Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969
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Eric Hobsbawm
DIE IMPERIALISMUSDEBATTE IN DER GESCHICHTSSCHREIBUNG
Der Begriff des Imperialismus
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Der ideologisch-politische Streit ist aus der Geschichte nicht
wegzudenken. Der Historiker kann den Kontroversen seiner eigenen
Zeit und Welt nicht ausweichen. Karl Mannheim's freischwebende
Intelligenz existiert ebensowenig wie der abgeklärte, keiner Sa-
che außer der Wahrheit verpflichtete Gelehrte; was natürlich
nicht heißt, daß der Historiker nicht verpflichtet ist, sich dem
Zwang der Tatsachen oder der bewiesenen Hypothesen zu unterwer-
fen. Doch diese allgemeine Feststellung genügt nicht. Es gibt
selbst in den Sozialwissenschaften, die, verglichen mit den Na-
turwissenschaften, der ideologischen Debatte immer einen sehr
großen Spielraum liefern, doch wissenschaftliche Fragen, die ganz
besonders politisch anfällig sind. Die Frage des Imperialismus
gehört zu diesen, wie auch die meisten ändern, bei denen das Vo-
kabular der wissenschaftlichen Analyse mit dem der politischen
Diskussion zusammenfällt. Es ist nun einmal der Fall, daß die
Analyse der modernen kapitalistischen Gesellschaft, ihres Ur-
sprungs, ihrer Geschichte und ihrer dynamischen Struktur, zum
großen Teil von den Kritikern dieses Gesellschaftssystems her-
stammt, deren Gedankengänge von Marx zusammengefaßt, erweitert
und fortgeführt wurden. Daher die Vielzahl zweckloser Debatten.
Man kennt Historiker, die an der Existenz der industriellen Revo-
lution des 18. Jahrhunderts zweifelten, weil ihnen der Begriff
einer Revolution staatsgefährdend schien und daher unzulässig,
auch in der harmlosen Atmosphäre der Geschichte. Die Existenz des
Kapitalismus ist aus ähnlichen Gründen oft angezweifelt worden,
bzw. der Begriff wurde so erweitert, daß er alles historisch,
wirtschaftlich und gesellschaftlich Spezifische verlor. So kam es
zur These vom altägyptischen oder altindischen Kapitalismus.
Solche Argumente sind, trotz aller Spitzfindigkeit, die in sie
gesteckt wurde, Unsinn. Sie können und wollen ja nicht abstrei-
ten, daß England sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhun-
derts in ein paar Jahrzehnten revolutionär veränderte, oder daß
die Wirtschaft der USA im 19. Jahrhundert wenig mit der der Pha-
raonen gemeinsam hatte. Sie wollen bloß eine Terminologie ändern,
die ihnen aus verschiedenen Rücksichten unerwünscht ist. Ähnlich
verhält es sich mit der Debatte um den Imperialismus.
Dieser ist als Begriff und Terminus allerdings nicht marxisti-
scher Abstammung. Er ist bei Marx selbst nicht zu finden. Die Be-
zeichnung wurde nicht einmal von der Linken erfunden. Im Gegen-
teil, es scheint, als ob der Begriff (wenn nicht die Bezeichnung)
von den Imperialisten selbst ab Ende der 1860er Jahre in Umlauf
gebracht wurde, obwohl er ziemlich bald die bekannte antiimperia-
listische Färbung annahm, zum Unterschied vom Wort 'empire', das
keine kritischen Untertöne hatte. (Ich behandle hier hauptsäch-
lich den britischen Imperialismus, da sich sowohl in der politi-
schen Wirklichkeit wie in der Geschichte des Begriffs die ändern
modernen Imperialismen erst später als der britische "sozusagen
im Vergleich mit diesem - entwickelten und die Diskussion über
das Thema bis Ende des 19. Jahrhunderts sich fast ausschließlich
mit Großbritannien befaßte). Auf jeden Fall steht es fest daß in
seiner Entstehungsphase - sagen wir von 1880 bis 1914 - an der
Existenz des Imperialismus von keiner Seite gezweifelt wurde. Man
war dafür oder dagegen; und die dafür waren fanden es noch nicht
einmal notwendig, sich die verschiedenen Feigenblätter einer po-
litisch harmloseren Nomenklatur umzubinden. Kolonien waren noch
Kolonien, nicht einmal Mandate, Empires trugen noch stolz ihre
Namen und waren noch nicht in Britische Commonwealths, Französi-
sche Unionen, Japanische Coprosperity Spheres, bzw. amerikanische
Freie Welten umgetauft.
Allerdings, ab 1900 wurde der Imperialismus nicht nur Gegenstand
des Stolzes oder der Ablehnung, sondern der Analyse. Und diese
Analyse kam fast durchgehend von Seite der A n t i - I m p e-
r i a l i s t e n und wurde immer mehr - was ursprünglich durch-
aus nicht der Fall war - der sozialistischen und revolutionären
Bewegung einverleibt. Das klassische Beispiel ist Lenin 1),
dessen kleines Buch ja zum großen Teil auf dem gleichnamigen Buch
des Linksliberalen Hobson 2) fußt. Die Hobson-Leninsche Hypothese
wurde durch die bolschewistische Revolution zur bekanntesten
Variante der Imperialismuskritik. Seit 1917 ist es diese These,
die die Debatte beherrscht. Wenn seit 1917 nicht nur über die
Analyse des Imperialismus gestritten wird, sondern seine Existenz
theoretisch bestritten wird, so ist das in steigendem Maße den
revolutionären Folgerungen zuzuschreiben, die seit 1917 aus der
Imperialismuskritik gezogen werden. Den Imperialismus darf es
überhaupt nicht geben (oder nicht mehr geben, außer etwa unter
den Russen und Chinesen), weil diese revolutionären Folgerungen
unerwünscht sind. Daher hat der Historiker eine doppelte Aufgabe:
einerseits die Tatsache des modernen Imperialismus als
historische Erscheinung erneut festzustellen; andererseits die
Analysen, die ihn zu erklären versuchen, kritisch zu untersuchen.
