Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969
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Literatur
SERGE MALLET: LA NOUVELLE CLASSE OUVRIÈRE
Collections Esprit "La Cité" Prochaine". Paris: Editions du Su-
eil, 1963. Leinen, 9.85 NF.
Die Untersuchung von Serge Mallet über sozioprofessionelle Rekru-
tierung und gewerkschaftliche Organisationsformen der Arbeiter-
klasse in den technologisch fortgeschrittensten Sektoren der
französischen Industrie ist mittlerweile über 10 Jahre alt; ihre
Publikation liegt um 6 Jahre zurück. Besonders aus zwei Gründen
erscheint die bevorstehende Übersetzung der Malletschen Arbeit
ins deutsche durch die EVA dennoch verdienstvoll:
1. In der Verbindung von politökonomischer Analyse, Betriebsmono-
graphie und Interview realisiert Mallet einen theoretisch-empiri-
schen Forschungsansatz, der bis heute auch von solchen Autoren
innerhalb der deutschen Industrie- und Betriebssoziologie nicht
eingelöst ist, deren Arbeiten sich an Marxschen Fragestellungen
orientieren (vgl. etwa: S. Braun: ZUR SOZIOLOGIE DER ANGESTELL-
TEN, Ffm., 1964). Mallet selbst ist freilich an methodologischen
Finessen weniger interessiert - er versteht seine Arbeit eher als
kämpferischen Beitrag zur Arbeiterbewegung denn als wissenschaft-
liche Abhandlung.
2. Mit der Frage nach dem gesellschaftlichen und politischen Sta-
tus der Arbeiterklasse in den technologisch fortgeschrittensten
Sektoren der Industrie - d.h. nach den Arbeitsmerkmalen, der be-
ruflichen Zusammensetzung, nach den Formen der Artikulierung ih-
rer sozioprofessionellen und (gewerkschafts)-politischen Interes-
sen, sowie schließlich nach, ihrem politischen Bündnispotential -
versucht sich Mallet an einer empirisch gesicherten Aussage über
eine wichtige Fraktion der Arbeiterklasse in dem sich fortentwic-
kelnden kapitalistischen Gesellschaftssystem. Der numerische Be-
standteil dieser "neuen" Arbeiterklasse an der Gesamtarbeiter-
schaft in seiner Entwicklungstendenz und seine Differenzierung
nach industriellen Sektoren wird freilich bei Mallet nirgendwo
ausgewiesen. Mallet erschließt den Zusammenhang zwischen den drei
Bezugsebenen seiner Analyse - ökonomische Tendenzanalyse, sozio-
professionelle Strukturmerkmale und politiko-syndikalistische Or-
ganisationsformen - durch eine Verbindung von historischer Vorge-
hensweise und analytischer Systematik: Mit Hilfe des von dem
französischen Arbeitssoziologen A. Touraine entwickelten Dreipha-
senschemas der industriellen Entwicklung (vgl. A. Touraine: LA
CONSCIENCE OUVRIERE, Paris 1966) ermittelt Mallet den Stellenwert
der fortgeschrittenen Technologie für die Arbeitsbedingungen im
kapitalistischen Industriebetrieb und die dadurch möglichen neuen
gewerkschaftlichen Organisationsformen. Während in der Phase A,
der Phase des Familien- oder Gruppenkapitalismus, durchgehend
noch handwerkliche Arbeitsformen existieren ohne ausgeprägte Ar-
beitsteilung, ist die Phase B der rapiden Industrialisierung
durch die Fragmentierung aller Tätigkeiten des Arbeiters in der
großen Industrie gekennzeichnet (vgl. die Darstellung von Marx:
KAPITAL, Bd. I, 11.-13. Kap.). Innerhalb dieser Phase der Entste-
hung der großen Industrie - etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts -
läßt sich die proletarische Situation noch als einheitliche be-
greifen: Kollektiv erfahrener Ausbeutung im Betrieb und dem ge-
meinsam erfahrenen Schicksal der Verelendung als industrielle Re-
servearmee entspricht die kollektive Entrechtung und Unter-
drückung im außerbetrieblichen und allgemein politischen Bereich.
