Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970


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       Diskussion
       

BEMERKUNG ZU: "NEUERE IMPERIALISMUSTHEORIEN" SOPO 6/7, 1970

Das Folgende richtet sich nicht gegen den Versuch, einzelne impe- rialismustheoretische Ansätze zu überprüfen, zu differenzieren und womöglich zu modifizieren; im Gegenteil empfinden wir dies ebenso als Notwendigkeit. Unsere Polemik gilt der Art der wissen- schaftlichen Beweisführung und den hieraus abgeleiteten Thesen. Die "Arbeitsgruppe Dritte Welt am OSI" wollte mit ihrem Beitrag die Mängel verschiedener Imperialismustheorien aufdecken und da- mit gleichzeitig klärend in die gegenwärtige Diskussion eingrei- fen. Schon relativ äußerlich fällt der Kontrast zwischen hochge- stochenen Begriffen, prätentiösen Postulaten und der realen Sub- stanz von Aussagen, die auf eigener Forschung beruhen, ins Auge. Die Rede ist z.B. von einer "Baran-Schule", der verschiedene Au- toren zugerechnet werden, ohne Rücksicht darauf, ob sich diese - wie etwa K. Steinhaus - einem Spezialproblem widmen oder ob es sich wie bei C. Schuhler um einen reinen Eklektiker handelt Auch Mandel, der in seiner MARXISTISCHEN WIRTSCHAFTSTHEORIE ca. zwei Seiten zum Problem des Neo-Imperialismus beigesteuert hat, er- scheint hier schon als Haupt einer ganzen "Schule". Am Ende er- klären die Autoren einen von den "neuen Theorien erheblich abwei- chenden methodischen Ansatz" aufgespürt zu haben, bemängeln, daß die "heutigen Imperialismustheorien von den Erscheinungsformen der Beziehungen zwischen kapitalistischen Industrieländern (IL) und Entwicklungsländern (EL) ausgehen" (was sie nicht hindert, die von den nachher kritisierten Autoren aufgebotenen Materialien einfach abzuschreiben und sie z.T. noch unkritischer als diese zu behandeln), um schließlich den Aufsatz mit dem posaunenhaften Hinweis auf die Leistungen der klassischen Imperialismustheoreti- ker (Hilferding, Luxemburg, Lenin, Grossman), denen es nachzuei- fern gelte, ausklingen zu lassen. Dabei gehen sie stillschweigend von der Unterstellung aus, daß es diesen Theoretikern - womöglich kraft des Attributs "Klassiker" - gelungen sei, die imperialisti- schen Expansionen aus den "Bewegungsgesetzen des Monopolkapita- lismus" abzuleiten. Ihre schlichte "Andeutung einer Forschungs- strategie" erschöpft sich z.T. in Gemeinplätzen, z.T. in Repro- duktion von Fehlern, die sie schon in ihren inhaltlichen Ausfüh- rungen begingen. Der erste Teil des Aufsatzes (S. 91-98) skizziert die Handelsbe- ziehungen, die Kapitalbewegungen und Rohstoffexport-lmport-Bezie- hungen zwischen den kapitalistischen IL und den EL. Dabei werden die diffizilen Probleme der "t e r m s o f t r a d e" und der R o h s t o f f a b h ä n g i g k e i t der kapitalistischen EL mit einigen kurrenten und lapidaren Bemerkungen abgetan, ohne auch nur im geringsten auf die Problematik dieser Thesen, die in der neueren Literatur zum Ausdruck kommt, einzugehen. Welche Aussagekraft die These von den sich für die EL verschlech- ternden terms of trade tatsächlich hat, wird gar nicht zur Dis- kussion gestellt. Welche Berechnungsgrundlagen werden bei dieser Behauptung benutzt? Um welche Mengen von Produkten handelt es sich? Wie hat sich die Produktivität bei den einzelnen Exportpro- dukten der EL entwickelt? Gibt es nicht sehr verschiedene Ent- wicklungstrends der terms of trade für bestimmte Produkte (Erdöl und NE-Metalle einerseits, bei Nahrungsmitteln andererseits)? Sind demnach nicht die Folgen für die einzelnen EL sehr verschie- den? Schließlich