Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969


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       Sebastian Herkommer
       

ENTWICKLUNGSTENDENZEN IM SPÄTKAPITALISMUS UND DIE VORAUSSETZUNGEN DER POLITISIERUNG TECHNISCHER INTELLIGENZ (TEIL I)

Unmittelbaren Anlaß, sich mit der Rolle der technischen Intelli- genz in den Auseinandersetzungen um eine demokratische Gesell- schaft zu befassen, geben die Streiks an den Ingenieurschulen der Bundesrepublik und Westberlins. Ein zunächst noch weitgehend vor- politisches Unbehagen der Studenten an den Ausbildungsbedingungen der Höheren Technischen Lehranstalten und der Unsicherheit ihres beruflichen Status hatte sich während der ausgedehnten Streikwo- chen bei vielen durch disziplinierende Maßnahmen der Administra- tion, durch Polizeiaktionen, durch Stipendienentzug oder Entlas- sung und nicht zuletzt durch selbstorganisierte Schulungsarbeit in aktives politisches Bewußtsein verwandelt. Diese Bewegung trifft mit strategischen Überlegungen politisch reflektierender Studenten an den Universitäten zusammen, wie das Studium eine konkretere Vermittlung von Theorie und Praxis im In- teresse einer Politisierung von relevanten gesellschaftlichen Gruppen außerhalb des Hochschulbereichs erzielen könnte. Die bei den Soziologen z.B. seit mehr als einem Jahr diskutierten Ziel- setzungen 1): 1. das kritische Studium der Soziologie mit dem Studium von Fach- bereichen außerhalb der Sozialwissenschaften (Medizin, Jurispru- denz, Sprach- und Naturwissenschaften) zu verknüpfen um später auf Berufsebene - als "professionalisierte Intelligenz" - das progressive Potential irden Institutionen zu vergrößern; 2. in die Betriebe und Institutionen der "Basis" und des "Überbaus" schon während des Studiums aktiv einzugreifen, stimmen in dem Interesse überein, zwischen aktuellen und potentiellen Gruppen der Linken politisch wirksame Verbindung herzustellen. Nach solchen Überlegungen zu größerer Verbindlichkeit des Sozio- logiestudiums muß dieses seine Funktion immer mehr in der Politi- sierung derjenigen sozialen Gruppen sehen, die einmal wegen ihrer gesellschaftlichen Schlüsselpositionen - vor allem in der Produk- tion (planende, technische und Arbeiterberufe) und im Bereich der Bildung und Erziehung (Sozialisationsberufe) - für Prozesse ge- sellschaftlicher Veränderung objektiv eine besondere strategische Bedeutung haben und die zum anderen die sozialen Konflikte in ei- ner Weise erfahren, daß durch Aufklärung, Agitation und Aktion ein bislang vielleicht noch vorpolitisches Unbehagen zu kriti- schem Bewußtsein und kollektiver Handlungsbereitschaft entwickelt werden kann. Ihren theoretischen Bezugspunkt hat diese Problemstellung in der kritischen Auseinandersetzung mit Analysen der Entwicklungsten- denzen unserer Gesellschaft. Besonders folgende Ansätze bieten sich in der gegenwärtigen Soziologie an, die auf ihren Erklä- rungswert und auf in praktisch-politisches Potential hin unter- sucht werden müßten: 1. Die Konzeptionen, welche, am Begriff der "industriellen Ge- sellschaft" orientiert, die technologischen Produktivkräfte und deren Entwicklungsstand unabhängig von den Produktionsverhältnis- sen - oder diesen vorgeordnet - zum Ausgangs- und Angelpunkt der Analyse sozialer und politischer Phänomene wählen 2). 2. Die orthodoxe Kritik der politischen Ökonomie, die, erweitert durch die Imperialismustheorie und gewisse Differenzierungen, festhält an den Thesen des notwendigen, absehbaren Zusammenbruchs des Kapitalismus durch die immanenten, sich verschärfenden Wider- sprüche, der Polarisierung der Gesellschaft in zwei prinzipiell entgegengesetzte Klassen und der Rolle des Staates als unmittel- bares Instrument der herrschenden Klasse 3). 3. Schließlich ein Ansatz, der den vorhergehenden in mancher Hin- sicht modifiziert, ohne jedoch dessen entscheidenden analytischen Zugang zur Erklärung der gesellschaftlichen Strukturen und Pro- zesse aufzugeben: die zentrale Bedeutung des Produktionsverhält- nisses nämlich, d.h. der Besitzverhältnisse und der politisch- ökonomischen Beziehungen, die aus dem Kapitalverwertungsprozeß resultieren. Im Gegensatz zur These des Zusammenbruchs ist in dieser Konzeption die Andeutung enthalten, daß Systemerhaltung quasi endlos möglich und deshalb eher die Frage von Wichtigkeit sei, zu welchem Preis diese permanente Adaption erkauft wird 4). Zur Kritik der ersten Konzeption finden sich Hinweise im Einlei- tungsreferat Adornos zum letzten Soziologentag in Frankfurt, der mit der Fragestellung "Spätkapitalismus oder Industriegesell- schaft?" die Kontroverse darüber thematisch machte, "ob noch das kapitalistische System nach seinem wie immer auch modifizierten Modell herrsche oder ob die industrielle Entwick- lung den Begriff des Kapitalismus selbst, den Unterschied zwi- schen kapitalistischen und nicht kapitalistischen Staaten, gar die Kritik am Kapitalismus hinfällig gemacht habe" 5). Als "erste und notwendig" abstrakte Antwort" schlägt Adorno vor, "daß die gegenwärtige Gesellschaft durchaus Industriegesellschaft ist nach dem Stand ihrer P r o d u k t i v k r ä f t e. Industrielle Ar- beit ist überall und über alle Grenzen der politischen Systeme hinaus zum Muster der Gesellschaft geworden. Zur Totalität ent- wickelt sie sich dadurch, daß Verfahrensweisen, die den industri- ellen sich anähneln, ökonomisch zwangsläufig sich auf Bereiche außerhalb der materiellen Produktion, auf Verwaltung, auf die Distributionssphäre und die, welche sich Kultur nennt, ausdehnen. Demgegenüber ist die Gesellschaft Kapitalismus in ihren P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e n." 6) Das spezifische Verhältnis von Produktivkräften und Produktions- verhältnissen, das den Widerspruch der gegenwärtigen Entwick- lungsphase unserer Gesellschaft ausmacht, ist Gegenstand sowohl des zweiten, des "orthodoxen", wie des dritten der hier für rele- vant erachteten theoretischen Ansätze in marxistischer Tradition. Ein Scheinproblem wäre es, sich