Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970


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       Produktive und unproduktive Arbeit im Kapitalismus
       

MYSTIFIKATION UND KLASSENBEWUSSTSEIN

Replik zu der Kritik von Hübner, Pilch und Riehn 1) --------------------------------------------------- In ihren "Bemerkungen" zu dem Aufsatz "Produktive und unproduk- tive Arbeit als Kategorien der Klassenanalyse" gehen Hübner, Pilch und Riehn davon aus, daß es heutzutage in und gegenüber der Studentenbewegung müßig sei, bloße "Referate" 1a) der Marxschen Theorie zu liefern, in denen versucht wird, zu bestimmten Fragen revolutionärer Strategie Stellung zu nehmen, soweit sie im Be- zugsrahmen der Marxschen Theorie stehen. Durch unser "Referat" sollte gezeigt werden, daß die These von der Subsumtion wissen- schaftlicher Arbeit unter das Kapital als angeblichem Charakteri- stikum des staatsinterventionistisch regulierten Monopolkapita- lismus nicht durch Rekurs auf den Begriff produktive Arbeit be- legt werden kann, wie es in verschiedenen Beiträgen in der Dis- kussion zum Verhältnis von wissenschaftlicher Intelligenz und Ar- beiterklasse versucht wurde. Diese Auseinandersetzung mit bishe- rigen Versuchen einer theoretischen Fundierung der Strategiedis- kussion hat Hübner et al. zufolge keine politischen Implika- tionen, bleibt steril 2) und kann aufgrund der "mageren Ergebnisse" auch keine "Leute" zur Marx-Lektüre animieren. Um solches zu vermeiden, bemühen sich die Autoren um ein weitergehendes und, soweit sie unsere Ergebnisse für falsch halten, revidiertes Referat der Marxschen Theorie der produktiven und unproduktiven Arbeit. 3) Insofern ihre "politische Kritik" selbst nur ein "Referat" nach sich zieht, überrascht die mit unserer Intention übereinstimmende These nicht, "daß eine wirklich revolutionäre Strategie nur auf Basis der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie möglich ist." 4) Auch die Autoren können nicht bestreiten, daß sich aus der Bestimmung einzelner "Lohnarbeiterkategorien als produktiv und unproduktiv" ergeben muß, "wie bei diesen Arbeiterkategorien v o m K a p i t a l s e l b s t ein entsprechendes Bewußtsein und daraus folgende Aktionen hervorgetrieben bzw. verhindert werden." 5) Insofern sehen auch sie sich nicht in der Lage, die von uns kri- tisierten theoretischen Versuche zur Begründung einer revolutio- nären Strategie zu verteidigen, sondern sie können uns nur man- gelnde Konsequenz in der Kritik vorwerfen und versuchen, eine über unseren Anspruch auf "bloße Andeutungen" hinausgehende, vollständigere Interpretation der Marxschen Theorie zu liefern. Hühner et al. betrachten damit unsere Hauptintention, die theore- tisch falschen und praktisch gefährlichen Auffassungen von pro- duktiver und unproduktiver Arbeit zu kritisieren, offenbar als hinreichend verwirklicht und gehen nun dazu über zu zeigen, "was sich mit dem Begriffspaar produktive und unproduktive Arbeit für die Klassenanalyse anfangen läßt" 6), eine Arbeit, zu der wir zunächst nur die Ansatzpunkte liefern konnten. Ob allerdings Hüb- ner et al. der Versuch gelingt, aus der Kritik an unserem Text mehr als "bloße Mutmaßungen" zu entwickeln, steht noch in Frage. Abgesehen von einigen Aufregungen, hervorgerufen durch ihr manchmal als gewollt erscheinendes Unverständnis 7) des Textes, greifen Hübner, Pilch und Riehn im wesentlichen zwei Probleme auf, die im Kontext der Differenzierung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit und ihrer Relevanz für die Entwicklung des Klassenbewußtseins weiterbearbeitet werden müssen: - das Problem der Leitungstätigkeit im kapitalistischen Produkti- onsprozeß und - das Problem der Mystifikation des Kapitalverhältnisses. Beide Probleme werden allerdings von Hübner et al. selbst nur un- zulänglich gelöst bzw. angegangen. I. Der zwiespältige Charakter der Leitungstätigkeit --------------------------------------------------- im kapitalistischen Produktionsprozeß ------------------------------------- Hübner et al. kritisieren, daß der aus der Erweiterung des Be- griffs der produktiven Arbeit gewonnene Begriff des Gesamtarbei- ters von uns "z.T. nur aus dem gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, noch unabhängig von der spezifisch kapitalistischen Form der Ar- beit, hergeleitet" 8) werde. Das in diesem Vorwurf angelegte Miß- verständnis, man könne die permanente Veränderung der gesell- schaftlichen und technischen Struktur des Arbeitsprozesses auch nur teilweise losgelöst von der Selbstverwertung des Werts be- greifen, setzt sich fort bei der Bestimmung der Leitungstä- tigkeit. Ebenso wie der kapitalistische Produktionsprozeß unmittelbare E i n h e i t von Arbeits- und Verwertungsprozeß ist, so ist auch die darin eingeschlossene Leitungstätigkeit Einheit widersprüchlicher Funktionen. Dagegen stellen sich für Hübner et al. die widersprüchlichen Funktionen der Leitung als äußerer Gegensatz zwischen Verwertungsagenten und Verwertungsob- jekten dar. Zwar müssen sie einräumen, daß "in der Realität die für den konkreten Arbeitsprozeß notwendigen produktiven Leitungs- tätigkeiten und die aus dem Verwertungsprozeß resultierenden unproduktiven, aber notwendigen Ausbeutungsarbeiten in einer Person vereinigt sein k ö n n e n", aber "trotz dieser realen Vereinigung" 9) meinen sie, daß "begrifflich" an einem äußeren Gegensatz festzuhalten sei. Die Zwiespältigkeit der Leitung im kapitalistischen Produktionsprozeß wird gar nicht mehr als solche begriffen, da offenbar die vom kollketiven Arbeitsprozeß her immer notwendigen Leitungsfunktionen direkt mit den aus dem Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital notwendigen identifiziert oder vernachlässigt werden, wenn alle Ober- und Unteroffiziere des Kapitals unmittelbar zu bloßen "Verwertungsagenten" gestempelt werden. Dagegen ist mit Marx festzuhalten: "Die Arbeit der Oberaufsicht und Leitung, soweit sie aus dem gegensätzlichen Charakter, aus der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit entspringt, und daher allein auf dem Klassengegensatz beruhenden Produktionsweisen mit der kapitalistischen gemeinsam ist, ist auch im kapitalistischen System u n m i t t e l b a r und u n z e r t r e n n b a r verquickt mit den produktiven Funk- tionen, die alle kombinierte gesellschaftliche Arbeit einzelnen Individuen als besondre Arbeit auferlegt." 10) Die falsche Auffassung dieses Zusammenhangs führt dazu, daß es Hübner et al. erscheint als sei der "Gegensatz zwischen Kapital und Ar--bei ... im unmittelbaren Produktionsprozeß ... ins Proletariat selbst" verlegt, weil "den produktiven Arbeitern diese Verwertungsagenten als ihre eigentlichen und unmittelbaren Feinde" 11) gelten. Die Konsequenz dieser These für die Bestimmung der Entwicklung des Klassenbewußtseins ist eine merkwürdige Konstruktion: zunächst soll sich "der tägliche Klassenkampf des produktiven Gesamtar- beiters... auch nur personell gegen diese Verwertungsagenten... und noch nicht gegen das Kapital v e r h ä l t n i s" richten, um dann in einen "langen oder notwendigen Kampf- und Lernprozeß" 12) umzuschlagen, der darin resultiert, daß die Arbeiter von dieser eigentümlichen Form des Klassenkampfes wieder abstrahieren und sich endlich gegen das Kapitalverhältnis selbst wenden können. Abgesehen davon, daß Hübner et al. eine verkehrte Auffassung von der Leitungstätigkeit haben, d.h. daß sie die Bedeutung der des- potischen Form der Leitung innerhalb des Antagonismus von Lohnar- beit und Kapital nicht bestimmen können, sondern die Leitung mit einer Seite dieses Widerspruchs identifizieren, können sie ihren Anspruch nicht einlösen, durch Berücksichtigung dieses Moments zu mehr als "bloßen Andeutungen" bei der Bestimmung des Klassenbe- wußtseins der unmittelbaren Produzenten zu kommen. Wenn die Träger der Leitungstätigkeiten ausschließlich unter die Rubrik der Verwertungsagenten subsumiert und nicht als Teile des produktiven Gesamtarbeiters begriffen werden, kann man auch nicht erklären, warum die unteren und mittleren Kader des "technischen Personals" in zunehmendem Maße auf Seiten des produktiven Gesamt- arbeiters an den Arbeitskämpfen teilnehmen. "Wenn daher die kapi- talistische Leitung dem Inhalt nach zwieschlächtig ist, wegen der Zwieschlächtigkeit des zu leitenden Produktionsprozesses selbst, welcher einerseits gesellschaftlicher Arbeitsprozeß zur Herstel- lung eines Produkts, andererseits Verwertungsprozeß des Kapitals 13), dann muß sich dies im Bewußtsein der Träger der Leitungstä- tigkeiten niederschlagen. Es ist Aufgabe der revolutionären Stra- tegie, die objektiven Entwicklungstendenzen zu bestimmen, die einen Teil der Leitungsfunktionäre dazu zwingen, sich als Glied des produktiven Gesamtarbeiters zu begreifen. Diese Bestimmung ist zugleich die Voraussetzung, um diesen Prozeß durch wirksame Agitation beschleunigen zu können. 14) Trägt man der widersprüchlichen Stellung der Leitungsfunktionäre und ihrem daraus resultierenden Bewußtsein Rechnung, so kann der Gegensatz zwischen ihnen und den anderen Teilen des produktiven Gesamtarbeitskörpers nicht das zentrale Moment der Entwicklung von Klassenbewußtsein sein, wie es von den drei Autoren unter- stellt wird. Vielmehr hat gerade die verkehrte Hervorhebung die- ses Moments als zentralem zum Resultat, daß die Ebene, auf der die Frage nach der Entwicklung des Klassenbewußtseins geklärt werden muß, nur unsystematisch berührt wird: die Stufenfolge der Mystifikation des Kapitalverhältnisses und die Bedingungen, unter denen das Proletariat diese Mystifikation durchbrechen kann. II. Die Mystifikation des Kapitalverhältnisses ---------------------------------------------- Hübner, Pilch und Riehn greifen diesen Zusammenhang nur in einer Form auf, die ein höchst problematisches Verständnis von Mystifi- kation sichtbar werden läßt. Der "für den Kapitalismus konstitu- tive() Fetischcharakter" besteht für sie darin, "daß ... das Aus- beutungsverhältnis nicht sichtbar, sondern hinter sachlicher Hülle versteckt ist." 15) Durch welche dem Kapitalismus selbst immanenten Momente die Verdinglichung gesellschaftlicher Bezie- hungen entsteht und ob sie das Ausbeutungsverhältnis nicht nur versteckt, sondern erst ermöglicht, ist den Autoren offenbar so unproblematisch, daß sie als bekannt unterstellen, was erst noch zu entwickeln wäre - auf Referate kann man verzichten -, um dann mit Hilfe einiger Marx-Zitate die These zu belegen, "daß der Fe- tischcharakter der kapitalistischen Produktionsweise, wenn ir- gendwo, dann vom produktiven Gesamtarbeiter im unmittelbaren Pro- duktionsprozeß durchbrochen werden kann und muß, weil dieser fe- tischistische Schleier hier noch am brüchigsten und dünnsten ist" 16). Zunächst sind sich Kapitalisten und produktive Arbeiter mehr oder weniger klar über die Herkunft des Mehrwerts ("Was hier für das Bewußtsein der Kapitalisten gesagt ist, gilt in analoger Weise auch für das des produktiven Gesamtarbeiters"), haben al- lerdings ein "sehr unterschiedliches Interesse an dieser Ein- sicht, denn "der produktive Gesamtarbeiter als Objekt der unmit- telbaren Ausbeutung (ist) gezwungen, im Interesse der Erhaltung des Gebrauchswerts seiner Arbeitskraft Widerstand zu leisten und sich die Einsicht in die Ursachen der Bedrohung und Zerrüttung seiner Lebenskraft anzueignen." 