Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969
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Bernd Rabehl
RÄTEDEMOKRATIE IN DER HOCHINDUSTRIALISIERTEN GESELLSCHAFT II
Dieser Diskussionsbeitrag zum Problem der Rätedemokratie ist in
seiner Disposition inkonsequent und mit Wiederholungen versehen.
Sein erster Teil entstand vor dem Streik an der Freien Universi-
tät, der zweite Teil wurde in großer Eile geschrieben und steht
unter dem Einfluß der Diskussion über revolutionäre Wissenschaft
und Berufspraxis. Der Grund des Scheiterns aller Rätebewegungen
wird gesehen in ihrem Mangel an "kulturrevolutionären" Momenten
und im Fehlen eines Übergangsprogramms, das die revolutionäre
Struktur im Zusammenhang mit dem Stand der Industrialisierung und
des technischen Arbeitsprozesses sieht und das deshalb die näch-
sten Aufgaben formulieren kann, indem es unterscheidet zwischen
den Herrschaftsstrukturen des Staatskapitalismus und der tech-
nisch und ökonomisch notwendigen Zentralisation. Diese Unter-
scheidung ist die Vorbedingung der Einführung der Rätedemokratie,
der Anwendung einer Wissenschaft, die den Arbeitermassen dient,
die die technischen Errungenschaften für die Befreiung des Men-
schen ausnutzt. Diese revolutionäre Wissenschaft, die Teilnahme
der Ingenieure, Lehrer und Ärzte an der proletarischen Revolu-
tion, war bisher nicht das Kennzeichen der Rätebewegung.
IV
In der Abstraktion definierte Marx den Hauptwiderspruch der kapi-
talistischen Produktionsweise und er deutet damit die Aufgaben
der p r o l e t a r i s c h e n R e v o l u t i o n an:
"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Men-
schen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Ver-
hältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die in einer bestimmten
Entwicklungsstufe ihren materiellen Produktivkräften entsprechen.
Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomi-
sche Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein
juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher be-
stimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Pro-
duktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, poli-
tischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das
Bewußtsein der Menschen, daß ihr Sein, sondern umgekehrt, ihr ge-
sellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer ge-
wissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktiv-
kräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Pro-
duktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck da-
für ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich
bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte
schlagen diese Verhältnisse in Fesseln um. Mit der Veränderung
der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau
langsam oder rascher um." 1)
Die Elemente dieser revolutionären Umwälzung der Gesellschaft
sind 1. die soziale Revolution, die Zerstörung der ökonomischen
Herrschaftsstrukturen, 2. die politische Revolution, die Zer-
schlagung des Staatsapparates und der politischen Ideologien, 3.
die kulturelle Revolution die Aufhebung der bürgerlichen Kultur-
werte und Verhaltensnormen, die Erziehung der Massen für den So-
zialismus und die Erziehung der Erzieher durch die Massen, um die
Verselbständigung des sozialistischen Machtapparates zu verhin-
dern. Die Aktionen in diesen drei gesellschaftlichen Bereiche ge-
ben die Garantie, daß der Sprung aus den kapitalistischen Herr-
schaftsstrukturen in die sozialistische Freiheit gelingt und der
Komplex der ökonomischen und staatlichen "Notwendigkeiten zur
Aufrechterhaltung der Produktion und Reproduktion der Gesell-
schaft nicht die Tendenzen der "Bürokratisierung" und
"Oligarchisierung" verstärkt. Um der Utopie des "wahren" Sozia-
lismus zu entgehen, orientiert Marx die Dialektik von Wirklich-
keit und Möglichkeit des materiellen Produktionsprozesses am Be-
griff der Produktivkräfte, um so die Aussage treffen zu können,
wann die Produktionsverhältnisse notwendig der Entwicklung der
Produktivkräfte entsprechen und wann diese Verhältnisse diese
Entwicklung aufhalten oder gar sabotieren:
"Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände be-
stimmt, unter anderen durch den Durchschnittsgrad des Geschickes
der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer
technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination
des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit
der Produktionsmittel und durch Naturverhältnisse... Produktiv-
kraft ist natürlich stets Produktivkraft nützlicher, konkreter
Arbeit, und bestimmt in der Tat nur den Wirkungsgrad zweckmäßiger
produktiver Tätigkeit in gegebenem Zeitraum. Die nützliche Arbeit
wird daher reichere oder dürftigere Produktenquelle im direkten
Verhältnis zum Steigen oder Fallen der Produktivkraft. Dagegen
trifft ein Wechsel der Produktivkraft die in Wert dargestellte
Arbeit an und für sich gar nicht. Da die Produktivkraft der kon-
kreten, nützlichen Form der Arbeit angehört, kann sie natürlich
die Arbeit nicht mehr berühren, sobald von ihrer konkreten, nütz-
lichen Form abstrahiert wird. Dieselbe Arbeit ergibt daher in
denselben Zeiträumen stets dieselbe Wertgröße, wie immer die Pro-
duktivkraft wechsle. Aber sie liefert in demselben Zeitraum ver-
schiedene Quanta Gebrauchswerte, mehr, wenn die Produktivkraft
steigt, weniger, wenn sie sinkt. Derselbe Wechsel der Produktiv-
kraft, der die Fruchtbarkeit der Arbeit und daher die Masse der
von ihr gelieferten Gebrauchswerte mehrt, vermindert also die
Wertgröße dieser vermehrten Gesamtmasse, wenn er die Summe der zu
ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeit abkürzt." 2)
Das r e v o l u t i o n ä r e B e w u ß t s e i n und die re-
volutionäre Aktion sind die entscheidenden Produktivkräfte, denn
sie versuchen, den materiellen Reichtum der Gesellschaft, die
technischen Errungenschaften für die unterdrückten Klassen voll
auszuschöpfen, indem die bestehenden Herrschaftsstrukturen, die
Produktionsverhältnisse, zerschlagen werden. Das revolutionäre
Bewußtsein setzt sich vergleichbar zum Stand der Produktivkräfte
zusammen aus dem Selbstbewußtsein der Arbeiter, die in ihrer
Sphäre den Produktionsprozeß überschauen und die revoltieren ge-
gen die degradierende Stellung innerhalb der gesellschaftlichen
Produktion, gegen die Maßnahmen der wirtschaftlichen und staatli-
chen Bürokratien. Dies revolutionäre Bewußtsein ist zugleich die
wissenschaftliche Einsicht der revolutionären Intelligenz in den
technischen Arbeitsprozeß, in die materiellen Möglichkeiten der
Veränderung der Gesellschaft. Der spontane Widerstand der Arbei-
ter, Ausdruck der Bewegungsgesetze des Verwertungsprozesses des
Kapitals, also Reaktion auf die Verwertungsschwierigkeiten und
ihrer Kompension in sozialstaatliche, bürokratische Maßnahmen und
die revolutionäre Wissenschaft werden erst in der Aktion vermit-
telt. Aktion ist Entlarvung der Kapitalistischen Herrschaftsver-
hältnisse und Loslösung von den Identifikationen mit dem bürger-
lichen System und seiner Kultur. Der Prozeß der Revolutionierung
beginnt bei den unmittelbaren Bedürfnissen der spezifischen Frak-
tionen der Klassen. Der Lernprozeß hebt an mit der Enthüllung der
unmittelbaren autoritären Borniertheit von Funktionsträgern des
kapitalistischen Systems, um schließlich über die Etappen des
spontanen Aufbegehrens und der Artikulation der eigenen Bedürf-
nisse, die kulturellen und herrschaftstechnischen Normen der Ge-
sellschaft bloßzulegen deren kulturrevolutionäre Überwindung
schließlich die Sozialrevolutionäre Dimension der Expropriierung
der materiellen Errungenschaften der Gesellschaft eröffnet. Die
revolutionäre Spontanität setzt sich zusammen aus den verschie-
denen Komponenten der Revolution, sie ist aber abhängig von den
spezifischen Konflikten und Widersprüchen, und ist in erster Li-
nie kulturrevolutionär, bis sie auch den Umfang der sozialen und
politischen Revolution erfassen kann. Die konkrete Vermittlung
von revolutionärer, klassenspezifischer Spontanität und revolu-
tionärer Wissenschaft, von Theorie und Praxis, ist die revolutio-
näre Organisation. Die Entfremdung der Produzenten und der Wis-
senschaftler durch die kapitalistische Form der Arbeitsteilung
und ihrer Stellung Produktionsprozeß definiert diese Organisation
als antibürgerlich, d.h. ihre Struktur reproduziert nicht die
bürgerlichen Herrschaftsverhältnisse, sondern als "Mittel der Ak-
tion" unterstützt sie die Loslösung der verschiedenen Fraktionen
der Klassen von den Entfremdungsmechanismen ihrer Produktions-
ebene, indem sie als Koalition der Aktionen die revolutionäre
Perspektive gibt
Durch diese Kennzeichnung der r e v o l u t i o n ä r e n
O r g a n i s a t i o n ist der Unterschied zwischen der bürger-
lichen und der proletarischen Revolution angegeben. Die bürgerli-
che Revolution war sozial, politisch und kulturell darauf begrün-
det, daß die feudal absolutistische Struktur unterlaufen war
durch die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, die Pro-
duktionsverhältnisse schuf, die bei Strafe des Zusammenbruchs der
gesellschaftlichen Produktion nicht abgeschafft werden durften,
sondern vom feudalen System nur anerkannt und ein wenig modifi-
ziert werden konnten. Das wirklich revolutionäre Element der bür-
gerlichen Revolution ist nicht deren Ideologie der "Gleichheit,
Freiheit und Brüderlichkeit" gegen die feudalen Privilegien, son-
dern sind die Produktivkräfte, d.h. der technische Fortschritt,
die ökonomische Umwandlung der feudalen Produktion; Ordnung in
kapitalistische, die sich vollziehen kann, ohne daß die Revolu-
tion die feudalen Überreste hinwegfegt, indem diese kapitalisti-
sche Umformung der Gesellschaft den feudalen Überbau als Hemmnis
der Produktion verändert und integriert in den Mechanismus der
kapitalistische-Akkumulation. Während also der Kapitalismus sich
als Wirtschaftsstruktur bereits innerhalb des Feudalismus entwic-
kelt, werden im Kapitalismus durch den technischen Arbeitsprozeß
nur die objektiven Möglichkeiten für den Sozialismus geschaffen.
