Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970


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       Peter Costas, Jochen Schulz zur Wiesch, Elisabeth Stein
       

JUGOSLAWIEN AUF DEM 'DRITTEN WEG' - ZUM KAPITALISMUS

Von den sozialistischen Ländern - vor und nach den tschechoslowa- kischen Ereignissen - ist Jugoslawien das Lieblingskind der bür- gerlichen Propaganda, abgesehen von unsystematischen, vereinzel- ten 'kritischen Notizen'. Die Wirkung dieser Propaganda ist nicht nur bei den linken Antikommunisten manifest, die das jugoslawi- sche Modell als 'fortschrittlich', 'human', 'demokratisch' hoch- preisen, sondern auch bei einigen Genossen. Dies veranlaßte uns, die jugoslawischen Verhältnisse zu analysie- ren; damit hoffen wir, der linken Bewegung in der BRD und West- berlin eine Orientierungshilfe über Jugoslawien zu liefern, um einen Teil zur Diskussion der politischen Linie beizutragen. Es wäre falsch, die jugoslawischen Verhältnisse auf andere sozia- listische Länder zu übertragen. Trotzdem - die ökonomischen Prin- zipien, die in den europäischen sozialistischen Ländern einge- führt worden sind, haben gewisse Ähnlichkeiten mit denen Jugosla- wiens. Die zukünftige Arbeit und Diskussion im Rahmen der SOPO hat die gemeinsamen und unterschiedlichen politischen und sozio- ökonomischen Ursachen der einzelnen Entwicklungen in diesen Län- dern zu analysieren. Darüber hinaus ist eine Analyse der Probleme der Übergangsphase überhaupt notwendig. In diesem Artikel und in dieser Phase der Diskussion wäre eine theoretische Abhandlung über die Problematik der Übergangsphase, in der sich die sozialistischen Länder befinden, fehl am Platz. Diese Auffassung beruht nicht auf Theoriefeindlichkeit oder Unfä- higkeit zur Abstraktion, sondern auf der Erkenntnis, daß ohne "die konkrete Analyse der konkreten Situation" theoretische Ab- handlungen Rationalisierungen der eigenen Unkenntnisse sind und politisch falsche Akzente setzen können. Wir haben bewußt viel empirisches Material benutzt, nicht nur um unsere theoretische Position zu untermauern, sondern um dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Urteil bilden zu kön- nen. Freilich ist das Material von unserem Gesichtspunkt aus schon 'selektiert'. Wir haben versucht, jugoslawisches und UNO-Material zu verwenden, aber es war darüber hinaus unausweichlich, bürgerliche Quellen heranzuziehen. Da die bürgerliche Publizistik Jugoslawien eher in einem positiven Licht darstellt, war diese Entscheidung leichter als beispielsweise bei einer Arbeit über die DDR. Rückblickend und gemäß unserer Bewußtseinsentwicklung ist uns folgender Fehler unterlaufen: Wir haben nicht genügend die Rolle der Partei und des Überbaus in der Übergangsphase berücksichtigt. Dies wäre nicht nur in bezug auf die jugoslawische Entwicklung wichtig, sondern auch für die aktuelle Organisationsdebatte der Linken in der BRD, insofern als sich die jugoslawische Partei nicht mehr als eine streng 'orthodoxe' marxistisch-leninistische Kaderpartei versteht ( sie nennt sich dementsprechend nicht mehr KPJ, sondern BKJ - Bund der Kommunisten Jugoslawiens). Auch die oppositionellen Gruppierungen innerhalb und außerhalb der KPJ bzw. BKJ haben wir nicht genügend berücksichtigt, d.h. wir haben die politische Entwicklung in ihren Widersprüchen nicht erfaßt. Auch die Verhältnisse in der Landwirtschaft haben wir nur im Zu- sammenhang mit anderen gesellschaftlichen Prozessen dargestellt. Der schwerwiegendste Fehler war die Nichtbeachtung praktischer Bedürfnisse der Genossen, die die absolut notwendige politische Arbeit in den Betrieben und in der Parteiinitiative leisten. Z.B. wäre eine Analyse der DDR - wir können vorwegnehmen, daß das Er- gebnis anders ausfallen würde - vom Aspekt einer politischen Mas- senlinie wichtiger. Wir schreiben diese Selbstkritik keineswegs, um uns gegen Kritik zu feien, sondern in der Hoffnung, daß Genossen, die Beiträge in der SOPO und anderen linken Zeitschriften veröffentlichen, diese Fehler vermeiden. 1. Der Übergang von der Planwirtschaft -------------------------------------- zur 'sozialistischen Marktwirtschaft' ------------------------------------- 1.1 Jugoslawiens Bruch mit dem Kominform ---------------------------------------- Am Ende des 2. Weltkrieges war die einzige von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützte Macht die von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens angeführte Volksbefreiungsarmee. Dies ermöglichte der KPJ bereits 1946 eine Nationalisierung der wichtigsten Indu- strie- und Handelsunternehmungen. Die Enteignung ging ohne große soziale Konflikte vor sich, weil erstens die Mehrheit der Bevöl- kerung die Politik dieser Regierung, die zum großen Teil aus Par- tisanen bestand, billigte, und sich zweitens die schwach entwic- kelte Bourgeoisie besonders im Norden durch die Kollaboration mit den Nazis diskreditiert hatte und drittens ohnehin rund 46% der Vorkriegsproduktion in der Hand ausländischen Kapitals gelegen hatte. 1) Bei diesen Maßnahmen leistete die Sowjetunion politi- sche Unterstützung. Jugoslawien und die Sowjetunion waren nach Kriegsende zunächst eng verflochten. Die Sowjetunion unterstützte die KPJ außenpoli- tisch in bezug auf die Triestfrage und die jugoslawischen Ansprü- che auf Teile Kärntens. Die ökonomische Verflechtung mit der UdSSR äußerte sich in der sowjetischen Hilfe in Form dringend benötigter Waren, Kredite und Industrieanlagen sowie in der Bil- dung gemeinsamer Aktiengesellschaften. Allerdings verfügte die KPJ im Vergleich zu anderen kommunistischen Parteien in Osteuropa über eine selbständige politische Position gegenüber der So- wjetunion, die sich primär aus dem eigenständigen Partisanenkampf ergab. Diese politische Selbständigkeit äußerte sich zum Beispiel darin, daß Tito sich entgegen den Wünschen der UdSSR um eine Bal- kanföderation unter jugoslawischer Führung bemühte. Daraus kann allerdings nicht auf eine planvolle Vorbereitung des Bruches mit Moskau geschlossen werden. Die Sowjetunion, die die Einheit aller sozialistischen Länder be- sonders in der Zeit des Kalten Krieges anstrebte, sah in einem Zusammenschluß der sozialistischen Balkanländer unter einer ei- genwilligen jugoslawischen Führung eine Gefährdung dieses Zieles. 1948 stellte Moskau folgende Forderungen an Jugoslawien: Konsultationen über die Außenpolitik; Einstellung der Unterstüt- zung des griechischen Partisanenkampfes (was Jugoslawien 1949 tat); Verzicht auf eine große Balkanföderation (unter Einfluß Ru- mäniens). Diese Forderungen wurden von Jugoslawien abgelehnt. Stattdessen verlangte es die Reduzierung der Gehälter für die sowjetischen Experten, da diese angeblich den Staatshaushalt zu sehr belaste- ten und bei der Bevölkerung einen ungünstigen Eindruck machten. Der wahre Grund war, daß die Jugoslawen trotz des Kalten Krieges im militärischen Bereich keine sowjetische Einmischung wünschten. Daraufhin rief Moskau seine Experten zurück. Es folgte ein länge- rer, aufschlußreicher Briefwechsel zwischen dem ZK der KPdSU so- wie anderen kommunistischen Parteien der Kominform-Länder und dem ZK der KPJ. 2) Besonders empfindlich wurde in Jugoslawien registriert, daß Sta- lin versuchte, die Leistung der Partisanen im 2. Weltkrieg herab- zusetzen, indem er behauptete, die jugoslawischen Kommunisten seien nur durch das Eingreifen der Sowjets an die Macht gekommen. Ein anderer Stein des Anstoßes war die Entwicklung der jugosla- wisch-sowjetischen Aktiengesellschaften 3) JUSTA (Flugtransport- AG) und JUSPAD (Schiffahrt-AG). Der JUSTA gelang es, einen großen Teil des Luftverkehrs auf sich zu konzentrieren, wodurch eine rein jugoslawische Fluggesellschaft benachteiligt wurde. Außerdem befürchteten die Jugoslawen, daß der sowjetische Direktor der Ge- sellschaft die Kontrolle über den gesamten jugoslawischen Luft- raum gewinnen könnte. Bei der Bildung der JUSPAD bekam die S.U. das Recht, Schiffe aus der jugoslawischen Flotte auszuwählen. Ju- goslawien mußte seine am besten ausgerüsteten Schiffe in die Ge- sellschaft einbringen. Nach jugoslawischen Angaben nahm die JUSPAD von den Jugoslawen einen dreifach höheren Frachttarif als von den Sowjets. Falls die JUSPAD Aufträge an andere Schiffahrts- gesellschaften zu vergeben hatte, umging sie nach Möglichkeit die jugoslawischen und wandte sich an eine sowjetische Gesellschaft. Die jugoslawischen Unternehmen fühlten sich durch diese Praktiken benachteiligt. Die Aufspaltung der Gewinne, die Steuer-, Zoll- und anderen Außenhandelsprivilegien sowie der zusätzliche Geldab- fluß durch die Auftragspolitik der Aktiengesellschaften belaste- ten die jugoslawische Zahlungsbilanz. Die Jugoslawen klagten die S.U. der Ausbeutung des jugoslawischen Volkes an. 4) Das Kominform nahm am 28. Juni in Abwesenheit der jugoslawischen Delegation eine Entschließung über die "Lage der kommunistischen Partei Jugoslawiens" an, die praktisch den Ausschluß aus dem Kominform bedeutete. Die Resolution warf den Jugoslawen innen- und außenpolitisch schwere Abweichungen vom Marxismus-Leninismus vor; i n n e n p o l i t i s c h: anstatt Intensivierung Abschwächung des Klassenkampfes; insbesondere werde die Klassendifferenz in- nerhalb der Bauernschaft (Klein-, Mittel- und Großbauern) überse- hen; die These, die Bauern seien das stabile Element im Staat, verstoße gegen die Lehre von der führenden Rolle des Proletari- ats; die KP habe ihre führende Rolle an die Nationale Front abge- geben; es gebe keine innerparteiliche Demokratie; die Soziali- sierungsmaßnahmen in der Industrie und besonders im Handel seien zu hastig vorgenommen worden, so daß Versorgungsschwierigkeiten für die Bevölkerung entstünden; die jugoslawische Führung treibe in grenzenlosem Ehrgeiz eine demagogische, abenteuerliche und nicht praktikable Politik; a u ß e n p o l i t i s c h: unfreundliche, ja feindselige Be- handlung der sowjetischen zivilen und militärischen Berater, die unzureichend informiert und vom jugoslawischen Geheimdienst be- schattet worden seien; propagandistische Verleumdung der sowjeti- schen Außenpolitik als 'imperialistisch'. "Das Informationsbüro kommt einmütig zu der Schlußfolgerung, daß die Führer der KPJ durch ihre parteifeindlichen und antisowjeti- schen Ansichten..., sich den dem Informationsbüro angehörenden kommunistischen Parteien entgegengestellt und den Weg der Abspal- tung von der sozialistischen Einheitsfront gegen den Imperialis- mus, den Weg des Verrats an der internationalen Solidarität der Werktätigen und des Obergangs zu den Positionen des Nationalismus eingeschlagen haben... Die jugoslawischen Führer begreifen offen- bar nicht oder tun möglicherweise so, als würden sie es nicht be- greifen, daß eine derartige nationalistische Einstellung nur zu einer Entartung Jugoslawiens in eine gewöhnliche bürgerliche Re- publik, zum Verlust der Unabhängigkeit Jugoslawiens und zur Ver- wandlung Jugoslawiens in eine Kolonie imperialistischer Länder führen kann." 5) Jugoslawiens Ausschluß aus dem Kominform hatte unmittelbare poli- tische und wirtschaftliche Folgen. Die Volksdemokratien hörten ohne Ausnahme nacheinander auf, ihre vertraglichen Zahlungs- und Lieferungsverpflichtungen gegenüber Jugoslawien zu erfüllen, nachdem die Preise zunächst bis zu 40% erhöht worden waren. Die diplomatischen Beziehungen wurden reduziert und schließlich, mit Ausnahme der SU, die einen Geschäftsträger in Belgrad beließ, ganz eingestellt. Nach der Kündigung sämtlicher Verträge von Sei- ten der Kominform-Staaten sah sich Jugoslawien 1949 einer absolu- ten politischen und wirtschaftlichen Blockade gegenüber, die für die jugoslawische Bevölkerung unerwartet kam. Die ehemaligen Partisanen und die politische Führung, die diese Politik der KPJ nicht befürworteten, sondern eher zu einer jugo- slawischen Selbstkritik bereit waren, wurden aus der Partei aus- geschlossen. Zwischen 1948 und 1952 waren sogar fast 14 000 Per- sonen wegen "pro-cominform activity" inhaftiert. 6) Die Anzahl der Parteimitglieder sank von 772 920 im Jahre 1952 auf 648 616 im Jahre 1956 7), aus welchen Gründen, sei dahingestellt. Wir haben versucht, nur eine kurze Darstellung des Konfliktes zu geben. Eine genaue Analyse der politischen Ursachen ist aus den veröffentlichten Informationen nicht zu erstellen; auch wäre u.a. hierfür eine Untersuchung der gesamten sowjetischen Außenpolitik unter Stalin erforderlich. Es ist jedoch zu untersuchen, in wel- chem Ausmaß die Konsequenzen, die die Jugoslawen aus dem Konflikt zogen, zu einer "Entartung Jugoslawiens in eine gewöhnliche bür- gerliche Republik" geführt haben. Vieles spricht dafür, daß die- ser Prozeß vom Verhalten der SU zwar nicht ausgelöst, wohl aber beschleunigt wurde. Diesen Schluß können wir aufgrund der Politik der jugoslawischen Kommunisten nach dem Bruch ziehen. 1.2. Ursachen für die Abkehr von der Planung -------------------------------------------- Jugoslawien war 1945 ein unterentwickeltes Land, das überdies während des Krieges beträchtliche menschliche und materielle Ver- luste erlitten hatte. 8) Um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen sowie die Indu- strialisierung des Landes in Gang zu bringen, führten die jugo- slawischen Kommunisten, orientiert an dem erfolgreichen Beispiel der Sowjetunion, 1947 eine zentrale Planung ein. Schon 1949 wurde der 1. Fünfjahresplan (1947-1951) als gescheitert angesehen, Fol- gende wirtschaftliche Schwierigkeiten haben dazu geführt: 1. Der völlige Handelsboykott durch die sozialistischen Staaten nach dem Bruch mit dem Kominform im Jahre 1948, der bis 1954 dau- erte. Zur Erfüllung des industriellen Programms war Jugoslawien auf langfristige Kredite und die Lieferung von Industrieanlagen durch die UdSSR und andere osteuropäische Länder angewiesen. Auch bürgerliche Autoren meinen, daß dies die Hauptursache für das ge- ringe wirtschaftliche Wachstum und das Scheitern des ersten Pla- nes war. 9) 2. Der starke Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion als Folge der Aufteilung gerade der mittelgroßen Bauernhöfe, die vor dem Krieg am meisten an der Produktion für den Markt beteiligt waren, und des Kollektivierungsversuchs. Um das Verlangen der Kleinbauern, die die Mehrheit der Kämpfer in den Partisanenein- heiten und einen beträchtlichen Teil der Parteimitglieder (1946 waren 50,4% der Parteimitglieder Bauern) ausmachten 10), wurde im August 1945.alles Land enteignet, das nicht von seinem Eigentümer selbst bearbeitet wurde. Die Höchstgrenze wurde ja nach Bodenqua- lität auf 25-35 ha pro Hof festgelegt. Durch diese Agrarreform wurden 6,9% der landwirtschaftlichen Nutzfläche enteignet. Die armen Bauern erhielten davon den größten Teil (pro Familie durchschnittlich 2,5 bis 5,5 ha). Die neugeschaffenen Höfe waren oft nicht einmal mit den notwendigsten Geräten ausgestattet und zu klein, um Produkte für den Markt liefern zu können. Die Regierung versuchte mit den Mitteln gezielter Steuern und Kredite, Preisfestsetzungen (die Preise für landwirtschaftliche Produkte waren damals sehr gering) 11) und Zwangsablieferungen die kapitalistischen Elemente im Dorf unter ihre Kontrolle zu bringen. Das führte gerade bei denjenigen Bauern, die zur Produk- tion für den Markt in der Lage waren, zur Einschränkung der Pro- duktion. Um die Selbstversorgungstendenzen der Bauern zu vermin- dern, die Produktion für den Markt zu steigern sowie aus politi- schen Gründen begannen die Jugoslawen 1947 mit einer unvorberei- teten Kollektivierungskampagne (bis 1951 sollten 51% der land- wirtschaftlichen Nutzfläche in Kollektiven zusammengefaßt sein, tatsächlich wurde 1951 1/5 des Ackerlandes in Kollektiven bear- beitet) 12). Die Bauern reagierten mit einem weiteren Rückgang der Produktion. 1952 wurden 850.000 Tonnen Weizen weniger produ- ziert als 1948 - nicht nur wegen der Dürre -, und gegenüber 1939 war die Weizenproduktion um 1.230.000 Tonnen gesunken 13), wäh- rend der Fünfjahresplan eine 87%ige Steigerung der gesamten land- wirtschaftlichen Produktion von 1947-1951 vorsah 14). Abgesehen von den beträchtlichen Ernährungsschwierigkeiten der gesamten Be- völkerung wurde diese rückläufige Entwicklung der Landwirtschaft zu einem Hindernis des Fortschritts in der Industrialisierung, da die Landwirtschaft nicht genügend Rohstoffe (z.B. Baumwolle, Wolle, Hanf, Flachs, Tabak, Soja, Zuckerrüben, Häute, Sonnenblu- men etc.) an die Industrie liefern konnte. Gerade die Textil- und Tabakindustrie war vor dem Krieg in Jugoslawien relativ gut ent- wickelt. Die quantitative Bedeutung der Landwirtschaft wird klar, wenn man berücksichtigt, daß 1946 etwa 55% des Nationaleinkommens aus der Landwirtschaft stammten. 15) Der Rückgang der Produktion wurde 1950 noch durch eine Mißernte infolge einer ungewöhnlichen Dürre verstärkt (die Getreideproduk- tion von 1950 entsprach nur 41% der Normalerzeugung). 16) Die krisenhafte Schrumpfung des Agrarexportes führte dazu, daß sich Jugoslawien von einem Nahrungsmittel exportierenden zu einem Nah- rungsmittel importierenden Land entwickelte, so daß die notwendi- gen Devisen zum Kauf von Fertigprodukten für den Aufbau der Indu- strie gänzlich fehlten. 17) 3. Mangelhafte Erfahrung der Planbehörden, die unrealistisch hohe Ziele setzten (dies war auch ein Kritikpunkt des Kominform). Diese Ziele (Steigerung der Industrieproduktion um 394% 18) wur- den nicht einmal bis Ende 1956 erreicht. (Bulgarien erfüllte von 1947 bis 1949 einen viel bescheideneren Zweijahresplan, um zunächst die gravierendsten Kriegsfolgen zu beseitigen). Der ge- plante Sprung von einer agrarischen (damals waren 75% der Bevöl- kerung in der Landwirtschaft tätig, heute ungefähr 50%) zu einer industriell bestimmten Wirtschaftsstruktur erwies sich innerhalb so kurzer Zeit als unmöglich. 4. Manager und technisches Personal der Betriebe lieferten falsche Informationen über Arbeitskräftebedarf, Kapazitäten, Roh- stoffverbrauch etc. Zwangsläufig gingen diese falschen Angaben in die Berechnung der Planbehörden ein, was zu falschen Plandaten führte, durch die wiederum andere Daten verfälscht wurden. Die technischen und ökonomischen Kenntnisse zur Bewältigung einer komplexen Planung waren auf allen Ebenen nicht vorhanden. Diese Gründe beziehen sich speziell auf das Scheitern des ersten Planes; allmählich bildete sich (1948-1950) durch die Erfahrung mit der SU die Meinung heraus, daß jedes System zentraler Planung - ein wesentliches Element der Staatsgewalt - zur Bürokratisie- rung führen müsse, die das Haupthindernis beim Aufbau des Sozia- lismus sei. "Die in diesem Zusammenhang geäußerten Argumente wiesen jedoch nicht so sehr auf die Unrentabilität dieses Apparates hin, sondern betonten stärker die politischen Gefahren, die durch ihn drohen. Damals wie heute definiert man in Jugoslawien 'Bürokratismus als eine selbständige Gesellschaftsfunktion, einen Staatsapparat, der sich von der Gesellschaft abgesondert hat.'" 19) So wurde z.B. auch von dem damaligen Außenminister Kardelj be- tont, daß die Bürokratie zur Entstehung von Privilegien führe. Aber auch im ökonomischen Bereich wurde die Bürokratie als Hemm- nis für die Entfaltung der Produktivkräfte bewertet. Bürokratis- mus im Unternehmen bedeute, daß die Kontrolle Von oben' zur Läh- mung der Initiative 'von unten' führe, so daß keine effiziente Arbeit geleistet werde. Es kam zur mechanischen Erfüllung des von vorneherein inkonsistenten Planes, ohne Berücksichtigung der Ko- sten, Kapazitätsausnutzung etc. Es wurde darauf hingewiesen, daß der 'zentrale bürokratische Apparat' unfähig sei, Produktions- ziele für 1 000 Einheiten im Detail zu bestimmen und daß das Ge- setz von Angebot und Nachfrage durch administrative Maßnahmen verletzt werde. Die Abkehr von der Planung und die politische Dezentralisierung wurden außerdem noch durch folgende Faktoren begünstigt: Jugoslawien wurde als einheitlicher Staat nach dem ersten Welt- krieg gegründet. Er umfaßt fünf Hauptnationalitäten, die ungefähr 88% der Bevölkerung (ca. 20 Mio.) ausmachen, und mehr als 12 Mi- noritätsgruppen. Die 88% teilen sich wie folgt auf: Serben 41,7%, Kroaten 23,5%, Slowenen 8,8%, Mazedonier 5,3%, Montenegrer 2,8%, Rest 5,9%. 20) Es gibt vier Sprachen, serbokroatisch ist für alle verständlich. Bis zum zweiten Weltkrieg gab es ständig poli- tische Konflikte zwischen den Nationalitäten. Die nördlichen Re- publiken Slowenien und Kroatien (die demographischen und verwal- tungsmäßigen Einheiten decken sich zum größten Teil) hatten vor 1945 einen Vorsprung in der Industrialisierung vor den anderen Teilen des Landes, befürchteten aber eine politische Hegemonie Serbiens. Nach 1945 stellten sich einige politische Führer dieser Regionen gegen eine ökonomische Zentralisierung. Eine zentrale Planung hätte die nördlichen Republiken gezwungen, den Aufbau des ärmeren Südens mitzufinanzieren... Der Handelsboykott der sozialistischen Staaten führte zu einer Neuorientierung des Außenhandels auf die kapitalistischen Staa- ten. Wichtig wurde vor allem die Kreditgewährung des Westens, be- sonders die der USA. Schon im September 1949 gewährten die USA einen ersten Kredit in Höhe von 20 Millionen Dollar zur Beschaf- fung von Bergwerksausrüstungen und anderen Waren und gaben außer- dem jugoslawische Goldbestände im Wert von 40 Millionen frei. 21) Westliche Kreditgewährungen und verlorene Zuschüsse betrugen ins- gesamt 34,8% aller Investitionen zwischen 1953 und 1956 und 24,6% zwischen 1957 und 1963. 22) Diese erhebliche Summe hatte fest- stellbare Änderungen in der Innen- und Außenpolitik des Landes zur Folge, (siehe auch Teil 7) "Einmal entwickelte sich durch die Verzahnung der Kredit-, Inve- stitions- und Außenhandelsprobleme mit der Gesamtwirtschaft auch eine gewisse Annäherung der inneren Wirtschaftspolitik an die wirtschaftlichen Methoden der westlichen Verhandlungspartner. Mit der Revision der Industrialisierungspläne, der Liberalisierung der Wirtschaft, der neuen Preis- und Agrarpolitik wird nicht nur Rücksicht auf die Schwierigkeiten im Lande genommen, sondern ebenso auf den Standpunkt der amerikanischen Wirtschaftsfach- leute, die die Verwendung der ausländischen Kredite verfolgten." 23) Dazu die chinesischen Genossen kritisch: "Kann es einen 'sozialistischen Staat' geben, der sich vom Impe- rialismus mit den USA an der Spitze mit Milliarden US Dollars hochpäppeln läßt? Das ist wahrhaftig eine seltsame Geschichte, wie man sie noch nie gehört hat!" 24) Fassen wir die Widersprüche zusammen, die wir als wesentlich für die Abkehr von der Planung ansehen: Zwischen den politischen Ansprüchen an die Sowjetunion und deren schroffem Verhalten, das als Konsequenz einer unausweichlichen Bürokratisierung in jedem System zentraler Planung interpretiert wurde; zwischen Unterentwicklung und Industrialisierungsanspruch, der mit Hilfe der sozialistischen Länder nicht überwunden werden konnte und das Kapital als Retter in der Not auf den Plan rief, die daraus folgende politische Einflußnahme durch die kapitali- stischen Länder; zwischen der kleinbäuerlichen Tradition der Mehrheit der Bevölke- rung und der Disziplin, die eine Industrialisierung an die 'neuen' Fabrikarbeiter und Kollektivbauern stellt; zwischen den industrialisierten und unterentwickelten Republiken, der sich z.T. mit ethnischen Gegensätzen deckt; zwischen den Fraktionen innerhalb der Partei über die Ursachen des Bruches mit der UdSSR. Diese Widersprüche führten zum Aufbau der Arbeiterselbstverwal- tung (ASV) und zu den ersten Elementen der 'sozialistischen Marktwirtschaft', und durch diesen spezifischen jugoslawischen Weg in der Übergangsphase hoffte man, einige zu lösen. Wir haben versucht, die objektiven Widersprüche darzustellen, aus denen die jugoslawischen Kommunisten ihren 'Dritten Weg' ableite- ten. Wir sind allerdings weit davon entfernt, die Schlußfolgerung der jugoslawischen Kommunisten als zwingend notwendig anzuerken- nen. Denn gerade nach dem Sturz der Klassengesellschaft und wäh- rend der Diktatur des Proletariats sind die Menschen als Subjekt der gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten dazu aufgerufen, diese mit dem Ziel der freien Entfaltung eines jeden bewußt auszunutzen und diesem Ziel entgegenstehende Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen. 1.3. Die theoretische Begründung des 'Dritten Weges' ---------------------------------------------------- Die politische, ökonomische und soziale Ausgangslage Jugoslawiens vor der Einführung der Arbeiterselbstverwaltung und der ersten Elemente der 'sozialistischen Marktwirtschaft' wurde bereits be- schrieben. Für die Jugoslawen selbst spielt hingegen der politi- sche Konflikt mit der Sowjetunion die Hauptrolle. Auf diesen Kon- flikt baut ihre Theorie auf. Der Bruch mit dem Kominform wird von jugoslawischen Theoretikern als eines der ersten klaren Symptome für die Krise zwischen der internationalen Arbeiterbewegung und dem 'statischen' Sozialismus bezeichnet. 