17) Als einziges Hindernis für die Entstehung des Klassenbewußtseins des produktiven Gesamtar- beiters führen Hübner et al. nun e i n Element der Mystifika- tion des Kapitalverhältnisses auf und verknüpfen es mit ihrer be- reits kritisierten Auffassung vom Charakter der Leitungstätig- keit: Besteht der Fetischcharakter zunächst darin, daß "das Aus- beutungsverhältnis nicht sichtbar, sondern hinter sachlicher Hülle versteckt ist", so erscheinen mit der Produktion des rela- tiven Mehrwerts alle gesellschaftlichen Produktivkräfte der Ar- beit als solche des Kapitals, Hübner et al. zufolge nimmt dieser "Kapitalfetisch" - daß die Produktivkräfte des lebendigen Gesamt- arbeiters als Produktivkräfte eines Dings erscheinen - ... im un- mittelbaren Produktionsprozeß wieder personifizierte Form an", nämlich in Gestalt der sog. Verwertungsagenten. Demzufolge er- scheint also die Produktivkraft des produktiven Gesamtarbeiters als die von Personen, "die selbst auch Lohnarbeiter sind". Zugleich sind dieselben Personen aber noch die "personifizierte() Erscheinungsform der Despotie des Kapitals" und deshalb müssen die Arbeiter von alledem abstrahieren, was nur in einem "langen aber notwendigen Kampf- und Lernprozeß" geschehen kann. Für Hüb- ner et al. ist das Resultat dieses Prozesses bereits jenes "enorme Bewußtsein", das Bedingung ist für die Aufhebung der Be- herrschung der unmittelbaren Produzenten durch das Machwerk ihrer Hände. Die Frage, ob mit der Abstraktion von seiner "personi- fizierten Erscheinungsform" der Kapitalfetisch selbst als solcher durchschaut ist, bzw. welche ändern Momente der Mystifikation das Entstehen des Klassenbewußtseins verhindern, wird gar nicht mehr gestellt. Vielmehr zeigen die Autoren, wie wenig sie selbst die Versachlichung begreifen, indem sie das notwendige "enorme Bewußtsein" darauf reduzieren, daß der produktive Gesamtarbeiter seine unmittelbaren Produkte als seine eigenen erkennen soll und nicht das Kapital selbst. 18) Diese Erkenntnis kann aber gerade nur aus der Abstraktion vom konkreten Produkt und damit von der konkret-nützlichen Arbeit resultieren. 18a) Nachdem sich Hübner et al. in dieser Weise des Problems entledigt haben, unter welchen Bedingungen die produktiven Arbeiter Klas- senbewußtsein entwickeln können und müssen, wenden sie sich mit derselben Fragestellung den unproduktiven Zirkulationsarbeitern zu und kommen zu dem bemerkenswerten Resultat, daß diese Entwick- lung "nur sehr schwer" vorsichgehen könne bzw. "blockiert" 19) werde. Diese Ausführungen sind zunächst nur deshalb interessant, weil sie nocheinmal verstreute Bemerkungen zum Problem der Mysti- fikation enthalten, das ja gerade in Bezug auf das Klassenbewußt- sein der produktiven Arbeiter noch unzureichend geklärt ist. Hüb- ner et al. kommen nämlich anhand einiger Passagen aus dem dritten Band des "Kapital" 20) zu der Schlußfolgerung, "daß Marx hier verschiedene Grade der Verkehrtheit des Bewußtseins bei den Trä- gern der verschiedenen Kapitalsorten feststellt: Kaufmann und Bankier haben 'notwendig ganz verkehrte' Vorstellungen, die des Industriellen sind bloß 'verfälscht durch die Zirkulationsakte'. Gleiches muß analog von den verschiedenen Arbeiterkategorien gel- ten." 21) Diese Analogie wird dahingehend eingeschränkt, daß "die produktiven Industriearbeiter der Verfälschung ihres Bewußtseins durch die Zirkulation entgehen, weil sie mit dem Verkauf der von ihnen hergestellten Produkte nichts zu schaffen haben. Als Ver- käufer der Ware Arbeitskraft und als Käufer von notwendigen Le- bensmitteln unterliegen sie jedoch dieser Bewußtseinsfälschung ebenfalls" 22).Trotz dieser Einschränkung abstrahieren Hübner et al. mit dem bloßen Analogieschluß von der bestimmten Art und Weise, in der Zirkulationsakte ein falsches Bewußtsein bei den Beteiligten produzieren und die für Kapitalisten und Lohnarbeiter wesentlich verschieden ist. Daraus, daß das Bewußtsein des indu- striellen Kapitalisten durch Zirkulationsakte nur verfälscht ist, während die Träger der aus den Formbestimmungen der Zirkulation des Kapitals verselbständigten Kapitalfunktionen notwendig ein ganz verkehrtes Bewußtsein haben, schließen sie, daß alle Zirku- lationsakte bewußtseinsverfälschend wirken. Resultat für die Lohnarbeiter: je geringer ihre Beteiligung an der Zirkulation, desto besser fürs Klassenbewußtsein. Wie sehr diese undifferen- zierte Betrachtung des Zirkulationsprozesses der Analyse der Be- dingungen zur Entwicklung des Klassenbewußtseins im Wege steht, zeigt schon die andeutungsweise Berücksichtigung der ganz ver- schiedenen Zirkulationsakte und deren Auswirkungen aufs Bewußt- sein, deren Träger industrieller Kapitalist und produktive Arbei- ter sind. Für den Kapitalisten entsteht durch die Notwendigkeit der Rückverwandlung seines Warenkapitals in Geldkapital und der in dieser Bewegung eingeschlossenen Verwandlung des Mehrwerts in Profit die Vorstellung", der realisierte Überschuß stamme aus der vom Produktionsprozeß unabhängigen, aus der Zirkulation selbst entspringenden, also dem Kapital unabhängig von seinem Verhältnis zur Arbeit angehörigen Bewegung." 23) Umgekehrt wird für die produktiven Arbeiter ihr Verhältnis zum Kapital nicht durch diese Bewegung verschleiert, sondern durch ihr spezifisches Austauschverhältnis mit dem Kapital und durch seine Erscheinungsform, in der sich Lohn als Preis der Arbeit darstellt. Indem Hübner et al. die Lohnform als bloßes "Zirkula- tionsphänomen" begreifen, damit von dem spezifischen Aus- tauschverhältnis, dessen Erscheinungsform der Lohn ist, abstra- hieren und darüber hinaus die daraus resultierende "Bewußtseins- fälschung" mit der gleichsetzen, die aus der Eigenschaft der Arbeiter als Käufer notwendiger Lebensmittel entspringen soll, kommen sie selbst nicht über eine "abstrakte Gegenüberstellung des Arbeiters als Ausbeutungsobjekt (Produktionssphäre) und als Warenverkäufer (Zirkulationssphäre)" hinaus. 24) Damit übersehen sie nicht nur die "entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder in Wert und Preis der Arbeit selbst", sondern das Problem der Mystifikation muß in seinem systematischen Stellenwert gerade für die Entwicklung des Klassenbewußtseins unbegriffen bleiben, denn auf "dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und gerade sein Gegenteil zeigt, beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie." 25) 1. Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse ----------------------------------------------------- und ihre Reproduktion im Bewußtsein ----------------------------------- Nachdem sich gezeigt hat, daß Hübner et al. das Problem der My- stifikation des Kapitalverhältnisses nicht adäquat entwickeln, sein zentraler Stellenwert für die Untersuchung der Entwicklungs- bedingungen des Klassenbewußtseins aber deutlich wurde, muß ver- sucht werden, die Marxsche Analyse der Stufenfolge der Mystifika- tion aufzunehmen. Im Folgenden kann zunächst nur der Rahmen be- nannt werden, innerhalb dessen diese Marxsche Analyse steht und von dem auszugehen wäre. Der Hinweis auf Voraussetzungen und Re- sultate der Marxschen Konzeption erspart also weder deren aus- führlichere Interpretation noch daran anschließende konkretere Analysen, sondern kann allenfalls dazu dienen, die Notwendigkeit beider Arbeiten nochmals von der Marxschen Theorie her zu begrün- den, nachdem die allgemeine Forderung nach der Klassenanalyse schon eine der Praxis geworden ist. Wenn der Versuch einer gründlichen Interpretation als Referat oder bloße Reproduktion eines begrifflichen Kontext verstanden wird, so wird ein entscheidendes Problem als gelöst vorausgesetzt oder übersehen: das Problem, sich methodisch des Übergangs in der Darstellung vom allgemeinen Begriff zur Bewegung der vielen Kapi- tale zu versichern. Jede Untersuchung der wirklichen Bewegung der Konkurrenz unterstellt, daß die Oberfläche der bürgerlichen Ge- sellschaft selbst aus den allgemeinen inneren Tendenzen des Kapi- tals abgeleitet ist, daß also die Frage gelöst wird, wie die em- pirischen Verhältnisse sich als Verhältnisse, in denen jede Ver- mittlung versteckt ist, konstituieren. Für die Untersuchung der Entwicklungsbedingungen des Klassenbewußtseins heißt das, daß dargestellt werden muß, aus welchen Zusammenhängen sich für die wirklichen Produktionsagenten ein notwendig falsches Bewußtsein ergibt. Bevor eine Bestimmung der Bewußtseinsformen und ihrer Entwicklungstendenzen bezogen auf die wirklichen kapitalistischen Verhältnisse in Angriff genommen werden kann, muß eine bestimmte Abstraktionsstufe eingehalten werden. Im folgenden soll daher zunächst der Zusammenhang zwischen allgemeinem Begriff, Konkur- renz der vielen Kapitale und dem Bewußtsein der Produktionsagen- ten abgesteckt werden. In einem zweiten Schritt wären die ersten Stufen der Mystifikation und Verdinglichung der gesellschaftli- chen Formen der Arbeit aufzuzeigen, um zu versuchen, die Hauptmo- mente des Bewußtseins des produktiven Gesamtarbeiters anzugeben. Insofern können diese Ausführungen wiederum nur ein Diskussions- beitrag sein und sind in doppelter Weise begrenzt, einerseits wird auf der Abstraktionsebene des allgemeinen Begriffs die Kon- stituierung des falschen Bewußtseins längst nicht vollständig und für alle Produktionsagenten entwickelt, andererseits ergeben sich von dieser Ebene nur Ansatzpunkte, um das konkrete empirische Be- wußtsein als stets vermitteltes zu bestimmen. Die Gesetze des Gesamtprozesses der kapitalistischen Produktion stellen sich notwendig in den Köpfen der Produktionsagenten in verkehrter Form dar. Die Darstellung der Anatomie der bürgerli- chen Gesellschaft schließt ein sowohl die Entwicklung der zuneh- menden Verkehrung von Subjekt und Objekt, d.h. der Versachlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Personifizierung der Sachen, als auch die Begründung dafür, daß sich dieser Zusammen- hang in den Köpfen der Produktionsagenten in verkehrter Form wi- derspiegelt, also die Ableitung des transponierten Bewußtseins der Produktionsagenten. Die Bestimmung der Arbeiter als produktiv oder unproduktiv benennt ihre Stellung im gesellschaftlichen Re- produktionsprozeß und gibt die objektiven Bedingungen an für die Durchbrechung der Mystifikation. Die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion setzen sich als Zwangsgesetze der Konkurrenz durch, d.h. sie machen sich in der äußeren Bewegung der vielen Kapitalien geltend. Die Ana- lyse der Konkurrenz als Bewegung der empirischen Erscheinungsfor- men des Kapitals ist nur möglich, sobald die wirkliche Bewegung, die innere Natur, des Kapitalverhältnisses aufgedeckt ist. Weil "begrifflich ... die K o n k u r r e n z nichts als die innre N a t u r d e s K a p i t a l s (ist), seine wesentliche Be- stimmung, erscheinend und realisiert als Wechselwirkung der vielen Kapitalien aufeinander, die innre Tendenz als äußerliche Notwendigkeit" 26), muß der Begriff der Konkurrenz selbst noch aus dem Kapitalbegriff abgeleitet werden. Das Verständnis der Be- wegung an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft setzt die Darstellung des folgenden Zusammenhanges voraus: einerseits, wie in dieser Gesellschaftsformation die unmittelbaren Produzenten vom Machwerk ihrer Hände beherrscht werden, und andererseits, wie die Herrschaft der Produktionsbedingungen über die Produzenten vermittels der Verknöcherungen verschiedener gesellschaftlicher Momente des Reichtums zugleich eine "Religion des Alltagslebens" 27) konstituiert, in der das Herrschaftsverhäitnis versteckt ist. "Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin die Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klarzuwerden suchen, sind sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich zu ihrer innern, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff." 28) Weil die wirklichen Produktionsagen- ten sich in den Gestaltungen des Scheins bewegen und täglich mit ihnen umgehen, bleiben sie in dieser Welt des Scheins befangen. Sowohl in ihren Alltagsvorstellungen als auch in der theoreti- schen Verarbeitung dieser Verhältnisse von seiten der bürgerli- chen Ökonomie drückt sich die reale Verkehrung, also die Herr- schaft der Produktionsbedingungen über die Produzenten, in ver- drehter Form aus. In der Kritik der politischen Ökonomie kann die Verkehrung im theoretischen Reflex der Verdinglichung der gesell- schaftlichen Beziehungen aufgelöst werden, weil ihre eigene Gene- sis aus dem sozialen Lebensprozeß mit in die Reflexion aufgenom- men wird 28a). Diese Dechiffrierung des mystischen Nebelschleiers des gesellschaftlichen Lebensprozesses erfolgt notwendig in zwei Stufen: einerseits die Ableitung der empirischen, wenngleich den inneren Zusammenhang verhüllenden Erscheinungsformen des Kapi- tals, wie sie sich an der Oberfläche der bürgerlichen Gesell- schaft darstellen, aus seiner inneren Natur, und andererseits die Weiterentwicklung der Verdinglichung der gesellschaftlichen Be- ziehungen in der wirklichen Bewegung der Konkurrenz. Das Begrei- fen der Bewegung der realen Kapitale setzt voraus, daß die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise begriffen ist. "In der Darstellung der Versachlichung der Produktionsverhält- nisse und ihrer Verselbständigung gegenüber den Produktions- agenten gehn wir nicht ein auf die Art und Weise, wie die Zusammenhänge durch den Weltmarkt, seine Konjunkturen, die Bewegung der Marktpreise, die Perioden des Kredits, die Zyklen der Industrie und des Handels, die Abwechslung der Prosperität und Krise, ihnen als übermächtige, sie willenlos beherrschende Naturgesetze erscheinen und sich ihnen gegenüber als blinde Notwendigkeit geltend machen." 