Entwicklung der Imperialismus-Theorien
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Gibt es den Imperialismus also eigentlich? Die Tatsache, daß das
Wort 'imperium', aus dem römischen Reich übernommen, seit 2000
Jahren im Umlauf ist, macht es leicht möglich, Dutzende von Impe-
ria und daher abgeleiteten Imperialismen zu entdecken und daher
das Spezifische am modernen Imperialismus abzustreiten. Man nennt
I m p e r i u m jedes große Reich, jede Politik der militäri-
schen Eroberung und territorialen Ausbreitung, jedes staatliche
Gefüge, in dem gewisse Gebiete einem Zentralterritorium unterge-
ordnet sind, jedes, das Anspruch auf Weltmacht oder Weltgeltung
macht. Ebenso kann K o l o n i e, ein Terminus, der auch seit
der Antike bekannt ist, jede Siedlung und Niederlassung außerhalb
der normalen Grenzen eines Staatswesens, insbesondere Übersee,
bedeuten. Man kann also behaupten, die Empires des späten 19.
Jahrhunderts und der Imperialismus wären nichts Neues, sondern
bestenfalls Varianten einer weitverbreiteten historischen Er-
scheinung. Ja man kann den Imperialismus sogar wie Schumpeter 3)
nicht als Resultat des Kapitalismus, sondern umgekehrt als vorka-
pitalistisches Überbleibsel betrachten, das mit der vollen Ent-
wicklung des eigentlichen (d.h. liberalen) Kapitalismus ver-
schwindet. Diese These, die eine bekannte Methode in der Marxpo-
lemik darstellt (Anerkennung der marxistischen Fragestellung, Um-
stülpung der marxistischen Antwort), spielt heute in der Polemik
keine Rolle mehr.
Solche Argumente sind nicht sehr ernst zu nehmen. Seriöser ist
die Feststellung, daß der Imperialismus als Phänomen der wirt-
schaftlichen Ausbeutung fremder (meist überseeischer) Gebiete an
sich nicht neu zu sein scheint. Wir brauchen nicht einmal an Er-
scheinungen zu denken, die an sich nichts mit dem modernen Impe-
rialismus zu tun haben (wenn sie sich auch, wie die w h i t e
s e t t l e r s in Afrika, in ihn einfügen lassen), so z.B. die
Eroberung neuer Ländereien für feudale Grundherrschaften oder
Bauernsiedlung. Die s p a n i s c h e R e c o n q u i s t a
ist offensichtlich kein moderner Imperialismus und die Conquista
Lateinamerikas im 16. Jahrhundert auch nicht. Andererseits finden
wir in den Kolonialsystemen Hollands, Englands und z.T. auch
Frankreichs im 17. bis 18. Jahrhundert, deren Territorien ja di-
rekt in die der modernen Empires übergingen, doch wirtschaftliche
Ausbeutung im Zuge einer kapitalistischen Entwicklung, die sowohl
durch wie für Händler und Industrielle stattfand. Ebenso steht es
fest, daß die Beziehungen zwischen dem englischen Kapitalismus
und den 'unterentwickelten', besonders den außereuropäischen,
Ländern schon vor Ende des 19. Jahrhunderts sehr viele Züge des
Imperialismus vorwegnahmen, was übrigens Lenin selbst erwähnt.
Das sind Tatsachen, denen die moderne Imperialismusanalyse Rech-
nung tragen muß. Ob man andererseits, wie Gallagher und Robinson
4), von einem 'Freihandelsimperialismus' sprechen kann, der schon
immer eine Politik der bewußten Kontrolle ausführte - wenn mög-
lich ohne, wenn nötig mit formalem Eingriff der englischen Regie-
rungsmacht - ist nicht ganz klar. D.C.M. Platt 5) hat es abge-
stritten, ohne sich aber mit dem Kernproblem Indien zu befassen.
Man kann ihm aber nur zustimmen, wenn er feststellt, daß ab 1880
eine tiefgreifende Änderung in der englischen Politik gegenüber
den Kolonialgebieten stattfand. Allgemein steht fest, daß sich im
Vierteljahrhundert nach 1870 die Struktur der wirtschaftlichen
und politischen Außenbeziehungen der kapitalistischen Kernländer
grundlegend änderte. Hier ist der Ansatzpunkt jeder ernsthaften
Analyse des Imperialismus.
Die Terminologie beleuchtet auch diese Feststellung. Wie schon
erwähnt, gibt es den Imperialismus im modernen Sinne bei Marx
nicht. Wir finden bei ihm kein besonderes Interesse für die wirt-
schaftlichen Fragen, die später die Analytiker des Imperialismus
so beschäftigen, so z.B. die Kapitalausfuhr; ja nicht einmal die
These, die so eng mit der Diskussion des Imperialismus zusammen-
hängt, daß die Gründe internationaler Kriege auf wirtschaftlichem
Gebiet zu suchen seien. Zu Marx' Lebzeiten war dies eine These
der Proudhonisten. Dreißig Jahre später diskutierte die ganze
Welt über den Imperialismus; genau genommen liegt der Beginn die-
ser Diskussion zwischen 1898 und 1902. Es bestand kein Zweifel an
der Neuheit sowohl des Begriffes wie auch der politischen Wirk-
lichkeit. Der Begriff des Imperialismus als einer Politik der ge-
schichtlichen Mission gewisser Völker oder Rassen, andere zu be-
herrschen und große Reiche zu erhalten bzw. zu vergrößern - man
dachte vorwiegend an die Germanen und im engeren Sinne die Angel-
sachsen -, findet sich zuerst gegen Ende der 60er Jahre in klei-
neren Kreisen englischer Intellektueller, und seine demagogischen
Möglichkeiten werden in den 70er Jahren von Disraeli (der sich
früher nie um das britische Weltreich gekümmert hatte) systema-
tisch in die Politik eingeführt. Noch 1878 betrachtete ein Kol-
lege Disraelis das Wort Imperialismus als einen Neologismus. Ge-
gen Mitte der 1890er Jahre bekam der Terminus seine wirtschaftli-
che Orientierung, die er später nie verlor, und wurde in den
nächsten Jahren von einem rein britischen zu einem multinationa-
len und internationalen Begriff.