Die Antwort auf diese objektiven Bedingungen ist die Solidarität
der Arbeiterbewegung. Im Übergang zur Phase C jedoch kündigt sich
eine gegenläufige Bewegung an: Die politischen und gewerkschaft-
lichen Kader innerhalb der Arbeiterbewegung entfremden sich in
zunehmender Bürokratisierung von den Arbeitermassen. Mit der In-
tegration der Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Staatsap-
parat nach 1945 sinkt der Anteil der Organisierten, die Kluft
zwischen Mitgliedern und Funktionären wächst; mit der Parlamenta-
risierung und Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung - exempla-
risch dokumentiert in den immanenten Widersprüchen der
"participation conflictuelle" im Nachkriegsfrankreich - mit der
zunehmenden Diskrepanz zwischen verbalem Radikalismus und objek-
tiv revisionistischem Verhalten der PCF und CGT entfremden sich
die Arbeiter zusehends von den Organen der Artikulierung ihrer
politischen Interessen. Die Phase C - die Automation und die da-
mit verbundene Revolution der industriellen Technologie - führt
nach Mallet schließlich zu einer qualitativen Veränderung der ob-
jektiven Arbeitsbedingungen: Die Parzellierung der Arbeit wird
aufgehoben; innerhalb sich selbst regulierender Fertigungsabläufe
hat der Arbeiter im wesentlichen nur die Funktion der Überwachung
und des regulierenden Eingreifens im Störungsfalle; die traditio-
nellen Antreiber-Vorarbeiter sind in hochautomatisierten Indu-
strien überflüssig. Mit diesen technologischen Bedingungen verän-
dern sich auch die Tätigkeitsmerkmale sowie die Kooperationsgrup-
pen des hochqualifizierten Arbeiters - seine Stellung ähnelt eher
der des Technikers als der des herkömmlichen Facharbeiters. An-
stelle der Solidarität der Arbeiterklasse tritt nach Mallet ein
differenziertes Beziehungsgeflecht integrierter Gruppen, in denen
Techniker, Ingenieure und hochqualifizierte Arbeiter zusammenar-
beiten und die keine soziale Hierarchie mehr kennen, sondern nur
noch technische Arbeitsteilung.
Mit der Entwicklung der kapitalistischen Unternehmung entlang der
drei Phasen - deren Trennung vorwiegend analytischen Charakter
hat, denn die gegenwärtige Wirtschaftsstruktur in Frankreich re-
produziert gleichzeitig-ungleichzeitig alle drei Phasen - verän-
dern sich auch die überbetrieblichen Bedingungen und ihr Stellen-
wert für die Arbeitsorganisation. Innerhalb der antagonistischen
Elemente der kapitalistischen Gesellschaftsordnung legt Mallet
besonderes Gewicht auf die Analyse des Finanzmarktes.
Der technisch-ökonomische Kontext der bei Mallet untersuchten Un-
ternehmen bedingt auch die Formen der innerbetrieblichen Arbeits-
teilung zwischen Ingenieuren, Technikern und hochqualifizierten
Arbeitern. Innerhalb der integrierten Arbeitsgruppen in den hoch-
automatisierten Industrien rekrutiert sich die N CL O vor allem
aus zwei Kategorien von produktiven Arbeitern:
1. Eher noch in den traditionalen Kategorien von manueller Arbeit
begreifbar sind diejenigen Arbeiter, welche zur Überwachung, In-
ganghaltung und Reparatur der Anlagen eingesetzt sind - ihre Qua-
lifikationsmerkmale sind Erfahrung und Initiative, sie stellen
die Verbindung her zwischen einzelnen Produktionsphasen; gegen-
über der parzellierten Arbeit in der Taylorschen Fabrik, wo in
integrierten Kollektiven gearbeitet wird.
2. Die Techniker in den Forschungsbüros, die Ingenieure in den
Forschungs- und Konstruktionsabteilungen oder in der Fertigung
(von der AV bis zur Produktionsüberwachung) sind dagegen das ei-
gentlich "neue" Element innerhalb der N CL O; sie tendieren in
hochautomatisierten Industrien wie Machines Bull, Thomson-Houston
oder Caltex dahin, die erste Kategorie (und mehr noch natürlich
die traditionellen Hilfs- oder Facharbeiter) in ihrer numerischen
Anzahl übersteigen.
Beide Ebenen der objektiven Bedingungen im geplanten Kapitalismus
- Krisenanfälligkeit der großen Unternehmung und der wachsende
Stellenwert technologischer Parameter - reproduzieren sich auf
der Ebene der sozioprofessionellen Arbeitsbedingungen sowie der
gewerkschaftlichen Organisationsformen in den "neuen" Industrien.