Durch die proletarischen Aktionen wird die konkrete Möglichkeit
des technologischen Fortschritts für den Sozialismus aufgedeckt,
weil der technische Fortschritt per se in den Verwertungsprozeß
des Kapitals eingegliedert ist und nur als technische Errungen-
schaft für den Kapitalismus erscheint. Der Irrtum der Marxisten
de-II. und III. Internationale war, daß sie in der Herausbildung
der Monopole und Trusts, in der Methoden der hochkapitalistischen
Wirtschaftsführung bereits die Grundlage des Sozialismus erblick-
ten (Plechanov, Lenin, Kautsky, Hilferding).
"Das Mysteriöse und Mystifizierende der Warenproduktion kommt of-
fenbar nicht von der Gebrauchswertseite der Waren her, ist viel-
mehr nur mit dem Austauschprozeß und Tauschwert verknüpft."
Es besteht im Kapitalismus ein enger Zusammenhang zwischen dem
Austausch- und Verwertungsprozeß des Kapitals und der Struktur
der Produktionsverhältnisse, d.h. zwischen der Krisenanfälligkeit
der hochmodernen Wirtschaft und der staatlichen Planung und
Lenkung, der Verselbständigung des Staatsapparates und seiner po-
litischen Organe im Interesse der prinzipiellen Aufrechterhaltung
dieser Produktionsverhältnisse. Parallel dazu wird die Entfrem-
dung der Produzenten im Produktions- und Distributionsprozeß an-
gereichert durch die spezifische Staatsideologie nationalisti-
scher, patriotistischer, chauvinistischer, rassistischer oder so-
zialstaatlicher Prägung.
"Diese bestimmten sozialen Charaktere entspringen also keineswegs
aus der menschlichen Individualität überhaupt, sondern aus dem
Austauschverhältnis von Menschen, die ihre Produkte in der be-
stimmten Form der Ware produzieren. Es sind so wenig rein indivi-
duelle Verhältnisse, die sich im Verhältnis de Käufers und Ver-
käufers ausdrücken, daß beide nur in diese Beziehung treten, so-
weit ihre individuell; Arbeit verneint, nämlich als Arbeit keines
Individuums Geld wird. So albern es daher ist, diese ökonomisch
bürgerlichen Charaktere von Käufer und Verkäufer als ewige ge-
sellschaftliche Formen der menschlicher Individualität aufzufas-
sen, ebenso verkehrt ist es, sie als Aufhebung der Individualität
zu betränen." 4)
"Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß
sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen
Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst,
als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspie-
gelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten
zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesell-
schaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo
werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder ge-
sellschaftliche Dinge." 5)
V
Die Aktionen der Arbeiterklasse haben zum Ziel, diese Entfrem-
dung, diese Charaktermaske der Produktion zu durchbrechen und die
Stellung im Produktionsprozeß den Arbeitern bewußt werden zu las-
sen, was zugleich heißt, daß die Möglichkeit der sozialistischen
Produktion geschaffen wird. Alle Streiks der hochindustrialisier-
ten Länder tragen in sich die Tendenz der "proletarischen
Aktion", weil die Ausweitung dieser Streiks über den tradeunioni-
stischen Rahmen hinaus, die Repression des Staatsapparates hin-
aufbeschwört. Die Fabrikbesetzungen und der direkte Kampf mit der
Staatsgewalt lassen "Organe" der Proletarischen Aktion entstehen,
die selbst in rudimentäre Form die D o p p e l h e r r-
s c h a f t zur kapitalistischen Herrschaft erkennen lassen und
die sich im Kampf zu Strukturen der sozialistischen Gesellschaft
entwickeln. In der Aktion durchstoßen die einzelne Fraktionen der
Arbeiterklasse nicht nur ihre spezifische Entfremdung, sondern
sie errichten zugleich die sozialistische Gesellschaft. Da diese
Aktionen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
stattfinden, Fabriken, Schulen, Universitäten und an ihr sich die
verschiedenen Fraktionen innerhalb der Arbeiterklasse der
verschiedenen ungleichzeitig entwickelten Industriebranchen
beteiligen, entstehen neben der richtigen Einsicht in die
kapitalistische Produktion die verschiedene Illusionen, die
selbst noch Momente der Entfremdung sind. Die revolutionären
Aktionen finden ihre Motivationen in revolutionärem Pathos und
Moral, in wissenschaftlicher Analyse, Erkenntnis und Utopie.
