Quelle: MEW 26.3 Theorien über den Mehrwert - Dritter Teil
zurück
#254# Einundzwanzigstes Kapitel
-----
2. Ravenstone. [Das Kapital als Mehrprodukt. Verwechslung der
antagonistischen Form der kapitalistischen Entwicklung mit ihrem
Inhalt. Negatives Urteil über die Ergebnisse der kapitalistischen
Entwicklung der Produktivkräfte]
¦¦861¦ Piercy Ravenstone, M.A. "Thoughts on the Funding System,
and its Effects", London 1824.
Höchst merkwürdige Schrift.
Der Verfasser des vorigen Pamphlets faßt die surplus value in ih-
rer Urform, der s u r p l u s l a b o u r. Die Länge der Ar-
beitszeit bildet daher seinen Hauptgesichtspunkt. Namentlich Auf-
fassung der s u r p l u s l a b o u r oder value in ihrer ab-
soluten Form; Verlängerung über die Arbeitszeit hinaus, die zur
Reproduktion des Arbeiters selbst nötig, nicht Verkürzung der ne-
cessary labour durch Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit.
Die Verkürzung dieser necessary labour ist Hauptgesichtspunkt bei
Ric[ardo], aber, wie sie es in der kapitalistischen Produktion
ist, als Mittel, die dem Kapital zufallende Arbeitszeit zu ver-
längern. Dagegen spricht das Pamphlet als letzten Zweck
V e r k ü r z u n g d e r A r b e i t s z e i t für die Produ-
zenten aus und Wegfallen des Arbeitens für den p o s s e s s o r
o f s u r p l u s p r o d u c e 1*).
Ravenstone scheint den Arbeitstag als gegeben vorauszusetzen. Was
er also besonders ins Auge faßt - auch wie das frühere Pamphlet,
so daß das Theoretische nur unterläuft -, ist die relative sur-
plus value oder das surplus produce (das dem Kapital anheim-
fallende) infolge der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit.
Wie bei diesem Standpunkt überhaupt, wird die surplus labour mehr
in der Form des surplus produce, während in dem frühren das sur-
plus produce mehr in der Form der surplus labour aufgefaßt.
"Lehren, daß der Reichtum und die Macht einer Nation von ihrem
Kapital abhänge, heißt, den Gewerbefleiß zur Magd des Reichtums,
die Menschen dem Eigentum dienstbar machen." (l.c.p. 7.)
Bei dem Gegensatz, den die Ric[ardo]sche Theorie hervorrief - auf
[Basis] ihrer eignen Voraussetzungen -, dies das Charakteristi-
sche:
Im selben Maß, wie sich die politische Ökonomie entwickelte - und
diese Entwicklung, soweit es die Grundprinzipien betrifft, er-
hielt den
-----
1*) Besitzer des Mehrprodukts
#255# Gegensatz gegen die Ökonomen...
-----
schärfsten Ausdruck in Ricardo -, stellte sie Arbeit dar als das
einzige Element des Werts und den einzigen Schöpfer des Ge-
brauchswerts und Entwicklung der Produktivkräfte als das einzige
Mittel zur wirklichen Vermehrung des Reichtums; möglichste Ent-
wicklung der Produktivkräfte der Arbeit als die ökonomische Basis
der Gesellschaft. Dies in der Tat die Basis der k a p i t a l i-
s t i s c h e n P r o d u k t i o n. Ric[ardo]s Schrift nament-
lich, indem sie das Gesetz des Werts als weder durch Grund-
eigentum, kapitalistische Akkumulation etc. gebrochen darstellt,
ist eigentlich nur damit beschäftigt, alle Widersprüche oder
Phänomene, die dieser Auffassung zu widersprechen scheinen, zu
beseitigen. Aber in demselben Maß, wie Arbeit als e i n z i g e
Quelle des Tauschwerts begriffen und als die aktive Quelle des
Gebrauchswerts, in demselben Maß wird "K a p i t a l" von
denselben Ökonomen, und namentlich auch von Ricardo (noch mehr
von Torrens, Malthus, Bailey etc. nach ihm) als der Regulator der
Produktion, Quelle des Reichtums und Zweck der Produktion
aufgefaßt, Arbeit dagegen als Lohnarbeit, deren Träger [und]
wirkliches Instrument notwendiger Pauper (wozu außerdem noch
Malthus' Populationstheorie hinzukam) - bloße Produktionskost und
Produktionsinstrument - auf das Minimum des Salairs angewiesen,
unter das er fallen muß, sobald er in einer für das Kapital
"überflüssigen" Masse existiert. In diesem Widerspruch sprach die