wird: die gesamte terms of trade-Problematik nicht zu sehr von der Linken überschätzt, da sie häufig lediglich die Verteilungsseite im Auge hat? 1) Auch kann die These von der "wachsenden Bedeutung der Rohstoffproduktion der Dritten Welt für die kapitalistischen Industrieländer" nicht lediglich aus den je- weils sich verändernden Anteilen an der Weltrohstoffproduktion erschlossen werden. Wichtig ist etwa in diesem Zusammenhang die Tatsache, "daß die Rohstoffausfuhren der Industrieländer in den vergangenen Jahren stärker expandierten als die der Entwicklungs- länder" und daß ferner die Entwicklungsländer ihren Anteil an den Rohstoff Importen der IL nur knapp halten konnten und auch dies nur aufgrund des starken Exportanstiegs einiger Rohstoffprodukte aus den EL. 2) Die weiteren differenzierenden Bemerkungen zu die- sem Thema, die auf die absolute Bedeutung von einzelnen Rohstoff importen der kapitalistischen l L aus der Dritten Welt abstellen, bleiben hinter der vorhandenen Literatur hierüber zurück 3) und tragen nichts zur Stärkung der These von der wachsenden Rohstof- fabhängigkeit der kapitalistischen Staaten von der Dritten Welt bei. In einem zweiten Teil versuchen die Autoren die besonderen Inter- essen der verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisien der kapitali- stischen Länder an der Entwicklung (= Industrialisierung) oder Nichtentwicklung der ökonomisch schwach entwickelten Gebiete zu ermitteln. Außer einem keineswegs in Abrede zu stellenden "Systemsicherungsinteresse der Gesamtbourgeoisie", welches sie aber vornehmlich mit Hilfe von Zitaten von W. Scheel, Lin Biao und G. Schröder zu erhärten suchen, teilen sie die zu unterschei- denden Interessen der kapitalistischen Bourgeoisie in solche der Exportmonopole, der extraktiven Monopole und die der Leichtindu- strie und Landwirtschaft ein. Schon die Unterscheidungskriterien dieser "Fraktionen" sind unklar: Ist es die Auslandsorientierung oder die Inlandsorientierung, der Grad der Konzentration und Zen- tralisation des Kapitals in den respektiven Produktionszweigen, die Art der Produktion, also Investitionsgüter- oder Konsumgüter- industrie? Oder sind es die jeweiligen Orientierungen dieser "Fraktionen" (wen auch immer man sich darunter im einzelnen vor- stellen mag) gegenüber der Industrialisierung der Dritten Welt, aus denen man dann ihr jeweiliges Interesse oder Nichtinteresse an der Entwicklung der Dritten Welt ableiten kann? Bei der Ein- teilung der OSI-Gruppe scheint die letztere Unterscheidung die Hauptrolle gespielt zu haben; das Tautologische dieser Beweisfüh- rung wird nur notdürftig mit den Seitenblicken auf andere Unter- scheidungskriterien verdeckt. Zunächst ist die Rede von "exportintensiven Investitionsgütermo- nopolen", die auch kurz "Exportmonopole" genannt werden sollen. Dies bedarf einer Klärung: Daß die westdeutsche Investitionsgü- terindustrie stark exportintensiv ist, kann nicht bestritten wer- den; jedoch ist fraglich, ob die Investitionsgüterindustrie (Maschinenbau, feinmech. Ind. etc.) am stärksten monopolistisch strukturiert ist. Zu vermuten ist, daß die Autoren die Grundstof- findustrie und die Industrie langlebiger Konsumgüter mit der In- vestitionsgüterindustrie verwechseln. Als Beispiele für die Regsamkeit der Investitionsgüterindustrie werden die Geschäftsbe- richte von Daimler-Benz und der Farbwerke Höchst zitiert. Zwar ist es richtig, daß z.B. der Fahrzeugbau und die elektrotechni- sche Industrie gewöhnlich unter die Rubrik "Investitionsgüter- industrie" fallen (die chemische Industrie und die Eisen und Stahl