Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1969
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Literatur
RENATE ZAHAR: KOLONIALISMUS UND ENTFREMDUNG.
ZUR POLITISCHEN THEORIE FRANZ FANONS.
Reihe: dritte Welt. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt, 1969.
115 Seiten, 7,- DM.
Die Autorin geht von der Relevanz der Biographie Fanons und sei-
ner revolutionären Tätigkeit für das Verständnis seiner Theorie
aus; sie beginnt daher ihre Arbeit mit einer informativen biogra-
phischen Skizze. Aimé Césaire, zeitweise Fanons Schullehrer, hat
Zahar zufolge Fanons politisches Denken am nachhaltigsten ge-
prägt. Seine Einflüsse lassen sich klar in Fanons Schriften ver-
folgen, selbst in jenen, die nach dem Bruch mit Césaire, als die-
ser 1958 das Referendum de Gaulles bejahte, entstanden sind 1).
Zahar deutet auch das ambivalente Verhältnis Fanons zu Sartre an
Hand von Zeugnissen Simone de Beauvoirs an; die theoretische Ver-
wandtschaft beider bleibt im einzelnen noch auszuarbeiten. Zahar
leistet dies in der vorliegenden Arbeit nur ansatzweise. Leider
bedient sie sich in der biographischen Skizze einiger Vokabeln,
die der Kolonialterminologie entstammen, so, wenn sie von Fanon
als einem "Farbigen" (S. 5) und von Algeriern als "Moslems" (S.
7) spricht sowie die Bezeichnung "Schwarzafrika" (S. 11) in Ab-
grenzung zu Nordafrika unkritisch übernimmt.
Zahar widmet ihre Arbeit vorwiegend der Entfremdungstheorie Fa-
nons, weil sie - zu Recht - davon ausgeht, daß Entfremdung sowohl
theoretisch als auch biographisch bei Fanon eine zentrale Katego-
rie ist. Sie referiert zunächst die Marxsche Entfremdungstheorie
(S. 18 ff.), um die Nuancen in Fanons Theorie herauszuschälen,
die sich aus der spezifisch kolonialen Situation, in der Fanon
lebte, ableiten lassen.
Den Vorwurf mangelnder ökonomischer Ableitung sozialpsychologi-
scher kolonialer Phänomene bei Fanon weist Zahar zurück (S. 28).
Sie hebt hervor, daß Fanon sich über die sozio-ökonomische Be-
dingtheit der kolonialen Entfremdung durchaus im klaren war,
wenngleich er sich in seiner Analyse auf die sozialpsychologi-
schen Aspekte dieses Phänomens konzentrierte. Fanons Prozedur er-
klärt Zahar lapidar mit der These, Fanons Erkenntnisinteresse
habe sich primär auf die Entfaltung revolutionärer Bewußtseins-
formen gerichtet. Die Autorin versucht ihrerseits, die sozio-öko-
nomischen Aspekte der kolonialen Entfremdung zu beleuchten; sie
stellt sich zunächst die Frage, ob man in den "unterentwickelten"
Ländern kapitalistische oder präkapitalistische Produktionsver-
hältnisse vorfindet oder aber duale Gesellschaftsformationen, in
denen feudale und kapitalistische Produktionsverhältnisse neben-
einander existieren (Land und Stadt). Da Zahar keine exakte Ant-
wort weiß, begnügt sie sich mit dem Zitieren von Autoritäten
(Baran, Bettelheim, Schuhler, Frank). Mit der Feststellung, daß
in den kolonialen Ländern keine entwickelte Warenproduktion und
keine ausgeprägten Tauschbeziehungen vorhanden sind, meint sie,
eine entscheidende Differenz zwischen dem Entfremdungsphänomen in
entwickelten kapitalistischen und kolonialen Ländern ausgemacht
zu haben.
"Die durch den Kolonialismus erzeugte Entfremdung ist somit eine
doppelte. Während die Ausbeutung im Kapitalismus in der Produkti-
onssphäre erfolgt, der Tausch dann zumindest dem Schein nach
äquivalent ist, wird der Kolonisierte zweifach ausgebeutet: in
den Produktionsbeziehungen durch den Kolonialherrn, in den
Tauschbeziehungen zusätzlich durch die Metropole." S. 27)
Es stellt sich die Frage, ob man so schematisch zwischen der Aus-
beutung durch den Kolonialherrn und die Metropole trennen kann,
ob nicht vielmehr die festgestellte Differenz von der Analyse als
Schein enthüllt werden müßte.