von vornherein für die These der Unvermeidbarkeit des Zusammenbruchs des Kapitalismus entscheiden oder an dessen praktisch grenzenlose Stabilisierungsfähigkeit glauben zu müssen. Da ohnehin nicht an sine Automatik des Zusam- menbruchs zu denken ist 7), sondern allein politisch-revolutio- näre Aktion eine soziale Umwälzung des Systems der kapitalisti- schen Ausbeutung bewerkstelligen und die Voraussetzungen wirklich demokratischer und befreiter Lebensbedingungen schaffen wird, können die beiden Alternativen eher so rezipiert werden, daß sie auf die verschiedene Einschätzung objektiver Entwicklungstenden- zen und Handlungsmöglichkeiten aufmerksam machen und zugleich den Blick schärfen für Gegentendenzen, welche die sich zuspitzenden Widersprüche etwa systemimmanent zu "lösen" vermöchten (Faschis- mus) oder unproduktiv zu kanalisieren versuchten (Raumfahrt etc.). So werden unsere Überlegungen von der Fragestellung zusam- mengehalten sein, wie und mit welchen Konsequenzen (Opfern und Versagungen) sich Kapitalismus immer wieder adaptiv verhalten und die Zusammenbruchstendenz durch stetes, wenngleich dispropor- tionales, wirtschaftliches Wachstum abwehren konnte und wie unter diesen Umständen Konflikte und systemtranszendierende Tendenzen politisch noch zu artikulieren und zu organisieren sind, welche Chancen "massenhafte Aufklärung" oder Agitation und Aktion haben gegenüber Entpolitisierung und "technokratisch" produzierter Massenloyalität. I In der Darstellung wird dem "modifizierenden" Ansatz der Vorzug gegeben, nicht weil man mit allen Annahmen und Konsequenzen ein- verstanden sein kann, sondern weil er gestattet, den Grundwider- spruch zwischen Kapital und Arbeit als zentral aufrechtzuerhalten und sowohl die Vorstellung von dessen zeitweiser Stillsetzung ("Latenz"), als auch die der "Überdeterminierung" von Konflikten durch zusätzliche Widersprüche (kumulierende "Disparitäten") zu entwickeln. Für die Beurteilung der politischen Rolle professio- nalisierter und technischer Intelligenz scheint mir dieser Zugang bedeutsam. - Folgende Thesen zu spezifischen Entwicklungstenden- zen der industriell fortgeschrittensten kapitalistischen Länder stehen in den hier herangezogenen Aufsätzen im Vordergrund: 1. Die These von den restriktiven Bedingungen, die das Fortbeste- hen privater Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel dem po- litischen Handeln setzt, und die These von der interventionisti- schen Staatstätigkeit zur Vermeidung systemgefährdender ökonomi- scher Krisen und Wachstumsschwierigkeiten (Staat als Regulie- rungs- und Stabilisierungsfaktor). 2. Die These von der Latenz und Mediatisierung des Klassengegen- satzes (Umverteilung vor Einkommen) und der Verschiebung offener Konflikte vom Zentralkonflikt einer nach wie vor auf Privateigen- tum beruhenden Gesellschaft an "Randzonen" (Peripherie gemessen am klassischen Lohnkonflikt); "Überlagerung" der vertikalen Di- mension von Ungleichheit durch eine horizontale: die "Disparität von Lebensbereichen" ("Disparitäten-These"). 3. Die These von der Entwicklung von Technik und Wissenschaft zur ersten Produktivkraft und von den Folgen zunehmender Verwissen- schaftlichung der Technik sowie der Institutionalisierung von Er- findung und Innovation. 4. Die These vom fortbestehenden Legitimationsdruck (oder Legiti- mationsbedarf des sozialen Systems) im Zusammenhang mit der Er- setzung von manifesten Herrschaftsäußerungen durch Manipulation des Bewußtseins: "Sozialtechniken" zur Verhaltenssteuerung, Ideo- logie des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts (legitimierende Funktion technischer Rationalität). Der politisch-ökonomische Restaurationsprozeß in Westdeutschland war seit den ersten Nachkriegsjahren gekennzeichnet durch ein vorher ungekanntes Maß des Zusammenspiels staatliche Instanzen und privater Wirtschaftsunternehmen 8). Nach dem Ende der Rekon- struktionsperiode zeigt sich an den Stabilisierungsmaßnahmen der Bundesregierung der dauerhafte Charakter des staatlichen Inter- ventionismus in den Wirtschaftsprozeß. Im Sinne eines preventive crisis management sollen systemgefährdende Tendenzen im poli- tisch-gesellschaftlichen System frühzeitig erkannt und ausge- schaltet werden. Dazu dienen das zentrale Gesetzgebungswerk des Bundes (Stabilitätsgesetze, Finanzreform, Notstandsverfassung) und institutionalisierte Politikberatung durch Expertengremien (Sachverständigenrat) ebenso wie ideologische Projekte und Re- formkonzeptionen ("Formierte Gesellschaft", "technokratische Hochschulreform"). Eine zentrale These des Frankfurter Kollektivs ist, daß die poli- tische Herrschaftsorganisation im Spätkapitalismus zwar nicht mehr unmittelbar als "Instrument" der ökonomisch herrschenden Klasse zu fassen sei, in ihrer Entscheidungsfreiheit jedoch durch den fortbestehenden Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Pro- duktion und privater Aneignung und Kontrolle des Kapitals und dem damit gesetzten - tragenden - Interessenantagonismus entscheidend eingeengt werde: "... die private Verfügungsgewalt über die industriellen Großun- ternehmungen und die dieser Verfügungsgewalt zugeordneten Inve- stitionsentscheidungen (haben heute) als entscheidende restrik- tive Bedingungen politischen Handelns zu gelten". Das Klassenver- hältnis ist, mit anderen Worten, nach wie vor als "Rahmen und Schranke politischer Herrschaft zu begreifen". Im Referat der Frankfurter wird die These gestützt durch Analysen der staatlichen Wirtschafts- und Einkommenspolitik, die im Zeichen zunehmender Kapitalkonzentration unter dem dreifachen Zwang steht, private Gewinnerwartungen von Monopolen und Oligopolen zu erfüllen und zugleich stetiges Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung zu garantieren. Angesichts der in der Depression der 30er Jahre gefestigten Er- wartung der lohnabhängigen Massen, Beschäftigung zu finden, und angesichts der Systemkonkurrenz mit sozialistischen Gesellschaf- ten besteht für den monopolkapitalistischen Staat