Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969


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JINNDRICH ZELENÝ: DIE WISSENSCHAFTSLOGIK BEI MARX UND "DAS KAPITAL".

Berlin (DDR): Akademie-Verlag 1968, auch als Lizenzausgabe in der Europäischen Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 1968. Dt. Ausgabe be- sorgt und übersetzt von P. Bollhagen. 333 Seiten, gebunden 16,- MDN/12,- DM. Renate Damus hat in ihrer Besprechung des Rosdolskyschen Kommen- tars zu den "Grundrissen" 1) zu Recht eine Schwäche dieses Buches hervorgehoben: wie viele bürgerliche oder neulinke Interpreten, die sich vor allem auf die sogenannten Frühschriften 2) beziehen, hat auch Rosdolsky bloß abstrakt die Herkunft wesentlicher Marx- scher Kategorien aus der Logik Hegels hervorgehoben. Das hat ein relatives Recht, solange es darum geht, die undialektische Ver- flachung der Marxschen Methode aufzubrechen; in diesem Sinn ist schon Lenins berühmte Bemerkung über die Notwendigkeit des Studi- ums der Logik zu verstehen. Und zweifellos ist diese Aufgabe noch außerordentlich aktuell, insbesondere gegenüber einer erstarrten marxistischen Ökonomie, die nicht mehr die reflektierende Kritik der verdinglichten Bewußtseinsformen der sogenannten industriel- len Gesellschaft, und zwar auch noch auf dem heutigen, höchst formalisierten Entwicklungsstand, als den methodisch wesentlichen Ausgangspunkt erinnert. Der Graben zwischen marxistischer Philo- sophie und Ökonomie (nicht nur in Westeuropa) ist ein Symptom für das Zurückfallen hinter den umfassenden Ansatz, mit dem Marx diese gesamte Gesellschaft an ihren Bewußtsein- und Wirklich- keitsformen kritisierte 3). Mit dem Buch von Zelený liegt nun zum ersten Mal eine Arbeit vor, in der der Versuch unternommen wird, die Marxsche Auffassung der Rationalität als neuen, spezifischen Typs an seinem Hauptwerk, dem "Kapital", herauszuarbeiten, und sie sowohl mit der mechani- stisch-quantitativen Wissenschaftsauffassung der bürgerlichen Neuzeit wie mit der Hegelschen Kritik an dem überlieferten star- ren Dualismus von Denkformen und Sein zu konfrontieren; zugleich versucht Zelený, die von Marx angewendeten formallogischen Ablei- tungsverfahren (z.B. in der Beziehung von Profitrate zu Mehr- wertrate) dem heute erreichten Stand der mathematischen Logik ge- genüberzustellen und sie in deren Sprache zu übersetzen. Aus die- ser, bereits 1962 in tschechischer Sprache veröffentlichten Un- tersuchung ergab sich als Fortsetzung und zweiter Teil die de- taillierte Untersuchung der einzelnen Etappen der Marxschen He- gel-Kritik, die zugleich eine Auseinandersetzung mit wichtigen in Westeuropa in den letzten 20 Jahren erschienenen Arbeiten zu die- ser Frage ist und diese an Gründlichkeit sämtlich überragt. (Zumal für die in der Bundesrepublik verbreitete anthropologisch- existentialistische Marx-Rezeption dürfte Zelenýs Arbeit von be- sonderem Interesse sein.) Das wesentliche Ergebnis dieses zweiten Teils (S. 185-295) ist, daß Marx seine Auseinandersetzung mit He- gel im wesentlichen erst 1847 abschließt, daß er also erst mit der Deutschen Ideologie den methodologischen Stand erreicht, der noch für die Einleitung von 1857, für Zur Kritik und für Das Ka- pital charakteristisch ist. Von entscheidender Bedeutung ist da- her für Zelený die genaue Analyse des Übergangs von den Pariser Manuskripten zum Elend der Philosophie und zur Deutschen Ideolo- gie. "Das ist überhaupt das Experimentum crucis für die neuere Litera- tur über Marx und auch für die umfassendere Diskussion zwischen der sogenannten humanistischen und szientistischen, der sogenann- ten existentialen und essentiellen Tendenz im modernen Marxismus, da diese Diskussionen ebenfalls mit verschiedenen Interpretatio- nen des jungen Marx operieren" 4). In der Deutschen Ideologie radikalisiert Marx gegenüber den Phi- losophisch-Ökonomischen Manuskripten seinen Humanismus, indem er den Begriff der Selbstentfremdung des Menschen nur noch in ironi- scher Distanzierung gebraucht und durch eine exaktere