Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970
zurück
Diskussion
REPLIK ZUR KRITIK VON K. GRENZDÖRFFER UND A. SCHUBERT x)
Klaus Grenzdörffer und Alex Schubert formulieren als einen zen-
tralen Einwand gegen die Konjunkturanalyse in der SOPO 5, daß
zwar von den Verwertungsbedingungen des Kapitals als den Ursachen
für die zyklische Bewegung gesprochen werde, diese selbst aber
nur anhand einiger 'Indikatoren' beschrieben, nicht aber erklärt
würden. Dieser Einwand, das muß von vornherein zugegeben werden,
ist berechtigt und signalisiert gerade die großen Probleme, vor
denen jede Konjunkturanalyse steht, die mehr als bloße
"Symptomatik" (Henryk Grossmann über die bürgerliche Konjunktur-
forschung) sein will. Allerdings scheint mir in der Kritik als
Problem nicht voll erkannt zu sein, daß die objektiven Momente
des kapitalistischen Reproduktionsprozesses das 'Indikatoren-
problem' aufwerfen. Dazu drei kurze Anmerkungen.
1. Das Problem der Auswahl sinnvoller Indikatoren für die Bewe-
gung der Akkumulation des Kapitals ist in der Konjunkturanalyse
mißverständlich formuliert. Denn es handelt sich dabei nicht um
die Transformation' von Begriffen der bürgerlichen Ökonomie in
marxistische Begriffe - dies würde ja voraussetzen, daß die un-
terschiedlichen Begriffe gleiches zu erfassen versuchten ", son-
dern um das reale Verhältnis der Kategorien des Kapitalverwer-
tungsprozesses und deren Erscheinungsformen an der Oberfläche des
Kapitalverhältnisses. In der bürgerlichen Konjunkturforschung und
Statistik, deren man sich wohl oder übel bedienen muß, wird mit
Begriffen wie Volkseinkommen, Sozialprodukt, Investitionen, Ver-
brauch, Produktionspotential operiert. In der Beschreibung und
Analyse der Bewegungen dieser 'Faktoren' bleibt die Konjunktur-
forschung reine 'Symptomatik', die die Ursachen der Bewegungen
dieser Faktoren nicht zu erklären weiß, da sie ja keinen Begriff
davon hat, daß z.B. das Produktionspotential ("Konjunkturschwan-
kungen sind Schwankungen im Auslastungsgrad des gesamtwirtschaft-
lichen Produktionspotentials", schreibt der Sachverständigenrat,
JG 68/69, Ziff. 31) nur Mittel zum Zweck der Kapitalverwertung
ist und Verbrauch, Investitionen oder Volkseinkommen nicht nur
'Nachfragefaktoren', die für die Realisierung bedeutsam sind,
darstellen, sondern unmittelbare Momente des Kapitalverwer-
tungsprozesses sind. Schwankungen im Auslastungsgrad des Produk-
tionspotentials und der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage geben
nur die Symptome der konjunkturellen Entwicklung an; sie lassen
keinen Schluß auf die Ursache dieser Schwankungen zu, auch wenn
die statistischen Methoden, mit denen diese Faktoren analysiert
werden, noch so sehr verfeinert sind. Die Konjunkturbewegung kann
also nur erklärt werden, wenn sie aus den Widersprüchen des
Kapitals selbst erklärt wird. Dies bedeutet, daß eine
Konjunkturanalyse, will sie systematisch vorgehen, eigentlich
nicht bei der gegebenen Konjunkturlage ansetzen darf, sondern
gerade von den allgemeinen Widersprüchen des Kapitalverhältnisses
auszugehen hat, da der zyklische Charakter des Akkumulati-
onsprozesses nur als Prozeß der permanenten Erzeugung von Wider-
sprüchen und deren Lösung verstanden werden kann. In diesem Sinne
ist auch Marx zu verstehen, wenn er die Krise als eine Phase des
Akkumulationsprozesses bezeichnet, in der die aufgehäuften Wider-
sprüche zeitweise und gewaltsam gelöst werden. Und daraus ist
ebenfalls zu begründen, warum die Gesetzmäßigkeiten der Akkumula-
tion notwendig den zyklischen Charakter des Gesamtprozesses des
Kapitals produzieren.