Kennzeichnende Elemente der N CL O sind dabei nach Mallet: Inte-
gration der Arbeiter in die Unternehmung und betriebssyndikali-
stische Orientierung.
Diese Integration - von Mallet zu Recht unterschieden von der pa-
triarchalischen Integration des Arbeiters in den kapitalistischen
Familienbetrieb - erfolgt auf drei Ebenen:
1. der Löhne und Gehälter
2. der professionellen Rekrutierung und
3. der Arbeitsplatzsicherheit
Sowohl die Obsolenz der herkömmlichen Leistungsbewertung durch
die integrierten und automatisierten Fertigungsprozesse der Un-
ternehmen sowie deren langfristig kalkulierte Kostenstruktur als
auch die durch lange Einarbeitung, durch Spezialisierung und Qua-
lifizierung bedingte Arbeitsplatzsicherheit begründen nach Mallet
eine Verschiebung der Interessenlage gegenüber den traditionellen
Forderungen der Gewerkschaftsarbeit: eher als an Fragen der Loh-
nerhöhung entzünden sich die Konflikte an Forderungen nach Verän-
derung der bestehenden Entscheidungsstrukturen.
Mit wachsendem Qualifikationsniveau der Arbeiter rückt der Kampf
gegen die Zentralisierung der Entscheidungen durch das Management
und die Fremdbestimmung der Arbeit durch überbetriebliche Instan-
zen - seien dies Marktabsprachen oder staatliche Institutionen -
in den Vordergrund. Besonders in den staatlich kontrollierten Be-
trieben der Atomgüter- und Rüstungsproduktion hat dabei auch eine
Diskussion der Arbeiter, Techniker und Ingenieure über generelle
Verwertungszusammenhänge im Kapitalismus eingesetzt. Die Zielver-
schiebungen gegenüber den herkömmlichen Lohnkonflikten und die
damit verbundenen neuen Kampfformen in der Auseinandersetzung
zwischen Arbeit und Kapital enthüllen die Mehrdeutigkeit des von
Mallet verwandten Integrationsbegriffs. Vor allem auf der Ebene
der professionellen Rekrutierung entsteht innerhalb der inte-
grierten Arbeitsgruppen von Ingenieuren, Technikern und hochqua-
lifizierten Arbeitern eine gemeinsame sozioprofessionelle Orien-
tierung, in der die traditionellen Einstellungen der drei Gruppen
überlagert werden (nämlich Individualismus und Aufstiegsorientie-
rung beim Techniker, die ausschließlich an technischen Kriterien
orientierte "Rationalität" des Ingenieurs - d.h. die Internali-
sierung der kapitalistischen Rationalität, sowie die Relikte des
Klassenbewußtseins beim Arbeiter). Durch den Abbau sozialer Bar-
rieren zwischen den Gruppen wird damit die Artikulierung qualita-
tiv neuer Forderungen erst möglich. In den Streikaktionen von
1958 und 1968 bei Th.-Houston in Bagneux (arbeitet innerhalb der
Produktion von elektronischen Anlagen, auch für das französische
Verteidigungsministerium sowie für internationale Forschungsin-
stitutionen) traten besonders junge Arbeiter mit hohem Qualifika-
tions- und Organisationsgrad hervor (zumeist CGT und CFDT). Ihre
Forderungen richteten sich über die herkömmlichen Lohnfragen hin-
aus auf technische (Organisation der Arbeit) und ökonomische
Sachverhalte (Art der Investitionen, Stellung des Unternehmens am
Markt).
Die politisch-organisatorische Umsetzung dieser neuen Forderungen
vollzieht sich ebenfalls nicht mehr im Medium der traditionellen
Interessenvertretungen - d.h. im defensiven Antikapitalismus auf
Seiten der Arbeiter in PCF und CGT, und der ihr widersprechenden
Identifizierung der Ingenieure und zum Teil auch der Techniker
mit den Unternehmern. Die Interpretation und das Vorantreiben der
innerbetrieblichen Kämpfe wird einerseits in den Arbeitskollekti-
ven geleistet, andererseits in den übergewerkschaftlichen Komi-
tees, die auf der Ebene der gesamten Unternehmung tätig werden.