die permanente Gefahr, daß seine Legitimationsbasis bereits durch relativ ge- ringe Arbeitslosigkeit in Frage gestellt und im politischen Pro- test der Massen zerstört wird. Manifeste Krisenerscheinungen wie die Entstehung einer Reservearmee mit der Tendenz sinkender Re- aleinkommen müssen durch staatliche Eingriffe daher ebenso ver- mieden werden wie latente Wachstumsschwierigkeiten. Stagnation des Wirtschaftswachstums aber (steinern System von hoher privater Kapitalkonzentration und monopolistisch strukturierten Märkten inhärent 9). Um die Stagnation zu vermeiden, reichen die klassischen Instru- mente der antizyklischen Kreditpolitik nicht mehr aus, es bedarf vielmehr umfassender und abgestimmter Planungsmaßnahmen in der Finanz-, Haushalts- und Arbeitsmarktpolitik und vor allem der planmäßigen Entwicklung der Infrastruktur und der technisch-wis- senschaftlichen Produktivkräfte. Stagnationstendenzen werden also vom Staat durchaus nicht allein mit erhöhten Rüstungsausgaben be- kämpft, vielmehr können die sogenannten Wachstumsfaktoren selbst planmäßig entwickelt werden. Staatliche Investitionen werden überall dort notwendig, wo die private Finanzierung ausbleibt: Als "grundsätzlicher Mangel jeder privatkapitalistischen Ordnung" nämlich ist mit Altvater anzusehen, daß es für Privatunternehmen nicht rentabel ist, "die Qualifikationsstruktur der Arbeitskraft ... zu verändern oder die volkswirtschaftliche Infrastruktur (Nachrichten- und Verkehrswesen, Sozialwesen, Städtebau und ähn- liches) zu entwickeln". Staatliche Investitionen im Bildungs- und Verkehrswesen z.B. haben die Funktion, in diese Lücke zu springen und weitere private Investitionen zu stimulieren 10). Zunehmendes staatliches Engagement ist insbesondere auch bei der Förderung wissenschaftlicher Forschung und technologischer Ent- wicklung zu beobachten. In den USA, wo schon ca. 65% der For- schungs- und Entwicklungsarbeit der Privatindustrie staatlich fi- nanziert werden, zeigte sich für den Zeitraum von 1945-59 eine Versechsfachung (1:6,5) der gesellschaftlichen Gesamtaufwendungen für diesen Bereich. Der staatliche Anteil (finanziert durch öf- fentliches Steueraufkommen) an dieser Gesamtsteigerung machte eine Verneunfachung aus, der Zuwachs der Industrie-Aufwendungen betrug aber nur eine Verfünffachung 11). Für die Bundesrepublik lassen sich für die Zukunft ähnliche Entwicklungen absehen, pri- mär stimuliert durch die Ausgaben für Verteidigungsforschung, kerntechnische Entwicklung und Weltraumforschung 12) und konzen- triert in einzelwirtschaftlich nicht profitabler Forschung (Grundlagenforschung in "unabhängigen" Forschungsstätten), sowie in gezielter finanzieller Förderung privatwirtschaftlicher For- schungs- und Entwicklungstätigkeit (Subventionierung, gemischt- wirtschaftliche Versuchsanstalten und Vergabe von Staatsaufträ- gen, die die Forschungsaufwendungen einschließen 13). Obwohl der Staat immer mehr wachstumsfördernde Investitionen vor- nimmt - einerseits "Investitionen in den Menschen" zur Verbesse- rung der Qualifikationsstruktur der Arbeitskraft, andererseits Investitionen in privatwirtschaftlich unrentable bzw. zu kosten- oder risikoreiche Entwicklung von Infrastruktur und Technologie - dient er weiter in erster Linie partikularen Interessen: In der "kapitalistischen Sozialisierung" (Risse) werden nur die Kosten und Risiken vergesellschaftet, die Gewinne bleiben privat 14). Die spezifische Verschränkung von öffentlicher Regulierung und privaten Interessen der Kapitalverwertung hat Auswirkungen vor allem auf die qualitative Richtung des Wirtschaftswachstums (Verhältnis von Rüstungsinvestitionen zu Ausgaben im zivilen Be- reich), auf Richtung und Funktion der Wissenschaftsentwicklung (qualitativ immer mehr auf industrielle Verwertung hin, Politi- sierung und Zuträgerfunktion der Universitätsforschung und -ausbildung, zugleich Zunahme hochschulunabhängiger Forschung und Entwicklung) und auf die Formen der Herrschaftsausübung und ihre Legitimierung. Mit Offes Worten muß Politik im Spätkapitalismus "immer neu auftauchende 'Vermeidungsimperative' befolgen" und "die Aufgabe der Stabilitätserhaltung so wahrnehmen, daß die be- deutsamsten und für das System als ganzes bedrohlichsten Funkti- onsstörungen vordringlich und mit dem größten Aufwand vermieden werden, während andere, unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung des Status quo weniger prekäre Problemzonen entsprechend weniger auf- wendig bearbeitet werden können"; So ergäbe sich "ein konzentri- sches Prioritätsschema von gesellschaftlichen Bedürfnissen und Problembereichen, in dem diese um so näher beim Zentrum der höchsten Dringlichkeitsstufe stehen, je mehr die Verletzung der entsprechenden Ansprüche ökonomische Stabilitätsvoraussetzungen in Frage stellen würden". Gesellschaftliche Bedürfnisse dagegen, die auf die staatlichen Entscheidungsinstanzen keinen vergleich- baren Druck ausüben können, lägen an der Peripherie. Die so ver- ursachte Disparität der Lebensbereiche und -bedürfnisse zeige sich insbesondere am "unterschiedlichen Entwicklungsabstand zwi- schen tatsächlich institutionalisiertem und möglichem Niveau des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts: Das Mißverhält- nis zwischen modernsten Produktions- und Militärapparaten und der stagnierenden Organisation des Verkehrs-, Gesundheits- und Bil- dungssystems ist ein ebenso bekanntes Beispiel hierfür wie der Widerspruch zwischen rationaler Planung und Regulierung der Steuer- und Finanzpolitik und der anarchischen naturwüchsigen Entwicklung von Städten und Regionen." Man wird wohl zwei Arten von Konfliktzonen unterscheiden müssen, die mit der Disparitätenthese angesprochen sind. Einmal ist die Rede vom "Personal der zurückbleibenden Institutionen des Bil- dungswesens, des Gesundheitswesens, der Stadtplanung und Archi- tektur und einiger weiterer Bereiche in Technologie, Administra- tion, Planung und Forschung", welches "relative Depravierung" praktisch durch die Zugehörigkeit