Für das "Indikatorenproblem" ergibt sich daraus, daß es nicht auf
eine bloße 'Transformation' von theoretischen Begriffen aus ver-
schiedenen begrifflichen Zusammenhängen ankommt, sondern um das
Begreifen des realen Zusammenhangs zwischen den - vereinfacht
ausgedrückt - inneren Gesetzen der Kapitalverwertung und den im
Kapitalverhältnis notwendig produzierten Erscheinungsformen. In
der Konjunkturanalyse kommt es zusätzlich darauf an, wie sich die
Widersprüche des Akkumulationsprozesses jeweils in den empiri-
schen Zeitreihen der 'Angebots- und Nachfragefaktoren', für die
uns die bürgerliche Statistik das Material liefert, ausdrücken
und wie umgekehrt von diesen empirisch vorgefundenen Zeitreihen
auf die zyklische Tendenz der Akkumulation zurückgeschlossen wer-
den kann. Nur in diesem Sinne können 'Investitionen',
'Verbrauch', 'Löhne' usw. als Indikatoren dienen. Mit anderen
Worten: Zur Lösung des Indikatorenproblems brauchen wir keine ir-
gendwie zustandegekommene Konvention, wie sich etwa
'Investitionen' und 'Akkumulation des Kapitals' zueinander ver-
halten, sondern die theoretische Klärung der Genesis der Erschei-
nungsformen des Kapitalverhältnisses aus diesem selbst. Nur da-
durch wird es möglich sein, 'Indikatoren' sinnvoll zu interpre-
tieren und aus deren Entwicklung den Konjunkturverlauf zu progno-
stizieren.
Unter diesem Aspekt scheint mir ein Teil der Kritik von Grenz-
dörffer und Schubert am Problem ein wenig vorbeizugehen. Denn
einmal war gar nicht beabsichtigt, durch Analyse der
'Indikatoren' die Ursachen für eine gute oder schlechte
Verwertung des Kapitals zu analysieren, sondern aus den
Erscheinungen der Akkumulation des Kapitals auf die diesen
Erscheinungen zugrundeliegenden Verwertungsbedingungen des
Kapitals selbst zurückzuschließen - was wohl kaum als 'fast
tautologisch' bezeichnet werden kann. Denn bei diesem Schritt in
der Analyse handelt es sich um einen ersten, aber notwendigen
Abschnitt, wenn überhaupt beabsichtigt wird, aus dem konkreten,
empirischen Material etwas über die Tendenz der konjunkturellen
Entwicklung zu erfahren. Diese Tendenzen lassen sich analysieren,
bevor sie etwa als Preissteigerungen oder Arbeitslosigkeit
manifest werden.
2. Wenn Grenzdörffer und Schubert zu der Voraussage der Krise
meinen, dieses sei Ausdruck eines falschen Anspruchs auf "globale
Erklärung", der unbefriedigend sein müsse, so haben sie meines
Erachtens einen wunden Punkt in der theoretischen Arbeit der Lin-
ken bezeichnet. Es soll daher begründet werden, warum in der Kon-
junkturanalyse von SOPO 5 überhaupt von dem möglichen Eintreten
der Krise gesprochen worden ist. (a) Die Analyse des zyklischen
Charakters kapitalistischer Entwicklung in der Vergangenheit und
die Analyse der außergewöhnlich günstigen Reproduktionsbedingun-
gen des Kapitals in der Rekonstruktionsperiode nach dem zweiten
Weltkrieg zeigen, daß der Kapitalismus im Weltmaßstab weit davon
entfernt ist, Krisen entschärft zu haben. Im Gegenteil, es ist
eher wahrscheinlich, daß sich tiefere ökonomische Krisen in naher
Zukunft herausbilden, als daß eine konjunkturelle Mittellage
durch staatliche Regulierung gehalten werden könnte. (b)
Überhaupt ist für die theoretische Arbeit der Sozialisten zu
sagen, daß es fruchtbarer sein dürfte, die besonderen
historischen Bedingungen zu analysieren, die dafür verantwortlich
sind, daß schwere Krisen nach dem zweiten Weltkrieg nicht
stattgefunden haben, als die Krisen als besondere Umstände eines
sich normalerweise krisenfrei entwickelnden Kapitalismus
anzusehen. Nicht die Krise ist abnormal, sondern die relative
Krisenfreiheit, wenn man die konjunkturelle Entwicklung meint,