Zwischen 1898 und 1906 wurde der Versuch unternommen, diese neue
und neuentdeckte politische Wirklichkeit systematisch zu be-
schreiben und zu analysieren. Es handelt sich natürlich nicht
einfach um die Annexion von Kolonien, sondern um die Analyse ei-
ner offenbar neuen Phase in der wirtschaftlich-politischen Ent-
wicklung, die auf die klassische Epoche der freien, freihändleri-
schen Konkurrenz und der staatlichen Zurückhaltung folgt. Für die
bürgerlichen Analytiker, wie Schulze-Gaevernitz, Erich Marcks 6)
und andere in Frankreich, Belgien und Italien, handelt es sich
ziemlich allgemein um eine neue Ära der politisch-wirtschaftli-
chen Ausdehnung, in der das politische und wirtschaftliche Ele-
ment zusammenflössen und sozusagen neumerkantilistisch zusam-
menarbeiteten. Für die Nichtengländer unter ihnen schien die Mo-
ral der Geschichte die zu sein, daß, wer noch kein Imperialist
war, es schnell werden mußte. Trotzdem sah man auch schon die Ge-
fahr eines Weltkrieges um die Weltherrschaft, die aus dieser Lage
entsprang (so z.B. Schmoller). Dies war um so natürlicher, als
die Weltkriegsgefahr seit den 1890er Jahren ja eines der neuen
Momente in der Wirklichkeit war, die eben, zusammen mit Kolonial-
eroberungen und anderen Dingen, zu erklären und in ein System zu
bringen waren. Es bestand wenig Zweifel, daß die Gründe dieser
neuen Tendenzen in der Wirtschaft zu suchen waren.
Für die Sozialisten fußte die neue Analyse natürlich konkret auf
der Untersuchung des Kapitalismus. Die erste wirklich systemati-
sche Analyse dieser Art war die des englischen Radikalliberalen
und Privatsozialisten Hobson, der ganz klar den Imperialismus als
Stadium des Kapitalismus behandelte und dessen Buch (1902) grund-
legend für die spätere Imperialismuskritik wurde und noch heute
ist. Leider führte ihn sein Studium des südafrikanischen Problems
zur einseitigen Überbetonung des Moments der Kapitalausfuhr, aus
Gründen, die uns hier nicht weiter interessieren, aber die spä-
tere Diskussion stark beeinflußten. Aber gleichzeitig entwickelte
sich unter kontinentalen Marxisten, wie Rosa Luxemburg 7) (1899)
und Kautsky 8) (1902), die Überzeugung, daß der Kapitalismus nun
in ein politisch-militaristisches Stadium eintrete; der Terminus
'Imperialismus' wurde noch nicht verwendet. Sehr schnell ging
dieser, wohl über die Hobsonschen Schriften, in den Marxismus
über. Schon 1905 finden sich in Hilferdings damals verfaßtem,
aber noch nicht veröffentlichtem Finanzkapital 9) die Hauptlinien
der späteren marxistischen Analyse, und Rosa Luxemburg 10)
brachte ihre Fassung einer solchen Analyse 1913 in die Öffent-
lichkeit.
Die T h e o r i e d e s I m p e r i a l i s m u s wuchs also
aus der Wirklichkeit, die gegen Ende der 90er Jahre offensicht-
lich einer Erklärung bedurfte. Sie befaßte sich durchaus nicht
nur mit der Problematik des Kolonialismus, sondern versuchte eine
Reihe von neuen Fakten auf einen analytischen Nenner zu bringen.
Dies waren:
1. Die Änderung in der Struktur des Kapitalismus, d.h. der Auf-
stieg der Monopole und des Finanzkapitals.
2. Die Änderungen in der inneren Wirtschafts- und Sozialpolitik
der Staaten, d.h. die Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus.
3. Der neue Kolonialismus und die Aufteilung der Welt.
4. Die internationalen Spannungen und die neue Kriegsgefahr.
5. Bei Lenin auch das Eindringen des Reformismus in die interna-
tionale Arbeiterbewegung.
Alle diese Erscheinungen wurden von Zeitgenossen als in irgendei-
nem Sinn zusammenhängend betrachtet.
Ob sie wirklich so zusammenhängen, d.h. ein 'Syndrom' bilden,
läßt sich allerdings nicht beweisen. Jede wissenschaftliche Ana-
lyse wird wohl instinktiv zu dieser Annahme neigen, eben weil
eine Hypothese, die die möglichst große Zahl von verschiedenen
Dingen zugleich erklären kann, den ästhetischen Sinn der Wissen-
schaft immer stark anspricht. Schöne und elegante Theorien werden
ihren Konkurrentinnen immer vorgezogen. Aber - und ich erwähne
das aus methodologischem Pflichtgefühl - solche Zusammenhänge
können auch zufällig sein. Es wäre theoretisch durchaus möglich,
daß es keine Verbindung zwischen den fünf erwähnten Momenten der
Entwicklung im späten 19. Jahrhundert gäbe, sondern nur zufällige
Konvergenz; genauso wie es theoretisch möglich ist, daß es im Ka-
pitalismus keine zyklischen Krisen gibt, sondern nur wiederholte,
aber rein fallweise erklärbare Zusammenbrach«. Das ist an sich
unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Weniger unwahr-
scheinlich ist, daß ein oder das andere Moment aus dem Syndrom
auszuschließen ist. Dagegen ist unzweifelhaft:
Erstens, daß der Imperialismus Anfang des 20. Jahrhunderts nicht
nur als Novum, sondern als neue Phase der gesamtkapitalistischen
Entwicklung empfunden wurde und daher nicht mit Hinweisen auf die
Römer oder Napoleon abzuweisen ist.
Zweitens, daß die Theorie des Imperialismus nicht nur eine Erklä-
rung der kolonialen Ausbeutung sein will, sondern die Analyse
eben dieser neuen Phase der kapitalistischen Entwicklung in ihrer
Gesamtheit und daher nicht durch Einzelargumente über Kolonien zu
widerlegen ist.
Die Rolle wirtschaftlicher Faktoren
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Wir brauchen uns im Augenblick nicht weiter mit der Frage, ob der
Imperialismus wirklich existiert, zu befassen. Wenden wir uns nun
dem zweiten Fragenkomplex zu. Was steht hinter dem Imperialismus,
insbesondere, was ist die R o l l e w i r t s c h a f t-
l i c h e r F a k t o r e n in ihm? Diese Fragen werden oft, ja
sogar meist, falsch gestellt, als ob es sich um die Alternative:
entweder Wirtschaft oder Politik handelte. Aber das ist schon auf
den ersten Blick unsinnig. Erst einmal behauptet überhaupt nie-
mand, mit Ausnahme einiger amerikanischer Sozialwissenschaftler,
die simple Abhängigkeit jedes nichtwirtschaftlichen Phänomens von
einem wirtschaftlichen; eine Behauptung, die übrigens methodolo-
gisch eine scharfe Trennung zwischen wirtschaftlichen und nicht-
wirtschaftlichen Erscheinungen voraussetzt, welche vielleicht
analytisch zulässig, aber in der Wirklichkeit nicht vorhanden
ist. Die Frage, ob der Imperialismus rein wirtschaftliche Gründe
hat, ist also ein Pseudoproblem, genau wie die Frage, ob die Re-
formation ein rein religiöses Phänomen war.
