Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969
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H.C.F. Mansilla
BOLIVIEN, DEBRAY UND REVOLUTIONÄRE STRATEGIE
Die Aufmerksamkeit für den Komplex der Beziehung der Dritten Welt
zu den Industrieländern und für die revolutionären Bewegungen in
der Dritten Welt hat nicht zuletzt durch die Erscheinung der Gue-
rilla-Bewegung 1967 in Bolivien erheblich zugenommen und darüber
hinaus eine ganze Reihe wichtiger Fragen über diese Problematik
von neuem gestellt. Die bolivianische Guerilla hat zunächst eine
lebhafte Diskussion entfacht über die Übertragbarkeit des kubani-
schen Modells auf andere Länder Lateinamerikas und über Probleme
der revolutionären Strategie und Taktik. Wir brauchen in diesem
Zusammenhang nur das vielbeachtete Buch von Regis Debray:
"Revolution in der Revolution? " zu erwähnen. Ohne auf Spekula-
tionen einzugehen, in wie weit "Revolution in der Revolution? "
als die quase-offizielle Position der kubanischen Revolutionäre
auf dem Gebiet der Strategie zu betrachten ist, möchten wir bloß
feststellen, daß diese Schrift die Vorstellungen vieler latein-
amerikanischer Revolutionäre und Guerilla-Kämpfer widerspiegelt.
Die breite Unterstützung, die der Schrift und deren Verfasser in
Kuba zuteil wurde, spricht auch dafür, daß eine weitgehende Über-
einstimmung zwischen Debray und den kubanischen Führern stattge-
funden hat. Die folgenden Ausführungen sollen nur den Stellenwert
von "Revolution in der Revolution? " als repräsentative Theorie
(im Sinne von zusammenhängender Klärung) eines bedeutenden Teiles
der lateinamerikanischen revolutionären Bewegung auf dem Gebiet
der Strategie bestimmen. Debrays Buch hat diesen Stellenwert
nicht so sehr wegen der Originalität der dort dargelegten Gedan-
ken, die bereits von bedeutenderen revolutionären Strategen kon-
zipiert wurden, sondern wegen der Systematik und Stringenz der
Darstellung erhalten. Wenn wir uns jetzt am Werk Debrays bei der
Betrachtung der F ò c u s - T h e o r i e der Guerilla-Bewegung
aufhalten, so geschieht dies, weil sie am klarsten bei Debray zu-
tage getreten ist. Wir behaupten keineswegs, daß "Revolution in
der Revolution?" den genannten Bewegungen als Brevier gedient
hat. Bekanntlich hat Guevara Debrays Buch erst im bolivianischen
Guerilla-Lager in Händen gehabt, und viele Guerilla-Bewegungen,
darunter die von Debray kritisierten, sind lange vor der Nieder-
schrift dieses Buches entstanden. Aber viele der Guerilla-Bewe-
gungen in Lateinamerika und gerade die bolivianische, haben die
Strategie entwickelt, die von Debray beschrieben ist, und sind so
organisiert, wie er es dargestellt hat. In diesem Sinne schrieb
Debray:
"Sicherlich ist er (dieser Text; Mansilla) das Ergebnis eines
langen Dialogs mit den lateinamerikanischen Genossen, wobei ich
ihnen vor allem zuhörte. (...) Er versucht (...) nichts anderes,
als einem dringenden Erfordernis gerecht zu werden: Nämlich ganz
einfach das zu verstehen, was sich täglich vor unseren Augen in
Lateinamerika abspielt." 1)
Wir kritisieren also einige bedeutende Aspekte der lateinamerika-
nischen Bewegung, insbesondere im Hinblick auf die allgemeine
Strategie, wenn wir Debrays Werk kritisch betrachten. Hier sei
auch ausdrücklich erwähnt, daß unsere Kritik weder die Intention
der Guerilla-Bewegung noch das Ethos der Guerilleros in Frage
stellt; beides steht eigentlich außerhalb unserer Diskussion.
Einerseits warnt Debray vor mechanistischen Übertragungen des ku-
banischen Modells auf andere Länder Lateinamerikas und hält die
Berücksichtigung der spezifischen Erfahrung einer Situation zur
Aufstellung eigener Verhaltensregeln für oberstes Prinzip des
Guerilla-Krieges. Andererseits bleibt er in gewissem Ausmaß ge-
genüber seinen eigenen Ansprüchen nicht konsequent. Nun scheint
es uns, daß viele Guerilla-Bewegungen eine bemerkenswerte Paral-
lelität zu dieser Inkonsequenz aufweisen. Es handelt sich, allge-
mein gesagt, doch um eine Übertragung des kubanischen Modells
oder des Modells, das in Südostasien erfolgreich gewesen ist, auf
Länder Lateinamerikas, in denen, wie wir annehmen die politi-
schen, sozio-ökonomischen und geographischen Bedingungen oft er-
heblich anders sind als in den Ländern in denen die Modelle ent-
standen sind. Diese Problematik entstammt der nicht zu unter-
schätzenden Mannigfaltigkeit, d.h. den spezifischen Unterschieden
der Länder der Dritten Weit untereinander innerhalb des Rahmens
der allgemeinen Unterentwicklung. Obwohl wir keineswegs die all-
gemeinen Aspekte der Unterentwicklung - niedriges Pro-Kopf-Ein-
kommen, vorindustrielle Gesellschaftsstufe, Monokultur, politi-
sche und wirtschaftliche Abhängigkeit von den wenigen reichen In-
dustrieländern und deren Implikationen für den revolutionären
Kampf - zu vernachlässigen oder zu bagatellisieren versuchen, so
scheint uns dennoch, daß gerade die Differenzen von Land zu Land
weder von Debray noch von den Führern einiger lateinamerikani-
scher Guerilla-Bewegungen in genügendem Maß reflektiert worden
sind.