(c) Die Analyse der zyklischen Bewegung zeigt auch, daß einer
konjunkturellen Lage wie in den ersten Monaten 1970 der Umschlag
der Konjunktur notwendig folgen muß. Dies läßt sich theoretisch
begründen und selbst den Prognosen der bürgerlichen Konjunk-
turforschung entnehmen. Allerdings - und dies ist der Grund für
die vorsichtige Formulierung auf S. 45, die Grenzdörffer und
Schubert zitieren - müssen für Aussagen über den konkreten
historischen Charakter dieses Umschlags eben diese besonderen
Umstände analysiert werden, was allerdings außerhalb der
Möglichkeiten bei der Konjunkturanalyse in SOPO 5 stand. Grenz-
dörffer und Schubert hätten zum Beleg ihrer Ansicht, die Krise
nicht konstatieren zu können oder zu sollen, die besonderen Um-
stände zumindest erwähnen müssen, die dazu führen können, daß ein
notwendiger konjunktureller Umschlag nach der augenblicklichen
Hochkonjunktur keine Rezession, sondern nur eine zeitweise Ver-
ringerung der Wachstumsraten mit sich bringen dürfte. Es lassen
sich nämlich dafür tatsächlich Argumente anführen, etwa die an-
haltende Expansion auf dem Weltmarkt, die Möglichkeit eines soge-
nannten Zwischenhochs, durch das die 'Talfahrt' gebremst wird,
ein funktionierendes Mitspielen der Arbeiter beim Versuch der
staatlich regulierten Profitsicherung, einen 'Kambodscha-Boom',
an dem auch Westdeutschland sich mästen könnte usw. (d) Mit der
Konjunkturanalyse war natürlich auch eine politische Absicht in
der Weise verbunden, dabei mitzuhelfen, das innerhalb der Linken
grassierende Gerede von der möglichen Krisenentschärfung und den
Möglichkeiten des Sozialstaates zur Manipulation von Wirtschaft
und Gesellschaft theoretisch zu destruieren.
3. Nun stellt sich also immer noch die Frage, wie die konjunktu-
relle Entwicklung zu erklären ist. Grenzdörffer und Schubert mei-
nen, daß dazu gerade analysiert werden müsse, w a r u m Ziel
der Verwertung und Mittel (Arbeitsprozeß) in Konflikt miteinander
geraten. Hier haben wir allerdings, wie ich meine, den Ansatz ei-
ner in eine - bezüglich unserer Zwecksetzung - falsche Richtung
weisenden Fragestellung. Im Kapitalismus stehen Verwertungs- und
Arbeitsprozeß immer, in jeder Konjunkturphase in Widerspruch zu-
einander und die Frage nach dem "warum" verweist auf die Notwen-
digkeit der jeder Konjunkturanalyse vorausgehenden Analyse der
Widersprüche des Kapitalverhältnisses überhaupt. Darüber kann es
gar keine Meinungsverschiedenheiten geben. Für die Konjunkturbe-
wegung selbst aber sind gerade die Art und Weise relevant, wie
dieser Widerspruch sich historisch ausprägt und auf den 'Stachel'
der kapitalistischen Produktion, die Profitrate, wirkt. Eine kon-
krete Analyse muß daher über dieses "warum" hinausgehen und nach
dem "wie" fragen. Entsprechend diesen Überlegungen müssen gerade
solche theoretisch nichtssagenden Ansätze wie "Profitrate und
Konjunktur bedingen sich gegenseitig" abgelegt werden. Denn die
Konjunktur bedingt gar nichts. Die Widersprüche, die die zykli-
sche Bewegung des kapitalistischen Akkumulationsprozesses hervor-
rufen und die aus dem Charakter kapitalistischer Akkumulation re-
sultieren, bedingen im Konjunkturverlauf die zyklische Bewegung
der Profitrate. Sie ist also zugleich Resultante der
"widerstreitenden Agentien" und als solche A u s d r u c k der
Verwertungsbedingungen und mal als spitzer, mal als stumpfer Sta-
chel die Voraussetzung für beschleunigte oder stockende Akkumula-
tion.
Elmar Altvater
_____
x) Die Kritik Joachim Bischoffs hat mir zu spät vorgelegen, als
daß eine kritische Verarbeitung in dieser Replik möglich gewesen
wäre.
zurück