Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969


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       Editorial
       

ZUR ORGANISATIONSFORM DER SOPO

Das ausführliche Editorial dieser Ausgabe hat eine doppelte Funk- tion. Es soll zum einen Argumentationen und Ergebnisse von Dis- kussionen über die SOPO wiedergeben, die in der letzten Zeit stattgefunden haben. Zum anderen werden aus diesen Diskussionen die Organisationsformen entwickelt, die für die zukünftige Pro- duktion der SOPO bestimmend sind. I Entstehung und Entwicklung der SOPO lassen sich aus den bisher erschienenen Ausgaben ablesen. Dies ergänzend geben wir im fol- genden einen kurzen Bericht über unsere Arbeit. Unser Ziel war von Anfang an, eine politisch-ökonomische Zeit- schrift zu machen. Doch ergaben sich Realisierungsschwierigkeiten bei diesem Anspruch und der Intention, die unbegriffene Arbeits- teilung von Ökonomen, Soziologen, Politologen, Psychologen etc. a u f z u h e b e n. Durch eine ständig erweiterte redaktionelle Arbeit sollten die in verschiedenen Bereichen theoretisch und praktisch arbeitenden Kollektive und Genossen aus ihrer Isolation herausgeholt werden. Die SOPO sollte in einem solchen Arbeitspro- zeß sowohl Instrument der Vermittlung sein, als auch selbst strukturell an der Konsolidierung der Bewegung mitarbeiten. Fra- gestellungen sollten vor allem aus der politischen Praxis und der theoretischen Perspektive derjenigen kommen, die nicht in einer reaktionären Gesellschaft einen Scheinfreiraum erstreben, sondern die aufgrund ihrer Arbeit die Notwendigkeit der Wiederherstellung und Weiterentwicklung revolutionärer Theorie und ihrer prakti- schen Umsetzung erkannt haben. Wenn andere vergleichbare Organe Anfang 1969 dieser Funktion nachgekommen wären, hätten wir die SOPO nicht gemacht. Die Schaffung eines solchen Instrumentes - eine Zeitschrift immer als Instrument und damit - einem funktionalen Kontext begriffen - warf vor allem materielle Probleme auf. Organisatorische und öko- nomische Unabhängigkeit waren aber unbedingt notwendig, d.h. we- der Bindung an einen - den kapitalistischen Marktmechanismen un- terworfenen - Verlag noch an Organisationen und Verbände, die durch finanzielle Stützung diese Unabhängigkeit hätten gefährden können. Aufgrund der politischen Zielsetzung waren Gewinne nicht möglich, der Lebensunterhalt der an der SOPO Arbeitenden durfte also nicht an die Zeitschrift gebunden sein. Die politische Intention und der weitere Ausbau der SOPO sind un- trennbar verbunden mit Herstellung und Vertrieb der Zeitschrift. Aus diesem Grunde geben wir im folgenden einige technische Daten. Die Herstellung der SOPO erfolgt im Composer-Satz und Offset- druck. Ein Vergleich mit Publikationen, die im herkömmlichen Buchdruck erscheinen, zeigt, daß Composer-Satz nahezu doppelte Textmenge je Druckseite - und damit eine wesentliche Kostensen- kung - ermöglicht. Die verkaufte Auflage der SOPO beträgt z.Zt. 4.000 Exemplare, der Abonnentenstamm ist von 300 (Anfang 1969) auf 1.200 (Mitte November) gestiegen. Die Vertriebsrelation Westberlin/BRD ist etwa 1:2. Außerdem wird die SOPO in sämtlichen westeuropäischen Ländern Schwerpunkte in Österreich, Schweiz, Holland) und einigen ost- sowie außereuropäischen Ländern bezogen. Der Abonnements-Preis von DM 8,- (für Schüler, Lehrlinge, Studenten u.a.), das Voll-Abonnement von DM 12,- und der Einzelpreis von DM 3,- (unabhängig von Seitenzahl und Ver- sandadresse) ermöglichen den Kauf der SOPO auch für jene, die sich eine teure Zeitschrift nicht leisten können. Der Verkaufspreis der SOPO muß hier auch insofern erwähnt werden, als die politische Entwicklung in der BRD und Westberlin ein unübersehbares Heer von Linksgewinnlern produziert hat, die individuell oder kollektiv das Bedürfnis nach "linker' Theorie und Information in ihr materielles Interesse umformen. Die von uns als notwendig erachtete langfristige inhaltliche Ar- beit an der SOPO und die Schaffung eines neuen Redaktionsmodells auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrungen rückte im Herbst dieses Jahres in den Vordergrund. Aus der konkreten Arbeit und Kritik an der SOPO, aus der Diskussion über den Ausbau und das Programm der SOPO ergibt sich die Grundlage der folgenden Ausfüh- rungen, deren inhaltliche Gestaltung und Formulierung ein erstes Ergebnis der Diskussionen sind, an denen etwa 30 Genossen aus der BRD und Westberlin teilgenommen haben. II Die politische Funktion der SOPO ist bestimmt durch die Entwick- lung der sozialistischen Bewegung. Dennoch kann eine theoretische Zeitschrift nicht unmittelbar die Bewegung reproduzieren und in den täglichen Kampf eingreifen. Die allgemein erkannte Notwendig- keit der Erforschung der kapitalistischen Verhältnisse unserer Zeit macht eine Abstraktion von der unmittelbaren Erfahrungen und Vorstellungen aus der Praxis erforderlich, auch wenn diese Erfah- rungen zugleich erst die Voraussetzungen dafür bieten, daß die politisch r e l e v a n t e n Probleme zur theoretischen Dis- kussion gestellt werden. Mit den unmittelbaren Erfahrungen steht es wie mit den oberflächlichen Erscheinungsformen der kapitali- stischen Wirklichkeit und dem dahinter verborgenen wesentlichen Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital: "Die ersteren reproduzie- ren sich unmittelbar spontan, als gang und gäbe Denkformen, das andre muß durch die Wissenschaft erst entdeckt werden." (Kapital I) Damit die relevanten Fragen aber zur Diskussion gestellt und nicht unter Dogmen subsumiert werden, müssen die verschiedenen Fraktionen und Gruppen der sozialistischen Bewegung damit begin- nen, sich selbst als durch die gleichen gesellschaftlichen Ver- hältnisse bedingt zu begreifen, die revolutioniert werden sollen. Gegenwärtig formulieren die meisten arbeitenden Gruppen ihre strategischen und taktischen Konzeptionen in politisch-ökonomi- schen Kategorien ("konkrete Klassenanalyse", "Verwertungsschwie- rigkeiten des Kapitals"), ohne daß irgendeine von ihnen - ent- gegen dem oft aus ihrem fraktionistischen Verhalten gegeneinander erscheinenden Anspruch - behaupten könnte, die Analyse der monopolkapitalistischen Verhältnisse gleichzeitig in ihre Praxis einzubringen. Heute jedoch kann nicht mehr verdrängt werden, daß die nächsten Aufgaben der sozialistischen Bewegung nicht mehr ohne theoretische Anstrengung zu bestimmen sind. Eine Zeitschrift fr sozialistische Politik hat auch eine o r g a n i s i e r e n- d e Funktion in dem Maße, in welchem es ihr gelingt, durch die Kritik der Kategorien, worin die arbeitenden Gruppen ihre Praxis zu fassen suchen, als auch durch die Analyse der wirklichen Be- wegung des Kapitals an der Entwicklung der Theorie der Revolution mitzuarbeiten. Weil die richtige Theorie nur innerhalb konkreter Zustände und Kämpfe entwickelt und klaret macht werden kann, andererseits gleichwohl die Praxisbereiche, die jeweils die politisch bestim- menden sind, beim gegenwärtigen Zustand der sozialistischen Bewe- gung noch kaum vor einer langfristigen Strategie, sondern eher "konjunkturell" bestimmt sind, muß für die Arbeit an der SOPO eine Organisationsform gefunden werden, die garantiert, daß diese Zeitschrift weder zum "Eigentum" einer Gruppe von kritischen Theoretikern noch zum Organ einer Fraktion wird. Damit wird jede Verkürzung der Parteilichkeit auf fraktionelle Identifikation verhindert. Der skizzierte Charakter der Zeit- schrift verbietet deshalb die starre Bindung an bestimmte, im Au- genblick existierende Gruppierungen der sozialistischen Bewegung und damit die Einengung der Arbeit durch Satzungen. Es muß