Zweitens, um von der Methodologie zu den Tatsachen zu kommen,
entstammt der Imperialismus einer politischen Sachlage; nämlich
der, daß sich der K a p i t a l i s m u s in national-politi-
schen Einheiten entwickelt hat und daher als konkurrierender bri-
tischer, deutscher, französischer, amerikanischer usw. Kapitalis-
mus auftrat. Ohne diese historische Eigenart gäbe es wohl vieles,
was später in die Rubrik 'Imperialismus' eingereiht wurde, aber
doch kaum das Gesamtphänomen des Imperialismus, mit dem sich die
Debatte befaßt. Es gäbe sicherlich den grundlegenden wirtschaft-
licher Unterschied zwischen dem 'entwickelten' Sektor der Welt-
wirtschaft und der 'unterentwickelten Welt, der westeuropäisch-
nordamerikanischen Metropole und von ihr beherrschten und gelenk-
ter d e p e n d e n t e c o n o m i e s.
Dieser Unterschied geht tief in die Geschichte zurück, der Kapi-
talismus - wenigstens der britische - beruht auf ihm und hat an
sich nichts mit der Epoche der Monopole und des Finanzkapitals zu
tun. In diesem Sinne kann man mit Lenin schon Mitte des 19. Jahr-
hunderts von 'bestimmter Charakteristiken des Imperialismus' in
der britischen - und damals der einzig entwickelten kapitalisti-
schen Wirtschaft reden. Weiter ist es möglich, daß es ohne die
Konkurrenz nationaler Kapitalismen etwa auch den Neokolonialis-
mus, bzw. in der Kautskyschen Fassung, den S u p r a i m p e-
r i a l i s m u s gäbe, in dem entweder ein dominanter National-
kapitalismus, wie z.B. der der heutigen USA, oder ein Komplex von
internationalen Riesenkonzernen (deren nationale Zugehörigkeit
nebensächlich ist) die Herrschaft über die unterentwickelte Welt
übernimmt Ich lasse dahingestellt, ob dies wirklich den Tatsachen
entspricht, aber das gehört in eine andere Diskussion. Jedoch
das, was sich Anfang dieses Jahrhunderts als 'Imperialismus'
entwickelte und übrigens auch historisch den Neokolonialismus
gezeugt hat, ist aus der Konkurrenz verschiedener nationaler
Kapitalismen entstanden und einige seiner markantesten Züge, wie
z.B. die politische Aufteilung der Welt in Kolonien und
Einflußsphären und die militärisch-politischen Spannungen, sind
ohne eine solche Konkurrenz von Staatswesen überhaupt uner-
klärlich. Unter diesen Umständen ist es völlig unmöglich, die
Politik aus dem Imperialismus auszuklammern. Ohne sie gäbe es ihn
nicht.
Man kann wohl fragen, ob die Koexistenz konkurrierender National-
staaten nicht schon an und für sich genügt hätte, um diese
Aspekte des Imperialismus zu erklären, d.h. wozu es notwendig
ist, sie mit deren kapitalistischer Entwicklung in Verbindung zu
bringen. Nur wenn man von der wichtigen, und offensichtlich wirt-
schaftlichen, Seiten des Imperialismus abstrahiert, d.h. wenn man
die Fragen der Monopolisierung, des Finanzkapitals, der allgemei-
nen Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus usw. beiseite läßt
und sich rein auf Fragen der internationalen Diplomatie und deren
Konflikte beschränkt, läßt sich diese Frage stellen - und positiv
beantworten. Die Argumente, die heute meist ins Feld geführt wer-
den, legen eben deswegen ihren Schwerpunkt auf p o l i-
t i s c h - d i p l o m a t i s c h e T h e s e n. So behaupten
Gallagher und Robinson 11), es habe Anfang der 1880er Jahre
keinen besonderen wirtschaftlichen Anlaß zur Teilung Afrikas
gegeben; dagegen ließe sich die britische Afrikapolitik lediglich
aus außenpolitischen Gründen erklären - hauptsächlich aus denen,
die aus der Verteidigung Indiens entspringen.
D.K. Fieldhouse behauptet geradezu:
"Das Hauptcharakteristikum der neuen Situation (nach 1870) war,
daß nun wieder wirtschaftliche Momente den politischen unterge-
ordnet wurden, und hinter der Sorge um die nationale Verteidi-
gung, die Militärmacht und das Prestige zurücktraten" 12).
Einerseits fallen diese Thesen unter den Tisch, weil sich, wie
gesagt, eine solche scharfe Trennung zwischen Wirtschaft und Po-
litik einfach nicht herstellen läßt. So braucht man sich bloß zu
fragen warum denn die Verteidigung Indiens im 19. Jahrhundert
eine so ungeheuer wichtige Rolle in de englischen Außen- und Mi-
litär- bzw. Flottenpolitik spielte. Eben weil dieses bekannte
"leuchtendste Kronjuwel Englands", wie jeder Experte in der Ge-
schichte des englischen Handels, des internationalen Zahlungssy-
stems und der Baumwollindustrie weiß, eine absolute Schlüssel-
stellung besetzte, die, aus hier nicht weiter zu erörternden
Gründen, eine direkte Besetzung und Verwaltung durch England zu
erfordern schien. Ob man die Besetzung Ägyptens oder Ugandas aus
lokalen wirtschaftlichen Gründen erklären kann oder nicht, fest
steht, daß, insofern als sie aus den Problemen der Indienpolitik
entsprangen, man sie nicht als 'politische' Eroberungen einem
'wirtschaftlichen' Imperialismus gegenüberstellen kann. Es ist
übrigens auf jeden Fall unzulässig, jedenfalls in den englischen
Außenpolitik, das wirtschaftliche Moment zu vernachlässigen. D.C.
Platt's neues Buch 13) erinnert daran, daß das britische Außenmi-
nisterium selbstverständlich die Pflicht anerkannte, dem engli-
schen Handel neue Märkte zu eröffnen und nach deren Eröffnung zu-
gänglich zu halten; was ja nicht unerwartet ist. Zweitens aber
zerfällt die rein diplomatische These, wenn sie behauptet, es
hätte um diese Zeit keinen besonderen wirtschaftlichen Anlaß zu
Kolonialabenteuern und Konflikten gegeben. Anlaß gab es genug, z.