Nicht zufällig faßte der "linke" Kommunist Lukács Anfang 1920,
nach dem Scheitern der politischen Rätebewegung in Deutschland,
den Arbeiterrat als moralische und erzieherische Instanz zugleich
auf:
"Der revolutionäre Arbeiterrat ... ist eine der Formen, um die
das Bewußtsein der proletarischen Klasse seit ihrem Entstehen un-
ablässig gerungen hat. Sein Dasein, seine stetige Entwicklung
zeigen, daß das Proletariat bereits an der Schwelle seines eige-
nen Bewußtseins und damit an der Schwelle des Sieges steht. Denn
der Arbeiterrat ist die politisch-wirtschaftliche Überwindung der
kapitalistischen Verdinglichung. So wie er im Zustand nach der
Diktatur die bourgeoise Teilung von Gesetzgebung, Verwaltung und
Rechtsprechung überwinden soll, so ist er im Kampfe um die Herr-
schaft berufen, einerseits die raum-zeitliche Zersplitterung des
Proletariats, andererseits Wirtschaft und Politik zur wahren Ein-
heit des proletarischen Handelns zusammenzubringen und auf diese
Weise den dialektischen Zwiespalt von unmittelbarem Interesse und
Endziel zu versöhnen." 6)
In den Aktionen vor der Revolution sind die R ä t e oder Fa-
brikkomitees Organe der Spontaneität, Institutionen, in denen die
Arbeiter im Klassenkampf ihr revolutionäres Bewußtsein formen in-
dem sie die Fabriken als "ihr" Eigentum betrachten, sich vorbe-
reiten, die Produktion zu kontrollieren, und sich durch ihre For-
derungen, Streiks und Demonstrationen in direkter Konfrontation
mit dem kapitalistischen Staatsapparat befinden; diese Arbeiter-
organisationen sind Mittel der Mobilisierung der Arbeiter und
gleichzeitig der Doppelherrschaft. Nach der Revolution haben die
Räte nicht nur die Funktion der Mobilisierung der Arbeiter für
den Sozialismus, sondern auch die Funktion der Integration dieser
Räte in den materiellen Zusammenhang des technischen Arbeitspro-
zesses. Die schöpferische Initiative der Arbeiter und Wissen-
schaftler in der Produktion enthüllt erst die Möglichkeit der ge-
sellschaftlichen Produktion. Das impliziert, daß der sozialisti-
sche Staat der Übergangsgesellschaft einer radikalen Kritik von
Seiten der Produzenten unterzogen werden muß, während umgekehrt
die Arbeiter informiert, geschult und wissenschaftlich qualifi-
ziert werden, in zunehmendem Maße zur wissenschaftlichen Kon-
trolle der Produktion sich befähigen, um dadurch zur Einsicht in
die Notwendigkeit der Zentralisation der Produktion zu gelangen,
aber auch, um sich die temporären Schranken der materiellen Basis
für die Entfaltung der sozialistischen Gesellschaft bewußt zu ma-
chen. Die Ausrichtung der revolutionären Theorie des Marxismus
auf die Produktivkräfte erlaubt vor der Revolution, den Akkumula-
tionsprozeß des Kapitals in Zusammenhang zu bringen mit der revo-
lutionären Realpolitik des Klassenkampfes. Nach der Revolution
bedeutet die Festlegung der revolutionären Realpolitik der Trans-
formationsperiode auf die Dialektik von Wirklichkeit und Möglich-
keit der Entfaltung der Produktivkräfte, daß die notwendigen
Mischformen von Räte- und Staatsstrukturen die Mobilisierung der
Arbeiter voraussetzen, weil der Staat als zentrales Planungs- und
Verteilungsbüro für Produktion und Distribution als Militärma-
schinerie der "Volksarmee" den Tendenzen der "Verselbständigung'
gegenüber Arbeiterklasse unterliegt. Die Teilnahme der Produzen-
ten an der Kontrolle der Produktion, Distribution, Armee und Po-
litik wirkt den Tendenzen der Verselbständigung entgegen.
Die Aktionen der Arbeiter im Sozialismus, sind dann nicht nur
Ausdruck eines hohen Klassenbewußtseins, einer wissenschaftlichen
Berufsausbildung, sondern auch Grundlage für die sprunghafte Ent-
faltung der Produktivkräfte. Die Übernahme der Produktionsmetho-
den der technologisch am weitesten fortgeschrittenen Länder ver-
langt die Erarbeitung einer "revolutionären" Technologie, die
wiederum die schöpferische Initiative der Produzenten voraus-
setzt, denn die bloße Orientierung an den kapitalistischen Pro-
duktionsmitteln verfällt wieder der Fetischisierung der Ware und
der Aufbau des Sozialismus ist dann nur noch bezogen auf das
"Ein- und Überholen der kapitalistischen Staaten", vom kapitali-
stischen Weltmarkt und der kapitalistischen Produktionsordnung
definiert, ohne, je nach dem Stand der Produktivkräfte, die so-
zialistische Gesellschaft zu verwirklichen. Es existiert kein
Idealtypus einer R ä t e d e m o k r a t i e oder einer sozia-
listischen Gesellschaft, es gibt auch keine Modelle oder Formeln,
nach denen sie aufgebaut werden muß, sondern im Klassenkampf wird
der technische Arbeitsprozeß, der Gebrauchswert des gesellschaft-
lichen Reichtums, für die Entwicklung der sozialistischen Gesell-
schaft in das Bewußtsein der Produzenten, der Arbeiter und Wis-
senschaftler gehoben und damit aus der kapitalistischen Form ge-
löst. Das Verhältnis von Spontaneität der Arbeiter, der Arbeiter-
organisation als Mittel der Aktion und der Rolle der Partei in
der sozialistischen Gesellschaft wird bestimmt durch die Produk-
tivkräfte, denn die sozialistischer Produktionsverhältnisse müs-
sen den bestimmten Produktivkräften entsprechen, damit diese neue
Gesellschaft nicht zusammenbricht:
Die Aufhebung des Wertgesetzes erfolgt nach Marx auf der Grund-
lage der allseitig entfalteten Produktivkräfte, auf der Grundlage
der Industriegesellschaft, die alle Stufen der Akkumulation
durchlaufen hat:
"Es kann also nichts falscher und abgeschmackter sein, als auf
der Grundlage des Tauschwertes, des Geldes (d.h. auf der Grund-
lage eines niedrigen Standes der Produktivkräfte B.R.), die Kon-
trolle der vereinigten Individuen über die Gesamtproduktion vor-
auszusetzen." 7)
Eine zentralisierte Wirtschaft, die sich nicht auf eine industri-
elle Basis stützen kann, die außerdem nicht kontrolliert werden
kann durch ein selbstbewußtes Proletariat, die also allein durch
eine zentrale Planbehörde oder durch eine Zentralbank die Produk-
tion und Distribution regelt, wird nach Marx zu diktatorischen
Maßnahmen greifen müssen, indem sie sich den Aufgaben der Akkumu-
lation des Kapitals widmet, gleichzeitig die vorkapitalistischen
Klassen und Schichten für diese Aufgaben erzieht und aus ihnen
Mehrwert herauspreßt, d.h. indem sie die proklamierten soziali-
stischen Prinzipien aufgeben muß:
"In der Tat wäre sie entweder die despotische Regierung der Pro-
duktion und Verwalterin der Distribution oder sie wäre in der Tat
nichts als ein board was für die gemeinsam arbeitende Gesell-
schaft Buch und Rechnung führte. Die Gemeinsamkeit als Produkti-
onsmittel etc. etc. ist vorausgesetzt." 8)
Proletarische Organisationen als Mittel der Aktion sind die Vor-
bedingung der sozialistischen Transformation der Gesellschaft.
Sie sind Mittel der Entlarvung der revolutionären Tendenzen in-
nerhalb des technischen Arbeitsprozesses, sie sind Mittel der
Loslösung der Arbeiter und Wissenschaftler von den Normen der
bürgerlichen Gesellschaft und sie sind Organe der Erziehung, der
Mündigmachung der Arbeiter für den Sozialismus:
"Die wirkliche Ökonomie ... besteht in der Ersparung von Arbeits-
zeit ... diese Ersparung aber identisch mit der Entwicklung der
Produktivkraft. Also keineswegs Entsagung von Genuß, sondern Ent-
wickeln von power, von Fähigkeiten zur Produktion und daher
sowohl der Fähigkeiten wie der Mittel des Genusses ... und diese
Fähigkeit ist Entwicklung einer individuellen Anlage, Produktiv-
kraft. Die Ersparung von Arbeitszeit gleich Vermehren der freien
Zeit, d.h. Zeit für die volle Entwicklung des Individiums, die
selbst wieder die größte Produktivkraft zurückwirkt auf die Pro-
duktivkraft der Arbeit. Sie kann vom Standpunkt des unmittelbaren
Produktionsprozesses aus betrachtet werden als Produktion von
c a p i t a l f i x e; dies capital fixe by man himself ... Die
freie Zeit - die sowohl Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit
ist - hat ihren Besitzer natürlich in ein anderes Subjekt verwan-
delt und als dies andere Subjekt tritt er dann auch in den unmit-
telbaren Produktionsprozeß. Es ist dieser zugleich Disziplin, mit
Bezug auf den werdenden Menschen betrachtet, wie Ausübung, Expe-
rimentalwissenschaft, materiell schöpferische und sich vergegen-
ständlichende Wissenschaft mit Bezug auf den gewordenen Menschen,
in dessen Kopf das akkumulierte Wissen der Gesellschaft exi-
stiert." 9)
Die proletarischen Organisationen als Parteiungen des Klassen-
kampfes vermögen sich der reformistischen Realpolitik zu entzie-
hen, haben sie sich von vornherein die Aufgabe der Umwälzung der
Gesellschaft gestellt und sehen sie im bürgerlichen Staatsapparat
und in seinen Formen des Parlamentarismus und der Öffentlichkeit
den Machtapparat zur Niederhaltung der unteren Klassen. Nur als
Organe der revolutionären Realpolitik, die die einzelnen Etappen
des Kampfes, Tradeunionismus und Parlamentarismus, nur als Etap-
pen der Aufklärung über die bürgerliche Reformpolitik betrachten,
vermögen sie ihre Funktion der Mobilisierung und Erziehung der
Arbeiter, der Einbeziehung der verschiedenen Fraktionen dieser
Klasse und Schichten des 'Volkes' durch spezifische Kampagnen im
strategischen Kontext wahrzunehmen. Der Klassenkampf als Kampf
der Klasse konzentriert sich in den hochindustrialisierten Län-
dern nur bedingt auf den Kampf der Partei, die dem staatlichen
Machtapparat entgegensteht und die als Avantgarde den spontanen
Widerstandsaktionen der Arbeiter die revolutionären Ziele der Um-
wälzung vermitteln, sondern er bezieht sich hauptsächlich auf die
einzelnen Fraktionen der Klassen: er verlangt Organe des Kampfes
an den Universitäten, an den Schulen und anderen Überbaubereichen
und in den unterschiedlicher Betrieben und Wirtschaftsbranchen.