25) "Stalin begriff nicht, daß er nur ein Eigentumssystem, das kapitalistische, er- setzt hatte durch ein anderes, staatliches, und dadurch Lohnver- hältnisse einer Art durch solche anderer Art, da ja auch im Sy- stem des Staatskapitalismus der Arbeiter getrennt ist von Verwal- tung und Verteilung." 26) Die Aufhebung des Privateigentums als der Grundlage der bürgerli- chen Gesellschaft bilde als erster Akt revolutionärer sozialisti- scher Macht nur die Grundlage zur Schaffung neuer gesellschaftli- cher Beziehungen, während die Aufhebung des Lohnverhältnisses und damit die Überwindung des Klassengegensatzes noch zu leisten sei, vom Staatskapitalismus allerdings nicht geleistet werden könne. 27) Stalins Thesen (aus den dreißiger Jahren) von der Stärkung des Staates wurden in der jugoslawischen Diskussion nach 1948 als Verabsolutierung des Staates im Sozialismus gewertet und als Re- vision eines der Hauptsätze des Marxismus abgelehnt. Im Konflikt mit der Sowjetunion polarisierte sich die jugoslawische Gegenpo- sition: Bereits Ende 1949 wurde die These von der Entstaatlichung im So- zialismus und die These vom Bürokratismus als der Hauptgefahr in der sozialistischen Entwicklung als Maxime für die Vorbereitung einer neuen Form unmittelbarer Produzentendemokratie gesetzt. "Der Prozeß des Absterbens des Staates ... geht nicht spontan vor sich. Überläßt man diesen Prozeß spontaner Entwicklung," wird die "Bürokratenkaste" - die sich doch verselbständigte - diesem Pro- zeß "Widerstand" leisten. 28) Die Konsequenz für die KPJ war, den Prozeß des Absterbens des Staates bewußt herbeizuführen bzw. zu beschleunigen und den Bürokratismus zu bekämpfen. Der Ziel einer "sozialen Emanzipation der Arbeit", d.h. "die Ab- schaffung aller Formen entfremdeter ökonomischer und politischer Macht" wurde 1950 mit der Einführung der Arbeiterselbstverwaltung (ASV) in Angriff genommen. 29) Dazu Tito: "Wenn Fabriken, Berg- werke usw. Arbeiterkollektiven zur Verwaltung übergeben werden, wird jede Möglichkeit der Verbreitung einer ansteckenden Krank- heit in unserer Wirtschaft aufgehoben, einer Krankheit, die den Namen Bürokratismus trägt." 30) Das allmähliche Überflüssigwerden des Staates im ökonomischen Bereich wurde - im Vergleich zur SU - als eine höhere Form des Sozialismus bewertet. Konsequenterweise mußte die zentrale Planung, eine der mächtigsten Funktionen des Staates und 'Heimat' der "Bürokratenkaste", abgeschafft werden. Weil der Gesetzescharakter der Planung der Freiheit der unmittel- baren Produzenten widersprach, war es umso notwendiger, die Planung - die bisher ökonomisch erfolgreichen Methoden, die in der SU entwickelt worden waren - abzuschaffen. Die ökonomischen Handlungen der unmittelbaren Produzenten zu ko- ordinieren und den ökonomischen Prozeß nach den Bedürfnissen der Konsumenten zu steuern - ohne die Freiheit von beiden zu be- schränken - könnte nur von einer objektiven Instanz, dem Wertge- setz und seiner Anwendung in der "Sozialistischen Marktwirt- schaft" geleistet werden. Alle "administrativen Fesseln" müßten wegfallen und durch Konkurrenz der Unternehmen, freies Spiel von Angebot und Nachfrage für so viele Waren und Dienstleistungen wie möglich, die Anwendung der Profitrate als höchstes Rationalitäts- kriterium für das Wirtschaften und direkte Kopplung zwischen Ar- beitsleistung und Entlohnung ersetzt werden. 31) Anstelle von Planung übernahmen die Kommunisten Jugoslawiens während der letz- ten 20 Jahre vormarxistische Theorien als Anleitung zum Aufbau des Sozialismus. Dazu notiert die Neue Zürcher Zeitung vom 23.11.1969 ("Jugoslawiens Weg zum Markt"): "Die Artikel und Schriften, in denen die führenden Reformer (!) ihr Werk umschrie- ben, lesen sich manchmal wie Popularisierung der Lehren Adam Smith s." (gesperrt von der NZZ). Mandel kommt nach der Analyse eines Buches von Horvat (Direktor des jugoslawischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Mitglied des Wirtschaftsrates der jugo- slawischen Bundesregierung und Mitglied des Kollegiums der jugo- slawischen Bundeswirtschaftsplanungsbehörde) zu dem Schluß: "Was dabei herauskommt, ähnelt sehr viel mehr einem bürgerlichem Wohl- fahrtsstaat als einer sozialistischen Volkswirtschaft." 32) 1.4. Etappen der Abkehr ----------------------- Für das Verständnis der Kritik an der jugoslawischen Theorie des Aufbaus des Sozialismus halten wir eine kurze Darstellung der Veränderung des Wirtschaftssystems für wichtig, außerdem kann nur in diesem Rahmen der Stellenwert der Arbeiterselbstverwaltung (ASV) beurteilt werden. Die ASV wird in einem besonderen Kapitel dargestellt. Die Grundtendenz bestand darin, jegliche Kontrolle der Unternehmen durch staatliche Instanzen (Bund, Republiken, Kommunen) aufzuheben. Zwischen 1952 und 1956 existierte ein jährlicher Operativplan, der keine Investitionsnormen für die Unternehmen festlegte. Zwar gab es Kennziffern für Bruttoproduktion, Kapazitätsausnutzung etc., die jedoch nicht eingehalten wurden. Zur zentralen indirek- ten Investitionslenkung wurden gesellschaftliche Investitions- fonds (des Bundes, der Republiken, der Kommunen) gebildet, die bis 1964 am stärksten an der Finanzierung der Brutto-anlageinve- stitionen beteiligt waren. Für die Verwendung der Gelder aus dem Allgemeinen Investitionsfonds (Fonds des Bundes) bestimmte der Plan den Umfang sowie die regionale und sektorale Struktur der Investitionen. Die Verteilung der Investitionsmittel an die ein- zelnen Unternehmen wurde durch die Banken bewerkstelligt. Dabei mußten sie den Richtlinien des Planes folgen (z.B. Bevorzugungen einiger Sektoren und Regionen durch einen niedrigeren Zinsfuß und längere Rückzahlungsfristen). Wichtig war, daß die Unternehmen im Gegensatz zur Periode der direkten Planung die Gelder aus den ge- sellschaftlichen Investitionsfonds zurückzahlen mußten. Die Kre- ditvergabe der Banken wurde z.T. durch ein Auktionssystem ver- sucht. Das geschah folgendermaßen: In der Zeitung wurde die Summe der zur Verfügung stehenden Mittel und das geplante Projekt ver- öffentlicht. Unternehmen, Organisationen (z.B. Genossenschaften), Kommunen und Republiken machten der Bank Angebote in bezug auf den Zinsfuß. Die Bank vergab schließlich die Mittel an den höchsten Anbieter. Dieses Kriterium für die Verteilung der Kre- dite und Aufträge wurde 1956 zugunsten anderer (Rentabilität, Rückzahlungsfrist etc.) aufgegeben. Weil zeitlich keine Überein- stimmung zwischen den benötigten Geldern und Kreditangeboten stattfand oder die gleichzeitige Ausgabe von Investitionsgeldern durch die verstärkte Nachfrage eine Preissteigerung bewirkte, schaffte man das Auktionssystem ab. In der Landwirtschaft wurde durch eine Verordnung über Austritts- möglichkeiten aus den Kollketivwirtschaften im März 1963 die Kol- lektivierung zum Stillstand gebracht bzw. rückgängig gemacht, da nach dem Erlassen der Verordnung eine starke Austrittsbewegung einsetzte. Die zentral festgelegten Abgaben der Produkte wurden abgeschafft und Ware-Geld-Beziehungen zwischen Stadt und Land wieder vollständig eingeführt. Seit 1957 existiert - mit Unter- brechungen durch Fehlplanungen - eine 'globale Planung' mit einer abnehmenden Anzahl von quantifizierten Kennziffern: Gesamtgesell- schaftliche Daten geben das Wachstum des Bruttosozialproduktes bzw. der verschiedenen Industriebranchen, die Investitions- und Konsumausgaben, das Volumen bestimmter Waren, z.B. Stahl, aber auch die gesamten Sozialausgaben des Staates an. Dabei handelt es sich nur um eine Zielprognose (die 'Pläne' von 1967 und 1968 enthielten überhaupt keine quantifizierten Kennziffern mehr) (33), die mit indirekten Instrumenten realisiert werden soll, z.B. durch Kredit-, Steuer- und früher durch die Preispolitik der Bundesregierung. Die Pläne gelten jeweils für fünf Jahre und ha- ben keinen Gesetzescharakter. Die sechs Republiken und die rund 600 Kommunen (kleinste Verwaltungseinheiten) entscheiden z.B. über die Sozialpolitik, den Aufbau der Infrastruktur und über die Gründung von Unternehmen. Der Partikularismus geht soweit, daß die Republiken ihre eigenen Post- und Bahnverwaltung sowie Rekru- tenausbildung haben. Kroatien und Slowenien, die reichen nördli- chen Republiken, wollen sogar eigene Handelsvertretungen im Aus- land haben. Die Republiken stellen eigene Wirtschaftspläne auf, wobei es keine gesetzlichen Möglichkeiten zur Koordinierung gab und gibt. Zwar sollen sich die niederen Verwaltungseinheiten den höheren anpassen, doch die Realität sieht anders aus: "since communal plan often go beyond the limits foreseen in the federal plan, the totals of estimates (e.g. of production, Inve- stment or growth) of all communal plans or of all district or re- publican plans need not, and usually do not correspond to the to- tals in the federal plan." 34) Dasselbe gilt für die Betriebspläne in bezug auf die Branchen- pläne. "... there is no reason to expect that the sum of production tar- gets set by individual business organization would correspond ex- activly to the global estimates contained in any of the official plans." 35) Und wie es kaum anders zu erwarten war: "... Investments which do not coincide with plan objektives ap- pear to be of substantial size." 36) Auch von einer 'freiwilligen' Koordinierung der Produktion der Betriebe - obwohl zur Zeit für Integrierung plädiert wird - und der Pläne der Kommunen und Republiken ist kaum die Rede. Bis 1964 wurden ungefähr 33% der Bruttoanlageinvestitionen durch Selbstfi- nanzierung der Betriebe, ungefähr 40% von den allgemeinen Inve- stitionsfonds durch Kreditgaben an die Unternehmen durch die Ban- ken, die diese Gelder verwalteten, der Rest (27%) vom Budget des Staates z.B. für medizinische Einrichtungen, Organisationen ohne Erwerbscharakter (z.B. Sozialversicherungsanstalten) und gesell- schaftliche Sonderfonds z.B. für unterentwickelte Gebiete getä- tigt, 1964 wurden die Allgemeinen Investitionsfonds aufgelöst und die Gelder den Banken übertragen, die autonom in ihrer Geschäftspoli- tik sein sollen und nicht durch eine Zentrale mit bestimmten - wenn auch wenigen - Richtlinien bevormundet werden. Die Beziehun- gen zwischen Banken und Betrieben sollen sich ausschließlich nach Rentabilitätskriterien richten. Die Reformen von 1961 und 1965, die die 'sozialistische Markt- wirtschaft' endgültig einführten, bestanden im wesentlichen aus Folgendem (die Begründungen der Maßnahmen stammen von den Ju- goslawen selbst): Abbau des Außenhandelsmonopols des Staates, Ab- bau der Zölle bzw. Kontingente, um durch die vermehrten Importe die Unternehmen der internationalen Konkurrenz stärker auszuset- zen, damit sie schließlich auch konkurrenzfähiger werden und po- sitiven Anteil nehmen an der internationalen Arbeitsteilung; Ab- wertung des Dinars, um den Export zu fördern und um dadurch das Handelsbilanzdefizit zu beseitigen; Verminderung der von den Un- ternehmen an den Bund, die Republiken und Kommunen zu zahlenden Steuern, um ihre Selbständigkeit in bezug auf die Investitionen zu gewährleisten; Einführung des Marktmechanismus in bezug auf alle Preise (auch bei Grundnahrungsmitteln, Mieten und Rohstof- fen), damit die Unternehmen entsprechend dem Gesetz von Angebot und Nachfrage rational entscheiden können; Verminderung des kol- lektiven Konsums, z.B. weniger Ausgaben für den staatlichen Woh- nungsbau, zugunsten individueller Konsumausgaben, so daß für die Produzenten die direkten materiellen Anreize wirksam werden. Nach beiden Reformen, die als gescheitert angesehen wurden, traten als unerwünschte Folgen eine starke Inflation, Rückgang der industri- ellen Produktion, erhöhte Arbeitslosigkeit und zunehmende Außen- handelsdefizite auf. Aufgrund dieser Reformen ist die Autonomie der Unternehmen fast so groß wie in kapitalistischen Ländern. Die Unternehmen haben 1967 32,7% der Investitionsausgaben selbst und 44,9% durch Bank- anleihen finanziert; die restlichen 22,4% wurden vom Staat etc. für einige große Projekte und Infrastrukturverbesserungen getä- tigt. 37) Das Gesetz über den inländischen Handel vom März 1967 ermöglichte die totale Liberalisierung des inländischen Handels. 38) Gemäß dem Gesetz vom Januar 1967 gibt es "complete freedom of ex- ports". 39) Auch sind die Außenhandelsunternehmen nicht mehr ver- pflichtet, Devisen, die sie sich durch den Export erwirtschaften, an die Nationalbank zu verkaufen. Fast alle Unternehmen haben das Recht, ausländische Firmen im Inland zu vertreten. 40) Ähnliche Liberalisierungsmaßnahmen sind für das Bank- und Versicherungswe- sen ergriffen worden. Diese Gesetze und Reformen wurden verabschiedet und durchgeführt, um "die freie Initiative der Unternehmen nicht durch irgendwelche künstlichen, institutionellen Fesseln einzuschränken" 41), um die Produktion in vermehrtem Umfang von den Wünschen der Konsumenten leiten zu lassen, etc. Unternehmen können von dem Bund, den Republiken, Kommunen, Ge- werkschaften, Genossenschaften, schon bestehenden Unternehmen (neuerdings mit ausländischen 'Partnern') und mindestens 5 Bür- gern gegründet werden. Nur in der Infrastruktur beim Verkehrs- und Nachrichtenwesen, in der Zirkulationssphäre im Bank- und Ver- sicherungswesen und bei der kommunalen Versorgung (z.B. Müllab- fuhr) ist dem Staat (Bund, Republiken, Kommunen) die Gründung von Unternehmen vorbehalten. Nach der Gründung geht das neue Unter- nehmen in die ASV über. Die Gründer haben nur das Recht, eine 'Verzinsung' des vorgeschossenen Kapitals zu erhalten. Die staat- lichen Behörden haben nach der Gründung, gleichgültig wie diese zustandegekommen ist, keinerlei gesetzliche Möglichkeiten, ir- gendeine administrative Kontrolle auszuüben. Nur bei Wirtschafts- delikten gibt es Eingriffsmöglichkeiten durch die Justiz. Mit der neuen Verfassung von 1963 wurden weitere Funktionen des Staates (kommunales Verkehrswesen, Elektrizitätswerke) von der ASV ähnlichen Organisationen übernommen, die die gleichen Rechte wie die ASV der Industrieunternehmen haben. Diese 'Agencies' wer- den z.T. durch das Budget finanziert. Die Verwendung der Gelder wird von den Organen der ASV (Arbeiterrat und 'Head of the Agency') bestimmt (z.B. Höhe der Materialkosten, der Einkommen der Beschäftigten, etc.). Es ist sogar vorgesehen, daß "If at the end of a budget year a position of funds remains unspent, the staff of the agency concerned decides whether the savings will be allotted to its funds or to personal incomes." 42) Dies gilt nicht für soziale Wohlfahrtseinrichtungen, den Bildungssektor und medizinische Institutionen. Bei den 'Public Services' wird das Äquivalenzprinzip verfolgt: die Nutznießer bezahlen die meisten Gebühren für diese Dienstleistungen (z.B. Rechtsprechung) selbst. Dieses Bündel von Liberalisierungsmaßnahmen ist die Folge der an- gestrebten Entstaatlichung. Die Anzahl der Unternehmen, die durch 5 Bürger gegründet und der ASV übergeben wurden, ist sehr gering; dagegen hat die Anzahl der kleinen Privatunternehmen aller Art, die nicht der ASV unterste- hen, weil sie angeblich weniger als 5 Personen beschäftigen, zu- genommen. Wir verfügen über keine genauen Daten darüber. Aufgrund der bürgerlichen Quellen, in denen die Reformen gutgeheißen wer- den, und indirekterweise aufgrund der Anzahl der besonders in den letzten Jahren 5 veröffentlichten jugoslawischen theoretischen Abhandlungen über Sozialismus und Privateigentum können wir an- nehmen, daß die Anzahl der kleinen Privatunternehmer zugenommen hat. Der EXTRA-DIENST (8.4.1970, S. 12) berichtet sogar: "Noch in diesem Jahr soll ein Gesetz verabschiedet werden, das den Bestand von Privatbetrieben mit bis zu 50 Beschäftigten er- lauben soll... Über die ökonomischen Gründer dieses Schrittes weg von sozialistischen Strukturen wird bekannt, daß solche mittel- großen Privatbetriebe eher mit Krediten und Kooperationen mit dem kapitalistischen Ausland rechnen können als die bisherigen volks- eigenen Betriebe." Diese wäre nur eine Legalisierung der Praktiken der Mini-Kapita- listen, die jetzt schon mehr als 5 Personen beschäftigen. Auf keinen Fall können wir den jugoslawischen 'Kommunisten' ir- gendeine Inkonsequenz bei der Verwirklichung ihrer Theorie in der Praxis vorwerfen. Zur Zeit gibt es eine Eigenheimkampagne. 43) Diese steht im Einklang mit ihrer Auffassung, daß durch "economic principle... the balance of demand and supply" bewerkstelligt wird und die Wohnungsfrage so zu lösen ist. (Eine Lösung, die - wie Engels meinte - keine ist.) Und weiter: "Public and privately sponsored building will develop side by side, within the framework ot town and regional plans." 44) 2. Kritik der Theorie des 'Dritten Weges' ----------------------------------------- Die Parole der Entstaatlichung und ihre Durchsetzung hatte zur Folge, daß die proletarische Staatsmacht gerade in der wichtigen Anfangsphase der Diktatur des Proletariats geschwächt wurde. Die sozio-ökonomischen Bedingungen für das Absterben des Staates wa- ren nicht annähernd vorhanden, im Gegenteil: Die große Zahl klei- ner Warenproduzenten, die sich erfolgreich der Kollektivierung widersetzten, wurde beibehalten; kleine private Unternehmen nah- men zu; es war noch eine Bourgeoisie vorhanden, die ihren Einfluß durch ihre Ideologie und 'Expertentum', unterstützt von imperia- listischen 'Helfern', zur Geltung bringen konnte; die ökonomi- schen, sozialen und kulturellen Verhältnisse, die unter der An- leitung bürgerlicher Theorie abgeschafft werden sollten, waren äußerst rückständig. So zu tun, als ob die notwendigen Bedingun- gen vorhanden seien, bewirkte nur, daß der alten herrschenden Klasse und einer neu sich etablierenden der Weg zur Herrschaft mit Phrasen und Taten geebnet wurde. Lenins Auffassung über die Funktion des Staates in der Übergangsphase war eindeutig. "Das Proletariat braucht die Staatsmacht, eine zentralisierte Or- ganisation der Macht, eine Organisation der Gewalt sowohl zur Un- terdrückung des Widerstandes der Ausbeuter, als auch zur Leitung der ungeheuren Masse der Bevölkerung, der Bauernschaft, des Kleinbürgertums, der Halbproletarier, um die sozialistische Wirt- schaft 'in Gang zu bringen'." 45) "Bis die höhere Phase des Kommunismus eingetreten sein wird, for- dern die Sozialisten die s t r e n g s t e Kontrolle seitens der Gesellschaft u n d s e i t e n s d e s S t a a t e s über das Maß der Arbeit und das Maß der Konsumtion," aber sie "darf nicht von einem Beamtenstaat durchgeführt werden, sondern von dem Staat der b e w a f f n e t e n A r b e i t e r." 46) Wichtig ist, daß Lenin die politische und ökonomische Funktion des Staates - unter der Kontrolle der Arbeiter - nicht trennte. Die falsche Einschätzung des Staates durch die jugoslawischen Kommunisten ist eher zu verstehen, wenn man ihre revisionistische Auffassung von einem verselbständigten Staatsapparat berücksich- tigt, der angeblich über den Klassen schwebt, und nicht als Appa- rat einer Klasse zur Unterdrückung der anderen verstanden wird, d.h. die Minderheit (die Bourgeoisie) unterdrückt die Mehrheit (das Proletariat) oder umgekehrt. Diese Auffassung kommt tenden- ziell zum Ausdruck, wenn der frühere Außenminister Kardelj von einer "Bürokratenkaste" spricht, die "die gesamte (!) Gesell- schaft dem nationalisierten Staatsapparat zu unterwerfen" be- strebt ist. 47) Für die Jugoslawen war "... die Gefahr des Bürokratismus in der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus sogar größer, als es die Klassi- ker des Marxismus-Leninismus voraussehen konnten, obwohl auch sie bereits von ihrer großen Bedeutung überzeugt waren. Unsere in der Gegenwart gesammelten Erfahrungen lehren uns, daß der Bürokratis- mus die letzte und stärkste Festung der Überreste des Klassensy- stems, dadurch auch der gefährlichste Feind des Sozialismus ist." 48) Tatsächlich hat Lenin die "Bürokratischen Auswüchse" - "viele un- ter ihnen (gemeint sind die Bürokraten - d. Verf.) sind Schufte, Erzgauner" - des neuen "Arbeiterstaates" und dessen Zusammenhang mit der Planung nicht übersehen, aber er meint dazu folgendes 49): "Wenn jemand sagt, 'Schluß mit dem Bürokratismus', so ist das Demagogie. Das ist dummes Zeug. Gegen den Bürokratismus werden wir noch lange Jahre zu kämpfen haben, und wer anders denkt, der treibt Scharlatanerie und Demagogie; denn um den Bürokratismus niederzubringen, braucht man hunderte von Maßnahmen, braucht man allgemeine Schulbildung, allgemeine Kultur, allgemeine Teilnahme an der Arbeiter-und Bauerninspektion." 50) Und in dem Brief an Sokolow (1921): "Man kann nicht in einem Bauernland den Bürokratismus 'verjagen', er läßt sich nicht 'aus der Welt schaffen'. Man kann ihn nur durch langsame, hartnäckige Arbeit v e r m i n d e r n... Der Kampf gegen den Bürokratismus in einem bäuerlichen und vollkommen erschöpften Land erfordert lange Zeit,... Die 'Hauptverwaltung' 'beseitigen'? Unsinn. Was werden sie an ihre Stelle setzen? Das wissen sie nicht." 51) Tito hatte dazu eine zuversichtliche Einstellung: Durch die Arbeiterselbstverwaltung "... wird jede Möglichkeit der Verbreitung einer ansteckenden Krankheit in unserer Wirtschaft aufgehoben, einer Krankheit, die den Namen Bürokratismus trägt." "Auch bei uns hat er Eingang gefunden in den verschiedenen An- stalten, in den Staatsapparat, und die Wirtschaft, aber wir sind uns dessen bewußt und haben deshalb bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen, um ihn ganz zu vertreiben. Zeitweilig unter- nommene Maßnahmen genügen hier nicht, sondern unausgesetzter Kampf und Erziehung der Menschen." 52) Die Bürokratie zu bekämpfen und den Direktoren im Betrieb gleich- zeitig die alleinige Macht über Einstellungen und Entlassungen zu übertragen und für ein höheres Einkommen dieser Gruppe zu plädie- ren, wie es Anfang der 50er Jahre geschah, überhaupt die Bürokra- tie bekämpfen zu wollen und gleichzeitig Privilegien bzw. Prämi- ensysteme zu schaffen, die bis zur "vulgären Materialisierung des Bewußtseins" (Castro) führen, ist ein Widerspruch in sich. Mit der allmählichen Einführung der "sozialistischen Marktwirt- schaft" bestimmte man die Einkommenshöhe zum obersten Erfolgskri- terium der Unternehmung. Daß die betriebliche Einkommensmaximie- rung nicht zur gesellschaftlichen Einkommens- und Wohlstandsma- ximierung führen muß, sondern betriebs- und branchenspezifische Bereicherung mit hohen sozialen Kosten und in der Regel dispro- portionales Wachstum der Regionen verursacht, hielt die Jugosla- wen nicht davon ab, das rein kapitalistische Prinzip zu benutzen. Außerdem bestimmt das Einkommen eines Unternehmens die Lohn- und Gehaltshöhe seiner Belegschaft. Das bedeutet, daß die Arbeiter noch nicht einmal ein tariflich gesichertes Einkommen haben. Le- diglich ein Mindestlohn von ca. DM 100 wird ihnen vom Unternehmen garantiert, der aber auch unter jugoslawischen Verhältnissen das Existenzminimum nicht deckt. Bei Entlassung beträgt die Arbeits- losenunterstützung höchstens 50% des vorhergehenden Lohnes und ist zeitlich begrenzt. Der Philosoph Vranicki lehnt vertraglich fixierte Löhne mit folgender Begründung ab: "Das Lohnverhältnis aber fixiert die alte Arbeitsteilung, die alte Abhängigkeit, die alte Zerstücklung der Persönlichkeit, es hemmt ihre Entfaltung, ihre allseitigen Möglichkeiten." 