29) Diese von Marx gemachte Einschränkung kann hier nicht aufgehoben werden. Vielmehr muß die Marxsche Ableitung der Gestaltungen des Scheins und der damit verbundenen Verkehrung der Gesetze des Reproduktionsprozesses im Bewußtsein der Produktionsagenten aufgearbeitet werden. Die Dechiffrierung der Alltagsvorstellungen und der gesellschaft- lich gültigen, objektiven Gedankenformen der Verhältnisse dieser spezifischen Produktionsweise kann nicht heißen, daß damit auch zugleich der Mystizismus real aufgehoben ist. "Der religiöse Wi- derschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagsleben den Men- schen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen." 30) Daß sich die materiellen Bedingun- gen für das reale Verschwinden der Mystifikation notwendig in der kapitalistischen Produktionsweise entwickeln, zeigt Marx in sei- ner Darstellung der Bewegungsgesetze des Kapitals. Der konkrete Stand der Entwicklung der Widersprüche dieser Gesellschaftsforma- tion wäre gleichfalls durch Analyse der Bewegung der vielen Kapi- tale noch zu bestimmen. Die Untersuchung der Bewegung von der Klasse an sich zur Klasse für sich, d.h. der Bedingungen, unter denen das Proletariat den Nebelschleier aufbrechen kann und damit sich Klassenbewußtsein entwickelt, muß diese beiden Stufen in der Analyse des Kapitalismus berücksichtigen. Das Kapital als prozessierender Wert umfaßt verschiedene Momente und kann daher nicht als ruhendes Ding sondern muß als Bewegung begriffen werden. Diese Bewegung "umschließt ebensowohl die pro- duktive Konsumtion (den unmittelbaren Produktionsprozeß) nebst den Formwandlungen (stofflich betrachtet, Austauschen), die ihn vermitteln, wie die individuelle Konsumtion mit den sie vermit- telnden Formwandlungen oder Austauschen. Sie umschließt einer- seits den Umsatz von variablem Kapital in Arbeitskraft und daher die Einverleibung der Arbeitskraft in den kapitalistischen Pro- duktionsprozeß... Andererseits aber ist im Verkauf der Waren ein- geschlossen der Kauf derselben durch die Arbeiterklasse, also de- ren individuelle Konsumtion." 31) Die Darstellung des Bewegungs- prozesses des Kapitals umfaßt also sowohl seine Gestalt im unmit- telbaren Produktionsprozeß und im Zirkulationsprozeß als auch die Formen, die es im Reproduktionsprozeß als Ganzem, als Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozeß, annimmt. Der Prozeß der Verselbständigung und der Verfestigung der Produk- tionsbedingungen gegenüber den unmittelbaren Produzenten, sowie die in diesem Prozeß eingeschlossene Verhüllung dieses Herr- schaftsverhältnisses, muß ausgehend vom unmittelbaren Produkti- onsprozeß entwickelt werden, weil dessen Analyse Bedingung für das Verständnis der Formen ist, die dem Kapital im Zirkulations- prozeß anschießen. Da aber die Voraussetzung des kapitalistischen Produktionsprozesses "selbst wieder die Warenzirkulation ist, so erheischt seine Darstellung also auch eine davon unabhängige und vorhergehende Analyse der Ware" 32). Im folgenden sollen ausge- hend von der Ware die ersten Stufen der Mystifikation entwickelt werden, um die Bedingungen für deren Aufhebung von seiten des produktiven Gesamtarbeiters aufzuzeigen. 2. Der Mystizismus der Warenwelt -------------------------------- Der kapitalistische Reichtum erscheint als eine "'ungeheure Wa- rensammlung', die einzelne Ware als seine Elementarform". 33) Aus der doppelten Natur der Ware entwickelt Marx deren Voraussetzun- gen, den Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit, als de- ren Resultat die Ware als Einheit von Gebrauchswert und Wert gilt. Die Erscheinungsform des Werts der Waren im Austausch - der Tauschwert ", selber nur Resultat des Aufeinanderstoßens der un- abhängig voneinander aber füreinander produzierenden Individuen, ist Ursache des "Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt." 34) Dem Fetischismus der Warenwelt liegt also weder der Ge- brauchswert der Arbeitsprodukte noch der Inhalt der Wertbestim- mung zugrunde, sondern die bestimmte gesellschaftliche Form der Verausgabung der Arbeit. Die Notwendigkeit der Erscheinungsform des Werts muß näher untersucht werden, denn das Arbeitsprodukt ist in jeder Gesellschaftsformation nützliches Ding und nur in einer bestimmten Epoche drückt sich die bei der Formung des Na- turstoffs verausgabte Arbeit als gegenständliche Eigenschaft des Arbeitsprodukts aus. Die selbständige Darstellung, die der Wert im Tauschwert erhält, rührt aus dem Zwang, die Vergegenständli- chung menschlicher Arbeit als Verausgabung gleicher menschlicher Arbeitskraft zu bestimmen, d.h. in der Entäußerung muß sich alle konkret individuelle Arbeit als allgemeine ausdrücken, wegen sei- ner stofflichen Verschiedenheit Ungleiches als Gleiches sich set- zen. Die im Warenwert eingeschlossene gesellschaftliche Betäti- gung kann sich nicht unmittelbar durch ein eigenes Dasein dar- stellen, sondern sie erhält gegenständliche Realität nur im Aus- tausch, durch Beziehung der Sachen. "Die Wertgegenständlichkeit der Waren unterscheidet sich dadurch von der Wittib Hurtig, daß man nicht weiß, wo sie zu haben ist. Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein. Man mag daher eine einzelne Ware drehen und wenden wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding. Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertge- genständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdruck derselben gesell- schaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertge- genständlichkeit also r e i n g e s e l l s c h a f t l i c h ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesell- schaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann." 35) Das Erscheinen der Wertgegenständlichkeit vollzieht sich in der Weise, daß eine Ware die Naturalhaut der ändern Ware zu ihrem Wertspiegel macht. In dieser Ausdrucksweise liegt eine eigentüm- liche Verkehrung, die darin besteht, daß ein Abstrakt-Allgemeines nicht als Eigenschaft des Konkreten erscheint, sondern vielmehr das Sinnlich-Konkrete zur Erscheinungsform des Abstrakt-Allgemei- nen wird. Im Wertausdruck wird die gesellschaftliche Beziehung der Individuen verdreht, insofern konkret-nützliche Arbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit, wird und damit Privatarbeit als Arbeit in unmittelbar gesell- schaftlicher Form erscheint. Es "e r s c h e i n e n Ihnen d i e s e g e s e l l s c h a f t l i c h e n C h a r a k t e- r e ihrer eignen Arbeiten als g e s e l l s c h a f t l i c h e N a t u r e i g e n s c h a f t e n, als g e g e n s t ä n d- l i c h e Bestimmungen d e r A r b e i t s p r o d u k t e s e l b s t, die Gleichheit der menschlichen Arbeiten als W e r t e i g e n s c h a f t der Arbeitsprodukte, das M a ß der Arbeit durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit a l s W e r t g r ö ß e der Arbeitsprodukte, endlich die ge- sellschaftliche Beziehung der Produzenten durch ihre Arbeiten als Wertverhältnis oder g e s e l l s c h a f t l i c h e s V e r- h ä l t n i s d i e s e r D i n g e, der Arbeitsprodukte. Eben deshalb e r s c h e i n e n ihnen die Arbeitsprodukte a l s W a r e n, sinnlich übersinnliche oder g e s e l l s c h a f t- l i c h e D i n g e." 36) Darin, daß der in der Ware eingeschlossene innere Gegensatz von Gebrauchswert und Wert sich im Verhältnis zweier Waren durch einen äußeren Gegensatz darstellt, liegt die Notwendigkeit der Weiterentwicklung dieses Gegensatzes zur Verdopplung der Ware in Ware und Geld. Damit muß die in der Warenform selbst schon ent- haltene Verdinglichung der gesellschaftlichen Beziehungen nicht nur weitergehen, sondern sie gewinnt im Geld sichtbare Gestalt. In der Warenzirkulation muß sich die Arbeit des einzelnen als Be- sonderheit in der Totalität der gesellschaftlichen Arbeit bewäh- ren, das gemeinschaftliche Interesse stellt sich her hinter dem Rücken der in sich reflektierten Einzelinteressen. Durch das Auf- einanderprallen der unabhängigen Individuen stellt sich der ge- sellschaftliche Zusammenhang als objektive, äußerliche Vermitt- lung her. Insofern sich die atomistischen Privatpersonen zu ihrer gesellschaftlichen Bestimmtheit äußerlich verhalten und sie nur sachlich als Warenbesitzer füreinander da sind, muß sich ihr ge- sellschaftliches Verhältnis als sachliches, äußerliches Dasein ihnen gegenüber festsetzen und sie subsumieren. "Das Geld ist da- mit unmittelbar zugleich das r e a l e G e m e i n w e s e n, insofern es die allgemeine Substanz des Bestehens für alle ist, und zugleich das gemeinschaftliche Produkt aller. Im Geld ist aber, wie wir gesehen haben, das Gemeinwesen zugleich bloße Ab- straktion, bloße äußerliche, zufällige Sache für den Einzelnen, und zugleich bloß Mittel seiner Befriedigung als eines isolierten Einzelnen." 37) Die gesellschaftlichen Beziehungen, wie sie in der Warenzirkula- tion eingeschlossen sind, stellen sich den Individuen im Geld als äußerliche, körperliche Sache dar, deren gesellschaftliche Form- bestimmtheit und natürliches Dasein für sie untrennbar zusammen- gewachsen sind. Die Warenwelt verschleiert den Privatarbeitern ihre gesellschaftlichen Beziehungen, womit ihnen die Formen ge- sellschaftlichen Lebens als Naturformen erscheinen und nicht gel- ten als historisch gewordene und vergängliche. Die Warenbesitzer treten sich als Agenten derselben allgemeinen gleichgültigen Arbeit gegenüber. Als Subjekte der Zirkulation sind sie als gleichgeltende gesetzt, d.h. als Austauschende exi- stiert kein Unterschied zwischen ihnen. Die durch die Zirkulation konstituierten Verkehrsverhältnisse basieren auf der Gleichset- zung von stofflich Ungleichem. Gleichheit ist als notwendiges Mo- ment des Prozesses gesetzt und, insofern sich die Subjekte wech- selseitig als Eigentümer anerkennen, auch die Freiheit, denn die Appropriationen fremden Eigentums durch Gewalt ist ausgeschlossen und stattdessen die freiwillige Entäußerung des Eigentums als Prinzip gesetzt. "Wenn also die ökonomische Form, der Austausch, nach allen Seiten hin die Gleichheit der Subjekte setzt, so der Inhalt, der Stoff, individueller sowohl wie sachlicher, der zum Austausch treibt, die F r e i h e i t. Gleichheit und Freiheit sind also nicht nur respektiert im Austausch, der auf Tauschwer- ten beruht, sondern der Austausch von Tauschwerten ist die pro- duktive, reale Basis aller G l e i c h h e i t und F r e i- h e i t." 38) Das Reich der bürgerlichen Gleichheit und Freiheit gründet auf der einfachen Warenzirkulation. Die Widersprüche zu dieser Sphäre bürgerlicher Sittlichkeit können aus den ökonomischen Beziehun- gen, den Verkehrsverhältnissen, die die Individuen im Zirkulati- onsprozeß eingehen, nicht abgeleitet werden. Da die einfache Zir- kulation bloß abstrakte Sphäre des kapitalistischen Gesamtproduk- tionsprozesses ist und durch ihre eigenen Bestimmungen über sich hinausweist, müssen diese Widersprüche zwischen den Idealen von Gleichheit und Freiheit einerseits und der real existierenden Un- gleichheit und Unterdrückung in der bürgerlichen Gesellschaft an- dererseits aus der Entwicklung des Tauschwerts hergeleitet wer- den. In der Zirkulation ist nicht das Prinzip ihrer Selbsterneue- rung eingeschlossen, sondern an sich betrachtet ist sie bloße Vermittlung vorausgesetzter Extreme. Als solche muß sie insgesamt vermittelt, selbst aufgehoben sein in einem übergreifenden Pro- zeß, der aus ihr resultiert wie sie selbst produziert. "I h r u n m i t t e l b a r e s S e i n i s t d a h e r r e i n e r S c h e i n. Sie ist das P h ä n o m e n e i n e s h i n- t e r i h r e m R ü c k e n v o r g e h n d e n P r o- z e s s e s." 39) Die weitere Betrachtung der Entwicklung der Wertbestimmung muß zeigen, daß Ungleichheit und Unfreiheit notwendig aus der Verwirklichung des Systems von Gleichheit und Freiheit resultieren. Dieses Vorgehen ist die einzige Art und Weise, durch welche der Unterschied zwischen der realen und der idealen Gestalt der bürgerlichen Gesellschaft als notwendiger be- griffen werden kann. 40) 3. Die Mystifikation des Kapitals --------------------------------- im unmittelbaren Produktionsprozeß ---------------------------------- Schon bei der Betrachtung der einfachsten Kategorien zeigte sich die Verkehrung von Subjekt und Objekt, durch die die gesell- schaftlichen Verhältnisse sich in Eigenschaften von Dingen ver- wandeln bis schließlich das Produktionsverhältnis selbst als Ding erscheint. "Alle Gesellschaftsformen, soweit sie es zur Warenpro- duktion und Geldzirkulation bringen, nehmen an dieser Verkehrung teil. Aber in der kapitalistischen Produktionsweise und beim Ka- pital, welches ihre herrschende Kategorie, ihr bestimmtes Produk- tionsverhältnis bildet, entwickelt sich diese verzauberte und verkehrte Welt noch viel weiter." 