Zahar zeigt, daß Fanon zwischen zwei Aspekten der kolonialen Ent-
fremdung unterscheidet. Den ökonomischen Bedingungen der Entfrem-
dung sind alle Kolonisierten unterworfen; die intellektuelle Ent-
fremdung erfahren dagegen nur die Kolonialintellektuellen, da sie
mit der Kolonialideologie näher in Berührung kommen (S. 28 ff.).
Fanon untersucht in seinen Arbeiten primär die zweite Entfrem-
dungsform, unter der er selbst litt. Fanons Entfremdungstheorie
ist daher in erster Linie eine Soziologie der Kolonialintelli-
genz, und der Rezensent ist der Auffassung, daß eine Analyse der
Fanonschen Theorie an diesem Punkt ansetzen muß, um sie in den
Griff zu bekommen - was die Autorin nicht tut.
Für das Verständnis der kolonialen Entfremdung ist das Begreifen
des Rassismus und seiner Mechanismen von zentraler Bedeutung. Fa-
non hat deshalb dieser Problematik große Aufmerksamkeit gewidmet.
Wenn Zahar schreibt, Fanon liefere keinen "wissenschaftlichen
Beitrag" zur Rassismus-Diskussion, er habe lediglich die
"Formulierung eigener Erfahrungen in praktischer Absicht" (S. 38)
intendiert, dann liegt dieser Behauptung ein posivistisch ver-
kürzter Wissenschaftsbegriff zugrunde.
Die Kolonisierten reagieren unterschiedlich auf den vom Kolonial-
herrn ihnen entgegengebrachten Rassismus. Allgemein verursacht
der Rassismus bei dem Kolonisierten psychische Störungen; u.a.
verankert er tiefe Minderwertigkeitskomplexe, die letztlich dem
Zweck des Kolonialismus dienen: Sie führen nämlich zu einem Iden-
titätsverlust und somit zur politischen Apathie und Widerstands-
losigkeit. Europäisch gebildete Kolonialintellektuelle versuchen
nun, im Bewußtsein ihrer Entfremdung, durch die Pflege ihrer prä-
kolonialen, zerstörten autochthonen Kulturen ihre Identität zu-
rückzugewinnen. Ein Produkt dieser Bemühungen ist die 'Négritude'
2). Zahar interpretiert Négritude im Anschluß an Sartre als eine
Form des "antirassistischen Rassismus" (S. 65 ff.). Négritude,
die doch der kolonialen Wirklichkeit entgegentreten will, bleibt
ihr verhaftet, vermag sie nicht bestimmt zu negieren. Fanon lehnt
daher in seiner letzten Schrift "Die Verdammten dieser Erde" die
Négritude ab; sie erschien ihm immer als Ersatz für den revolu-
tionären antikolonialistischen Befreiungskampf. Revolutionäre Ge-
walt und nicht Négritude ist für Fanon der Weg zur Emanzipation.
Zahar geht daher, an die Diskussion der Négritude anschließend,
auf Fanons Gewalttheorie (S. 78 ff.) ein und zeigt im einzelnen,
inwiefern sie Züge der Hegelschen Analyse von Herrschaft und
Knechtschaft trägt und wo sie den Boden der Hegelschen Philoso-
phie verläßt - dort nämlich, wo Hegel die vom subjektiven Bewußt-
sein autorisierte Praxis aus der Analyse eskamotiert. Zahar
grenzt dann Fanons Gewalttheorie von der Sorels und Engels ab 3).
Generell ist Zahars Arbeit zu begrüßen, weil sie eine Problematik
anschneidet, die in der Diskussion über "unterentwickelte" kolo-
niale Länder bislang kaum Beachtung fand: die koloniale politi-
sche Theorie. Zu deren systematischen Erforschung kann Zahars Pu-
blikation als vorläufiger Beitrag angesehen werden.
Bassam Tibi
_____
1) Cf. Aimé Césaire: ÜBER DEN KOLONIALISMUS. Berlin 1968 (Orig.
1955). Auch meine Rezension hierzu in DAS ARGUMENT, Jg. 1969,
Heft 51, pp. 138 ff., wo zentrale gemeinsame Strukturen bei Fanon
und Césaire angedeutet werden.
2) Cf. B. Tibi: "Leopold Senghors Négritude". In: DAS ARGUMENT,
Jg. 1967, Heft 45, pp. 422 ff.
3) Cf. B. Tibi: Fanons Gewalttheorie und Hegel-Rezeption. In: So-
zialistische POLITIK, Heft 2, 1. Jg. 1969, pp. 84 ff.
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