verarbeitende Industrie unter Grundstoff- und Produktions- güterindustrie), doch können sinnvolle Aussagen über deren Funktion nur dann gemacht werden, wenn eine Aufgliederung der Industrieproduktion nach dem Verwendungszweck der Produkte vorläge bzw. versucht würde. Ferner wären die Entwicklungstenden- zen dieser Produktionsbereiche zu untersuchen: so scheint es nicht unerheblich zu sein, daß z.B. in der elektrotechnischen In- dustrie die Konsumgüter infolge der Strukturwandlungen des priva- ten Konsums immer mehr Gewicht gewonnen haben. Ähnliche Tendenzen sind im Fahrzeugbau zu konstatieren. 4) Weiter müßte genau untersucht werden, ob nicht der Konsumgüteran- teil der sog. "Investitionsgütermonopole" in Ländern der Dritten Welt (sei es nun in Form von Exporten oder in Form von dort er- richteten Produktionsstätten) noch größer ist als etwa in der BRD. 5) Zu fragen wäre dann nach der Funktion solcher Aktivitäten für die Industrialisierung bzw. Nicht-Industrialisierung oder De- formierung der Industrialisierung von ELn. Ähnliche Fragen ließen sich zu den Ausführungen der Autoren über die "Interessen von Leichtindustrie und Landwirtschaft" machen; hier werden z.T. alt- bekannte Sachen (z.B. die Untersuchungen von H. Bachmann) wieder- gekäut, z.T. unklare Andeutungen über "Leichtindustrie" (?), die "lohnintensiv" (?) sein soll, gemacht. Statt konkreter Untersu- chung bieten die Autoren unkritisch ein Sammelsurium von Zitaten von imperialistischen Agenten auf, die ihre Thesen erhärten sol- len. Dabei fällt ihnen, wie es scheint, gar nicht auf, daß sie ohne jeglichen Kommentar widersprüchliche Thesen dieser Ideologen wiedergeben und sie für die reine Wahrheit halten. So z.B. geben sie gegen die im großen und ganzen zutreffende Behauptung von K. Steinhaus, daß bei einem Aufbau einer eigenen Stahl-, Maschinen-, Elektro- und chemischen Industrie in der Dritten Welt Absatz- märkte für die imperialistischen Länder ausfallen würden, einem Autor des "Deutschen Übersee-Instituts", Peter Müller, das Wort und empfinden sein Fazit als zutreffend. Hierin finden sich zwei einander widersprechende bzw. in ihrer Aussagekraft für die Indu- strialisierung von ELn erst zu entschlüsselnde Behauptungen: näm- lich, daß die Importsubstitution im Laufe des "industriellen Wachstumsprozesses" eine immer geringere Rolle spielen werde (These 3) und andererseits, daß die Importsubstitution nicht zu einer Abnahme, sondern Zunahme der Importe führen werde (These 5). Es ist nicht zu bestreiten, daß bislang die Importsubstitu- tion in den meisten Ein nicht zu einer Importreduktion, sondern zu einer Importausweitung geführt hat. Doch verbergen sich hinter dem Begriff "Importsubstitution" sehr verschiedene Entwicklungs- prozesse, die auf keinen Fall umstandslos mit "industriellem Wachstum" gleichgesetzt werden können. Denkbar ist zum Beispiel jene - heute wahrscheinlich in den ELn überwiegende - Form der Importsubstitution, die aufgrund ihres spontanen und ungeplanten Charakters zu weiteren Verzerrungen in der Produktionsstruktur, zu Polarisierungen in der Einkommensstruktur, zur Niederlassung ausländischer Konsumgüterkonzerne und zu erheblichen Wachstums- verlusten geführt hat. Es muß bezweifelt werden, ob unter diesen Gegebenheiten - trotz temporären Anstiegs der Importe - diese in ausreichendem Maße zur erweiterten Reproduktion beizutragen ver- mögen. Viel eher ist zu vermuten, daß beim Verlangsamen oder bei der Beendigung der Importsubstitution der Importbedarf für eine erweiterte Reproduktion nicht über die aktuellen, aufgrund der uneffektiven