Die Stagnation der Guerilla-Bewegungen in Kolumbien und Venezuela
und deren zumindest vorläufige Zerschlagung in Peru, Bolivien,
Brasilien und Nordargentinien haben ihre Ursachen nicht nur in
Imponderabilien, in Geschehnissen kontingenten Charakters, die
tatsächlich nicht genau vorauszusehen waren (wie vorzeitige Ent-
deckung, Verrat durch die KP, Desertionen: im bolivianischen
Fall), Imponderabilien, die keineswegs geringzuschätzen sind,
nicht nur in Rückschlägen, die jede revolutionäre Entwicklung,
besonders am Anfang, zu verzeichnen hat, sondern auch in dem sich
Nicht-Wiederholen einmaliger günstiger Umstände bei der kubani-
schen Revolution und vor allem in der Nicht-Berücksichtigung der
Andersartigkeit der betroffenen Länder. Uns scheint, daß Debray
nicht recht hat, wenn er behauptet:
"Gemessen an der äußerst kurzen Zeitspanne, Prolog für die großen
Kämpfe von morgen, fallen diese wenigen Rückschläge, die die re-
volutionäre Bewegung in Südamerika erlitten hat, wirklich kaum
ins Gewicht." 2)
Es kann, und mit gewissem Recht, als vermessen erscheinen, wenn
wir ein so kategorisches Urteil über ein historisch gesehen noch
so junge Entwicklung, die gerade ihre erste Anlaufszeit durch-
macht, fällen, wenn wir eine von Debray divergierende Beurteilung
der genannten Rückschläge vornehmen. Einige dieser Rückschläge,
wohlgemerkt nicht alle, sind entstanden bei dem Versuch, das
kubanische Modell in Ländern anzuwenden, deren allgemeine Bedin-
gungen ganz anders liegen als in Kuba. Das Ausmaß der Rückschläge
in Argentinien und Brasilien als gering zu bezeichnen hieße deren
besondere Qualität zu verschweigen, wenn sie in einem Atemzug mit
den anderen Fällen erwähnt werden.
Bevor dieser Vorwurf der Nicht-Differenzierung und der quasi-me-
chanischen Übertragung des kubanischen Modells durch einige An-
merkungen zur sozialen Entwicklung dieser Länder konkretisiert
wird, ist es notwendig, das Werk Debrays genauer zu betrachten,
da es für uns nichtkontroverse Aspekte enthält. Wenn wir auch
seiner Befürwortung des kubanischen Modells sehr kritisch gegen-
überstehen, kann man doch, aus der Sicht des kritischen Marxis-
mus, seine Ausführungen über die Rolle der kommunistischen Par-
teien, über die Degradierung der Guerilla-Bewegungen zum bewaff-
neten Arm einer morschen Parteibürokratie und über einige strate-
gische Fehlentwicklungen ("bewaffnete Selbstverteidigung") nur
bejahen. Wie Debray sehr richtig bemerkt hat, sind die kommuni-
stischen Parteibürokraten sehr eifrige Befürworter, und zwar un-
ter Führung der jeweiligen Nationalbourgeoisien, obwohl alle Ver-
suche dieser Art kläglich gescheitert sind. Obendrein aber qua
Verwalter der heiligen Schriften des Sozialismus, maßen sie sich
die politische Führung der Guerilla-Bewegungen an, der die mili-
tärische Führung ihrem Anspruch nach völlig untergeordnet sein
sollte. Diese Forderung der Parteien, die keinen Bezug zur Praxis
haben und eigentlich nur dazu taugen, die Interessen der Groß-
macht Sowjetunion zu vertreten, ist, nach den Worten Fidel Ca-
stros, schimpflich und lächerlich 3). Was die Kritik der
"Selbstverteidigung" anbelangt, hat Debray die Schlüsse gezogen,
die das Scheitern einer von Anfang an unhaltbaren Position gebo-
ten hat.