B. in der sogenannten G r o ß e n D e p r e s s i o n, jener
Zeitspanne von 1873 bis 1896, die nicht nur englischen Wirt-
schaftshistorikern geläufig sein dürfte, diese aber ganz beson-
ders intensiv, wenn auch nicht immer nutzbringend beschäftigt
hat. Die Krise der 70er Jahre brachte den guten Bürgern, die ihr
Geld in fremde Fonds investiert hatten, nichts als Tränen. Über-
seeische Regierungen stellten die Zahlung teilweise oder gänzlich
ein; der Kollaps der türkischen Finanzen im Jahre 1876 z.B. hatte
katastrophale Folgen "Equipagen wurden aufgegeben, Diener entlas-
sen, und in Kurorten und ähnlichen Zentren hörte die Bautätigkeit
zeitweise auf. Noch bis 1882 machten sich diese Schwierigkeiten
in Rentierkreisen bemerkbar" schreibt Prof. Checkland, eine zeit-
genössische Quelle zitierend. Es nimmt nicht wunder, daß sich um
eben diese Zeit jene schlachtlustigen Kapitalisten mit ausländi-
schen Anlagen formierten, die : B. in der Geschichte der Beset-
zung Ägyptens eine Rolle spielen. Zweitens, und noch wichtiger,
brachte die Große Depression das Ende des internationalen Frei-
handels und die Rückkehr zu Schutzzöllen mit sich; besonders nach
1879. Schon dies allein erklärt die positivere Unterstützung von
Annexionen, wie sie sich seit 1885 in der englischen Außenpolitik
bemerkbar macht. Wie Lord Salisbury dem französischen Botschafter
im Jahre 1897 erklärte: "Wenn ihr Franzosen keine so rasenden
Schutzzöllner wärt, dann würdet ihr auch bei uns weniger Gier
nach neuen Territorien entdecken" 14).
Die rein politische These klappt also nicht. Die Kritiker verle-
gen sich also auf die Vulgärsoziologie. Wenden wir uns nun einer
solchen s o z i o l o g i s c h e n T h e s e zu: der Behaup-
tung, daß der Imperialismus eine Massenbewegung gewesen sei - um
wieder mit Fieldhouse zu sprechen - "der erste der irrationalen
Mythen, welche die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts beherr-
schen"; "ein soziologisches Phänomen mit politischen Wurzeln, das
man am besten im Sinne der gleichen gesellschaftlichen Hysterie
versteht, die später andere und schlimmere Formen des aggressiven
Nationalismus gezeugt hat" 15)
Daß der Imperialismus viel mit dem späteren Faschismus gemein
hatte, ist unzweifelhaft und für England auch in Semmels Buch 16)
belegt. Man könnte eine ganze Anthologie nicht nur der Rassen-
theorie im allgemeinen, sondern auch im besonderen der geschicht-
lichen Mission der blonden und blau-äugigen Nordischen Rasse,
sich die Untermenschen zu unterwerfen, aus den Jahren 1890-1900
anlegen: Daß vieles am Phänomen Imperialismus irrational war und
daß eben diese i r r a t i o n a l e n E l e m e n t e von An-
fang an durch Disraeli demagogisch gegen die Liberalen und später
von der konservativen Partei gegen Liberale und Sozialisten aus-
gebeutet wurden, ist fraglos. Fahne, Volk und Reich wurden zum
Monopol der Konservativen Partei, eben weil diese sich als die
imperial party' ausgab; es fehlte bloß der Führer, obwohl eine
bewußt ritualisierte und vergötterte Monarchie ihn funktionell
oft vertreten konnte. Aber das beweist durchaus nicht, daß der
Imperialismus ursprünglich eine Massenbewegung war.
Hier begeben wir uns allerdings auf ziemlich unbekanntes Gebiet.
Die geschichtliche Forschung über die öffentliche Meinung steht
noch zum großen Teil aus. Trotzdem lassen sich einige Behauptun-
gen ziemlich sicher aufstellen. Zum Beispiel: Erstens, daß für
das überseeische Imperium im 19. Jahrhundert nicht viel Interesse
existierte. Eine Inhaltsanalyse der drei größten Massenzeitungen
der 60er bis 80er Jahre ergibt, wie zu erwarten, viel Stolz über
die Leistung der englischen Seefahrt (wobei kein besonderer Un-
terschied zwischen Handels- und Kriegsmarine gezogen wird), aber
ein gänzliches Manko an Begeisterung für die Kolonien, ja sogar
für Indien. Kipling und die gesamte Indienromantik haben den Ar-
beitern nichts bedeutet. Zweitens, daß die bekannte Episode des
J i n g o i s m u s im Jahre 1878, die in den Büchern immer als
Massenausbruch des Chauvinismus behandelt wird, kein Massenphäno-
men gewesen ist, wie kürzlich durch einen jungen Forscher erwie-
sen wurde. Drittens beweist die statistische Analyse der Freiwil-
ligen, die in den Burenkrieg zogen, daß die Kurve der Arbeiter
unter ihnen lediglich die normale Konjunktur (insbesondere die
Bewegung der Arbeitslosigkeit) wiederspiegelt und eine Korrela-
tion mit der Kurve des Patriotismus (z.B. der Anstieg der Meldun-
gen nach britischen Niederlagen) hauptsächlich bei den Kleinbür-
gern, Büroangestellten usw. existiert. Ich schließe aus solchen
Teilresultaten, die noch ungedruckt sind, daß es zumindest ver-
früht ist, den Imperialismus in seiner aggressiven und kampflu-
stigen Jugend als eine Massenbewegung in der Metropole zu be-
trachten. Das ist auch unwahrscheinlich. Eine Massenbewegung im
Mittelstand war er allerdings. Aber die hysterische Begeisterung
unter jungen Börsenmaklern und älteren Gymnasialprofessoren ist
nicht mit einer Bewegung des englischen Volkes, d.h. der engli-
schen Arbeiterklasse, zu verwechseln.
Die soziologische These fällt also auch unter den Tisch. Es
bleibt noch die sozusagen t e c h n o l o g i s c h e T h e-
s e, die wir bei John Roberts finden. Er nimmt einfach an, daß
"um diese Zeit gewisse Dinge die Expansion Europas mehr begün-
stigten als früher. Es wurde damals möglich, größere Kapitalien
effektiv zu mobilisieren; Fortschritte im Transportwesen, in der
Medizin und irr Militärwesen fanden damals statt" usw. 17).
Möglich, aber unwahrscheinlich. Die Technologie um 1840 genügte
vollauf für die Eroberung und Besetzung großer überseeischer Ge-
biete durch westliche Mächte, wie z.B. die Geschichte Indien) be-
weist. Zweifellos war die Besetzung des Sudan anno 1898 leichter
als die Abessiniens durch General Napier anno 1868, aber sie ge-
lang auch 1868. Man kann technologische Neuerungen in diesem
Sinne nicht für den Imperialismus verantwortlich machen; was
nicht besagt, daß sie keine Rolle spielten.