41) Selbstverwertung des Werts: Kapital 41a) ---------------------------------------- Geld ist nicht bloß vermittelnde Form des Austauschs, sondern es trägt die Negation seiner selbst als Wertmaß und Zirkulationsmit- tel in sich. In der Entwicklung der Warenzirkulation selbst ist die Notwendigkeit eingeschlossen, daß sich das Geld als Geld ge- gen sie verselbständigt und an verschiedenen Punkten als Exkre- mente aus ihr herausfällt. In dieser Form Geld als Geld ist der Umschlag der Bewegung gesetzt. Wenn am Geld als verselbständigten allgemeinem Äquivalent festgehalten wird, so schließt dies eine Verkehrung des Motivs des Austauschs ein: Bereicherung wird zum Selbstzweck, die Produktion erhält einen auf das Setzen von Tauschwerten gerichteten Charakter. Geld als verselbständigte Form des allgemeinen Reichtums ist zu keiner anderen Bewegung fä- hig als zu einer quantitativen, denn dem Inbegriff aller Ge- brauchswerte muß die je begrenzte Wertgröße seiner quantitativen Schranke als Widerspruch erscheinen. "Aus bloßer Vermittlung des Stoffwechsels" wird dieser Formwechsel zum Selbstzweck." 42) So- lange am verselbständigten Tauschwert zur Aufhebung seiner quan- titativen Schranke im Gegensatz zur Zirkulation festgehalten wird, bleibt seine Vermehrung doch durch die Warenzirkulation als vermittelnder Form ihr vorausgesetzter Extreme bestimmt. Die Selbstverwertung des Werts muß die Zirkulation als ein Moment ei- nes Prozesses setzen, in dem der Wert sich erhält und vermehrt. In seinem Eingehen in die Zirkulation darf das Geld nicht in seine Funktionen als Wertmaß und Zirkulationsmittel zurückfallen, sondern der Austausch muß Durchgangsform seiner Selbsterhaltung sein. "Das aus der Zirkulation als adäquater Tauschwert resultierende und verselbständigte, aber wieder in die Zirkulation eingehnde, sich in und durch sie verewigende und verwertende (vervielfältigende) Geld, ist K a p i t a l. Im Kapital hat das Geld seine Starrheit verloren und ist aus einem handgreiflichen Ding zu einem Prozeß geworden. Geld und Ware als solche, ebenso wie die einfache Zirkulation selbst existieren für das Kapital nur noch als besondere abstrakte Momente seines Daseins, in denen es ebenso beständig erscheint, von einem in das andere übergeht, wie beständig verschwindet." 43) Für den prozessierenden Wert ist die Warenzirkulation nicht mehr nur vermittelnde Form, sondern wird von ihm als solchem stets er- neut gesetzt. Der verselbständigte Tauschwert ist jetzt vergegen- ständlichte Arbeit, gleich ob in der Form des Geldes oder in ei- ner spezifischen Ware. Für ihn ist jede besondere gegenständliche Daseinsweise der Arbeit bloße Durchgangsform. Das Kapital als prozessierende, sich selbst bewegende Substanz kann nur im Gegen- satz zur ungegenständlichen Arbeit stehen, es muß sich auf den Gebrauchswert beziehen, dessen Verbrauch selbst Vergegenständli- chung von Arbeit ist. Nur durch die Konsumtion der Ware, die die Eigenschaft hat, Quelle von Wert zu sein, verwandelt sich Geld in Kapital. Daß innerhalb der Zirkulation diese Ware, die Arbeits- kraft, angeboten wird, unterstellt, daß es Eigentümer gibt, die keine vergegenständlichte Arbeit auszutauschen haben, sondern de- ren einzige Waren eben ihr Arbeitsvermögen ist. Die Scheidung zwischen den Arbeitsbedingungen und dem Arbeitsvermögen ist Vor- aussetzung dafür, daß die Ware Arbeitskraft auf dem Markt angebo- ten wird. Arbeiter und Kapitalist als Personifikationen --------------------------------------------- des kapitalistischen Produktionsverhältnisses. ---------------------------------------------- Es hat sich gezeigt, daß die Bestimmungen des einfachen Zirkula- tionsprozesses über sich hinausweisen, d.h. es sind Verkehrsver- hältnisse eingeschlossen, als deren Agenten die Warenbesitzer neue ökonomische Charaktere erhalten. "Die kapitalistische Pro- duktion beruht darauf, daß der produktive Arbeiter seine eigne Arbeitskraft, als seine Ware, dem Kapitalisten verkauft, in des- sen Händen sie dann bloß als ein Element seines produktiven Kapi- tals fungiert. Diese, der Zirkulation angehörige Transaktion - Verkauf und Kauf der Arbeitskraft ", leitet nicht nur den Produk- tionsprozeß ein, sondern bestimmt implizite seinen spezifischen Charakter." 44) Unter der Voraussetzung der Trennung der Arbeitskraft von ihren Verwirklichungsbedingungen erhält die Warenzirkulation einen neuen eigentümlichen Inhalt: die Zirkulationsagenten stehen sich nicht mehr nur als Warenbesitzer gegenüber, sondern als Personi- fikationen eines Verhältnisses, in dem die Arbeitsbedingungen der Arbeitskraft gegenübertreten, obgleich sich dieses Verhältnis erst innerhalb des realen Produktionsprozesses verwirklicht. Die Herrschaft der den Arbeitern gegenüber verselbständigten Arbeits- bedingungen, also der toten über die lebendige Arbeit, stellt sich dar als Herrschaft des Kapitalisten über die Arbeiter. So wie der Kapitalist nur fungiert als personifiziertes Kapital, als Verhältnis in dem vergegenständlichte Arbeit zur Exploitation von lebendiger Arbeit verwandt wird, so wird der Arbeiter zur bloßen Personifikation der Arbeit für das Kapital. Es "ist die T e i l u n g der zusammengehörigen E l e m e n t e d e s P r o d u k t i o n s p r o z e s s e s selbst und ihre bis zur wechselseitigen Personifikation fortgehende V e r s e l b- s t ä n d i g u n g gegeneinander, wodurch Geld als allgemeine Form der v e r g e g e n s t ä n d l i c h t e n A r b e i t zum K ä u f e r von Arbeitsvermögen, der lebendigen Quelle des T a u s c h w e r t s und daher des Reichtums wird." 45) Die Formen der gesellschaftlichen Arbeit treten den Arbeitern als unabhängige, sie beherrschende Verhältnisse gegenüber. Im Produktionsprozeß realisiert sich dieses Herrschaftsverhältnis, in dem die Arbeitsbedingungen nur mehr als Mittel zur Einsaugung fremder Arbeit fungieren. Es sind nicht mehr die sachlichen Arbeitsbedingungen, die der Arbeiter unter sich subsumiert, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter anwenden. Die schon in der Ware und im Geld angelegte Versachlichung, die Verkehrung von Subjekt und Objekt, hat sich weiter entwickelt zu der die kapitalistische Produktion charakterisierenden Herrschaft der toten über die lebendige Arbeit. Die dem Kapitalverhältnis immanente Mystifikation, daß die wert- schöpfende Potenz der Arbeit sich als selbstverwertende Kraft des Kapitals darstellt, erscheint den Agenten dieses Prozesses als Herrschaftsverhältnis, soweit man bei der Betrachtung dieser nicht vermittelten Sphäre des unmittelbaren Produktionsprozesses bleibt. Dieser wirkliche Zusammenhang drängt sich dem Bewußtsein der Produktionsagenten auf wie der Kampf um. die Normierung des Arbeitstages zeigt, die das Produkt eines langwierigen, mehr oder minder versteckten Klassenkampfes ist. "Vom K a p i t a l, so- weit es im P r o d u k t i o n s p r o z e ß betrachtet wird, bleibt mehr oder minder die Vorstellung, daß es ein Instrument ist, fremde Arbeit zu fischen. Dies 'mag als 'Recht' oder 'Unrecht' begründet oder unbegründet, verhandelt werden, das Ver- hältnis des Kapitalisten zum Arbeiter ist hier immer unterstellt und untergedacht." 46) Aber selbst innerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses bleibt es nicht bei dieser Einfachheit der Mystifikation. Gesellschaftliche Produktivkräfte --------------------------------- als Produktivkräfte des Kapitals. --------------------------------- Der immanente Trieb des Kapitals ist, sich immer mehr lebendige Arbeit als einzig wertschöpfende Potenz einzuverleiben, um sich so selbst ganz zu erhalten und darüber hinaus zu vermehren. Hat sich das Kapital die Arbeit jedoch nur formell untergeordnet, d.h. auf Grundlage der historisch vorgefundenen technischen und gesellschaftlichen Struktur des Arbeitsprozesses, so ist die fortwährende maßlose Aneignung lebendiger Arbeit nur durch die Verlängerung der Arbeitszeit und damit der Mehrarbeit möglich, abgesehen von der Erweiterung der Anzahl gleichzeitig exploitier- ter Arbeiter. Da die Arbeitszeit zwar eine variable Größe dar- stellt, aber nur innerhalb physischer und sozialer Schranken, sucht das Kapital diese Schranken zu durchbrechen, indem es das Verhältnis von notwendiger zur Mehrarbeit bei gegebener Länge des Arbeitstages zu verändern sucht. Die Verlängerung der Mehrarbeit schließt eine Verkürzung der notwendigen Arbeit ein, d.h. ein Teil der Arbeitszeit, den der Arbeiter zur Reproduktion seines Arbeitsvermögens brauchte, verwandelt sich in Arbeitszeit für den Kapitalisten. Diese Verringerung der zur Erhaltung und Erneuerung der Arbeitskraft notwendigen Arbeitszeit kommt einer Senkung der Reproduktionskosten und damit einer Verwohlfeilerung der Ware Ar- beitskraft gleich. Die Verwohlfeilerung bedeutet nichts anderes, als daß die zur Produktion der Lebensmittel gesellschaftlich not- wendige Arbeitszeit sich verkürzt, die Produktivkraft der Arbeit erhöht wird. Die Arbeitsproduktivität kann sich jedoch nur erhö- hen durch eine Veränderung der Produktionsmittel und Produktions- methoden oder beider zugleich. Diese Umwälzung der technischen und gesellschaftlichen Struktur des Arbeitsprozesses beinhaltet zwei Momente: einmal, die Entwicklung der "s o z i a l e n P r o d u k t i v k r ä f t e d e r A r b e i t" durch Kombi- nation einer Anzahl von Einzelarbeitern, zum ändern, mit dieser "Arbeit auf großer Stufenleiter die Anwendung von Wissenschaft und Maschinerie auf die unmittelbare Produktion." 47) Die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital schließt eine permanente Revolution in der historisch spezifischen Produktions- weise ein. Es ist die beständige Tendenz des prozessierenden Werts rastlos die Produktivkraft der Arbeit zu steigern, was auf die Entfaltung der Potenzen der gesellschaftlichen Form der Ar- beit, der Verwandlung der isolierten, vereinzelten Arbeit in einen gesellschaftlichen Arbeitsprozeß hinausläuft durch Koopera- tion, manufakturmäßige Teilung der Arbeit, Anwendung von Maschi- nerie und überhaupt durch Anwendung der Wissenschaft als allge- meinem Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung auf den unmit- telbaren Produktionsprozeß. Weil die Arbeiter dem Kapitalisten im Austausch als vereinzelte, unabhängige Personen gegenübertreten und sich nicht schon von vornherein als kombinierte Arbeitskraft anbieten, sondern erst innerhalb des kapitalistischen Produkti- onsprozesses die vereinzelte Arbeitskraft als Bestandteil eines kombinierten Gesamtarbeitskörpers gesetzt wird, erscheint die der gesellschaftlichen Form der Arbeit geschuldete Produktivkraft nicht mehr als die der Arbeiter, sondern als eine Produktivkraft, die dem Kapital von Natur aus zukommt. "Mit der Entwicklung des relativen Mehrwerts in der eigentlichen spezifisch kapitalisti- schen Produktionsweise, womit sich die gesellschaftlichen Produk- tivkräfte der Arbeit entwickeln, erscheinen diese Produktivkräfte und die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Arbeit im unmittel- baren Arbeitsprozeß als aus der Arbeit in das Kapital verlegt. Damit wird das Kapital schon ein sehr mystisches Wesen, indem alle gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit, als ihm, und nicht der Arbeit als solcher, zukommende und aus seinem eigenen Schoß hervorsprossende Kräfte erscheinen." 