Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969

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       Eric Hobsbawm
       

DIE IMPERIALISMUSDEBATTE IN DER GESCHICHTSSCHREIBUNG

Der Begriff des Imperialismus ----------------------------- Der ideologisch-politische Streit ist aus der Geschichte nicht wegzudenken. Der Historiker kann den Kontroversen seiner eigenen Zeit und Welt nicht ausweichen. Karl Mannheim's freischwebende Intelligenz existiert ebensowenig wie der abgeklärte, keiner Sa- che außer der Wahrheit verpflichtete Gelehrte; was natürlich nicht heißt, daß der Historiker nicht verpflichtet ist, sich dem Zwang der Tatsachen oder der bewiesenen Hypothesen zu unterwer- fen. Doch diese allgemeine Feststellung genügt nicht. Es gibt selbst in den Sozialwissenschaften, die, verglichen mit den Na- turwissenschaften, der ideologischen Debatte immer einen sehr großen Spielraum liefern, doch wissenschaftliche Fragen, die ganz besonders politisch anfällig sind. Die Frage des Imperialismus gehört zu diesen, wie auch die meisten ändern, bei denen das Vo- kabular der wissenschaftlichen Analyse mit dem der politischen Diskussion zusammenfällt. Es ist nun einmal der Fall, daß die Analyse der modernen kapitalistischen Gesellschaft, ihres Ur- sprungs, ihrer Geschichte und ihrer dynamischen Struktur, zum großen Teil von den Kritikern dieses Gesellschaftssystems her- stammt, deren Gedankengänge von Marx zusammengefaßt, erweitert und fortgeführt wurden. Daher die Vielzahl zweckloser Debatten. Man kennt Historiker, die an der Existenz der industriellen Revo- lution des 18. Jahrhunderts zweifelten, weil ihnen der Begriff einer Revolution staatsgefährdend schien und daher unzulässig, auch in der harmlosen Atmosphäre der Geschichte. Die Existenz des Kapitalismus ist aus ähnlichen Gründen oft angezweifelt worden, bzw. der Begriff wurde so erweitert, daß er alles historisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich Spezifische verlor. So kam es zur These vom altägyptischen oder altindischen Kapitalismus. Solche Argumente sind, trotz aller Spitzfindigkeit, die in sie gesteckt wurde, Unsinn. Sie können und wollen ja nicht abstrei- ten, daß England sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhun- derts in ein paar Jahrzehnten revolutionär veränderte, oder daß die Wirtschaft der USA im 19. Jahrhundert wenig mit der der Pha- raonen gemeinsam hatte. Sie wollen bloß eine Terminologie ändern, die ihnen aus verschiedenen Rücksichten unerwünscht ist. Ähnlich verhält es sich mit der Debatte um den Imperialismus. Dieser ist als Begriff und Terminus allerdings nicht marxisti- scher Abstammung. Er ist bei Marx selbst nicht zu finden. Die Be- zeichnung wurde nicht einmal von der Linken erfunden. Im Gegen- teil, es scheint, als ob der Begriff (wenn nicht die Bezeichnung) von den Imperialisten selbst ab Ende der 1860er Jahre in Umlauf gebracht wurde, obwohl er ziemlich bald die bekannte antiimperia- listische Färbung annahm, zum Unterschied vom Wort 'empire', das keine kritischen Untertöne hatte. (Ich behandle hier hauptsäch- lich den britischen Imperialismus, da sich sowohl in der politi- schen Wirklichkeit wie in der Geschichte des Begriffs die ändern modernen Imperialismen erst später als der britische "sozusagen im Vergleich mit diesem - entwickelten und die Diskussion über das Thema bis Ende des 19. Jahrhunderts sich fast ausschließlich mit Großbritannien befaßte). Auf jeden Fall steht es fest daß in seiner Entstehungsphase - sagen wir von 1880 bis 1914 - an der Existenz des Imperialismus von keiner Seite gezweifelt wurde. Man war dafür oder dagegen; und die dafür waren fanden es noch nicht einmal notwendig, sich die verschiedenen Feigenblätter einer po- litisch harmloseren Nomenklatur umzubinden. Kolonien waren noch Kolonien, nicht einmal Mandate, Empires trugen noch stolz ihre Namen und waren noch nicht in Britische Commonwealths, Französi- sche Unionen, Japanische Coprosperity Spheres, bzw. amerikanische Freie Welten umgetauft. Allerdings, ab 1900 wurde der Imperialismus nicht nur Gegenstand des Stolzes oder der Ablehnung, sondern der Analyse. Und diese Analyse kam fast durchgehend von Seite der A n t i - I m p e- r i a l i s t e n und wurde immer mehr - was ursprünglich durch- aus nicht der Fall war - der sozialistischen und revolutionären Bewegung einverleibt. Das klassische Beispiel ist Lenin 1), dessen kleines Buch ja zum großen Teil auf dem gleichnamigen Buch des Linksliberalen Hobson 2) fußt. Die Hobson-Leninsche Hypothese wurde durch die bolschewistische Revolution zur bekanntesten Variante der Imperialismuskritik. Seit 1917 ist es diese These, die die Debatte beherrscht. Wenn seit 1917 nicht nur über die Analyse des Imperialismus gestritten wird, sondern seine Existenz theoretisch bestritten wird, so ist das in steigendem Maße den revolutionären Folgerungen zuzuschreiben, die seit 1917 aus der Imperialismuskritik gezogen werden. Den Imperialismus darf es überhaupt nicht geben (oder nicht mehr geben, außer etwa unter den Russen und Chinesen), weil diese revolutionären Folgerungen unerwünscht sind. Daher hat der Historiker eine doppelte Aufgabe: einerseits die Tatsache des modernen Imperialismus als historische Erscheinung erneut festzustellen; andererseits die Analysen, die ihn zu erklären versuchen, kritisch zu untersuchen. Entwicklung der Imperialismus-Theorien -------------------------------------- Gibt es den Imperialismus also eigentlich? Die Tatsache, daß das Wort 'imperium', aus dem römischen Reich übernommen, seit 2000 Jahren im Umlauf ist, macht es leicht