Produktionsstruktur beschränkten Importkapazitäten gedeckt werden kann. D.h. gleichzeitig, daß der gestiegene Import weitgehend zur Aufrechterhaltung und S t a b i l i s i e r u n g der einfachen Reproduktion benutzt werden muß und daher länger- fristig die Möglichkeit zu weiteren Importsteigerungen skeptisch einzuschätzen ist. Auf der anderen Seite kann Importsubstitution durchaus den langsamen Aufbau einer ausgewogenen Produktions- struktur bedeuten, bei der dann allerdings der spätere Import sehr gezielt und in eingeschränktem Maße vorgenommen werden kann. Daß also eine durch Importsubstitution bedingte mittelfristige Steigerung der Importe eine Industrialisierung weiter hintertrei- ben kann und nicht Ausdruck eines fortschreitenden Industriali- sierungsprozesses zu sein braucht, wird von den Autoren nicht er- wogen. Statt dessen wird hochtrabend davon gesprochen, daß sie "nachgewiesen" (!) hätten, die "Exportmonopole" unterstützten "reformkapitalistische Regierungen" in der Dritten Welt. Ebenso wird undifferenziert und apodiktisch behauptet, daß die "wirtschaftliche Entwicklung" der Dritten Welt die "Basis" der erweiterten Reproduktion der "Exportmonopole" darstelle. (S. 106) Auch scheint der Hinweis, die BRD werde aufgrund ihrer stark auf Investitionsgüter ausgerichteten Exportstruktur am meisten von dieser Entwicklung profitieren, wenig bedacht zu sein. Denn ob- wohl die BRD wohl seit Mitte der fünfziger Jahre eine solche Ex- portstruktur aufweist, ist ihr Anteil an den Gesamtexporten der kapitalistischen IL in die EL viel kleiner als der der USA, Frankreichs, GBs und Japans; ebenso ist der Teil der Gesamtex- porte der BRD, der durch Länder der Dritten Welt aufgenommen wird, kleiner als bei den anderen kapitalistischen Hauptländern. Der Rückgang des Anteils der Exporte der kapitalistischen Indu- strieländer in die EL an den Weltexporten von 1956 ca. 28% auf 1965 21% findet seine Parallele in den entsprechenden Zahlen für die BRD: 1956 ca. 21%, 1965 ca. 14%. Ferner stellt die OSI-Gruppe fest, daß zwischen den "Exportmono- polen" und den "extraktiven Monopolen" ein scharfer Interessen- gegensatz insofern besteht, als erstere einen reformkapitali- stischen Weg für die EL anstreben, während letztere "mit den entwicklungshemmenden Kompradoren" (S. 106) kollaborieren. Die Interessen der imperialistischen Investoren, gleichgültig in welchem Sektor sie sich niederlassen, sind im Prinzip gleichgear- tet. Wie künstlich und realitätsfremd dieser "Widerspruch" ist, kann man aus folgenden Überlegungen und Beispielen ersehen. Er- stens sind beide "Gruppen" der imperialistischen Bourgeoisie nicht immer gleichzeitig im gleicher» Land zu finden; ihre Poli- tik unterscheidet sich dadurch jedoch nicht. Wo nur eine "Gruppe" zu finden ist, wie z.B. in Mexiko (im "sekundären Sektor") ist ihre Politik nicht grundsätzlich verschieden etwa von der in Chile, wo ihre Haupttätigkeit sich auf den Bergbau erstreckt. Zweitens: Wo Vertreter beider "Gruppen" gleichzeitig in einem Land anzutreffen sind, sind keinerlei Interessendivergenzen fest- zustellen. Bisher ist jedenfalls kein gegenteiliger Fairbekannt- geworden: in der Form etwa, daß sich in einem EL Colgate Palmo- live und Standard Oil New Jersey gegenseitig das Wasser abgegra- ben hätten oder in eine scharfe Auseinandersetzung über die je- weilige "Entwicklungsstrategie" eines gemeinsam ausgebeuteten Landes geraten wären. Die von den Autoren in angeblich differen- zierter Betrachtung gefundenen Widersprüche zwischen den einzel- nen Fraktionen der imperialistischen Bourgeoisie verflüchtigen