Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969


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HANS HENLE: DER NEUE NAHE OSTEN

Hamburg: Holsten Verlag, 1966. 392 S., Leinen 22,80 DM. Henles Beitrag hat vorwiegend historisch-dokumentarischen Charak- ter; er enthält wenig theoretische Erkenntnisse. Der Autor verar- beitet eine Fülle historischen Faktenmaterials, wenngleich er sich an keiner Stelle der Mühe unterzieht, seine Quellen anzuge- ben, was für Henles Schriften schlechthin charakteristisch ist. Problematisch erscheinen Henles Interpretationen der von ihm be- handelten historischen Epochen. Beispielsweise begreift er die Mehmet-Ali-Ära als "Staatssozialismus" (19), während es sich um eine im Anschluß an Napoleons Ägypten-Expedition 1798 entstandene frühkapitalistische Periode handelt, deren Entfaltung durch Napo- leons Beseitigung der feudalen Mamelucken-Herrschaft begünstigt wurde. Dennoch ist Henles Arbeit vorzüglich geeignet, dem Laien einen bündigen Überblick über die Daten der modernen arabischen Geschichte zu vermitteln, von denen der Autor gründliche Kennt- nisse hat. Verdienstvoll ist das Kapitel über Ägypten. Henle geht hier ausführlich auf Nassers Militärputsch vom 23. Juli 1952 ein. Er zeigt, daß Nasser und seine militärische Elite damals keine klaren Zielsetzungen hatten; sie handelten primär aus einer all- gemeinen Unzufriedenheit heraus. Als später unter dem neuen Re- gime Arbeiter Lohnstreiks veranstalteten, wurde Nasser "von einer Panik ergriffen" (55). Er ließ seine Truppen aufmarschieren und die Streikführer hängen. Die Furcht der nasseristischen militäri- schen Elite vor dem Proletariat findet ihre ideologische Ver- schleierung in der nationalistischen und antikommunistischen Dok- trin vom arabischen "Sozialismus". Henle skizziert einige Züge dieses neuartigen Sozialismus, für den er offensichtlich Sympa- thie hegt (cf. S. 265 ff). Doch findet er sich gezwungen zu beto- nen - im Anschluß an den italienischen Marxisten Romano Ledda (bei Henle falsch: Gedda) -, daß Nassers Regime seines kleinbür- gerlichen Klassencharakters wegen die Kluft zwischen dem Volk und dem Staatsapparat nicht aufzuheben vermochte (290). Henle wirft westlichen Autoren zu recht vor, die politische und soziale Ent- wicklung Ägyptens als das "Werk des bösen Nasser" (64) zu begrei- fen und aus Denkfaulheit auf eine wissenschaftliche Analyse zu verzichten; doch verfällt er in einen ähnlichen Fehler. Er kon- zentriert die Diskussion auf die Person Nassers, mit der er sym- pathisiert, und versäumt darüber, eine soziologische Analyse der von ihm angedeuteten Verhältnisse zu geben. Wie alle bürgerlichen Ökonomen reduziert auch Henle die Unterentwickeltheit auf "Armut", "Kapitalmangel" etc. (238). Er erkennt nicht, daß das Problem nicht der Mangel an Kapital ist, sondern die Verschwen- dung des volkswirtschaftlichen Überschusses. So ist der luxuriöse Lebenstil der parasitären Feudal- und Kompradorenklassen neben der imperialistischen Ausplünderung der größte Hemmschuh für die ursprüngliche Kapitalakkumulation in den unterentwickelten Län- dern. Die Nichtanwendbarkeit des kapitalistischen Entwicklungsmo- dells auf den Nahen Osten führt Henle auf einen psychologischen Faktor zurück. Das kapitalistische System sei "mit dem Odium be- lastet, das System der Bedrücker zu sein" (265). Selbst dem ober- flächlichen Kenner einiger Wachstumstheorien erscheint diese These nichtig und banal. P.A. Baran, J. Robinson, M. Dobb u.a. haben ihre These der Nichtanwendbarkeit kapitalistischer Entwick- lungsmodelle auf Länder der "Dritten Welt" durch die Analyse der "objektiven Möglichkeiten" untermauert. Auch das Fehlen von "Wagemut, Unternehmerinitiative, Sparsinn ..." (267) hält Henle in diesem Zusammenhang für relevant und versäumt dabei wieder, die objektiven Voraussetzungen mit zu reflektieren. Ebenso ver- gißt er, daß eine psychologisierende, vulgär-ökonomische Erklä- rung, die vor allem auf Sombart zurückgeht, zum Fundament einer Rassentheorie geworden ist, die die bürgerliche Ökonomie - beson- ders bei Röpke - heute kennzeichnet. (Cf. W. Röpke: "Unterent- wickelte Länder", in: Ordo, V/1953) Im 15. Kapitel geht Henle auf die Bemühungen ein, den Islam mit dem Sozialismus zu verquicken. Die These, die im Islam "eine Verherrlichung der Kaufmannsethik", "eine religiös verbrämte Form des Kapitalismus"(359) sieht, hält er für überholt. Er nimmt den islamisch interpretierten "Sozialismus" ernst; ihm geht nicht ein, daß dieser "Sozialismus" eine neue Variante des Antikommunismus ist, denn er soll dazu herhalten, den Marxismus zu "widerlegen". Diese Versuche doku- mentieren sich in einer Fülle arabischer Schriften von islamischen Pfaffen und Antikommunisten, die Henle wahrscheinlich nicht kennt. Henle erwähnt auch - was noch zu belegen ist ", daß die Moslems ihre alten Philosophen, wie Avicenna u.a., nunmehr als Materialisten interpretieren, um den islamischen "Sozialis- mus" theoretisch zu untermauern. Es erfordert indes keine Philo- logie der Lesearten, um Avicenna als Materialisten darzustellen, weil er in der Tat einer war, weshalb er - wie die arabische Philosophie überhaupt - von der islamischen Orthodoxie verfolgt wurde (s.a. E. Bloch: Avicenna und die Aristotelische Linke, Frankfurt, 1963). Bei allen Einwänden bleibt Henles Arbeit eine brauchbare Einfüh- rung in die Geschichte des "neuen Nahen Ostens", zumal der Ver- fasser mit der Zusammenstellung des historischen Faktenmaterials viel Kleinarbeit vorgeleistet hat. Der interessierte Leser ver- mißt aber weiterführende Literatur zu den jeweils behandelten Problemen. Die Bibliographie, weil allgemein gehalten und geogra- phisch geordnet, erfüllt diese Aufgabe nicht. Bassam Tibi zurück