Begriff- lichkeit überwindet, die den konkret-historischen Charakter des Menschen bzw. der Geschichtlichkeit und der Wirklichkeit heraus- arbeitet. Das bedeutet zugleich die Überwindung des eschatologi- schen Moments der Pariser Manuskripte, der historisch undiffe- renzierten Wiedergewinnung des "wahren" und "wirklichen Wesens" des Menschen durch seine Selbstentfremdung hindurch. In der Ge- schichte schafft die menschliche Tätigkeit neue, noch nicht dage- wesene Inhalte und Formen. Naturalismus und Humanismus fallen nicht mehr zusammen. Das gegebene Substrat der Erkenntnis ist für Marx in der Deutschen Ideologie ebenso wie in der Einleitung von 1857 die entwickelte bürgerliche Gesellschaft und ihre "Anatomie", die politische Ökonomie; das Kapital ist das reale, sich selbst bewegende Subjekt, das sich das Denken durch die "Darstellung", vom Abstrakten zum Konkreten aufsteigend, an- eignet, das aber davon unabhängig existiert. Darin besteht we- sentlich die materialistische "Umstülpung" der Dialektik (S. 293). Damit besteht für Zelený das Problem des Verhältnisses des Marx der sogenannten Frühschriften 5) zum späten Marx der "ökonomischen" Schriften nach der gerade in Westdeutschland ge- läufigen Interpretation nicht mehr. Der ausgereifte Versuch einer materialistisch-dialektischen "Darstellung" ist jene Kritik der Politischen Ökonomie, wie sie im Kapital vorliegt; hier kann die "neue logische Konzeption von Marx" an der Darstellung ihres Ge- genstands, an der materialen Analyse der sich selbst entwickeln- den Struktur der bürgerlichen Gesellschaft studiert und mit ande- ren logischen Formen verglichen werden. Eine Gegenüberstellung der Marxschen und der Ricardoschen Paralleltexte zeigt, daß Marx die Auffassung eines fixen Wesens aufgibt und die Untersuchung der Beziehung zwischen Wesen und Erscheinung über die Feststel- lung bloß quantitativer Veränderungen auf die Analyse der Formen und ihrer sich entwickelnden Beziehungen ausdehnt. Trotzdem be- stimmt Marx die quantifizierbaren Regelmäßigkeiten mit größerer Exaktheit als Ricardo; dabei bedient er sich der zu seiner Zeit üblichen mathematischen Verfahren (dieser Frage ist das ausführ- liche 8. Kapitel gewidmet), doch bleiben diese untergeordnetes Moment der "dialektisch-materialistischen strukturell-genetischen Analyse", wie der von Zelený eingeführte, recht schwerfällige Be- griff lautet. Implizit also,ohne Bezugnahme auf die "wissenschaftstheoretischen" Diskussionen in Westdeutschland und in Frankreich, ist damit ein wesentlicher Beitrag zu der Kritik an jenem mit oder ohne methodologische Begründung ablaufenden Wissenschaftsbetrieb geleistet, in dem wissenschaftliche Theorien nur noch an der Oberfläche empirisch überprüfbarer Regelmäßigkei- ten gebildet werden dürfen. Indem Zelený die substantiell-attri- butive Struktur des wissenschaftlichen Denkens der bürgerlichen Neuzeit einer spezifischen Auffassung der ontologischen Struktur der Wirklichkeit zuordnet, gibt er wesentliche Grundlagen für eine historisch fundierte Kritik an dem Alleingeltungsanspruch des aus den Naturwissenschaften erwachsenen positivistischen Wis- senschaftsbegriffs. Gerade die kritische Durchdringung des scheinbar starren Gegenübers von Denkformen und Wirklichkeit, je- doch ohne dessen identitätsphilosophische Auflösung, bezeichnet die wesentliche Leistung der Marxschen Analyse des Werts, jener sich selbst entwickelnden Substanz, an die nicht mehr wie an das fixe Subjekt vom selbstherrlich Urteilenden Prädikate angeheftet werden. Gegenüber Marx' eigenen, vergleichsweise und aus verschiedenen Gründen wohl notwendig knappen Äußerungen über seine Methode stellt Zelenýs Untersuchung des Verhältnisses von "theoretischer Darstellung und wirklicher Geschichte" eine wesentliche Vertie- fung dar, die auch die Bemerkung Engels' und Lenins aufarbeitet. Im Aufweis des inneren Zusammenhangs von dialektisch-logischer und historischer Ableitung 6), des scheinbar äußerlichen Folgens der Begriffe, Kategorien, Denkformen aus anderen und der inneren