Debrays Befürwortung des kubanischen Modells ist in eine ge-
schickte Argumentation eingebettet. Zuerst wendet er sich gegen
die einfache Übernahme des genannten Modells und insistiert auf
einer differenzierten Behandlung eines jeden Falles. Dabei betont
er durchgängig, daß das kubanische Modell nicht gut bekannt ist
und daß man es oft mißdeutet hat, was in vielen Fällen nur zu
wahr ist. Er reinigt sozusagen das kubanische Modell von Mißdeu-
tungen, hebt es von anderen Wegen des bewaffneten Kampfes ab, um
dann dieses "gereinigte" Modell desto nachdrücklicher für die la-
teinamerikanischen Länder zu empfehlen. So meint er zum Beispiel
bei der Erläuterung einer qualitativ neuen Dimension des Kampfes
nach dem Triumph der kubanischen Revolutionäre:
"Wenn wir sagen, daß die kubanische Revolution kein Äquivalent
auf dem Kontinent haben wird, weil sie eine Veränderung der Kräf-
teverhältnisse bewirkt hat, vergessen wir allzu leicht, was es
eigentlich ist, das nicht mehr wiederholt werden kann. Das ABC
der kubanischen Revolution wird vergessen." 4)
"(...) man kann (...) eine (...) Bewegung feststellen, die sich
allmählich überall bei den Kombattanten und Vorkämpfern abzu-
zeichnen beginnt: Voll Neugier wenden sie sich wieder der kubani-
schen Erfahrung zu, um lieber ihr "Wie', (...) um die militäri-
schen und politischen 'Details', das innere Räderwerk dieser Er-
fahrung zu begreifen." 5)
"Die kubanische Revolution liefert den amerikanischen Bruderlän-
dern eine Antwort, die noch im Detail an ihrer Geschichte analy-
siert werden muß." 6)
Hier sei nebenbei bemerkt, daß die Begriffe "kubanische Revolu-
tion", "kubanisches Modell" bei Debray und in unserem Versuch,
die Problematik einer Nachahmung in den Ländern Lateinamerikas zu
erhellen, s i c h a u s s c h l i e ß l i c h a u f d i e
M e t h o d e z u r Z e r s c h l a g u n g d e r b e s t e-
h e n d e n G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g u n d
z u r E r l a n g u n g d e r M a c h t b e z i e h e n
u n d k e i n e s w e g s a u f d e n A u f b a u d e s
S o z i a l i s m u s i n K u b a n a c h d e r M a c h t-
ü b e r n a h m e, der u.a. durch das Fehlen einer bürokrati-
schen Diktatur und durch die zentrale Sorge um die menschliche
Emanzipation gekennzeichnet ist und somit bahnbrechenden und
beispielhaften Charakter besitzt.
Debray stellt die Berücksichtigung der Besonderheiten der jewei-
ligen Länder und Situationen als fundamentales Prinzip seiner Me-
thodik auf, so daß es zunächst unhaltbar erscheint, ihm Undiffe-
renziertheit und einen gewissen Mechanizismus vorzuwerfen. Eine
genauere Untersuchung seines Buches "Revolution in der Revolu-
tion?" und seiner Aufsätze "Probleme der revolutionären Strategie
in Lateinamerika" und "Der Castrismus: der lange Marsch Latein-
amerikas" ergibt jedoch, daß die postulierte differenzierte Ana-
lyse im reduzierten Rahmen des Politisch-Militärischen bleibt und
das differenzierte Vorgehen der Guerilla-Bewegungen sich im tak-
tisch-militärischen Bereich erschöpft. Man kann sich des Ein-
drucks nicht erwehren, dass Debrays Postulat der Differenzierung
eigentlich nur die ohnehin notwendigen Korrekturen technisch-mi-
litärischer Natur bei der Applizierung des Modells betrifft und
keineswegs die Möglichkeit impliziert, einige bedeutende Aspekte
der Guerilla-Methode neu zu durchdenken. Uns scheint es, daß De-
brays Theorie unter anderem eine grössere Homogenität der latein-
amerikanischen Länder voraussetzt als sie tatsächlich vorhanden
ist. In den beiden oben erwähnten Aufsätzen untersucht er die Si-
tuation von elf lateinamerikanischen Ländern, wobei die Untersu-
chung und die dabei aufgedeckten Unterschiede von Land zu Land
fast ausschließlich dem Bereich der Politisch-Militärischen ent-
stammen. Das Postulat, daß die notwendig gewordene Revolution in
einem Land durch den Weg des Guerilla-Krieges nach dem kubani-
schen Modell stattzufinden hat, kann nicht nur durch politisch-
militärische Argumente begründet werden, sondern vor allem durch
genauere sozioökonomische, geographische, historische und außen-
politische Analysen, die man bei Debray, wenn nicht immer, so
doch meistens vermißt. Solche Analysen würden zeigen, daß inner-
halb des Rahmens der allgemeinen Unterentwicklung, die, wie ge-
sagt, keineswegs zu bagatellisieren ist, wirklich qualitative
Differenzen in der sozioökonomischen Entwicklung und in der geo-
graphischen Konfiguration der betreffenden Länder existieren, die
den Modus des revolutionären Kampfes bestimmen werden.