53) Diese Aussage, die keine Ausnahme ist, ähnelt der Ideologie der von Marx zitierten englischen Fabrikbesitzer im Frühkapitalismus. Die Unsicherheit der Arbeiter in bezug auf ihr Einkommen und ihre Abhängigkeit vom Erfolg der Unternehmung auf dem Markt steht im krassen Widerspruch zu jeglichen sozialistischen Prinzipien. Diese inhumanen Grundsätze, die selbst im Kapitalismus durch Klassenkämpfe z.T. überwunden sind, finden ihren Höhepunkt in den Aussagen des ehemaligen Vorsitzenden des Bundesplanungsbüros, des heutigen Professors für politische Wissenschaften in Belgrad, Berislav: "It is not the aim of social policy in Yugoslavia to g u a r a n t e e a m i n i m u m S t a n d a r d o r t o p r e v e n t t h o s e w h o w i s h f r o m e a r n i n g m o r e a n d m o r e... Basically it is in the interest of the society to develop the country's economic potentials and to encourage workers to earn more, r a t h e r t h a n t o s a f e g u a r d t h e l o w e s t i n c o m e r a t e s b y a p r o t e c t i o n p o l i c y o f r e d i s t r i b u- t i o n." 54) Das jugoslawische Wirtschaftssystem, in dem von Akkordarbeit aus- giebig Gebrauch gemacht wird, verlangt, daß die Arbeiter inner- halb eines Unternehmens als Mitglieder einzelner Abteilungen (siehe Ökonom. Einheiten Teil 4.2.) gegeneinander um ihre Einkom- menshöhe konkurrieren. Hinzu kommt ein rücksichtsloser Wettbewerb zwischen den Unternehmen sowie eine ständig vergrößerte Einkom- mensdifferenzierung innerhalb der verschiedenen Qualifikations- stufen der Arbeitskraft. Dies alles führt zur Korrumpierung ihres Bewußtseins und erzeugt Rivalitäten. Mandel beurteilt diese Praktiken folgendermaßen: "Die Jagd nach persönlicher Bereicherung (für die Mehrheit der Bevölkerung: Jagd nach individueller physischer Existenzsiche- rung; Einfügung der Verf.) wird zum universellen Ideal aller Mit- glieder der Gesellschaft, was verbissene individuelle Konkurrenz in allen gesellschaftlichen Bereichen nach sich zieht, auf Kosten von Solidarität und Kooperation. Phänomene wie weitverbreitete Korruption, Prostituierung, Käuflichkeit von Feder und Geist, ständiger Abbau gesellschaftlicher Ideale und des gesellschaftli- chen Idealismus bei der Jugend müssen in solch einer Atmosphäre unweigerlich gedeihen." 55) Die Jugoslawen versuchten sogar die "materiellen Hebel" bei Sozi- alarbeitern, einigen Staatsbeamten und Ärzten einzuführen (Grundeinkommen und Prämien nach Leistung). Entsprechend ihrem kapitalistischen Prinzip, Leistung nur mit di- rekter Entlohnung zu koppeln, sind sie von irgendeinem Ansatz zur Verteilung nach Bedürfnissen radikal abgekommen. Im Gegensatz zur 'sozialistischen Marktwirtschaft', wie sie auch immer aussehen mag, haben sich Lenin (siehe oben), Marx und En- gels eindeutig für eine "planmäßige bewußte Organisation der Pro- duktion, "bewußte planmäßige Kontrolle" der gesellschaftlichen Lebensbedingungen ausgesprochen. 56) Zu den "großmäuligen Apo- steln der genossenschaftlichen Produktion" meinte Marx: "Wenn aber die genossenschaftliche Produktion (sprich: Arbeiter- selbstverwaltung, '. die Verf.) nicht 'eitel Schein und Schwin- del' bleiben (soll)... Wenn die Gesamtheit der Genossenschaften die nationale Produktion nach einem gemeinsamen Plan regeln, sie damit unter ihre eigene Leitung nehmen und der beständigen Anar- chie und den periodisch wiederkehrenden Konvulsionen, welche das unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen Produktion sind, ein Ende machen soll, - was wäre das anders, meine Herren, als der Kommunismus, der mögliche Kommunismus? " 57) "Die richtige Proportion zwischen Angebot und Nachfrage, die wie- derum (dies wurde nicht 1950, sondern schon 1847 geschrieben, d. Verf.) der Gegenstand so vieler Wünsche zu werden beginnt, hat seit langem zu bestehen aufgehört. Sie hat das Greisenalter über- schritten; sie war nur möglich in jenen Zeiten, wo die Produkti- onsmittel beschränkt waren, wo der Austausch sich in außerordent- lich engen Grenzen vollzog. Mit Entstehen der Großindustrie mußte diese richtige Proportion verschwinden..." 58) Obwohl die kapitalistischen Länder sich gesetzmäßig vom Konkur- renz- zum staatsmonopolistischen Kapitalismus mit dem tendenziel- len Abbau der Konkurrenz und der Einführung von Planungstechniken entwickelten, wollen die jugoslawischen 'Kommunisten' dessen un- geachtet die Schule des Frühkapitalismus sogar noch mit verge- sellschafteten Produktionsmitteln nachvollziehen. Unkoordinierte Investitionen mit Überkapazitäten und Disproportionalitäten in den Abteilungen und Branchen, Absatzstockungen infolge ungeplan- ter Produktion, Fall der Profitrate, Massenarbeitslosigkeit, Kri- sen, - kurz, die mit "Naturnotwendigkeit... wiederkehrenden Kon- vulsionen" waren für die jugoslawischen Theoretiker und Politiker nicht vergeudend und entfremdend genug, um daraus zu lernen. Das jugoslawische Anliegen "alle Formen entfremdeter ökonomischer und politischer Macht (abzuschaffen)" 59) steht im krassen Wider- spruch zu der totalen Einführung der Ware-Geld-Beziehungen, deren eigene Gesetzmäßigkeiten und Wirkungen auf das Bewußtsein der Produzenten Marx u.a. Theoretiker hinreichend entwickelt haben: Die gesellschaftlichen Verhältnisse der Produzenten kommen nur durch Beziehungen von Sachen über den Markt zustande. Diese Be- ziehungen unterliegen Gesetzen, von denen die Produzenten hinter- rücks beherrscht werden. Die individuelle Entscheidungsfreiheit über die Privatarbeit ist daher illusionär. Der gesellschaftliche Charakter der Produktion wird den voneinander unabhängig arbei- tenden Produzenten nicht bewußt. Die Ware-Geld-Beziehungen leisten bei ihnen dem falschen Glauben Vorschub, daß das Gesamtinteresse maximiert wird, indem sie ihre Einzelinteressen verfolgen. Die Produzenten können unter diesen widersprüchlichen ökonomischen Verhältnissen kein sozialistisches Bewußtsein ent- wickeln, im Gegenteil, das Privatinteresse steht im Vordergrund, und die Entfremdung durch die unkontrollierten gesellschaftlichen Prozesse, die durch den Markt hervorgerufen werden, bleibt bei gesellschaftlichem Eigentum an den Produktionsmitteln bestehen. Auch die Einführung der ASV kann die Produzenten den Gesetzmäßigkeiten der Ware-Geld-Beziehungen nicht entziehen. Die Produktion eines Betriebes der ausschließlichen Kontrolle der Belegschaft unter Ausschluß des Staates, der die Interessen des gesamten Proletariats vertritt, zu übergeben und damit die gesellschaftliche Kontrolle zu verwerfen, ist ein Widerspruch zum gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, den die Jugoslawen angeblich anerkennen. Bestenfalls kann dies den Arbeiter dazu veranlassen, sich primär für die Interessen eines einzelnen Betriebes ohne Berücksichtigung der gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisse einzusetzen. Hiermit wird der soziale Charakter der Arbeit noch weiter aus dem Bewußtsein der Arbeiter verdrängt, als es durch die intensiven Ware-Geld-Beziehungen ohnehin geschieht. Die langen Abhandlungen von jugoslawischen Philosophen über die Entfremdung können nur als Ideologie der Nutznießer der neuen Verhältnisse bezeichnet werden, wenn gleichzeitig der Marktmecha- nismus und die Ware-Geld-Beziehungen nach kapitalistischem Vor- bild nicht gänzlich von diesen Theoretikern verworfen werden. 60) Planung als bewußte Festsetzung von koordinierten ge- samt-gesellschaftlichen Zielen durch die 'vergesellschafteten' Individuen und die Organisation und Kontrolle durch dieselben Individuen bei ihrer Durchführung negiert nicht die Freiheit des Individuums, sondern ermöglicht gerade die Freiheit von den unzähmbaren, undurchsichtigen gesellschaftlichen Prozessen einer 'sozialistischen Marktwirtschaft', die das Individuum wie eine Nußschale auf dem Meer hin- und herwerfen. Der dialektische Wi- derspruch zwischen Planung und Freiheit wurde von den Jugoslawen fälschlicherweise als ein antagonistischer angesehen. Obwohl die sozialistische Planung die gesellschaftlichen Prozesse am rationalsten gestaltet, verhindert sie nicht alle ökonomi- schen, sozialen und erst recht nicht politischen Fehlentwicklun- gen. Sie kann aber die falsche, die verplante ökonomische und so- ziale Entwicklung rascher beheben, als es in einem lais- sez-faire-System und auch in einem System mit staatsmonopolisit- schen Planungstechniken, in dem diese zur Stabilisierung der Herrschaftsverhältnisse (sprich Sicherung des Monopolprofits mit dem N e b e n p r o d u k t der Bedürfnisbefriedigung) angewen- det werden, möglich ist. (Ober die Grenzen der Planung siehe Bet- telheim, in: ROTBUCH 11, a.a.O., S. 50 f.) Keine Planungstechniken, keine ausgeklügelten Wirtschaftsmodelle, keine raffinierten Prämiensysteme können die Kontrolle der Lei- tung, die schöpferische Initiative der Massen und vor allem das sich in der Praxis entwickelnde sozialistische Bewußtsein erset- zen. Eine aktive Teilnahme der Bevölkerung an der Aufstellung ge- samtgesellschaftlicher Planziele und -mittel, aber auch die Kon- trolle ihrer Durchführung kann dieses notwendige Bewußtsein be- trächtlich fördern und politische Fehlentwicklungen vermeiden. Andererseits hemmt ein Verzicht auf diese Initiative seine Ent- wicklung 61) und würde der Bürokratie die Möglichkeit geben, sich der Kontrolle der Massen zu entziehen. Die Freiheit, nicht nur Wahlfreiheit, nicht nur 'Einsicht in die Notwendigkeit', sondern Aufhebung der Notwendigkeit wird nur durch sozialistische Planung ermöglicht. In diesem Prozeß kann die maximale Bedürfnisbefriedigung einschließlich der Persönlich- keitsentfaltung aller erreicht werden. Die scheinbar akademische Frage, ob der jugoslawische Weg mit der Theorie des Marxismus-Leninismus vereinbar ist oder sie erwei- tert, ist zugleich die Frage, ob dieser Weg mit den geschichtli- chen Erfahrungen der Menschheit vereinbar ist. Unsere bisherige Analyse der jugoslawischen Konzeption kann nur zu dem Schluß füh- ren, daß sie vom p o l i t i s c h e n, ö k o n o m i s c h e n und h u m a n i s t i s c h e n Standpunkt des Marxis- mus-Leninismus von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Die jugoslawischen 'Kommunisten' würden uns antworten: "Aber man möge die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, daß volle dreißig Jahre der gesamte Marxismus im Lichte der von Stalins Seite proklamierten Sätze gedeutet wurde. Gerade deshalb brachte es diese Lage mit sich, daß die erwähnten Gedanken und Erkenntnisse nicht nur im neuen Lichte sich darboten und in wei- tergehender Verarbeitung (auch praktischer Anwendung), sondern auch in der echten Frische (!) und Plötzlichkeit des Neuen (!), da sie schöpferisch aufgedeckt wurden auf Grund einer neuen ge- schichtlichen Erfahrung, die sich aller bis vor kurzem gültigen Tradition kraß widersetzte. Die Tradition stand nämlich in diametralem Gegensatz zum Aufgedeckten." 62) Eine Erweiterung der marxistisch-leninistischen Theorie aufgrund der Praxis in der Sowjetunion war notwendig, aber ob die theore- tischen Schlußfolgerungen und die "ganze Reihe von Maßnahmen" (Tito), die die Jugoslawen ergriffen, nicht doch nur geeignet wa- ren, die alten Verhältnisse zu reproduzieren, kann letzten Endes nur an ihrer Praxis untersucht werden. 3. Rote Bourgeoisie ------------------- Falls wir voraussetzen würden, daß die KPJ von vornherein nicht eine kommunistische Politik ins Auge gefaßt hatte, wäre die Er- klärung für die Einführung bürgerlicher Prinzipien gegeben. Dann wäre zu untersuchen, warum die KPJ bürgerlich war. Wir können nicht annehmen, daß dies der Fall war. Die Frage aber, und sie kann von uns nur hypothetisch beantwortet werden, lautet: Wie, auf welcher sozioökonomischen Basis war es möglich, daß sich sol- che bürgerlichen Tendenzen innerhalb der KPJ politisch durchge- setzt haben? Zuerst müssen wir die sozioökonomische und politi- sche Lage des Landes am Ende der 40er Jahre kurz ins Gedächtnis zurückrufen: Ein vom Krieg zerstörtes Land, das aus Gebieten, die sich noch bis zum Krieg feindlich gesinnt waren, mit unterschied- lichen Entwicklungsgraden besteht, mit einem sehr schwach entwic- kelten Proletariat, geführt von einer politisch noch nicht ge- stählten KP, gerät in ökonomische Schwierigkeiten wegen der Aus- einandersetzungen mit der Sowjetunion und wird dabei politisch isoliert. Außerdem prägen eine mißglückte Kollektivierung der Landwirtschaft, zunehmende, fast an eine Hungerkatastrophe heran- reichende Ernährungsschwierigkeiten und ein kleinbürgerliches Be- wußtsein großer Teile der Bevölkerung mit äußerst rückständigen gesellschaftlichen Verhältnissen das Bild. Dieser Zustand ähnelt dem der Sowjetunion am Anfang der 20er Jahre, so daß wir Lenins Einschätzung der Entstehungsbedingungen für kleinbürgerliche Ten- denzen - die gegen politischen und ökonomischen Zentralismus ge- richtet sind - auf deren jugoslawische Variationen der Entstaat- lichung, der 'sozialistischen Marktwirtschaft' und der ASV etc. anwenden können. "In einem Lande wie Rußland werden durch das gewaltige Überwiegen des kleinbürgerlichen Elements sowie die infolge des Krieges un- vermeidlichen Verheerungen, Verarmung, Epedemien und Mißernten und die krasse Verschärfung der Not und ,"; der Volksleiden be- sonders starke Schwankungen in den Stimmungen der kleinbürgerli- chen und halb-proletarischen Massen erzeugt. Diese Schwankungen verlaufen bald in der Richtung einer Stärkung des Bündnisses die- ser Massen mit dem Proletariat, bald in der Richtung einer bür- gerlichen Restauration. Die ganze Erfahrung aller Revolutionen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts zeigt mit absoluter Klarheit und Überzeugungskraft, daß aus diesen Schwankungen nichts anderes herauskommen kann als die Restauration (Wiederherstellung) der Macht und des Eigentums der Kapitalisten und Gutsbesitzer, - falls die Einheit, die Kraft, der Einfluß der revolutionären Vor- hut des Proletariats auch nur im geringsten geschwächt wird." 63) "Das alles ist es eben (die äußerst notdürftige Versorgungslage der Bevölkerung - '; die Verf.), was wirtschaftlich zur Deklas- sierung des Proletariats führt, was unvermeidlich auch hier kleinbürgerliche, anarchistische Tendenzen erzeugt und in Er- scheinung treten läßt." 64) Diese 'erzeugten' kleinbürgerlichen Ideen waren auch in der jugo- slawischen Partei selber, die zu 50% aus Kleinbauern bestand, vorhanden. Ihre Verwirklichung wurde durch die Dezimierung (75%) der besten proletarischen Kader der Partei während des Partisa- nenkrieges und den Parteiausschluß bzw. die Inhaftierung der mit der Politik gegenüber der Sowjetunion unzufriedenen Mitglieder erleichtert. Diese hätten auf keinen Fall den neu eingeschlagenen Weg unterstützt 65). Der Bruch mit der Sowjetunion und die Furcht vor einer militärischen Intervention führten zu Zugeständnissen an die kleinbürgerliche Fraktion und die parteilosen Massen, um ihre Loyalität zu sichern. Die kleinbürgerliche Fraktion nützte die Kritik an der Bürokratie der Sowjetunion als Begründung gegen jegliche Zentralisierung aus. 66) Andererseits wurde jede Kritik an der Dezentralisierung als stalinistisch, Bürokratismus för- dernd etc. abgestempelt und damit diskreditiert. 67) Auch wenn der Bruch mit der SU nicht wegen der "nationalistischen, klein- bürgerlichen Politik etc." der KPJ zustande kam, hatte er die po- litische Folge, die kleinbürgerliche Fraktion innerhalb der KPJ zu stärken. Was wir mit Sicherheit feststellen können, ist, daß die Politik der KPJ am Anfang der 50er Jahre von einer kleinbürgerlichen Fraktion geprägt war. Die Gruppe, die sich im Laufe der letzten 20 Jahre deutlicher herauskristallisierte und ihre Macht verfestigte, wird von uns - in Übereinstimmung mit der Studentenbewegung 1968 in Belgrad, die im Gegensatz zu derjenigen in der CSSR nicht für eine 'Liberalisierung' plädierte, sondern die bürgerlichen Praktiken in Jugoslawien anprangerte und entschieden für eine Rückkehr zu den Prinzipien des Marxismus-Leninismus in Theorie und Praxis de- monstrierte, - als "Rote Bourgeoisie" bezeichnet. Rot, weil sie immer noch von der Verwirklichung des Sozialismus in Jugoslawien redet, aber bourgeois in ihren Taten. Diese Klasse besteht aus dem leitenden Personal von Unternehmen aller Art, höher qualifi- ziertem technischen Personal, Mitgliedern freier Berufe, reichen Großbauern, der Spitze des Partei-, Gewerkschafts- und Beamtenap- parates und einigen Teilen der Vorkriegsbourgeoisie. 68) Wir sind uns dessen bewußt, daß der Begriff der "Roten Bourgeoisie" die herrschende Klasse nicht optimal bezeichnet. Er ist aber immer noch besser als der der 'Bürokratie'. Der Begriff 'Bürokratie' ist zu weit, weil Personen erfaßt werden, die nicht zur herr- schenden Klasse gehören, andererseits zu eng, weil er Personen ausschließt, die ihr angehören, zu allgemein (Bürokratie gab und gibt es im Feudalismus und Kapitalismus), um die besonderen Ei- genschaften der neu herrschenden Klasse zu kennzeichnen und ver- leitet zu pauschalen Urteilen, ohne die spezifischen sozioökono- mischen Entstehungsbedingungen zu analysieren. (Eine historische, materialistische Untersuchung der Bürokratie würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen). Die Ideologie der "Roten Bourgeoisie" vermischt Elemente des auf- steigenden Bürgertums (Marktwirtschaft), des "kritisch-utopischen Sozialismus" (Marx) (dezentralisierte Assoziation der Produzen- ten), des Anarchismus (Furcht vor dem proletarischen Staat) und ist mit 'schöpferischen marxistischen' Sätzen verziert. Die Spitze dieser Ideologie richtete sich zuerst gegen den gerade etablierten proletarischen Staat. Die Diktatur des Proletariats als Staatsmacht wurde nach ihrer 'Verdrängung' durch die Diktatur der "Roten Bourgeoisie" abgelöst, und diese scheut sich nicht, ihre Diktatur auszuüben. "Zu neun Monaten Gefängnis verurteilte ein Belgrader Gericht den Professor für Verkehrswesen Dimitrije Zivkovic. Der Förderer ul- tralinker Studentenzirkel hatte in seinem Buch 'Was ist die poli- tische Ökonomie des Sozialismus? ' die jugoslawische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als kapitalistisch bezeichnet." 69) Das Verbot der eindeutig kommunistischen Studentenzeitschrift ist ebenfalls in diesem Sinn zu interpretieren. Während des Entstehungsprozesses der neuen Klasse spielte das amerikanische Kapital - angesichts der einmal angenommenen Hilfe - durch seine geduldige belohnende und bestrafende Tätigkeit die Rolle des 'Geburtshelfers'. Der amerikanische Einfluß war und ist in allen Sphären der Gesellschaft vorhanden. "Yugoslav technicans and experts of all kinds went to the west - and not to the USSR - for their technical training and experi- ence. A window was opened to the west through which influence, know- how, political ideas, cultural developements streamed in, and had a powerful and incalculable influence on the developement of the new Yugoslavia." 70) D i e R u f e n a c h m e h r "E i g e n i n i t i a t i v e u n d A u t o n o m i e d e r U n t e r n e h m e n"! "v e r- s t ä r k t e r L e i s t u n g s a n r e i z e"! w a r e n d i e R u f e d e r "R o t e n B o u r g e o i s i e". Die zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen, die auf die materiellen Interessen der "Roten Bourgeoisie" und des Kleinbürgertums zugeschnitten waren, hatten aber auch zugleich eine Verfestigung der Macht der "Roten Bourgeoisie" durch eine zunehmende politische und ökonomische Schwächung der Arbeiter- klasse zur Folge. Die 'naturwüchsige' ursprüngliche Akkumulation, das Wirken des Wertgesetzes in allen gesellschaftlichen Bereichen ohne gesellschaftliche Kontrolle und das Bemühen, es tendenziell außer Kraft zu setzen, gaben der Roten Bourgeoisie die Möglich- keit, über die ASV die Ware-Geld-Beziehungen in ihrem Sinne aus- zunutzen und die jugoslawische Arbeiterklasse bei teilweise so- zialisierten Produktionsmitteln einem spezifischen Ausbeutungssy- stem (was man noch nicht als rein kapitalistisch bezeichnen kann) zu unterwerfen. Fassen wir die Folgen der 'Reformen' zusammen, die die Macht der "Roten Bourgeoisie" nach und nach konsolidie- ren: 1.) Eine dezentralisierte räteaemokratische Ordnung garantiert nicht die Beherrschung der gesellschaftlichen Prozesse durch die Arbeiterklasse: in den Betrieben wird sie von den Zwängen des Marktes beherrscht. Diese Tatsache öffnet einer neuen Klasse den Weg zur Macht, indem das Unverständnis gegenüber den schwer durchschaubaren Marktabläufen den Arbeitern selbst die Bestimmung über die Politik ihrer Betriebe unmöglich macht. 71) Diese durch den Markt hervorgerufene p a s s i v e Haltung überträgt sich auf das politische Engagement der gesamten Arbei- terklasse. 2.) Das kapitalistische Entlohnungssystem (Konkurrenz etc.) ruft eine Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse in rivalisierende Gruppen hervor. Dazu tragen noch die ethnischen und regionalen Unterschiede bei 3.) Die permanente physische Existenzangst infolge der sehr hohen offenen und versteckten Arbeitslosigkeit und die Konkurrenz ver- stärken die i n d i v i d u a l i s t i s c h e H a l t u n g, die bei vielen Arbeitern aus der kleinbürgerlichen Herkunft re- sultiert, um überhaupt in einem derartigen System die Existenz zu sichern. Auch die Entlohnung nach Akkordtarifen wirkt in diese Richtung. Die so hervorgerufene Individualisierung verhindert die Vergesellschaftung des Individuums im sozialistischen Sinn des Wortes. 4.) Die fehlenden massenmobilisierenden Aktionen hindern die Mas- sen daran, sich als historische Subjekte zu begreifen, und das Vertrauen auf ökonomische Mechanismen mit ihren unvermeidlichen Fehlentwicklungen lassen die Stimmen für Expertentum und Leitung immer lauter werden, besonders wenn die Mehrheit der Arbeiter- klasse ungebildet und unausgebildet ist; Autoritätsgläubigkeit, Unterwürfigkeit, keine Kontrolle der Leitung sind die Folgen. 72) 5.) Die demoralisierende Diskrepanz zwischen sozialistischen Parolen (die hochgepriesene ASV) und Realität haben zur Folge ge- habt, daß die Ansätze zu einem sozialistischen Bewußtsein ausge- löscht wurden. Andererseits gibt es keine subtilere Technik, um das Bewußtsein der Arbeiterklasse zu paralysieren und den Klas- senkampf zu verzögern, als gerade mit sozialistischen Parolen, die die Arbeiter ansprechen, zu operieren. Empirische Untersuchungen haben die folgende Einstellung der Ar- beiter herausgefunden: "'wir haben das unsere getan, nämlich produziert, sie (das Mana- gement) sollen das ihre tun... wir bezahlen die verschiedenen Fachleute und Direktoren, damit sie für uns unmittelbare Produ- zenten die unterschiedlichen Arbeiten durchführen... daß sie Plan vorschlage für die Produktion ausarbeiten... daß sie den unmit- telbaren Arbeitsprozeß organisieren... Marktforschung treiben... die Waren verkaufen... abrechnen... Sie sind verpflichtet sicher- zustellen, daß unsere Arbeit auch wirklich 'anerkannt' wird'". "'Geschäfte, für die sie bezahlt werden, sind nicht unsere Ge- schäfte, wir haben keinen Einblick in die gesamte Produktionsent- wicklung...'" (73) Abgesehen von den Folgen der 'Reformen', die die Macht der "Roten Bourgeoisie" festigten, müssen die nicht sozialistischen Produk- tionsverhältnisse und deren Wirkung auf das Proletariat berück- sichtigt werden. Von den 9,06 Millionen (1969) Beschäftigen (voll- und teilbeschäftigt) sind 55% (ca. 5 Mio.) im n i c h t - s o z i a l i s t i s c h e n Sektor tätig. Von diesen 5 Mio. arbeiten 95% in der Landwirtschaft als private Kleinbauern, Tagelöhner, Gelegenheitsarbeiter, Teilzeitbauern etc. 74). Die restlichen 5% (ca. 250.000) sind private Unternehmer und Arbeiter in Betrieben aller Art (Gastgewerbe, Handwerker, Bauunternehmen, Transportunternehmen etc.). 99,8% aller Höfe mit 85,8% der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind in privatem Besitz. 75) 85,3% der privaten Höfe haben weniger als 8 ha (die äußerst nied- rige Produktivität ist sogar den Jugoslawen nicht entgangen. 76)). Gesetzlich sind nur 10 ha pro Hof erlaubt. Diese Bestimmung wird verständlicherweise völlig umgangen. Im privaten Sektor herrschen 'urwüchsige' kapitalistische Verhältnisse. Die Tatsa- che, daß man Feldfrüchte ungeerntet verkommen läßt, um den Preis hoch zu halten und Produkte in Lagerhäusern verbrennt, um von der Versicherung einen Ersatz zu bekommen, der den realisierbaren Mehrwert übersteigt, spricht zugleich für "verfaulte" kapitali- stische Zustände. Auch die genossenschaftlichen und staatlichen Betriebe, die 14,2% der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausma- chen, sind kapitalistisch organisiert, d.h. wir finden überall Tagelöhner, Pächter, Zinsprellerei und keine nennenswerten Sozi- alleistungen auf dem medizinischen, kulturellen und Erziehungs- sektor. Von den 1,349 Millionen Arbeitern in der 's o z i a l i s i e r- t e n' Industrie sind mindestens 50% während der letzten 25 Jahre aus der Landwirtschaft abgewandert. Sie (siehe auch part time farmers, Teil 4.1) sind daher durch die 'Schule der einfachen Warenproduzenten' politisch beeinflußt, auch wenn sie selbst zugleich in Armut und Ausbeutungsverhältnissen lebten. In der Stadt ist die Beeinflussung durch das in der letzten Zeit anwachsende Kleinbürgertum auch vorhanden. Diese Klasse ist öko- nomisch sehr erfolgreich: Privateigentümer von Hotels und Restau- rants, von Transportunternehmen, Konstruktionsbüros sowie ein Teil der Handwerker haben ein sehr hohes Einkommen. Eine beson- dere Methode, ein höheres Einkommen zu erlangen, ist die fol- gende: "... Unter den privaten Handwerkern und Gastwirten blüht die Steuerhinterziehung. Tausende Handwerker und Gastwirte melden nur einen Bruchteil ihres Gewinns. In Novi Sad haben nach Angaben der Behörden 140 private Gastwirte und 100 Fuhrunternehmer überhaupt keine Steuern bezahlt..." (FRANKFURTER ALLGEMEINE, 27.8.1968). Und Nada Sisul 'informiert uns' in der halboffiziellen Zeit- schrift SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, daß "... private owner- ship, as one of the forms of ownership inthe Yugoslav socialist system, does not come into conflict with the fundamental process of socialist transformation." 