48) Es ist oben gezeigt worden, wie dem Arbeiter alle gesellschaftli- chen Momente der Arbeit nicht nur ideell, sondern tatsächlich feindlich und personifiziert gegenübertreten. Jetzt, wo die ge- sellschaftlichen Formen der Arbeit als von den Arbeitern nicht nur unabhängige Verhältnisse, sondern als Entwicklungsformen des Kapitals erscheinen, entwickelt sich der Gegensatz von toter und lebendiger, die Verselbständigung und Festsetzung der toten Ar- beit noch weiter. Weil die Produktivkräfte unter der Regie des Kapitals entwickelt werden und die objektiven Arbeitsbedingungen mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise verän- derte Gestalt erhalten, stellen sie sich den Produktionsagenten als selbständige und unabhängige soziale Mächte dar. Noch mehr als vorher müssen sowohl vom Standpunkt des Kapitalisten als auch von dem der Arbeiter die Produktionsmittel als unmittelbares Da- sein und spezifische Existenzweise des Kapitals erscheinen. Das Verschmelzen von bestimmten Gebrauchswerten, die selbst als Be- dingungen der Produktion fungieren, mit bestimmten, gesellschaft- lichen Produktionsverhältnissen schlägt sich bei allen in dieser Produktionsweise verhafteten Agenten im Bewußtsein nieder, also auch bei den Teilen des produktiven Gesamtarbeiters, die Funktio- nen wahrnehmen, die auf dem Gegensatz zwischen unmittelbaren Pro- duzenten und Eigentümern der Produktionsmittel beruhen. 4. Der der kapitalistischen Produktionsweise -------------------------------------------- immanente Widerspruch --------------------- Es ist die immanente Tendenz des Kapitals, wie oben gezeigt, durch Reduktion der notwendigen Arbeit die von ihm angeeignete Surplusarbeit zu vergrößern. Diese Tendenz steht im Widerspruch zu seiner anderen Tendenz, sich mit soviel Arbeit wie möglich vollzusaugen. Diese konfligierenden Tendenzen, einerseits größte Ausdehnung des Arbeitstags und Vermehrung der Anzahl gleichzeiti- ger Arbeitstage, sowie andererseits Reduktion der notwendigen Ar- beitszeit und Reduktion der notwendigen Arbeiteranzahl, "deren Entwicklung in verschiednen Formen als Überproduktion, Überpopu- lation etc. sich zeigen wird, macht sich geltend in der Form ei- nes Prozesses, worin die widersprechenden Bestimmungen sich in der Zeit ablösen." 49) Dieser Widerspruch muß sich im Bewußtsein der Produktionsagenten niederschlagen. Die Realisation des lebendigen Triebs des Kapitals zur Selbstver- wertung schließt die Entwicklung der Produktivkräfte ein, was auf die Senkung des Werts der einzelnen Ware hinausläuft. Da es also seinen rastlosen Trieb nur befriedigen kann durch stufenweise Re- duktion der notwendigen Arbeit, gerät es zu sich selbst in Wider- spruch, indem es die Substanz des Werts, gesellschaftliche Ar- beit, zunehmend einschränkt. Insofern der unmittelbare Zweck und das bestimmende Motiv der kapitalistischen Produktion die Selbst- verwertung des Werts ist, sich aber diese Vermehrung des Werts in einer Bewegung einlöst, die durch die Entwicklung der gesell- schaftlichen Produktivkräfte den zur Reproduktion notwendigen Teil des gesellschaftlichen Arbeitstages verkürzt, ist das Kapi- tal der prozessierende Widerspruch. Es schafft einerseits die ma- teriellen Voraussetzungen für die Subsumtion der den Individuen gegenüber verselbständigten, objektiven Produktionsbedingungen, für die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen Produktivität unter die bewußte Organisation ihrer gesellschaftlichen Arbeit, ande- rerseits vollzieht sich diese Entwicklung immer innerhalb der ka- pitalistischen Produktionsverhältnisse. Dieser Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise zwischen ihrer absoluten Ten- denz zur Entwicklung der Produktivkräfte und ihren spezifischen Produktionsbedingungen äußert sich in beständig zunehmenden Kon- flikten. "In schneidenden Widersprüchen, Krisen, Krämpfen drückt sich die wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Gesellschaft zu ihren bisherigen Produktionsverhältnissen aus." 50) Diese Konflikte zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und deren historisch spezifischer Form sind selbst aus der Bewegung des Kapitals hervorwachsende objektive Bedingun- gen für den Übergang zu einer höheren Form der gesellschaftlichen Produktion. Damit ist weder der Prozeß des Übergangs ausreichend bestimmt noch kann daraus die Möglichkeit eines allmählichen, harmonischen Hinüberwachsens in diese höhere Form abgeleitet wer- den. "Eine Masse gegensätzliche Formen der gesellschaftlichen Einheit, deren gegensätzlicher Charakter jedoch nie durch s t i l l e Metamorphose zu sprengen ist. Andererseits, wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produkti- onsbedingungen und ihnen entsprechenden Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichoterie." 51) In welchen Erscheinungsformen sich diese Konflikte in der Weiterentwicklung des allgemeinen Be- griffs des Kapitals darstellen, kann hier nicht untersucht wer- den. Die Berücksichtigung dieses Zusammenhangs ist indes Voraus- setzung für eine Analyse der Erscheinungsformen dieser Konflikte in der wirklichen Bewegung der Kapitale, was wiederum insgesamt Bedingung für die Bestimmung der Entwicklungstendenzen von der Klasse an sich zur Klasse für sich und damit des Klassenbewußts- eins ist. 52) Gleichgültigkeit der Arbeiter gegen ----------------------------------- den bestimmten Inhalt ihrer Arbeit. ----------------------------------- Aus diesen konfligierenden Tendenzen folgt die Attraktion und Re- pulsion der Arbeitermassen durch das Kapital. Durch qualitativen Wechsel der Zusammensetzung des Kapitals, d.h. Veränderung zwi- schen seinem variablen und konstanten Bestandteil werden die Ar- beiter bald aus dem Produktionsprozeß hinausgeworfen, bald durch quantitative Ausdehnung auf gegebener technischer Grundlage in ihn hineingezogen. Die Attraktion und Repulsion durch das Kapital vollzieht sich demnach im Wechsel seiner technischen Zusammenset- zung, also des Verhältnisses von Produktionsmittel zur Arbeits- kraft. Der Rhythmus dieser Veränderung der technischen Zusammen- setzung des Kapitals ist selbst wieder bestimmt durch den sich notwendig mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion und der sie begleitenden Entfaltung der gesellschaftlichen Produktiv- kräfte der Arbeit ergebenden industriellen Zyklus. 54) Der Prozeß des fortwährenden Hin- und Herschleuderns der Arbeiter vollzieht sich also "nur innerhalb der Ebb- und Flutperioden des industri- ellen Zyklus" 55). Der Periodenwechsel des industriellen Zyklus bestimmt also Expansion und Kontraktion der industriellen Reser- vearmee und damit die Bedingungen, unter denen der Arbeiter seine Ware zu verkaufen hat. "Die Bewegung des Gesetzes der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit auf dieser Basis vollendet die Despotie des Kapitals." 56) Der Phasenwechsel des industriellen Zyklus bestimmt nicht nur die Bedingungen des Austauschs zwischen Lohnarbeit und Kapital, son- dern schließt auch ein entscheidendes Moment der Entwicklung der Arbeiterklasse zur Klasse für sich ein. Wie das Kapital dem Ge- brauchswert an und für sich gleichgültig gegenübersteht, dieser für es nur als Träger von Wert relevant ist, so ist auch der Ar- beiter gleichgültig gegen den Inhalt seiner Tätigkeit und daher gegen die spezifische Art seiner Arbeit. Wechselt das Kapital je nach den Schwierigkeiten beim Verkauf der Ware die besondere Pro- duktionssphäre, so unterstellt diese Variabilität des Kapitals gegen die Besonderheit der Produktionssphäre eine Gleichgültig- keit des Arbeiters gegen den besonderen Charakter des Arbeitspro- zesses. 57) "Je entwickelter die kapitalistische Produktion in einem Lande, um so größer die Forderung der V a r i a b i- l i t ä t an das Arbeitsvermögen, um so gleichgültiger der Arbeiter gegen den b e s o n d e r e n I n h a l t seiner Arbeit und um so flüssiger die Bewegung des Kapitals aus seiner Produktionssphäre in die andre." 58) Den Arbeiter interessiert nicht der konkret nützliche Charakter seiner Tätigkeit, sondern nur der beständige Verkauf seiner Ware, der Arbeitskraft, der nur möglich ist, soweit deren Betätigung Gebrauchswert für das Kapital ist. Es liegt also in der Natur des Kapitals, daß es die im Austausch Arbeitskraft gegen Geld gesetzte Gleichgültigkeit derart weiter entwickelt, daß die Art der Tätigkeit ganz von den Bedürfnissen des Kapitals bestimmt wird und der Arbeiter sich von einer Produktionssphäre in die andere werfen lassen muß. Gerade diese absolute Gleichgültigkeit gegen die Bestimmtheit seiner Arbeit macht seinen ökonomischen Charakter aus, 58a) im Gegensatz zu den ökonomischen Charakteren vorkapitalistischer Pro- duktionsweisen, die durch die Bestimmtheit ihrer Arbeit geprägt sind. "Dies ökonomische Verhältnis - der Charakter, den Kapita- list und Arbeiter als die Extreme eines Produktionsverhältnisses tragen - wird daher desto reiner und adäquater entwickelt, je mehr die Arbeit allen Kunstcharakter verliert; ihre besondere Fertigkeit immer mehr etwas Abstraktes, Gleichgültiges wird, und sie mehr und mehr r e i n a b s t r a k t e T ä t i g k e i t, rein mechanische, daher gleichgültige, gegen ihre besondere Form indifferente Tätigkeit wird; bloß f o r m e l l e Tätigkeit oder, was dasselbe ist, bloß s t o f f l i c h e, Tätigkeit überhaupt, gleichgültig gegen die Form." 59) Wenn das Hin- und Herschleudern der Arbeitermassen aus einem Pro- duktionszweig in den anderen innerhalb des industriellen Zyklus die Despotie des Kapitals vollendet, so schließt diese charakte- ristische Bewegungsform der großen Industrie gleichzeitig ein: alle Ruhe und Sicherheit in der Lebenslage des Arbeiters wird vernichtet; die absolute Disposibilität der Menschen für wech- selnde Arbeiterfordernisse verlangt bis zu einem gewissen Grade möglichste Vielseitigkeit auf Seiten der unmittelbaren Produzen- ten, was also einen bestimmten Ausbildungsgrad einschließt; durch die Variabilität wird der allgemeine Charakter der Herrschaft des Kapitals, der Versachlichung und Verselbständigung der Produkti- onsbedingungen offensichtlich. Alle Potenzen der gesellschaftli- chen Arbeit erscheinen von den unmittelbaren Produzenten losge- rissen und auf die Seite des Kapitals gestellt. Zugleich setzt das Kapital durch die Entwicklung der Produktivkräfte zu einer Totalität selbst die Voraussetzung für die Subsumtion der verselbständigten Produktionsbedingungen unter die bewußt assoziierten Arbeiter. Neben der durch zunehmende Krisen gesetzten Möglichkeit und Notwendigkeit einer höheren Produktionsform erzeugt es auch die Bedingungen für die Aneignung der verselbständigten sozialen Mächte bei der Arbeiterklasse selbst. Zunächst ist die Aufhebung der Verselbständigung der objektiven Arbeitsbedingungen bedingt durch die zu einer Totalität entwickelten Produktivkräfte. Aber die "Aneignung dieser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den materiellen Produktionsinstrumenten entsprechenden indivi- duellen Fähigkeiten. Die Aneignung einer Totalität von Produktionsinstrumenten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst." 60) Deshalb ist die Zurücknahme der verselbständigten gesellschaftlichen Mächte der Arbeit bestimmt durch "die aneignenden Individuen. "Nur die von aller Selbstbetätigung ausgeschlossenen Proletarier der Gegenwart sind imstande, ihre vollständige, nicht mehr bor- nierte Selbstbetätigung, die in der Aneignung einer Totalität von Produktivkräften und der damit gesetzten Entwicklung einer Tota- lität von Fähigkeiten besteht, durchzusetzen." 