Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969

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FORMELN ZUM KAPITALISMUS 1. VERWERTUNGSPROZESS DES KAPITALS

Bild ansehen Mit dem hier abgebildeten Plakat beginnt die Europäische Verlags- anstalt mit einer Serie "Formeln zum Kapitalismus". Man kann sich nun also nicht nur Marxens Konterfei ins Zimmer hängen, sondern auch seine in Formeln gepreßte Theorie. Zu fragen ist, ob dadurch die Lektüre seiner Schriften ersetzt, erleichtert oder abgekürzt wird. Das Plakat stellt den kapitalistischen Verwertungsprozeß in einer merkwürdigen Formel dar: Pm / W-G W'-G' / \ \ / \ Ak P Danach beginnt also die Kapitalverwertung mit einer nicht weiter bestimmten Ware (die, wie der erste Pfeil links wohl andeuten soll, aus der Produktionssphäre stammt). Sie wird in Geld umge- setzt, das seinerseits in die Produktionsfaktoren Pm und Ak ver- wandelt wird. Daran schließt sich der Produktionsprozeß, der in W' (= c+v+m) resultiert, und dieses W' wird schließlich in G' um- gesetzt. Der Verwertungsprozeß beginnt also in dieser Formel mit W und endet mit G', besitzt also keine Kreislaufform. Eine solche eigentümliche Formel findet sich im Marxschen "Kapital" nirgendwo. Dort begegnen uns vielmehr folgende Formeln: 1) W-G-W als Zirkulationsform der einfachen Warenproduktion, d.h. beim Austausch von Waren, die Resultat der eignen Arbeit selb- ständiger Privatproduzenten sind (Kapital I, 120; vgl. überhaupt S. 49-160). 1) 2) G-W-G' als "allgemeine Formel des Kapitals, wie es unmittelbar in der Zirkulationssphäre erscheint" (K I 170). Wie der Verwer- tungsprozes des Kapitals aussieht, der in dieser Formel selbst ja nicht sichtbar werden kann, zeigt sich dann in den Kapiteln 5-13. Diese Kapitel analysieren mit Recht nur den Produktionsprozeß, denn nur hier findet ja die Mehrwertschöpfung statt. Die Mehr- wert r e a l i s i e r u n g (W'-G') wird im ganzen ersten Band als in normaler Weise vor sich gehend vorausgesetzt und ist hier noch nicht Gegenstand der Untersuchung (vgl. 589). A / 3) G-W-Pm ...P ...W'-G' als "explizite Form" des gesamten Kreis- laufs des Geldkapitals (K II 31, 46). Im 2. Band des "Kapital" werden die verschiedenen Formen untersucht, die das Kapital in seinem sich stets wiederholenden Kreislauf nach- und nebeneinan- der annimmt und wieder abstreift: Geldkapital, Produktivkapital (mit der Formel P...W'-G'-W...P) und Warenkapital (mit der Kreis- laufform W'-G.-W...P...W'). Von diesen drei Formeln zeigt die Formel für den Kreislauf des Geldkapitals am schlagendsten, daß und in welchem Grad sich das Kapital verwertet hat. "Aber", schreibt Marx, "dies ist nur ausgedrückt als Resultat, ohne die Vermittlung des Prozesses, dessen Resultat es ist" (K II 50). Zirkulationsformeln können niemals zeigen, w i e u n d w o d u r c h das Kapital sich verwertet, sie sind deshalb als bloße Formeln immer nur "b e g r i f f s l o s e r Ausdruck des Kapitalverhältnisses" (K II 50). Die Formel des Plakats stellt sich nun als ein seltsames Konglo- merat der Marxschen Formeln dar: Sie beginnt mit W-G, - also mit der ersten Metamorphose der ein- fachen Warenzirkulation. Anscheinend soll damit erklärt werden, woher der Kapitalist sein Geld hat: aus vorherigem Warenverkauf. Aber Waren, die von Kapitalisten verkauft werden, sind immer schon R e s u l t a t des Verwertungsprozesses, sind also be- reits Waren k a p i t a l, also nicht bloßes W sondern W (= c+v+m). Im übrigen ist die Frage, woher das Geld des Kapitalisten stammt, für die logische