77) Dazu Lenin: "Die Klassen aufheben heißt nicht nur die Gutsbesitzer und Kapi- talisten davonjagen - das haben wir verhältnismäßig leicht getan -, das heißt auch die kleinen W a r e n p r o d u z e n t e n b e s e i t i g e n, diese aber k a n n m a n n i c h t d a v o n j a g e n, man kann sie nicht unterdrücken, m a n muß mit ihnen z u r e c h t k o m m e n, man kann (und muß) sie nur durch eine sehr langwierige, langsame, vorsichtige organisatori- sche Arbeit ummodeln und umerziehen. Sie umgeben das Proletariat von allen Seiten mit einer kleinbürgerlichen Atmosphäre, durch- tränken es damit, demoralisieren es damit, rufen beständig inner- halb des Proletariats Rückfälle in kleinbürgerliche Charakterlo- sigkeit, Zersplitterung, Individualismus, abwechselnd Begeiste- rung und Mutlosigkeit hervor... Es ist tausendmal leichter, die zentralisierte Großbourgeoisie zu besiegen, als die Millionen und aber Millionen der Kleinbesitzer 'zu besiegen'; diese aber führen durch ihre tägliche, alltägliche, unmerkliche, unfaßbare, zerset- zende Tätigkeit eben jene Resultate herbei, welche die Bour- geoisie braucht, durch welche die Macht der Bourgeoisie restau- riert wird." 78) Die "Rote Bourgeoisie" beschleunigt die Konzentration und Zentra- lisation des von ihr verwalteten gesellschaftlichen Eigentums, obwohl die Gefahr des Machtmißbrauchs durch die Monopole vom BKJ, vergleichbar den Neoliberalen im Kapitalismus, betont wird. 79) Die stärkste Fraktion innerhalb der "Roten Bourgeoisie" (aus Kroatien und Slovenien) will nicht nur den Mehrwert von jeweils einem Unternehmen kontrollieren, sondern denjenigen jeglicher produktiven Arbeit überhaupt. Dies wird durch die Veränderung der ASV, der ein Geschäftsausschuß mit Machtbefugnissen über viele Unternehmen kraft Amtes (nicht durch Wahl) übergeordnet wird, er- reicht. Noch besser könnte dies, die Kontrolle des Mehrwerts, durch das Privateigentum geschehen. In der Tat ist die Einrich- tung einer Börse mit Wertpapieremissionen Diskussionsthema von 'Kommunisten'. "... obwohl sich gewichtige Stimmen in Jugoslawien dafür einsetzen, .., konnte man sich bisher ebenfalls nicht ent- schließen." 80) Immer wieder versuchen einige Unternehmen bis jetzt vergeblich, sich in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln oder Anleihescheine an Privatleute zu verkaufen. 81) Als die größte Möbelfabrik Jugo- slawiens sich in eine Aktiengesellschaft verwandeln wollte, gab der Ministerpräsident Ribicic zu 'bedenken', daß es schwer sein würde, dies mit sozialistischen Grundsätzen zu vereinbaren. Aber es gibt die Möglichkeit immer noch: "Wird Jugoslawien eine Aktienbörse errichten? Jugoslawien wird möglicherweise das erste kommunistische Land mit einer Aktienbörse sein. Die Entscheidung soll auf einem im Novem- ber 1970 stattfindenden Kongreß der Arbeiterselbstverwaltung fal- len. Der Plan findet angeblich die Unterstützung der jugoslawi- schen KP (!). Eine Warenbörse für landwirtschaftliche Produkte existiert bereits in Novi Sad. Die Voraussetzungen für das Funktionieren einer Aktienbörse seien vorhanden, heißt es in Wirtschaftskreisen, da in Jugoslawien das marktwirtschaftliche Prinzip vorherrsche. Viele Firmen leiden je- doch an Kapitalmangel, dem durch die Börsentätigkeit abgeholfen werden könnte. Am Verleih von Kapital an die Industrie hätten die jugoslawischen Banken bisher gut verdient. Der Versuch, Kapital durch die Ausgabe von festverzinslichen Papieren zu beschaffen, sei jedoch bisher am zu niedrig festgesetzten Zinssatz von 6% ge- scheitert. Soviel bekomme man bereits für Sichtguthaben bei Spar- kassen. Jugoslawischen Staatsbürgern soll der Erwerb von Aktien an der geplanten Aktienbörse zumindest am Anfang nicht gestattet werden." (DAS HANDELSBLATT, 10./11. Juli 1970). Allmählich weichen zum Vorteil der "Roten Bourgeoisie" die letz- ten Fassaden eines sozialistischen Staates den bald die jugosla- wische gesellschaftliche Totalität beherrschenden Marktgesetzmä- ßigkeiten mit allen 'Accessoirs', nachdem die direkte Planung und bewußte Gestaltung der gesellschaftlichen Prozesse einmal besei- tigt war. Der von Preobraschenski 82) schon 1921 charakterisierte Kampf zwischen Arbeitermacht und bürgerlichen Elementen, die sich mit dem Kleinbürgertum verbinden, mußte nach der konterrevolutio- nären Aufgabe der politischen und ökonomischen Schlüsselstellun- gen durch die Staatsmacht und Partei mit dieser Niederlage enden. 4. Organisation der Arbeitskraft -------------------------------- 4.1. Analphabetentum und Arbeitslosigkeit ----------------------------------------- Für ein relativ unterentwickeltes Land wie Jugoslawien ist der rationale Einsatz der der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Arbeitskraft verbunden mit einer allseitigen Bildung der Bevölke- rung die erste Voraussetzung für den Aufbau des Sozialismus. Da- bei ist die technische Ausbildung und vor allem die Bildung eines p o l i t i s c h e n, d.h. s o z i a l i s t i s c h e n B e- w u ß t s e i n s für das Individuum notwendig, um seine Per- sönlichkeit zu entfalten im dialektischen Prozeß zwischen ra- tionalem Einsatz seiner Arbeitskraft und Kontrolle der gesell- schaftlichen Entwicklung. Die Wirkung der Produktions- und Distributionsverhältnisse auf das Bewußtsein der Bevölkerung haben wir schon in Teil 2 u. 3 analysiert. Die folgenden Angaben charakterisieren den katastro- phalen Bildungsstand der Bevölkerung: Von den 14,611 Mio. Perso- nen über 10 Jahre sind 2,881 Mio. Analphabeten (19,7%). 83) Diese 2,881 Mio. Analphabeten setzen sich aus 695.000 Männern und 2,186 Mio. Frauen zusammen. 84) Die Unterschiede zwischen den Republi- ken sind beträchtlich: 32,5% der Bevölkerung über 10 Jahre sind in Bosnien und in der Herzegowina Analphabeten, in Slowenien sind es nur 1,8%. 85) Professor Horvat teilte bei seinem Vortrag am 11.11.1968 im Osteuropa Institut der Freien Universität Berlin mit, daß 1968 immer noch 3 Millionen Analphabeten vorhanden sind, der SPIEGEL vom 15.4.1968 berichtet sogar, daß die Anzahl ständig zunimmt. In Bosnien und in der Herzegowina werden heute lediglich 83% aller Kinder zwischen 7 und 14 Jahren von den Grundschulen erfaßt. 86) Ähnlich ist es in anderen Republiken. "Nur 12,8% der jugoslawischen Studenten erhalten ein Stipendium von durchschnittlich 215 Dinar pro Monat (ca. 70 DM). Die monat- lichen Lebenshaltungskosten liegen jedoch bei minimalen Ansprü- chen im Landesdurchschnitt bei 450 Dinar. Wenn die Studenten ihr Studium ganz durchstehen wollen, sind sie auf eine Nebenbeschäf- tigung angewiesen. Wegen der allgemeinen Arbeitslosigkeit ist ein Studentenjob aber nur schwer zu finden." 87) 12% der Studenten sind Arbeiterkinder, 2% sind Bauernkinder. 88) Ein Zitat aus einer (sonst untauglichen) Studie der OECD verdeut- licht die Lage: "Bildungsplanung wurde auf der regionalen Ebene häufig isoliert von der Untersuchung des gesellschaftlichen und ökonomischen Be- darfs und im allgemeinen unabhängig von regionalen wirtschaftli- chen Entwicklungsprogrammen betrieben. Die Standortwahl von Schu- len wurde daher oft eher vom Zufall oder von lokalen Wünschen als von voraussehbaren wirtschaftlichen Erfordernissen der Region be- stimmt... Es bleibt festzuhalten, daß sehr wenig erreicht wurde zur Herstellung eines funktionalen Zusammenhangs zwischen Schulen und Universitäten einerseits und dem Arbeitsmarkt (!) anderer- seits." 89) 81,8% der Bevölkerung über 10 Jahren haben höchstens 4 Klassen der Grundschule besucht 90); die Anzahl der Berufsschulen für qualifizierte Arbeiter stagniert. 91) "Wenn die geplante Zuwachsrate (der Produktion - d. Verf.) er- reicht werden soll, muß das Qualifikationsniveau (level of skills) erhöht werden, denn, obwohl die Hauptindustrien ähnliche Ausrüstungen wie in den entwickelten Ländern haben, ist die Pro- duktion unter anderem wegen minderer Qualifikationen viel gerin- ger..." 92) Diese minderen Qualifikationen hemmen nicht nur die Arbeitspro- duktivität, sondern führen auch zu sozialen Spannungen innerhalb der Arbeiterschaft. Die knappen hochqualifizierten Fachkräfte können den Selbstverwaltungsorganen ihre Einkommensforderungen aufzwingen, weil die Unternehmen bei der Einstellung von bestimm- ten Spezialisten miteinander konkurrieren. In bezug auf die Ein- stellung von Fachkräften besteht nicht nur Konkurrenz zwischen den Unternehmen, sondern auch zwischen den Republiken: Die Repu- blik Montenegro beklagte sich darüber, daß 2500 Erzieher und Techniker nach Bosnien übergesiedelt seien, weil sie durch rei- sende Bosnier mit Geld dazu verlockt wurden. Unsicherheit und Un- gewißheit über ihre Einkommenshöhe halten besonders hochqualifi- zierte Fachkräfte davon ab, in Betrieben zu arbeiten, die sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden und gerade des- halb auf Fachkräfte angewiesen wären. Außerdem ist die Fluktua- tion in diesen Betrieben besonders hoch. Andererseits werden alle Unternehmen von der Einstellung hochqua- lifizierten Fachpersonals zurückgehalten: Da die Summe aller per- sönlichen Einkommen Bemessungsgrundlage für eine Steuer des Un- ternehmens ist, die vor der Einkommens- und Prämienverteilung be- zahlt werden muß, streben die Organe der Arbeiterselbstverwaltung danach, insgesamt möglichst wenig Arbeitskräfte und insbesondere wenige hochbezahlte Fachkräfte einzustellen. Das führt zu einer mangelhaften technologischen Innovation. 1963 beschloß die Bundesversammlung in Belgrad, Fachgremien mit der Ausarbeitung von Grundsätzen für die zukünftige Entwicklung des Bildungswesens zu beauftragen. 1967 wurden die erarbeiteten Thesen veröffentlicht: "Zur Überwindung dieser aus einem etati- stischen (!) System resultierenden Probleme" wird u.a. "die Ein- führung des Eigenbetrages zur Bildung" ... "die Einführung des Rentabilitätsprinzips in die Bildungs- und Erziehungsarbeit" empfohlen. "Es sind Formen der 'Valorisierung' nötig, die der Ei- genart der Bildungsarbeit gerecht werden ... Die Valorisierung bezieht sie (die Entwicklung der Bildung) in das ökonomisch all- gemein verbindliche Prinzip des Preises im einheitlichen Prozeß der gesellschaftlichen Reproduktion." 93) Kurz, die Bildung soll wie eine Ware behandelt werden. Geringe Bildungsausgaben, ihre völlige Planlosigkeit und sogar ihre Vergeudung (siehe unten) sowie Privilegierung der Kinder der 'Roten Bourgeoisie' sind die hervorstechenden Merkmale des Bil- dungssystems des 'sozialistischen' Jugoslawien. Im Vertrauen auf den Marktmechanismus ergriffen die Jugoslawen keine Maßnahmen, um die zunehmende A r b e i t s l o s i g- k e i t zu beseitigen und die geringe Anzahl der arbeitenden Bevölkerung gemessen an der Gesamtbevölkerung zu erhöhen. Im STATISTISCHEN TASCHENBUCH VON JUGOSLAWIEN 1969 kann man für 1961 (in diesem Jahr sind die wichtigen Daten vorhanden) folgende Zahlen lesen: "Population according to activity and occupation" 8,340 Mio, davon waren 4,731 Mio. in der Landwirtschaft beschäftigt. 94) Im YUGOSLAV SURVEY (No. 2, Vol. IX, May 1968, p. 155), werden unter "employment" nur 3,242 Mio. Personen erfaßt, weil alle in der Landwirtschaft arbeitenden Personen nicht mitzählen. Fragt man sich, warum diese nicht unter "employment" oder sogar nicht unter "Registered Labour Force" (YUGOSLAV SURVEY, No. 4, Vol. VIII, Nov. 1967, p. 58) erfaßt sind, kann man vermuten, daß der Grund in der hohen versteckten Arbeitslosigkeit (nach UN-Schätzungen 1 bis 2 Millionen) dieser 4,731 Mio. 'Beschäftigten' liegt. Die versteckten Arbeitslosen werden in der offiziellen Anzahl der Arbeitslosen nicht mitgezählt, worauf sogar die bürgerlichen Autoren hinweisen. Eine andere relevante Kennziffer ist der Anteil der arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung (Erwerbsquote). Jahr Registrierte Arbeitslosenquote Anzahl der arbei- Arbeiter in in % 96) tenden Personen pro tausend 95) 1000 Einwohner 97) 1952 1,779 2,5 103 1953 1,918 4,2, 108 1954 2,081 3,7 116 1955 2,282 2,9 126 1956 2,315 4,3 125 1957 2,508 4,6 134 1958 2,684 4,9 142 1959 2,892 -5,6 150 1960 3,131 -5,1 161 1961 3,332 5,7 174 1962 3,555 6,6 176 1963 3,620 6,3 178 1964 3,800 5,6 187 1965 3,899 6,1 188 1966 3,836 6,7 181 1967 6,6 98) 1968 6,8 99) 1969 9,3 100) 1952 waren nur 10,3% der gesamten Bevölkerung berufstätig, 1966 waren es 18,1%, was eine deutliche Verbesserung anzeigt. (Die kommunalen Unterschiede sind beträchtlich, der Anteil der arbei- tenden Personen schwankt zwischen 5 und 45%). Trotzdem ist diese Quote z.B. im Vergleich zur DDR (ca. 47%) äußerst niedrig. Auch die jugoslawischen Statistiker können nicht umhin, festzustellen, daß "... in number of employed per 1.000 inhabitants Yugoslavia is still considerably behind some more developed European and non-European countries," 101) obwohl die in der Tabelle angegebe- nen Zahlen zu gering sind, weil die in der Landwirtschaft Be- schäftigten nicht erfaßt sind. Die Zunahme der Arbeitslosenquote spricht für sich (siehe Tabelle). Entgegen den offiziellen stati- stischen Angaben schreibt die INTERNATIONAL HERALD TRIBÜNE (9.11.1967), daß nach zuverlässigen Quellen die Arbeitslosigkeit 1967 15% betrage. Der UN-ECONOMIC SURVEY OF EUROPE (New York 1966, S. 59, Fußnote 126) berichtet: "... 1 / 3 d e r I n d u s t r i e a r b e i t e r (indu- strial force) besteht aus Teilzeitbauern (part time farmers), denen fast 1 / 3 d e r g e s a m t e n k u l t i v i e r- t e n F l ä c h e i m L a n d g e h ö r e n. Es besteht die Tendenz, daß diese Leute aus der Landwirtschaft abwandern, wenn die Austauschverhältnisse (Preisverhältnisse zwischen landwirt- schaftlichen und industriellen Waren - d. Verf.) sich verschlech- tern, und daß sie in die Landwirtschaft zurückkehren, wenn die Austauschverhältnisse sich verbessern." (Übers, und Hervorh. - d. Verf.) Um ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu vermeiden, sah der 'Plan' von 1966-1970 eine 'humane sozialistische' Lösung vor; 40.000 Menschen sollten jährlich als Gastarbeiter in die kapita- listischen Länder auswandern. Tatsächlich sind es 70.000 Personen im Jahr, darunter auch viele Facharbeiter und Hochschulabsolven- ten, die das Land verlassen. 102) Es gibt rund 500.000 (davon 265.000 in der BRD) jugoslawische Arbeiter im Ausland. Es ist unglaublich, daß diese Zustände von Kommunisten herbeige- führt worden sind, viel eher ähneln sie den Zuständen in einer von Imperialisten und Kompradorenbourgeoisie beherrschten Pro- vinz. 103) Die Enttäuschung über die Selbstverwaltung und den So- zialismus, der mit diesen Verhältnissen identifiziert wird, ruft Verzweiflung, Resignation und ein individualistisches Verhalten hervor. Gerade in einem sozialistischen System könnten die Mil- lionen von Unterbeschäftigten und Arbeitslosen "selbst mit bloßen Händen... etwas Nützliches tun" (Joan Robinson). In Jugoslawien wird die menschliche Arbeitskraft, die als Ware den Marktgesetzen unterliegt, vergeudet. 4.2. Die Organisation der Arbeiterselbstverwaltung -------------------------------------------------- Im folgenden soll versucht werden, die wichtigsten Elemente und Entwicklungstendenzen der ASV im Zusammenhang mit strukturellen empirischen Informationen darzustellen, um den Anspruch der ASV auf eine "soziale Emanzipation der Arbeit" an der Realität zu überprüfen. Es scheint uns wichtig, schon hier auf den historischen Kontext hinzuweisen, aus dem heraus die Jugoslawen dem sowjetischen Sy- stem ein Wirtschaftsmodell entgegensetzen (S e l b s t v e r- w a l t u n g versus z e n t r a l e P l a n u n g), das mit einem Anspruch beladen wurde, den es von vornherein nicht einlösen konnte. Selbstverwaltung und Marktwirtschaft schließen sich gegenseitig aus - nicht aber Selbstverwaltung und Planung. Im Gegenteil, die Kontrolle der gesellschaftlichen Prozesse durch die Arbeiter erfordert die Planung. Es wird daher im folgenden darauf zu achten sein, daß der ASV nicht Fehler angelastet werden, die aus der Integration eines richtigen sozialistischen Prinzips in ein ungeeignetes Gesamtsystem resultieren. Die relevanten Institutionen im System der Arbeiterselbstverwal- tung sind: Arbeitskollektiv, Arbeiterrat, Verwaltungsausschuß und Betriebsleiter. Das A r b e i t s k o l l e k t i v, bestehend aus allen Be- schäftigten des Unternehmens, wählt und kontrolliert den Arbei- terrat, dessen Mitglieder jederzeit vom Gesamtkollektiv abberufen werden können. Wichtige Entscheidungen, wie z.B. Erweiterungsin- vestitionen, Fusionierung, Verselbständigung von Unternehmenstei- len usw. können dem Kollektiv in Form eines Referendums vorgelegt werden. Nach der Gesetzgebung von 1965 kann das Arbeitskollektiv auch selbst initiativ werden und in Urabstimmungen verbindliche Entscheidungen treffen. Umfaßt ein Betrieb weniger als 30 Mitglieder, dann bildet die ge- samte Belegschaft den Arbeiterrat (AR), ist er größer, so wählt das Arbeitskollektiv den AR mit - je nach Betriebsgröße - 15 bis 30 Mitgliedern. Der AR ist, neben dem Gesamtkollektiv, oberstes Beschlußorgan des Betriebes. Er wählt den 3 bis 11köpfigen Ver- waltungsausschuß (VA), der für die Durchführung der AR-Beschlüsse verantwortlich ist und die Betriebsleitung (Direktor oder Direk- torium) unmittelbar kontrolliert. Der Verwaltungsausschuß hat als permanentes Exekutivorgan des AR die Aufgabe, die laufende Ver- waltung des Unternehmens gemäß der vom AR definierten Politik sicherzustellen und die Tätigkeit der Betriebsleitung zu kontrol- lieren. Der Betriebsleiter gehört dem VA an. Die Amtsdauer beider Gremien beträgt 2 Jahre. Der A r b e i t e r r a t setzt sich zum größten Teil aus Pro- duktionsarbeitern zusammen, obgleich die ursprüngliche Bestim- mung, daß 3/4 seiner Mitglieder unmittelbar am Arbeitsvollzug Be- teiligte sein müssen, nicht in das neue Gesetz von 1964 über die Wahl der Arbeiterräte aufgenommen wurde. 104) Die Qualifikations- struktur der Arbeiterräte zeigte bereits in den fünfziger Jahren - im Vergleich mit der gesamten Arbeiterschaft-eine überdurch- schnittliche Beteiligung der Facharbeiter. 105) Die Unterprivile- gierung der Un- und Angelernten, die sich inzwischen noch ver- schärft haben dürfte, wird perpetuiert durch die Tendenz der hochqualifizierten Arbeiter, ihre Sonderstellung durch mehrfache Wiederwahl auszubauen. 80% eines von A. Meister befragten Samples (1960) waren noch nie in den AR gewählt worden: von den übrigen 20% waren über die Hälfte mehr als einmal (bis zu fünfmal) Mit- glied im AR 106). Zwei wesentliche Determinanten einer realen Teilnahme der Arbei- terschaft am Entscheidungsprozeß des Unternehmens sind das Quali- fikationsniveau und der Informationsgrad. Die Untersuchung von Meister zeigt, daß auf generell niedrigem Informationsniveau der Informationsgrad bezüglich verschiedener betrieblicher Institu- tionen von der jeweiligen Distanz der Organe zum unmittelbaren Arbeitsbereich abhängt. Die empirischen Ergebnisse zum Informationsniveau und der Betei- ligung der Arbeiter an den Gremien der Selbstverwaltung zeigen gewisse Parallelen zu westdeutschen Mitbestimmungsstudien. So er- gab eine Enquete in 30 Zagreber Unternehmungen im Jahre 1969, daß 85% der 2.000 befragten Arbeiter die Selbstverwaltung für eine großartige und epochale Errungenschaft hielten, die meisten je- doch mit dem faktischen Funktionieren der ASV unzufrieden waren. "Nur ein Drittel der Befragten beantwortete die Frage, wem die Gesellschaft die Produktionsmittel zur Verwaltung übergeben habe, richtig! Ungefähr der gleiche Prozentsatz von befragten Personen wußte, welches das höchste Verwaltungsorgan in der Unternehmung ist (!)" 107) Dies zeigt die unbeteiligte Haltung der Arbeiter- klasse. Die ungelernten Arbeiter befinden sich in einem circulus vitiosus aus niedrigem Informationsniveau, Bedrohung durch Ar- beitslosigkeit 108) und Handlungsunfähigkeit durch Unterrepräsen- tierung im AR, den sie systemimmanent nicht durchbrechen können, denn ihr Einkommen ist zumeist so niedrig, daß sie auf Nebenbe- schäftigungen angewiesen sind und so weder die Zeit für eine be- rufliche Fortbildung noch für die Tätigkeit im AR aufbringen kön- nen. Ist es ihnen dennoch gelungen, auf die Vorschlagsliste der Betriebsgewerkschaft zu gelangen und in den AR gewählt zu werden, so bleiben sie dessen Sitzungen überdurchschnittlich häufig fern. Die subjektive und objektive Unmöglichkeit, sich in das Selbst- verwaltungssystem einzuarbeiten, erzeugt ein 'them-us' Gefühl 109) gegenüber Betriebsleitern und Technokraten, das prinzipiell den objektiv vorhandenen Interessengegensätzen in kapitalisti- schen Systemen entspricht und außerdem Gegensätze innerhalb der Arbeiterklasse entstehen läßt. So ist es nicht verwunderlich, daß spontane Streikaktionen häufig von den unqualifizierten Arbeitern ausgehen. Als Indiz für ein gering entwickeltes sozialistisches Bewußtsein und zugleich als Kritik am Status quo der ASV ist die Bedeutung einzuschätzen, die man dem Arbeiterrat als einem Mittel zum so- zialen Aufstieg zumißt. Die Frage nach dem sichersten Weg voran- zukommen und eine besser bezahlte Stellung zu erhalten, wurde von einem Sample aus 6.552 Arbeitern wie folgt beantwortet 110): keine Möglichkeit, in absehbarer Zeit aufzusteigen 1.202 durch berufliche Weiterbildung 4.295 durch Stellungswechsel 2.073 durch Wahl in den Arbeiterrat 1.629 durch Wahl auf einen leitenden Gewerkschaftsposten 1.149 (Mehrfachnennungen möglich) Obwohl 'sozialer Aufstieg' nicht nur auf einer ökonomischen Di- mension liegt, schlägt sich in diesen Zahlen - 40% der Befragten sehen in einer Tätigkeit im AR oder in der Gewerkschaft den si- chersten Weg zum Aufstieg - die Umwandlung der Arbeiterorganisa- tionen von Instrumenten kollektiver Emanzipation zum individuel- len 'sozialen Fahrstuhl' nieder. Konkrete Angaben über die Effizienz der Arbeiterräte in ökonomi- schen und technischen Fragen sind spärlich. Kolaja schreibt nach einer Analyse zweier Unternehmungen dem Direktor und dem Manage- ment eine zentrale Rolle zu, da deren Vorschläge praktisch immer vom AR akzeptiert wurden 111). Die Arbeitervertreter im AR grif- fen immer dann aktiv in die Diskussion ein, wenn Personal- und Sozialfragen behandelt wurden, während der Direktor sich erfolg- reich in bedeutsamen technischen und ökonomischen Fragen enga- gierte 112). Im V e r w a l t u n g s a u s s c h u ß zeigt sich eine im Vergleich zur Rekrutierung des AR verschärfte Selektion zugunsten der Fachkräfte 113): hochqualifizierte Arbeiter 17,9% qualifizierte 33,2% halbqualifizierte 9,0% nichtqualifizierte 4,7% Angestellte mit hoher Fachausbildung 8,1% Angestellte mit mittlerer Fachausbildung 15,5% Angestellte mit niederer Fachausbildung 10,6% Hilfsangestellte 0,9% Diese Selektion ist die Konsequenz der Monopolstellung von Mit- gliedern des AR bei der Nominierung als VA Kandidaten. Der VA re- krutiert sich faktisch weitgehend aus Mitgliedern des AR, obwohl diese Doppelfunktion gesetzlich nicht zulässig ist. In diesem Tatbestand sind bereits Tendenzen zur Machthäufung, Cliquenbil- dung und Bürokratisierung . enthalten, zumal der VA weniger rei- nes Ausführungsorgan des AR als vielmehr die hochqualifizierte Spitze der Selbstverwaltung im Betrieb ist. In der neueren jugoslawischen Reformdiskussion zeichnet sich die Tendenz ab, die dreifache Leistungsverantwortung AR. VA, Direktor auf die beiden Positionen Leitung und Arbeiterrat zu reduzieren, um eine klarere Abgrenzung der Zuständigkeiten zu erreichen. Eine Polarisierung der Positionen wird sogar befürwortet. So fordert Eugen PUSIS, innerhalb der Unternehmungen sollten 'dialektische' (!) anstelle von 'solidaristischen' Mechanismen ausgebaut werden, um den Gegensatz zwischen technisch-operativer Leitung und der Interessenvertretung der Arbeiter stärker zum Ausdruck zu brin- gen. 114) Diese Tendenz einer Institutionalisierung des Klassen- gegensatzes wurde durch die Verfassungsänderung von 1968 ver- stärkt. Die größere Autonomie der Betriebe bei der Organisation der ASV trug zu einer Verselbständigung der Betriebsführung ge- genüber dem Betriebsparlament bei. Der "künstliche Graben zwi- schen technischer Intelligenz und Arbeiterschaft" war kürzlich Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen im jugoslawischen Parla- ment. 115) Die teilweise Entmachtung der Arbeiterräte und besonders der Ver- waltungsausschüsse durch sogenannte "Geschäftsausschüsse" 116) verschlechtert die ohnehin prekäre Lage der Arbeiterräte noch mehr: "In wachsendem Maße haben ... Betriebe Statuten erlassen, nach denen die Prüfung einem 'Geschäftsausschuß' obliegt, dem vielfach kraft Amtes und nicht kraft Wahl nur der Direktor und die wichtigsten Fachleute angehören. Gegenüber einer solchen Ge- schäftsführung hat es der Arbeiterrat selbst dann schwer, seine Rechte zu behaupten, wenn er das will." Denn die Fachleute im Ge- schäftsausschuß werden zum Teil vom Direktor ernannt. Noch schwe- rer wird es der Arbeiterrat haben, wenn ausländischem Kapital di- rekte Mitspracherechte zugestanden werden, wie es z.B. kürzlich zwischen den Firmen Höchst und Ina vereinbart wurde: Für die ge- plante 'Zusammenarbeit' auf dem Gebiet der Kunstfaserproduktion soll ein Geschäftsausschuß gebildet werden, der zur Hälfte aus Vertretern des westdeutschen Investors bestehen wird. (117) Die Firma Höchst hat dieses Recht aufgrund ihrer d i r e k t e n Beteiligung zu 45% in einem neuen Unternehmen mit Ina erworben. 