Um das Ausmaß des Problems nur anzudeuten, möchten wir auf die
radikal verschiedenen Ausgangsschwierigkeiten hinweisen, denen
eine solche Befreiungsbewegung gegenübersteht, einerseits in den
tropischen, Monokultur betreibenden, politisch und wirtschaftlich
rückständigen Ländern des karibischen Raums und andererseits in
den halbindustriellen, verhältnismäßig entwickelteren Ländern wie
Argentinien oder Uruguay (und, im geringeren Ausmaß, Brasilien,
Mexiko und Chile), die durch eine differenzierte Gesellschafts-
struktur (starke Mittelschichten) gekennzeichnet sind und in
denen die Stadtbevölkerung gegenüber dem flachen Land eine be-
reits heute überlegene Rolle spielt. Verallgemeinernd läßt sich
sagen, mit allen Einschränkungen, die eine allgemeine Aussage
notwendigerweise impliziert, daß der Befreiungskampf in Form des
Guerilla-Krieges in den Ländern der ersten Gruppe eine günstigere
Ausgangsbasis hat, zumal viele dieser Länder von verhaßten Dikta-
toren beherrscht werden, als in den Ländern der zweiten Gruppe,
für die andere Modi zur unerläßlichen Umgestaltung der Gesell-
schaft gesucht werden müssen. Vielleicht werden die Geschehnisse
in Chile (Möglichkeit einer Volksfront) und die Entwicklung in
Mexiko (Agitation und Koordination des Kampfes durch vorwiegend
studentische "politische Brigaden") auch einige Beiträge zur re-
volutionären Strategie leisten. Zudem herrschen in den entwickel-
teren Ländern, insbesondere in Argentinien, Chile und Uruguay,
geographische Bedingungen, die die hier behandelte Form des Gue-
rilla-Krieges kaum ermöglichen. Denn in diesen Ländern stellen
die Gebiete, wo der überwiegende, wenn nicht ausschließliche Teil
der Bauernbevölkerung lebt, Steppen oder Savannen dar, die nur
spärlich kleine Wälder kennen. Sie werden von einem einigermaßen
dichten Netz von Verkehrswegen durchzogen und in den meist großen
Latifundien werden relativ moderne Arbeitsmethoden der kapitali-
stischen Wirtschaft angewandt. Die Landarbeiter dieser Gebiete
verfügen über einen höheren Lebensstandard als die Landbevölke-
rung des karibischen Raumes und der Pazifik-Küste. Die entwickel-
teren Länder Lateinamerikas sind etwas anderes als Nur-Agrarstaa-
ten mit einer minimalen, allmächtigen Feudalaristokratie und Mil-
lionen ärmster Bauern. Sie verzeichnen auch viele Großstädte eu-
ropäischen Zuschnitts, die, was hier relevant ist, eine relativ
entwickelte Industrie, einen bedeutenden Dienstleistungsbereich
und eine ausgedehnte staatliche und private Bürokratie beherber-
gen. Das bedeutet, daß sich in den Städten eine zahlreiche Arbei-
terklasse und eine beträchtliche Mittelschicht gebildet haben,
die bekanntlich in solchen unterentwickelten Ländern eine relativ
privilegierte Stellung innehaben. Hier wird nicht übersehen, daß
die industrielle Entwicklung in der Dritten Welt erstens unzurei-
chend und einseitig, zweitens völlig abhängig von den Interessen
der kapitalistischen Industriekonzerne ist, und daß sie drittens
oft den Charakter einer Deformation an der sozioökonomischen
Struktur eines Landes aufweist (z.B. ist dieser Charakter in Me-
xiko und Brasilien stark ausgeprägt.) Das ändert aber nichts an
der Tatsache, daß- Klassenzusammensetzung und wirtschaftliche In-
frastruktur dieser entwickelteren Länder qualitativ verschieden
sind von den restlichen Ländern Lateinamerikas. Für eine Gue-
rilla-Bewegung, die nach dem Focus-Modell operiert, ergeben sich
zwei fundamentale Fragen, die Debray nicht berücksichtigt hat: 1.
das Problem der Unterstützung solch einer revolutionären Bewegung
durch eine Klassenkonstellation, in der elende Bauern und Landar-
beiter, noch dazu solche, die in Guerilla-geeigneten Gebieten
wohnen, eine Minderheit darstellen; 2. das Problem des technisch-
militärischen Vorgehens in Gebieten, die infrastrukturell und
wirtschaftlich völlig anders sind als die Gebiete, für die das
hier behandelte Guerilla-Modell konzipiert wurde. In Argentinien
und Uruguay z.B. leben rund 40% der Gesamtbevölkerung in der je-
weiligen Hauptstadt und in deren Umgebung. Allein in Buenos Aires
gehören von sieben Millionen Einwohnern 3,5 Mio zum Industriepro-
letariat, 3 Mio zu den Mittelschichten und etwas mehr als eine
halbe Million zum Lumpenproletariat der Favelas. (Die paar Tau-
send Mitglieder der Oberschicht bleiben hier unberücksichtigt.)
Die prozentualen Anteile gelten mit einigen Modifikationen
(Mittelschicht wird geringer, je kleiner die Stadt) für die mei-
sten Großstädte der entwickelteren Länder Lateinamerikas. Wenn
wir hier vom Industrieproletariat absehen, das infolge seiner
Lage besondere Probleme für die revolutionäre Strategie stellt,
so bleiben in diesen Ländern beträchtliche Bevölkerungssektoren
des Mittelstandes, die nicht mehr eine 'quantite negligeable'
sind, wie beispielsweise in den Ländern Südostasiens und des ka-
ribischen Raumes, und von denen nicht zu erwarten ist, daß sie
sich gegenüber einer Guerilla-Bewegung positiv verhalten würden.