politische Ökonomie bloß das Wesen der kapitalistischen
Produktion aus oder, wenn man will, der Lohnarbeit aus; der sich
selbst entfremdeten Arbeit, der der von ihr geschaffne Reichtum
als fremder Reichtum, ihre eigne Produktivkraft als Pro-
duktivkraft ihres Produkts, ihre Bereicherung als Selbstverar-
mung, ihre gesellschaftliche Macht als Macht der Gesellschaft
über sie gegenübertritt. Aber diese bestimmte s p e z i f i-
s c h e, historische Form der gesellschaftlichen Arbeit wie sie
in der kapitalistischen Produktion erscheint, sprechen diese
Ökonomen als allgemeine, ewige Form, Naturwahrheiten aus, und
d i e s e Produktionsverhältnisse als die absolut (nicht
historisch) notwendigen, naturgemäßen und vernünftigen
Verhältnisse der gesellschaftlichen Arbeit. Durchaus befangen in
dem Horizont der kapitalistischen Produktion, erklären sie die
g e g e n s ä t z l i c h e Form, worin die gesellschaftliche
Arbeit hier erscheint, für ebenso notwendig als diese Form
selbst, befreit von diesem Gegensatz. Indem sie so auf der einen
Seite die A r b e i t absolut (weil ihnen Lohnarbeit mit Arbeit
identisch) und auf der andren Seite ebenso absolut das Kapital,
die Armut des Arbeiters und den Reichtum des Nichtarbeiters in
demselben Atem als einzige Quelle des Reichtums aussprechen, be-
wegen sie sich beständig in absoluten Widersprüchen, ohne die ge-
ringste Ahnung darüber. (Sismondi macht durch seine Ahnung dieses
Widerspruchs Epoche
#256# Einundzwanzigstes Kapitel
-----
in der politischen Ökonomie.) "Labour o r Capital" 1 - in die-
ser Phrase Ricardos tritt der Widerspruch und die Naivität, mit
der er als Identisches ausgesprochen ist, schlagend hervor.
Es war aber klar, daß - da dieselbe reale Entwicklung, die der
bürgerlichen Ökonomie diesen theoretisch rücksichtslosen Ausdruck
gab, die in derselben enthaltnen realen Widersprüche entwickelt,
namentlich den Gegensatz zwischen dem wachsenden Reichtum der
"Nation" in England und der wachsenden Misere der Arbeiter, da
ferner diese Widersprüche in der R[icardo]schen Theorie etc.
einen theoretisch schlagenden, wenn auch unbewußten Ausdruck er-
halten - es war natürlich, daß die ¦¦XV-862¦ Geister, die sich
auf die Seite des Proletariats stellten, den theoretisch für sie
schon zurechtgemachten Widerspruch aufgriffen. Die Arbeit ist die
einzige Quelle des Tauschwerts und der einzige aktive Schöpfer
des Gebrauchswerts. So sagt ihr. Anderseits sagt ihr, das
K a p i t a l ist alles, der Arbeiter nichts oder bloße Produk-
tionskost des Kapitals. Ihr habt euch selbst widerlegt. Das Kapi-
tal ist n i c h t s als Prellerei des Arbeiters. Die A r-
b e i t ist a l l e s.
Dies ist in der Tat das letzte Wort aller der Schriften, die das
proletarische Interesse vom Ric[ardo]schen Standpunkt, auf dem
Boden seiner eignen Voraussetzungen vertreten. Sowenig er die
Identität von Kapital und Arbeit in seinem System begreift, sowe-
nig begreifen sie den Widerspruch, den sie darstellen, weshalb
die bedeutendsten unter ihnen, wie Hodgskin z.B., alle ökonomi-
schen Voraussetzungen der kapitalistischen Produktion selbst als
ewige Formen akzeptieren und nur das Kapital streichen wollen,
die Basis und zugleich die notwendige Konsequenz.
Der Hauptgedanke bei R a v e n s t o n e ist:
Die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit schafft
K a p i t a l oder P r o p e r t y 2*), d.h. ein surplus pro-
duce for "idlers", Faulenzer, Nichtarbeiter, und zwar erzeugt die
Arbeit dieses ihr Parasitengewächs, das sie bis aufs Mark aus-
saugt, in um so höherm Grad, als ihre Produktivkraft entwickelt
wird. Ob der Titel an dies surplus produce oder die Macht, sich
das Produkt fremder Arbeit anzueignen, an den Nichtarbeiter kommt
dadurch, daß er sich schon im Besitz von Reichtum befindet oder
von Grund und Boden, Grundeigentum, ändert an der Sache nichts.