möglich, Dutzende von Impe- ria und daher abgeleiteten Imperialismen zu entdecken und daher das Spezifische am modernen Imperialismus abzustreiten. Man nennt I m p e r i u m jedes große Reich, jede Politik der militäri- schen Eroberung und territorialen Ausbreitung, jedes staatliche Gefüge, in dem gewisse Gebiete einem Zentralterritorium unterge- ordnet sind, jedes, das Anspruch auf Weltmacht oder Weltgeltung macht. Ebenso kann K o l o n i e, ein Terminus, der auch seit der Antike bekannt ist, jede Siedlung und Niederlassung außerhalb der normalen Grenzen eines Staatswesens, insbesondere Übersee, bedeuten. Man kann also behaupten, die Empires des späten 19. Jahrhunderts und der Imperialismus wären nichts Neues, sondern bestenfalls Varianten einer weitverbreiteten historischen Er- scheinung. Ja man kann den Imperialismus sogar wie Schumpeter 3) nicht als Resultat des Kapitalismus, sondern umgekehrt als vorka- pitalistisches Überbleibsel betrachten, das mit der vollen Ent- wicklung des eigentlichen (d.h. liberalen) Kapitalismus ver- schwindet. Diese These, die eine bekannte Methode in der Marxpo- lemik darstellt (Anerkennung der marxistischen Fragestellung, Um- stülpung der marxistischen Antwort), spielt heute in der Polemik keine Rolle mehr. Solche Argumente sind nicht sehr ernst zu nehmen. Seriöser ist die Feststellung, daß der Imperialismus als Phänomen der wirt- schaftlichen Ausbeutung fremder (meist überseeischer) Gebiete an sich nicht neu zu sein scheint. Wir brauchen nicht einmal an Er- scheinungen zu denken, die an sich nichts mit dem modernen Impe- rialismus zu tun haben (wenn sie sich auch, wie die w h i t e s e t t l e r s in Afrika, in ihn einfügen lassen), so z.B. die Eroberung neuer Ländereien für feudale Grundherrschaften oder Bauernsiedlung. Die s p a n i s c h e R e c o n q u i s t a ist offensichtlich kein moderner Imperialismus und die Conquista Lateinamerikas im 16. Jahrhundert auch nicht. Andererseits finden wir in den Kolonialsystemen Hollands, Englands und z.T. auch Frankreichs im 17. bis 18. Jahrhundert, deren Territorien ja di- rekt in die der modernen Empires übergingen, doch wirtschaftliche Ausbeutung im Zuge einer kapitalistischen Entwicklung, die sowohl durch wie für Händler und Industrielle stattfand. Ebenso steht es fest, daß die Beziehungen zwischen dem englischen Kapitalismus und den 'unterentwickelten', besonders den außereuropäischen, Ländern schon vor Ende des 19. Jahrhunderts sehr viele Züge des Imperialismus vorwegnahmen, was übrigens Lenin selbst erwähnt. Das sind Tatsachen, denen die moderne Imperialismusanalyse Rech- nung tragen muß. Ob man andererseits, wie Gallagher und Robinson 4), von einem 'Freihandelsimperialismus' sprechen kann, der schon immer eine Politik der bewußten Kontrolle ausführte - wenn mög- lich ohne, wenn nötig mit formalem Eingriff der englischen Regie- rungsmacht - ist nicht ganz klar. D.C.M. Platt 5) hat es abge- stritten, ohne sich aber mit dem Kernproblem Indien zu befassen. Man kann ihm aber nur zustimmen, wenn er feststellt, daß ab 1880 eine tiefgreifende Änderung in der englischen Politik gegenüber den Kolonialgebieten stattfand. Allgemein steht fest, daß sich im Vierteljahrhundert nach 1870 die Struktur der wirtschaftlichen und politischen Außenbeziehungen der kapitalistischen Kernländer grundlegend änderte. Hier ist der Ansatzpunkt jeder ernsthaften Analyse des Imperialismus. Die Terminologie beleuchtet auch diese Feststellung. Wie schon erwähnt, gibt es den Imperialismus im modernen Sinne bei Marx nicht. Wir finden bei ihm kein besonderes Interesse für die wirt- schaftlichen Fragen, die später die Analytiker des Imperialismus so beschäftigen, so z.B. die Kapitalausfuhr; ja nicht einmal die These, die so eng mit der Diskussion des Imperialismus zusammen- hängt, daß die Gründe internationaler Kriege auf wirtschaftlichem Gebiet zu suchen seien. Zu Marx' Lebzeiten war dies eine These der Proudhonisten. Dreißig Jahre später diskutierte die ganze Welt über den Imperialismus; genau genommen liegt der Beginn die- ser Diskussion zwischen 1898 und 1902. Es bestand kein Zweifel an der Neuheit sowohl des Begriffes wie auch der politischen Wirk- lichkeit. Der Begriff des Imperialismus als einer Politik der ge- schichtlichen Mission gewisser Völker oder Rassen, andere zu be- herrschen und große Reiche zu erhalten bzw. zu vergrößern - man dachte vorwiegend an die Germanen und im engeren Sinne die Angel- sachsen -, findet sich zuerst gegen Ende der 60er Jahre in klei- neren Kreisen englischer Intellektueller, und seine demagogischen Möglichkeiten werden in den 70er Jahren von Disraeli (der sich früher nie um das britische Weltreich gekümmert hatte) systema- tisch in die Politik eingeführt. Noch 1878 betrachtete ein Kol- lege Disraelis das Wort Imperialismus als einen Neologismus. Ge- gen Mitte der 1890er Jahre bekam der Terminus seine wirtschaftli- che Orientierung, die er später nie verlor, und wurde in den nächsten Jahren von einem rein britischen zu einem multinationa- len und internationalen Begriff. Zwischen 1898 und 1906 wurde der Versuch unternommen, diese neue und neuentdeckte politische Wirklichkeit systematisch zu be- schreiben und zu analysieren. Es handelt sich natürlich nicht einfach um die Annexion von Kolonien, sondern um die Analyse ei- ner offenbar neuen Phase in der wirtschaftlich-politischen Ent- wicklung, die auf die klassische Epoche der freien, freihändleri- schen Konkurrenz und der staatlichen Zurückhaltung folgt. Für die bürgerlichen Analytiker, wie Schulze-Gaevernitz, Erich Marcks 6) und andere in Frankreich, Belgien