Die Alternativen zur 'wirtschaftlichen' Erklärung des Imperialis-
mus sind also nicht schlagkräftig. Noch viel weniger ist es die
These, die behauptet, es wäre überhaupt nichts Neues am Imperia-
lismus, da er nur eine Episode in der 400jährigen Eroberung der
Außenwelt durch den Westen darstelle, bzw. da die englische Wirt-
schaft auch schon vor 1880 vom Empire abhing. Beide Feststellun-
gen sind richtig. Doch weder die eine noch die andere kann be-
streiten, daß wir es Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Novum zu
tun haben und eben dies der Erklärung bedarf.
Imperialismus und kapitalistische Entwicklung
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Ist es nun schwer, eine Beziehung zwischen Imperialismus und all-
gemeiner kapitalistischer Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts
zu formulieren? Keineswegs. Man braucht nicht einmal Marxist zu
sein, sondern lediglich Wirtschaftshistoriker. So hat z. B. Pro-
fessor David Landes aus Harvard (der unter anderem wichtige Stu-
dien über die Ausbeutung Ägyptens veröffentlicht hat) ein inter-
essantes Modell eines solchen Zusammenhangs. Erstens läßt sich ab
1870 eine gewisse Erschöpfung der technologischen Möglichkeiten,
die durch die erste industrielle Revolution eröffnet worden wa-
ren, feststellen. Zweitens hatte der Kapitalismus des 19. Jahr-
hunderts, und ganz besonders der englische, die Eigenheit, ein
dauerndes Nachhinken der Nachfrage hinter dem Angebot aufzuweisen
und daher - auch wieder ganz besonders für Großbritannien - eine
dauernde Tendenz zur Expansion nach Übersee. Drittens war es um
1870 mit dem englischen Wirtschaftsmonopol zu Ende. Die britische
Wirtschaft hatte nun Konkurrenten.
"Diese Wendung vom Monopol zur Konkurrenz war wohl der wichtigste
Faktor, der die Atmosphäre des europäischen Handels und der euro-
päischen Industrie bestimmte. Wirtschaftliches Wachstum war von
nun an gleichzeitig Wirtschaftskampf - ein Kampf, der die Starken
von den Schwachen schied... Was nun vorherrschte, war nicht mehr
der optimistische Glaube an eine Zukunft des grenzenlosen Fort-
schritts, sondern Unsicherheit und tödliches Ringen. Alle diese
Faktoren verstärkten die politischen Konflikte und wurden auch
durch sie verstärkt. Beide Formen der Konkurrenz verschmolzen in
jenem Setzten Ausbruch des Landhungers und der Jagd nach
'Einflußsphären', die man den 'Neuen Imperialismus' nennt". 18)
Die Erschöpfung der 'ersten' industriellen Revolution führte zu
weiteren technischen Fortschritten, die ab 1890 spürbar werden;
die Suche nach Märkten nicht nur auswärts, sondern auch nach in-
nen, zur Entwicklung des Massenmarktes im Land selbst. Diese,
verbunden mit der neuen Atmosphäre des internationalen Wirt-
schaftskampfes, bedeutete eine scharfe Abwendung vom wirtschaft-
lichen Liberalismus, d.h. einerseits, der Ummauerung einzelner
Nationalmärkte durch Schutzzölle usw., andererseits der Beschrän-
kung der Konkurrenz durch wirtschaftliche Konzentration, Kartelle
usw. Die innerlichen strukturellen Änderungen des Kapitalismus
werden so mit den Änderungen in der Beziehung der kapitalisti-
schen Staaten zueinander und zur unterentwickelten Welt in Zusam-
menhang gebracht.
Ich habe das Argument Landes' hier skizziert, nicht so sehr, um
ihm als ganzem zuzustimmen, sondern einfach um zu beweisen, daß
eine Analyse, die vom Mechanismus der kapitalistischen Entwick-
lung ausgeht, es leicht findet, den Gesamtkomplex des Imperialis-
mus zu erklären. Das heißt erstens dessen Neuheit, zweitens jede
einzelne der Erscheinungen, die der Erklärung bedürfen - Kolonia-
lismus, Kriegsspannungen, wirtschaftliche Konzentration usw. -
und drittens den Zusammenhang zwischen diesen Aspekten. Man müßte
nur hinzufügen - ob man die Landes'sche Erklärung oder eine mehr
marxistische annimmt -, daß in diesem Gesamtkomplex Großbritan-
nien natürlich eine eigenartige, ja paradoxe Stellung einnimmt.
Für den britischen Kapitalismus bedeutete die Epoche des Imperia-
lismus eine Defensivaktion: Rückzug vom Weltmonopol aufs Monopol
eines Viertels der Welt. Zur gleichen Zeit waren, aus Gründen,
die hier nicht näher zu untersuchen sind, die Reserven des briti-
schen Kapitalismus weit größer und daher der Druck zur struktu-
rellen Änderung - z.B. zur Konzentration - weit schwächer. Erst
nach dem ersten Weltkrieg wurde England in diesem Sinne eine ty-
pische Wirtschaft der Epoche des Imperialismus. Hier liegt mir
natürlich nicht daran, eine Analyse des Imperialismus zu bringen,
sondern lediglich daran, gewisse Thesen aus der Diskussion her-
vorzuheben, andere als würdige Diskussionspartner anzuerkennen.
Zur Marxistischen Imperialismustheorie
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Unter diesen würdigen Diskussionspartnern nimmt die klassische
Hobson-Hilferding-Lenin'sche These (mit oder ohne Ausarbeitung
durch Grossman, Sternberg, Sweezy 19) und andere) noch immer eine
Ehrenstellung ein. Das bedeutet aber nicht, daß sie kritiklos an-
zunehmen ist. Sie ist in doppelter Hinsicht angreifbar: erstens
in ihrer spezifischen Analyse des Mechanismus, der den Kapitalis-
mus in die Kolonialgebiete trieb und zweitens in gewissen Wertur-
teilen über die Epoche des Imperialismus.