61) Die histori- sche Rolle des Proletariats als revolutionärem Subjekt prägt den Charakter des Umwälzungsprozesses selbst. Die Aufhebung der Ver- selbständigung der Produktionsbedingungen "kann nur vollzogen werden durch eine Vereinigung, die durch den Charakter des Prole- tariats selbst wieder nur eine universelle sein kann, und durch eine Revolution, in der einerseits die Macht der bisherigen Pro- duktions- und Verkehrsweise und gesellschaftlichen Gliederung ge- stürzt wird und andererseits der universelle Charakter und die zur Durchführung der Aneignung nötige Energie des Proletariats sich entwickelt, ferner das Proletariat alles abstreift, was ihm noch aus seiner bisherigen Gesellschaftsstellung geblieben ist." 62) Diese Entwicklung des universellen Charakters des Proletariats selbst ist durch die Bewegung des Kapitals gesetzt, insofern es notwendig die Gleichgültigkeit des Arbeiters gegen den bestimmten Inhalt seiner Arbeit entfaltet und den Kampf gegen die Herrschaft dieser historisch spezifischen Produktionsweise verallgemeinert. Zunächst entwickelt sich aus den ökonomischen Konflikten, wie Streiks, Lohnkämpfe etc., schon eine gemeinschaftliche Organisa- tion der Arbeiter, in der ansatzweise die Isolierung der verein- zelten Individuen aufgehoben wird und in der ihre bisher bloß vom Kapital gesetzte Vereinigung bewußt von ihnen aufgenommen wird. Durch die Bewegung der Akkumulation wird die vorläufige Organisa- tion der Arbeiterklasse über diese Begrenzung hinausgetrieben und erhält notwendig einen politischen Charakter, wie der Kampf um die Normierung des Arbeitstages und die Etablierung eines planmä- ßigen Zusammenwirkens zwischen Beschäftigten und Unbeschäftigten durch die Gewerkschaft zeigt. Im Kampf der Arbeiterklasse gegen die Despotie des Kapitals konstituiert sie sich als Klasse für sich, verwandelt sich ihre Assoziation in eine politische Bewe- gung. "Und in dieser Weise wächst überall aus den vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter eine p o l i t i s c h e Bewegung hervor, d.h. eine Bewegung der K l a s s e, um ihre Interessen durchzusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine, gesellschaftlich zwingende Kraft besitzt. Wenn diese Bewegungen eine gewisse previous Organisation unterstellen, sind sie ihrerseits ebenso sehr Mittel der Entwicklung dieser Organi- sation. Wo die Arbeiterklasse noch nicht weit genug in ihrer Or- ganisation fortgeschritten ist, um gegen die Kollektivgewalt, i.e. die politische Gewalt, der herrschenden Klasse einen ent- scheidenden Feldzug (zu) unternehmen, muß sie jedenfalls dazu ge- schult werden durch fortwährende Agitation gegen die (und feind- selige Haltung zur) Politik der herrschenden Klassen." 63) Wie oben gezeigt, vollzieht sich die Bewegung des Gesetzes der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit innerhalb der Phasen des indu- striellen Zyklus; sowohl die Vollendung der Despotie des Kapitals durch das Diktieren der Marktbedingungen für den Verkauf der Ware Arbeitskraft, als auch die reale Entfaltung der Gleichgültigkeit der Arbeiter gegen den bestimmten Inhalt ihrer Arbeit werden durch die Bewegungsformen der modernen Industrie bestimmt. Die Darstellung des industriellen Zyklus fällt aber nicht in die Be- trachtung des allgemeinen Begriffs des Kapitals, sondern in die Analyse der wirklichen Bewegung der Kapitale, wie sie sich in der Konkurrenz geltend macht. Es kann hier nicht im einzelnen unter- sucht werden, 64) warum die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren unter den für die Arbeiter relativ gün- stigsten Akkumulationsbedingungen vor sich ging. Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß der Zyklus zumindest in Westeuropa 65) einen abgeschwächten Verlauf nahm, was eine Erweiterung des Kon- sumtionsfonds der Arbeiterklasse ermöglichte, so wird doch durch diese Akkumulationsbewegung das Abhängigkeitsverhältnis des Ar- beiters vom Kapital nicht aufgehoben, wenngleich es eine erträg- liche Form annimmt. "Steigender Preis der Arbeit in Folge der Ak- kumulation des Kapitals besagt in der Tat nur, daß der Umfang und die Wucht der goldenen Kette, die der Lohnarbeiter sich selbst bereits geschmiedet hat, ihre losere Spannung erlauben." 66) In welchem Maße die in der Natur des kapitalistischen Produkti- onsprozesses an sich eingeschlossene Gleichgültigkeit der Arbei- ter gegen den bestimmten Inhalt ihrer Arbeit real herausgearbei- tet ist, also die Arbeiter über die Abstraktion vom konkret-nütz- lichen Charakter ihrer Tätigkeit und die Einsicht der täglichen Auseinandersetzungen als selbst vermittelter den allgemeinen Cha- rakter der Herrschaft des Kapitals erkannt haben, hängt wesent- lich ab von der Verlaufsform des industriellen Zyklus und der Be- wegung der Kapitale auf dem Weltmarkt. Dieser Grad der Bewußtheit bestimmt die Schärfe, mit der der Klassenkampf von selten der Ar- beiter geführt wird. In der Erarbeitung einer politischen Strate- gie im Rahmen einer Klassenanalyse müssen diese Entwicklungsbe- dingungen des Klassenbewußtseins berücksichtigt werden. Es ist nun der Zusammenhang skizziert, wenn auch nur innerhalb des Rahmens des allgemeinen Begriffs des Kapitals, in dem die Be- wegung von der Klasse an sich zur Klasse für sich und damit die Entwicklung des Klassenbewußtseins vor sich geht. Abgesehen da- von, daß dieser Zusammenhang durch eine Analyse der wirklichen Bewegung der Kapitale zu konkretisieren wäre, muß noch gezeigt werden, wie die entwickelte Organisation der kapitalistischen Produktionsweise das ökonomische Zwangsverhältnis zugleich ver- steckt und vermittelt, also wie "der stumme Zwang der ökonomi- schen Verhältnisse... die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter" 67) zu besiegeln scheint. Aus den allgemeinen Bestim- mungen des Kapitals muß aufgezeigt werden, wie in den Formbestim- mungen des Kapitals, die es im Zirkulationsprozeß und als Einheit von Zirkulations- und Produktionsprozesses erhält, die Versachli- chung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Personifikation der Sachen sich noch viel weiter entwickeln. Die Mystifikation und Fetischisierung der gesellschaftlichen Formen der Arbeit geht soweit fort, daß die wirkliche Verkehrung von Subjekt und Objekt als Konstituens des Kapitalverhältnisses zugleich eine verdrehte Form erhält, in der der wirkliche Zusammenhang ausgelöscht ist und die in dieser verdrehten Form auch im Bewußtsein der Produk- tionsagenten erscheint. Die Analyse der fortschreitenden Mystifi- kation muß zeigen, warum vom Kapital her, "für den gewöhnlichen Gang der Dinge... der Arbeiter den 'Naturgesetzen der Produktion' überlassen bleiben (kann), d.h. seiner aus den Produktionsbedin- gungen selbst entspringenden, durch sie garantierten und verewig- ten Abhängigkeit vom Kapital." 68) Zwar steht der Arbeiter, inso- fern sich seine Gleichgültigkeit gegen den bestimmten Inhalt sei- ner Tätigkeit mit der Entwicklung der kapitalistischen Produkti- onsweise entfaltet "von vornherein höher als der Kapitalist, als der letztere in jenem Entfremdungsprozeß wurzelt und in ihm seine absolute Befriedigung findet, während der Arbeiter von vornherein dagegen in einem rebellischen Verhältnis steht und ihn als Knech- tungsprozeß empfindet" 69), und daher kann die Arbeiterklasse die in der Entfaltung des Kapitals eingeschlossene weitere Verselb- ständigung der Formen gesellschaftlicher Arbeit durchbrechen. Aber diese Durchbrechung wird durch die sich weiterentwickelnde Mystifikation erschwert. Die Darstellung der weiteren Formbestim- mungen des Kapitals, die es im Zirkulationsprozeß und als Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozeß erhält, zeigt auf einer- seits eine zunehmende Verkehrung von Subjekt und Objekt und die daraus abgeleitete Form der Gesetze des Reproduktionsprozesses im Bewußtsein der Produktionsagenten, andererseits die in den ent- wickelten Erscheinungsformen eingeschlossene Verschärfung des der kapitalistischen Produktionsweise immanenten Widerspruchs und de- ren Konsequenzen fürs Klassenbewußtsein. Entscheidend für die Konstituierung des falschen Bewußtseins ist die Verwandlung von Wert und Preis der Ware Arbeitskraft in Wert und Preis der Ar- beit, d.h. die Lohnform, deren Stellenwert deshalb noch kurz be- stimmt werden muß. 5. Lohn als irrationale Erscheinungsform des Werts. --------------------------------------------------- Auf der Basis der kapitalistischen Produktionsweise erhält die Arbeitskraft selbst notwendig die Form der Ware. Die Trennung zwischen den objektiven Arbeitsbedingungen und der Arbeitskraft ist der Ausgangspunkt für die Selbstverwertung des Werts und die Grundlage des kapitalistischen Produktionsprozesses und wird zugleich dessen beständiges Resultat, insofern diese Trennung und die darin eingeschlossenen gesellschaftlichen Verhältnisse stets aufs neue produziert werden. Da der Arbeiter schon vor dem Ein- tritt in den Produktionsprozeß die Verfügung über sein Arbeits- vermögen dem Kapitalisten verkauft hat, vergegenständlicht sich seine Arbeit in einem Produkt, daß ihm nicht gehört und das als kapitalistisch produzierte Ware selbst wiederum zum Ausgangspunkt für die Einsaugung neuer wertschöpfender Kraft wird. Das Kapital setzt also einerseits die Verselbständigung der gegenständlichen Bedingungen des Produktionsprozesses voraus und andererseits wird diese spezifische gesellschaftliche Gestalt der Produktionsbedin- gungen beständig erneuertes Resultat des Prozesses selbst. "Die Arbeit produziert ihre Produktionsbedingungen als Kapital und das K a p i t a l die Arbeit als Mittel seiner Verwirklichung als Kapital, als Lohnarbeit. Die kapitalistische Produktion ist nicht Reproduktion des Verhältnisses, sie ist seine Reproduktion auf stets wachsender Stufenleiter, und im selben Maße, wie mit der kapitalistischen Produktionsweise die gesellschaftliche Produk- tivkraft der Arbeit sich entwickelt, wächst der dem Arbeiter ge- genüber aufgetürmte Reichtum, als ihn b e h e r r s c h e n- d e r R e i c h t u m als K a p i t a l, dehnt sich ihm gegenüber die Welt des Reichtums als eine ihm fremde und ihn beherrschende Welt aus, und in demselben Verhältnis entwickelt sich seine subjektive Armut, Bedürftigkeit und Abhängigkeit im Gegensatz." 70) Der Kapitalist verwendet also einen Teil der ohne Äquivalent angeeigneten vergegenständlichten Arbeit zur Exploi- tation eines größeren Quantums lebendiger fremder Arbeit. Der kapitalistische Produktionsprozeß basiert auf dem Verkauf der Arbeitskraft als Ware von Seiten des unmittelbaren Produzenten, wodurch sie zu einem Bestandteil des produktiven Kapitals wird. Der Kauf und Verkauf der Arbeitskraft ist zwar eine vorm unmit- telbaren Produktionsprozeß vorsichgehende Transaktion, ist aber notwendige Voraussetzung desselben und bestimmt darüberhinaus seinen spezifischen Charakter. Unter der Voraussetzung der Tren- nung der Arbeitskraft von ihren Verwirklichungsbedingungen treten sich im Austausch von Geld gegen Arbeitskraft die Warenbesitzer sowohl als gleichberechtigte, ebenbürtige Personen gegenüber und daher ist ihre Beziehung charakterisiert durch Freiheit, Gleich- heit, Eigentum, als auch als Personifikationen eines Zwangsver- hältnisses, das durch diesen Zirkulationsakt erst eingeleitet wird. Da aber durch den Exploitationsprozeß der Arbeiter eben nur den Teil vom produzierten Produkt erhält, der ihm die Reproduk- tion seines Arbeitsvermögens erlaubt, also durch den kapitalisti- schen Produktionsprozeß notwendig die Scheidung zwischen Arbeits- kraft und Arbeitsbedingungen reproduziert wird, wird der Arbeiter zugleich beständig als Verkäufer seiner Arbeitskraft gesetzt. Das Gegenübertreten von Kapitalist und Arbeiter als Käufer und Ver- käufer auf dem Arbeitsmarkt ist daher selbst ein substantielles Verhältnis, der einleitende Prozeß bleibt nicht gegenüber dem Ex- ploitationsprozeß bloß äußerliche und zufällige Form. "Dieses einleitende Verhältnis erscheint jetzt selbst als immanentes Mo- ment der in der kapitalistischen Produktion produzierten Herr- schaft der gegenständlichen Arbeit über die lebendige." 