und Italien, handelt es sich ziemlich allgemein um eine neue Ära der politisch-wirtschaftli- chen Ausdehnung, in der das politische und wirtschaftliche Ele- ment zusammenflössen und sozusagen neumerkantilistisch zusam- menarbeiteten. Für die Nichtengländer unter ihnen schien die Mo- ral der Geschichte die zu sein, daß, wer noch kein Imperialist war, es schnell werden mußte. Trotzdem sah man auch schon die Ge- fahr eines Weltkrieges um die Weltherrschaft, die aus dieser Lage entsprang (so z.B. Schmoller). Dies war um so natürlicher, als die Weltkriegsgefahr seit den 1890er Jahren ja eines der neuen Momente in der Wirklichkeit war, die eben, zusammen mit Kolonial- eroberungen und anderen Dingen, zu erklären und in ein System zu bringen waren. Es bestand wenig Zweifel, daß die Gründe dieser neuen Tendenzen in der Wirtschaft zu suchen waren. Für die Sozialisten fußte die neue Analyse natürlich konkret auf der Untersuchung des Kapitalismus. Die erste wirklich systemati- sche Analyse dieser Art war die des englischen Radikalliberalen und Privatsozialisten Hobson, der ganz klar den Imperialismus als Stadium des Kapitalismus behandelte und dessen Buch (1902) grund- legend für die spätere Imperialismuskritik wurde und noch heute ist. Leider führte ihn sein Studium des südafrikanischen Problems zur einseitigen Überbetonung des Moments der Kapitalausfuhr, aus Gründen, die uns hier nicht weiter interessieren, aber die spä- tere Diskussion stark beeinflußten. Aber gleichzeitig entwickelte sich unter kontinentalen Marxisten, wie Rosa Luxemburg 7) (1899) und Kautsky 8) (1902), die Überzeugung, daß der Kapitalismus nun in ein politisch-militaristisches Stadium eintrete; der Terminus 'Imperialismus' wurde noch nicht verwendet. Sehr schnell ging dieser, wohl über die Hobsonschen Schriften, in den Marxismus über. Schon 1905 finden sich in Hilferdings damals verfaßtem, aber noch nicht veröffentlichtem Finanzkapital 9) die Hauptlinien der späteren marxistischen Analyse, und Rosa Luxemburg 10) brachte ihre Fassung einer solchen Analyse 1913 in die Öffent- lichkeit. Die T h e o r i e d e s I m p e r i a l i s m u s wuchs also aus der Wirklichkeit, die gegen Ende der 90er Jahre offensicht- lich einer Erklärung bedurfte. Sie befaßte sich durchaus nicht nur mit der Problematik des Kolonialismus, sondern versuchte eine Reihe von neuen Fakten auf einen analytischen Nenner zu bringen. Dies waren: 1. Die Änderung in der Struktur des Kapitalismus, d.h. der Auf- stieg der Monopole und des Finanzkapitals. 2. Die Änderungen in der inneren Wirtschafts- und Sozialpolitik der Staaten, d.h. die Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus. 3. Der neue Kolonialismus und die Aufteilung der Welt. 4. Die internationalen Spannungen und die neue Kriegsgefahr. 5. Bei Lenin auch das Eindringen des Reformismus in die interna- tionale Arbeiterbewegung. Alle diese Erscheinungen wurden von Zeitgenossen als in irgendei- nem Sinn zusammenhängend betrachtet. Ob sie wirklich so zusammenhängen, d.h. ein 'Syndrom' bilden, läßt sich allerdings nicht beweisen. Jede wissenschaftliche Ana- lyse wird wohl instinktiv zu dieser Annahme neigen, eben weil eine Hypothese, die die möglichst große Zahl von verschiedenen Dingen zugleich erklären kann, den ästhetischen Sinn der Wissen- schaft immer stark anspricht. Schöne und elegante Theorien werden ihren Konkurrentinnen immer vorgezogen. Aber - und ich erwähne das aus methodologischem Pflichtgefühl - solche Zusammenhänge können auch zufällig sein. Es wäre theoretisch durchaus möglich, daß es keine Verbindung zwischen den fünf erwähnten Momenten der Entwicklung im späten 19. Jahrhundert gäbe, sondern nur zufällige Konvergenz; genauso wie es theoretisch möglich ist, daß es im Ka- pitalismus keine zyklischen Krisen gibt, sondern nur wiederholte, aber rein fallweise erklärbare Zusammenbrach«. Das ist an sich unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Weniger unwahr- scheinlich ist, daß ein oder das andere Moment aus dem Syndrom auszuschließen ist. Dagegen ist unzweifelhaft: Erstens, daß der Imperialismus Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur als Novum, sondern als neue Phase der gesamtkapitalistischen Entwicklung empfunden wurde und daher nicht mit Hinweisen auf die Römer oder Napoleon abzuweisen ist. Zweitens, daß die Theorie des Imperialismus nicht nur eine Erklä- rung der kolonialen Ausbeutung sein will, sondern die Analyse eben dieser neuen Phase der kapitalistischen Entwicklung in ihrer Gesamtheit und daher nicht durch Einzelargumente über Kolonien zu widerlegen ist. Die Rolle wirtschaftlicher Faktoren ----------------------------------- Wir brauchen uns im Augenblick nicht weiter mit der Frage, ob der Imperialismus wirklich existiert, zu befassen. Wenden wir uns nun dem zweiten Fragenkomplex zu. Was steht hinter dem Imperialismus, insbesondere, was ist die R o l l e w i r t s c h a f t- l i c h e r F a k t o r e n in ihm? Diese Fragen werden oft, ja sogar meist, falsch gestellt, als ob es sich um die Alternative: entweder Wirtschaft oder Politik handelte. Aber das ist schon auf den ersten Blick unsinnig. Erst einmal behauptet überhaupt nie- mand, mit Ausnahme einiger amerikanischer Sozialwissenschaftler, die simple Abhängigkeit jedes nichtwirtschaftlichen Phänomens von einem wirtschaftlichen; eine Behauptung, die übrigens methodolo- gisch eine scharfe Trennung zwischen wirtschaftlichen und nicht- wirtschaftlichen Erscheinungen voraussetzt, welche vielleicht analytisch zulässig, aber in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Die Frage, ob