sich vollends, wenn auch der an sich naheliegenden Tatsache Be- achtung geschenkt wird, daß gerade die in der Dritten Welt akti- ven Großkonzerne in der Regel auf horizontaler, vertikaler oder diagonaler Konzentration beruhende Monopolunternehmen sind. Ein Beispiel für den letzteren Fall bilden die Cerro de Pasco-Berg- baugesellschaft und die W.R. Grace Co. (beide US-amerikanisch). Die Cerro de Pasco hat ihre Finger in Peru im Kupferbergbau, in der Viehwirtschaft und in verschiedenen verarbeitenden Indu- strien. Noch eindeutiger ist dies bei der W.R. Grace Co., die nicht nur in Peru, sondern auch in einer Reihe anderer lateiname- rikanischer Länder Monopolstellungen inne hat. Sie besitzt in Peru Zuckerrohrplantagen (vor kurzem von der Militärjunta ent- eignet), Papierindustrie, Glas- und Nahrungsmittelunternehmen, bis vor kurzem die Fluggesellschaft PANAGRA (Panamerican-Grace), die Schiffahrtsgesellschaft Grace-Line und eine Export-Import- Firma. 6) Für den vertikalen Verbund ist als Beispiel die brasi- lianische Ferteca, S.A., eine Gemeinschaftsgründung deutscher Stahlkonzerne (August-Thyssen-Hütte, Rheinische Stahlwerke, Hoesch AG und die Friedrich Krupp Hüttenwerke) mit brasiliani- schen Anteilseignern zu nennen. Diese der verarbeitenden Grund- stoff- und Produktionsgüterindustrie zuzurechnenden Konzerne sind "am weiteren Ausbau der brasilianischen Eisenerzförderung inter- essiert". 7) Das Interesse der deutschen Elektroindustrie am ge- sicherten und billigen Bezug von Kupfer und Aluminium oder der chemischen Industrie an Erdöl und Kohlewasserstoffen dürfte nicht geringer 'Sein, Diese' Zusammenhänge sind schließlich auch in das Bewußtsein der Autoren getreten;, was sie jedoch nur als weiteres komplizierendes Moment empfunden haben und ihre Kernthese unbe- rührt ließ. Anstatt "der vielseitigen Aktivität der in Übersee engagierten Monopole weiter nachzugehen, behalfen sie sich mit folgender nichtssagender Formel "Eine Bewegungsform erhält dieser Widerspruch nur in Gestalt re- form-kapitalistischer Regierungen des oben genannten zweiten Typs, Regierungen, die die kapitalistische Entwicklung ihrer Län- der durch Begünstigungen des Auslandskapitals vortreiben wol- len..." (S. 106) Eine kritische Prüfung der vorgetragenen Thesen muß aber vor al- lem auf die zentrale Behauptung der Autoren hinsteuern. Die auch von den imperialistischen Ideologen verbreitete Auffassung der Interessenkoinzidenz zwischen den Gesamtinteressen der imperiali- stischen Lander bzw. deren stärkster Interessengruppen und den "entwicklungswilligen" und "dynamischen" Gruppen der EL (von den Autoren "reformkapitalistische Regierungen" genannt) wird von ih- nen in keiner Weise ausgeführt und belegt. Diese auf falschen Be- griffen, ungenügender Tatsachenkenntnis und falschen Interpreta- tionen basierende Fiktion wird schließlich am Ende des Aufsatzes von den Autoren selbst destruiert bzw. als mit der Realität nicht übereinstimmend denunziert. So kommen sie zu dem Resultat, daß die beiden "reformkapitalistischen" Vehikel einer raschen Indu- strialisierung (eigenständige Industrialisierungspolitik einer nationalen Bourgeoisie oder eine vom Auslandskapital besorgte ra- sche Industrialisierung) nicht existieren oder aber die von unse- ren Autoren ihnen zugedachte Rolle nicht übernehmen wollen und oder können. Das von ihnen gezogene Fazit: "Für die Länder der Dritten Welt bedeutet dies zweierlei: Entwicklung der Unterent- wicklung und ökonomische Beherrschung durch die kapitalistischen Industrieländer" 110) läßt die Frage nach dem Sinn und nach der