Dank der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder haben die re-
volutionären Bewegungen dort Probleme, die entfernt an diejenigen
der Industrienationen des Nordens erinnern.
Auch im engeren politischen Bereich ist eine Differenzierung not-
wendig, der Debray wenig Wert beimißt. Wir nehmen an, daß der
Kampf gegen eine bei überwiegenden Teilen der Bevölkerung verhaß-
ten Tyrannei sich qualitativ vom Kampf gegen ein halbliberales,
halbdemokratisches Regime unterscheidet. Keineswegs impliziert
dies, daß die letztgenannten Regierungsformen nicht repressiv
seien oder daß sie die Volksinteressen vertreten; aber die Modi
ihrer Repression und Ausbeutung sind sehr vermittelt, und sie er-
lauben einen politischen Spielraum für Oppositionsparteien, für
eine oppositionelle Presse, für die Aktivität der Gewerkschaften,
der den eventuellen Widerstand breiter Volksschichten abfängt.
Unter solchen Umständen wendet sich das Unbehagen gegen die je-
weilige Regierungspartei oder gegen korrupte Persönlichkeiten der
Staatsführung, kaum aber gegen das System schlechthin. Bei der
Betrachtung dieses letzten Komplexes im kubanischen Fall erkennt
man, daß dort eine besonders günstige Konstellation für die Gue-
rilla-Bewegung vorhanden war, Nach wenigen Jahren hatte sich die
Regierung Batista zu einer tyrannischen und unberechenbaren Macht
entwickelt. Mehr und mehr soziale Kräfte, einschließlich der
Bourgeoisie, wandten sich von der Willkür der Batista-Clique ab
und betrachteten die Guerilla-Bewegung, die im Gegensatz zu spä-
teren lateinamerikanischen Guerillas kein sozialistisches Pro-
gramm von vornherein postulierte, mit Wohlwollen und unterstütz-
ten sie in vielfältiger Form. Eine amerikanische Intervention war
unter jenen Umständen nicht sehr wahrscheinlich. Heutzutage ist
eine stillschweigende Intervention in Form von massiver militäri-
scher Hilfe und Entsendung von Beratern an der Tagesordnung. Ob-
wohl Debray anerkennt, daß gerade der Triumph der kubanischen Re-
volution die lateinamerikanischen Möglichkeiten für Guerilla-Be-
wegungen verändert und erschwert hat, geht er auf die konkreten
Faktoren der Veränderung und der Erschwerung nicht ein und ver-
wertet sie nicht für die Aufstellung einer revolutionären Metho-
dik, die der nach-kubanischen Situation tatsächlich gerecht wäre.
Die bloße Forderung nach mehr Mut und Opferbereitschaft, die un-
bewußt eine Verwertung dieser neuen Faktoren ersetzen soll, wird
keine entscheidende Schlacht gewinnen helfen.
Eine ausführliche Analyse der lateinamerikanischen Situation muß
die Grundlage sein, der die politisch-militärischen Postulate,
wie diejenigen Debrays, erst dann entwachsen, Auf sie kann keine
revolutionäre Theorie verzichten. Und solch eine Theorie kann
nicht darin bestehen, einzelne Phänomene als Illustrationen eines
im voraus fixierten Postulats, das selber von der historischen
Kontingenz unabhängig ist, zu begreifen. In diesem Sinne er-
scheint uns bedenklich, alle Rückschläge der Guerilla-Bewegungen
bloß als einkalkulierte Risiken zu betrachten und sie obendrein
als quasinotwendige Bereicherung der Erfahrung zu rationalisie-
ren. 7)
Ein weiteres Problem der revolutionären Strategie stellen die
Verteilung und Dichte der Bevölkerung dar, insbesondere der Bau-
ernbevölkerung. Eine gewisse Bevölkerungsdichte in den Zonen, wo
die Guerillas operieren oder unmittelbar in ihrer Nachbarschaft,
ist unerläßlich zur Unterstützung, zur Vergrößerung der Guerilla
und für die revolutionäre Aktion derselben, die, wie die Durch-
führung von Agrarreformen und der Schutz der Bauern vor Repressa-
lien der etablierten Macht, vorwiegend exemplarischen Charakter
besitzt. Denn es hat keinen Sinn, in Gebieten zu operieren, die,
strategisch-geographisch betrachtet, gute Bedingungen für den
Guerilla-Krieg aufweisen, die aber völlig unbewohnt sind, oder in
Gebieten mit einer Bauernbevölkerung, die aber strategisch-geo-
graphisch für solch ein Unternehmen nicht geeignet sind. Bekannt
sind die diesbezüglichen Erfahrungen der bolivianischen Gueril-
las, die einen permanenten circulus vitiosus durchzumachen hatten
8). Eine annehmbare Kombination günstiger Faktoren ist zum
Beispiel in Vietnam vorhanden, wo sich bebaute Zonen und Dörfer
wie unzählige Inseln in einem Urwald-Ozean befinden, in Kuba, in
der Gegend der Sierra Maestra, wo sich in den Tälern Bauernhöfe
verschiedener Größe finden, oder in Guatemala bei den Kaffee- und
Bananenplantagen.