Beides ist K a p i t a l, d.h. Herrschaft über das Produkt
fremder Arbeit. Eigentum, property, heißt bei R[avenstone] nur
Aneignung der Produkte fremder Arbeit, und diese nur möglich und
nur in dem Grade möglich, als die p r o d u k t i v e
I n d u s t r i e sich
-----
1*) "Arbeit oder Kapital" - 2*) Eigentum
#257# Gegensatz gegen die Ökonomen...
-----
entwickelt. Unter produktiver Industrie versteht R[avenstone] die
Industrie, die necessaries 1*) produziert. Eine Folge der Ent-
wicklung des Kapitals oder property ist die unproductive indu-
stry, die i n d u s t r y o f c o n s u m p t i o n [66]. Wie
der Verfasser des obigen Pamphlets, erscheint R[avenstone] aske-
tisch. Er ist darin selbst wieder in der Vorstellung der Ökonomen
befangen. Ohne das K a p i t a l, ohne die p r o p e r t y,
würden die necessaries des Arbeiters im Überfluß produziert wer-
den, aber keine Luxusindustrie stattfinden. Oder es kann auch ge-
sagt werden, daß R[avenstone] sowohl wie der Verfasser des obigen
Pamphlets die h i s t o r i s c h e N o t w e n d i g k e i t
des Kapitals soweit begreifen oder wenigstens faktisch zugeben,
als es nach dem ersten Surplusarbeit produziert über die zum
strikten Unterhalt nötige Arbeit und zugleich Schöpfung von Ma-
schinerie (capital fixe bei ihm) und auswärtigem Handel, Welt-
markt, herbeiführt, um das den Arbeitern entrißne surplus produce
teils zur Vermehrung der Produktivkraft zu vernutzen, teils um
diesem surplus produce die mannigfaltigsten, über der Notdurft
stehenden Formen des Gebrauchswerts zu geben. So, bei
R[avenstone], würden ohne c a p i t a l u n d p r o p e r t y
weder "conveniencies" 2 geschaffen, noch Maschinerie, noch Lu-
xusproduktion, noch [gäbe es] die Entwicklung der Naturwissen-
schaften, noch die geistigen Produktionen, die der Muße geschul-
det sind oder dem Trieb der Reichen, für ihr "surplus produce"
von Nichtarbeitern ein Äquivalent zu erhalten.
Dies ist der Pamphletär und R[avenstone] nicht als Rechtfertigung
des Kapitals, sondern machen es zu einem Punkt des Angriffs, weil
alles das bloß im G e g e n s a t z gegen und nicht f ü r die
Arbeiter geschieht. Sie geben aber so faktisch zu, daß es ein Re-
sultat der kapitalistischen Produktion, daß sie so eine histori-
sche Form für die gesellschaftliche Entwicklung, wenn auch im Ge-
gensatz zu dem Teil der Bevölkerung, der die Basis dieser ganzen
Entwicklung bildet. Sie teilen hierin - wenn auch von dem umge-
kehrten Pol - mit den Ökonomen die Borniertheit die
g e g e n s ä t z l i c h e F o r m dieser Entwicklung mit ih-
rem Gehalt selbst zu verwechseln. Die einen wollen den Gegensatz
verewigen seiner Frucht wegen. Die andren sind entschlossen, um
den Gegensatz loszuwerden, die in dieser antagonistischen Form
herangewachsenen Früchte aufzuopfern. Es unterscheidet dies die-
sen Gegensatz gegen die Ökonomie von dem gleichzeitigen Owens
etc. Anderseits auch Sismondis, der zu veralteten Formen des Ge-
gensatzes zurückflüchtet, um ihn in seiner akuten Form loszuwer-
den.
-----
1*) zum Leben notwendige Dinge - 2*) Kapital und Eigentum weder
"Annehmlichkeiten"
#258# Einundzwanzigstes Kapitel
-----
Es sind die "wants" 1*) der Armen, die "seinen" (des Reichen)
"Reichtum schaffen... Wären alle gleich, so würde keiner für den
andern arbeiten. Die zum Leben notwendigen Dinge wären im Über-
fluß vorhanden, während der Komfort des Lebens gänzlich fehlen
würde." (p. 10.) "Die Arbeit, die produziert, ist der Vater des
Eigentums; das, was die Konsumtion fördert, ist sein Kind." (p.
