Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970
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Dokumente und Materialien zum revolutionären Kampf in Brasilien
DEM BRASILIANISCHEN VOLK
Erklärung von Marighella - Verlesen im Sender Radio Nacional de
Sao Paulo, am 15. August, während der zeitweiligen Übernahme des
Senders durch ein bewaffnetes Kommando der revolutionären Kräfte.
Als Anhänger des revolutionären Krieges haben wir uns in Brasi-
lien mit allen unseren Kräften diesem Krieg gewidmet. Die Polizei
beschuldigt uns, Kriminelle und Fiäuber zu sein. Aber wir sind
Revolutionäre, die mit Waffen gegen die jetzige brasilianische
Diktatur und den nordamerikanischen Imperialismus kämpfen.
Unsere Ziele sind:
1. Die Militärdiktatur zu stürzen, alle ihre Maßnahmen und Ge-
setze seit 1964 zu annullieren und eine revolutionäre Volksregie-
rung zu bilden.
2. Die Nordamerikaner aus dem Land hinauszuwerfen, alle ihre Fir-
men, Güter und allen ihren Landbesitz zu enteignen, und ebenfalls
das Eigentum derjenigen zu enteignen, die mit ihnen zusammenar-
beiten.
3. Die Großgrundbesitzer zu enteignen, mit dem Großgrundbesitz
aufzuräumen, die Lebensbedingungen der Arbeiter, der Landarbei-
ter, Bauern und der Mittelschichten zu verändern und zu verbes-
sern', und zugleich endgültig die Erhöhungen der Steuern, der
Preise und der Mieten abzuschaffen.
4. Die Zensur aufzuheben, die Pressefreiheit, die Organisations-
freiheit und die Freiheit der Kritik einzuführen.
5. Brasilien aus dem Zustand eines Satelliten der Außenpolitik
der USA zu befreien und gleichzeitig auf Weltebene zu einem unab-
hängigen Staat zu machen. Gleichzeitig werden wir die Beziehungen
zu Cuba und zu allen anderen sozialistischen Staaten aufnehmen.
WAFFEN UND GELDMITTEL
Um die Militärdiktatur zu stürzen und um die obigen Ziele zu er-
reichen, erhalten wir vom Ausland weder Waffen noch Geld.
Die Waffen verschaffen wir uns im eigenen Land. Es sind Waffen,
die bei Überfällen auf Polizeistationen erbeutet werden. Oder es
sind Waffen, die revolutionäre Militärs der Revolution zur Verfü-
gung stellen, indem sie aus dem Heer der Diktatur desertieren,
wie das der Hauptmann Lamarca tat, ebenso wie die tapferen Unter-
offiziere und einfachen Soldaten, die ihn beim Abzug aus der Ka-
serne von Quitauna begleitet haben. Wir hoffen, daß solche demon-
strativen Akte weiterhin stattfinden, zur Verzweiflung und Demo-
ralisierung der Gorillas, die unser Land regieren, und zur Stär-
kung der Revolution.
Was das Geld betrifft, so ist allgemein bekannt, daß die bewaff-
neten revolutionären Gruppen Bankendes Landes überfallen und da-
bei jene enteignen, die sich durch die brutale Ausbeutung des
brasilianischen Volkes bereichert haben. Die Legende des "Goldes
aus Moskau, Peking oder Havanna" gibt es nicht mehr!
Die Bankiers können sich nicht beklagen. Allein im vorigen Jahr
haben sie einen Gewinn von 400 Milliarden alte Cruzeiros gemacht.
Auf der anderen Seite erhält ein Bankenangestellter einen Lohn
auf dem Existenzminimum und muß 25 Jahre arbeiten, um das Dop-
pelte dieses elenden Lohnes zu erhalten. Die Regierung hat ihrer-
seits auch kein Recht, etwas gegen die Enteignungen zu sagen, da
ihre korrupten Minister, wie z.B. Andreaza, Appartments im Werte
von einer Milliarde alte Cruzeiros besitzen und Provisionen von
ausländischen Firmen erhalten.
AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN
Die Diktatur klagt uns an, Überfälle und Morde zu organisieren,
aber sie sagt nicht, daß sie es war, die Edson Souto, Marco Anto-
nio Braz Calvalho, "Escoteiro" Nelson, Jose de Almeida, den Ge-
freiten Lucas und viele andere Patrioten ermordet hat. Und sie
sagt nichts über die Folterungen, die an den Häftlingen verübt
werden, wie das "pau-de-arara" +), die Elektroschocks und andere,
vor denen sich sogar die Nazis schämen würden.
Die barbarischen Mittel, die die Diktatur bei der Bekämpfung und
Unterdrückung des Volkes anwendet, haben allein den Zweck, die
Interessen der Militärs, die an der Macht sitzen, der großen Ka-
pitalisten, der Großgrundbesitzer und des Imperialismus der USA
zu verteidigen. Im Gegensatz dazu stehen die Mittel, die die Re-
volutionäre in ihrem Kampf gegen die Militärdiktatur anwenden. Es
sind legitime Mittel, die patriotischen Gefühlen entspringen.
DER KAMPF HAT SCHON BEGONNEN
Der Kampf hat schon begonnen. In einem Jahr haben die bewaffneten
Gruppen es erreicht, den Feind hart zu bestrafen, und er beklagt
schon viele Tote. Gegen seinen Willen sieht er sich gezwungen,
die Existenz des revolutionären Krieges zuzugeben.
Seit dem Beginn ihrer Aktionen bis jetzt haben die bewaffneten
Gruppen nationale und ausländische Banken sowie Versicherungs-
agenturen des Kapitals und der Banken enteignet und haben somit
das brasilianische Banknetz stark gestört. Wir werden in Zukunft
auch die großen Kaufleute, die imperialistischen Firmen, die Bun-
desregierung und die Regierungen der einzelnen Staaten enteignen.
Innerhalb des Aktionsplanes wurde auch von den bewaffneten Grup-
pen die Guerillaoperation durchgeführt, die heldenhaft den Ge-
freiten Antonio Prestes und die anderen Genossen befreiten, die
im Gefängnis Lemos de Brito, inmitten von Rio de Janeiro gefangen
gehalten wurden. Die Hinrichtung des nordamerikanischen Haupt-
manns Charles Chandler, eines Kriegsverbrechers des Vietnam-
krieges, der als Spion des CIA nach Brasilien kam, ist ein weite-
rer Beweis dafür, daß die bewaffneten Gruppen die Souveränität
und die nationalen Interessen Brasiliens verteidigen. Die Demon-
strationen gegen Rockefeller, die hauptsächlich in Rio, Sao Paulo
und Brasilia stattfanden, und bei denen die Studenten eine her-
vorragende Rolle spielten, sind Zeugnis dafür, daß die Imperiali-
sten in ganz Brasilien verachtet sind und daß sie nur bei der Mi-
litärdiktatur ihre Stütze finden. Dies ist eine Diktatur, die ih-
ren Verrat an den nationalen Interessen so offen gezeigt hat, daß
er auch von den Gorillas nicht mehr verdeckt werden kann.
EIN LANGER KRIEG
Der revolutionäre Krieg, den wir jetzt führen, ist ein langer
Krieg, und es ist notwendig, daß alle in ihm teilnehmen. Es ist
ein unbarmherziger Kampf gegen den nordamerikanischen Imperialis-
mus und gegen die brasilianische Diktatur, die nichts anderes ist
als eine Agentur der USA innerhalb unseres Landes. Der revolutio-
näre Krieg ist die Fortsetzung des heldenhaften Kampfes von Che
Guevara, der in Bolivien für die Befreiung ganz Lateinamerikas
begonnen wurde. Es ist ein harter Kampf, dessen Ziel die voll-
ständige Transformation der brasilianischen Gesellschaft ist.
