. In
       Italien  mußten   zuweilen  40%   gezahlt  werden,  obgleich  vom
       12.-14.Jahrhundert der  gewöhnliche Satz  nicht 20%  überschritt.
       Verona ordnete  als gesetzlichen  Zins an 12 1/2 %, Friedrich II.
       in seiner  Verordnung 10%,  aber dies bloß für die Juden. Für die
       Christen mochte er nicht sprechen. 10% im rheinischen Deutschland
       schon im 13.Jahrhundert das gewöhnliche. (Hüllmann. II. Teil, Ge-
       schichte des Städtewesens etc., S. 55-57.)
       
       Die enormen  Zinsen im Mittelalter (soweit nicht auf den Feudala-
       del etc. erhoben) beruhten in den Städten großenteils auf den un-
       geheuren profits upon alienation 2*), die die Kaufleute und städ-
       tischen Gewerbler dem Land gegenüber, das sie prellten, machten.
       In Rom,  wie in der ganzen alten Welt, außer in den besonders in-
       dustriell und  kommerziell entwickelten Handelsstädten, wie Athen
       etc., ein  Mittel für  die großen  Grundeigentümer, nicht nur die
       kleinen, die  Plebeier, zu  expropriieren,  sondern  ihre  Person
       selbst sich anzueignen.
       -----
       1*) unfreiwillige Veräußerung - 2*) Veräußerungsprofite
       
       #527# Revenue and its sources. Die Vulgärökonomie
       -----
       Der Wucher  ursprünglich frei  in Rom.  Das Gesetz  der 12 Tafeln
       (303 a.U.C.  1*)) "legte  den Celdzins  auf 1%  pro  Jahr  fest".
       (Niebuhr sagt  10.) "Das  Gesetz wurde prompt übertreten. Duilius
       (398 a.  U.C.) setzte von neuem den Geldzins auf 1% herab, uncia-
       rio foenore  2*). 408  wurde er  auf 1/2 % beschränkt; 413 wurden
       verzinsliche Darlehen  absolut verboten  durch eine  Volksabstim-
       mung, die  der Tribun Genucius veranlaßt hatte. Es ist nicht ver-
       wunderlich, daß in einer Republik, in der die Industrie sowie der
       Groß- und  Kleinhandel  verboten  waten,  man    a u c h    d e n
       G e l d h a n d e l   v e r b o t."  (Dureau de la Malle ["Écono-
       mie politique des Romains"], t. II, p. 259-261.) "Das dauerte 300
       Jahre bis  zum Fall  Karthagos. 12%  nun. 6% war die übliche Rate
       des jährlichen Zinses." (l.c.p. 261.) "Justinianus legte den Zins
       auf 4%  fest; usura  quincunx 3*) beim Trajan ist der gesetzliche
       Zins von  5%. 12%  war der  gesetzliche Handelszins in Ägypten im
       Jahre 146 v. Chr." (p. 262. 263.) ¦944¦¦
       
       ¦¦950a¦ Über  den  Z i n s  sagt Gilbert (J.W.), "The History and
       Principles of Banking", London 1834:
       
       "Daß ein  Mann, der  Geld borgt  mit der  Absicht,    P r o f i t
       d a v o n   z u  m a c h e n,  einen Teil des Profits dem Verlei-
       her geben soll, ist ein selbstverständliches Prinzip der natürli-
       chen Gerechtigkeit. Ein Mann macht Profit gewöhnlich mittelst des
       Handelsverkehrs. Aber  im Mittelalter  die Bevölkerung rein agri-
       kol. Und  da, wie  unter der  feudalen Regierung,  kann nur wenig
       Verkehr und  daher wenig  Profit sein. Daher die Wuchergesetze im
       Mittelalter gerechtfertigt.  Außerdem braucht  in einem  agrikul-
       turellen Land ein Mensch selten Geld zu borgen, es sei denn durch
       Unglücksfälle in Not geraten " (p. 163.)
       Henry VIII.  limitierte Zins auf 10%, Jakob I. auf 8, Charles II.
       auf 6,  Anna auf  5%." (p.  164, 165.) "In jenen Zeiten waren die
       Ausleiher, wenn  nicht legale, so doch aktuelle Monopolisten, und
       daher war  es nötig,  sie wie  andre Monopolisten unter restraint
       4*) zu setzen. (l.c.p. 165.) "In unsren Zeiten reguliert die Rate
       des Profits  die Rate  des Zinses; in jenen Zeiten regulierte die
       Rate des  Zinses die Rate des Profits. Wenn der Geldverleiher den
       Kaufmann mit  einer hohen  Zinsrate belastete, mußte der Kaufmann
       eine höhere  Profitrate auf  seine goods 5*) schlagen. Daher eine
       große Summe Geldes genommen aus den Taschen der Käufer, um sie in
       die Tasche  des money-lenders  6*) zu  legen.  Dieser  additional
       price of  goods 7*)  geschlagen, machte das Publikum minder fähig
       und geneigt, sie zu kaufen." (p. 165.)
       