Erst die Koordination dieser verschiedenen Aktionsorgane bringt
die revolutionäre Partei der Industrieländer hervor. Die revolu-
tionäre Umwandlung der verschiedenen Ebenen der Gesellschaft
macht verständlich, warum der Generalstreik, das zentrale Streik-
komitee die Rücknahme der Staatsgewalt in die Gesellschaft bedeu-
tet, warum die unterschiedlichen Aktionen die Produktionsverhält-
nisse ihres parasitären Charakters überführen, warum sie den
Sprung nach vorn, die Entfaltung der Produktivkräfte, erst ermög-
lichen:
"So wie die Staatsmaschine und der Parlamentarismus nicht das
wirkliche Leben der herrschenden Klassen, sondern nur die organi-
sierten allgemeinen Organe ihrer Herrschaft, die politischen Ga-
rantien, Formen und Ausdrucksweisen der alten Ordnung der Dinge
sind, so ist die Kommune nicht die soziale Bewegung der Arbeiter-
klasse und folglich nicht die Bewegung einer allgemeinen Erneue-
rung der Menschheit, sondern ihr organisiertes Mittel der Aktion.
Die Kommune beseitigt nicht den Klassenkampf, durch den die ar-
beitenden Klassen die Abschaffung aller Klassen und folglich al-
ler Klassenherrschaft erreichen wollen ... aber sie schafft das
rationale Zwischenstadium, in welchem dieser Klassenkampf seine
verschiedensten Phasen auf rationellste und humanste Weise durch-
laufen kann." 10)
Der Unterschied der proletarischen Partei der hochindustriellen
Länder zur proletarischen Partei der unterentwickelten Länder
liegt nicht allein darin, daß die letztere sich gegen einen zen-
tralistischen Staatsapparat behaupten muß, ohne im großen Umfang
auf Massenstreiks der Arbeiter in den wenigen Industriezweigen zu
rechnen, oder darin, daß diese revolutionäre Partei eine beson-
dere Bündnispolitik mit der Bauernschaft und Teilen der nationa-
len Bourgeoisie eingehen muß, sondern darin, daß diese Partei die
kapitalistische Akkumulation im Falle der Machtergreifung voll-
ziehen muß. Die materiellen Bedingungen gestatten nur im engen
Rahmen die Entwicklung der sozialistischen Demokratie:
"Und aus diesen Grundsätzen folgt, daß es ein reaktionärer Ge-
danke ist, die Erlösung der Arbeiterklasse in irgend etwas an-
derem zu suchen als in der weiteren Entwicklung des Kapitalismus.
Darum ist die Arbeiterklasse an der breitesten, freiesten und
schnellsten Entwicklung des Kapitalismus unbedingt interessiert.
Die Beseitigung aller Überreste der alten Zeit, die der breiten,
freien und schnellen Entwicklung des Kapitalismus hinderlich
sind, ist für die Arbeiterklasse unbedingt von Vorteil." 11)
VI
Der russische Marxismus, formuliert von Plechanov, Martov und Le-
nin, ist einerseits eine Übernahme der wissenschaftlichen Inter-
pretation des Marxismus durch die Theoretiker der II. Internatio-
nale, Kautsky, Hilferding, Otto Bauer, andererseits eine eigen-
ständige Weiterentwicklung des Marxismus, um unter russischen
Verhältnissen eine revolutionäre Realpolitik entwerfen zu können.
Der Gegensatz im russischen Marxismus ist die Hinnahme des ortho-
doxen Marxismus Westeuropas, der unter dem Einfluß der stürmi-
schen Industrialisierung und der Teilnahme der sozialdemokrati-
schen Parteien am Parlamentarismus und der bürgerlichen Reformpo-
litik zur Ideologie der Akkumulation und der Entwicklung des So-
zialismus im Schoße des Kapitalismus, bürgerliche Wissenschaft,
Bekenntnis zum Fatalismus und zum revolutionären Pathos wird 12),
der den partikularistischen Praktizismus des Reformismus und die
Definition der eigenständigen revolutionären Realpolitik verdeckt
13), um durch die Mobilisierung der verschiedenen gesellschaftli-
chen Bereiche den zaristischen Staat zu bekämpfen. Der ehemalige
Bakunist Plechanov löste den scholastischen Widerspruch des Anar-
chismus, der unterscheidet zwischen politischer Praxis als Inte-
grationstaktik und sozialer Revolution als einzige Möglichkeit
der menschlichen Emanzipation, indem Plechanov
VI
anerkennt, daß in Rußland der Kapitalismus sich durchsetzt und
die kapitalistischen Bewegungsgesetze die russische Bauernwirt-
schaft erfassen werden, daß die Grundlage der sozialistischen Ge-
sellschaft nicht die Anarchie der Bauerngemeinde sein kann, son-
dern die moderne Großindustrie daß aber in Rußland die Tendenz
der Industrialisierung nicht die Politik auf Evolution festlegt
sondern die Vorbereitung der Revolution erfordert, um die Hinder-
nisse der forcierten Industrialisierung zu zerstören, die zari-
stischen Herrschaftsverhältnisse. Indem die russischen Marxisten
da; Verhältnis von bürgerlicher und proletarischer Revolution und
die Rolle des Staates diskutieren ist für sie eindeutig, daß
nicht ein abstraktes Gesetz der gesellschaftlichen Entwicklung
das friedliche Hineinwachsen in den Sozialismus erlaubt, sondern
konkrete Klassenkämpfe und Bündnispolitik mit den verschiedenen
Schichten des Volkes den gewaltsamen Sturz des Zarismus ermögli-
chen. Alle spontanen Formen des Widerstandes werden akzeptiert -
sind die Mittel der Zerstörung des zaristischen Herrschaftssy-
stems. Erst nach der Machtübernahme mußte der Gegensatz im theo-
retischen Selbstverständnis sich zum Widerspruch in der proleta-
rischen Politik der Übergangsperiode entfalten, stand das Problem
auf der Tagesordnung: ursprüngliche Akkumulation oder zugleich
auch Schaffung der sozialistischen Demokratie. Plechanov erfaßt
die Hegelsche Dialektik auf Marxsche Weise; in der konkreten Ge-
schichte mußte "die allmähliche Veränderung notwendigerweise zu
einem Sprung führen" 14), der die proletarische Revolution
enthielt. Er begriff den Historischen Materialismus als eine
"Prolegomena" der künftigen Lehre von der menschlichen Gesell-
schaft Seine Analyse des Feuerbachschen Materialismus war darauf
gerichtet, die Umwandlung diese: Materialismus in den dialekti-
schen Materialismus durch Marx nachvollziehen zu können, abe-
zugleich, um gegenüber dem dogmatischen Marxismus das Verhältnis
von Theorie und Praxis neu durchdenken zu können. Die russischen
Marxisten sind in ihrer marxistischen Theorie orientiert auf Pra-
xis und die philosophische Beziehung von Marx und Feuerbach wer-
den gesehen unter einer Einheit von anthroposophisch orientierter
Erkenntnistheorie und sozialer Ethik. 15) Diese Neubestimmung von
Theorie und Praxis überwindet den dogmatischer Ansatz der
"orthodoxen" Marxismus und erlaubt die Bestimmung der Revolutio-
näre als Avantgarde der proletarischen Klasse, die nicht nur im
Interesse des "Fortschritts" die Revolution durchführen wollen,
sondern die auch in ihre revolutionäre Realpolitik die konkreten
Bedürfnisse der einzelnen Volksschichten aufnehmen, eine Volksre-
volution unter der Führung des Proletariats überhaupt erst
ermöglichen, weil dieses den Bedürfnissen der Bauern dient, diese
aber zugleich für den Sozialismus erzieht. Mit dieser
Fragestellung kann der qualitative Unterschied der soziali-
stischen zur kapitalistischen Gesellschaft verdeutlicht werden,
der im orthodoxen Marxismus vollkommen verwischt wurde. Der
historische Materialismus ist deshalb eine revolutionäre
Wissenschaft, weil er den Prozeß der Veränderung erkennt und
dabei die ökonomische Notwendigkeit inhaltlich in die Dialektik
von Wirklichkeit und Möglichkeit stellt. Der russische Marxismus
von Plechanov und Lenin vermag mit diesem Selbstbewußtsein das
Verhältnis von Liberalismus und Proletariat, von Marxismus und
Revisionismus, von bürgerlicher und proletarischer Revolution zu
diskutieren und organisatorische Konsequenzen zu ziehen, er
begreift im Gegensatz zum westlicher Marxismus der II.