Solche Faktoren gehören zu den Bedingungen, die eine Guerilla-Be-
wegung von vornherein berücksichtigen muß und nicht zu denen, die
erst durch den Kampf geschaffen werden können. Obwohl auch ein
kleiner Versuch der hier befürworteten differenzierten Analyse
der Länder Lateinamerikas den Rahmen dieser Ausführungen sprengen
würde, sei kurz vermerkt, daß die Länder, in denen ein Partisa-
nenkrieg nach kubanischem Modell am ehesten möglich ist, diejeni-
gen sind, die Kuba geographisch-strukturell und sozioökonomisch
(vor der kubanischen Revolution) am meisten ähneln. Dabei handelt
es sich um die Länder Mittelamerikas, der karibischen Zone und um
die Andenländer. Länder wie Chile, Argentinien, Uruguay werden
dafür am wenigsten geeignet sein, während Brasilien, Mexiko, Ve-
nezuela, Costa Rica eine mittlere Position einnehmen dürften. Das
bedeutet, wie schon erwähnt, keineswegs die Behauptung, daß in
den zuletzt genannten Ländern eine revolutionäre Umgestaltung der
Gesellschaft nicht unbedingt notwendig wäre. Das besagt natürlich
nichts über den Ausgang eines solchen Unternehmens. Maos Diktum,
daß der Befreiungskrieg qua Volkskrieg mit Unterstützung der
Mehrheit der Bevölkerung auf die Dauer siegen wird, scheint uns
überholt, insbesondere wenn ein Befreiungskrieg sich gegen die
erstarkte Macht des amerikanischen Imperialismus durchsetzen muß,
der die modernsten Mittel der Technik zu seinem Gunsten gebrau-
chen oder mißbrauchen kann, und wenn solche Kämpfe in starker
Isolierung geführt werden. Die Forderung nach der Schaffung
vieler Vietnams in der Dritten Welt hat durchaus seine rationale
Rechtfertigung, um diese Isolierung zu durchbrechen und die viel-
leicht entscheidende Zersplitterung der Kräfte und Hilfsquellen
des amerikanischen Imperialismus zu bewirken. Man darf aber nicht
vergessen, daß die pervertierte Intelligenz des Imperialismus
auch sehr viel gelernt hat, und, wenn es ihm auch unmöglich wäre,
eine solche vom ganzen Volk getragene Befreiungsbewegung zu zer-
stören, könnte es ihm doch gelingen, den Sieg und den Aufbau der
neuen Gesellschaft zu verhindern. Was Lateinamerika betrifft, muß
die Frage nach den Möglichkeiten ähnlicher Bewegungen neu ge-
stellt werden, nachdem sich durch den Sieg der kubanischen Revo-
lution die Ausgangsbedingungen grundlegend geändert haben.
Das stetige Sinken der Preise für Rohstoffe auf dem Weltmarkt,
die zunehmende Unfähigkeit der korrupten Regierungen, eine dem
ganzen Volk adäquate wirtschaftliche und soziale Entwicklung auf
lange Sicht zu gewährleisten, die wachsende Verschlechterung der
Lebensbedingungen breiter Volksmassen (teilweise durch die Bevöl-
kerungsexplosion verursacht) und der Übergang von liberaldemokra-
tischen Regimes zu offen faschistischen Militärdiktaturen haben
die objektiven und subjektiven Bedingungen für den Ausbruch einer
sozialen Revolution beträchtlich vermehrt. Die Leistung der kuba-
nischen Revolution verstärkte in hohem Grad die prinzipielle
Überzeugung von der Möglichkeit und Notwendigkeit, die Gestaltung
der Gesellschaft selbst in die Hand zu nehmen, um aufzuhören, Ob-
jekt ausländischer Interessen zu sein. Aber gerade in der Verhin-
derung einer sozial-revolutionären Bewegung erblickte der Impe-
rialismus seine vornehmste Aufgabe (siehe das Exempel Vietnam).
Die ungeheure Popularität des kubanischen Vorbilds veranlaßte die
Ideologen des Imperialismus zu der in ihrem Sinne richtigen An-
nahme, daß die geeignete Bekämpfung der bewaffneten Befreiungsbe-
wegungen darin besteht, diese rücksichtslos im Keim zu ersticken,
und die notwendigen prophylaktischen Maßnahmen zu treffen: Moder-
nisierung der Armeen im Hinblick auf Anti-Guerilla-Kriegführung,
Errichtung starker militärischer Regierungen anstelle schwacher
liberaldemokratischer, Scheinreformen, etc.
Das alles geschah in Bolivien, so daß die Guerillla-Bewegung mit
erhöhten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Relevant in diesem Zu-
sammenhang ist die innere Entwicklung Boliviens seit der großen
Revolution, von 1952, weil sie auf dem sozioökonomischen Gebiet
die Fragwürdigkeit des sogenannten "Dritten Weges" unter Führung
der angeblich demokratischen Nationalbourgeoisie aufweist, und
weil sie in bezug auf die Agrarfrage die erhöhten Schwierigkeiten
einer möglichen Unterstützung der Guerilla-Bewegung durch die
Bauernbevölkerung aufdeckt.