Bewegung des historischen Ablaufs, gibt Zelený eine Interpreta- tion des abbildenden Charakters des Denkens, die die verbreiteten naturalistischen Auffassungen weit hinter sich läßt, obwohl viel- fach die gewohnten Begriffe beibehalten sind, und die anderer- seits auch nicht der idealistischen Identifizierung verfällt. "Marx ... betont, daß das menschliche Denken, um eine solche Wirklichkeit (von dialektisch-ontologischer Struktur) richtig zu erfassen wie z.B. die kapitalistische Produktionsweise, eine große Aktivität entwickeln und einige spezifische Bewegungsformen anwenden muß, die nicht einfach bloße parallele Verfolgung der wirklichen Bewegungsformen sind. Diese Betonung der Aktivität, der relativen Selbständigkeit in der Bewegung des menschlichen Denkens und des spezifischen Charakters seiner Bewegungsformen in Beziehung auf die wirklichen Formen ergibt sich durchaus nicht aus der Preisgabe, sondern vielmehr umgekehrt aus der Treue zur materialistischen Abbildtheorie in ihrer dialektischen Fassung." (S. 101) Wesentliche Ergebnisse der vorhergehenden Ausführungen werden von Zelený in dem ausführlichen Kapitel über die Rolle der Kausalbe- ziehungen bei Marx und über die Beziehung von Kausalität und Wi- derspruch weitergeführt. Auch hier wird die eigene Stellung Marx', insbesondere gegenüber Ricardo als Vertreter der "galileo- newtonschen Wissenschaftsauffassung" und gegenüber deren Kritiker Hegel herausgearbeitet. Mit der Auffassung des Wesens als Selbstentwicklung verliert das Kausalitätsverhältnis von Ursache und Wirkung seine einzigartige Bedeutung; es wird andererseits nicht dem Begriff der Vermittlung einfach subsumiert. Vielmehr behalten gerade bei der Analyse des Kapitalismus kausalanalyti- sche Verfahren (bzw. was diesen auf formalisierterer Ebene heute entspricht) ihr relatives Recht, nämlich wo die relative Stabili- tät von Erscheinungen ihre Basis in der Wirklichkeit hat (in ih- rer Reinheit freilich sind sie erst Produkt des abstrahierenden Denkens). Darin kommt das im Vergleich zu Hegel positivere Ver- hältnis Marx' zu mathematischen Verfahren zum Ausdruck. Der ei- gentliche Unterschied zwischen den Typen wissenschaftlichen Den- kens, die in dem von Zelený untersuchten Zusammenhang vor allem durch Ricardo und Marx vertreten sind, ist aber sicher die Auf- fassung des Gegensatzes. Während Ricardo, im Unterschied zu spä- teren Ökonomen 7), immerhin zur abstrakt-äußerlichen Gegenüber- stellung der etwa in der Ware enthaltenen Gegensätze vordringt, beginnt für Marx die eigentliche Analyse erst im Verhältnis und in der Bewegung der Widersprüche, in ihrer Bloßlegung als Polari- tät, als inneres Verhältnis von Gegensätzen, als ihr Übergang in- einander bis zu ihrer Identifizierung, dieser jedoch als Einheit von Gegensätzen. Andererseits bezieht er diese Bewegung auf den äußeren, erscheinenden Gegensatz, und die Bewegung des Denkens kann beiden Richtungen folgen. Die Interpretation der Wirklich- keit als Selbstentwicklung schließt also für Marx deren innere Widersprüchlichkeit ein; in der Analyse erscheint "das kompli- zierte Bild einer sich selbst entwickelnden Struktur vor uns, de- ren Grundlage der immanente Widerspruch der Ware ist. Dieser Grundwiderspruch entwickelt sich" mit den verschiedenen Stufen der Durchsetzung der Warenproduktion (S. 136). Hat dieser Grund- widerspruch heute seine bewegende Kraft verloren, weil es ein so- zialistisches Lager gibt, in dem der Weg zur völligen Abschaffung der Warenproduktion eingeschlagen worden ist? Mit dieser Frage wird eine Schwäche des Buches von Zelený angesprochen, deren Ver- meidung allerdings vielleicht außerhalb der ihm verfügbaren Reichweite lag. Der Bezug auf die "wirklichen Lebensverhält- nisse", aus denen jedesmal die Kritik ihrer "verhimmelten Formen" 8) zu entwickeln ist, beschränkt sich auf wenige Andeutungen. Da- nach entspricht der von Zelený analysierte Marxsche Typus der Ra- tionalität einer ersten Phase der kommunistischen Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft, in der