Richtigkeit aller vorherigen "differenzierten" Betrachtungen auf- kommen. Der letzte Rettungsversuch ihrer Konstruktion gipfelt in der Behauptung, daß die langfristigen Interessen der "Export- monopole" an ein rasches Wachstum der nationalen Industrien in den EL gekoppelt seien. Unglücklicherweise verhindern die "kurzfristigen" Interessen der Exportmonopole sowie die Einflüsse anderer räuberischer Fraktionen des Auslandskapitals eine solche schnelle Entwicklung einer einheimischen Industrie in den EL. Auch kann sich anscheinend der im langfristigen kapitalistischen Gesamtinteresse rational handelnde Staat nicht gegenüber all der Kurzsichtigkeit der Monopole durchsetzen! Offensichtlich lassen sich die sogenannten "langfristigen" oder "systemrationalen" Interessen des Kapitals oder besser: vieler Kapitale kaum definieren, geschweige denn realisieren. Der ihm eingepflanzte Verwertungs- und Herrschaftstrieb drängt das Kapital beständig zur Erweiterung und Expansion. Das Kapital ist maßlos. Diese Maßlosigkeit findet ihre Schranke an der Gegenwehr der ihm Unterworfenen - oder aber an sich selbst. "Die w a h r e S c h r a n k e der kapitalistischen Produktion ist d a s K a p i t a l s e l b s t." (Marx) Das stets gegenwärtige Wi- derspruchsvolle seiner Produktions- und Expansionsweise macht je- den Gedanken an ein "langfristiges, rationales Interesse" immer wieder zunichte. Das Phänomen des klassischen Imperialismus und des modernen Neokolonialismus wäre sonst ebensowenig zu erklären wie das Entstehen sozialistischer Staaten. Dieter Boris, Luis Alberto Castillo _____ 1) Vgl. hierzu: H. Sieber: DIE REALEN AUSTAUSCHVERHÄLTNISSE ZWI- SCHEN ENTWICKLUNGSLÄNDERN UND INDUSTRIELÄNDERN, Tübingen/Zürich 1968 und A. Imannuel: L'ECHANGE INEGAL, Paris 1969; (mit Vorwort und kritischen Bemerkungen von CH. Bettelheim). 2) Siehe hierzu: B. Schüngel, in: DAS ARGUMENT 51, S. 81 f. 3) Es ist erstaunlich, daß die Autoren die Studien von B. Schün- gel n i c h t bzw. erst in einem relativ nebensächlichen Zusam- menhang erwähnen. 4) Vgl. DWI-Forschungsheft 1/1967, S. 16. 5) Die Meldung des Vereins Deutscher Maschinenbauanstalten (VDMA), daß der westdeutsche Maschinenbau die meisten Auslandsin- vestitionen in Brasilien (rd. 170 Mio DM) getätigt habe (vgl. FR v. 23.7.70), scheint auf den ersten Blick in die Richtung der Ar- gumentation der OSI-Gruppe zu weisen. Doch bevor hieraus weitreichende Schlüsse gezogen werden, müßten noch eine Reihe von Fragen beantwortet werden: nimmt Brasilien nicht eine Sonderstel- lung ein oder wann kommen die anderen EL in der Reihenfolge der Länder, in denen Auslandsinvestitionen der Maschinenbau-Industrie vorgenommen werden? Wie hoch ist der Anteil der im Ausland arbei- tenden Unternehmen an der Branche? (Laut der genannten Pressemel- dung 16%; die chemische, die Auto- und die elektrotechnische In- dustrie dürfte einen weit höheren Anteil aufweisen) Ebenso ist der absolute Wert der Auslandsanlagen dieser Zweige 1965 dreimal bis doppelt so hoch gewesen wie der der Maschinenbauindustrie (Vgl. F. Heidhues: ZUR THEORIE DER INTERNATIONALEN KAPITALBEWE- GUNGEN, Tübingen 1969, Tab. 2-XX, S. 136 f.) Wie haben sich in- zwischen die Zuwachsraten entwickelt? etc. Alle diese Fragen müß- ten bei so gewichtigen Thesen wie sie von den OSI-Autoren ausge- sprochen werden, zumindest als Problemstellung auftauchen. Unter- suchungen darüber fehlen bislang. 6) Vgl. hierzu: J. Petras und N. Rimensnyder: "What is happening in Peru? ", in: MONTHLY REVIEW, Febr. 1970, Vol. 21, H. 9, S. 15- 28. 7) NZZ v. 27.6.1970, Fernausgabe 174. zurück