Die Revolution vom April 1952 wurde vom Proletariat der Minenar-
beiter getragen, die kurz danach (Oktober 1952) die Verstaatli-
chung der Bergwerke erzwangen. Die revolutionäre Nationalbewegung
(MNR), die die Macht übernahm, war jedoch nicht nur eine Partei,
in der das Minenproletariat vertreten war, sondern ein Sammelbec-
ken für alle bürgerlich-demokratischen, antiimperialistischen
Kräfte. Mittels einer geschickten Taktik ist es dem rechten
Flüge! der MNR nach wenigen Jahren gelungen, Einfluß und Forde-
rungen des linken Gewerkschaftsflügels in den Hintergrund zu
drängen (1955/60). Der rechte Flügel strebte nach Entmachtung der
Feudalaristokratie, nach der Schaffung eines starken Mittelstan-
des, aber er konnte keine radikale Umwälzung akzeptieren, die z.
B. das Prinzip des Privateigentums in Frage gestellt hätte. Die
unüberwindbaren Interessengegensätze innerhalb der sehr heteroge-
nen Regierungspartei MNR führten zu deren Zerfall als Ein-
heitspartei (1960). Während die Rechte die Regierungsgewalt in
der Hand behielt, zog sich die eindeutig benachteiligte Linke zu
den Minengebieten zurück, wo sie ihrer revolutionären Tradition
nach Selbständigkeit bewahren konnte, bis 1965 und 1967 die Armee
unter Anwendung brutalster Gewalt diese Gebiete besetzte.
Das Bemühen der Regierungspartei MNR um die Bildung einer natio-
nalen Bourgeoisie als Antrieb für die Entwicklung der Industrie
und des Handels scheiterte sehr bald, und dieser Versuch entar-
tete in das Entstehen einer wahren Lumpenbourgeoisie (nach Fa-
non), die sich durch Korruption größten Ausmaßes, durch trübe Ge-
schäfte mit einer fast grenzenlosen Inflation und durch nie zu-
rückbezahlte Kredite für fiktive Investitionsvorhaben berei-
cherte. Als die revolutionäre Nationalbewegung (MNR) 1952 die
alte Aristokratie von der Macht verdrängte, die Bergwerke ver-
staatlichte (Oktober 1952), die Agrarreform durchführte (August
1953) und die Armee auflöste (April 1952), war sie tatsächlich
revolutionär. Aber als der linke Flügel der Partei in die Untä-
tigkeit und später in die Opposition getrieben wurde, verwandelte
sich die MNR nach und nach in ein Instrument der Klasse der Neu-
reichen, die anstelle der Feudalaristokratie und der Minenbesit-
zer die dominierende Rolle im Staate usurpiert hatte. Ihre wirt-
schaftliche Basis ist indes äußerst schwach gewesen auf Grund der
allgemeinen und von ihr nicht behobenen Unterentwicklung von
Industrie und Handel. Das Sinken der Zinnpreise auf dem Weltmarkt
nach dem Ende des Korea-Krieges verschlimmerte die ökonomische
Not des Staates so sehr, daß die Regierung sich gezwungen sah,
amerikanische Hilfe anzunehmen. Als Gegenleistung übernahm die
Regierung die undankbare Aufgabe, die revolutionäre Demokratie in
den Minen abzubauen, der Wiedereinführung der Armee (ab 1956) und
dem Erlaß einer Schutzgesetzgebung für ausländische Investitio-
nen, insbesondere für das Erdöl, zuzustimmen, dem die spezielle
Vorliebe der Amerikaner galt. Da der Traum der nationalen Indu-
strie bald verflogen war, vermochte die bolivianische Lumpenbour-
geoisie ihre beherrschende Rolle nur dadurch auszuweiten, daß sie
sich in den Dienst der amerikanischen Politik stellte. Sie war
selbstverständlich mit der revolutionären Nationalbewegung (MNR)
nicht auf Gedeih und Verderb verbunden. Sie begrüßte das Wieder-
aufrichten der Armee, versöhnte sich mit den Resten der alten
Aristokratie und bereitete eine präventive Konterrevolution gegen
die politisierten Massen (speziell Minen- und Fabrikarbeiter)
vor, die ihr früheres antiimperialistisches und demokratisches
Versprechen beim Wort genommen hatten. Der Militärputsch vom No-
vember 1964 stellt die konsequente Folge dieser Politik dar. Die
MNR hatte sich selbst überflüssig gemacht, indem sie am Ende die
gleiche Linie wie die traditionellen Parteien vertrat; sie war
bloß unzuverlässig wegen ihrer als ideologisches Moment gehegten
Sympathie für die Linke. Nach zwölfjähriger Herrschaft (April
1952 - November 1964) war sie total verbraucht und diskreditiert.