118) (siehe Teil 7) Aus den bisherigen Feststellungen kristallisiert sich als Schlüs- selposition die des B e t r i e b s l e i t e r s heraus. Daher zunächst einige Angaben über die formale Struktur des Amtes: Ne- ben der Verflechtung des Betriebes mit anderen gesellschaftlichen Organisationen durch die Arbeiter selbst, stellt der Betriebslei- ter eine institutionelle Nahtstelle dar: Zwar ist er Angestellter des Betriebes, aber er untersteht nicht der ausschließlichen Per- sonalpolitik des AR. Die Stelle eines Betriebsleiters wird unter Angabe der in der Betriebsordnung geforderten Qualifikationen ausgeschrieben: unter den Bewerbern trifft eine paritätisch vom AR und dem zuständigen Volksausschuß der Gemeinde besetzte Kom- mission die Auswahl. Die Ernennung erfolgt schließlich durch den kommunalen Volksausschuß. Alle 4 Jahre muß sich der Betriebslei- ter nach erneuter Ausschreibung einer Neuwahl stellen. 119) Der Betriebsleiter gehört a) zum System der Selbstverwaltung und ist dessen Hauptexekutivorgan: b) ist für die Organisation der Arbeit verantwortlich und ist oberster Vorgesetzter der Belegschaft: c) hat als "Wächter der Legalität" (er darf keine rechtswidrigen Be- schlüsse der Selbstverwaltungsorgane ausführen) nach wie vor ge- wisse Rechte und Pflichten eines Staatsbeamten. Seine vorherr- schende Rolle soll jedoch die des E x e k u t i v organs der Selbstverwaltung sein. Abberufen (nach demselben Verfahren wie der Wahl) kann der Be- triebsleiter werden, wenn a) er gesetzliche Vorschriften nicht befolgt oder solchen zuwiderhandelt: b) der Betrieb nicht in der Lage ist, seinen Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit nachzukommen: c) feststeht, daß der Betrieb nicht das Einkommen erzielt, das nach objektiven Kriterien möglich wäre, oder der Be- trieb infolge Nachlässigkeit oder Unfähigkeit des Betriebsleiters erhebliche Verluste erlitten hat. Alle Aufgaben der technischen und administrativen Leitung des Un- ternehmens fallen dem Betriebsleiter zu. In mittleren und größe- ren Betrieben steht ihm dabei ein Direktorium aus den leitenden technischen Angestellten mit beratenden Aufgaben zur Seite. Ob- wohl 1964 erst 8% der Direktoren eine abgeschlossene Hochschul- bildung hatten (62% Mittelschule, 30% Volksschule) 120), scheint die verstärkte Tendenz zur 'Professionalisierung des Managements' bei steigender Zahl von Hochschulabsolventen (15.000 Wirtschafts- studenten in Jugoslawien!) allmählich zur Bildung einer techno- kratischen Elite zu führen, die ihren Führungsanspruch primär aus ihrer Fachausbildung ableitet. Die direktoriale Rolle ist ange- sichts einer Vielzahl teilweise widersprüchlicher Vorschriften bisher institutionell nicht konsistent, so daß sich für Manipula- tionen aller Art vielfache Möglichkeiten ergeben. 121) Die bisherigen Reformvorschläge deuten auf eine Stärkung der Un- ternehmensleitung im Sinne kapitalistischer Managerfunktionen hin: Verlagerung der Verantwortung vom Kollektiv auf die Leitung, höhere Einkommen für Direktoren und Reduzierung des 'gesell- schaftlich-politischen' Aufgabenkatalogs. Damit kommt man dem Selbstverständnis der Direktoren entgegen, denn eine Befragung Zupanovs hatte gezeigt, daß sich die Direktoren in verschiedenen simulierten Rollenkonflikten immer als technokratische Manager ohne gesamtgesellschaftlichen Auftrag definierten. 122) Die Einführung des Marktsystems und der ASV hat offenbar den Spielraum für unkontrollierte individuelle Bereicherung auf Ko- sten der Arbeiter erhöht. "Wie aus zahlreichen Berichten der jugoslawischen Tagespresse zu entnehmen ist, wird gerade unter dem Druck wirtschaftlicher Schwierigkeiten der Selbstverwaltungsapparat häufig von den Inha- bern der faktischen Macht im Betrieb umgangen. Da offensichtlich kein wirksames Kontrollorgan vorhanden ist, gelingt es Angehöri- gen des Managements immer wieder, Lohnverringerungen auszuweichen und diese allein auf die Arbeiter abzuwälzen. So erhielten z.B. in der Unternehmung "Bräts tvo" in Skopje die Arbeiter drei Mo- nate lang keinen Lohn, während die Mitglieder der Betriebsleitung sich selbst ihre vollen Gehälter auszahlten. Die Löhne für Mana- ger und Arbeiter wurden von zwei verschiedenen Girokonten abge- bucht. Der gleiche Sachverhalt wurde aus der Firma "Slavy" in Skopje geschildert." 123) Häufig wurden öffentliche Mittel von Managern für Privatgeschäfte mißbraucht. Erleichtert werden sol- che Transaktionen dadurch, daß weder die Gemeindeverwaltung noch die staatliche Buchführung ein Recht haben, interne Geschäftsdo- kumente von Privatfirmen auf die Herkunft ihres Kapitals hin zu überprüfen. Was das Management nicht durch "legale" Methoden er- reichen kann, wird durch Wirtschaftsdelikte ergänzt. Die Korrup- tion ist an der Tagesordnung. Hinzu kommt, daß die wegen Korrup- tion verurteilten Führungskräfte, nachdem sie ihre Strafe verbüßt haben, wieder in ähnlichen leitenden Positionen beschäftigt wer- den. Ein Weg, die ASV ganz und gar zu umgehen, besteht darin, daß die Direktoren und andere leitende Personen sehr viele (bis 40) kleine Privatbetriebe errichten, die sich in ihrer Produktion ge- genseitig ergänzen und nicht dem Prinzip der ASV unterliegen. 124) Auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit werden solche Tatbe- stände von den Behörden mehr oder weniger übersehen. Um der Verselbständigung der Selbstverwaltungsorgane entgegenzu- wirken und die materiellen Anreize zur Hebung der Produktivität zu verstärken, wurden die Unternehmer Ende 1960 ermächtigt, die innerbetriebliche Willensbildung und die wirtschaftliche Erfolgs- rechnung durch Bildung 'ö k o n o m i s c h e r E i n h e i- t e n' weiter zu dezentralisieren. Diese neuen Arbeitseinheiten, die im Idealfall zwischen 40 und 80 Mitarbeiter umfassen sollen, verfügen über folgende selbständige Instanzen 125): Die Gesamtheit der Mitarbeiter der Einheit wählt einen Arbeiterrat oder ein Exekutivkomitee (falls die Einheit sehr klein ist, verwaltet sie sich als Kollektiv). Auf das Exekutivorgan werden aus der Kompetenz des zentralen Arbeiterrates - je nach Dezentralisierungsgrad - mehr oder weniger Entscheidungsbefug- nisse übertragen. Der Leiter der Abteilung ist eine Linieninstanz mit Anordnungsbefugnis. Ein Buchhalter führt die selbständige Ko- stenbuchhaltung der Abteilung. Diese "technisch begründeten Ar- beitsgruppen mit meßbarer Leistung" 126) sollten eine Reihe in- terner Fragen selbst regeln: Arbeitsverteilung, Zusammensetzung der Gruppe, Wahl und Abwahl der Arbeitsleiter einschließlich der Meister, Einsatz bestimmter Investitionsmittel, Verteilung der Erträge, Qualitätskontrolle, Disziplinarverfahren. Die Bildung autonomer Arbeitseinheiten ist die konsequente Folge der Ein- sicht, daß die Mehrzahl der Arbeiter weder subjektiv noch objek- tiv in der Lage ist, den komplexen Apparat der Unternehmensver- waltung im Sinne einer realen Selbstbestimmung zu durchschauen und zu beeinflussen. Die Unternehmenspolitik vollzieht sich fern von den unmittelbaren Problemen am Arbeitsplatz in einem System langer Handlungsketten, deren determinierende Faktoren das rnfor- mations-Verarbeitungspotential der Arbeiter übersteigen. Hier sollen nun die ökonomischen Einheiten Abhilfe schaffen, in- dem sie die Selbstverwaltung auf einem niedrigeren Niveau anset- zen und damit den Grad der vom Individuum zu verarbeitenden Kom- plexität so reduzieren, daß die Selbstverwaltung nun in das vom unmittelbaren Arbeitsbereich geprägte Bewußtsein (vgl. Popitz) integriert wird. Zwar liegt über das Funktionieren dieser ökono- mischen Einheiten noch zu wenig empirisches Material vor, aber neben der positiven Folge einer neuen Unmittelbarkeit der Selbst- verwaltung sind einige unerwünschte 127) Nebenfolgen eingetreten. Die Abteilungserfolgsrechnung wird zum Instrument der pretialen Unternehmenslenkung, d.h. der innerbetrieblichen Lenkung über den Preis (Theorie des bürgerlichen Betriebswirts Schmalenbach 1904). Je kleiner die ökonomische Einheit, desto größer ist dabei der Leistungsdruck auf das Individuum. Die Ausnutzung der indu- striellen Kleingruppenforschung und die Einführung des Stücklohns ("... der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form der Entlohnung") 128) vereinfachen zwar die individuelle Lohn- findung und die kurzfristige Lohnvorausberechnung, aber sie verkürzen das sich gerade entwickelnde solidarische Bewußtsein auf ein individualistisches und führen tendenziell zu einer Transformation kooperativer Arbeitsbeziehungen in interpersonelle Konkurrenzbeziehungen. Damit wird die kollektive durch die "pretiale" Lenkung ersetzt und das Konkurrenzprinzip sogar im in- nerbetrieblichen Bereich eingeführt. Die Abteilungen konkurrieren miteinander um die Abgabepreise der von ihnen hergestellten Vor- produkte. Diese Konkurrenz erstreckt sich auf die innerbetriebli- che Einkommensverteilung. "Jedes Jahr, wenn die Umschüttung des Einkommens von einer in die andere Arbeitseinheit (des landwirt- schaftlich-industriellen Kombinats 'Belje' - d. Verf.) und die Deckung der Verluste beginnt, entstehen wahre Brüche und Erdbeben in diesem großen Kollektiv von über 5000 Menschen. Das sind wahre Dramen, die dieses große Kollektiv erregen". 129) Der Stellenwert der ökonomischen Einheiten im dezentralisierten System ist umstritten. Vidacovic bezeichnet den zentralen Arbei- terrat als "Zentrum eines Systems autonomer Körperschaften, das nur die Funktionen der Selbstbestimmung ausübt, die für die Ein- heit notwendig sind". 130) Dazu Pantelic: "Je dezentraler die In- itiative, umso stärker die zentralen Organe." 131) Da trotz der Entwicklung der sich selbst verwaltenden ökonomi- schen Einheiten die Hierarchie der zentralen Selbstverwaltungsor- gane und die Hierarchie der Leitungsorgane und Stäbe erhalten blieben, entwickelte sich ein Interessengegensatz sowohl zwischen den ökonomischen Einheiten und den zentralen Organen der Selbst- verwaltung und der Leitung als auch zwischen den einzelnen ökono- mischen Einheiten. (132) Der dadurch entstehenden Gefahr der Des- organisation versucht man zur Zeit durch Zusammenfassung ökonomi- scher Einheiten zu größeren innerbetrieblichen Systemen, also durch partielle Rezentralisierung zu begegnen. Der Versuch, die Arbeiterselbstverwaltung durch die Einführung direkter materieller Anreize und innerbetriebliche Konkurrenz zum Instrument einer demokratischen Gestaltung der Produktionsver- hältnisse zu machen, mußte aus eben diesen Gründen und dem blin- den Vertrauen auf die "invisible hand" des Marktes scheitern. 4.3. Beginnende Klassenkämpfe ----------------------------- Die dem jugoslawischen Wirtschaftssystem immanenten Konflikte werden durch die seit 1961 ständig wachsende Streikbewegung mani- festiert. Seit 1958 gab es insgesamt 1800 Streikaktionen, von Tito verschämt als "work stoppages" bezeichnet. 133) Diese Zahl zeigt, daß der Streik bereits zum sozialen Tatbestand geworden ist. Allerdings ergibt sich aus einer serbischen Streikstatistik vom 1.1.64 bis zum 1.8.65, daß der Streik in 80% der Fälle nicht län- ger als einen Arbeitstag dauerte. 134) In weit mehr als die Hälfte aller Fälle richteten sich die "Arbeitsniederlegungen" di- rekt gegen die Organe der Unternehmensleitung (etwa 10%gegendie ASV). In keinem Fall waren höhere Verwaltungsangestellte betei- ligt. Dies kann als Indiz für den Klassenkonflikt zwischen Direk- tion und Arbeiterklasse gelten. Die Mehrzahl der Konflikte werde bezeichnenderweise durch direkte Verhandlungen zwischen den Streikenden und dem Direktor gelöst, o h n e daß die Organe der Selbstverwaltung zugezogen wurden. Die meisten Streikaktionen richteten sich gegen Entscheidungen des Managements und das Prinzip des Stücklohnes. 135) Die zi- tierte serbische Statistik weist für 53% der Streikfälle als un- mittelbaren Anlaß aus: "Nichtanerkennung der geleisteten Arbeit durch den Markt und demzufolge keine Entlohnung" (!). Diese Fälle, in denen die Leistung der Unternehmung keinen entsprechen- den Gegenwert in der Realisationsphase erzielen konnte, verdeut- lichen die bestehende Diskrepanz zwischen dem Prinzip der "Entlohnung nach Leistung" (gemäß Art. 80 Grundsatzgesetz über die Unternehmungen vom 4.4.65) und der ökonomischen Realität. Häufig wurden die Lohndifferenzierung und die festen Löhne der Angestellten von den zahlenmäßig überlegenen unqualifizierten Ar- beitern zum Anlaß für Arbeitskämpfe genommen, die somit ihre Un- terrepräsentierung im AR durch direkte Aktionen zu kompensieren versuchten. Dies veranlaßte einige jugoslawische Wirtschaftler zu dem Vor- schlag, daß Stimmrecht im Arbeiterkollektiv proportional nach dem Produktionsanteil der einzelnen Qualifikationsgruppen zu gewich- ten. Äußerungen einzelner prominenter Politiker gehen jedoch eher dahin, das Streikrecht der Arbeiter als integralen Bestandteil ihrer Selbstbestimmungsrechte zu akzeptieren und auch formal zu garantieren. Die Tendenz zur Institutionalisierung des Klassen- konflikts wird deutlich bei E. Pusic: "Der Gegensatz zwischen der technisch-operativen Leitung und der Interessenvertretung der Ar- beiter muß stärker als bisher zum Ausdruck kommen." 135) Diese Aussage impliziert die Aufgabe des ursprünglich integrati- ven Anspruchs der Selbstverwaltung als eines "radikal demokrati- schen Modells" der Willensbildung und akzeptiert einen institu- tionalisierten Klassenantagonismus, damit aber die vollständige Aufgabe sozialistischer Prinzipien, so daß das "lügnerische Ge- schwätz" von der ASV, die nichts anderes als eine Tarnung der Ausbeutung ist, wie es die Chinesen nennen, allzu offen wird. Die Gewerkschaften haben den Streikenden, wie es zu erwarten war, kaum materielle und ideelle Unterstützung gewährt, im Gegenteil, der BKJ und die Gewerkschaften sind durch die Streiks "in Unruhe versetzt worden", wie G. Leman schreibt. Die "Süddeutsche Zeitung" vom 9. Juni 1969 berichtet: "Zum ersten Male in der Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens haben aufgebrachte Arbeiter während eines Streiks das Direktionsgebäude gestürmt, Direktoren und leitende Funktionäre aus ihren Büros vertrieben, wie Hasen durch die Straßen gejagt und schließlich verprügelt. Dies geschah... in der dalmatinischen Hafenstadt Ri- jeka, wo rund 4500 Hafenarbeiter in einen inzwischen wieder bei- gelegten Generalstreik getreten waren. Die Hafenarbeiter demon- strierten mit ihrem Streik gegen die am 1. Juni wirksam gewor- denen empfindlichen Lohnkürzungen, die aufgrund der schlechten Ertragslage des Hafens notwendig geworden waren... Die defizitäre Entwicklung des Hafens von Rijeka brachte eine Verminderung der Löhne, des Urlaubsgeldes und anderer sozialer Leistungen mit sich... Die Wut der Arbeiter richtet sich gegen das Management, dem sie die alleinige Schuld am Defizit des Hafens geben, das sie jetzt mitbezahlen müssen. Die Arbeiter vertreten die Auffassung, daß Entscheidungen, die zum Defizit führten, über ihre Köpfe hin- weg vom Direktorium allein gefällt wurden, das ihrer Meinung auch jetzt die Verantwortung tragen soll." Symptomatisch für die Zersplitterung der Arbeiterklasse ist, daß streikende Arbeiter einer Abteilung nicht durch Arbeiter in ande- ren Abteilungen desselben Unternehmens unterstützt wurden. Dies ist ein Indiz dafür, wie schwierig es sein wird, die entmachtete Arbeiterklasse in Zukunft zu einen. Wir vermuten, daß nach dem Tode Titos, der noch immer wegen sei- ner Tätigkeit als Partisanenführer und seiner gelegentlichen ver- balen Anprangerungen der Mißstände unter den Arbeitern ein gewis- ses Vertrauen besitzt, Klassenkämpfe verschärft ausbrechen wer- den. Es scheint uns, daß die Studentenbewegung Jugoslawiens eine die Arbeiterklasse einigende Funktion haben wird. Während ihres einwöchigen Streikes in allen großen Städten Jugoslawiens im Som- mer 1968 wurden ihre Forderungen durch die Arbeiterklasse spontan unterstützt. 136) 5. Die Einkommensverteilung und ihre Auswirkung ----------------------------------------------- Einkommensdifferenzierung nach Qualifikation -------------------------------------------- Bis Anfang der fünfziger Jahre bestanden nur geringe Einkommens- differenzen zwischen den verschiedenen Qualifikationsstufen der Arbeitskraft. Die zu geringe Einkommensdifferenzierung (z.B. im Jahre 1952 Inzwischen ungelernten Arbeitern und Managern - dies ist nicht aus der Tabelle ersichtlich) bewirkt einen "Mangel an Verantwortungsbewußtsein, einen Mangel an Initiative, einen Man- gel an Anreizen..." 137) Dies ist nur die Apologie der 'Roten Bourgeoisie', um ihr Einkommen zu erhöhen. Den jugoslawischen 'Kommunisten' fiel nicht ein, die Initiative der Massen durch an- dere Methoden zu entfalten. Die Tabelle zeigt diese Entwicklung: 138) Wages in industry by education and skill; Wages of unskilled workers = 100 1951 1952 1954 1957 1959 1961 Education-employees University 125 156 238 290 316 333 Secondary school - - 155 170 186 190 Elementary school 101 101 123 119 132 135 Skilled workers Highly skilled 120 144 205 223 243 249 Skilled - - 146 149 159 160 Semi-skilled 105 110 118 117 125 124 Couriers and Messengers 101 100 107 107 106 105 Daß die Lohnentwicklung zwischen den einzelnen Qualifikationsstu- fen nicht proportional verlief, ist ersichtlich. Die hochqualifi- zierten Facharbeiter und die Angestellten mit Universitätsstudium haben den größten Lohnanstieg zu verzeichnen. A. Meister konsta- tiert dieselbe Tendenz: 1951 betrug das Gehalt eines ungelernten Arbeiters 7727 Dinar und das eines Ingenieurs 9645 Dinar. Die von Meister untersuchten Betriebe zeigten 1960, daß die niedrigsten Gehälter zwischen 8000 und 9000 alten Dinar und die der Ingeni- eure zwischen 30.000 und 35.000 Dinar lägen. 139) Auch nach der Reform von 1965 ist die Tendenz verstärkter Einkommensdifferen- zierung bemerkbar. Eine vor kurzem (1968) in Belgrad durchge- führte Enquete über die Einkommen erbrachte innerbetriebliche Einkommensunterschiede von 1:2,5 bis 1:8. Dabei wurde festge- stellt, daß die Differenzen zwischen den Einkommen innerhalb ei- nes Betriebes umso höher sind, je höher die absoluten Einkommen liegen. 140) Die Einkommensdifferenzierung zwischen den Produkti- onsarbeitern hat ebenfalls zugenommen und die Zersplitterung der Arbeiterklasse begünstigt. Bis jetzt haben die Gewerkschaften in der Frage des persönlichen Einkommens kaum etwas unternommen, sondern die Bereicherung der "Roten Bourgeoisie" über den Markt zugelassen. Die Machtverteilung in den Selbstverwaltungsorganen begünstigt die Differenzierung. Andererseits wird die ASV in zu- nehmendem Maß völlig übergangen. "Wie aus zahlreichen Berichten der jugoslawischen Tagespresse zu entnehmen ist, wird gerade unter dem Druck wirtschaftlicher Schwierigkeiten der Selbstverwaltungsapparat häufig von den Inha- bern der faktischen Macht im Betrieb umgangen. Da offensichtlich kein wirksames Kontrollorgan vorhanden ist, gelingt es Angehöri- gen des Managements immer wieder, Lohnverringerungen auszuweichen und diese allein auf die Arbeiter (Produktionsarbeiter - d. Verf.) abzuwälzen." 141) Diese Zustände charakterisierten die chinesischen Genossen schon vor 7 Jahren folgendermaßen: "Produktionsmittel der Betriebe unter 'Arbeiterselbstverwaltung' gehören nicht einem oder mehreren Kapitalisten, sondern sind in Wirklichkeit Eigentum des neuen Typs der bürokratischen Kompra- dorenbourgeoisie von Jugoslawien, der hohe Beamte und Direktoren mit einschließt und dessen Repräsentanz die Tito-Clique ist." 142) Allmählich wird bei der Arbeiterklasse eine Reaktion auf die Ein- kommensunterschiede manifest (siehe die Streiks). Allerdings hat sich bei den Arbeitern eine passive Grundhaltung gegenüber dem Verhalten des Managements herausgebildet, die in folgender Aus- sage, die kein Einzelfall ist, zum Ausdruck kommt: "Ich bin der Ansicht, daß sie (die Direktoren und Spezialisten) weitaus höhere Löhne haben sollen, so wie ihre Kollegen in den europäischen Häfen, aber unter der Bedingung, daß sie das durch ihre Fähigkeit rechtfertigen. Wir Arbeiter haben auch nichts da- gegen, wenn einige hohe Führungskräfte in Rijeka gute Häuser und Villen mit Schwimmbassins besitzen, von denen einige, wie man tu- schelt, 40.000 kosten, unter der Bedingung, daß sie dies durch ihre Arbeit und ihre Fähigkeiten erlangt haben." 143) Trotz des erhöhten Lebensstandards (500 Dollar pro Kopf und Jahr) nach dem zweiten Weltkrieg lebt die Mehrheit der Bevölkerung in sehr bescheidenen bzw. ärmlichen Verhältnissen und nur eine kleine Schicht kann sich ausländische Wagen, private Villen mit Dienstboten, Reisen ins Ausland etc., kurz ein Luxusleben lei- sten. Diese aus einer zunehmenden ungleichen Einkommensverteilung resultierende Entwicklung, die bis heute anhält, ist ein Indika- tor für den Aufstieg der "Roten Bourgeoisie". Oder haben sich die Arbeiter durch ihre ASV aus eigenen Entschlüssen in diese Lage gebracht? Betriebliche und Branchendifferenzierung ---------------------------------------- Industriebetriebe im gleichen Industriezweig haben oft ohne ihr Zutun unterschiedliche Ausgangspositionen, um ihr Einkommen (= Löhne, Gehälter, Anlageinvestitionen) zu maximieren. Deshalb wird nicht einmal das postulierte Prinzip der Entlohnung nach der Ar- beitsleistung eingehalten. So werden die Arbeiter in Minen mit reicheren Erzvorkommen besser bezahlt als Arbeiter, die in Minen mit geringeren Erzvorkommen arbeiten, auch wenn die letzteren eine größere Produktivität aufweisen. 144) Der UN-Survey stellt fest, daß "Löhne für die gleiche Arbeit von Industrie zu Indu- strie und auch von Unternehmen zu Unternehmen variieren." 145) Einige Unternehmen (Banken, Sparkassen, Elektrizitätswerke, Bin- nen- und Außenhandelsorganisationen, 'Glückspielveranstalter' (!)) haben aufgrund ihrer Monopolstellung immer höhere Einkommen als im Landesdurchschnitt gezahlt. Z.B. konnte das Agramer Groß- handelsunternehmen 'Tekstilpromet' durchschnittliche Monatsein- kommen von 1350 Dinar zahlen, während in der Textilbranche durchschnittlich 726 Dinar gezahlt wurden. 146) Zur Zeit versucht man, diese zunehmenden Unterschiede durch Gesetze aufzuhalten. Die starken Einkommensunterschiede zwischen den Branchen gehen aus folgenden Angaben hervor: In Relation zum durchschnittlichen persönlichen Einkommensindex (100) betrug 1967 das Einkommen bei den Wirtschaftskammern (= Branchendachverbände) 169, bei Banken und Versicherungen 150,5, bei Handel und Gastgewerbe 108,2, bei Kultur- und Sozialwesen 96,6, bei Schulen 95,5 (!). In der Land- wirtschaft werden mit 90,1 die niedrigsten persönlichen Einkommen verdient. 147) Regionale Differenzierung ------------------------- Regional differentials in industrial wages 148) (Workers and em- ployees (Angestellte) combined) Yugoslav average = 100 1954 1956 1962 1964 Bosnien und Herzegowina 93 95 97 99 Kroatien 100 104 103 102 Montenegro 92 95 91 90 Mazedonien 83 85 90 85 Serbien 98 96 89 91 Slowenien 113 110 128 127 Die Tabelle zeigt, daß die Einkommensunterschiede auch zwischen den Republiken "dazu tendieren, ausgeprägter zu werden". (UN) Es war vorauszusehen, daß die Reform von 1965 die offiziell prokla- mierte Unterstützung der unterentwickelten Gebiete eher behin- derte als förderte. Der UN-Survey stellt schon vorher fest, "daß das reformierte Steuersystem (weitgehende Begrenzung der Ab- gaben der Betriebe an die Gebietskörperschaften) eine unter- schiedliche Ressourcenverteilung zwischen den Branchen und zwi- schen den Regionen bewirken wird, da die rentableren Unternehmen sich relativ schneller entwickeln und dies sich wiederum auf Löhne und Einkommen auswirkt." 