Internationale den Marxismus als revolutionäre Wissenschaft, ohne
Theorie der Akkumulation als Bestandteil dieser Wissenschaft, die
Industrialisierung als widersprüchliche Entwicklung der
Produktivkräfte zu fassen, d.h. die Strukturen der
"Notwendigkeit' der ökonomischen Akkumulation des Kapitals auf
den verschiedenen Stufen als "rationelle" Herrschaftsverhältnisse
des Kapitalismus zu sehen, die Tendenz zur Konzentration der
Wirtschaft nicht nur aus der ökonomischen Konzentration zu
erklären, sondern auch als herrschaftstechnischen Maßnahme der
Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktion. Bei Lenin wird
das Problem der proletarischen Revolution zum Zentralproblem der
Klassenanalyse die deshalb auch die Akkumulation des Kapitals,
die Entstehung des Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus aufnimmt, die politischen Formen der Verbindung von
Wirtschaft und Staat untersucht, ohne die Kartellisierung und
Vertrustung der Wirtschaft - Elemente des herrschaftstechnischen
Mißbrauchs der Technologie, eine Ideologisierung der Naturwissen-
schaft und der technischen Forschung zu sehen. Diese gegensätzli-
che Dualität von revolutionärer Wissenschaft und bürgerlicher
Wissenschaft beeinflußte deshalb letztlich die revolutionäre Re-
alpolitik. Kautsky hatte bürgerliche Wissenschaft und sozialisti-
sches Bewußtsein in ein direktes Verhältnis gesetzt, was für die
deutsche Situation der bürgerlichen Sozialdemokratie mit ihrer
Wissenschaftsgläubigkeit, der Kehrseite des Geschichtsfatalismus,
war, was in Rußland einige Verwirrung stiften mußte.
"Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen auf
Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. in der Tat bildet die
heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozia-
listischer Produktion, wie etwa die heutige Technik, nur kann das
Proletariat beim besten Willen die eine ebenso wenig schaffen wie
die andere ... das sozialistische Bewußtsein ist also etwas in
den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes,
nicht etwa aus ihm urwüchsig Entstandenes." 16)
Dieser Begriff der wertfreien und reinen Wissenschaft, der die
Intellektuellen selbst zu einem allgemeinen Stand erhob, zu ge-
lehrigen Schiedsrichtern der gesellschaftlichen Entwicklung, die
deshalb mit dem Proletariat nur noch sympatisieren, weil diese
Klasse den gesellschaftlichen Fortschritt" verkörperte 17), war
vollkommen unkritisch der bürgerlich politischen Ökonomie gegen-
über. Diese "Wissenschaft" war Bestandteil der bürgerlichen Ideo-
logie. Plechanov und auch Lenin haben bewiesen, daß eine theore-
tisch dialektische und praktisch revolutionäre Wissenschaft keine
isolierten, selbständigen Einzelwissenschaften kennt, keine von
der revolutionären Praxis getrennten, voraussetzungslosen, wert-
freien oder intuitionsreichen Wissenschaften, Morallehren und
philosophischen Systeme akzeptiert. Der Marxismus als Entwick-
lungssystem, umkränzt von vielen Spezialgebieten, die untereinan-
der kaum "Querlinien" aufweisen, wird zu einer ökonomistischen
biologischen und geographischen Entwicklungslehre, die als Regie-
anweisung der Technokraten und als Nachschlagwerk für Politiker
durch die "reflektierende Urteilskraft" Kants und durch die Ethik
des "guten" Menschen erweitert werden muß damit überhaupt noch
gesagt werden kann, wohin Fortschritt führen soll. Ein fester Be-
standteil der Leninschen Klassen- und Revolutionstheorie wurde
die Hilferdingsche Kategorie des "Finanzkapital" und des
"Staatskapitalismus", die sich hinderlich für die konkrete Erfas-
sung der Wirklichkeit in der Situation nach der Revolution aus-
wirken mußte.
Für die Verwirklichung der Rätedemokratie in den spezifischen Ge-
sellschaftsformen (Rußland, Deutschland, England 1918) ist neben
der Frage nach dem Stand der Produktivkräfte und den sich daraus
ableitenden Aufgaben für die sozialistische Gesellschaft die
Frage nach der revolutionären antiautoritären Erziehung der Ar-
beiter durch die verschiedenen Etappen der Klassenkämpfe, nach
ihrer Vorbereitung für die Übernahme der Betriebe und nach der
Rolle der Partei als Mittel der Aktion statthaft. Gerade wenn man
wie Marx die Partei als Mittel der Aktion, Mittel der Volksrevo-
lution auffaßt, ist es wichtig, danach zu fragen, welches Selbst-
verständnis diese Partei von sich hat, da sie in bestimmten Pha-
sen die Massen für den Sozialismus mobilisieren muß, also allei-
nige Garantie für die Weiterführung der Revolution ist. Hierin
sehe ich die Berechtigung, das Theorie-Praxis-Verhältnis im Rah-
men einer anthroposophisch orientierten Erkenntnistheorie und ei-
ner sozialen Ethik zu sehen, wie es vor allem Plechanov unter-
nimmt. Demnach erlaubt Sozialismus die volle Entfaltung des Men-
schen, er ist die tendenzielle Aufhebung von Herrschaft durch die
Einbeziehung der Massen an Entscheidungsprozessen in allen ge-
sellschaftlichen Bereichen.
Die Lebendigkeit des Leninismus kommt nach der Februarrevolution
zur vollen Geltung, als die Liberalen und die Sozialdemokraten
sich mit der Provisorischen Regierung identifizieren, die den
imperialistischen Krieg weiterführt, den Bauern kein Land gibt
und die Betriebskomitees verfolgt, die Betriebe besetzen und die
Produktion weiterführen, weil die Unternehmer das Risiko für die
Produktion und Investitutionen nicht mehr tragen wollen. Die
Selbstentlarvung dieses Regierungssystems treibt die "Kultur-
revolution" im russischen Volk voran. Die spontanen Betriebs-
besetzungen waren für Lenin richtungsweisend für die nächste
Etappe der Revolution, weshalb er selbst Abstand nahm zu seiner
Parole der demokratischen Diktatur des Proletariats und armen
Bauern, die er 1905 aufgestellt hatte:
"Die 'revolutionär demokratische Diktatur des Proletariats und
der armen Bauernschaft' ist in der russischen Revolution schon
Wirklichkeit geworden denn diese Formel beinhaltet lediglich das
Wechselverhältnis der Klassen, nicht aber die konkrete politische
Institution, die dieses Verhältnis, dieses Zusammenwirken reali-
siert. Der 'Sowjet der Arbeiter und Soldatendeputierten - da habt
ihr die vom Leben bereits verwirklichte revolutionäre - demokra-
tische Diktatur des Proletariats und der armen Bauernherrschaft'.
Diese Formel ist bereits veraltet ... Auf der Tagesordnung steht
bereits eine andere, eine neu Aufgabe: die Abspaltung der prole-
tarischen (die Vaterlandsverteidigung verwerfenden, internationa-
listischen, "kommunistischen", für den Übergang zur Kommune ein-
tretenden) Elemente ... von den kleinbürgerlichen Elementen." 18)
Mit dieser Wendung zur radikalen sozialistischen Demokratie mußte
der Konservatismus innerhalb der Bolschewiki bekämpft werden,
denn die jetzt noch den alten Standpunkt vertraten, waren fak-
tisch zum Kleinbürgertum übergetreten, sie gehörten nach Lenin in
ein Archiv für 'bolschewistische' vorrevolutionäre Raritäten.