71) Es charakterisiert die kapitalistische Produktionsweise, daß in ihr das Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis eine spezifische Form annimmt: die Herrschaft der verselbständigten Produktionsbe- dingungen über die unmittelbaren Produzenten wird durch bestän- dige Erneuerung des Verkaufs der Arbeitskraft vermittelt. Erst im Konsumtionsprozeß der Arbeitskraft ist die idyllische, allen Au- gen zugängliche Sphäre der Oberfläche der bürgerlichen Gesell- schaft, das Reich von Freiheit und Gleichheit, verlassen und es enthüllt sich der vampyrmäßige Charakter des Kapitals, womit gleichzeitig das Verhältnis von freien und gleichen Warenbesit- zern zum bloßen Schein herabgesetzt wird. Das beständige Auftre- ten des Arbeiters auf dem Arbeitsmarkt erscheint nur mehr als vermittelnde Form für die Aufrechterhaltung und Ausdehnung der verselbständigten, versachlichten Macht des Kapitals. Das stets erneuerte Austauschverhältnis zwischen Geld und Arbeitskraft ist eine der kapitalistischen Produktionsweise immanente Form der Vermittlung, in der das ursprünglich gesetzte Verhältnis von Wa- renbesitzern nur noch als Schein eines ihm unterliegenden Herr- schaftsverhältnisses erhalten bleibt. "Die beständige Erneuerung dieses Verhältnisses von K a u f u n d V e r k a u f vermit- telt nur die Beständigkeit des spezifischen Abhängigkeitsverhält- nisses und gibt ihr den betrügenden Schein einer Transaktion, ei- nes Kontrakts zwischen gleichberechtigten und sich gleich frei gegenüberstehenden W a r e n b e s i t z e r n." 72) Die beständig reproduzierte Abhängigkeit wird nicht nur dadurch vertuscht, daß die Transaktion von Arbeitskraft als Geldverhält- nis bestimmt ist, also aus der Verkleidung dieser Aktion durch die Warenform des Produkts und die Geldform der Ware, sondern darüberhinaus dadurch, daß in der Form des Arbeitslohns die unbe- zahlte Zwangsarbeit die Form freiwilliger, bezahlter Arbeit an- nimmt, also im Lohn die Teilung zwischen notwendiger und Mehrar- beit ausgelöscht ist. "Da der Arbeiter ... seinen Arbeitslohn erst n a c h Verrichtung der Arbeit erhält und außerdem weiß, daß, was er dem Kapitalisten tatsächlich gibt, seine Arbeit ist, so erscheint ihm der Wert oder Preis seiner Arbeitskraft notwen- digerweise als P r e i s oder W e r t s e i n e r A r b e i t s e l b s t." 72a) Im Lohn erhält daher das sub- stantielle Verhältnis einen irrationellen Ausdruck, der Wertbe- griff verkehrt sich in sein Gegenteil, indem der Wert der Ar- beitskraft sich an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft darstellt als Wert der Arbeit. "Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegen- teil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produkti- onsweise, alle ihre Freiheitsillussionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie." 73) Im Lohn erscheint der wirkliche Sachverhalt, daß Kapital wesentlich Kommando über unbezahlte Ar- beit ist, ausgelöscht 74), und damit kann auch die wirkliche Her- kunft des Mehrwerts nicht mehr erklärt werden. Wenn es also my- steriös bleibt, daß der Mehrwert aus der Exploitation der Arbeit im Produktionsprozeß stammt, dann kann sein Dasein nur noch den anderen Momenten des Produktionsprozesses, den objektiven Produk- tionsbedingungen zugeschrieben werden. Die Theorie der "Produktionsfaktoren", wonach die Rente aus dem Boden und der Zins aus dem Kapital entspringt, ist nur die notwendige Konse- quenz der Lohnform und der daran anschließenden weitergehenden Mystifikation des Kapitalverhältnisses. Wenn die Verselbständigung der Produktionsbedingungen und ihr Festsetzen als soziale Mächte gegenüber den unmittelbaren Produ- zenten sowohl konstituiv für das Kapitalverhältnis als auch des- sen beständiges Resultat ist, so entwickelt sich auf dieser Basis die Verdinglichung und Verkehrung von Subjekt und Objekt weiter. Wächst einerseits die Verselbständigung der Elemente des gesell- schaftlichen Reichtums, schließt andererseits die Bewegung des prozessierenden Werts selbst einen Gegensatz ein, insofern das Kapital durch rücksichtslose Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit zugleich die Basis für die volle Ent- wicklung der Individuen und ihrer gesellschaftlichen Beziehung legt und daher die realen Bedingungen seiner Aufhebung produ- ziert. Mit dieser Entwicklung und der Entfaltung des immanenten Widerspruchs der kapitalistischen Produktionsweise ist die Grund- lage für das Durchbrechen der verschleiernden Formen gegeben. Im Prozeß der auf das Kapital gegründeten Produktionsweise ver- schwindet auch der Schein des Austauschs. "Durch den Prozeß selbst und seine Wiederholung wird gesetzt, was an sich ist, daß der Arbeiter als Saläre vom Kapitalisten nur einen Teil seiner eigenen Arbeit erhält. Dies tritt dann auch in das Bewußtsein sowohl der Arbeiter wieder Kapitalisten." 75) Mit dem Aufbrechen der Widersprüche der kapitalistischen Produktionsform und mit der Entfaltung des Klassenantagonismus als einzig geschichtlichem Weg ihrer Auflösung verschwindet nicht nur die Illusion, die in der Form des Arbeitslohns als imaginärem Ausdruck des Wertverhältnis- ses eingeschlossen ist, sondern ganz allgemein die Selbständig- keit der Formen, in denen sich die Elemente des gesellschaftli- chen Reichtums darstellen. Es verflüchtigt sich das transponierte Bewußtsein, das notwendig aus der Weiterentwicklung der schon dem unmittelbaren Produktionsprozeß zugrunde liegenden Verkehrung von Subjekt und Objekt entspringt. Denn die hier untersuchte Form, worin sich Kapital und Lohnarbeit im unmittelbaren Produktions- prozeß gegenüberstehen, wird durch die Verwandlungen und Modifi- kationen denen der prozessierende Wert im Zirkulationsprozeß und in der Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozeß unterwor- fen ist, weiterentwickelt. "Je weiter wir den Verwertungsprozeß des Kapitals verfolgen, um so mehr wird sich das Kapitalverhält- nis mystifizieren, und um so weniger das Geheimnis seines inneren Organismus bloßlegen." 76) Treten in der vermittelnden Bewegung der Zirkulation die Verhält- nisse der ursprünglichen Wertproduktion schon völlig in den Hin- tergrund, so wird diese Verdunklung noch verstärkt durch die Spaltung des Mehrwerts in verschiedene Teile. Je mehr die Gestalt des Kapitals seinen wirklichen Erscheinungsformen nach betrachtet wird, um so mehr verschwindet die Vermittlung, vollendet sich die Verselbständigung der Bruchteile des Mehrwerts und der Verknöche- rung dieser Formen gegen ihre Substanz. An der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft sind sie ganz von den vermittelnden Zwischengliedern getrennt, so daß die Revenuen, d.h. Teile des Werts, umgekehrt als wirkliche Quellen des Werts erscheinen. In dieser Verknöcherung der Wertbestandteile gegeneinander zu selb- ständigen Formen ist der innere Zusammenhang des Reproduktions- prozesses ganz ausgelöscht und die verselbständigte Macht der Produktionsbedingungen über die Produzenten, der Sachen über die produzierenden Subjekte vollendet. "Im Kapital - Profit, oder noch besser Kapital - Zins, Boden - Grundrente, Arbeit - Arbeits- lohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenhang der Bestandteile des Werts und des Reichtums überhaupt mit seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitalistischen Produktions- weise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsver- hältnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmtheit vollen- det: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charak- tere, und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk trei- ben." 77) Die wirklichen Produktionsagenten leben in dieser verzauberten Welt und bleiben in der Bewegung des Scheins befangen. Die Ver- mittlungen zwischen den irrationalen Erscheinungsformen, worin sich bestimmte ökonomische Verhältnisse ausdrücken, drängen sich ihnen für gewöhnlich nicht auf. Eine umfassende Darstellung der verschiedenen Bewußtseinsformen der Produktionsagenten hätte diese als Reflex der an der Oberfläche der bürgerlichen Gesell- schaft auftretenden Erscheinungsformen abzuleiten. Der Zusammen- hang zwischen der Stufenfolge der Kapitalmystifikation und der verschiedenen Formen des Bewußtseins der Klassen und Klassenab- teilungen soll nicht weiter ausgeführt werden, da es hier nur darauf ankommt, die wichtigsten Bestimmungen für das Bewußtsein des produktiven Gesamtarbeiters zu skizzieren. Die Ableitung der Verselbständigung und Verknöcherung der verschiedenen Elemente des gesellschaftlichen Reichtums gegeneinander ist Voraussetzung einer Analyse der wirklichen Bewegung der Konkurrenz, da in die- ser jene fixen Gestalten in personifizierter Form aufeinander- treffen. Weil die Konkurrenz nur die Bewegung dieser verkehrten Welt ist, muß eine Untersuchung über die weitere Versachlichung der Produktionsverhältnisse und deren weitergehende Verselbstän- digung gegenüber den Produktionsagenten, wie sie auf dem Welt- markt und in den Zyklen der Industrie auftreten, sich diese Ver- mittlungen der irrationellen Gestaltungen und der verdrehten For- men, die der Reproduktionsprozeß im Bewußtsein der Produktions- agenten erhält, versichern, wenn sie nicht der Bewegung des Sch- eins aufsitzen soll. Die Untersuchung gegenwärtiger kapitalisti- scher Verhältnisse muß also den Zusammenhang zwischen den allge- meinen Bewegungsgesetzen des Kapitals und der spezifischen Reli- gion des Alltagslebens dieser Produktionsweise berücksichtigen; jeder Versuch der unmittelbaren und partiellen 'Anwendung' der Marxschen Theorie auf die realen Verhältnisse des gegenwärtigen Kapitalismus muß in die Leere gehen. Jedes "Referat" der Kritik der politischen Ökonomie und jede "bloße Reproduktion eines be- grifflichen Zusammenhangs" kann nur den Sinn haben, den Übergang vom allgemeinen Begriff des Kapitals in die wirkliche Bewegung der Konkurrenz herzuleiten, was die Voraussetzung für eine Ana- lyse der empirischen Verhältnisse ist. Dieser Diskussionsbeitrag kann notwendig nur erste Ansatzpunkte liefern. Joachim Bischoff Heiner Ganssmann Gudrun Kümmel Gerhard Löhlein _____ 1) Der Diskussionsbeitrag von E. Altvater und F. Huisken konnte von uns nicht mehr berücksichtigt werden. 1a) Hübner, Pilch, Riehn: "Bemerkungen zu dem Aufsatz 'Produktive und unproduktive Arbeit als Kategorien der Klassenanalyse", in: SOPO 8, S. 2. 2) Ebda. S. 2 und S. 14. Die Biologie, in der zwischen den "Sphären" der Verfaulung und der Fruchtbarkeit auch noch eine der Sterilität angesiedelt wird, muß wohl noch erfunden werden. 3) Die politische Sterilität vermeiden sie offenbar dadurch, daß sie zwar nicht zur Auseinandersetzung zwischen Krahl, Roth und Schmierer Stellung nehmen, sich aber dafür gegenüber der Studen- tenbewegung insgesamt solange affirmativ verhalten, bis sie die "reale Bewegung des westdeutschen Kapitals" (S. 14) studiert ha- ben. Anscheinend ist es der Hübnergruppe noch nicht aufgegangen, daß es die Studentenbewegung als einheitlich diffuse nicht gibt, sondern verschiedene Gruppen, zwischen denen u.a. theoretische Auseinandersetzungen geführt werden, in denen es (solange man die Beteiligten als Genossen betrachtet und nicht als "Leute" (S. 2)) darauf ankommt, das theoretische Schwanken zwischen Mao, Freud, Marcuse und Stalin etc. abzubauen. 4) Ebda. S. 2. 5) Ebda. S. 3.(Hervorhebungen soweit nicht anders angegeben, stets im Original). Wenn die Hübner-Gruppe meint, daß eine ganze Reihe von Zwischengliedern im System der Kritik der politischen Ökonomie schon aufgearbeitet seien, und zwar sowohl in Bezug auf die Rezeption der Marxschen Theorie als auch in Bezug auf die Un- tersuchung gegenwärtiger empirischer Verhältnisse, so halten wir daran fest - übereinstimmend mit einer Reihe sozialistischer Übergangs- und Aufbauorganisationen universitärer und außeruni- versitärer Provenienz ", daß die Erstellung einer Klassenanalyse der Bundesrepublik eine Hauptaufgabe der nächsten Etappe sein muß. Mit dem Verweis auf Gorz und Mallet (S. 2 ) ist niemandem geholfen, wenn es um die Bestimmung der verschiedenen Formen des Klassenbewußtseins geht. Vgl. die Rezension von N. Beckenbach in: SOPO 3, S. 84 ff. 6) Ebda. S. 4 7) Diese Vermutung muß z.B. an folgenden Punkten der Argumenta- tion entstehen: Während wir schreiben: "Obwohl die von den unpro- duktiven Produzenten ausgehenden Arbeitskämpfe Anlaß zu schwer- wiegenden gesellschaftlichen Konflikten geben können" (SOPO 6/7, S. 89), macht die Hübner-Gruppe daraus: "Allerdings könnten wohl auch die unproduktiven und aus bloßer Revenue bezahlten Lohnar- beiter 'schwerwiegende gesellschaftliche Konflikte' anzetteln" (S. 2). Die Argumentation von Hübner et al., wir könnten die Notwendigkeit der Entwicklung des Klassenbewußtseins der produk- tiven Arbeiter "nur als Vermutung" aussprechen (S. 2), bezieht sich immer auf Belegstellen, wo wir die Sache allerdings noch nicht weit genug entwickelt hatten, um von Notwendigkeit anders als moralisch zu reden. (SOPO 6/7, S. 82) Hübner et al. kritisie- ren, wir wurden den Begriff des produktiven Gesamtarbeiters" z.T. (?) nur aus dem gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, noch unabhängig von der spezifisch kapitalistischen Form der Arbeit" (S. 4) her- leiten. Wie eine Veränderung der technischen und gesellschaftli- chen Struktur des Arbeitsprozesses ohne die Aktion des Kapitals zu denken sein soll, bleibt ihr Geheimnis. 