Mallet glaubt in diesen neuen Organisationsformen im gewerk-
schaftlichen Kampf das "archaische" Klassenbewußtsein abgelöst
durch den "esprit de l'entreprise" - durch innerbetriebliche syn-
dikalistische Orientierung. In den unterschiedlichen Strategien
von CGT und CFDT (keine Teilnahme an innerbetrieblichen Entschei-
dungen, Beschränkung der Forderungen auf Lohnfragen und einige
sozialpolitische Themen) versus Demokratisierung der innerbe-
trieblichen und z.T. der überbetrieblichen Entscheidungsbereiche
spiegeln sich nach Mallet die objektiven Ungleichzeitigkeiten der
Phase B und C der industriellen Entwicklung in Frankreich. Zwar
ist es der CFDT mit dieser Strategie eher als der CGT möglich ge-
wesen, mit den revolutionären Aktionen der französischen Arbeiter
im Mai 1968 Schritt zu halten, doch verkennt auch Mallet nicht
die Gefahr des Betriebspartikularismus, die solchem, auf innerbe-
triebliche Forderungen beschränkten, Kampf immanent ist: wenn die
historische Dimension der Arbeiterbewegung im Bewußtsein der
'militants' ihren Stellenwert verliert und die Verbindung des
Kampfes um innerbetriebliche Entscheidungsbereiche nicht verbun-
den wird mit dem politischen Kampf gegen den kapitalistischen
Staatsapparat, liegt die Möglichkeit der Integration der N CL O
durch die Herrschaftstechniken des kapitalistischen Systems auf
der Hand. Dieser immanente Widerspruch betriebssyndikalistischer
Organisations-Formen dokumentiert sich auch in der Parteizugehö-
rigkeit der CFDT en: ihre Kader gehören der linkssozialistischen
PSU an, die Anhänger sind Mitglieder der MRP (einer Vorläuferpar-
tei der Gaullisten), und die Wähler schließlich gehören zur gaul-
listischen UNR.
Die aus den qualitativ veränderten Arbeitsbedingungen in den
neuen Industrien resultierenden sozioprofessionellen Organisati-
onsformen und die damit verbundenen Zielverschiebungen in der ge-
werkschaftspolitischen Orientierung der N CL 0 werden - so pro-
gnostiziert Mallet abschließend - tendenziell zu einer Zweitei-
lung der Arbeiterbewegung führen: in eine traditionelle Richtung,
den CGT-PCF-Flügel, sowie in eine Richtung, welche den veränder-
ten objektiven Bedingungen in den automatisierten Industrien
Rechnung trage. Mit anderen Arbeitssoziologen wie Touraine, Na-
ville und Levebvre glaubt sich Mallet darin einig, daß die Forde-
rungen dieser in die Unternehmung integrierten "neuen" Arbeiter-
klasse auf jener Ebene liegen werden, die er in seinen Untersu-
chungen ermittelt hat: ... "orientiert an der Bewußtwerdung über
ökonomische Probleme sowie an der Notwendigkeit für den Arbeiter,
die Produktion auf allen ökonomischen Ebenen zu kontrollieren"
(S. 249). Langfristig sieht Mallet die traditionelle Arbeiter-
klasse in der N CL O absorbiert.
Die Veränderung von sozioprofessionellen Organisationsformen und
Bewußtseinsinhalten von Arbeitern, Technikern und Ingenieuren
durch technologische Entwicklungstendenzen ist seit der Mallet-
schen Untersuchung Gegenstand zahlreicher empirisch-theoretischer
Arbeiten gewesen; dabei scheinen sich die Malletschen Hypothesen
über die Entwicklungstendenzen der N CL O in ihrem Verhältnis zur
Arbeiterklasse insgesamt nicht bestätigt zu haben. Insbesondere
die französische Mai-Revolte - aber auch die seitherigen Klassen-
kämpfe in England und Italien - lassen die Malletsche Trennung
zwischen traditioneller und "neuer" Arbeiterklasse in der von ihm
getroffenen Form überhaupt problematisch erscheinen: Mandel
("Workers under Neo-Capitalism", ISR, Nov-Dec 1968) verweist dar-
auf, daß in der Besetzung der französischen Fabriken im Mai 1968
durch revolutionäre Arbeiter sich nicht nur die hochqualifizier-
ten Arbeiter und Techniker der halbautomatisierten Fabriken wie
CSF in Brest (Elektroindustrie) an der vordersten Front des Klas-
senkampfes befanden, sondern auch die Fließbandarbeiter von Ren-
ault und der Flugzeugfirma Sud-Aviation. Sogar in stagnierenden
Sektoren wie dem der Werftindustrien in Nantes und Saint Nazaire
organisierten sich die Arbeiter in der Forderung nach Arbeiter-
macht. "The Categories of 'old' and 'new' working class created
by Mallet do not correspond to the realities of the process."