Entwicklung des sich verwertenden Werts vollkommen irrelevant (vgl. K I 161, 183, 594, 608), weshalb Marx auch im 4. Kapitel nur kurz auf die sogen. ursprüngliche Akkumu- lation hinweist und sie extensiv, erst als Anhang zum 1. Band ab- handelt (Kapitel 24 und 25). An W-G schließt sich im Plakat der Kauf der Produktionsfaktoren Pm und Ak an, sowie deren produktive Vernutzung im kapitalisti- schen Produktionsprozeß. Die zum Verständnis der Mehrwertproduk- tion unbedingt notwendige U n t e r s c h e i d u n g v o n G e b r a u c h s w e r t u n d W e r t d e r A r b e i t s- k r a f t, - daß nämlich der Wert, den sie selbst hat, geringer ist als der Wert, der durch Vernutzung ihres Gebrauchswerts geschaffen werden kann - fehlt auf dem Plakat völlig. Man kann diese Unterscheidung allenfalls den dürftigen Erklärungen von c, v und m rechts unten auf dem Plakat entnehmen, aber dies auch nur, wenn man das "Kapital" bereits gelesen hat (vgl. dazu K I 224). Warum der in Arbeitskraft verwandelte Kapitalanteil "variabel" heißt, bleibt deshalb unklar. Erst recht unklar bleibt der wesentliche Unterschied zwischen "variablem Kapital" und "Lohn", die auf dem Plakat umstandslos miteinander identifiziert werden. In der Marxschen Entwicklung des Begriffs des Mehrwerts kommt es dagegen gerade darauf an, den Lohn als notwendige, aber verwandelte Erscheinungsform des Werts der Arbeitskraft "auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft" zu begreifen (K I 557). Nur vom Doppelcharakter der Ware Arbeitskraft her läßt sich verstehen, daß zwar der Lohn beim Austausch zwischen Kapital und Arbeit eine festgesetzte, konstante Größe ist, daß aber die Wertsumme, die der Kapitalist gegen Arbeitskraft austauscht, dennoch ein variabler Kapitalbestandteil ist. Denn diese in der Zirkulation als konstant erscheinende Teilsumme des Geldkapitals erweist sich erst nach ihrem Formwechsel als eine variable Größe: Als Bestandteil des Produktivkapitals wird der Gebrauchswert der Arbeitskraft zur Quelle von mehr Wert als der Kapitalist für sie verausgabt hat (vgl. K l 228 u.a.). Dieser kategoriale Unter- schied zwischen Erscheinung und Wesen wird im Plakat völlig ein- geebnet. 2) Auch der auf dem Plakat unternommene Versuch zu erklären, warum der in Pm ausgelegte Kapitalteil "konstant" zu nennen ist, muß in ähnlicher Weise kritisiert werden: Die Rolle des konstanten Kapi- tals im Verwertungsprozeß könnte nur dann verständlich werden, wenn der P r o d u k t i o n s p r o z e ß in seiner Einheit von Neuwertschöpfung und Wertübertragung dargestellt worden wäre (was sich wohl kaum in Form eines Plakats machen läßt). Einfach nur zu schreiben: "Maschinen schaffen keinen Wert, Ausrufezei- chen" stimmt zwar als Resultat, erklärt aber nicht den unbegrif- fenen Verwertungsprozeß. In dem aus dem Produktionsprozeß resultierenden W' ist der von den Arbeitern geschaffene Mehrwert enthalten. Dieses W' wird vom Kapitalisten angeeignet, aber dennoch ist der Kapital ist weit davon entfernt, ein "MEHRWERTRÄUBER" zu sein, denn das Warenkapi- tal ist das Resultat eines Prozesses zwischen Faktoren (Pm und Ak), die der Kapitalist durch Äquivalententausch (Austausch gleich großer Werte) zum Eigentum erworben hat. Dieses Warenkapi- tal ist somit samt Mehrwert "das rechtmäßige Eigentum des Kapita- listen" (K I 611; auch S. 200, 208, 247 und K III 351-352). Im Gegensatz zu dem agitatorisch wirkungsvollen und dabei auch be- grifflich exakten Text links unten verläßt die Rede vom "Mehrwerträuber" die begriffliche Ebene