der Imperialismus rein wirtschaftliche Gründe hat, ist also ein Pseudoproblem, genau wie die Frage, ob die Re- formation ein rein religiöses Phänomen war. Zweitens, um von der Methodologie zu den Tatsachen zu kommen, entstammt der Imperialismus einer politischen Sachlage; nämlich der, daß sich der K a p i t a l i s m u s in national-politi- schen Einheiten entwickelt hat und daher als konkurrierender bri- tischer, deutscher, französischer, amerikanischer usw. Kapitalis- mus auftrat. Ohne diese historische Eigenart gäbe es wohl vieles, was später in die Rubrik 'Imperialismus' eingereiht wurde, aber doch kaum das Gesamtphänomen des Imperialismus, mit dem sich die Debatte befaßt. Es gäbe sicherlich den grundlegenden wirtschaft- licher Unterschied zwischen dem 'entwickelten' Sektor der Welt- wirtschaft und der 'unterentwickelten Welt, der westeuropäisch- nordamerikanischen Metropole und von ihr beherrschten und gelenk- ter d e p e n d e n t e c o n o m i e s. Dieser Unterschied geht tief in die Geschichte zurück, der Kapi- talismus - wenigstens der britische - beruht auf ihm und hat an sich nichts mit der Epoche der Monopole und des Finanzkapitals zu tun. In diesem Sinne kann man mit Lenin schon Mitte des 19. Jahr- hunderts von 'bestimmter Charakteristiken des Imperialismus' in der britischen - und damals der einzig entwickelten kapitalisti- schen Wirtschaft reden. Weiter ist es möglich, daß es ohne die Konkurrenz nationaler Kapitalismen etwa auch den Neokolonialis- mus, bzw. in der Kautskyschen Fassung, den S u p r a i m p e- r i a l i s m u s gäbe, in dem entweder ein dominanter National- kapitalismus, wie z.B. der der heutigen USA, oder ein Komplex von internationalen Riesenkonzernen (deren nationale Zugehörigkeit nebensächlich ist) die Herrschaft über die unterentwickelte Welt übernimmt Ich lasse dahingestellt, ob dies wirklich den Tatsachen entspricht, aber das gehört in eine andere Diskussion. Jedoch das, was sich Anfang dieses Jahrhunderts als 'Imperialismus' entwickelte und übrigens auch historisch den Neokolonialismus gezeugt hat, ist aus der Konkurrenz verschiedener nationaler Kapitalismen entstanden und einige seiner markantesten Züge, wie z.B. die politische Aufteilung der Welt in Kolonien und Einflußsphären und die militärisch-politischen Spannungen, sind ohne eine solche Konkurrenz von Staatswesen überhaupt uner- klärlich. Unter diesen Umständen ist es völlig unmöglich, die Politik aus dem Imperialismus auszuklammern. Ohne sie gäbe es ihn nicht. Man kann wohl fragen, ob die Koexistenz konkurrierender National- staaten nicht schon an und für sich genügt hätte, um diese Aspekte des Imperialismus zu erklären, d.h. wozu es notwendig ist, sie mit deren kapitalistischer Entwicklung in Verbindung zu bringen. Nur wenn man von der wichtigen, und offensichtlich wirt- schaftlichen, Seiten des Imperialismus abstrahiert, d.h. wenn man die Fragen der Monopolisierung, des Finanzkapitals, der allgemei- nen Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus usw. beiseite läßt und sich rein auf Fragen der internationalen Diplomatie und deren Konflikte beschränkt, läßt sich diese Frage stellen - und positiv beantworten. Die Argumente, die heute meist ins Feld geführt wer- den, legen eben deswegen ihren Schwerpunkt auf p o l i- t i s c h - d i p l o m a t i s c h e T h e s e n. So behaupten Gallagher und Robinson 11), es habe Anfang der 1880er Jahre keinen besonderen wirtschaftlichen Anlaß zur Teilung Afrikas gegeben; dagegen ließe sich die britische Afrikapolitik lediglich aus außenpolitischen Gründen erklären - hauptsächlich aus denen, die aus der Verteidigung Indiens entspringen. D.K. Fieldhouse behauptet geradezu: "Das Hauptcharakteristikum der neuen Situation (nach 1870) war, daß nun wieder wirtschaftliche Momente den politischen unterge- ordnet wurden, und hinter der Sorge um die nationale Verteidi- gung, die Militärmacht und das Prestige zurücktraten" 12). Einerseits fallen diese Thesen unter den Tisch, weil sich, wie gesagt, eine solche scharfe Trennung zwischen Wirtschaft und Po- litik einfach nicht herstellen läßt. So braucht man sich bloß zu fragen warum denn die Verteidigung Indiens im 19. Jahrhundert eine so ungeheuer wichtige Rolle in de englischen Außen- und Mi- litär- bzw. Flottenpolitik spielte. Eben weil dieses bekannte "leuchtendste Kronjuwel Englands", wie jeder Experte in der Ge- schichte des englischen Handels, des internationalen Zahlungssy- stems und der Baumwollindustrie weiß, eine absolute Schlüssel- stellung besetzte, die, aus hier nicht weiter zu erörternden Gründen, eine direkte Besetzung und Verwaltung durch England zu erfordern schien. Ob man die Besetzung Ägyptens oder Ugandas aus lokalen wirtschaftlichen Gründen erklären kann oder nicht, fest steht, daß, insofern als sie aus den Problemen der Indienpolitik entsprangen, man sie nicht als 'politische' Eroberungen einem 'wirtschaftlichen' Imperialismus gegenüberstellen kann. Es ist übrigens auf jeden Fall unzulässig, jedenfalls in den englischen Außenpolitik, das wirtschaftliche Moment zu vernachlässigen. D.C. Platt's neues Buch 13) erinnert daran, daß das britische Außenmi- nisterium selbstverständlich die Pflicht anerkannte, dem engli- schen Handel neue Märkte zu eröffnen und nach deren Eröffnung zu- gänglich zu halten; was ja nicht unerwartet ist. Zweitens aber zerfällt die rein diplomatische These, wenn sie behauptet, es hätte um diese Zeit keinen besonderen wirtschaftlichen Anlaß zu Kolonialabenteuern und Konflikten gegeben. Anlaß gab es genug, z. B. in der sogenannten G r o ß e n D e p r e s s i o n, jener