       Josias Child  ... im 17. Jahrhundert, in den "Traités sur le com-
       merce et  sur les  avantages qui  resultent de  la  réduction  de
       l'interêt de  l'argent", (écrit  1669, traduit  de l'anglais 8*))
       Amsterdam et Berlin 1754. Ebenso
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       1*) a.U.C.  = anno  urbis conditae (im Jahr nach der Gründung der
       Stadt [Rom]) - 2*) Zuwachs um ein Zwölftel (eine Unze) - 3*) Zin-
       sen in  Höhe von  fünf Zwölftel (fünf Unzen) - 4*) Beschränkung -
       5*) Waren  - 6*) Geldverleihers - 7*) zusätzliche Preis auf Waren
       - 8*) geschrieben 1669, übersetzt aus dem Englischen
       
       #528# Beilagen
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       "Traité contre  l'usure" par Thamas Culpeper 1621 [132], bekämpft
       Thomas Manley  (dessen tract  1*): "Interest  of Money  mistaken"
       [133]), den  er den "champion of the usurers" 2*) nennt. Der Aus-
       gangspunkt natürlich, wie alle Räsonnements der englischen Ökono-
       misten des  17. Jahrhunderts,  der Reichtum Hollands, wo low rate
       of interest  3*). Child  macht diesen  low rate  of interest  zum
       Grund des Reichtums, Manley sagt, daß er nur die Folge.
       
       "Um zu  wissen, ob  ein Land  arm oder  reich ist, hat man nur zu
       fragen: Welches ist der Zinsfuß des Geldes." (l.c.p. 74.)
       "Als Vorkämpfer  der verschlagenen  und furchtsamen Bande der Wu-
       cherer errichtet er seine Hauptbatterie an dem Punkt, den ich für
       den schwächsten  erklärt habe... er leugnet gradezu, daß der nie-
       dere Zinsfuß  die Ursache  des Reichtums  sei, und versichert, er
       sei nur seine Wirkung." (p. 120.)
       "Wenn man den Zins reduziert, sind die, die ihr Geld rückfordern,
       gezwungen, Ländereien  zu kaufen"  (deren Preis  steigt durch die
       quantité des  acheteurs 4*)) "oder es in dem commerce 5*) zu pla-
       cieren." (p. 133.)
       "Solange der Zins 6% ist, wird niemand sich exponieren, Risiko zu
       laufen in dem Seehandel, um nur 8-9% zu gewinnen, ein Profit, wo-
       mit die Holländer, die das Geld zu 4 und 3% haben, sehr zufrieden
       sind." (p. 134.)
       "Der niedrige  Zins und  der hohe Preis der Ländereien zwingt den
       Kaufmann beständig,  beim commerce  zu bleiben."  (p. 140.)  "Die
       Zinsreduktion führt eine Nation zur Sparsamkeit." (p. 144.)
       "Wenn es  der Handel  ist, der  ein Land bereichert, und wenn die
       Herabsetzung des  Zinses den  Handel vermehrt, so ist eine Reduk-
       tion des  Zinses oder  Beschränkung des Wuchers ohne Zweifel eine
       primäre und  hauptsächliche Ursache  der Reichtümer einer Nation.
       Es ist  durchaus nicht  absurd zu  sagen, daß  dieselbe Sache  zu
       gleicher ¦¦950b¦  Zeit   U r s a c h e   unter gewissen Umständen
       und Wirkung unter andern sein kann." (p. 155.)
       "Das Ei  ist die Ursache der Henne, und die Henne ist die Ursache
       des Eis.  Die Zinsenredukion kann also eine Vermehrung des Reich-
       tums und die Vermehrung des Reichtums eine noch größere Zinsenre-
       duktion verursachen. Die erstere läßt sich durch ein Gesetz tun."
       (p. 156.)
       "Ich bin  der Verteidiger  der Industrie, und mein Gegner vertei-
       digt die Faulheit und den Müßiggang." (p. 179.)
       
       Hier direkt  als Vorkämpfer  des industriellen  und kommerziellen
       Kapitals. ¦XV-950b¦¦
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       1*) Abhandlung  - 2*)  "Vorkämpfer der  Wucherer" -  3*) niedrige
       Zinsrate - 4*) Menge der Käufer - 5*) Handel
       

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