möglich sein, die Gruppierungen der Bewegung über die kon- tinuierliche Mitarbeit an der Zeitschrift selbst zu Diskussionen zu bringen, an denen auch jene sozialistischen Gruppen teilnehmen können, die n i c h t im momentanen Zentrum der Bewegung arbei- ten. Auch in der wissenschaftlichen Arbeit, und das heißt hier: in der Arbeit an der SOPO, ist der von v o r n h e r e i n kollektive Charakter der Arbeit bewußt zu machen und praktisch herzustellen. Das ist die Aufgabe des im folgenden skizzierten Modells. (Andererseits darf die Aufhebung der bürgerlichen Privataneignung der Arbeit nicht zur Flucht in die Kollektivität als Anonymität führen; die Arbeitsprodukte von Gruppen müssen namentlich gekenn- zeichnet sein.) Grundsätzlich ist von der phasenweisen Herstellung der SOPO aus- zugehen. Alle vorliegenden Arbeiten, Entwürfe, Arbeitsberichte, Rezensionen etc. müssen einzelnen Genossen und arbeitenden Grup- pen zugänglich sein, die dadurch in einem ständigen Diskussions- zusammenhang stehen. Zum Zwecke der Vordiskussion und kontinuier- lichen Kommunikation wird eine regelmäßige Korrespondenz einge- richtet. Die inhaltliche Diskussion über vorliegende oder ge- plante Arbeiten findet auf drei Ebenen statt: in und zwischen ar- beitenden Gruppen, in der Korrespondenz und in der SOPO selbst. Nur so können einzelne und Gruppen zur Mitarbeit angeregt, eine vorschnelle Verfestigung bis hin zur lokalen Cliquenbildung ver- hindert und die Kollektivierung der mit der Produktion der SOPO verbundenen Arbeiten erreicht werden. Das bedeutet insbesondere: Es wird kein festes, regelmäßig abgedrucktes Herausgeberkollegium geben. Die tatsächlich Mitarbeitenden werden jeweils in den Bei- trägen selbst und in den redaktionellen Anmerkungen und Begrün- dungen namentlich erscheinen. Für bestimmte Diskussionsschwer- punkte können von der für jedes Heft mindestens einmal - nach Möglichkeit an verschiedenen Orten - tagenden Redaktionskonferenz bestimmte Gruppen beauftragt werden (vgl. die Auseinandersetzung mit der Habermas-Schule, SOPO 4/69). Die Artikel werden deshalb weitgehend den Charakter von Diskussi- onsbeiträgen haben, also auf andere Stellungnahmen eingehen, bzw. selbst zu solchen auffordern. Durch diese Vermittlung von Beiträ- gen und Kritik würde tendenziell der Prozeß der "geistigen Pro- duktion" selbst modifiziert. Durch bewußte Arbeitsteilung, Kritik während des Entstehungsprozesses von Beiträgen kann die bisherige Vereinzelung zurückgedrängt werden. Diese Vermittlung führt letztlich auch dazu, daß in der SOPO nicht veröffentlichte Arbei- ten sich dennoch notwendig in einem Kommunikationsprozeß befin- den. Die Gründe für die Ablehnung eines Beitrages müssen publi- ziert werden. Diese organisatorische und inhaltliche Diskussion wiederum sollte in ständiger Verbindung mit den an der SOPO nicht unmittelbar Be- teiligten verlaufen (Kontakte mitarbeitenden Gruppen, Seminaren, ausländischen Genossen u.a.), auch zum Zwecke der weiteren Streu- ung der Zeitschrift (Abonnenten, Wiederverkäufer, Buchhandlun- gen). Um die materielle Basis für die theoretischen Auseinander- setzungen zu stärken, drucken wir von den längeren Beiträgen in der SOPO zusätzliche Exemplare, die wir arbeitenden Gruppen auf Anfrage kostenlos zur Verfügung stellen. Als organisierte Kritik erfüllt unsere Zeitschrift damit im Au- genblick eine Funktion der seit Monaten diskutierten Organisa- tion. Sie kann diese jedoch nicht ersetzen, vielmehr haben wir daran zu arbeiten, daß die SOPO sowohl durch die in ihr zu veröf- fentlichenden Kontroversen und Analysen als auch durch die Praxis der sie tragenden Gruppen in einer späteren Phase i n n e r- h a l b der neuen sozialistischen Organisation einen festen, auch organisatorisch fixierten Platz einnehmen kann. Redaktionskonferenz zurück