diese als "klassischer Kapita- lismus" von dem sich selbst verwertenden Wert als mächtigstem Subjekt bewegt wurde; dieser Bewegung folgt das Kapital in seiner logischen Struktur. Dagegen sind die Bewegungformen der "historischen Materie" heute bereits wesentlich andere; sie sind "von den durch die Bewegung des Kapitals bestimmten Unterschieden ... wie auch von der revolutionären Negation dieser Bedingungen bei Aufrechterhaltung der alten Grundformen der materiellen Pra- xis" 9). Diese sibyllinischen Äußerungen scheinen Parallelen zu Auffassungen von Marcuse und Habermas zu enthalten, wonach der von Marx analysierte Grundwiderspruch im Zeitalter der Koexistenz und der Krisenregelung sistiert sei; ebenso die von Zelený her- vorgehobene Aufrechterhaltung der alten Grundformen der Praxis. Er folgert daraus die Notwendigkeit, den heute herrschenden neuen Typus der Rationalität mittels jenes von Marx entdeckten "konsequenten dialektisch-materialistischen Verfahrens" (S. 325) zu untersuchen und zugleich sich der Vergänglichkeit der konkre- ten Form der Marxschen Kritik der bürgerlichen Ökonomie bzw. ih- rer logischen Struktur bewußt zu sein. Diese Forderung würde je- doch erst dann einleuchtend und durchführbar, wenn die Entmach- tung des Subjekts Kapital, und weiterhin seines Grundverhältnis- ses, der Produktion des Arbeitsproduktes als Ware, in einer Ana- lyse der wirklichen Lebensverhältnisse, z.B. der Rolle des Welt- markts und seiner Einflüsse auf die nichtkapitalistischen Länder, gründlich belegt würde. Bekanntlich wird auch die Auffassung ver- treten, daß die revolutionäre Negation der vehement weitergehen- den Bewegung des Kapitals immer noch auf der Tagesordnung steht. Die Kritik an der Arbeit Zelenýs kann in den folgenden Fragen zu- sammengefaßt werden: Läßt sich der "tiefere Kern der Marxschen Methode, die praktisch-materialistische Auffassung der Wirklich- keit und der Theorie", von ihren "konkreten Formen in der Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie" (S. 325) lösen, wird damit nicht die Untersuchung der Formen zur Methodologie verselbstän- digt? Ist die "Darstellung" des "Kapitals im allgemeinen" für seine heutige internationale Existenzweise nicht mehr gültig? Wolfgang Müller _____ 1) In: Politologie Nr. 4 (Dez. 1968), S. 68 f. 2) Vgl. unten Anm. (5). 3) Diese Kluft wird, ähnlich wie die ohne weitere Erörterung zwi- schen nomologischen und hermeneutischen Wissenschaften beste- hende, gewöhnlich nur bei Überbrückungsversuchen sichtbar; so z.B. auf dem Frankfurter Colloquium im Herbst 1967, vgl. jetzt das Protokoll Kritik der politischen Ökonomie heute, 100 Jahre 'Kapital', hg. W. Euchner u. A. Schmidt, Frankfurt/Wien 1968, insbes. S. 48 ff, 268 ff. 4) Zelený S. 283. Mit diesem Zitat sei zugleich angedeutet, daß die Übersetzung ins Deutsche durch Peter Bollhagen an Mängeln des Ausdrucks leidet, die sich gelegentlich bis zu offensichtlich un- zutreffenden (z.B. S. 77 m. Anm. 7) oder mißverständlichen Über- tragungen steigern; auch an Druckfehlern fehlt es nicht. Der häu- fig schwerfällige Duktus der Sprache mag dem Original zuzuschrei- ben sein. 5) Dieser in der Bundesrepublik verbreitete Begriff entspricht dem Titel der üblicherweise gebrauchten Auswahlausgabe von S. Landshut (Kröner-Verlag), die neben einer fragwürdig zusammenge- stellten Auswahl aus den Pariser Manuskripten die Deutsche Ideo- logie in einer Weise fragmentiert bietet, die vielleicht erst die schroffe Trennung des jungen vom reifen Marx ermöglicht hat. 6) Vgl. Kapital Bd. 1, 1. und 2. Kapitel. 7) Vgl. auch etwa die erste der drei Forderungen Poppers an ein 'empirisches' Theoriensystem, daß dieses nämlich synthetisch sein, d.h. "eine nicht widerspruchsvolle, 'mögliche' Welt dar- stellen" müsse. Die methodologische Forderung präformiert tief- greifend die Auffassung von der Struktur der Wirklichkeit (K.F. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1966 (2), S. 13). 8) Vgl. Kapital Bd. 1, MEW Bd. 23, S. 392 f., Anm. 89. 9) Zelený, S. 324 f., vgl. 294 f. zurück