zu einem peripheren Lebensbe- reich erfährt. Zum anderen wird gesagt, daß jeder einzelne von verschiedenen Dimensionen der Ungleichheit zugleich betroffen ist: "Der Bruch, der in den früheren Phasen der kapitalistischen Ent- wicklung zwischen den großen Positionsgruppen verlief, verlagert sich zum Teil gleichsam in die Individuen hinein, sie sind mit Teilen ihrer Lebenstätigkeit in 'privilegierte' Lebensbereiche eingespannt, während andere Bereiche den unterprivilegierten Be- reichen zugehören" 15) Offe macht damit auf die strukturellen Voraussetzungen des Phäno- mens der "Statusinkonsistenz" aufmerksam, das Bedeutung hat für die Frage nach der Organisations- und Konfliktfähigkeit gesell- schaftlicher Bedürfnisse und Interessen. Staatliche Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur gewinnen Bedeutung erst im Zusammenhang von systemgefährdenden Krisenerscheinungen. Erst systemimmanente Stagnationstendenzen oder auch internationaler Konkurrenzdruck ermöglichen vermehrte öffentliche Ausgaben für die Entwicklung der Produktivkräfte "menschliche Arbeitskraft" und "Technik und Wissenschaft". Primä- rer restriktiver Faktor für die Entscheidung politischer Instan- zen zugunsten solcher Investitionen sind ökonomische Interessen. Sekundär macht sich das Interesse an der Stabilisierung der Legi- timationsbasis bemerkbar: Bildungsinvestitionen können ebenso zu einer vermehrten Kritikfähigkeit der einzelnen führen wie die technisch erforderliche Autonomie im modernen Produktionsprozeß zur Infragestellung systemstützender Herrschaftsstrukturen. Auf diesen Widerspruch im Spätkapitalismus, der eine Chance zur Eman- zipation von irrationaler Herrschaft enthält, machen etwa Altva- ter und André Gorz aufmerksam. Die "Konsequenzen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts für die Gesellschaftsstruktur", schreibt Altvater, seien offen- sichtlich: "Soll das Wachstum der Wirtschaft auf einem relativ hohen Niveau gehalten werden, dann müssen gesellschaftliche Strukturverände- rungen vorgenommen werden. Die damit verbundene Schwächung der Herrschaft des Kapitals wird aber nicht als selbstverständlich hingenommen. Wie aber kann die Effizienz von Wissenschaft, Bil- dung und Infrastruktur gesteigert werden, ohne das bestehende Sy- stem in Richtung Demokratisierung zu ändern?" 16) Gorz konkretisiert das mit einigen Hinweisen: "Die objektive Notwendigkeit, die soziale Rekrutierung von Stu- denten auf die unteren Schichten auszudehnen, impliziert das To- desurteil über Methode und Inhalt des traditionellen höheren Un- terrichtssystems, die bisher der Ausbildung der "Elite" der bür- gerlichen Gesellschaft dienten." 17) Die Unternehmer seien sich der Gefahr bewußt, die die allgemeine Erhöhung des Bildungsniveaus für die bestehende hierarchische Ordnung im Betrieb und die Produktionsverhältnisse mit sich bringe - sie versuchten zwei gegensätzliche Forderungen zu verei- nen: "die eine heißt, bedingt durch den modernen Produktionsprozeß, Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten; die andere ist eine po- litische, nämlich zu verhindern, daß die Entfaltung der Fähigkei- ten eine zunehmende Autonomie der Individuen mit sich bringt und dazu führt, die gegenwärtige Arbeitsteilung und Verteilung der Macht in Frage zu stellen." Moderne Technik macht eine vielseitige theoretische Ausbildung notwendig, sie verlangt ein Maß an Selbständigkeit, das sich mit autoritären Strukturen nicht mehr verträgt. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, daß emanzipatorisches Potential im technischen Fortschritt im Kapitalismus durch ein zusätzlich repressives an der Entfaltung gehindert wird: Manifeste Herrschaft des autorita- tiven Staates wie des Unternehmens weicht zusehends den "manipulativen Zwängen der technisch-operativen Verwaltung". 18) Damit soll also gesagt sein, daß in der technisch und ökonomisch notwendigen Ausbildungsverbesserung zwar eine Möglichkeit von fortschreitender Befreiung von irrationaler Herrschaft liegt, daß aber zugleich im Sinne der Risikovermeidung und Stabilitätserhal- tung die technisch-organisatorischen und psychologischen Voraus- setzungen geschaffen sind für umso wirksamere Beherrschung von Abhängigen. Dem bestehenden Herrschaftsapparat geht es deshalb auch bei Maßnahmen wie der Hochschulreform oder der Reform des Allgemein- und Berufsschulwesens um zwei wesentliche Ziele zugleich: Wissen und Qualifikation zu produzieren, welche dem in- dustriellen Verwertungsinteresse dienlich und möglichst unmittel- bar integrierbar sind, und damit auch Kritikfähigkeit, das heißt: Reflexion über den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Arbeit und partikularer Bestimmung ihres Zwecks abzuschneiden. Solcher- art Entpolitisierung des Bewußtseins soll das lebenspraktische Interesse "auf Erhaltung einer Intersubjektivität der Verständi- gung ... wie auf die Herstellung einer von Herrschaft freien Kom- munikation ... hinter dem (Interesse) an der Erweiterung unserer technischen Verfügungsgewalt verschwinden" lassen (Habermas). II Im Maße, in dem Technik und Wissenschaft in den entwickelten in- dustriellen Gesellschaften zu unmittelbaren Produktivkräften wer- den, gewinnen Techniker und Wissenschaftler sowohl quantitativ als auch qualitativ an gesellschaftlicher Bedeutung. Auch die mo- nopolkapitalistische Gesellschaft kann - vor allem wegen des in- ternationalen Konkurrenzdrucks und der Systemkonkurrenz zur so- zialistischen Gesellschaft - den technischen Fortschritt nicht prinzipiell einschränken, sie ist vielmehr bei Strafe des Unter- gangs gezwungen, für eine steigende Rate technischer Innovation planmäßig zu sorgen 19). Das rapide Anwachsen der Zahl von Tech- nikern und Ingenieuren verdeutlicht folgende Angaben: In den USA kamen im Jahr 1900 225 Fabrikarbeiter auf einen Ingenieur, 1950 noch 62 und 1960 nur noch 20 20); in Frankreich nahmen von 1954- 1962 die diplomierten Ingenieure und leitenden Angestellten (cadres superieures) um 44%, die Techniker und