Zeitspanne von 1873 bis 1896, die nicht nur englischen Wirt- schaftshistorikern geläufig sein dürfte, diese aber ganz beson- ders intensiv, wenn auch nicht immer nutzbringend beschäftigt hat. Die Krise der 70er Jahre brachte den guten Bürgern, die ihr Geld in fremde Fonds investiert hatten, nichts als Tränen. Über- seeische Regierungen stellten die Zahlung teilweise oder gänzlich ein; der Kollaps der türkischen Finanzen im Jahre 1876 z.B. hatte katastrophale Folgen "Equipagen wurden aufgegeben, Diener entlas- sen, und in Kurorten und ähnlichen Zentren hörte die Bautätigkeit zeitweise auf. Noch bis 1882 machten sich diese Schwierigkeiten in Rentierkreisen bemerkbar" schreibt Prof. Checkland, eine zeit- genössische Quelle zitierend. Es nimmt nicht wunder, daß sich um eben diese Zeit jene schlachtlustigen Kapitalisten mit ausländi- schen Anlagen formierten, die : B. in der Geschichte der Beset- zung Ägyptens eine Rolle spielen. Zweitens, und noch wichtiger, brachte die Große Depression das Ende des internationalen Frei- handels und die Rückkehr zu Schutzzöllen mit sich; besonders nach 1879. Schon dies allein erklärt die positivere Unterstützung von Annexionen, wie sie sich seit 1885 in der englischen Außenpolitik bemerkbar macht. Wie Lord Salisbury dem französischen Botschafter im Jahre 1897 erklärte: "Wenn ihr Franzosen keine so rasenden Schutzzöllner wärt, dann würdet ihr auch bei uns weniger Gier nach neuen Territorien entdecken" 14). Die rein politische These klappt also nicht. Die Kritiker verle- gen sich also auf die Vulgärsoziologie. Wenden wir uns nun einer solchen s o z i o l o g i s c h e n T h e s e zu: der Behaup- tung, daß der Imperialismus eine Massenbewegung gewesen sei - um wieder mit Fieldhouse zu sprechen - "der erste der irrationalen Mythen, welche die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts beherr- schen"; "ein soziologisches Phänomen mit politischen Wurzeln, das man am besten im Sinne der gleichen gesellschaftlichen Hysterie versteht, die später andere und schlimmere Formen des aggressiven Nationalismus gezeugt hat" 15) Daß der Imperialismus viel mit dem späteren Faschismus gemein hatte, ist unzweifelhaft und für England auch in Semmels Buch 16) belegt. Man könnte eine ganze Anthologie nicht nur der Rassen- theorie im allgemeinen, sondern auch im besonderen der geschicht- lichen Mission der blonden und blau-äugigen Nordischen Rasse, sich die Untermenschen zu unterwerfen, aus den Jahren 1890-1900 anlegen: Daß vieles am Phänomen Imperialismus irrational war und daß eben diese i r r a t i o n a l e n E l e m e n t e von An- fang an durch Disraeli demagogisch gegen die Liberalen und später von der konservativen Partei gegen Liberale und Sozialisten aus- gebeutet wurden, ist fraglos. Fahne, Volk und Reich wurden zum Monopol der Konservativen Partei, eben weil diese sich als die imperial party' ausgab; es fehlte bloß der Führer, obwohl eine bewußt ritualisierte und vergötterte Monarchie ihn funktionell oft vertreten konnte. Aber das beweist durchaus nicht, daß der Imperialismus ursprünglich eine Massenbewegung war. Hier begeben wir uns allerdings auf ziemlich unbekanntes Gebiet. Die geschichtliche Forschung über die öffentliche Meinung steht noch zum großen Teil aus. Trotzdem lassen sich einige Behauptun- gen ziemlich sicher aufstellen. Zum Beispiel: Erstens, daß für das überseeische Imperium im 19. Jahrhundert nicht viel Interesse existierte. Eine Inhaltsanalyse der drei größten Massenzeitungen der 60er bis 80er Jahre ergibt, wie zu erwarten, viel Stolz über die Leistung der englischen Seefahrt (wobei kein besonderer Un- terschied zwischen Handels- und Kriegsmarine gezogen wird), aber ein gänzliches Manko an Begeisterung für die Kolonien, ja sogar für Indien. Kipling und die gesamte Indienromantik haben den Ar- beitern nichts bedeutet. Zweitens, daß die bekannte Episode des J i n g o i s m u s im Jahre 1878, die in den Büchern immer als Massenausbruch des Chauvinismus behandelt wird, kein Massenphäno- men gewesen ist, wie kürzlich durch einen jungen Forscher erwie- sen wurde. Drittens beweist die statistische Analyse der Freiwil- ligen, die in den Burenkrieg zogen, daß die Kurve der Arbeiter unter ihnen lediglich die normale Konjunktur (insbesondere die Bewegung der Arbeitslosigkeit) wiederspiegelt und eine Korrela- tion mit der Kurve des Patriotismus (z.B. der Anstieg der Meldun- gen nach britischen Niederlagen) hauptsächlich bei den Kleinbür- gern, Büroangestellten usw. existiert. Ich schließe aus solchen Teilresultaten, die noch ungedruckt sind, daß es zumindest ver- früht ist, den Imperialismus in seiner aggressiven und kampflu- stigen Jugend als eine Massenbewegung in der Metropole zu be- trachten. Das ist auch unwahrscheinlich. Eine Massenbewegung im Mittelstand war er allerdings. Aber die hysterische Begeisterung unter jungen Börsenmaklern und älteren Gymnasialprofessoren ist nicht mit einer Bewegung des englischen Volkes, d.h. der engli- schen Arbeiterklasse, zu verwechseln. Die soziologische These fällt also auch unter den Tisch. Es bleibt noch die sozusagen t e c h n o l o g i s c h e T h e- s e, die wir bei John Roberts finden. Er nimmt einfach an, daß "um diese Zeit gewisse Dinge die Expansion Europas mehr begün- stigten als früher. Es wurde damals möglich, größere Kapitalien effektiv zu mobilisieren; Fortschritte im Transportwesen, in der Medizin und irr Militärwesen fanden damals statt" usw. 17). Möglich, aber unwahrscheinlich. Die Technologie um 1840 genügte vollauf für die Eroberung und Besetzung großer überseeischer Ge- biete durch westliche