Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969
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Literatur
WALTER TUCHSCHEERER: BEVOR 'DAS KAPITAL' ENTSTAND. DIE
HERAUSBILDUNG UND ENTWICKLUNG DER ÖKONOMISCHEN THEORIE
VON KARL MARX IN DER ZEIT VON 1843 BIS 1958
Berlin: Akademie Verlag, 1968. 493 S., Leinen 25,- DM.
Die Diskussion um Marx und den Marxismus konzentriert sich seit
einiger Zeit auf die Probleme der Genese sowie der Struktur des
Marxschen Gesamtwerkes. Und das weniger im Sinne biographischer
Exaktheit oder philologischer Exegese als vielmehr zu dem Zwecke,
durch das Sichtbarmachen der Darstellungsweise und Methode des
Werkes von Marx erst dessen adäquates Verständnis zu ermöglichen.
Der von Marx 1857/59 geschriebene Rohentwurf des 'Kapitals' ist
dabei von grundlegender Bedeutung, weil er zugleich die bruchlose
Entwicklung des Marxschen Denkens wie auch seine Arbeitsmethode
in Forschung und Darstellung zeigt. In Tuchscheerers Buch sind
die 'Grundrisse' der Zielpunkt, weil mit ihm die Hauptzüge der
Marxschen Ökonomie ausgearbeitet sind. Der Ansatz von Tuchschee-
rer sticht zunächst wohltuend von den üblichen Schemata westli-
cher Marxologen ab, die - wie etwa Schumpeter oder Fetscher -
glauben, Marx' Gedankengänge in Kategorien wie Philosophie, Öko-
nomie, Politik usw. hineinpressen zu können, ohne daß der Marx-
sche Impetus und Zusammenhang Schaden erleidet.
Tuchscheerer beginnt mit den frühen Schriften von Marx, um die
Entwicklung seiner ökonomischen Theorie nachzuzeichnen. Dabei
steht im Mittelpunkt der Kern der Marxschen Ökonomie: das Wertge-
setz. Das Buch verfolgt im Hinblick auf das voll entwickelte
Wertgesetz im 'Kapital' den Entstehungsprozeß dieses Gesetzes von
den ersten journalistischen Publikationen über die 'Pariser Manu-
skripte' und die Exzerpthefte, die 'Heilige Familie', die
'Deutsche Ideologie', das 'Elend der Philosophie', 'Lohnarbeit
und Kapital' bis zum fast fertigen Gebäude der Arbeitswertlehre
in den 'Grundrissen'.
Überzeugend zeichnet T. nach, wie Marx - und teilweise Engels -
zunächst in Empörung über die gesellschaftlichen Verhältnisse das
Kind mit dem Bade, d.h. mit dem Zynismus des Bankiers Ricardo
auch den rationellen Kern seiner Lehre, die Arbeitswerttheorie,
ausschütten, wie sie zunächst dagegen die Redeweise von den an-
geblich den Wert allein bestimmenden Angebots- und Nachfrageströ-
men ins Feld führten, ohne sich darüber klar zu werden, daß dies
nichts erklärt außer Schwankungen um eine gewisse Größe, die un-
erklärt bleibt (mit seiner sich entwickelnden Theorie lief bei
Marx immer auch Selbstkritik an seinen früheren Meinungen einher:
die meisten bürgerlichen Marxkritiker könnten in ihren Polemiken
durchaus bei Marx selber Vorbilder wie auch dann vorweggenommene
Kritik ihrer Meinungen finden), um dann auf der Grundlage der
Lehren der klassischen politischen Ökonomie die eigene zu entwic-
keln, die vor allen Dingen darin neu ist, daß sie die ökonomi-
schen Kategorien als gesellschaftliche und historisch wandelbare
Verhältnisse und den Profit als eine Erscheinungsform des durch
Mehrarbeit entstehenden Mehrwerts begreift. Wenn dabei auch ei-
nige Schwächen auffallen wie die ehrerbietigen Kratzfüße vor man-
chen trivialen Aussagen von Marx, die dadurch in die Nähe von Ge-
nialität rücken, und die oberflächliche Diskussion (meist aus
zweiter Hand) der Theoretiker der klassischen Ökonomie, die trotz
attestierten guten Willens doch schließlich als ziemlich lächer-
liche Ignoranten dastehen - wobei Ricardo noch am besten ab-
schneidet -, so liegen die Haupteinwände gegen dieses Buch auf
einer anderen Ebene: Der oben gelobte Ansatz Tuchscheerers, der
Schluß zu machen schien mit der Arbeitsteilung von Philosophie
und Ökonomie bei Marx, erweist sich dem Leser bald als Pferdefuß,
da zwar adäquat zum Inhalt des Marxschen Werkes die ökonomischen
Verhältnisse als die letztendlich bestimmenden Kräfte angesehen
werden, aber es wird doch keine vernünftige, d.h. als notwendig
zu erkennende Vermittlung mit den philosophischen Kategorien von
Marx aufgezeigt.
Da dies bei T. nicht einmal als Problem auftaucht und auch nicht
gesehen wird, daß die ökonomische Theorie von Marx bloß inadäquat
nur-ökonomisch referiert oder kritisiert werden kann, ist es
nicht verwunderlich, wie die "Entfremdungsproblematik" verschämt
als Instrument der Gesellschaftsanalyse aufgefaßt wird, die beim
späten, "realistischen" Marx durch das bessere Instrument des
Wertgesetzes ausgewechselt wurde - wobei leider auch nicht dem
Marxschen Hinweis, daß das Wertgesetz das erste ökonomische Ge-
setz jeder Gesellschaft sei, nachgegangen wird (S. 377, S. 389) -
und wie die entfremdete Arbeit in den "Pariser Manuskripten" we-
der zureichend referiert noch als Ursache (nicht Folge!) des Pri-
vateigentums dargestellt wird, wie es bei Marx eindeutig nach-
zulesen ist. Trotz dieser Mängel ist das Werk von T. zu empfeh-
len, zumal außer einer sowjetischen Arbeit und da neuen Buch von
Mandel diese Thematik für breite Leserschichten nicht behandelt
ist und die ökonomische Theorie jedenfalls im engeren Sinne bis
zu den "Grundrissen" in pädagogisch ansprechender, weil trotz
vieler Wiederholungen nicht langweilender Form dargeboten wird.
Die vom Verfasser geplante Fortführung des Werkes bis zum
"Kapital" werden wir leider nicht mehr lesen können: Walter Tuch-
scheerer starb im April 1967 im Alter von 38 Jahren.
Hans-Dieter Bamberg
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