Die Hobson-Lenin'sche Theorie ist eine K a p i t a l a u s-
f u h r t h e o r i e. Sie ist, wenigstens in der Lenin'schen
Fassung, interessant, weil sie - wie M. Barratt Brown 20) bemerkt
- die Zukunft richtig voraussagt. Sie paßt auf das britische
Imperium zwischen den beiden Weltkriegen. Andererseits paßt sie
weniger auf die Zeitspanne 1880-1914, mit der sich Lenin selbst
beschäftigte. Lenin, sagt Barratt Brown, mit Recht, "beschreibt
Großbritannien in den 1920er Jahren, die USA in den 1950er
Jahren, weit besser als Großbritannien, Deutschland und die USA
vor 1913". Ich möchte diese Linie der Kritik hier nicht weiter
verfolgen. Es braucht nur festgestellt zu werden, daß z.B. die
Kapitalausfuhr ins Empire nach den großen Annexionen der 1880er
Jahre nicht besonders zunahm und die unentwickelten Kolonial-
ebiete wenig an ihr beteiligt waren. Die Hauptausfuhr ging nach
wie vor in relativ entwickelte Länder mit weißer Bevölkerung, ob
industrialisiert (wie die USA) oder nicht, ob technisch unter
britischer Herrschaft (wie Australien) oder nicht (wie
Argentinien). Übrigens ist es theoretisch nicht notwendig, eine
m a r x i s t i s c h e I m p e r i a l i s m u s t h e o r i e
lediglich oder hauptsächlich auf der Kapitalausfuhr aufzubauen.
Rosa Luxemburg bietet das Beispiel einer unter verschiedenen
anderen Möglichkeiten.
Zwei weitere Elemente wurden in die Hobson-Lenin'sche Theorie
hineingelesen, die nicht unbedingt zu ihr gehören: erstens die
These, daß Imperialismus nicht nur das höchste und letzte Stadium
des Kapitalismus wäre, sondern auch in gewissem Sinne ein Stadium
der Stagnation und des Rückschritts; zweitens, daß sich nur aus
ihm die Superprofite erklären ließen, die es, mittels einer Ar-
beiteraristokratie, dem Bürgertum ermöglichten, die revolutio-
nären Tendenzen der Arbeiterklasse zu zähmen. Die erste These
hält ganz einfach den Tatsachen nicht stand, obwohl sie auf den
britischen Imperialismus vor dem ersten Weltkrieg nicht schlecht
zu passen schien. Man könnte auch hier eine ganze Anthologie von
zeitgenössischen Urteilen finden, von Hobson und Clarke bis Bern-
hard Shaw, die wohl Lenin später beeinflußten. Im Gegenteil. Die
Epoche des Imperialismus ist in der Geschichte des Kapitalismus
die der zweiten - auf wissenschaftlicher Technologie begründeten
industriellen Revolution und wenn wir sie als deren 'letztes'
Stadium betrachten, dann ist es nicht, weil der Kapitalismus un-
fähig geworden ist, die Produktion weiter vorwärts zu treiben,
sondern eben weil er in dieser Epoche innere und äußere Wider-
sprüche entwickelte, die sich in den großen Revolutionen, Krisen
und Kriegen Luft machten.
Die zweite These ist auf einem falschen Postulat aufgebaut, näm-
lich auf der Annahme, daß die Unempfänglichkeit des westlichen
Proletariats gegenüber revolutionären Bewegungen auf der Korrup-
tion durch Superprofite fußt und diese sich nur durch Koloni-
alausbeutung erklären lassen, Diese Annahme ist nicht notwendig;
daher ist es auch nicht notwendig, diese These in die Imperialis-
mustheorie einzubauen. Was selbstverständlich nicht bedeutet, daß
die Arbeiter in gewissen Metropolen aus deren Stellung keinen
Vorteil gezogen hätten.
Zusammenfassung der Imperialismusdebatte 1870-1914
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E r s t e n s: Die Debatte über den Imperialismus ist eine ideo-
logische Debatte, die bis heute die wissenschaftliche Analyse
dieses Phänomens mehr gehemmt als gefördert hat, da sie sich aus
vorwiegend politischen Gründen gegen die einzig wertvolle Frage-
stellung gestemmt hat, weil diese von der Gegnern des Imperialis-
mus formuliert und ausgearbeitet wurde. Sich mit dieser Debatte
abzugeben ist zeitraubend, aber leider wenig ergiebig. Anderer-
seits müssen wir eingestehen, daß bis vor 10 bis 15 Jahren auch
die Analyse, welche auf der ursprünglichen Fragestellung fußte,
verknöcherte und ihre Anhänger - d.h. die meisten Marxisten und
Anti-Imperialisten - wenig über Hobson, Hilferding, Rosa Luxem-
burg und Lenin hinausgingen und deren Schwächen nicht genügend
kritisierten.
Z w e i t e n s: Der Imperialismus ist als Gesamtkomplex zu ana-
lysieren - als System, um mit der modernen Theorie zu reden --
und nicht als Summe von Teilproblemen mit den Titeln Politik, So-
ziologie, Ideologie, Wirtschaft, bzw. britischer, französischer,
deutscher Imperialismus usw. Teilaspekte sind in der Analyse vom
Allgemeinkomplex zu unterscheiden und es besteht kein Grüne anzu-
nehmen, daß sie alle sozusagen Miniaturversionen des Allgemein-
problems darstellen. Was für Motive z.B. bei der Annexion Indo-
chinas ausschlaggebend waren, ist eine Frage; warum zu gleichen
Zeit unter anderem die Aufteilung der Welt vorgenommen wurde, ist
eine andere - und übergeordnete.
D r i t t e n s: Die richtige Fragestellung muß vor allem den
Gesamtprozeß der kapitalistischen Entwicklung im Auge behalten,
und zwar in allen seinen Aspekten, zu denen die Konkurrenz poli-
tisch unabhängiger Nationalwirtschaften gehört. Sie darf den Im-
perialismus nicht als gänzliches Novum betrachten, da von Anfang
an die Beziehungen zwischen 'entwickelten' und 'unentwickelten'
Ländern, d.h. die Ausdehnung des kapitalistischen Weltmarkts, für
die kapitalistische Entwicklung grundlegend sind; was ja beson-
ders im Fall Großbritanniens klar wird. Der Imperialismus bedeu-
tet eine historische Wendung in diesen Beziehungen wie auch in
der Gesamtstruktur des Weltkapitalismus, nicht aber etwa eine
völlige Neuentdeckung etwa der Kolonialausbeutung. Diese Wendung
-- also was zwischen ca. 1870 und ca. 1914 in der Welt vor sich
ging - ist de Hauptgegenstand der historischen Untersuchung des
Imperialismus, ob man den Namen benutzen will oder nicht.