zugunsten vordergründiger Agitation. Statt die Kapitalistenklasse mit Termini aus gewissen unbrauchbaren Lehrbüchern marxistische Ökonomie zu plakatieren, wäre hier die begriffliche Entfaltung dessen nötig, was bei Marx "Umschlag der Eigentumsgesetze der Warenproduktion in Gesetze der kapitalistischen Aneignung" heißt (K I 605-14). - (Auf die "Erlösung" der Ware, auf die Verwirklichung des Mehrwerts "als Geld" und auf die dezente Reklame für das von Dr. W.F. Haug in den deutschen Sprachschatz eingeführte Wort "Warenästhetik" soll hier, wo es nur um die Überprüfung dessen geht, was auf dem Pla- kat aus den Marxschen Begriffen geworden ist, nicht näher einge- gangen werden). Die größten Schwierigkeiten bereitet das Plakat beim Verständnis dessen, was aus dem als G' realisierten Warenprodukt wird. Daß die Kapitalisten nicht nur "Luxuskonsum" betreiben, sondern zu- mindest gelegentlich auch auf notwendige Lebensmittel zurückgrei- fen, ist noch leicht einzusehen (vgl. K II 402). Dagegen läßt sich der Unterschied der beiden noch verbleibenden Größen Gm und G+ kaum recht ermitteln. Was wohl gemeint sein wird, ist, daß nach Abzug der Kosten für den individuellen Konsum des Kapitali- sten erstens noch ein Mehrwertteil für die Verwandlung in zusätz- liches Kapital übrigbleibt (Gm) und zweitens das ursprüngliche vorgeschossene Kapital wieder in Geldform vorhanden ist. Beide Summen können gemeinsam einen erneuten Kreislauf, nun auf erwei- terter Stufenleiter, vollziehen. ("Umlauf meint dagegen nur die Bewegung des Werts in der Zirkulation; vgl. K II 124). Auf die Frage, ob, und wenn ja, wie das vergrößerte Schluß-G sich wieder in ein Anfangs-W verwandeln soll, gibt das Plakat keine Antwort und kann es auch keine geben; denn: "Jedes neue Kapital betritt in erster Instanz die Bühne... immer noch als Geld..." (K I 161). Das Plakat unternimmt den Versuch, Marxens begriffliche Entfal- tung der Bewegung des sich verwertenden Werts auf Flaschen zu ziehen. Es bleiben dabei nur dürre Formeln übrig, die nicht mehr (wie die Formeln im Text bei Marx) als Resultat einer logischen Entwicklung begriffen werden können. Die Marxschen Begriffe müs- sen bei einem solchen Versuch notwendig zu inhaltsarmen Spielmar- ken werden. (Z.B. tauchen die bei Marx systematisch auseinander entfalteten Kategorien "Mehrwert", "Profit" und "Gewinn" des Un- ternehmers, die ganz verschiedenen Abstraktionsebenen der be- grifflichen Analyse angehören, auf dem Plakat nur noch als ver- schiedene Wörter für dieselbe Sache auf). Die Verfasser des Plakats taten gut daran, einen Literaturhinweis zu geben: Die Lektüre des "Kapital" ist in der Tat notwendig für Verständnis und Kritik des Plakats, "während dieses Plakat nichts zum Verständnis des Kapitals" beiträgt.- 3) Lothar Riehn (diskutiert in einer der Marx-Arbeitsgruppen der Sektion Politi- sche Ökonomie, West-Berlin) _____ 1) Das KAPITAL wird zitiert nach MEW, Bd. 23 - 25, Berlin 1962/63. 2) Marx schreibt: "Übrigens gilt von der Erscheinungsform, "Wert und Preis der Arbeit" oder "Arbeitslohn", im Unterschied zum we- sentlichen Verhältnis, welches erscheint, dem Wert und Preis der Arbeitskraft, dasselbe, was von allen Erscheinungsformen und ih- rem verborgenen Hintergrund. Die ersteren reproduzieren sich un- mittelbar spontan, als gang und gäbe Denkformen, der andre muß durch die Wissenschaft erst entdeckt werden." (K I 564) 3) Zum Verfall der sozialistischen Theorie in den gegenwärtigen Publikationen der Linken vgl.: NEUE KRITIK, Nr. 51 - 52, 1969, S. 98. zurück