149) Die verantwortlichen Stellen waren aus verschiedenen Gründen nicht "besonders besorgt um derartige mögliche Rückwirkungen". 150) Die Rolle der Preispolitik wird von den Autoren des UN-Survey's wie folgt beschrieben: "Trotz der vielfältigen Auswirkungen, die die Preisunterschiede und verschiedenen Austauschraten auf die Wirtschaft ausüben, ten- dierten sie (die Preisreformer) im allgemeinen dazu, die verar- beitenden Industrien, die in den nördlichen und westlichen Gebie- ten konzentriert sind, zu begünstigen, während die Rohprodukte der südlichen und östlichen Teile des Landes benachteiligt wur- den." 151) Das heißt, die reichen Regionen waren von vornherein bevorzugt. Es ist für diesen Zustand bezeichnend, daß die unterentwickelten Gebiete immer für eine direkte zentrale Planung plädiert haben. Die regionale Differenzierung der persönlichen Einkommen wird we- gen der Kopplung zwischen diesen und den Einnahmen der Republiken (mit Ausnahme Montenegros) in der folgenden Tabelle sichtbar: Relative Relations in the Level of Total Budget 152) Revenue in Economically Developed and Underdeveloped Areas, 1960-1967. (In percentages, Serbia = 100) 1960 1967 Yugoslavia 109,2 112,7 Economically developed areas 119,4 127,0 Croatia 119,3 132,3 Serbia - excl. of Kosovo and Metohija 108,7 110,8 Slovenia 165,1 179,7 Economically underdeveloped areas 88,4 86,1 Bosnia and Herzegovina 89,5 84,3 Macedonia 91,2 88,5 Montenegro 126,5 110,0 Kosovo and Metohija 61,5 72,5 Die relativen Unterschiede haben nicht abgenommen. Die armen Re- publiken sind arm geblieben. - Die Kopplung zwischen persönlichem Einkommen und Finanzierung der Haushalte der Republiken, die be- nachteiligende Preispolitik des Bundes besonders in den 50er Jah- ren, die vorhandene ökonomische Macht der entwickelten Republiken und das gänzliche Fehlen eines Entwicklungsplanes für die ärmeren Republiken bzw. Regionen haben die Lebensstandardunterschiede 153) aufrechterhalten. Die Umverteilungspolitik des Bundes hat nicht genügend zu ihrer Angleichung beigetragen. Nur "exceptio- nally" waren die Subventionen des Bundes so groß, um den ärmeren Republiken Budgetausgaben über dem jugoslawischen Durchschnitt zu ermöglichen. 154) Es ist wahrhaftig ein Hohn der Geschichte, daß eine bürgerliche Zeitschrift die folgenden Schlüsse aus dieser Entwicklung eines 'sozialistischen' Staates ziehen kann: "Zunächst ist die ganze atypische Interessenstruktur in der jugo- slawischen Gesellschaft zu nennen. Auffallend ist die starke Be- tonung regionaler und kommunaler Interessen, nicht zuletzt be- dingt durch enorme Wohlstandsunterschiede. Die Hervorhebung der Interessen einzelner Industriezweige, repräsentiert in einer Vielzahl industrieller Gesellschaften, trägt stark syndikalisti- sche Züge und erinnert eher an den alten 'Ständestaat' als an einen modernen Industriestaat." 155) 5.1. Auswirkungen der Einkommensverteilung ------------------------------------------ Die erhöhte Einkommensdifferenzierung und die Betonung des indi- viduellen Konsums haben ihrerseits zur Folge, daß die auf Einkom- mensmaximierung ausgerichteten Betriebe ihre Produktion auf su- periore Waren richten, auch bevor die niedrigen Einkommensschich- ten ihre absolut notwendigen Bedürfnisse (z.B. ärztliche Versor- gung, Wohnungen, Schulen) befriedigt haben. 156) Konkret bedeutet das: Luxuswohnungen werden gebaut, obwohl die Arbeiterschaft noch in Notbehelfen lebt; ausländische Luxuswaren werden importiert, bevor für die arbeitende Bevölkerung ein Krankenhaus gebaut wer- den kann etc. Anfang der fünfziger Jahre wurde das eingeschlagene Investitions- tempo zugunsten einer besseren Konsumgüterversorgung verlangsamt. Diese Konzeption machte man... "um die innenpolitische Position des Titoismus zu stabilisieren", obwohl von seiten der Bevölke- rung in dieser Hinsicht nie eine akute Gefahr drohte. 157) 1957 wurde ein Gesetz über die Investitionskredite verabschiedet, das die Kreditgewährung an die Konsumgüterindustrie erleichterte. "Die außerordentliche Promarkt- und Prokonsumentenbedeutung die- ses Gesetzes kann nicht geleugnet werden, vorausgesetzt, daß man zustimmt, daß die Einkommensverteilung in Jugoslawien gerecht ge- nug ist, daß ihr erlaubt wird, die Allokation der Produktivkräfte des Landes zu beeinflussen." 158) (Übers, d. Verf.) Die Aufhebung der egalitären Einkommensverteilung brachte eine zahlungsfähige "Rote Bourgeoisie" hervor und eine viel größere Masse, die nicht in der Lage war, die Produktivkräfte nach ihren Bedürfnissen zu lenken. Die neuen Waren wie z.B. Fernsehen waren "available only to those high income brackets such as high party members, lawyers, university professors, soccer players and engineers". 159) Was der "Roten Bourgeoisie" nicht durch die einheimische Produktion angeboten wurde, deckten Luxusimporte. Diese trugen wiederum zum permanenten Handelsbilanzdefizit bei. "In den Schaufenstern erschienen Artikel, die der Bevölkerung in dieser Aufmachung und Qualität zumindest kaum bekannt waren. Die Diskrepanz zwischen den Preisen der Artikel und den Durchschnitt- seinkommen waren zu dieser Zeit so groß, daß die genannten Ein- fuhrwaren für die Masse der Bevölkerung vorerst noch unerreichbar bleiben." 160) Damit wird deutlich, daß die 'neue' Wirtschaftspolitik Jugosla- wiens, nämlich die direkte Orientierung der Betriebe am Prinzip der Einkommensmaximierung, zwangsläufig die Bedürfnisse der Mas- sen mit niedrigem Realeinkommen vernachlässigt, da diese auf dem Markt nicht als bedeutende Nachfrage wirksam werden. Aber auch unter der fiktiven Annahme einer 'gerechten' regionalen und so- zialen Einkommensverteilung als Ausgangsposition hätte der Markt- mechanismus gerade die Funktion, die 'Gerechtigkeit' zu untergra- ben. Denn Betriebe mit hohen Einkommen, gleichgültig wie sie dazu kommen, können an Arbeiter und Direktoren entsprechend höhere Löhne und Gehälter ausschütten. Darüber hinaus können diese Be- triebe Investitionen vornehmen, was wiederum die bereits entstan- denen Unterschiede verschärfen und so zu einer kumulativen Stei- gerung der betrieblichen sektoralen und regionalen Unterschiede führen wird. 161) Und der Überbau folgt ebenfalls nach. Bis jetzt ... "führten das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung bei starken Unterschieden zwischen einzelnen Wirtschaftszweigen und Gebieten des gesellschaftlichen Lebens und besonders der extensive Charakter der Ökonomisierung zu entsprechend ungleich- mäßigen Entwicklungen im Bildungssystem, einem planlosen Aufbau des Schulnetzes und einer ungenügenden vertikalen und horizonta- len Gliederung der einzelnen Stufen des Bildungssystems." 162) Die Luxusimporte aus den kapitalistischen Ländern verfehlen auch nicht ihre politische und sozialpsychologische Wirkung: Der Be- völkerung werden die Errungenschaften der kapitalistischen Länder 'demonstriert'. An die Stelle der Entfaltung der Persönlichkeit in der vergesellschafteten Tätigkeit tritt eine scheinbare Ent- wicklung der Persönlichkeit durch Konsumgüter und Statussymbole. Castro hat diese "Bemühungen der Imperialisten in allen Ländern Osteuropas und sogar in der Sowjetunion" richtig erkannt. "Die Imperialisten machen ausgiebig Gebrauch von der ganzen bür- gerlichen Fassade, von dem ganzen Luxus einer Klassengesell- schaft, die in hohem Maße die Kunst der Verfeinerung im Konsum und die Kunst des Luxus entwickelt hat, welche in keiner Weise die Erwartungen der sozialistischen Gesellschaft oder der Völker, die den Weg zum Kommunismus suchen, sein können. Und sie benutzen dazu (und das tun sie überall) ihre Kücheneinrichtungen und Kü- chenmaschinen, ihre Autos, ihre Kühlschränke, ihre Seidenspitzen, all ihre Luxusgüter, ihre Zeitschriften, ihre Propaganda: dies ist eine Waffe, die sie unaufhörlich einsetzen." 163) Am 1.1.1969 ist in Jugoslawien das neue Grundsatzgesetz über die Feststellung und Verteilung des Einkommens in den Arbeitsorgani- sationen in Kraft getreten. 164) Diebestehenden Schwierigkeiten wurden dadurch nicht beseitigt. Die Unsicherheit in bezug auf das persönliche Einkommen ist auch durch die neuen Bestimmungen unan- getastet geblieben. Die Arbeiter fordern immer wieder, daß ihre Arbeit anerkannt wird. 165) Denn auch sie möchten wie die Arbei- ter in einem kapitalistischen Unternehmen in Form des Tariflohnes unabhängig von der jeweiligen Marktlage bezahlt werden. Die durch das Gesetz beibehaltene Finanzierung von Einrichtungen des öf- fentlichen Dienstes wie der Sozialversicherung, des Bildungswe- sens und anderer sozialer Einrichtungen durch Beiträge aus dem persönlichen Einkommen der Arbeiter kann die schon vorhandenen Mißstände und regionalen Unterschiede nur reproduzieren. (Zweck des Gesetzes: siehe Teil 7) G. Leman rechnet aufgrund von Diskus- sionen in Fachzeitschriften damit, daß man bald das betriebliche Einkommen in Gewinn und Lohnsumme unterteilen und die Löhne ta- riflich festlegen wird. Dies wird allerdings unter zwei weiteren Veränderungen geschehen: 1.) "Die Neugestaltung des Einkommenssy- stems wird in jedem Fall auf die Herausnahme der Verteilung eines wesentlichen Teils des Betriebsergebnisses aus der Entscheidungs- befugnis des Arbeiterrats hinauslaufen." 166) 2.) Das "wirtschaftliche Risiko", das die Arbeiter nicht übernehmen wol- len, wird auf die Manager konzentriert. Das bedeutet die offene Verfügungsgewalt der Manager über den Mehrwert. Die ungarischen 'Kommunisten' versuchten, das Problem der Einkom- mensverteilung folgendermaßen zu lösen: "Ein als materieller Anreiz gedachtes System verkehrte sich ins Gegenteil... Die psychologische Wirkung (!) der Einteilung der Betriebsangehörigen in drei Klassen mit unterschiedlichen Betei- ligungsquoten am Betriebsgewinn - Höchstmaß 15% des Jahreslohnes für Arbeiter, 50% für gehobene verantwortliche Stellungen und 80% für Führungskräfte - erschien bald als ungerecht. Dieses System wurde rückwirkend ab 1.1.1969 abgeschafft. Die Einteilung in drei Klassen entfällt." 167) Jeglicher Kommentar erübrigt sich. 6. Die Anarchie der 'sozialistischen Marktwirtschaft' ----------------------------------------------------- Seit 1954 war die jugoslawische Wirtschaft fünf Konjunkturzyklen unterworfen, die in der Tabelle zum Teil ersichtlich sind. Sozialprodukt und Beschäftigung 1947-1969 168) Sozialprodukt a) Beschäftigung b) Arbeitslose c) Jahr in Preisen Zuwachsrate Zuwachsrate 1952 = 100 von 1960 gegenüber gegenüber (Mrd Din.) dem Vorjahr dem Vorjahr (v.H.) (v.H.) 1947 12,19 1948 14,68 20,4 23,7 1949 15,94 8,6 23,8 1950 14,49 -9,1 -2,4 1951 15,82 9,2 -5,5 1952 13,69 -13,5 -6,3 100 1953 16,14 17,9 5,6 183 1954 16,74 3,7 8,7 170 1955 19,09 14,0 9,5 150 1956 18,40 -3,6 0,04 222 1957 22,57 22,7 7,4 276 1958 23,28 3,2 6,3 387 1959 27,10 16,4 6,5 367 1960 28,82 6,4 8,1 411 1961 30,44 5,6 8,3 518 1962 31,75 4,3 2,3 609 1963 35,61 12,2 2,1 509 1964 40,12 12,7 6,0 507 1965 41,51 3,5 1,5 593 1966 45,04 8,5 -2,2 589 1967 2,0 169) 1968 5,0 170) 1969 9,0 171) Die Anzahl der Beschäftigten in den nicht landwirtschaftlichen Sektoren bewegte sich entsprechend der Anzahl der Arbeitslosen in entgegengesetzter Richtung, allerdings überlagert der kontinuier- liche Arbeitskräftezustrom aus der Landwirtschaft die Schwankun- gen. Das Volumen der industriellen Produktion zeigt ebenfalls be- sonders nach 1960 konjunkturelle Schwankungen. Dieses unstetige Wachstum - labiler als in den kapitalistischen Ländern (siehe SOPO Nr. 5, 1970, Altvater, E., S. 18) rief sektorale Dispropor- tionen hervor, die sich auf lange Sicht nachteiliger für die ge- samte Wirtschaftsentwicklung auswirken als ein stetiges, wenn auch im Durchschnitt geringeres Wachstum. Das 'Instrumentarium' der jugoslawischen Bundesregierung beschränkte sich auf die Geld- politik und Preisverordnungen, die völlig ineffektiv waren. Die Bundesregierung hat in bezug auf das wirtschaftspolitische In- strumentarium ihre kapitalistischen Vorbilder noch lange nicht erreicht. Sie erntet nur den Spott der bürgerlichen Ökonomen, die ihren Frieden mit den Monopolen geschlossen haben und ihre neoli- beralen Floskeln den Jugoslawen überlassen. In noch einer Bezie- hung, nämlich der scheinbar unzähmbaren Preisentwicklung, haben die Jugoslawen die kapitalistischen Industrieländer schon über- holt. Das Problem der Inflation "... tauchte auf, sobald die organisatorische Neuerung von 1950- 51 ganz und gar eingeführt worden war, das war um 1953. In der Periode von 1953-61 stiegen die Preise durchschnittlich um 5,72% pro Jahr. Während der ersten 4 Monate des Jahres 1962 stiegen die Einzelhandelspreise um nahezu 25%. Dieser galoppierenden Infla- tion wurde im letzten Teil des Jahres 1962 Einhalt geboten, und das Preisniveau stieg 1963 um 6% und 1964 um 5%. Im Sommer 1965 fand noch einmal eine Hyperinflation statt, in der das Preisni- veau um ungefähr 30% stieg. Jede Untersuchung der steigenden Preise in Jugoslawien muß zwischen der ständigen schleichenden Inflation und den Hyperinflationen von 1962 und 1965 unterschei- den." 172) 1969 stiegen die Lebenshaltungskosten um 10%, für 1970 wurde die gleiche Rate prognostiziert. Die kroatische Wirtschaftszeitung PRIVREDNI VJESNIK stellt jedoch eine" 'vorfristige Planerfüllung' negativer Art fest. Wie es sarkastisch heißt, ist der für den Ge- samtverlauf des Jahres 1970 eingeplante Preisauftrieb 'zehn Mo- nate vor dem Fristziel', also bereits innerhalb der ersten zwei Monate dieses Jahres voll eingetreten." 173) Einige Ursachen der Preiserhöhungen: Die Monopole und Oligopole nutzten ihre Stellung durch ad-hoc- Preiserhöhungen aus. Unkoordinierte Investitionen führten zur Übernachfrage auf einigen Investitionsgütermärkten; die Preiser- höhung der Investitionsgüter setzte sich in einer Kette von Prei- serhöhungen fort, indem die Abnehmer der Investitionsgüterindu- strie die erhöhten Preise wiederum auf ihre Abnehmer überwälzten. Bei den importierten Waren traten Engpässe auf. Inflationäre Ten- denzen in den kapitalistischen Ländern pflanzten sich nach Jugo- slawien fort. Die Aufhebung der Devisenbewirtschaftung 1961 führte trotz 18%iger Abwertung des Dinars zu beträchtlichen Importerhöhungen aller Waren mit gestiegenen Inlandspreisen. Die Preiserhöhung im Jahre 1965 war vorgesehen - u.a. Verschiebung der Umsatzsteuer- zahlungspflicht aus der Produktionssphäre in den Bereich des Wa- renumsatzes mit dem Endverbraucher - und diente "... in erster Linie einer Angleichung des jugoslawischen Preisniveaus an die Verhältnisse auf dem Weltmarkt und soll das jugoslawische Außen- handelssystem für das GATT annehmbar machen." 174) 1965 stiegen die Preise jedoch stärker, als es geplant war, deshalb wurde ein allgemeiner kurzfristiger Preisstopp angeordnet. Einige Unternehmen bzw. Branchen haben die ständige Preiserhöhung besonders ausgenutzt, um einen größeren Teil des Nationalproduk- tes an sich zu reißen. Dazu gehören z.B. Unternehmen mit preis- unelastischen Waren 175), reiche Bauern, die mit Nahrungsmitteln handeln, sowie Oligopole und Monopole. Diese von der Preisent- wicklung begünstigten Unternehmen haben die höchsten innerbe- trieblichen Einkommensunterschiede. Die Jugoslawen haben die bürgerliche Auffassung über die Funktion der Preise als Knappheitsindikatoren übernommen. Sie besagt, daß die Preise unter bestimmten Voraussetzungen die Produktion lenken und vor allem rationale Investitionsentscheidungen ermöglichen (Allokation der Produktivkräfte). Unter der Annahme, daß diese These wahr ist, lassen sich die irrationalen Produktionsstruktu- ren (siehe unten) auch z.T. aus den instabilen Preisen erklären. Die völlige Planlosigkeit und das Vertrauen auf den Markt haben zu entsprechenden Ergebnissen in der K a p a z i t ä t s- a u s n u t z u n g der Anlagen geführt. "Das gesamte ungenutzte investierte produktive Kapital betrug 1955 1/4 des gesamten fixen Kapitals des Landes." 176) Am Anfang der sechziger Jahre "... trat die Unterbeschäftigung besonders stark in den modernen Betrieben auf." 177) Der UNO-Survey von 1966 berichtet, daß 30% der vorhandenen Kapazitäten nicht ausgenutzt wurden. Dorde Vrcelj vom Institut of Industrial Economics stellt fest: "It is estimated that o u t p u t c o u l d b e i n c r e a s e d b y m o r e t h a n o n e t h i r d by a fuller use of capacity both in effective and available working time." 178) Wir wollen nicht die unmittelbaren Ursachen, die letztlich alle in der Planlosigkeit zu suchen sind, genauer analysieren, jedoch sei hierauf 3 Faktoren hingewiesen: "... unsatisfactory vocational structure of the employed (!) (which in a great number of enterprises lags considerably behind the level of technology and plant), irregulär supply of industry with raw materials and semimanufactures (especially from imports) ..." 179), die zunehmende Marktbeherrschung durch die kapitalistische ausländi- sche Konkurrenz, die zu Produktionsrückgang und ungenutzten Produktivkräften im Inland führt. 180) Der Zusammenhang der sozioökonomischen Mißstände läßt sich mit einem langen Zitat über die traditionell arbeitsintensive Textil- industrie verdeutlichen. "Die Textilindustrie Jugoslawiens gehört mit ihrer Produktion von rund 10 Milliarden N. Dinar und mit ihren ca. 220.000 Beschäftig- ten zu den führenden Wirtschaftszweigen des Staates. Ihr Anteil am Import beträgt 11%, jener am Export 12,5%, doch sinkt ihre Er- tragslage. ... Doch ... für die Beseitigung interner Probleme (Zersplitterung in mehr als 600 z.T. kleine Firmen, ungenügende Spezialisierung, veraltete Produktion und autarke Geschäfts- führung, Investitionen um jeden Preis, zu hohe Material-, Ar- beits- und Regiekosten, Illiquidität, große Vorräte aller Sorten usw.) müssen vom Textilsektor selbst energische Maßnahmen ergrif- fen werden. - Die Produktivität der Textilindustrie zeigt sich recht niedrig, es besteht Überschuß an Arbeitskraft, die Qualifi- kationsstruktur der Beschäftigten ist schlecht, und all das be- wirkt große Zeitverluste (Fernbleiben vom Arbeitsplatz, Kran- kenurlaub usw. erreicht in manchen Betrieben 20% der Arbeitszeit oder noch mehr) (181). All dies wirkt sich nicht nur auf die Tex- tilindustrie, sondern auch auf die Arbeitnehmer (!) dieses Indu- striezweiges negativ aus: ihr Durchschnittseinkommen lag im Vor- jahr - um 24% unter dem Lohndurchschnitt in der jugoslawischen Industrie. - Die notwendigen Modernisierungs- und Rekonstrukti- onsarbeiten erfordern große Investitionsmittel, an denen es aber überall fehlt. Die Textilindustrie erhofft sich nun erleichterte Kreditbedingungen. - Bei allen Investitionen darf aber nicht au- ßer acht gelassen werden, daß es zur Zeit schon U n t e r- n e h m e n m i t g a n z m o d e r n e r A u s r ü s t u n g g i b t, d i e j e d o c h n i c h t v o l l a u s- g e n ü t z t s i n d, w a s d u r c h e i n e b e s s e r e K o o r d i n i e r u n g g e s c h e h e n s o l l t e (Her- vorhebung durch die Verf.), die auch Überkapazitäten verhindern könnte. - Für eine erfolgreiche Modernisierung ist aber nicht nur Geld notwendig, 182), sondern auch ein viel stärkeres und dynamischeres Engagement der eigentlichen Produzenten und ihrer Fachkräfte. Das Problem des Expertenmangels (!) macht sich auch in diesem Industriezweig bemerkbar. Es gibt wenig fähige Fachkräfte, die Schulen für die Ausbildung von Textilfachleuten sind zu wenig spezialisiert, besitzen keine geeignete Ausrüstung und zu wenig Laboratorien, hingegen einen Unterricht, der nicht auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Textilindustrie abgestimmt ist. Ihre Zukunft liegt offensichtlich in einer Integrierung (!). Nur in einer vereinigten Organisation kann sie eine modernere und billigere, mit dem Marktabsatz eng verbundene Produktion erreichen." 183) "Die Leitung (des Agramer Großhandelsunternehmens Tekstilpromet) ... erklärt, daß die jugoslawische Textilindustrie im allgemeinen eine zureichende Qualität erzeugt, die fast unbegrenzte Einfuhr wirke aberpreisdrückend (Hervorhebung der Verf.)... Im allgemei- nen wird von der Textilindustrie darüber geklagt, daß die Kon- fektionsfabriken nicht genügend Stoffe verarbeiten, während die Konfektionäre wieder behaupten, daß die Kollektionen zu wenig Auswahl in den Farben, dem Dessin und überhaupt in modischen Ein- zelheiten bieten." (184) Welche Blüten das Konkurrenzsystem treibt, verdeutlicht die kata- strophale Lage auf dem jugoslawischen Elektrizitätssektor. Trotz der beträchtlichen Erhöhung der Erzeugung von Elektroenergie ist die Elektrifizierung ein ungelöstes Problem. "Nach gründlichen Schätzungen wurde festgestellt, daß sich in den Jahren 1969/70 ein großer Strommangel zeigen wird ... Die Inve- stitionsbank suchte die richtigen Objekte (d.h. E-Kraftwerke - die Verf.) aus. Die ganze Finanzierung wurde ein Jahr später ver- zögert, weil die berechneten Investitionen der Wirtschaft nicht richtig waren, und auch die Einnahmen der Bank waren ausgeblie- ben. Auch kam es zu Streitigkeiten zwischen Investoren (vorhan- dene E-Kraftwerke, d. Verf.) und Banken hinsichtlich der Höhe der Zinsen sowie anderer Klauseln." 185) Tatsächlich gab es ab 1967 Stromausfälle, die z.T. negative Aus- wirkungen auf den Tourismus hatten. Eine, wenn auch unbedeutende Ursache dafür war, daß einige Betriebe um der Profitmaximierung willen auf die Nutzung des teureren Produktionsfaktors Kohle zu- gunsten der Wasserressourcen verzichteten und diese so strapa- zierten, daß ein längerer Stromausfall in Kauf genommen werden mußte. 186) Inwieweit die Zersplitterung von Projekten in der Elektrizitäts- wirtschaft fortgeschritten ist, zeigt der folgende Sachverhalt: 195 E-Loks können nicht innerhalb Jugoslawiens eingesetzt werden, weil "die bosnische Strecke noch nicht elektrifiziert ist, sie können aber auch nicht in Slowenien eingesetzt werden, weil die Elektrifizierung nach einem anderen System erfolgte, so daß die neue Serie ungeeignet ist." 187) Ein weiteres Beispiel: Die feh- lende "einheitliche Überlandsleitung" und die "Isoliertheit der Regionalsysteme" der Elektroenergie hindern am Bau eines Atom- kraftwerkes. Außerdem wurde festgestellt: "Die Schlußfolgerung aus diesen Gegebenheiten zeigt, daß die Elektrizitätswirtschaft zu viel in Produktionsprojekte inve- stiert, die im Endeffekt gar nicht voll genützt werden können." 188) Der Abbau der Überkapazitäten, die nur regional vorhanden sind, - viele Dörfer sind noch nicht elektrifiziert - konnte auch durch den Export von Elektroenergie nicht Zustandekommen, "... da sich die einzelnen Elektrizitätsunternehmen nicht über die Aufteilung der .: , Gewinne einigen konnten. Jene Unterneh- men, die Überschüsse zu verzeichnen hatten, grenzen nicht ans Ausland; mit solchen in Grenznähe wurden aber keine Abkommen ge- schlossen." 189) Selbst bürgerliche Apologeten können ihre Augen nicht total vor der jugoslawischen Wirklichkeit schließen: "Zusammenfassend ist also festzustellen, daß durch das seit 1952 schrittweise eingeführte Wirtschaftssystem die wirtschaftspoliti- schen Ziele der jugoslawischen Regierung nur zum Teil erreicht werden konnten. Zwar wies die jugoslawische Volkswirtschaft eine große Expansionsfähigkeit (!) auf, doch bestanden - gekennzeich- net durch zunehmende Arbeitslosigkeit, starke Konjunkturschwan- kungen, inflationäre Tendenzen und chronische Importüberschüsse - schwerwiegende Störungen des binnen- und außenwirtschaftlichen Gleichgewichts und bedeutende volkswirtschaftliche und regionale Disproportionen bei verhältnismäßig geringer Erhöhung des Lebens- standards und der Arbeitsproduktivität." 190) Die Erscheinung der Diktatur der "Roten Bourgeoisie", beginnend in der Anarchie der Produktion mit ungeheurer gesellschaftlicher Vergeudung der menschlichen Arbeitskraft und Produktionsmittel, pflanzt sich kumulierend fort auf die Export-Import-Abhängigkeit vom kapitalistischen Ausland, auf die sozialen Verhältnisse, auf Bildung und Erziehung, bis die Totalität - das Werk der Massen selber - die Gestalt eines Ungetüms annimmt, das dieselbe Masse unterdrückt. Dies alles im Namen des Sozialismus geschehen zu se- hen, ruft die höchste erreichbare Stufe der Entfremdung bei den Massen hervor. Trotzdem versichern uns sogar "kritische" jugosla- wische Philosophen: "Dabei hatten wir (die Mitarbeiter der 'Praxis') die Notwendig- keit (Hervorhebung d. Verf.) der Marktwirtschaft zum gegenwärti- gen Zeitpunkt der Entwicklung nie geleugnet, sondern nur auf ge- wisse negative Aspekte aufmerksam gemacht : und die Meinung ver- treten, daß das Endziel des Sozialismus nicht in einer optimalen Entwicklung der Warenproduktion bestehe." 