Mächte, wie z.B. die Geschichte Indien) be- weist. Zweifellos war die Besetzung des Sudan anno 1898 leichter als die Abessiniens durch General Napier anno 1868, aber sie ge- lang auch 1868. Man kann technologische Neuerungen in diesem Sinne nicht für den Imperialismus verantwortlich machen; was nicht besagt, daß sie keine Rolle spielten. Die Alternativen zur 'wirtschaftlichen' Erklärung des Imperialis- mus sind also nicht schlagkräftig. Noch viel weniger ist es die These, die behauptet, es wäre überhaupt nichts Neues am Imperia- lismus, da er nur eine Episode in der 400jährigen Eroberung der Außenwelt durch den Westen darstelle, bzw. da die englische Wirt- schaft auch schon vor 1880 vom Empire abhing. Beide Feststellun- gen sind richtig. Doch weder die eine noch die andere kann be- streiten, daß wir es Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Novum zu tun haben und eben dies der Erklärung bedarf. Imperialismus und kapitalistische Entwicklung --------------------------------------------- Ist es nun schwer, eine Beziehung zwischen Imperialismus und all- gemeiner kapitalistischer Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts zu formulieren? Keineswegs. Man braucht nicht einmal Marxist zu sein, sondern lediglich Wirtschaftshistoriker. So hat z. B. Pro- fessor David Landes aus Harvard (der unter anderem wichtige Stu- dien über die Ausbeutung Ägyptens veröffentlicht hat) ein inter- essantes Modell eines solchen Zusammenhangs. Erstens läßt sich ab 1870 eine gewisse Erschöpfung der technologischen Möglichkeiten, die durch die erste industrielle Revolution eröffnet worden wa- ren, feststellen. Zweitens hatte der Kapitalismus des 19. Jahr- hunderts, und ganz besonders der englische, die Eigenheit, ein dauerndes Nachhinken der Nachfrage hinter dem Angebot aufzuweisen und daher - auch wieder ganz besonders für Großbritannien - eine dauernde Tendenz zur Expansion nach Übersee. Drittens war es um 1870 mit dem englischen Wirtschaftsmonopol zu Ende. Die britische Wirtschaft hatte nun Konkurrenten. "Diese Wendung vom Monopol zur Konkurrenz war wohl der wichtigste Faktor, der die Atmosphäre des europäischen Handels und der euro- päischen Industrie bestimmte. Wirtschaftliches Wachstum war von nun an gleichzeitig Wirtschaftskampf - ein Kampf, der die Starken von den Schwachen schied... Was nun vorherrschte, war nicht mehr der optimistische Glaube an eine Zukunft des grenzenlosen Fort- schritts, sondern Unsicherheit und tödliches Ringen. Alle diese Faktoren verstärkten die politischen Konflikte und wurden auch durch sie verstärkt. Beide Formen der Konkurrenz verschmolzen in jenem Setzten Ausbruch des Landhungers und der Jagd nach 'Einflußsphären', die man den 'Neuen Imperialismus' nennt". 18) Die Erschöpfung der 'ersten' industriellen Revolution führte zu weiteren technischen Fortschritten, die ab 1890 spürbar werden; die Suche nach Märkten nicht nur auswärts, sondern auch nach in- nen, zur Entwicklung des Massenmarktes im Land selbst. Diese, verbunden mit der neuen Atmosphäre des internationalen Wirt- schaftskampfes, bedeutete eine scharfe Abwendung vom wirtschaft- lichen Liberalismus, d.h. einerseits, der Ummauerung einzelner Nationalmärkte durch Schutzzölle usw., andererseits der Beschrän- kung der Konkurrenz durch wirtschaftliche Konzentration, Kartelle usw. Die innerlichen strukturellen Änderungen des Kapitalismus werden so mit den Änderungen in der Beziehung der kapitalisti- schen Staaten zueinander und zur unterentwickelten Welt in Zusam- menhang gebracht. Ich habe das Argument Landes' hier skizziert, nicht so sehr, um ihm als ganzem zuzustimmen, sondern einfach um zu beweisen, daß eine Analyse, die vom Mechanismus der kapitalistischen Entwick- lung ausgeht, es leicht findet, den Gesamtkomplex des Imperialis- mus zu erklären. Das heißt erstens dessen Neuheit, zweitens jede einzelne der Erscheinungen, die der Erklärung bedürfen - Kolonia- lismus, Kriegsspannungen, wirtschaftliche Konzentration usw. - und drittens den Zusammenhang zwischen diesen Aspekten. Man müßte nur hinzufügen - ob man die Landes'sche Erklärung oder eine mehr marxistische annimmt -, daß in diesem Gesamtkomplex Großbritan- nien natürlich eine eigenartige, ja paradoxe Stellung einnimmt. Für den britischen Kapitalismus bedeutete die Epoche des Imperia- lismus eine Defensivaktion: Rückzug vom Weltmonopol aufs Monopol eines Viertels der Welt. Zur gleichen Zeit waren, aus Gründen, die hier nicht näher zu untersuchen sind, die Reserven des briti- schen Kapitalismus weit größer und daher der Druck zur struktu- rellen Änderung - z.B. zur Konzentration - weit schwächer. Erst nach dem ersten Weltkrieg wurde England in diesem Sinne eine ty- pische Wirtschaft der Epoche des Imperialismus. Hier liegt mir natürlich nicht daran, eine Analyse des Imperialismus zu bringen, sondern lediglich daran, gewisse Thesen aus der Diskussion her- vorzuheben, andere als würdige Diskussionspartner anzuerkennen. Zur Marxistischen Imperialismustheorie -------------------------------------- Unter diesen würdigen Diskussionspartnern nimmt die klassische Hobson-Hilferding-Lenin'sche These (mit oder ohne Ausarbeitung durch Grossman, Sternberg, Sweezy 19) und andere) noch immer eine Ehrenstellung ein. Das bedeutet aber nicht, daß sie kritiklos an- zunehmen ist. Sie ist in doppelter Hinsicht angreifbar: erstens in ihrer spezifischen Analyse des Mechanismus, der den Kapitalis- mus in die Kolonialgebiete trieb und zweitens in gewissen Wertur- teilen über die Epoche des Imperialismus. Die Hobson-Lenin'sche Theorie ist eine K a p i t a l a u s- f u