V i e r t e n s: Diese Fragestellung läßt aber noch manche Pro-
bleme ziemlich offen; zum großen Teil - leider - weil, die De-
batte über den Imperialismus bis jetzt und auf beiden Seiten von
der politisch-ideologischen Polemik beherrscht wurde. Zum Bei-
spiel die genaue Rolle, die in dieser geschichtlichen Wendung des
Kapitalismus dem Kolonialproblem zufällt, und dessen absolute und
relative Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung sind noch
weitgehend zu untersuchen. Sie sind auf jeden Fall nicht so
leicht aus bestimmten Spezialfällen abzuleiten. Die Tatsache, daß
sich aus verschiedenen Gründen die Analyse des Imperialismus
gegen Ende der 1890er Jahre entwickelnd auf der Basis der
afrikanischen, besonders der südafrikanischen, Unternehmungen des
englischen Kapitalismus, muß den Historiker interessieren genau
wie die Tatsache, daß sich die kommunistische Kolonialtheorie in
den 1920er Jahren hauptsächlich auf Grund bestimmter asiatischer
Erfahrungen weiterentwickelte. Sie darf aber den Theoretiker
nicht irreführen.
Es könnte sich übrigens durchaus herausstellen, daß die Kolonial-
frage sin verhältnismäßig untergeordneter Aspekt des Gesamtkom-
plexes 'neue Epoche des Kapitalismus' darstellt, wenigstens für
die Metropolen. Für diese können eventuell schon Ende des 19.
Jahrhunderts andere Aspekte schwerer ins Gewicht fallen, die auch
aus der neuen Epoche der internationalen kapitalistischen Konkur-
renz abzuleiten sind. Ich denke z.B. an die neuen Verbindungen
zwischen Staat und Rüstungsindustrie einerseits, Staat und revo-
lutionärer Technik andererseits, die charakteristische Formen der
heutigen kapitalistischen Wirtschaft vorwegnehmen. Ihre Verbin-
dung mit dem Imperialismus im engeren Sinne des Wortes ist übri-
gens ziemlich klar; man braucht bloß das Wort Petroleum zu erwäh-
nen. Andererseits möchte ich mit diesen Bemerkungen die Wichtig-
keit der Kolonialfrage nicht unterschätzen. Sie ist unzweifelhaft
entscheidend für die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Nicht
weil etwa Indochina oder China je von grundlegender Bedeutung für
die Wirtschaft der englischen, französischen oder amerikanischen
Metropolen waren, sondern umgekehrt, weil diese von ganz ein-
schneidender Bedeutung für die chinesische und indonesische Ge-
sellschaft waren und daher die großen Revolutionen auslösten, die
unsere Welt verändern.
Eine letzte und offene Frage darf ich vielleicht kurz andeuten:
die nach der weiteren Entwicklung des Imperialismus. Es ist of-
fensichtlich, daß sich das geschichtliche Bild des Imperialismus
seit 1914 weitgehend geändert hat. Auch hier haben sich ideologi-
sche Momente als störend erwiesen - einerseits die Tendenz west-
licher Forscher, den Imperialismus zu begraben bzw. ihn lediglich
bei Rußland und China anzuerkennen, andererseits die der Marxi-
sten und der ideologisch ziemlich konfusen befreiten Kolonialvöl-
ker, keinerlei ernstliche Änderungen im Imperialismus anerkennen
zu wollen. Ich denke hier z.B, an die Tatsache, daß die heutige
Analyse der Beziehung zwischen entwickelten und unterentwickelten
Ländern fast genau den entgegengesetzten Standpunkt einnimmt wie
die Hobsons oder Lenins. Sie unterstreicht nämlich nicht den Ka-
pitalexport an die unterentwickelten Länder, sondern im Gegenteil
den Kapitalimport aus diesen Ländern. Ich habe mich hier bewußt
nicht mit der späteren Entwicklung des Imperialismus beschäftigt.
Die historische Debatte, in die ich mir hier einen kurzen Ein-
griff gestattet habe, hat sich bis jetzt hauptsächlich mit der
Zeitspanne 1870-1914 beschäftigt, und ich habe auch diese Grenzen
beibehalten.
_____
1) Lenin, W.I.: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapi-
talismus, (1916), Berlin 1952.
2) Hobson, J.A.: Der Imperialismus, London, New York 1902.
3) Schumpeter. J.: "Zur Soziologie der Imperialismen" (1919), in:
Aufsätze zur Soziologie, Tübingen 1953, S. 72-146.
4) Gallagher, J.; Robinson, R.: Africa and the Victorians, London
1961.
5) Platt, D.C.M. in: Economic History Review, August 1968.
6) Schulze-Gaevernitz: Britischer Imperialismus und englischer
Freihandel zu Beginn des 20.Jahrhunderts, Leipzig 1906. Marcks,
E.: Englands Machtpolitik (Aufsätze und Vorträge zum britischen
Imperialismus aus den Jahren 1903 - 1923), Stuttgart, Berlin
1940.
7) Luxemburg R.: Sozialreform oder Revolution? (erste Ausgabe;
geschrieben 1899), in: Politische Schriften I, Frankfurt/M. 1966.
8) Kautsky, K., "Krisentheorien", in: Die neue Zeit, Jg. XX, Bd.
2 (1901/02) (bes. S. 140-143).
9) Hilferding, R.: Das Finanzkapital (1910). Berlin 1947.
10) Luxemburg, R.: Die Akkumulation des Kapitals, ein Beitrag zur
ökonomischen Erklärung des Imperialismus (1913), Frankfurt/M.
1966.
11) Gallagher / Robinson, a.a.O.
12) Fieldhouse, D.K. in: Economic History Review, XIV, 2, 1961,
S. 204.
13) Platt, D.C.M.: Finance, Trade and Politics in British Foreign
Policy 1815-1914, Oxford 1968.
14) Siehe Blake, R.: Sunday Times, 5.5.1968.
15) Fieldhouse, a.a.O., S. 209.
16) Semmel, B.: Imperialism and Social Reform (1895-1914), London
1960.
17) Roberts, J.: History of Europe 1880-1945, London 1967, S. 103
18) Landes, D.: "The Rise of Capitalism", in: Cambridge Economic
History of Europe, 6. Halbband 1, Cambridge 1965, S. 468.
19) Grossmann, H.: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz
des kapitalistischen Systems, Leipzig 1929. Sternberg, F.: Der
Imperialismus, Berlin 1926. Sweezy, P.: Theorie der kapitalisti-
schen Entwicklung, (1942), Köln 1959.
20) Barrat-Brown, M.: After Imperialism, London 1963.
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