"Archiv alter Bolschewiki könnte man es nennen." (ebd.) Aber
schon zu diesem Zeitpunkt, wo Lenin alle Organisationsformen des
Proletariats unterstützte, die die Revolutionierung der Gesell-
schaft vorantrieben, die die Bolschewiki selbst umorganisierten
und die diese Partei erst zum Mittel der Aktion und zur Avant-
garde werden ließen bleiben seine ökonomischen Vorstellungen der
Entwicklung Rußlands im Rahmen der sozialdemokratischen
'Wissenschaft', seine politische Konzeption der Räte wird letzt-
lich definiert durch den Begriff des Staatskapitalismus, der
langfristig die Konzeption der Arbeiterkontrolle überführen mußte
in eine bürokratisch hierarchische Kontrolle der Verwaltung der
Großindustrie das Programm der Rechnungsführung der staatlichen
Syndikate steht synonym für bürokratische Kontrolle:
"...die wichtigsten Maßnahmen sind:
1. Vereinigung aller Banken zu einer einzigen Bank und staatliche
Kontrolle über ihre Operation oder Nationalisierung der Banken.
2. Nationalisierung der Syndikate, d.h. der größten, der monopo-
listischen Verbände. ...
3. Aufhebung des Geschäftsgeheimnisses.
4. Zwangssyndizierung ... der Industriellen, Kaufleute und Unter-
nehmer überhaupt.
5. Zwangsvereinigung der Bevölkerung in Konsumgenossenschaften."
19)
Hier überträgt Lenin unkritisch das Beispiel der staatskapitali-
stischen Kriegswirtschaft Deutschlands auf Rußland, ohne genau
aufzuweisen, daß nicht nur die drohende Katastrophe des Zusammen-
bruchs der Wirtschaft abgewendet werden mußte, sondern in die Or-
ganisation der Wirtschaft die Elemente der Arbeiterkontrolle ein-
gegliedert werden mußten. Er sieht in den bestehende Herrschafts-
verhältnissen unter der Provisorischen Regierung ein Haupthinder-
nis gegen den Aufbau der Wirtschaft und hofft auf "die heroische
Unterstützung der Massen" während der Umstrukturierung der
Wirtschaft zur zentralen Regulierung, ohne zu bedenken, daß da-
durch genau die Interessen dieser Betriebskomitees, dieser
Massen, beschnitten werden. Der Gegensatz in der revolutionären
Theorie, der hier der Gegensatz der konkreten Situation zugleich
ist, wird noch überdeckt durch das Vertrauen in die Spontaneität
der revolutionären Massen, die ihre Organisationen bedingungslos
in die staatskapitalistische Struktur einbeziehen werden:
"Die Macht den Sowjets, das bedeutet die radikale Umgestaltung
des ganzen Staatsapparates, dieses Bürokraten-Apparates, der al-
les Demokratische hemmt, das bedeutet diesen Apparat zu beseiti-
gen und durch einen neuen, einen Apparat des Volkes, zu ersetzen,
d.h. durch den wahrhaft demokratischen Apparat der Sowjets, d.h.
der organisierten und bewaffneten Mehrheit des Volkes, der Arbei-
ter, Soldaten und Bauern, das bedeutet der Mehrheit des Volkes
Initiative und Selbständigkeit zu gewähren, nicht nur bei der
Wahl der Deputierten, sondern auch bei der Verwaltung des
Staates, bei der Durchführung der Reformen und Umgestaltungen."
20)
Bei einem weiteren Zerfall der Wirtschaft als Folge des Krieges,
der Flucht der Kapitalisten und Bürokraten, Ingenieure und Tech-
niker fiel die Wucht der Verantwortung - die Wirtschaft in Gang
zu setzen, eine Hungersnot zu vermeiden, die Konterrevolution zu
bekämpfen - auf die Partei zurück, die in der Periode des Chaos,
der Loslösung der Bauern von einem gesellschaftlichen Zusammen-
hang (Rückkehr zur Naturalwirtschaft), der Demoralisierung der
Arbeiter etc. zu einem Staatssymbol und Ordnungsfaktor werden
mußte. Hier wird wichtig, inwieweit ist die "Kulturrevolution im
Volk und in der Partei vorgedrungen, daß diese Aufgaben bewältigt
werden können. Die rechte Fraktion der Partei, wie die Sozialde-
mokratie, orientierte sich nach dem Stand der Industriealisie-
rung, wonach ökonomisch und politisch die bürgerliche Revolution
unter der Hegemonie Arbeiter auf der Tagesordnung stand. In der
Krisensituation mußte aus diesem Verständnis die technokratische
Anweisung der Weiterführung der Wirtschaft kommen; die Rettung
wurde gesehen in der bürgerlichen Ökonomie der Wirtschaftsfüh-
rung. Das theoretische Dilemma der Bolschwewiki, aber auch der
Betriebskomitees ist, daß die politische Überzeugung vorhanden
ist, daß keine Macht in Rußland kurzfristig den Zusammenbruch der
Produktion aufhalten kann, überwinden kann, daß nur die soziali-
stische Revolution als Alternative zu einer Militärdiktatur à la
Kornilov besteht, aber es gibt kein Übergangsprogramm, das die
zentrale Wirtschaftsführung und die Rätedemokratie miteinander
vermittelt:
"Aber wenn wir uns selbst fragen, wie sich vor dem 25. Oktober
unsere Partei das System der Arbeiterkontrolle insgesamt vor-
stellte, auf der Grundlage welcher Wirtschaftsordnung man es er-
richten wollte, so finden wir nirgends eine klare Antwort." 21)
Vorerst lieferten die radikalen Betriebskomitees mit ihren Forde-
rungen die Grundlage des ökonomischen Programms der Bolschewiki.
Auf der Stadtkonferenz der Betriebskomitees im Juni 1917 grenzte
Lenin den Begriff der Arbeiterkontrolle ab gegen die Auffassung
von Kontrolle, wie ihn die Menschewiki vertraten, die die
Kontrolle von der Staatsmacht durchgeführt wissen wollten,
allerdings unter breiter Mitwirkung der demokratischen Schichten
des Volkes. Lenin trat für eine Dezentralisierung der Industrie
in Branchen ein und verlangte die Einführung der Arbei-
terkontrolle über Produktion und Distribution in den einzelnen
Betrieben, die sich in ihrer Branche zu einem Rätesystem organi-
sieren sollten. In diesem Begriff von Arbeiterkontrolle deutete
sich eine Rätegesellschaft an, in der ein zentraler Staat als mi-
litärische und planungstechnische Instanz Produktion, Akkumula-
tion und Distribution kontrolliert wird durch den Zentralrat der
Branchenräte. In der späteren Diskussion wurde diese Position
ausdefiniert durch die "demokratischen Zentralisten" 22) um
Ossinski, die die Zentralisation in ihrer ökonomischen und tech-
nischen Notwendigkeit anerkannten, aber für weitgehende Dezentra-
lisierung da eintraten, wo die Effektivität der Kontrolle garan-
tiert wurde. Die einzelnen Branchenräte der Distrikte zerstörten
den Betriebspartikularismus, ohne die Übersichtlichkeit der
ökonomischen und politischen Fragestellungen zu verdecken. Die
Ingenieure und Wissenschaftler arbeiteten autonom, waren aber
nach einer bestimmten Planungsfrist den Arbeitern verantwortlich.
Der Staat als Planungsbehörde arbeitete die Planziffern aus und
propagierte sie, während umgekehrt die Arbeiter, auf Grund ihrer
Einsichten diese spezifischen Ziffern überprüften und revidier-
ten. Den dezentralisierten Zentralen wurden zentrale Erziehungs-
kampagnen beigegeben, die einerseits die Arbeiter mit modernen
Produktionsmethoden bekannt machten, sie wissenschaftlich schul-
ten, andererseits auf die Bürokraten zurückwirkten, bürgerliche
Schlamperei und Borniertheiten aufdeckten und die Bürokratisie-
rung verhinderten. In dieser Konferenz wird offen diskutiert, daß
nicht nur der kapitalistische Staatsapparat zerschlagen werden
mußte 23), sondern auch der ökonomische Apparat als Unter-
drückungs- und Ausbeutungsapparat. In "Staat und Revolution"
taucht dieser neue Ansatz der Vermittlung von Zentralisation und
Arbeiterkontrolle nicht auf.