mittleren Ange- stellten (cadres moyens) um 29%, die Arbeiter aber nur um 8% zu - während sich selbständige Unternehmer in Handel und Industrie um 13% verringerten 21); die Zahl der in der westdeutschen Wirt- schaft beschäftigten Ingenieure stieg von 195.800 im Jahre 1950 auf 322.000 im Jahre 1961 22). Diese Entwicklung, die den Anteil der unmittelbar in der Produk- tion Arbeitenden immer mehr zugunsten der naturwissenschaftlich- technisch Qualifizierten, vor allem in der Produktionsvorberei- tung und -kontrolle Tätigen verändert, wird anhalten und die strategische Wichtigkeit des Wissenschaftlers, des Ingenieurs und des Technikers weiter vergrößern. Obwohl entsprechende Untersu- chungen fehlen, herrscht allgemein der Eindruck vor, daß das ge- sellschaftliche Bewußtsein dieser Gruppen weit hinter ihrer ob- jektiven gesellschaftlichen Wichtigkeit zurückgeblieben ist. Wenn aber technisches Wissen und seine Verwertbarkeit zunehmend zur entscheidenden Stabilitätsbedingung des politisch-ökonomischen Systems im Spätkapitalismus werden und wenn die über dieses Wis- sen verfügenden Gruppen immer relevanter werden für die Erhaltung (durch Anpassung) oder für die Infragestellung des gesellschaft- lichen Status quo (durch subversive Kritik ebenso wie durch ak- tive Verweigerung), wird es dringend nötig, in empirischen Unter- suchungen ihre tatsächliche Situation und subjektive Reaktion auf ihre Rolle im Reproduktionsprozeß der Gesellschaft zu erforschen. Naheliegend ist, analog zu einigen Erklärungsversuchen der Stu- dentenbewegung zu fragen, ob auch in der sogenannten Professiona- lisierten Intelligenz und spezifisch in der naturwissenschaft- lich-technischen, zwischen relativ liberaler Sozialisation, rela- tiver Autonomie in Ausbildung und Beruf einerseits und einer überdurchschnittlichen Sensibilität gegenüber Widersprüchen und irrationalen Herrschaftsansprüchen sowie gegenüber deren ideolo- gischen Verschleierung andererseits ein Zusammenhang besteht, der die Voraussetzung für die Organisierung als kritische politische Kraft darstellen könnte. Gruppen der Professionalisierten Intel- ligenz wären immerhin von ihren "spezialisierten Berufskenntnis- sen her in der Lage, den Konflikt zwischen Wirklichkeit und Mög- lichkeit für sich und für andere zu konkretisieren und so in ei- nem politischen Bezugsrahmen systemtranszendierende Bedürfnisin- terpretationen anzubieten, die freilich nur auf der Basis neuer politischer Organisationsformen außerhalb des politischen Systems folgenreich werden könnten". 23) "Mit der technischen Intelligenz" - heißt es in einem unveröf- fentlichten editorischen Entwurf - "hat die Studentenschaft ge- mein, daß sie von ihrer Ausbildung her am ehesten in der Lage ist, die gesellschaftlichen Bedingungen und Folgen der Anwendung ihres Wissens im Bereich der Produktion zu reflektieren ... Poli- tisierbar sind diese Gruppen zunächst durch die Vermittlung der Erkenntnis der gesellschaftlichen Bedingungen, die den Beschrän- kungen ihrer Möglichkeiten zu selbstbestimmter Arbeit zugrunde liegen. Die Einordnung individuell erfahrener, auf 'persönliche Momente' zurückgeführter Widerstände in eine theoretische Bestim- mung des Verhältnisses von technischer Rationalisierung und poli- tischer Rationalität bietet den Ansatz, um alternative Handlungs- perspektiven für die professionalisierte Intelligenz aufzuzei- gen." Inwieweit Optimismus angebracht ist, bleibt zu prüfen. Nicht aus- zuschließen ist die Vermutung, daß gerade die Gruppe der "Technologen" (insbesondere Naturwissenschaftler und Ingenieure) einem Prozeß politischer Bewußtwerdung und Handlungsbereitschaft besonders viele Widerstände entgegenbringen wird. Innerhalb der Studentenbewegung waren sie hinter den sozialwissenschaftlichen und philologisch-historischen Fachbereichen in der Zahl aktiv Be- teiligter zurückgeblieben. Als Ursachen solcher Zurückhaltung werden spezifische Merkmale ihrer sozialen Herkunft, ihrer Be- wußtseinsbildung im "sekundären" Sozialisationsprozeß (im Sinne bloß technischer Rationalität und naturwissenschaftlichen Den- kens, das normative Elemente gesellschaftlicher Entwicklung ver- nachlässigt, das primär an den Mitteln orientiert ist und die Zwecksetzung anderen überläßt) sowie ihrer strukturellen Situa- tion zu untersuchen sein. Der bürgerliche Soziologe Merton, der die Unreflektiertheit bei Ingenieuren bezüglich der sozialen und politischen Konsequenzen ihres Handelns thematisiert 24), nennt z.B. als Hauptschwierigkeiten: 1. Spezialisierung und wissenschaftliche Arbeitsteilung, die dazu führe, daß "each specialist convinced having done his best" Wir- kungen hervorrufe "which none has desired and all have brought about"; 2. die professionelle Ethik, die das Interesse auf den technolo- gischen Fortschritt beschränke und eine Einstellung untermaure, wonach dessen soziale Konsequenzen allein Sache der Politiker bleiben müsse; 3. der bürokratische Status von Ingenieuren zumal in subalternen Positionen mit äußerst eingeengter Verantwortung. Ohne Einbeziehen von wesentlichen Systembedingungen, die durch die kapitalistische Produktionsweise gegeben sind, müßte solche Analyse allerdings zu unzulänglichen Ergebnissen führen. So wäre zu Merton hinzuzufügen die Wirkung jener integrativen Mechanis- men, welche fraglose Identifizierung der technischen Intelligenz mit den Unternehmenszielen und Herrschaftsstrukturen erreichen und die Forderung nach Kontrollmöglichkeit und Mitbestimmung ver- gessen lassen sollen (weniger für die Wissenschaftler in Produk- tions- und Forschungsbetrieben als für die Ingenieure ist das üb- liche System gewährter "Entschädigungen" - Status- und Lohnan- reize - für die auferlegten Versagungen wesentliches Integrati- onsinstrument). Weiter führen daher die kritischen Ansätze im oben ausgeführten Rahmen einer Analyse spätkapitalistischer Entwicklungstendenzen, auch wenn viele Aussagen noch notwendig spekulativen Charakter haben 25). In loser Verknüpfung mit den im Teil l herausgestell- ten