Der Befreiungskampf des Volkes hat weder eine zu große Eile nö-
tig, noch sind ihm irgendwelche Termine gesetzt. Er ist kein
Staatsstreich, kein militärischer Putsch, und keine Farce, bei
der bloß die Machthaber ausgewechselt werden, ohne daß die Klas-
senstruktur der brasilianischen Gesellschaft von Grund auf verän-
dert wird. Alle bewaffneten revolutionären Gruppen, die jetzt den
Kampf führen, müssen weiterhin in der Stadtguerilia bleiben, so
wie wir es bisher systematisch gemacht haben. Wir müssen von al-
len Seiten angreifen, mit vielen verschiedenen bewaffneten Grup-
pen, mit kleinen organisierten Einheiten. Auch dann, wenn diese
Gruppen untereinander nur schwach oder gar nicht verbunden sind.
Dadurch werden die Kräfte der Diktatur zersplittert.
Wir müssen beständig und gleichmäßig die Unruhe vermittels der
Stadtguerilla erhöhen, und zwar durch eine unendliche Reihe von
unvorhersehbaren Aktionen. Die Truppen der Diktatur werden dann
die Stadt nicht verlassen können, ohne das Risiko zu laufen,
diese völlig ungeschützt den revolutionären Kräften zu überlas-
sen. Dieser für die Diktatur unheilvolle Umstand wird es ermögli-
chen, den revolutionären Krieg auf dem Land zu entfachen,
zugleich mit einem unkontrollierbaren Anschwellen des Aufstandes
in der Stadt.
Bei unserem Versuch, die Massen für den Kampf gegen die Militär-
diktatur und für die Befreiung des Landes von der imperialisti-
schen Unterdrückung zu gewinnen, muß unser nächster Schritt der
Kampf auf dem Lande sein.
DAS JAHR DER GUERILLA AUF DEM LAND
Dieses Jahr wird das Jahr der Landguerilla sein. Das ist der Au-
genblick und die Gelegenheit für alle Bauern und Landarbeiter,
deren Kenntnis des Geländes, deren Beweglichkeit gegenüber dem
Feind, deren Kommunikationsfähigkeit mit allen Ausgebeuteten, Un-
terdrückten und Gedemütigten des ganzen Landes eine schreckliche
Waffe der Revolution ist. In dieser zweiten Phase der Revolution
werden wir das Land erschüttern. Wir werden den Großgrundbesitz
beseitigen, die Großgrundbesitzer enteignen, ihre Plantagen ver-
brennen, ihr Vieh schlachten, um den Hunger der Hungernden zu
stillen. Wir werden die Landgüter besetzen, die "grileiros" hin-
richten, und ebenso die Nordamerikaner, die über diese "grilei-
ros" ihre schmutzigen Geschäfte des Landkaufs abwickeln. Wir wer-
den die gleiche Unruhe und die gleiche Angst auf die großen Land-
güter bringen, die jetzt bei den Militärs, bei den Imperialisten
und in den herrschenden Klassen in der Stadt existiert.
Ohne die Stadtguerilla zu verlassen, müssen die bewaffneten Grup-
pen vermittels ihres heldenhaften Kampfes die Entwicklung der
Guerilla auf dem Land vorantreiben.
Unser Bestreben muß es sein, die Entwicklung und Festigung der
bewaffneten Allianz zwischen Bauern und Landarbeitern einerseits
und Stadtarbeitern andererseits und ihre Verbindung mit den Stu-
denten, Intellektuellen, Angehörigen der Kirche und den brasilia-
nischen Frauen zu erreichen. Diese Allianz ist die wesentliche
Grundlage des Kampfes auf dem Land und der Guerilla in der Stadt.
Aus dieser Allianz wird das revolutionäre Befreiungsheer des Vol-
kes hervorgehen.
Alles für die Einheit des brasilianischen Volkes!
Nieder mit der Militärdiktatur!
Nieder mit den Imperialisten!
Carlos Marighella
_____
+) Das "pau-de-arara" besteht darin, daß die Person an Händen und
Füßen gefesselt und an einen langen Stock gehängt wird; der Kopf
hängt dann nach unten. Die Person wird tagelang ohne Nahrung und
ohne Flüssigkeit so hängengelassen, wobei durch Schläge, Ausrei-
ßen der Nägel, Verbrennungen, usw. verhindert wird, daß sie
schlafen kann.
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