12.) Die Zunahme von Eigentum, diese größere Fähigkeit, Müßiggän-
ger und unproduktive Arbeit zu unterhalten, ist es, was die poli-
tische Ökonomie als Kapital bezeichnet. (p. 13.) "Da die Bestim-
mung des Eigentums das Ausgeben ist, da es ohnedem für seinen Be-
sitzer völlig nutzlos bleibt, ist sein Vorhandensein aufs engste
mit ¦¦863¦ der industriellen Konsumtion verbunden." (l.c.)
"Wenn die A r b e i t jedes Mannes nur g e n ü g e n w ü r-
d e, s e i n e e i g n e N a h r u n g z u s i c h e r n,
könnte es kein Eigentum geben, und kein Teil der Arbeit des
Volkes könnte darauf verwendet werden, für die Bedürfnisse der
Einbildung zu arbeiten. (p. 14, 15.)
"In jedem Zustand der Gesellschaft n i m m t d i e Z a h l
d e r j e n i g e n, d i e a r b e i t e n, i n d e m M a-
ß e a b, in dem die Zunahme und die Verbesserungen der Technik
die Produktivkraft des Menschen vermehren ... Das Eigentum
entsteht aus der Verbesserung der Produktionsmittel; sein
einziges Geschäft ist die Förderung des Müßiggangs. Solange jedes
Menschen Arbeit knapp zu seiner eigenen Erhaltung ausreicht, wird
es keine Müßiggänger geben, weil kein Eigentum möglich ist. Kann
dagegen eines Menschen Arbeit fünf erhalten, dann werden auf je-
den in der Produktion beschäftigten Menschen vier Müßiggänger
kommen: nur auf diese Weise kann das Produkt konsumiert werden...
Das Streben der Gesellschaft geht dahin, den Müßiggänger auf Ko-
sten des Fleißigen zu erheben, den Überfluß in Macht zu verwan-
deln." (p. 11.)
{Mit Bezug auf rent (nicht ganz richtig; da grade hier zu erklä-
ren, warum [Rente] to the 2*) landlord, nicht to the farmer, the
industrial capitalist geht) sagt er, was von der surplus value
überhaupt gilt, soweit sie sich entwickelt durch die Zunahme in
der Produktivkraft der Arbeit:
"In den Anfängen der Gesellschaft, wenn die Menschen noch keine
künstliche Unterstützung für ihre Arbeitskräfte haben, ist der
Teil ihres Erwerbs, der als Rente abgegeben werden kann, ausneh-
mend klein; denn der Boden hat keinen natürlichen Wert, er schul-
det sein ganzes Produkt der Arbeit. Aber jede Zunahme der Kunst-
fertigkeit vermehrt den Teil, der als Rente beiseite gelegt wer-
den kann. Wo die Arbeit von 9 erheischt für den Unterhalt von 10,
kann nur 1/10 des Bruttoprodukts zur Rente gehn. Wo 1 Mannes Ar-
beit für 5 genügt, werden 4/5 auf die Rente oder die Bedürfnisse
des Staates entfallen, die nur befriedigt werden können aus dem
Mehrprodukt der Arbeit. Das erste scheint der Fall in England ge-
wesen zu sein zur Zeit der Eroberung; das zweite jetzt, wo nur
1/6 im Ackerbau beschäftigt ist." (p. 45, 46.) "So wahr ist es,
daß die Gesellschaft jede Verbesserung nur zu einer Vermehrung
des Müßigganges gestaltet." (p. 48.)}
-----
1*) "Nöte - 2*) an den
#259# Gegensatz gegen die Ökonomen...
-----
A n m e r k u n g. Die Schrift originell. Ihr eigentlicher Ge-
genstand, wie der Titel besagt: das moderne Staatsschuldensystem.
U.a. sagt er:
"Der ganze Krieg gegen die Französische Revolution hat nichts
Größeres bewirkt als die Verwandlung einiger Juden in Gentlemen
und einiger Dummköpfe in politische Ökonomen. (p. 66, 67.) "Ein
Gutes hat das Schuldensystem, obgleich es dem alten Adel vom
Lande einen großen Teil seines Eigentums raubt, um es jenen neu-
modischen Hidalgos als eine Belohnung für ihre Geschicklichkeit
in den Künsten des Betrugs und der Unterschlagung zu übergeben
... Wenn es Betrug und Gemeinheit fördert, Scharlatanerie und An-
maßung in das Gewand der Weisheit kleidet, wenn es ein ganzes
Volk in eine Nation von Börsenspekulanten verwandelt..., wenn es
alle Vorurteile des Ranges und der Geburt niederreißt und Geld
zum einzigen Unterscheidungsmerkmal unter den Menschen macht...,
so zerstört es die Ewigkeit des Eigentums." (p. 51, 52.)
zurück