Thesen kann immerhin eine Reihe von Fragen aufgeworfen wer- den, etwa: 1. welche Stellung die technische Intelligenz in der Klassen- struktur spätkapitalistischer Gesellschaften hat; 2. ob sich für die Analyse das Konzept der Statusinkonsistenz und der "horizontalen Disparitäten" bewährt, ob derart Disparitäten- konflikte kumulierende (überdeterminierende) Funktion haben kön- nen oder den globalen Gegensatz vom Charakter des Klassenkampfes historisch abgelöst haben; 3. unter welchen restriktiven Bedingungen die gegenwärtige Aus- bildung steht und welchen Zielen die Reformen dienen, welche Kon- flikte prognostizierbar sind; 4. wie weit verbreitet die "technologische Illusion" (Henri Le- fèbvre) oder die "technokratische Hintergrundideologie" (Haber- mas) ist, ob sie die einzelnen vor Kritik hermetisch abzu- schließen vermag und wie groß die Chance ist, daß die objektiven Widersprüche des gesellschaftlichen Systems zum subjektiven Wi- derspruch dagegen führen. (Im vorliegenden Aufsatz soll im we- sentlichen allein auf die erste Frage eingegangen werden, ein weiterer wird sich mit den übrigen befassen.) Klassenlage ------------ Von Saint-Simon über Veblen bis zu Burnham ist immer wieder die Ansicht vertreten worden, die "Industriellen", die Ingenieure, die Angehörigen der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz in Produktion und Organisation bildeten eine soziale Klasse, die we- sentlich Elitenfunktion und damit entschiedene Bedeutung für die historische Entwicklung habe. Bettelheim unter anderen weist nach, daß das in den Kategorien der Marxschen Klassenanalyse nicht zutrifft, daß sich die Techniker und Ingenieure zwar durch ihre Funktionen im Industriebetrieb von anderen Arbeiterkatego- rien unterscheiden, daß sie eine besondere "professionelle Kate- gorie" darstellen, unter dem Gesichtspunkt der Stellung zu den Produktionsmitteln jedoch in der gleichen Situation sind wie die Arbeiter 26). Die Unterscheidung, die hier vorgenommen wird, er- innert an die eingangs erwähnte zwischen "Industriegesellschaft" und "Spätkapitalismus". Technisch-naturwissenschaftliche Intelli- genz hat sich in allen industriellen Gesellschaften mit der Ver- wissenschaftlichung des Arbeitsprozesses als besondere Kategorie des produktiven Arbeiters entwickelt, aber sie ist unter den Pro- duktionsverhältnissen des Kapitalismus keine spezifische Katego- rie insofern, als sie in entfremdeter Arbeit Mehrwert produziert, der vom privaten Kapital angeeignet wird. In der Untersuchung "Wissenschaft im Klassenkampf" wird daher zu Recht gegen die bür- gerliche Position 27) argumentiert: "Als selbständige, im wesentlichen undifferenzierte Schicht kann man die Intelligenz nur betrachten, wenn man ihre arbeitsmäßige Funktion gegenüber ihrer sozialen Funktion und Bindung verselb- ständigt." 28) Als "Glied des produktiven Gesamtarbeiters" ist technische Intel- ligenz "an sich" Teil der Arbeiterklasse, sie kann es immer mehr auch ihrem Bewußtsein nach werden, je stärker sich die Verwer- tungsinteressen des Kapitals unmittelbar in der qualitativen Ver- änderung der politisch-ökonomischen Situation bemerkbar machen. Zwei sich überlagernde Tendenzen müssen dabei allerdings analy- tisch getrennt werden, um die uneinheitliche Position der Intel- ligenz in der Klassenstruktur verdeutlichen zu können: Erstens, damit, daß Technik und Wissenschaft zur unmittelbaren Produktiv- kraft geworden sind, wurde der wissenschaftliche Arbeitsprozeß selber seiner privaten Gelehrtenexistenz enthoben und vergesell- schaftet; Vergesellschaftung der Technik und Wissenschaft heißt u. a.: Spezialisierung und Arbeitsteilung, die zu wissenschaftli- cher Detailarbeit sowie zur organisierten Kooperation in Teams und Kollektiven führen; Abspaltung geistiger Routinearbeiten von kreativer Forschungs- und konstruktiver Entwicklungsarbeit; Ein- schränkung von Freiheitsspielräumen durch Zwang zur Planung der wissenschaftlichen und technischen Arbeit; Verminderung sozialen Prestiges und der Privilegien durch massenhafte Beschäftigung technischer Intelligenz. Tendenzen zur Polarisierung, die sich auf dieser funktionalen Ebene in der Dimension Nähe/Ferne zur Produktion (bzw. zur Forschung und Entwicklung) genauso ausdrüc- ken wie in der von planend-koordinierender und ausführender Tä- tigkeit, werden, zweitens, überlagert oder spezifiziert durch die mit der gesellschaftlichen Produktionsweise gegebene Machtvertei- lung und Mitbestimmungschance. Die von Marx getroffene Unter- scheidung leitender und koordinierender Funktionen (notwendig in jeder gesellschaftlichen, d.i. arbeitsteiligen Produktionsweise) von den disziplinierenden und ausbeutenden Aufsichts- und Antrei- berfunktionen (in Produktionsweisen, die auf der Trennung des Ar- beiters vom Eigentum an den Produktionsmitteln beruhen) ist hier nützlich. Eine Polarisierungstendenz innerhalb der sozioökonomischen Stel- lung der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz im industriell hoch entwickelten Kapitalismus zeichnet sich über die rein funk- tionale Aufgabengliederung hinaus ab, indem einerseits immer mehr qualifizierte Wissenschaftler und Ingenieure in leitenden Manage- mentpositionen als "Agenten des Kapitals" fungieren, während an- dererseits die Masse der technisch qualifizierten Angestellten sich in den Arbeitsbedingungen und Arbeitsanforderungen mehr und mehr der Situation von Arbeitern angleichen und mit jenen die handfesten industriellen Konfliktstoffe - Höhe des Gehalts, Ar- beitsbewertung, Arbeitsplatzsicherheit, Umschulung und Weiterbil- dung im Zuge technologischer Innovationen etc. - teilen. "Mit dem Eindringen industrieller Technik und Organisationsformen in den Bereich der Forschung und Entwicklung ist die Arbeitstei- lung, Spezialisierung und Kooperation der Arbeit der Forscher verbunden. Dabei wird die dem Kapital eigene Tendenz, qualifi- zierte Arbeit durch weniger qualifizierte Arbeit zu ersetzen, auch in der Forschung wirksam. So werden im Prozeß der