191) Worauf beruht diese Notwendigkeit? Auf den eigenen Erfahrungen der jugoslawischen 'Kommunisten', oder erklären die imperialisti- schen 'Gehilfen' der Jugoslawen die Marktwirtschaft für notwen- dig? 7. Opfer und Instrument des Imperialismus ----------------------------------------- Die äußerst empfindliche Wirtschaftsblockade der Kominformländer ab 1949, der Produktionsrückgang infolge des unvorbereiteten Ver- suchs, ab 1947 die Landwirtschaft zu kollektivieren, sowie die Dürre von 1950 und 1952 riefen eine beträchtliche wirtschaftliche Not hervor. Jugoslawien wandte sich an die kapitalistischen Län- der, die - um die schon entstandene Spaltung innerhalb der sozia- listischen Länder zu verfestigen - eilends mit Krediten zu Hilfe kamen; so lieferten z.B. die USA Nahrungsmittel, die mit relativ wertlosem Dinar bezahlt wurden. Den allgemeinen politischen Einfluß der amerikanischen Kredite und grants haben wir in den ersten Kapiteln bei der Gestaltung des 'Dritten Weges' geschildert. Außerdem gab es spezifische For- men der Interessendurchsetzung, die mit einigen Hilfsaktionen un- mittelbar gekoppelt waren: "Praktisch wie psychologisch besonders wirksam wurde die sog. 'Amerika-Hilfe' 1950/51, zu der sich die USA Ende 1950 nach einer gefährlichen Mißernte Jugoslawiens entschlossen... Entscheidend war, daß die USA keine politischen Bedingungen (!) stellten, statt dessen jedoch eine Popularisierung der Maßnahmen in der ju- goslawischen Presse verlangten, einen Überwachungsstab unter dem Sozialwissenschaftler R. F. Allen nach Jugoslawien schickten und zusätzlich auch noch eine Gare-Aktion durchführten." 192) Die Unterstützung half den Jugoslawen, ihre wirtschaftliche Not zu überwinden, und ermöglichte die Entwicklung der Schwerindu- strie, wie es in dem Plan von 1947 vorgesehen war. Außerdem lei- steten die USA zwischen 1952 und 1956 'Militärhilfe' zum großen Teil als grants - im Wert von 583,1 Millionen Dollar 193). Zusam- menfassend: "... the total economic and military aid of 1.293,9 million Dollar received in the four-year period, the U.S. share amounted to $ 1.013,9 million, or 77,7 percent." 194) Für eine Periode von 4 Jahren ist diese Gesamtsumme beträchtlich. "Um dem Westen (dafür) entgegenzukommen, verpflichtete sich Jugoslawien, das 1946 ohne Entschädigung enteignete ausländische Privatkapital in gewissem Ausmaß rückzuvergüten." 195) Im Waffenlieferungsab- kommen vom 14. Nov. 1951 räumte Jugoslawien den USA einen bevor- rechtigten Bezug von sog, knappen Rohstoffen und Halbfabrikaten ein 196). "Die Ausbildung jugoslawischer Offiziere an den neuen Waffen" fand "dagegen in den USA statt." 197) 1952 verstärkte sich die 'Fühlungnahme der Militärs' (amerikanischer Flottenbe- such etc.). Ferner wurde festgelegt, "daß Beamte der USA-Regie- rung auf jugoslawischem Territorium 'frei und unbeschränkt' die Aufsicht und Kontrolle über die Übernahme und Verteilung militä- rischen Hilfsmaterials aus den USA durchführen können und auch 'völlig freien Zutritt zu allen Verkehrsmitteln und Informatio- nen' haben." 198) Auch "sollte eine von den USA entsandte Mili- tärmission die direkte Aufsicht bei der Ausbildung jugoslawischer Truppen übernehmen." 199) Die jugoslawischen 'Kommunisten' han- delten ganz konsequent, als sie in der Außenpolitik nicht nur von der Kominformlinie zur 'Neutralen Linie' überwechselten, sondern im wesentlichen die Politik der kapitalistischen Länder unterstützten. Der Anspruch der Neutralität zwischen den Blöcken blieb nur noch eine hohle propagandistische Phrase: 1949 stellte Jugoslawien seine propagandistischen Angriffe gegen die kapitalistischen Länder ein. Im Juni 1949 stellten die jugoslawischen 'Kommunisten' die Unterstützung der griechischen Partisanenkämpfer ein und sperrten die jugoslawisch-griechische Grenze ab, nachdem Verhandlungen mit den USA in Belgrad über diese Frage stattgefunden hatten. Die chinesischen Genossen schreiben sogar: "Gleichzeitig aber gestattete er (Tito) den Truppen der griechischen royalistischen Faschisten freien Durchzug durch jugoslawisches Territorium, um die griechischen Volkspartisanen aus dem Hinterhalt anzugreifen." 200) Ab September 1951 bemühten sich die jugoslawischen 'Kommunisten' um eine militärische Zusammenarbeit mit Griechenland und der Tür- kei. Ein Vertrag wurde im Nov. 1953 unterzeichnet. Durch die Nato-Mitgliedschaft dieser Länder wurde Jugoslawien indirekt in das westliche Militärsystem eingegliedert. Außerdem demonstrierte Jugoslawien seine Verbundenheit mit den kapitalistischen Ländern, indem es deren UNO-Politik unter- stützte. Ganz deutlich wurde dies im Koreakrieg. "Am 6. Sept. 1950 gab der ehemalige Außenminister Edvard Kardelj eine Erklä- rung ab, in der er offen den gerechten Widerstandskrieg des ko- reanischen Volkes gegen die Aggression verleumdete und den USA- Imperialismus in Schutz nahm ... Außerdem stimmte die Tito-Clique in den UN für das 'Embargo' gegen China und Korea." 201) Wir ha- ben versucht, die außenpolitische Linie des 'Dritten Weges' in ihren Anfängen zu zeigen. Die chinesischen Genossen zählen noch weitere insgesamt über 15 verräterische Fälle dieser Art auf dem Gebiet der Außenpolitik bis 1962 auf. Zwar haben wir nicht alle untersucht, doch haben wir nicht den geringsten Anlaß, an der Richtigkeit dieser Angaben zu zweifeln, (siehe auch Castros, Rede a.a.O., S. 48 f.) Auf Grund der ökonomischen Isolierung von den sozialistischen Ländern mußte sich der Außenhandel Jugoslawiens nach dem Westen orientieren; die Handelsbilanz wurde allerdings zunehmend passiv. Zwischen 1953 und 1956 betrug der Passivsaldo der laufenden Po- sten (current account) durchschnittlich 159,8 Millionen Dollar pro Jahr, das bedeutet eine 23%ige Erhöhung des Defizits im Ver- gleich zu der Periode von 1947 bis 1952 202). Der Passivsaldo konnte nur durch neue Kredite - d.h. Zahlungsaufschübe - gedeckt werden. Diese Kredite hatten und haben ihre eigenen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten: Sie müssen mit Zinsen bis 7% zurückgezahlt werden 203), d.h. die zukünftige Wertschöpfung wird verschuldet, und eine ausgeglichene Zahlungsbilanz in der Zukunft erschwert. 204) Nach 1956 gab es folgende Veränderungen in der Form der 'Hilfe': "The participation of foreign resources in Yugoslavia's economic development was higher than ever before, but the structure of as- sistance had changed. Instead of predominantly grants, Yugoslavia received more loans. By 1965 obligations from these loans started maturing, creating g r e a t p r e s s u r e on the balance of payments. T h i s s e t t h e s t a g e f o r a n o t h e r s e t o f r e f o r m s." 205) 'The great pressure' kam von den Kapitalgebern und der mit ihnen kooperierenden "Roten Bourgeoisie". Die 'Reformen' (1961 und 1965) waren prädestiniert, die 'goldene Halskette' des Kapitals zusammenzuziehen. Die Eröffnung des jugoslawischen Marktes - Teil der 'Liberalisierung' - für ausländische Waren, die ein 'Ansporn' für die einheimische Industrie sein sollten (u.a. um den Import in der Zukunft zu bremsen und das Defizit der Handelsbilanz zu beseitigen), ist bare Ideologie der industrialisierten kapitali- stischen Länder. Solch ein Konkurrenzkampf ist von vornherein entschieden. Die japanische ökonomische Entwicklung beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, daß einheimische Märkte für Konsum- und Industriewaren (nicht Rohstoffe!) anderer Länder relativ ge- schlossen waren, um der eigenen Industrie Expansionsmöglichkeiten zu geben. Die Jugoslawen sind dabei, ihre wenig entwickelte Indu- strie weiter zu benachteiligen. Dies gilt nicht nur für Tex- tilien, sondern auch für Fahrzeugbau, Stahlerzeugung, elektrische Haushaltswaren u.a. Die Abschaffung des Handelsmonopols des Staates, die 'Liberali- sierungsreformen' im Außenhandel, haben nach Meinung der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG (28. Nov. 1969) die Instabilität der jugo- slawischen wirtschaftlichen Entwicklung begünstigt: "Seit der Reform (1965) ist die wirtschaftliche Entwicklung mehr Schwankungen als früher ausgesetzt gewesen, ... die jugoslawische Wirtschaft ist mit der 'Integrierung' in den Weltmarkt (den kapi- talistischen Ländern - die Verf.) näher gekommen (und ist) von außen kommenden Impulsen ausgesetzt." Diese Integrierung - ein wesentliches Ziel der Reformen" schreibt der UN-Survey - bedeutet, daß Jugoslawien, wenn in den finanz- starken kapitalistischen Ländern Schwankungen in der wirtschaft- lichen Entwicklung auftreten, in verstärktem Maß in Mitleiden- schaft gezogen wird, wie es sich in den anderen unterentwickelten Ländern schon längst gezeigt hat: eine Krise im kapitalistischen Ausland bewirkt einen Rückgang des eigenen Absatzes, weil die Nachfrage im Ausland sinkt; zugleich verschärft sich die Konkur- renz im Inland wegen des preisgünstigen und vermehrten ausländi- schen Warenangebotes; bei wirtschaftlicher Expansion des kapita- listischen Auslandes, d.h. erhöhter Nachfrage, exportieren jugo- slawische Außenhandelsgesellschaften zunehmend wichtige Roh- stoffe, deren Verarbeitung im eigenen Land gesamtwirtschaftlich vorteilhafter wäre, und werden ad-hoc-Investitionen durchgeführt, um die ausländische Nachfrage zu befriedigen. Auch muß sich das jugoslawische Zinsniveau an das des Auslandes anpassen, um zur Deckung der Handelsbilanzdefizite Kapital anzuziehen. Den jugo- slawischen Investoren wird die Fremdfinanzierung durch das hohe Zinsniveau der einheimischen Banken verteuert; die Unternehmen wälzen die erhöhten Zinskosten auf die Preise ab, so daß die In- stabilität der Preisentwicklung noch verstärkt wird. Die Integra- tion in den kapitalistischen Weltmarkt - in allen ihren Formen - hat in den unterentwickelten Ländern eben die Unterentwicklung erzeugt und perpetuiert. Auch in Jugoslawien werden nicht die ei- genen Bedürfnisse, sondern die ausländischen Märkte zunehmend die Wirtschafts'entwicklung' bestimmen. Die Wirkung der 'Reformen' auf die Handelsbilanz war negativ. Die Tabelle zeigt die Zahlungsbilanzen von 1967 und 1968 in Mil- lionen U.S. Dollar 206): 1967 1968 Revenue Exports 1,226.2 1,294.6 Transport, and other Services 171.1 203.1 Emigrants' remittances 122.2 162.7 Tourist trade 150.3 186.9 Pensions 26.9 33.3 Debt servicing 8.2 6.6 ----------------- T o t a l 1,704.9 1,887.2 Expenditure Imports 1,549.8 1,803.0 Transport, and other Services 105.5 125.5 Tourist trade and pensions 92.1 86.1 Debt servicing and repayments 84.2 94.8 ----------------- T o t a l 1,831.6 2,109.4 ----------------- Balance -126.7 -222.2 Wie die Tabelle verdeutlicht, betrugen Kredittilgung und Zinsen 1967 84,2 Mio Dollar von 126,7 Mio Dollar Passivsaldo und 1968 94,8 Mio Dollar von 222,2 Mio Dollar Passivsaldo. Die Passivsal- den werden wieder durch neue Kredite ermöglicht. Für 1970 sind 380 Mio Dollar fällig! 207) Die Schulden betragen insgesamt zur Zeit 2 bis 2,5 Mrd. Dollar! 208) Der stellvertretende Ministerpräsident Gulickov kann nur hilflos konstatieren: "Das erste Mal nach der Reform beginnen wir das Jahr 1970 mit einem geplanten Defizit in der Zahlungsbilanz, ob- wohl wir auch in der Realisierung der vergangenen Jahre ein ent- sprechendes Defizit hatten, ohne es zu planen. Im Jahr 1969 war das Defizit gegenüber dem Jahr 1968 um rund 20 Mio Dollar erhöht worden." 209) und der VOLKSWIRT (Nr. 10, 1970, S. 40) schreibt: "Das Defizit der Handelsbilanz betrug 1969 8,2 Mrd. Dinar - wohl eine direkte Folge der Liberalisierungsmaßnahmen." Der ökonomi- sche und politische circulus vitiosus der Kredite schreitet fort; auch in dieser Hinsicht ist-Jugoslawien wie die anderen unterent- wickelten Länder eine verschuldete Provinz des kapitalistischen Westens. 210) Bei der Reise von Bundeswirtschaftsminister Schiller im März 1970 wurde der jugoslawischen Nationalbank ein Zahlungsaufschub von 100 Mio DM (neuer Kredit) gewährt. "'Wegen der Delikatesse der Materie' wollte Schiller nicht auf die Einzelheiten eingehen; er sagte lediglich, daß ein bestimmter Weg anvisiert worden sei, 'auf dem Jugoslawien in diesem Jahr dem Kapitalmarkt in der Bun- desrepublik in einem gewissen Umfang zusätzlich nützen kann'". 211) Die Jugoslawen wurden mit Quotenerhöhungen bzw. dem Wegfal- len der Quoten bei rund 200 Warenpositionen ihres Exportes in die BRD belohnt. Bei den Textilien werden die Mengenbeschränkungen besonders reduziert. Ob das dem desolaten Zustand der jugoslawi- schen Textilindustrie Abhilfe schaffen wird, ist kaum zu erwar- ten. Zur Zeit ist die BRD der wichtigste Handelspartner Jugoslawiens. Der Handel mit den Comecon-Ländern hat sich seit Mitte der fünf- ziger Jahre normalisiert und betrug 1969 ca. 30% des gesamten Au- ßenhandels (Import + Export). Auch dieser Handel ist defizitär, allerdings in viel geringerem Maße. In Zukunft werden aber westliche Staatskredite (wie der oben ge- nannte) nicht so häufig gegeben werden (die Jugoslawen sprechen von Entstaatlichung), wohl aber direkte Kredite an Firmen und Banken. Die Ursache: "Bei der zunehmenden Ost-West-Entspannung fehlt es zunehmend an der bisherigen Motivation für derartige Kreditgeschenke." 212) Z.B. braucht die 'sozialistische Regierung Brandts', wie Tito sie in der Neujahrsbotschaft nannte, Jugosla- wien angeblich nicht mehr, um ihre Aufgeschlossenheit gegenüber den sozialistischen Staaten zu beweisen. Das Kapital war aber mit der altmodischen Eroberungsmethode der Handelsfreiheit nicht zufrieden. Es forderte und bekam direkte Investitionsmöglichkeiten im Land. Die Jugoslawen waren ihm sehr hilfreich. "Westliches Kapital hat in Jugoslawien fest Fuß gefaßt und hilft mit, dieses früher agrarwirtschaftlich orientierte Land in einen neuen Industriestaat (!) umzuwandeln. Investitionen von so ver- schiedenen Unternehmen wie Fiat, dem italienischen Auto-Giganten, und Printing Developments, Inc. von New York City, einer Tochter- gesellschaft von Time, Inc., zeigen sowohl die gierige Suche des Kapitals nach neuen Märkten als auch die bewußte Absicht eines kommunistischen Staates, die Marktwirtschaft mit ihren vielen Ne- benerscheinungen zu akzeptieren. Gespräche mit offiziellen Wirtschaftsfachleuten in Belgrad zeigen deren feste Überzeugung, daß dieser Weg auch von anderen Ländern Osteuropas befolgt werden wird. 213) Für sie ist Jugoslawien ein Schrittmacher für den Osten und ein Schaufenster des westlichen Kapitals. Westliche Unternehmen, die hier operieren, werden au- ßerordentliche Wettbewerbsvorteile besitzen, wenn sich anderswo in Osteuropa die Märkte öffnen werden. Das Gesetz wurde nicht ohne heftige Opposition derjenigen ange- nommen, die befürchten, daß westliches Kapital die Schlüsselbran- chen der Wirtschaft beherrschen könnte. Um das zu verhüten, darf ausländisches Kapital nicht mehr als 49% der Anteile in einem ju- goslawischen Unternehmen betragen. Anfangs zögerten ausländische Unternehmen mit den Investitionen, da sie befürchteten, daß eine Minderheitsbeteiligung ihnen keine direkte Kontrolle über ihre Investitionen sichern würde. In Seminaren, die hier für Ge- schäftsleute aus dem Westen abgehalten wurden, waren jugoslawi- sche Beamte darum bemüht zu betonen, daß Wege gefunden werden können, um dies zu gewährleisten, indem man zum Beispiel den aus- ländischen Investoren die Kontrolle über die Produktionskosten ermöglicht." 214) Dies nennen die Jugoslawen 'Partnerschaft' mit kapitalistischen Firmen. Die in diesem Zusammenhang weitreichende Bedeutung des Einkommengesetzes von 1968 wird durch das folgende ausführliche Zitat erläutert: "Im Gegensatz zu früheren Regelungen gehen jetzt außer dem Wert der verkauften Waren und ausgeführten Dienstleistungen auch alle anderen von der Unternehmung erzielten Erträge in den Gesamter- trag ein wie z.B.: Einkünfte auf der Grundlage von Kooperations- verträgen; Darlehenszinsen bzw. Zinsen für Lieferungen auf Kre- dit; Zinsen für deponierte Mittel und aus Beteiligungen am Kre- ditfonds einer Bank; der Wert von Waren eigener Produktion und eigener Dienstleistungen, die für eigene Investitionen oder für andere Zwecke des Endverbrauchs bestimmt sind; der Wert i von Wa- ren und Dienstleistungen, die Dritten ohne Gegenleistung überlas- sen wurden, sowie Einkünfte, außer denjenigen, die nach besonde- ren Vorschriften in die Fonds eingebracht werden. Mit dieser Be- stimmung ist die strikt ablehnende Haltung gegenüber dem 'arbeitslosen Einkommen' aufgegeben worden. Die außerordentlichen Erträge gingen nach der vorherigen Regelung nicht in den Gesamt- ertrag der Unternehmung ein und waren nicht Gegenstand der Ein- kommensverteilung. Sie flössen direkt den einzelnen Fonds zu ... Die Einbeziehung der Erträge aus Beteiligungen an anderen Firmen in den Gesamtertrag impliziert eine wesentliche Veränderung im jugoslawischen System der Arbeiterselbstverwaltung. Der in Ver- fassung und Gesetzgebung verankerte Gedanke der 'Verteilung gemäß der Arbeit' wird durch diese -: Maßnahmen noch weiter abge- schwächt. Die Beteiligung der Arbeitskollektive an der Ge- schäftstüchtigkeit anderer Unternehmungen geht erstmalig über eine bloße Kreditgewährung mit vereinbartem Zins hinaus. Nach dem neuen Gesetz über die Mittel der Wirtschaftsorganisationen ist jetzt neben der Teilnahme am Gewinn auch eine B e t e i- l i g u n g d e r g e l d g e b e n d e n U n t e r n e h- m u n g a n d e r G e s c h ä f t s f ü h r u n g d e r k a- p i t a l a u f n e h m e n d e n U n t e r n e h m u n g m ö g l i c h. Diese Regelung entspringt n i c h t z u- l e t z t d e m W u n s c h n a c h e i n e r E r m u n- t e r u n g a u s l ä n d i s c h e r U n t e r n e h m u n- g e n zu gemeinsamen Investitionen mit jugoslawischen Betrieben. Im Gegensatz zu den älteren Vorschriften, die bei Arbeiterrat und Verwaltungsausschuß alle grundsätzlichen unternehmerischen Entscheidungen konzentrierten, sieht der durch Gesetz vom 12.1.1967 (...) eingefügte neue Abschnitt 7 (Art. 63-64p) des Gesetzes die Bildung eines sogenannten Geschäftsausschusses (...) vor, auf den durch den Kooperationsvertrag bestimmte Funktionen des Arbeiterrates und des Verwaltungsausschusses übertragen werden können. In diesem Geschäftsausschuß können auch die Vertreter des Managements der kooperierenden ausländischen Firmen sitzen...", 215) was schon praktiziert wird. Und die "Rote Bourgeoisie", die selbst in diesen Geschäftsausschüssen sitzt, reicht ihnen die Hand. Bis Oktober 1969 hatte aber das Kapital vorsichtig mit einer Be- teiligung von nur 43 Mio Dollar reagiert. 216) Die Gewißheit mußte bestehen, daß die jugoslawische Arbeiterklasse nicht doch einmal 'dogmatisch' werden und so etwas wie 'Verstaatlichung' einleiten würde. Um die Sicherheit des Kapitals zu erhöhen, haben sich die 33 (!) stärksten Geldinstitute der kapitalistischen Welt 217) mit 12 jugoslawischen Geldinstituten zur 'International Fi- nance Corporation' zusammengefunden. Der Direktor ist ein frühe- rer Angestellter des State Department. Die 'Corporation' wird jetzt die privaten Unternehmen kreditieren können. Vor allem wer- den die ausländischen 'Partner' ein Druckmittel par excellence haben - oder möchten die Jugoslawen gegen die geballte Faust der ganzen westlichen Finanzwelt aufstehen? Auch die für das Aus- landskapital lästige 49%ige Minderheitsbeteiligung wird zur Zeit vom jugoslawischen Parlament beseitigt; die ausländischen 'Partner' dürfen dann über 50% eines Unternehmens besitzen, selbstverständlich "when it would be in the interest of a speci- fic branch of the economy". 218) Die vielen verschiedenartigen 'Partnerschaftsverträge' zwischen kapitalistischen und jugoslawischen Firmen mehren sich täglich. In der nahen Zukunft wird fast jeder wichtige westdeutsche Kon- zern Vertreter in Geschäftsausschüssen in Jugoslawien haben. Nach Angaben der Jugoslawen ist es das Ziel der Kooperationsverträge, moderne Technologie aus kapitalistischen Ländern einzuführen. Dies ist in der Tat eine Bankrotterklärung an das eigene System der 'sozialistischen Marktwirtschaft' und zugleich eine Absage an die schöpferische Initiative der Massen, die unter sozialisti- schen Bedingungen selbst die Industrialisierung des Landes voran- treiben könnten. Jedoch werden unter den Jugoslawen Beschwerden laut, daß die westlichen Firmen nicht die fortschrittlichste Technologie importieren. Sicher wird aber erreicht, daß die spär- lichen Ansätze zu einem sozialistischen Bewußtsein der Arbeiter durch die Betonung der kapitalistischen Errungenschaften in der Technologie noch weiter abgeschwächt werden. Zur Zeit bestehen noch gewisse Beschränkungen in bezug auf den Gewinntransfer ins Ausland, aber auch hier kann auf eine dem Kapital günstige Ent- scheidung gerechnet werden: "Es besteht nur die Schwierigkeit we- gen des Gewinntransfers, aber das ist ein Problem einer späteren Phase," 219) denn die großen Investitionen werden erst jetzt durchgeführt. Die Gewinntransfers werden das ohnehin schon vor- handene Zahlungsbilanzdefizit langfristig noch vergrößern. Für die ASV legt die 'Partnerschaft' in Form der Geschäftsaus- schüsse ihre schon längst vorhandene Bedeutungslosigkeit offen. "Man begnügt sich auf jugoslawischer Seite (gegenüber den kapita- listischen Investoren) mit der Feststellung, daß die Kompetenzen des Arbeiterrates während des Geschäftsjahres auf ein Minimum be- schränkt werden können." (NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 22.12.1968) Aber das ausländische Kapital ändert nicht nur die Produktions- verhältnisse, sondern muß die Totalität der Gesellschaft nach seinem Bild gestalten, um selbst weiter zu gedeihen. Das heißt, der jugoslawische Staat, Erziehung, Wissenschaft, Publikationsor- gane, Kultur etc. werden früher oder später über den von den 'Kommunisten' selbst schon angetretenen 'Dritten Weg' im Sumpf des vollendeten kapitalistischen Überbaus enden, um den sich ent- wickelnden kapitalistischen Unterbau zu ergänzen. Es ist zu beto- nen, das der BKJ die ersten Schritte auf dem Weg zum Kapitalismus schon längst eigenständig und erfolgreich bewältigt hat. Lassen wir die Jugoslawen selbst sprechen: Der von uns mehrfach zitierte E. Kardelj, früherer Außenminister, persönlicher Freund Titos, 'Liberaler', Mitglied des Präsidiums des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, schildert - eingerahmt von marxistischen Sätzen - die neue Theorie der 'Partnerschaft': "... es ist offensichtlich, daß die Zirkulation des Weltkapitals in der Zukunft kontinuierlich zunehmen und in einem beträchtli- chen Ausmaß als einigender Faktor in der Welt wirken wird." 220) Auf Grund der 'Herausforderung' Europas durch die USA und der Un- gleichheit zwischen unterentwickelten Ländern empfiehlt er: "... dies ist nicht so sehr das Problem des Einholens und Überho- lens (der USA - die : Verf.) ", ... Diese Theorien erinnern mich an Stalin ... - sondern es ist das Problem, den richtigen Weg und die Mittel zu finden, um h ö h e r e F o r m e n d e r I n t e g r a t i o n d e r M e n s c h h e i t zu finden. N u r a u f d i e s e W e i s e kann die Lücke zwischen den entwickelten und unterentwickelten Ländern und, wenn man so will, zwischen Amerika und Europa historisch überbrückt werden." 221) Dahinter steckt der Gedanke, die antagonistischen Verhältnisse, die das Kapital erzeugte, mit Hilfe des Kapitals zu verdecken, Unterdrückte und Unterdrücker, Ausgebeutete und Ausbeuter zu ver- söhnen. Dies im Namen des Marxismus zu propagieren (die Jugosla- wen haben in ihren theoretischen Äußerungen kaum Notiz von Lenin genommen) ist t a u s e n d f a c h massenwirksamer als die üb- lichen Plattheiten eines bürgerlichen Schwätzers. In bezug auf das Verhältnis DDR-BRD äußert sich Kardelj folgen- dermaßen, nachdem er für die Anerkennung der DDR durch die BRD plädierte: "Die Kooperation, Annäherung und Vereinigung der beiden deutschen Staaten können nur im Laufe eines langwierigen Prozesses beglei- tet von sozialen und politischen Veränderungen in beiden Teilen Deutschlands, von Verhandlung und allmählicher Erweiterung gegen- seitiger Zusammenarbeit erreicht werden." 222) Aus welcher Grundlage diese Vereinigung stattfinden soll, erwähnt er nicht. Beim Erfurter Treffen wurde die SED in bezug auf die Anerkennungsfrage sogar wegen ihres 'Dogmatismus' und ihrer kom- promißlosen Haltung von den jugoslawischen Kommunisten kritisiert und Brandt für seine Aufgeschlossenheit gelobt. Diese Haltung wurde von Schiller schon vorher honoriert! "Indessen stelle das von ihr befürwortete wirtschaftliche Entge- genkommen gegenüber Jugoslawien einen Dank der Bundesrepublik Deutschland für das politische jugoslawische Entgegenkommen in der Frage der westdeutschen 'Ostpolitik' dar. · Jugoslawien habe hier eine Art Pionierleistung vollzogen, 'um deretwillen wir un- sere alten jugoslawischen Freunde nicht vergessen können'." 