h r t h e o r i e. Sie ist, wenigstens in der Lenin'schen Fassung, interessant, weil sie - wie M. Barratt Brown 20) bemerkt - die Zukunft richtig voraussagt. Sie paßt auf das britische Imperium zwischen den beiden Weltkriegen. Andererseits paßt sie weniger auf die Zeitspanne 1880-1914, mit der sich Lenin selbst beschäftigte. Lenin, sagt Barratt Brown, mit Recht, "beschreibt Großbritannien in den 1920er Jahren, die USA in den 1950er Jahren, weit besser als Großbritannien, Deutschland und die USA vor 1913". Ich möchte diese Linie der Kritik hier nicht weiter verfolgen. Es braucht nur festgestellt zu werden, daß z.B. die Kapitalausfuhr ins Empire nach den großen Annexionen der 1880er Jahre nicht besonders zunahm und die unentwickelten Kolonial- ebiete wenig an ihr beteiligt waren. Die Hauptausfuhr ging nach wie vor in relativ entwickelte Länder mit weißer Bevölkerung, ob industrialisiert (wie die USA) oder nicht, ob technisch unter britischer Herrschaft (wie Australien) oder nicht (wie Argentinien). Übrigens ist es theoretisch nicht notwendig, eine m a r x i s t i s c h e I m p e r i a l i s m u s t h e o r i e lediglich oder hauptsächlich auf der Kapitalausfuhr aufzubauen. Rosa Luxemburg bietet das Beispiel einer unter verschiedenen anderen Möglichkeiten. Zwei weitere Elemente wurden in die Hobson-Lenin'sche Theorie hineingelesen, die nicht unbedingt zu ihr gehören: erstens die These, daß Imperialismus nicht nur das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus wäre, sondern auch in gewissem Sinne ein Stadium der Stagnation und des Rückschritts; zweitens, daß sich nur aus ihm die Superprofite erklären ließen, die es, mittels einer Ar- beiteraristokratie, dem Bürgertum ermöglichten, die revolutio- nären Tendenzen der Arbeiterklasse zu zähmen. Die erste These hält ganz einfach den Tatsachen nicht stand, obwohl sie auf den britischen Imperialismus vor dem ersten Weltkrieg nicht schlecht zu passen schien. Man könnte auch hier eine ganze Anthologie von zeitgenössischen Urteilen finden, von Hobson und Clarke bis Bern- hard Shaw, die wohl Lenin später beeinflußten. Im Gegenteil. Die Epoche des Imperialismus ist in der Geschichte des Kapitalismus die der zweiten - auf wissenschaftlicher Technologie begründeten industriellen Revolution und wenn wir sie als deren 'letztes' Stadium betrachten, dann ist es nicht, weil der Kapitalismus un- fähig geworden ist, die Produktion weiter vorwärts zu treiben, sondern eben weil er in dieser Epoche innere und äußere Wider- sprüche entwickelte, die sich in den großen Revolutionen, Krisen und Kriegen Luft machten. Die zweite These ist auf einem falschen Postulat aufgebaut, näm- lich auf der Annahme, daß die Unempfänglichkeit des westlichen Proletariats gegenüber revolutionären Bewegungen auf der Korrup- tion durch Superprofite fußt und diese sich nur durch Koloni- alausbeutung erklären lassen, Diese Annahme ist nicht notwendig; daher ist es auch nicht notwendig, diese These in die Imperialis- mustheorie einzubauen. Was selbstverständlich nicht bedeutet, daß die Arbeiter in gewissen Metropolen aus deren Stellung keinen Vorteil gezogen hätten. Zusammenfassung der Imperialismusdebatte 1870-1914 -------------------------------------------------- E r s t e n s: Die Debatte über den Imperialismus ist eine ideo- logische Debatte, die bis heute die wissenschaftliche Analyse dieses Phänomens mehr gehemmt als gefördert hat, da sie sich aus vorwiegend politischen Gründen gegen die einzig wertvolle Frage- stellung gestemmt hat, weil diese von der Gegnern des Imperialis- mus formuliert und ausgearbeitet wurde. Sich mit dieser Debatte abzugeben ist zeitraubend, aber leider wenig ergiebig. Anderer- seits müssen wir eingestehen, daß bis vor 10 bis 15 Jahren auch die Analyse, welche auf der ursprünglichen Fragestellung fußte, verknöcherte und ihre Anhänger - d.h. die meisten Marxisten und Anti-Imperialisten - wenig über Hobson, Hilferding, Rosa Luxem- burg und Lenin hinausgingen und deren Schwächen nicht genügend kritisierten. Z w e i t e n s: Der Imperialismus ist als Gesamtkomplex zu ana- lysieren - als System, um mit der modernen Theorie zu reden -- und nicht als Summe von Teilproblemen mit den Titeln Politik, So- ziologie, Ideologie, Wirtschaft, bzw. britischer, französischer, deutscher Imperialismus usw. Teilaspekte sind in der Analyse vom Allgemeinkomplex zu unterscheiden und es besteht kein Grüne anzu- nehmen, daß sie alle sozusagen Miniaturversionen des Allgemein- problems darstellen. Was für Motive z.B. bei der Annexion Indo- chinas ausschlaggebend waren, ist eine Frage; warum zu gleichen Zeit unter anderem die Aufteilung der Welt vorgenommen wurde, ist eine andere - und übergeordnete. D r i t t e n s: Die richtige Fragestellung muß vor allem den Gesamtprozeß der kapitalistischen Entwicklung im Auge behalten, und zwar in allen seinen Aspekten, zu denen die Konkurrenz poli- tisch unabhängiger Nationalwirtschaften gehört. Sie darf den Im- perialismus nicht als gänzliches Novum betrachten, da von Anfang an die Beziehungen zwischen 'entwickelten' und 'unentwickelten' Ländern, d.h. die Ausdehnung des kapitalistischen Weltmarkts, für die kapitalistische Entwicklung grundlegend sind; was ja beson- ders im Fall Großbritanniens klar wird. Der Imperialismus bedeu- tet eine historische Wendung in diesen Beziehungen wie auch in der Gesamtstruktur des Weltkapitalismus, nicht aber etwa eine völlige Neuentdeckung etwa der Kolonialausbeutung. Diese Wendung -- also was zwischen ca. 1870 und ca. 1914 in der Welt vor sich ging - ist de Hauptgegenstand der historischen Untersuchung