8) Ebda. S. 4 . 9) Ebda. S. 5 (Hervorhebung von uns). 10) KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 399 ff (Hervorhebung von uns). We- gen ihrer produktiven Funktionen gehören 'managers, overlookers' etc. - abgesehen vom kaufmännischen Departement - zum produktiven Gesamtarbeiter: "Da mit der Entwicklung der r e e l l e n S u b s u m t i o n d e r A r b e i t u n t e r d a s K a- p i t a l oder der s p e z i f i s c h k a p i t a l i s t i- s c h e n P r o d u k t i o n s w e i s e nicht der einzelne Arbeiter, sondern mehr und mehr ein s o z i a l k o m b i n i e r t e s A r b e i t s v e r m ö g e n der w i r k l i c h e F u n k t i o n ä r des Gesamtarbeitspro- zesses wird, und die verschiedenen Arbeitsvermögen, die konkur- rieren, und die die gesamte produktive Maschine bilden, in sehr verschiedener Weise an dem unmittelbaren Prozeß der Waren- oder besser hier Produktbildung teilnehmen, der eine mehr mit der Hand, der andre mehr mit dem Kopf arbeitet, der eine als manager, engineer, Technolog etc., der andre als overlooker, der dritte als direkter Handarbeiter, oder gar bloß Handlanger, so werden mehr und mehr F u n k t i o n e n v o n A r b e i t s v e r- m ö g e n u n t e r den unmittelbaren Begriff der p r o- d u k t i v e n A r b e i t und ihre Träger unter den Begriff der produktiven Arbeiter, direkt vom Kapital ausgebeuteter und seinem Verwertungs- und Produktionsprozeß überhaupt u n t e r- g e o r d n e t e r Arbeiter einrangiert." (K. Marx: RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, Frankfurt 1969, S. 65 f.). 11) Hübner et al., a.a.O., S. 5. 12) Ebda. S. 13) KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 351. 13a) Dieser behauptete Zusammenhang kann hier nicht weiter abge- leitet werden. Bei der Bestimmung des Bewußtseins der Leitungs- agenten müßten darüberhinaus noch andere Momente berücksichtigt werden. 14) In diesem Zusammenhang müssen die Arbeiten von Gorz, Mallet, Touraine gesehen werden. 15) Ebda. S. 6 16) Hier und im folgenden ebda. S. 6. 17) Der Gebrauchswert der Arbeitskraft ist die lebendige Arbeit selbst, die nach Kontrakt dem Kapitalisten gehört. Die Arbeiter müssen gerade gegen den Inhalt ihrer konkreten Arbeit Gleichgül- tigkeit entwickeln - was sie interessiert ist weniger der Ge- brauchswert der Ware Arbeitskraft, nämlich für das Kapital Wert zu setzen, als deren Tauschwert, "denn in Geldsachen hört die Ge- mütlichkeit auf". (KAPITAL, : Bd. 1, S. 248) Da allerdings die leibliche Existenz der Arbeiter untrennbar ist von ihrem Arbeits- vermögen, haben sie selbstverständlich Interesse daran, mit ihrer Gesundheit zugleich den Gebrauchswert ihrer Arbeitskraft zu er- halten, der aber nicht Gebrauchswert für sie, sondern für das Ka- pital ist. 18) Daß Hübner et al. das so verstehen, wird deutlich, indem sie den unproduktiven Zirkulationsarbeitern ein mögliches Klassenbe- wußtsein deshalb abstreiten, weil sie Wertpapiere etc. nicht als ihre eigenen Produkte erkennen können (S. 9 ). 18a) Siehe unten und vgl. die These: SOPO 6/7, S. 89. 19) Hübner et al., a.a.O., S. 10. 20) KAPITAL, Bd. 3, S. 836 und 324 f. 21) Hübner et al., a.a.O., S. 9. 22) Ebda. S. 9. 23) KAPITAL, Bd. 3, S. 54; Hübner et al., a.a.O., S. 7. 24) Ebda. S. 4. 25) KAPITAL, Bd. 1, S. 562. 26) GRUNDRISSE, S. 317. 27) KAPITAL, Bd. 3, S. 838. 28) Ebda. S. 219. 28a) Dieser Zusammenhang kann hier nicht ausführlich entwickelt werden. Die Durchdringung der gesellschaftlichen Formen menschli- chen Lebens bleibt selbst noch sozial bestimmt. "Wir sehn hier, wie die wirkliche Wissenschaft der politischen Ökonomie damit en- det, die bürgerlichen Produktionsverhältnisse als bloß h i s t o r i s c h e aufzufassen, die zu höhren leiten, worin der Antagonismus, worauf sie be-ruhn, aufgelöst. Durch ihre Ana- lyse bricht die politische Ökonomie die scheinbar gegeneinander selbständigen Formen, worin der Reichtum erscheint." (THEORIEN ÜBER DEN MEHRWERT, MEW, 26. 3, S. 421) Weil sie nur diese ver- schiedenen, verknöcherten Formen des Reichtums auflöst und be- ständig wieder erzeugte Objektivierung menschlicher Arbeit, sie aber von diesen Formen als gegebenen ausgeht und sie nicht als vermittelte begreift, vermag sie selbst die Wertformen nicht be- grifflich zu durchdringen. Je mehr sich die gesellschaftlichen Gegensätze und Klassenkämpfe entwickeln, um so mehr wächst das Bewußtsein von den Widersprüchen und dann kann die klassische Ökonomie als notwendige Durchgangsstufe für die Erkennung des Re- produktionszusammenhangs begriffen und der Prozeß der Verdingli- chung der gesellschaftlichen Formen der Arbeit in seiner Vermitt- lung dargestellt werden. Vgl. auch: H. Reichelt: "Anmerkungen zur Marxschen Werttheorie und deren Interpretation bei Werner Hof- mann", in: SOPO 2, S. 17 ff. 29) KAPITAL, Bd. 3, S. 839. 30) KAPITAL, Bd. 1, S. 94. 31) KAPITAL, Bd. 2, MEW 24, S. 352. 32) Ebda. S. 388. 33) KAPITAL, Bd. 1, S. 49. 34) Ebda. S. 87. 35) Ebda. S. 62 (Hervorhebung von uns). 36) KAPITAL, Bd. l, 1. Aufl. (Aoki-Shoten-Ausgabe), S. 774. 37) GRUNDRISSE, S. 137. 38) Ebda. S. 156. 39) Ebda. S. 920; vgl. ebda. S. 166. 40) Die Gegenüberstellung der Idee einer rationalen Gesellschaft mit den wirklichen Verhältnissen hat als Verfahren der Kapitalis- muskritik zwar historische Berechtigung, aber nur solange ein wissenschaftliches Verfahren nicht entwickelt ist. Insofern diese Konzeption des Messens der Wirklichkeit an der Idee immer wieder auftaucht, ist auch die Kritik daran notwendig, insbesondere in der gegenwärtigen Phase der Organisierung muß den Versuchen über derlei 'kritische Kategorien' eine revolutionäre Strategie be- gründen zu wollen, entschieden entgegengetreten werden. Wenn also z.B. Claußen in Übereinstimmung mit Krahl und dem Marxismuskol- lektiv die von Horkheimer inaugurierte kritische Theorie im Kon- nex einer veränderten historischen Situation wieder beleben will: "In der kritischen Theorie verwandeln sich die Ideen der franzö- sischen Revolution aus ideologischen Momenten der bürgerlichen Gesellschaft in Bilder der zukünftigen. Aus der Differenz von Be- griff und Realität der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt Hork- heimer die Ziele der proletarischen Revolution." (D. Claußen: "Zum emanzipativen Gehalt der materialistischen Dialektik in Horkheimers Konzeption der kritischen Theorie", in: NEUE KRITIK, Nr. 55/56, S. 63), so ist dieser Intention entgegen zu halten, "was diese Sozialisten von den bürgerlichen Apologeten unter- scheidet ist auf der einen Seite das Gefühl der Widersprüche des Systems, andererseits der Utopismus, den notwendigen Unterschied zwischen der realen und idealen Gestalt der bürgerlichen Gesell- schaft nicht zu begreifen, und daher das überflüßige Geschäft zu übernehmen, den idealen Ausdruck, das verklärte und von der Wirk- lichkeit selbst als solches aus sich geworfne reflektierte Licht- bild, selbst wieder verwirklichen zu wollen." (GRUNDRISSE, S. 916) Marx und Engels nennen den "Kommunismus die wirkliche Bewe- gung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung." ("Deutsche Ideologie", MEW 3, S. 35). 41) KAPITAL, Bd. 3, S. 835. 41a) Der Übergang vom Geld zum Kapital kann hier nicht ausführ- lich dargestellt werden. Vgl. dazu auch die Thesen in SOZIALISTI- SCHE POLITIK 6/7, S. 73 ff. 42) KAPITAL, Bd. 1, S. 144. 43) GRUNDRISSE, S. 937. 44) KAPITAL, Bd. 2, S. 384. 45) RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, S. 42. 46) THEORIEN ÜBER DEN MEHRWERT, MEW 26, 3, S. 446. 47) RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, S. 61. 48) KAPITAL, Bd. 3, S. 835. 49) GRUNDRISSE, S. 656. 50) Ebda. S. 635. 51) Ebda. S. 77 (Hervorhebung von uns). 52) Von daher erhalten die Analyse des industriellen Zyklus und die Krisentheorie ihren Stellenwert. 53) entfällt. 54) Auf das Problem des industriellen Zyklus kann hier nicht nä- her eingegangen werden. 55) KAPITAL, Bd. 1, S. 477. 56) Ebda. S. 669. 57) "In der Wirklichkeit stößt diese Flüßigkeit des Kapitals auf Friktionen, die hier nicht weiter zu betrachten sind." (RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, S. 39) In diesem Zusam- menhang muß die Umschlagszeit des fixen Kapitals gesehen werden. 58) RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, S. 40. 58a) Diese Gleichgültigkeit realisiert sich in der wirklichen Be- wegung der Kapitale. Wie weit die Gleichgültigkeit entwickelt ist, muß eine Untersuchung der empirischen Verhältnisse erbrin- gen. 59) GRUNDRISSE, S. 204. 60) "Deutsche Ideologie", MEW, 3, S. 67 f. 61) Ebda. S. 68. 62) Ebda. S. 68. 63) Brief von K. Marx an Bolte vom 23. Nov. 1871, MEW 33, S. 332. Dieser Zusammenhang zwischen ökonomischem und politischem Kampf wird in der Organisationsdebatte häufig vernachlässigt, d.h. in die Begründung der Notwendigkeit einer Partei der Berufsrevolu- tionäre wird diese Überlegung oft nicht miteinbezogen. Vgl. etwa die Plattformen der KPD/AO und KB/ML. Dagegen die Begründung der PL/PI für die Notwendigkeit einer Kaderorganisation in 'spätkapitalistischen' Gesellschaften: "Der abstrakte Ökonomis- musvorwurf stellt jede Avantgardeorganisation vor eine prekäre Konsequenz: Würde aus der richtigen Einsicht, daß aus ökonomi- schen Massenkämpfen nicht automatisch die entscheidenden politi- schen Kämpfe hervorgehen, die falsche Schlußfolgerung gezogen, daß die ökonomischen Massenkämpfe auch keine auf den politischen Kampf, auf die Revolution drängenden Elemente enthalten, so könnte die Avantgardeorganisation die politische Kampfdimension den kämpfenden Massen immer nur als fremde Perspektive weisen, dann stünde die Avantgardeorganisation vor der absurden Aufgabe, die Massen mit irgendwelchen Tricks zur Revolution zu überlisten: das Subjekt der Revolution wäre die Avantgarde, die proletari- schen Massen aber wären nur deren übertölple Vollstreckungsgehil- fen." (RPK, Nr. 74/75, S. 4 f.) Der gegenwärtige Fraktionierungs- prozeß wirft im übrigen selbst ein bezeichnendes Licht auf den Stand der Arbeiterbewegung: "Die Entwicklung des sozialistischen Sektenwesens und die der wirklichen Arbeiterbewegung stehn stets im umgekehrten Verhältnis. Solange die Sekten berechtigt sind (historisch), ist die Arbeiterklasse noch unreif zu einer selb- ständigen geschichtlichen Bewegung. Sobald sie zu dieser Reife gelangt, sind alle Sekten wesentlich reaktionäre." (Marx in dem oben zitierten Brief). 64) Vgl. dazu die oben skizzierte Begründung. 65) Dies müßte differenziert werden. Für eine Betrachtung der Entwicklung in der BRD wäre etwa in die Analyse die Rezession von 1966/67 mit aufzunehmen. 66) KAPITAL, Bd. l, S. 646. Wenn für die Darstellung des allge- meinen Begriffs gilt: "Es wird sich im Fortgang dieser Untersu- chung zeigen, daß es für die Analyse des Kapitals ganz gleichgül- tig ist, ob man das Niveau der Arbeiterbedürfnisse hoch oder niedrig voraussetzt" (RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPRO- ZESSES, S. 118 f.), so muß eine Analyse der Klassenstrukturen ge- genwärtiger Verhältnisse gerade die Schwankungen in der Bewegung des Arbeitslohns berücksichtigen. 67) Ebda. S. 765. 68) Ebda. S. 765. 69) RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, S. 18. 70) Ebda. S, 85 f. 71) Ebda. S. 88. 72) Ebda. S. 87 f. 72a) LOHN, PREIS UND PROFIT, MEW 16, S. 134. 73) KAPITAL, Bd. 1, S. 562. 74) Die besondren Lohnformen wie Stück-, Zeit-, Prämienlohn etc., müßten bei einer genaueren Untersuchung berücksichtigt werden. 75) GRUNDRISSE, S. 491. 76) KAPITAL, Bd. 3, S. 58. 77) Ebda. S. 838. zurück