(Mandel, a.a.O., S. 7)
Ebenso wie Mallet erkennt Mandel innerhalb der drei Gruppen von
produktiven Arbeitern eine technologisch verursachte Tendenz zur
Angleichung der sozioprofessionellen Bedingungen. Mehr als Mallet
betont Mandel jedoch den kapitalistischen Kontext solcher Verän-
derungstendenzen; während es bei Mallet manchmal scheinen will,
als enthielten die Arbeitsbedingungen in den "neuen" Industrien
gleichsam per se ein emanzipatorisches Moment, begreift Mandel
gegenüber dieser linkstechnokratischen Vorstellung unter dem
Aspekt der zunehmenden Konzentration und Zentralisation des Kapi-
tals die Homogenisierung der objektiven Situation der genannten
Gruppen als tendenzielle Proletarisierung. Die drei Indikatoren
für proletarische Situation sind nach Mandel (a.a.O., S. 5/6);
1. Schlüsselstellung der Arbeit im Produktionsprozeß
2. Entfremdete Arbeit
3. Ökonomische Ausbeutung der Arbeit.
Wenn man Mandels Tendenz-These von der Prolatisierung - auch der
intellektuellen Arbeit - zustimmt, wonach folgerichtig die Mal-
letsche N CL O lediglich eine Fraktion der Arbeiterklasse ist und
damit auch die Ausweitung des Klassenkampfes auf die gesamtpoli-
tische Ebene für die gesamte Arbeiterklasse notwendig wird, so
ist andererseits die augenblicklich noch andauernde partielle Un-
terschiedlichkeit der objektiven Situation zwischen Arbeitern,
Technikern und Ingenieuren eine Tatsache, an der keine theore-
tisch-empirische Analyse vorbeigehen kann; eine Tatsache, die si-
cher noch stärker für die deutschen als für die französischen
Verhältnisse gilt.
Beide Aspekte der objektiven Situation - bildlich gesprochen die
differenzierte Oberflächenstruktur von primärer und sekundärer
Sozialisation, Arbeitsbedingungen, materiellen Gratifikationen,
Aufstiegsbedingungen usw. sowie die gemeinsame Tiefenstruktur ei-
ner - sich nach Mandel verschärfenden - gemeinsamen proletarioden
Klassensituation sind auch in der Diskussion zwischen Vertretern
von CGT und CFDT analysiert worden (Mandel a.a.O., s.a. den Bei-
trag von Sebastian Herkommer in diesem Heft).
Elemente dieser Klassensituation sind z.B. Stellenwert des Lohn-
konflikts im Spätkapitalismus - anders gesagt: die Funktionalität
eines auf lohnpolitische Forderungen beschränkten Konflikts für
das kapitalistische Verwertungssystem; Probleme der Disqualifi-
zierung auch traditionell "schöpferischer" Tätigkeiten (Konstruk-
tion, Entwicklung usw.), sowie schließlich die Integration der
Ingenieure und Techniker in die Arbeiterbewegung - ein damit
verbundener wechselseitiger Lernprozeß. All diese verschiedenen
Aspekte derselben inhaltlichen Fragestellung - nämlich nach den
Bedingungen und Möglichkeiten einer sozialistischen Schulung von
Arbeitern, Ingenieuren und Technikern im Spätkapitalismus - sind
bisher nicht umfassend systematisiert und empirisch ermittelt
worden. Ein methodisch verfeinerter theoretischer Apparat im
Sinne der Malletschen Analyse, in welchem, unter Berücksichtigung
der angeführten Korrekturen, exemplarische Arbeitskonflikte wäh-
rend des französischen Mai sowie z.B. die seitherigen Klassen-
kämpfe in Italien aufgearbeitet werden müßten, wäre hierzu eine
wichtige Vorbedingung.
Niels Beckenbach
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