wissen- schaftlichen Arbeit immer mehr Routinearbeiten abgespalten und weniger qualifizierten Arbeitskräften übertragen. Diese Entwick- lung wird gefördert durch die infolge der Fortschritte der Wis- senschaft und Technik immer aufwendigeren Apparate und Hilfsein- richtungen der Forschung. Einerseits ermöglichen sie die Anwen- dung relativ einfacher Arbeit (z.B. Bedienung und Wartung der Ge- räte, Durchführung von Meßreihen und anderes), und andererseits übt die Vergrößerung und Verteuerung des apparativen Aufwands in der Forschung einen zusätzlichen Zwang zur Ökonomisierung des Forschungskapitals aus. Kapitalistische Ökonomisierung dieses Teils des Kapitals prägt somit der Arbeitsorganisation in den Forschungslaboratorien in immer stärkerem Maße den Stempel auf. Die Folge davon ist, daß die Gesamtzahl der in der Forschung und Entwicklung Tätigen schneller wächst als die Zahl der Forscher." 29) Was hier für das Personal von Forschungs- und Entwicklungsabtei- lungen ausgeführt wird, gilt ebenso für das der Produktion, War- tung und Instandhaltung hochmechanisierter Industrieanlagen. Im- mer wieder setzen sich mit der technischen Entwicklung auf ver- schiedenen Ebenen der Produktion, Entwicklung und Bürotätigkeit Prozesse der Ersetzung qualifizierter Arbeit durch relativ unqua- lifizierte, mit geringer Autonomie ausgestattete Arbeit durch. In einer Studie zu den sozialen Voraussetzungen und Folgen der aktu- ellen technischen Entwicklung 30) weisen Kern und Schumann auf die Tendenz hin, daß der Rationalisierungsdruck (zur Kostensen- kung bzw. Vergrößerung der Mehrwertrate) in Zukunft auch den bis- lang durch hohe berufliche Autonomie charakterisierten Instand- haltungsbereich verändern wird. Restriktive Arbeitselemente seien vor allem für Routinearbeiten zu erwarten und damit "Beschränkungen und Belastungen, die bei der instandhaltenden Tä- tigkeit bislang weitgehend unbekannt waren"; durch verstärkte Ar- beitsteilung zwischen Spezialisten und relativ unqualifizierten Arbeitskräften zeichne sich "auch im Instandhaltungsbereich eine Polarisierung in unterschiedlich privilegierte Belegschaftsgrup- pen ab, eine Tendenz, die im Produktionssektor seit langem wirk- sam ist." Mandel macht im Anschluß an die industriesoziologischen Untersu- chungen von Mallet 31) darauf aufmerksam, daß mit den technologi- schen Veränderungen des Produktionsprozesses ganze neue Schichten in die Arbeiterklasse integriert werden, daß die Unterscheidung von "rein" produktiven Produktionsarbeitern, "rein" unproduktiven Angestellten und "halbproduktiven" Reparaturarbeitern obsolet ge- worden ist und in der Tat auch in Frankreich politische und Lohn- streiks gemeinsam von "alter" und "neuer" Arbeiterklasse durchge- führt wurden. Aus den Berufen technischer Intelligenz kommen für solche Verbündung zweifellos am ehesten die technischen Arbeiter (technicians, agents techniques) in Frage, die zumal in Großun- ternehmen mit hohem Mechanisierungsgrad einen erheblichen quanti- tativen Anteil ausmachen und sich ihrer qualitativ proletarisier- ten Situation und der zunehmenden Ähnlichkeit in der Art der All- gemeinheit und Auswechselbarkeit ihrer Arbeitsqualifikation be- wußt werden können. Anders mag es sich verhalten mit der Gruppe angestellter Intelli- genz, die in Frankreich neuerdings "cadres" genannt wird und Po- sitionen zwischen den leitenden Managern auf der einen und den Meistern bzw. kleineren Abteilungsleitern auf der anderen Seite einnimmt 32). Ihrer Nähe zu den beherrschenden Positionen, ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung nach sind Ingenieure in cadre-Posi- tionen eine Zwischengruppe, welche das Bild der Polarisierung von wissenschaftlich qualifizierten Managern und technischen Arbei- tern modifiziert. Um so bedeutsamer st es, daß die französischen cadres - der beruflichen Qualifikation und der sozialen Herkunft nach etwa unseren HTL-Ingenieuren vergleichbar - im Zusammenhang mit der revolutionären Situation im vergangenen Jahr angefangen haben, sich kollektiv als abhängige Lohnempfänger zu begreifen, die von den wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen sind und auch in der Teilfunktion von Leitung und Anweisung im wesentlichen fremdbestimmte Arbeit verrichten. (Maurice geht so weit, die Frage aufzuwerfen, ob nicht von einer Proletarisierung der cadres gesprochen werden müsse.) Ihre Autonomie- und Mitbestimmungsfor- derungen sind unterstrichen worden durch Streiks, durch Aus- bzw. Einsperren ihrer Direktoren, schließlich durch die Gründung radi- kaler Gewerkschaftssektionen für cadres (so von der CFDT aus, die am nachdrücklichsten die Forderung nach Selbstverwaltung vor die bloße Lohnpolitik gestellt hat) bzw. eigener Syndikate, die mit den Studenten direkten Kontakt hatten. In der in Frankreich stattfindenden Diskussion um die gewerk- schaftliche Autonomie oder Integration von technischer Intelli- genz bzw. der cadres spiegelt sich deren problematische Klassen- lage 33). Durch den Platz innerhalb der gesellschaftlichen Orga- nisation der Arbeit, und nicht nur durch Erziehung und Einstel- lungen ("falsches Bewußtsein"), unterscheiden sie sich zweifellos von der Arbeiterklasse, mit der sie jedoch in der Mehrzahl un- zweideutig die Stellung zu den Mitteln der Produktion teilen. Da eine gewisse soziale Distanzierung nicht einseitig von den Inge- nieuren und Technikern gegenüber den Arbeitern vorgenommen werde, sondern auch umgekehrt zu beobachten sei, werden in der erwähnten ISJ-Debatte über Techniker und Gewerkschaften 34) flexible Orga- nisationsformen (z.B. Sektionen) und Übergangsformen des politi- schen Kampfes für die in Gewerkschaften organisierten Technologen und cadres empfohlen. Das würde die Konsequenz aus einer Ent- wicklung bedeuten, die mit der Verwissenschaftlichung der Produk- tion und der systematischen Unterwerfung der Wissenschaft unter die Kapitalverwertung die Intelligenz als einheitliche Schicht hat zerfallen lassen 35), wesentliche Teile objektiv zum "intellektuellen Lohnarbeiter" und auch subjektiv gewerkschaftli- chen oder syndikalistischen Organisations- und Aktionsformen zu- gänglich gemacht hat. _____ 1) Vgl. dazu Bodo v. Greiff: "Berufspraxis und Studium der Sozio- logen", in: NEUE KRITIK 53/1969. 