Das Versäumnis, das revolutionär Neue der Betriebskomitees nicht
analysiert zu haben, mag daran liegen, daß die Bolschewiki in der
Bewegung der Betriebsbesetzungen durch die Betriebskomitees
vorerst nur die Massenbasis für die Durchführung der Revolution
sahen, denn theoretisch waren sie sich mit den Menschewiki einig,
"daß eine sofortige Einführung des Sozialismus in Rußland unmög-
lich ist." 24) Als auf dem 6. Parteitag Stalin in seinem Rechen-
schaftsbericht aus den Maßnahmen zur vorgestellten Aufhebung der
Zerrüttung der Wirtschaft gleichzeitig ein Übergang; Programm zum
Sozialismus ableiten wollte, wurde er von den Rechten um Nogin
aber auch von den Linken um Bucharin und Preobrashenski als Uto-
pist zurückgewiesen. Nur Miljutin versuchte in seinem
Hauptreferat ein System der Arbeiterkontrolle im proletarischen
Staat zu entwerfen.
Kurz vor der Oktoberrevolution existierten abstrakt theoretische
Ableitungen über Staat und Revolution, über die Rätedemokratie,
während die konkret revolutionäre Realpolitik sich konzentrieren
muß auf die Überwindung der wirtschaftlichen Zerrüttung, Beendi-
gung des Krieges, Verteilung des Landes an die Bauern etc.
Wenn im Zuge der ersten Revolutionsjahre unterstellt wird, daß
die kapitalistische Wirtschaftsführung der hochindustrialisierten
Länder des Westens den Funktionsmechanismus der Kontrolle des
proletarischen Staates vereinfacht, die Übernahme westlicher
Wirtschaftsmethoden als Fortschritt gewertet wird, das staatska-
pitalistische Monopol als Grundlage und Voraussetzung des Sozia-
lismus angenommen wird, dann wird ein Hindernis der Entwicklung
der Produktivkräfte ersetzt durch einen rationelleren Organisati-
onstyp, ohne die Qualität einer sozialistischen Gesellschaft zu
erreichen oder tendenziell anzustreben. Die Aufgaben der Sowjet-
macht hinsichtlich der Arbeiter und Bauern reduzieren sich in er-
ster Linie auf deren Erziehung zur Arbeit, zu Disziplin. Die Rä-
teorgane werden nicht Mittel der Aktion, der Kritik an bürokrati-
schen Verfestigungen des Staatsapparates, der Kontrolle, Mittel
der Erziehung, um die Entfremdung der Arbeiter aufzuheben, son-
dern Instrumente der Erziehung zur Arbeitsmoral, die funktional
abhängig sind vom zentralisierten Wirtschaftsapparat. Die
Dezentralisation durch die Kontrolle der Massen ist in diesem Mo-
ment undurchführbar. Die proletarische Revolution wird überdeckt
durch die Volksrevolution eines unterentwickelten Landes, in der
den verschiedenen kleinbürgerlicher und kleinbäuerlichen Schich-
ten des Volkes die "schöpferische Kraft" der Partei entgegenge-
halten wird, die die verschiedenen Interessen und Illusionen auf-
nimmt und für die historische Aufgabe de Industrialisierung aus-
nutzt. Durch die Militarisierung der Gesellschaft, Erfordernisse
des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und des Bürgerkrieges verküm-
mert der "russische Marxismus zur Anleitung der Industrialisie-
rung:
"Wenn wir (nach den Worten von Marx) als Arbeiterklasse uns ein-
fach mechanisch des alten Apparate der Staatsgewalt nicht bemäch-
tigen können, so bedeutet das keineswegs, daß wir ohne alle Ele-
mente die den Bestand des alten Apparates der Staatsgewalt aus-
machten, auskommen können ... aber es ist notwendig, dem Fachmann
die Möglichkeit einer freien Tätigkeit, eines freien Schaffens zu
überlassen, weil kein einziger irgendwie fähiger begabter
Fachmann auf seinem Gebiet arbeiten kann, wenn er bei seiner
Spezialarbeit einem Kollegium von Menschen, die dieses Gebiet
nicht kennen, untergeordnet ist. Eine politisch kollegiale
Sowjetkontrolle soll überall sein, aber für ausübende Funktionen
ist es notwendig" Spezialisten und Techniker zu ernennen, sie auf
verantwortliche Posten zu stellen und ihnen die Verantwortung
aufzuerlegen." 25)
Diese Übergangslösung der Gewinnung bürgerlicher Spezialisten für
den Sozialismus zeigt an, in welchem geringen Maße die technische
Intelligenz auf der Seite der Revolution stand, daß das Verhält-
nis von technischer Intelligenz und Arbeiterkontrolle nicht ein-
mal als Problem auftauchte Auch die linke Opposition, die sich
anläßlich des Friedens von Brest-Litovsk formierte, konnte nur in
Ansätzen ein sozialistisches Übergangsprogramm entwerfen. Ihr
Konzept des Internationalismus, des revolutionären Krieges gegen
das imperialistische Deutschland, um die proletarische Revolution
in Deutschland zu unterstützen, stand in einem engen Zusammenhang
mit ihrem Programm der entschiedenen Durchführung der Arbeiter-
diktatur. Durch die westeuropäische Revolution, vor allem in
Deutschland, wurde auch das ökonomische Chaos in Sowjetrußland
beseitigt, wenn die Industrien in diesen Ländern der Sowjetmacht
halfen, den großen Sprung nach vorn zu machen. Von dieser inter-
nationalistischen Position her konnten sie die kleinbürgerlichen
Ansichten innerhalb der Partei kritisieren und die Gefahren der
Verselbständigung der Partei von den Arbeitermassen aufzeigen:
"Es ist sehr leicht möglich, daß in der Mehrheit der K.P. und der
Sowjetmacht die Tendenz zu einer Abweichung aufkommt, die sie ins
Fahrwasser einer kleinbürgerlichen Politik neuer Art führt.