des Imperialismus, ob man den Namen benutzen will oder nicht. V i e r t e n s: Diese Fragestellung läßt aber noch manche Pro- bleme ziemlich offen; zum großen Teil - leider - weil, die De- batte über den Imperialismus bis jetzt und auf beiden Seiten von der politisch-ideologischen Polemik beherrscht wurde. Zum Bei- spiel die genaue Rolle, die in dieser geschichtlichen Wendung des Kapitalismus dem Kolonialproblem zufällt, und dessen absolute und relative Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung sind noch weitgehend zu untersuchen. Sie sind auf jeden Fall nicht so leicht aus bestimmten Spezialfällen abzuleiten. Die Tatsache, daß sich aus verschiedenen Gründen die Analyse des Imperialismus gegen Ende der 1890er Jahre entwickelnd auf der Basis der afrikanischen, besonders der südafrikanischen, Unternehmungen des englischen Kapitalismus, muß den Historiker interessieren genau wie die Tatsache, daß sich die kommunistische Kolonialtheorie in den 1920er Jahren hauptsächlich auf Grund bestimmter asiatischer Erfahrungen weiterentwickelte. Sie darf aber den Theoretiker nicht irreführen. Es könnte sich übrigens durchaus herausstellen, daß die Kolonial- frage sin verhältnismäßig untergeordneter Aspekt des Gesamtkom- plexes 'neue Epoche des Kapitalismus' darstellt, wenigstens für die Metropolen. Für diese können eventuell schon Ende des 19. Jahrhunderts andere Aspekte schwerer ins Gewicht fallen, die auch aus der neuen Epoche der internationalen kapitalistischen Konkur- renz abzuleiten sind. Ich denke z.B. an die neuen Verbindungen zwischen Staat und Rüstungsindustrie einerseits, Staat und revo- lutionärer Technik andererseits, die charakteristische Formen der heutigen kapitalistischen Wirtschaft vorwegnehmen. Ihre Verbin- dung mit dem Imperialismus im engeren Sinne des Wortes ist übri- gens ziemlich klar; man braucht bloß das Wort Petroleum zu erwäh- nen. Andererseits möchte ich mit diesen Bemerkungen die Wichtig- keit der Kolonialfrage nicht unterschätzen. Sie ist unzweifelhaft entscheidend für die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Nicht weil etwa Indochina oder China je von grundlegender Bedeutung für die Wirtschaft der englischen, französischen oder amerikanischen Metropolen waren, sondern umgekehrt, weil diese von ganz ein- schneidender Bedeutung für die chinesische und indonesische Ge- sellschaft waren und daher die großen Revolutionen auslösten, die unsere Welt verändern. Eine letzte und offene Frage darf ich vielleicht kurz andeuten: die nach der weiteren Entwicklung des Imperialismus. Es ist of- fensichtlich, daß sich das geschichtliche Bild des Imperialismus seit 1914 weitgehend geändert hat. Auch hier haben sich ideologi- sche Momente als störend erwiesen - einerseits die Tendenz west- licher Forscher, den Imperialismus zu begraben bzw. ihn lediglich bei Rußland und China anzuerkennen, andererseits die der Marxi- sten und der ideologisch ziemlich konfusen befreiten Kolonialvöl- ker, keinerlei ernstliche Änderungen im Imperialismus anerkennen zu wollen. Ich denke hier z.B, an die Tatsache, daß die heutige Analyse der Beziehung zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern fast genau den entgegengesetzten Standpunkt einnimmt wie die Hobsons oder Lenins. Sie unterstreicht nämlich nicht den Ka- pitalexport an die unterentwickelten Länder, sondern im Gegenteil den Kapitalimport aus diesen Ländern. Ich habe mich hier bewußt nicht mit der späteren Entwicklung des Imperialismus beschäftigt. Die historische Debatte, in die ich mir hier einen kurzen Ein- griff gestattet habe, hat sich bis jetzt hauptsächlich mit der Zeitspanne 1870-1914 beschäftigt, und ich habe auch diese Grenzen beibehalten. _____ 1) Lenin, W.I.: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapi- talismus, (1916), Berlin 1952. 2) Hobson, J.A.: Der Imperialismus, London, New York 1902. 3) Schumpeter. J.: "Zur Soziologie der Imperialismen" (1919), in: Aufsätze zur Soziologie, Tübingen 1953, S. 72-146. 4) Gallagher, J.; Robinson, R.: Africa and the Victorians, London 1961. 5) Platt, D.C.M. in: Economic History Review, August 1968. 6) Schulze-Gaevernitz: Britischer Imperialismus und englischer Freihandel zu Beginn des 20.Jahrhunderts, Leipzig 1906. Marcks, E.: Englands Machtpolitik (Aufsätze und Vorträge zum britischen Imperialismus aus den Jahren 1903 - 1923), Stuttgart, Berlin 1940. 7) Luxemburg R.: Sozialreform oder Revolution? (erste Ausgabe; geschrieben 1899), in: Politische Schriften I, Frankfurt/M. 1966. 8) Kautsky, K., "Krisentheorien", in: Die neue Zeit, Jg. XX, Bd. 2 (1901/02) (bes. S. 140-143). 9) Hilferding, R.: Das Finanzkapital (1910). Berlin 1947. 10) Luxemburg, R.: Die Akkumulation des Kapitals, ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus (1913), Frankfurt/M. 1966. 11) Gallagher / Robinson, a.a.O. 12) Fieldhouse, D.K. in: Economic History Review, XIV, 2, 1961, S. 204. 13) Platt, D.C.M.: Finance, Trade and Politics in British Foreign Policy 1815-1914, Oxford 1968. 14) Siehe Blake, R.: Sunday Times, 5.5.1968. 15) Fieldhouse, a.a.O., S. 209. 16) Semmel, B.: Imperialism and Social Reform (1895-1914), London 1960. 17) Roberts, J.: History of Europe 1880-1945, London 1967, S. 103 18) Landes, D.: "The Rise of Capitalism", in: Cambridge Economic History of Europe, 6. Halbband 1, Cambridge 1965, S. 468. 19) Grossmann, H.: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig 1929. Sternberg, F.: Der Imperialismus, Berlin 1926. Sweezy, P.: Theorie der kapitalisti- schen Entwicklung, (1942), Köln 1959. 20) Barrat-Brown, M.: After Imperialism, London 1963. zurück