Die Inkarnation der Partei, der Staatspräsident Víctor Paz
Estenssoro, wurde von der Linken als Verräter angesehen, und die
traditionellen Rechte konnte ihm die revolutionären Maßnahmen ge-
gen die alte Oberschicht niemals verzeihen. So wurde sein Sturz
allseitig gefeiert. Die ihm folgende Militärregierung (unter Ge-
neral René Barrientos) kann die Repression fortschrittlicher
Kräfte durchführen, ohne durch alte linke Reminiszenzen gehemmt
zu werden. Sie bemüht sich mit allen Mitteln darum, die politi-
sche Landschaft im Sinne einer nationalchristlichen, amerika-
freundlichen und scharf antikommunistischen Ideologie gleich-
zuschalten.
Das Scheitern des reformistischen Versuches der revolutionären
Nationalbewegung (MNR) in Bolivien und der reaktionäre Kurs des
heutigen Regimes lassen uns die Alternative des Dritten Wegs als
unrealistisch erscheinen. Die gemäßigten Reformen, die die Ent-
wicklungshilfe-Spezialisten in Bolivien nach 1954 und in den an-
deren Ländern im Zug des Programms "Allianz für den Fortschritt"
so beredt vorgeschlagen haben, wie Besteuerungsreform, Aufteilung
der Latifundien durch Schaffung von Minifundien, Sanierung der
öffentlichen Finanzen, Schaffung eines "korrekten" Beamtentums,
etc., wirken als Palliative, die die Grundlagen des Regimes unbe-
rührt belassen. Denn bedauerlich sind nicht so sehr die Schön-
heitsfehler der Staatsverfassung, die Korruption der Beamten, die
Exzesse der Militärs, sondern vielmehr jene Sozialstruktur, die
all das überhaupt möglich macht.
Die bolivianische Agrarreform verteilte fast restlos (Ausnahme:
Viehzucht-Ländereien in den östlichen Provinzen) die Latifundien
an die Bauern und schuf so eine Klasse ländlicher Kleineigentü-
mer. Für die Mechanisierung der Landarbeit und Erhöhung der Pro-
duktion ist diese Maßnahme nicht gerade förderlich gewesen. Für
die neuen Landeigentümer wurde jedoch eine heiß und lange gehegte
Sehnsucht erfüllt: sie bekamen eigenes Land. Auf Grund ihres
Stolzes als Eigentümer und ihres Gefühls der Dankbarkeit gegen-
über der Regierung werden sie sich gegenüber einer Guerilla-Bewe-
gung ganz anders verhalten als vietnamesische oder kubanische
Kleinpächter und landlose Bauern. Fidel Castro führte eine Agrar-
reform in den Gebieten der Sierra Maestra durch, über die seine
Bewegung allmählich Einfluß gewann, und die Hilfe für seine Bewe-
gung und die Zufuhr neuer Kämpfer stammte im bedeutenden Ausmaß
von jenen Bauernmassen, die sich selbst überzeugen konnten, daß
die Guerilla-Bewegung das Ende ihrer Ausbeutung bedeutete. So
leicht wird die Aufgabe der bolivianischen Guerilla-Bewegung in
bezug auf die Bauernfrage nicht sein. Daß es für die Bauern vor-
teilhaft wäre, ihren abstrakten und nichtsbringenden Besitzer-
Stolz gegen konkrete Vorzüge der gemeinschaftlichen Arbeitsweise
(wie Mechanisierung, erzieherische und kulturelle Vorteile) zu
tauschen, würde erst das Werk einer etablierten sozialistischen
Regierung sein.
Hiermit wollten wir die grundlegende Euphorie umreißen, in der
sich die revolutionäre Bewegung hinsichtlich der Strategie befin-
det. Das unbedingte Insistieren auf dem hier behandelten Gue-
rilla-Modell seitens der Epigonen Debrays, die nicht einmal sei-
nen kritischen Geist besitzen, als dem einzig möglichen Weg der
Revolution in Lateinamerika, läßt die Konzeption neuer Wege ver-
kümmern und seine Rolle als bloßes Mittel zum Aufbau einer men-
schlicheren Gesellschaft in den Hintergrund treten. Seine Hypo-
stasierung zur Aufgabe schlechthin aller fortschrittlichen Kräfte
könnte in den Wahnsinn ausarten, der unüberlegt junge Idealisten
in Guerilla-Bewegungen antreibt, die keine Chance zum Überleben
haben.
Angesichts aller Schwierigkeiten, welche die Befreiungsbewegung
der Dritten Welt zu überwinden hat, könnte deren Ideal, die
Dritte Welt im Sinne von Vernunft und Freiheit umzugestalten, als
eine Utopie erscheinen. Die totale Mobilisierung des Imperialis-
mus gegen die endgültige Befreiung der Dritten Welt, die den hi-
storischen Inhalt der gegenwärtigen Periode ausmacht, zeigt je-
doch an, wie real die Möglichkeit dieser Befreiung ist.
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1) R. Debray: Revolution in der Revolution?, München 1967, p. 8.
2) ibid., p. 21.
3) F. Castro, Vorwort zu: E. Che Guevara: Bolivianisches Tage-
buch, München 1968, p. 14.
4) Debray, op. cit., p. 12.
5) ibid., p. 12-13.
6) ibid., p. 23.
7) Cf. Debray, op. cit., p. 22.
8) Cf. Guevara, op. cit., p. 141 passim.
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