2) Etwa bei Aron, Perroux, Galbraith und anderen sog. Konvergenz- theoretikern; vgl. Bassam Tibi: "Theorien der Konvergenz kapita- listischer und sozialistischer Industriegesellschaften", in: DAS ARGUMENT, 50 (Sonderband), 1969. 3) Siehe: IMPERIALISMUS HEUTE, Berlin (DDR) 1968. 4) Vgl. dazu den Frankfurter Kollektivbeitrag zum letzten Sozio- logentag von Bergmann, Brandt, Offe u.a.: "Herrschaft, Klassen- verhältnis und Schichtung", in: SPÄTKAPITALISMUS ODER INDU- STRIEGESELLSCHAFT? VERHANDLUNGEN DES 16. DEUTSCHEN SOZIOLOGENTA- GES, Stuttgart 1969; Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS "IDEOLOGIE", Frankfurt/Main 1968; sowie Offe: "Politische Herr- schaft und Klassenstrukturen", hektographiert, WS 1968/69. 5) T.W. Adorno: "Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologen- tag", in: SPÄTKAPITALISMUS ODER INDUSTRIEGESELLSCHAFT, a.a.O., S. 12. 6) A.a.O., S. 18. 7) Auch die berühmt gewordene Stelle aus den GRUNDRISSEN kann nicht so verstanden werden, als habe Marx politisches Handeln an die Kette historischen Determinismus gelegt. Siehe F. Tomberg: "Der Begriff der Entfremdung in den 'Grundrissen' von Karl Marx", in: DAS ARGUMENT, 52, 1969, S. 209 f. 8) IMPERIALISMUS HEUTE, a.a.O. 9) Siehe E. Altvater: "Perspektiven jenseits des Wirtschaftswun- ders", in: NEUE KRITIK 40, Feb. 1967; vgl. auch Altvaters Beitrag zum Verhältnis von ökonomischer Entwicklung und Bildungs- und Wissenschaftspolitik, in: Leibfried (Hrsg.): WIDER DIE UNTERTA- NENFABRIK, Köln 1967. 10) Altvater: "Perspektiven ...", a.a.O. 11) Claus Offe: "Zur Hochschulforschung", ZETTELKASTEN DER TU ZUR TECHNOLOGIE-DISKUSSION, sowie Altvater: a.a.O. 12) WISSENSCHAFT IM KLASSENKAMPF, Berlin (DDR) 1968, bes. S. 71 ff., 151-210. 13) Joachim Hirsch: "Wissenschaftspolitik im Spätkapitalismus", in: DAS ARGUMENT, 50, S. 26 ff. 14) "...ein immer größerer Anteil der 'Kosten' des Wachstums durch technischen Fortschritt (wird) nicht von den Unternehmen selbst, sondern von der öffentlichen Hand getragen - gleichsam als öffentlicher Zuschuß zum nach wie vor privaten Kapitalverwer- tungsprozeß." Offe: "Zur Hochschulforschung", a.a.O. "Der bürger- liche Staat unternimmt die Aufwendungen zur Entwicklung der Qua- lifikationsstruktur und der Infrastruktur nicht etwa, um gesell- schaftlichen und individuellen Wohlstand zu erhöhen, die Befrie- digungsmöglichkeiten individueller und kollektiver Bedürfnisse zu verbessern oder eine langfristig gesicherte existenzielle Basis aller Bürger zu ermöglichen, sondern im wesentlichen deshalb, um die Akkumulationsmöglichkeiten des privaten Kapitals zu stützen." Altvater: "Perspektiven ...", a.a.O., S. 21. "Produziert wird heute wie ehedem um des Profits willen. Weit über alles zur Zeit von Marx Absehbare hinaus sind die Bedürfnisse zu Funktionen des Produktionsapparates geworden, nicht umgekehrt ... Nicht nur wer- den die Bedürfnisse bloß indirekt, über den Tauschwert, befrie- digt, sondern in wirtschaftlich, relevanten Sektoren vom Profi- tinteresse selber erst hervorgebracht, und zwar auf Kosten objek- tiver Bedürfnisse der Konsumenten, wie denen nach zureichenden Wohnungen, vollends nach Bildung und Information über die wich- tigsten, sie betreffenden Vorgänge." Adorno: "Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag", in: SPÄTKAPITALISMUS ODER INDU- STRIEGESELLSCHAFT, a.a.O., S. 18 f. 15) Offe: "Politische Herrschaft...", a.a.O. 16) Leibfried: a.a.O., S. 63. 17) Leibfried: a.a.O., S. 47. 18) Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ..., a.a.O. 19) Hirsch: WISSENSCHAFTSPOLITIK ..., a.a.O., S. 20. 20) Nach der Einleitung von D. Bell zu: Th. Veblen: THE ENGINEERS AND THE PRICE SYSTEM N.Y. 1963. 21) Nach einem unveröffentlichten Zwischenbericht einer Studie von A. Willener über die "AUTONOMIE DES CADRES". 22) WISSENSCHAFT IM KLASSENKAMPF, a.a.O., S. 262. 23) Bergmann, Brandt, Offe u.a.: a.a.O. 24) R.K. Merton: "The Machine, the Worker and the Engineer", in: SOCIAL THEORY AND SOCIAL STRUCTURE, The Free Press, New York 1957, S. 562-573. 25) Außer den zitierten Aufsätzen zum "modifiziert" marxistischen Ansatz vor allem die Dresdner Kollektivarbeit: WISSENSCHAFT IM KLASSENKAMPF, a.a.O., sowie die Wiedergabe einer Diskussion zwi- schen CGT- und CFDT-Gewerkschaftlern in: INTERNATIONAL SOCIALIST JOURNAL Jg. 4/Nr 24 (Dez. 1967). 26) Charles Bettelheim: "Les techniciens constituent-ils une classe sociale? ", in: G. Gurvitch (Hrsg )· INDUSTRIALISATION ET TECHNOCRATIE, Paris 1949. 27) Etwa bei Wigand Siebel: "Soziale Funktion und soziale Stel- lung des Ingenieurs", in: JAHRBUCH FÜR SOZIALWISSENSCHAFT, Bd. 13/1962. 28) WISSENSCHAFT IM KLASSENKAMPF, a.a.O., S. 278. Vgl. zum fol- genden das Kapitel "Polarisierungsprozeß und Entwicklungstenden- zen ...", S. 258 ff. 29) WISSENSCHAFT IM KLASSENKAMPF, a.a.O., S. 42 f. 30) "RKW-Projekt A 33", Zusammenfassung der empirischen Ergeb- nisse des soziologischen Beitrages, verfaßt von Horst Kern und Michael Schumann am Soziologischen Seminar der Universität Göt- tingen, hektographiert, Juni 1969, S. 51 ff. 31) Ernest Mandel: "Workers under Neo-Capitalism", in: INTERNA- TIONAL SOCIALIST REVIEW. Nov.-Dez. 1968; Serge Mallet: LA NOU- VELLE CLASSE OUVRIERE, Paris 1963 (siehe Besprechung in diesem Heft). 32) Vgl. INTERNATIONAL SOCIALIST JOURNAL, a.a.O., S. 832, Wille- ner, a.a.O., sowie Marc Maurice: "L'evolution du travail et du syndicalisme chez les cadres", in: LE MOUVEMENT SOCIAL, Okt.-Dez. 1967, Les Editions Ouvrieres, Paris. - Hinweise verdanke ich Hei- ner Stück. 33) Bei uns in der Angestelltensoziologie thematisiert, siehe bes. S. Braun: ZUR SOZIOLOGIE DER ANGESTELLTEN, Frankfurt/Main 1964. 34) INTERNATIONAL SOCIALIST JOURNAL, a.a.O. 35) WISSENSCHAFT IM KLASSENKAMPF, a.a.O., S. 278. zurück