Sollte diese Tendenz verwirklicht werden, so würde die Arbeiter-
klasse aufhören, die Führerin, die Trägerin der Hegemonie in der
Revolution zu sein ... Im Falle der Ablehnung einer aktiv prole-
tarischen Politik würden die Errungenschaften der Arbeiter- und
Bauernrevolution anfangen, zu einem System des Staatskapitalismus
und der kleinbürgerlichen Wirtschaftsverhältnisse zu erstarren"
26)
Die linke Opposition versuchte, gegen Lenin selbst die Prinzipien
aus "Staat und Revolution" zu verwenden, ohne den Gegensatz von
politischer Rätekonzeption und staatskapitalistischen Wirt-
schaftsprogramm lösen zu können. Die Schriften Ossinskis
(stroitelstvo socialisma), Bucharins (Ökonomie der Transformati-
onsperiode) und Preobrashenskis (Die Rolle des Geldes in der pro-
letarischen Diktatur) bleiben diesem Gegensatz verhaftet. Die
Diskussion über eine revolutionäre Technologie, über das Verhält-
nis Wissenschaft und Arbeiterkontrolle, von Zentralisation der
Wirtschaft und Dezentralisation der proletarischen Organe der
Kontrolle (deren Wechselwirkung), über den Inhalt von zentralen
Erziehungskampagnen, die zugleich als antibürokratische Kampagnen
auf den Apparat zurückwirken, wird nur in schwachen Ansätzen ge-
führt. Lenin kann deshalb in seiner Antwort an die linken Kommu-
nisten formulieren, daß die Organisation der Gesellschaft nach
den Kriterien des Staatskapitalismus im Verhältnis zur Lage nach
der Oktoberrevolution einen gewaltigen Schritt vorwärts bedeute
und daß ihre Kritik am System der staatskapitalistischen Organi-
sation in Sowjetrußland beweise, daß sie das Problem des Über-
gangs vom Kapitalismus zum Sozialismus nicht begriffen haben:
"Was bedeutet das Wort Übergang? Bedeutet es nicht in Anwendung
auf die Wirtschaft daß in der betreffenden Gesellschaftsordnung
Elemente, Teilchen, Stückchen, sowohl des Kapitalismus als auch
des Sozialismus vorhanden sind ... Zählen wir diese Elemente auf:
1. die patriarchische Bauernwirtschaft, die im hohen Grade Natu-
ralwirtschaft ist;
2. die kleine Warenproduktion
3. der privatwirtschaftliche Kapitalismus
4. der Staatskapitalismus
5. der Sozialismus." 27)
Hier sind die noch einmal all die Stufen der Akkumulation des Ka-
pitals aufgezeichnet, die in ihrer Ungleichzeitigkeit in der rus-
sischen Gesellschaft wirken. Lenins konsequenter Schluß dieser
Gesellschaftsbetrachtung ist, daß nicht zwischen der vierten und
fünften Stufe ein qualitativer Unterschied bestehe, hier über-
nimmt er die Interpretation des Finanzkapitals durch Hilferding,
sondern daß d Hauptkampf zwischen Kleinbourgeoisie, privatwirt-
schaftlichem Kapitalismus und Staatskapitalismus und Sozialismus
entbrenne. Beide Organisationstypen stehen gegen das Wertgesetz
der Ware Wirtschaft. In dieser Situation kommt es darauf an, die
Masse der Bauern zu neutralisieren und tendenziell für den Sozia-
lismus zu gewinnen:
"Solange in Deutschland die Revolution noch mit der Geburt säumt,
ist es unsere Aufgabe, vom Staatskapitalismus der Deutschen zu
lernen, ihn mit aller Kraft zu übernehmen, keine diktatorischen
Methoden zu scheuen, um diese Übernahme noch stärker zu beschleu-
nigen, als Peter die Übernahme der westlichen Kultur durch das
barbarische Rußland beschleunigte, ohne dabei vor barbarischen
Methoden des Kampfes gegen die Barbarei zurückzuschrecken." 28)
Es kam mir bei der Skizzierung des "russischen Marxismus" darauf
an, zu kennzeichnen in welchem Grad der Marxismus in der konkre-
ten geschichtlichen Situation durch die Klassenkämpfe zur revolu-
tionären Wissenschaft wird oder in welchem Grad er verflacht zur
allgemeinen ökonomischen, soziologischen und philosophischen
Lehre. Die Durchführung der Rätedemokratie ist nicht nur abhängig
vom Stand der Produktivkräfte, sondern auch von der Radikalität
der Arbeiter und Wissenschaftler, vom Selbstbewußtsein der Avant-
garde, die in den Phasen des Nachlassens der revolutionären Spon-
taneität der Massen diese Spontaneität neu entfachen müssen. Un-
ter diesen Aspekten soll im nächsten Beitrag die westeuropäische,
speziell die deutsche Rätebewegung, betrachtet werden. Die Kritik
der Rätetheorien und Interpretationen der Rätebewegungen wird
nach den Maßstäben der Kritik der bürgerlichen Ideologie durch-
zuführen sein, weil diese Theorien nicht zufällig die Vorurteile
und Ideologien des Nachkriegsdeutschlands aufnehmen, um so die
"Wahre Rätedemokratie" dem Kommunismus entgegenzustellen, das
Konzept der "dritten Revolution" abzuleiten, oder die Versuche
der Rätedemokratie anderer historischer Perioden zu konfrontieren
mit modernen Industriegesellschaft in der Bundesrepublik, um dann
die Undurchführbarkeit zu konstatieren oder den Beginn eines to-
talitären Systems zu behaupten, flüchtet man sich nicht vor vorn-
herein in abstrakte Gesetze der 'Oligarchisierung' oder in den
Zweifel, daß der 'Mensch als solcher' den Anforderungen dieser
Rätedemokratie niemals gewachsen sein wird. In der Studentenre-
volte in Deutschland und in den Generalstreiks in Frankreich und
Italien werden die Strukturen der sozialistischen Gesellschaft
durch die Aktionen aufgezeigt. In ihnen ist mehr Wahrheit enthal-
ten als in allen Theorien über die Räte.
_____
1) Marx: "Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie", Berlin
1963, S. 15.
2) Marx: Kapital, Bd. I, Berlin 1962, S. 54, S. 60/61.
4) Marx: zur Kritik.. ebd. S. 95.
5) Marx: Kapital, Bd. I ebd. S. 86.
6) Georg Lukacs: Geschichte und Klassenbewußtsein, Berlin 1923,
S. 93.
7) Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie,
Berlin 1953, S. 76.
8) ebd. S. 73.
9) ebd. S. 599.
10) Karl Marx: Erster Entwurf zum Bürgerkrieg in Frankreich,
MEW., Bd. 17, S. 545.
11) W.I. Lenin: Zwei Taktiken, in Lenin, Ausgewählte Werke in
zwei Bänden. Bd. I, Moskau 1946, S. 450.
12) siehe Karl Korsch: Marxismus und Philosophie, Leipzig 1930,
S. 79 ff. und Karl Korsch: Die materialistische Geschichtsauffas-
sung, Leipzig 1929, S. 17-37.
13) siehe S.H. Baron, Plekhanov: The father of Russian Marxism,
Stanford-California 1963, S. 70 ff.; G. Plechanov: Grundprobleme
des Marxismus, Berlin 1929, S. 62 ff.
14) G. Plechanov: Zu Hegels sechzigsten Todestag, Neue Zeit, X,
1, 1891/92, S. 279
15) siehe Alfred Schmidt in Ludwig Feuerbach: Anthropologischer
Materialismus, Ausgewählte Schriften Bd. I, Frankfurt 1967, S. 52
ff.
16) zu dieser Unterscheidung siehe Anton Pannekoek: Lenin als
Philosoph, Amsterdam 1936, S. 47 ff.
17) Karl Kautsky: in Neue Zeit, XX, 1, 1901/02, S. 79, Entwurf
zum Programm der österreichischen Sozialdemokratie, dazu die Kon-
zeption einer "wertfreien" bürgerlichen Wissenschaft, die orien-
tiert war an einem abstrakten Entwicklungsbegriff und Fort-
schrittsglauben: Rudolf Hilferding: Das Finanzkapital, Berlin
1947, S. XLVI, u. S. 533 ff., Otto Bauer; Der Weg zum Sozialis-
mus, Berlin 1919, S. 11 ff., Karl Renner; Österreichs Erneuerung,
S. 69 ff.; zur Kritik der sozialdemokratischen und parteikommuni-
stischen bürgerlichen Wissenschaft siehe Karl Korsch ebd. und
Hans-Josef Steinberg: Sozialismus und deutsche Sozialdemokratie,
Hannover 1967.
18) Lenin, Über Taktik, Werke, Bd. 26, S. 27.
19) Lenin, Die drohende Katastrophe, Werke, Bd. 25, S. 337 ff.
20) Lenin, Kernfragen der Revolution, ibid., S. 380.
21) Ossinsky: Stroitelstvo socialisma, Moskva 1918, S. 34.
22) siehe Ossinski: "Über den Aufbau des Sozialismus", in: Doku-
mente der Weltrevolution, Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur,
Olten 1967, S. 92, Arkadij Gurland: Marxismus und Diktatur, Ber-
lin 1930, S. 78, 81, Richard Lorenz: Anfänge der bolschewisti-
schen Industriepolitik, Köln 1965, S. 59 ff., Lenin, zum Problem
der Zerschlagung der irrationalen Herrschaftsstrukturen des Mono-
polkapitalismus, die in keiner Beziehung zum technischen Arbeits-
prozeß, zum Gebrauchswert, stehen, in Werke, Bd. 24, Resolution
über ökonomische Kampfmaßnahmen gegen die Zerrüttung, S. 516-518.
23) Lenin, Werke, Bd. 25, S. 57/59, dazu Richard Lorenz ebd. S.
72
24) (S. 18 hinter "als Utopist zurückgewiesen", Protokoll, Sestoj
s'eszd RSDDRP(B)? August 1917, Moskva 1958, S. 111.
25) L. Trotzki: Arbeit und Disziplin werden die Sowjetmacht ret-
ten, Berlin 1919, S. 10 u. 12.
26) zitiert nach Daniels: Gewissen der Revolution, Berlin 1962 S
110
27) Lenin, Werke, Bd. 27, S. 327.
28) Lenin, ebd. 333.
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