223) Werner Holer schreibt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG einen Artikel mit der Überschrift "Rogers und Tito auf Besichtigungsreise in Afrika - Wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, so geht es doch beiden um afrikanische Blockfreiheit". 224) Die Motive mögen un- terschiedlich sein, die Wirkungen sind gleich; den unterentwic- kelten Ländern wird von den Jugoslawen suggeriert, daß es einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gebe, den die Jugoslawen beispielhaft vorangehen. Durch die Betonung der Block- freiheit 225) hemmen die Jugoslawen die sozialistische Revolution in den unterentwickelten Ländern und sind zu einem trojanischen Pferd des Imperialismus geworden. Mögen die Anhänger der ASV, des jugoslawischen Modells, die Opfer der bürgerlichen Propaganda sind und humanitätsduselig Mitleid mit den armen Völkern der Welt empfinden, zur Kenntnis nehmen, daß Jugoslawien nicht nur ein neo-koloniales Opfer des Imperialismus ist, sondern "... die Rolle ... die der Bund der Kommunisten Jugoslawiens in der Welt spielt..., ...die Rolle eines Instruments des Imperialismus..." ist. 226) _____ 1) Hoffmann, G.W., Neal, F.W.: YUGOSLAVIA AND THE NEW COMMUNISM, New York 1962, S. 87. 2) Farrell, Robert Barry: YUGOSLAVIA AND THE SOVIET UNION; AN ANALYSIS WITH DOCUMENTS, 1956, Handen. 3) Vgl. Ministry of Foreign Affairs of the Federal People's Repu- blic of Yugoslavia: WHITE BOOK ON THE AGGRESSIVE ACTIVITIES BY THE GOVERNMENTS OF THE USSR, POLAND, CZECHOSLOVOKIA, HUNGARY, RU- MANIA. BULGARIA, AND ALBANIA TOWARD YUGOSLAVIA, Belgrad 1951. Das Grundvermögen dieser Gesellschaften bestand zur Hälfte aus jug. und zur anderen Hälfte aus sowjetischen Anteilen. Die Ge- winne wurden halbiert. Der Vorstand war paritätisch besetzt. Die Aktiengesellschaften hatten einen rechtlichen Sonderstatus, der fast die Exterritorialität erreichte. Außerdem waren sie von Steuern, Zollabgaben und Außenhandelsbeschränkungen befreit. 4) Ebd., S. 37. 5) DIE LEHREN AUS DER ENTARTUNG DER JUGOSLAWISCHEN FÜHRUNG (Kommunique über die Beratung des Informationsbüros der kommuni- stischen Parteien), Dietz-Verlag, Berlin 1948, S. 17 f. 6) REPORT OF ALEKSANDER RANKOVIC, Sixth Congress of the Communist Party of Yugoslavia, 1953, S. 67; zit. n. Hoffmann, G.W. und Neal, F.W.; a.a.O., S. 142. 7) YUGOSLAV SURVEY, hrsg. v. Secretariat of Information, Federal Executive Council, Belgrad, vol. VIII, No. 4, 1967, S. 40. 8) Der zweite Weltkrieg verursachte in Jugoslawien eine Bevölke- rungsverminderung (12% = ca. 2 Millionen) durch Nahrungsmittel- mangel und Kriegsopfer. Erheblich waren auch die materiellen Verluste: Zerstörung des Ei- senbahnnetzes sowie des Wagenbestandes um 50%, Rückgang der Tex- tilproduktion auf ungefähr 35% der Vorkriegsproduktion etc. (siehe dazu Hoff man, G.W. and Neal, F.W.: YUGOSLAVIA AND THE NEW COMMUNISM, New York 1962, S. 87). Nur die UNRRA-Hilfe (UNRRA-United Nations Relief and Rehabilita- tion Agency) von 450 Millionen Dollar in den Jahren 1945 und 1946 konnte die drohende Hungerkatastrophe abwenden. Damit soll hier nur angedeutet werden, wie entscheidend die Auslandshilfe nach 1945 für das Land war. 9) Waterston, Albert: PLANNING IN YUGOSLAVIA, Baltimore 1962, S. 17. Diese Studie wurde für die International Bank for Reconstruc- tion and Development angefertigt. 10) YUGOSLAV SURVEY, 1967; a.a.O., S. 40. 11) Bombelles Joseph T.: ECONOMIC DEVELOPMENT OF COMMUNIST YUGOS- LAVIA, 1947-1964, Stanford 1964, S. 23. 12) Vgl. Stipetic, V.u.B. Moskovbjevic: "Agrarian Policy in Yu- goslavia", in: SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, No 25, Belgrad 1967. 13) Bombelles, J.; a.a.O., S. 24. 14) Bombelles, J.; a.a.O., S. 23. 15) Günzel, Karl: "Planwirtschaft und Außenhandelspolitik der FVRJ", in: OSTEUROPA HANDBUCH, Köln 1965, S. 230. 16) Ebd., S. 240. 17) Bombelles, J.; a.a.O., S. 42. 18) Ebd., S. 44. 19) Schleicher, Harry: DAS SYSTEM DER BETRIEBLICHEN SELBSTVERWAL- TUNG IN JUGOSLAWIEN, Berlin 1961, S. 29/30. 20) Siehe Hoffman, Neal; a.a.O., S. 51; vgl. auch STATISTICAL POCKET BOOK OF YUGOSLAVIA, 1969, S. 25. 21) OSTEUROPA HANDBUCH; a.a.O., S. 240. 22) Käser, M.C.: ECONOMIC DEVELOPMENT OF EASTERN EUROPE, New York 1968, S. 54. 23) Hildebrandt, Walter: "Die außenpolitischen Beziehungen der FVRJ", in: OSTEUROPA HANDBUCH; a.a.O., S. 170. 24) IST JUGOSLAWIEN EIN SOZIALISTISCHER STAAT? , Peking 1963, S. 6. Dieser "Dritte Kommentar zum offenen Brief des ZK der KPdSU" zieht Analogien zwischen Jugoslawien und dem Revisionismus in der SU. Der Kommentar endet mit dem Ruf: "Genossen und Freunde, geht nicht den jugoslawischen Weg! Kehrt sofort um! Sonst wird es zu spät sein!" (S. 80). 25) Pasic, N.: "Self-Management - an Integral Social System", in: SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, No. 37, Dec. 1969, S. 116 26) Vranicki, P.: "Der augenblickliche Stand der ideologischen Diskussion in Jugoslawien", in: MARXISMUS-STUDIEN, 5. Folge, hrsg. v. I. Fetcher, S. 143. 27) Ebd., S. 142 f. 28) E. Kardelj: "Deset godina Narodne revolucije" (Zehn Jahre der Volksrevolution), KOMMUNIST 2-3/1951, S. 97, zit. n. ebd., S. 145 f. Der Begriff 'Kaste' ist im Zusammenhang mit der Bürokratie falsch, weil die Zugehörigkeit zu einer Kaste durch Geburt erwor- ben wird. 29) Pasic, N.; a.a.O., S. 117. 30) Tito, J.B., O radnickom upravljanju privrednim preduzecima (Über Arbeiterselbstverwaltung in wirtschaftlichen Unternehmun- gen), Ausgewählte Werke, Bd. V, S. 205, Naprijed, Zagreb 1959, zit.n. Vranicki, P.; a.a.O., S. 145. 31) Präziser wäre es, von Einkommensrate zu sprechen. Das Einkom- men setzt sich aus Löhnen, Gehältern und Anlageninvestitionen (v+m) zusammen. Die Einkommensmaximierung entspricht jedoch im Prinzip der Gewinnmaximierung. 32) Mandel, E., Jugoslawische ökonomische Theorie, in: ZUR SO- WJETÖKONOMIE, Rotbuch 11, Berlin 1969, S. 96 (Das Rotbuch 11 und das Rotbuch 8: Ernesto Che Guevara, Ökonomie und neues Bewußt- sein, sind als theoretische Grundlage für diesen Artikel ge- eignet.). 33) Dobias, P.; a.a.O., S. 45. 34) Waterston, S.; a.a.O., S. 42 f. 35) ECONOMIC SURVEY OF EUROPE 1962, Part 2, Economic Planning in Europe, Genf 1963, S. 6. 36) Waterston, S.; a.a.O., S. 78. 37) Dobias, P.; a.a.O., S. 96. 38) YUGOSLAV SURVEY, Belgrad, Nov. 1967, Vol. VIII, No. 4, hrsg.: vom Secretariat of Information, Federal Executive Council, S. 86: "With the passage of the Basic Trade Law trade has been greatly liberalized. All business organizations, irrespective of the kinds of activities they carry out, are now authorized to decide freely and independently whether or not, to what extent and which sectors of trade they will engage in, and what organizational forms of commerce they will choose... Administrative agencies have no right to issue direct orders to trading organizations or to interfere in their trading activities ... business ... enter- prises are authorized to engage individuals, without formally em- ploying them ... such arrangements do not have the character of private trade..." 39) Ebd., S. 93. 40) Ebd., S. 100. 41) Ebd., Übers. d. Verf. 42) YUGOSLAV SURVEY, Vol. IX, May 1968, S. 65. 43) Mündliche Mitteilung von G. Leman, wiss. Ass. am Ost-Europa- Institut an der FU Berlin. Wir danken Frau Leman für ihre vielen hilfreichen Informationen. 44) YUGOSLAV SURVEY, No. 4; a.a.O., S. 75. John W. Dyckman, linksliberaler Professor of City and Regional Planning and Deve- lopment, University of California, Berkeley, teilte uns in seinem Vortrag an der T.U Berlin mit, daß die jugoslawische Regionalpla- nung weit hinter der der USA ist. 45) Lenin, W.I.: STAAT UND REVOLUTION, Ausgewählte Werke, Band II, Berlin 1966, S. 338. 46) Ebd., S. 399. 47) Kardelj, E.: zit.n. Vranicki, P.; a.a.O., S. 146. 48) Kardelj, E.: zit.n. Vranicki, P.; a.a.O., S. 146. 49) "Diese alten bürokratischen Elemente haben wir auseinanderge- jagt, umgeschichtet, und dann haben wir wieder angefangen, sie auf neue Plätze zu stellen. Zaristische Bürokraten begannen in die Sowjetbehörden hinüberzuwechseln und dort den Bürokratismus einzuführen, begannen sich als Kommunisten aufzumachen und sich der erfolgreichen Karriere wegen Mitgliedsbücher der KPR zu ver- schaffen. So kommen sie, nachdem man sie zur Tür hinausgejagt hat, durchs Fenster wieder herein... Dieses niedrige Kulturniveau bewirkt, daß die Sowjets, die nach ihrem Programm Organe der Ver- waltung d u r c h d i e W e r k t ä t i g e n sein sollen, in Wirklichkeit Organe der Verwaltung f ü r d i e W e r k t ä- t i g e n sind, einer Verwaltung durch die fortgeschrittene Schicht des Proletariats, nicht aber durch die werktätigen Massen selbst." Lenin, W.I.: "Bericht über das Parteiprogramm", in: LENIN WERKE, Band 29, 19. März 1919, Berlin 1961, S. 168 f. 50) Lenin, W.I.: "Schlußwort zum Referat über die Rolle und die Aufgaben der Gewerkschaften" (1921) zitiert in: W.I. Lenin, FÜR UND WIDER DIE BÜROKRATIE, hrsg.: Hillmann, G., Hamburg 1970, S. 89. 51) Lenin, W.I.: "Brief an Sokolow"; a.a.O., S. 130 ff. 52) Tito, B.J.: zit. n. Vranicki, P.; a.a.O., S. 145. 53) Vranicki, P.; a.a.O., S. 149. 54) Berislav, Sefer: "Income Distribution in Yugoslavia", in: IN- TERNATIONAL LABOUR REVIEW, Vol. 97, No. 4, April 1968, S. 387 (hervorgehoben v. d. Verf.). 55) Mandel, Ernest: "Jugoslawische ökonomische Theorie", in: ROT- BUCH 11, Berlin 1969, S. 98. 56) Marx, K.: DAS KAPITAL, Band 1, S. 94, S. 377; Band 3, S. 271, S. 828. Engels, F.: ANTI-DÜHRING, Berlin 1958, S. 351. 57) Marx, K.: DER BÜRGERKRIEG IN FRANKREICH, MEW 17, S. 343. 58) Marx, K.: "Das Elend der Philosophie", in: MEW 4, Berlin 1969, S. 97. 59) Pasic, N.; a.a.O., S. 117. 60) Ein klassisches Beispiel für die Verdrehung der marxistischen Theorie um die jugoslawischen Verhältnisse zu rechtfertigen, mit- tels einer Abstraktion, die die Wirklichkeit nicht "tiefer, ge- treuer, vollständiger" (Lenin) widerspiegelt, sondern verfälscht darstellt, ist: Mihailo Markovic, "Entfremdung und Selbstverwal- tung", in: FOLGEN EINER THEORIE ESSAYS ÜBER 'DAS KAPITAL' VON KARL MARX, ed. Suhrkamp 1967. 61) In diesem Fall- Festlegung der Planziele etc. ohne Mitgestal- tung der Produzenten - werden die Pläne ihre soziale Relevanz für die Arbeiter verlieren, und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Plan und seiner Verwirklichung werden unweigerlich die Oberhand gewinnen. Der soziale Charakter der Arbeit wird im Bewußtsein der Produzenten eine untergeordnete Rolle spielen. Die in j e d e m Plan vorhandenen Lücken werden ausgenutzt. Ökonomische Mißstände folgen. Der Weg für neue Herrschaftsstrukturen ('neue Klasse') ist geebnet. Der Ruf nach der verstärkten Einführung des Marktes, weil der Plan offensichtlich nicht funktioniert, bedeutet in er- ster Linie die Emanzipation dieser 'neuen Klasse' von der zentra- len Planung. Der Ruf nach verstärkten materiellen Anreizen ist i h r Ruf. Dies könnte einer der gesellschaftlichen Prozesse sein, der den Revisionismus in den anderen sozialistischen Län- dern begünstigt. 62) Vranicki, P.; a.a.O., S. 144 f. 63) Lenin, W.I.: Ursprünglicher Entwurf der Resolution über die syndikalistische und anarchistische Abweichung in unserer Partei, in: W.I. Lenin, FÜR UND WIDER...; a.a.O., S. 111. 64) Lenin, W.I.: Schlußwort zum Referat über die Rolle und die Aufgaben der Gewerkschaften, in: FÜR UND WIDER DIE BÜROKRATIE; a.a.O., S. 97. 65) "Nach dem Bruch zwischen Moskau und Belgrad 1948 setzte in Jugoslawien eine allgemeine Hetzjagd auf die Kominformisten ein." Helmut Roesler: "Jugoslawen zwischen Rubel und Dollar", in: OST- EUROPA, Heft 9, Sept. 1957, S. 634. 66) "Es ist sehr leicht, die Hauptverwaltungen und Volkswirt- schaftsräte zu kritisieren, aber wenn ihr in dieser Weise kriti- siert, verstehen es die parteilosen Arbeitermassen so, als müsse man sie auflösen! Das greifen auch die Sozialrevolutionäre auf."; a.a.O., S. 101. 67) Einer der verantwortlichen Redakteure der philosophischen Zeitschrift PRAXIS kennzeichnet - 20 Jahre später - "... die Rolle der Praxis als Organ des internationalen Anti-Stalinismus und des schöpferischen Marxismus..." (Petrovic, Gajo: "Die jugo- slawische Philosophie und die Zeitschrift 'Praxis' ", in: REVOLU- TIONÄRE PRAXIS, Freiburg 1969, S. 8). 68) Die ungelernten Arbeiter und armen Bauern sind im BKJ völlig unterrepräsentiert. Siehe Tripalo, Miko: "The Social Base of the League of Communists", in: SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, No. 35, Belgrad 1969, S: 51 und YUGOSLAV SURVEY, No. 4, 1967, S. 46. I m L a u f e unserer Untersuchung kamen wir zu dem zwingenden Schluß, daß die Staatsmacht in Jugoslawien nicht in den Händen der Arbeiterklasse liegt, sondern in denen einer neuen Klasse, die sich während der Übergangsphase fest etabliert hat. 69) DER SPIEGEL, 5.1.1970, Nr. 1/2, Jg. 24, S. 65. Leider stand uns das zitierte Buch bei unserer Arbeit nicht zur Verfügung. 70) Auty, P.: "Yugoslavia's International Relations", in: CONTEM- PORARY YUGOSLAVIA, edited by Wayne S. Vurcinisch, Berkeley and Los Angeles 1969. 71) "D a e i n e z e n t r a l e P l a n u n g n i c h t v o r h a n d e n i s t, geraten die ·Unternehmen ganz in den Sog des Marktes; das bedeutet für die Arbeiterselbstverwaltung, daß sie sich den von Direktoren und Management interpretierten 'S a c h z w ä n g e n' des Marktes zu beugen hat..." (FRANKFURTER RUNDSCHAU, 19.1.1970). (Hervorhebung v. d. Verf.). 72) DIE FRANKFURTER ALLGEMEINE (16.11.1969) berichtet: "Die Mana- ger setzen sich in Jugoslawien durch": "Wird die jugoslawische Arbeiterselbstverwaltung von einer Herrschaft der Manager und Technokraten unterwandert? (Seit der Wirtschaftsreform) ... läßt sich verfolgen, wie in vielen Unternehmen die Fachleute das Heft so fest in die Hand nehmen, daß die Organe der Selbstverwaltung nur noch als Fassade dastehen. Das ist nicht immer das Ergebnis eines Machtkampfes zwischen Ma- nagement und Belegschaft. Vorläufig drängt gerade diese die füh- renden Techniker und Kaufleute des Betriebs, mit dem Direktor an der Spitze, in die Rolle von Herren des Unternehmens. Unter den Arbeitern ist die Ansicht verbreitet, es sei am besten, den Spe- zialisten an der Spitze, außer in Lohnfragen, nicht viel dreinzu- reden." 73) Leman, G.: "Ungelöste Fragen..."; a.a.O., S. 40, Primär- quelle: RADNE JEDINICE, hektographierte Unterlage des organisati- ons-politischen Rates des Bundesparlaments, Belgrad April 1967, S. 36. 74) "Titos Sorgen", in: DER VOLKSWIRT, Nr. 9, Jg. 24, S. 27; YU- GOSLAV SURVEY, No. 2, 1968, S. 12 u. S. 155; STATISTICAL POCKET BOOK OF YUGOSLAVIA 1969, S. 26-30 und eigene Schätzungen. 75) STATISTICAL POCKET BOOK; a.a.O., S. 46; Dobias, Peter; a.a.O., S. 70. 76) Ebd., S. 72. 77) Sisul, Nada: "On Some Aspects of Production Based on Private Ownership in Yugoslavia", in: SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, No. 35, 1969, S. 37. 78) Lenin, W.I.: DER "LINKE RADIKALISMUS"..., Berlin 1968, S. 31 f. 79) Zwischen 1959 und 1965 nahm die Anzahl der Unternehmen um 40% ab. YUGOSLAV SURVEY 1968; a.a.O., S. 76. 80) "Effektivität und Ideologie in Jugoslawien", in: NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 5.12.1969. 81) EKONOMSKA POLITIKA, 24.11.1969, Nr. 921, S. 5, zit. n. PRES- SESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 12, Jg. 7, 1969, S. 12 und Trevisan, Dessa: "Students control in Belgrad's suburb", in: THE TIMES OF LONDON, 5.6.1968, S. 5. 82) Preobraschenski, E.: "Die Perspektiven der Neuen Wirtschafts- politik", in: OKTOBERREVOLUTION, Berlin (West) 1967, S. 77-87. 83) STATISTICAL POCKET BOOK OF YUGOSLAVIA, Belgrad 1969, S. 24. Die Erhebung wurde 1961 durchgeführt. 84) Ebd. 85) Ebd. 86) Leman, Gudrun: UNGELÖSTE FRAGEN IM JUGOSLAWISCHEN SYSTEM DER ARBEITERSELBSTVERWALTUNG, Köln 1969, S. 4. 87) Leman, Gudrun: "Theorie für den 'dritten Weg' gesucht", in: DER VOLKSWIRT, Nr. 9, 28.2.1969,8.40. 88) DER SPIEGEL, Nr. 24, 10. Juni 1968, S. 79. 89) OECD COUNTRY REPORTS: YUGOSLAVIA, Paris 1965, S. 19 f. 90) Dobias, Peter; a.a.O., S. 22. 91) INFORMATIONSDIENST ZUM BILDUNGSWESEN IN OSTEUROPA, hrsg. vom Referat für Bildungswesen in Osteuropa, Berlin 1969, S. 70. 92) ECONOMIC SURVEY OF EUROPE, hrsg. von den UN, New York 1961, S. 58 (Übers. d. Verf.). 93) INFORMATIONSDIENST ZUM BILDUNGSWESEN IN OSTEUROPA; a.a.O., S. 75/76. 94) STATISTICAL POCKET BOOK OF YUGOSLAVIA; a.a.O., S. 27. 95) YUGOSLAV SURVEY, No. 4, 1967; a.a.O., S. 58. 96) Ebd. 97) Ebd., S. 50. 98) Siehe UN-SURVEY der entsprechenden Jahrgänge. 99) Ebd. 100) DER VOLKSWIRT, Nr. 10, 24. Jg., S. 40. 101) YUGOSLAV SURVEY, No. 4, 1967; a.a.O., S. 51. 102) Ein Transparent während der Studentendemonstrationen im Som- mer 1968 hieß: "Ihr exportiert uns wie gefrorenes Rindfleisch." Die negative gesellschaftliche Rückwirkung dieser Abwanderung ist zwar erheblich aber leider nicht im Rahmen dieser Arbeit zu be- rücksichtigen. 103) Jones, W. Gavin: "Underutilisation of Manpower and Demogra- phic Trends in Latin America", in: INTERNATIONAL LABOUR REVIEW, volume 98, 1968, S. 451 f. 104) Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN; a.a.O., S. 7. 105) Schleicher, H.: DAS SYSTEM; a.a.O., S. 327 und 339. 106) Meister, A.: SOCIALISME ET AUTOGESTION, L'EXPERIENCE YUGOS- LAVE, Paris 1964, S. 101. 107) BORBA, 14.2.69,Zit. u. Leman, G.; a.a.O., S. 110/111. 108) 1961 waren 81% aller Arbeitslosen ungelernte Arbeiter, Mei- ster, A., S. 331. 109) Ridell, D.S.: "Social self-government: The background of theory and practice in Yugoslav socialism", in: BRITISH JOURNAL OF SOCIOLOGY, Vol. XIX, No. 1, 1968, S. 65. 110) Ohne Datum und Autor zit. n. Lasserre, G.: L'ENTERPRISE SO- CIALISTE EN YUGOSLAVE, Paris 1964, S. 60. 111) Kolaja: WORKERS COUNCILS, THE YUGOSLAV EXPERIENCE, London 1965, S. 69, ähnlich auch T. Sommer: "Die Ketzer von Belgrad", in: DIE ZEIT, Nr. 26/24.6.1966. 112) Kolaja, J.; a.a.O., S. 77; Lasserre; a.a.O., S. 55. 113) Schleicher, H.; a.a.O., S. 330. 114) Zit. n. Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN; a.a.O., S. 36 f. 115) Vgl. FAZ vom 9.2.1970. 116) Vgl. Leman, G.: "Einkommensverteilung in Jugoslawien", in: OSTEUROPA WIRTSCHAFT, 14. Jg., 4/69, S. 270 f. 117) FAZ vom 17.11.69. 118) EDONOMSKA POLITIKA, Nr. 919 vom 10.11.69, S. 31, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, Heft 11, Jg. 7, 1969, S. 13. Ina (Erdölfirma) ist das umsatzstärkste Unternehmen Jugoslawiens. Der Generaldirektor ist Mitglied des ZK der BdKJ in Kroatien. Über 93% der Direktoren von Unternehmen sind Mitglieder der BdKJ. 119) Diese Kontrollform gestaltet sich in der Praxis als Farce: In der Ausschreibung werden die Anforderungen so spezifisch auf den bisherigen Stelleninhaber zugeschnitten, daß sich keine Kon- kurrenzbewerber finden. 120) Schleicher, H.: S. 330. 121) S. z.B. den Brief des Exekutivkomitees der BKJ vom 14.7.62, zit. n. P. Yankovitch in LE MONDE vom 15.6.62: "Mangelnde Diszi- plin und mangelnde Respektierung des Gesetzes und der gemeinsam getroffenen Entscheidungen werden durch die Praxis gewisser Füh- rungskräfte legalisiert. Die legalen Vorschriften werden umgan- gen, bei der Verwaltung des Gemeineigentums kommt es zu Verun- treuungen und die öffentlichen Fonds werden vergeudet. Die Ver- antwortlichen werden selten zur Rechenschaft gezogen. Durch Pres- sionen wird das Kontroll- und Inspektionssystem gelähmt." 122) Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN..., S. 43. 123) BORBA, 28.8.67, zit. n. Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN; a.a.O., S. 69/70. 124) PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, Jg. 1968, Heft 7/8, S. 13. 125) Dargestellt nach G. Leman,: "ökonomische Einheiten als Aus- drucksform der Entscheidungsdezentralisation in den jugoslawi- schen Unternehmungen", in: OSTEUROPA WIRTSCHAFT, 2/67, Juni 1967, S. 143-154. 126) G. Hillmann: "Arbeiterklasse in Auflösung? ", in: ATOMZEIT- ALTER, Juni 6/66,8. 181. 127) Zu den Auswirkungen des Stücklohnes vgl. Gross, E.: WORK AND SOCIETY, New York 1958, S. 429 f. 128) Marx, K.: KAPITAL, Bd. 1, S. 580. 129) BORBA vom 25.2.1969, zit. n. Leman, G.: OSTEUROPA WIRT- SCHAFT, Heft 4, 1969,8. 267. 130) Zit. n. Meister, A.; a.a.O., S. 127. 131) Zit. n. Leman, G.: ÖKONOMISCHE EINHEITEN...; a.a.O., S. 151. 132) Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN..., S. 13. 133) Crvekorski, K.: "Sixth Session of the Presidency of the Lea- gue of Communists of Yugoslavia", Nov. 17, 1969, in: SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, No. 36, Oct.-Dec. 1969. 134) Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN..., S. 105. 135) Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN; a.a.O., S. 35. 136) Die jugoslawischen Studenten vertraten im Sommer 1968 fol- gende Forderungen: Abschaffung der innerhalb der Gesellschaft be- stehenden Privilegien der "Roten Bourgeoisie" und Beseitigung der Ausbeutung, Abschaffung des Privateigentums und der neugebildeten Aktiengesellschaften, mehr Stipendien für Arbeiter- und Bauern- kinder, mehr Ausgaben für kollektive Bedürfnisse: Beseitigung der Arbeitslosigkeit und ein hohes gesichertes Tarifeinkommen für alle Arbeiter: Maßnahmen gegen die Abwanderung von Hochschulab- solventen und Fachkräften: Presse-, Rede- und Demonstrationsfrei- heit. Djilas fand allerdings die gebührende Antwort auf seine ul- trarevisionistischen Vorschläge: er wurde ausgebuht. - U.a. wurde die Karl-Marx-Universität in Rote Karl-Marx-Universität um- benannt. Inzwischen ist die eindeutig kommunistische Zeitschrift der Studenten verboten. 137) Horvat, Branko und Vlado Rascovic: "Workers Management in Yugoslavia, A Comment", in: JOURNAL OF POLITICAL ECONOMY, Chi- cago, No. 2, Vol. 67, 1959, S. 195. 138) ECONOMIC SURVEY OF EUROPE, Incomes in postwar Europe, Teil 2, 1965, Genf 1967, S. 14. 139) Meister, A.: SOCIALISME ET AUTOGESTION, L'Experience Yougos- lave, Paris 1964, S. 358 f. 140) Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN...; a.a.O., S. 57. Überhaupt sind die Zahlen aus den Einkommensstatistiken, die auf Durch- schnittswerten basieren, nicht sehr aussagekräftig, weil die Un- terschiede zwischen den unteren und oberen Extremwerten verdeckt werden. Ein Beispiel dafür sind die die Einkommen der einfachen Arbeiter um ein Zwanzigfaches übersteigenden Gehälter der Mana- ger, von denen Tito in einer Rede in Split am 6.5.1962 berich- tete. 141) Ebd., S. 71. 142) IST JUGOSLAWIEN EIN SOZIALISTISCHER STAAT? ; a.a.O., S. 26. 143) Leman, G.; a.a.O., S. 57. 144) Waterston, A.; a.a.O., S. 61. 145) ECONOMIC SURVEY OF EUROPE; a.a.O., S. 16. 146) BORBA, Nr. 273, 4.10.1969, S. 13, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 12, Jg. 7, Beilage S. 2. 147) Leman, G.; a.a.O., S. 59. 148) ECONOMIC SURVEY OF EUROPE 1965; a.a.O., S. 15 (Übers. d. Verf.). 149) Ebd. Kapitel II, S. 100 (Übers. d. Verf.). 150) Ebd. (Übers. d. Verf.). 151) Ebd. Kapitel 12, S. 16 (Übers. d. Verf.). 152) YUGOSLAV SURVEY, Vol. IX, May 1968; a.a.O., S. 64. 153) Der Lebensstandard wird durch verschiedene Merkmale grob wi- dergespiegelt: ärztliche Versorgung, Kindersterblichkeit, Anal- phabetentum, Prokopfeinkommen etc. freilich gehen dabei die so- zialen Beziehungen verloren, außerdem sind die Durchschnittszah- len verschleiernd. Bei seinem Vortrag am 11.11.1968 im Osteuropa Institut der Freien Universität Berlin meinte Horvat sogar, daß die Lebensstandardunterschiede zwischen Slowenien und den USA ge- ringer seien als zwischen den einzelnen jugoslawischen Republi- ken. 154) Ebd., S. 63. 155) DER VOLKSWIRT, Nr. 10, Jg. 24, 6.3.1970, S. 40. 156) Siehe Macesich; a.a.O., S. 29, 32. 157) Schleicher, H.; a.a.O., S. 31. 158) Pejovich, S.: THE MARKET - PLANNED ECONOMY OF YUGOSLAVIA, Minneapolis 1966, S. 81. 159) Ebd., S. 82. 160) Egers, W.: "Die wirtschaftliche Entwicklung Jugoslawiens im Jahre 1956", in: OSTEUROPA WIRTSCHAFT, H. 2, 1957, S. 145. 161) Es wird den Führungskräften nicht schwerfallen, hohe Einkom- men als persönliche Leistung auszugeben und zur Grundlage für eine verschärfte Einkommensdifferenzierung innerhalb des Betrie- bes zu machen. 162) BILDUNGSWESEN IN OSTEUROPA; a.a.O., S. 71. 163) 23. August 1968, FERNSEHREDE DES KOMMANDANTEN FIDEL CASTRO, UM DIE EREIGNISSE IN DER CSSR ZU ANALYSIEREN, Oberbaumpresse Ber- lin, S. 24. 164) Leman, G.: "Einkommensverteilung..."; a.a.O., S. 270. 165) Leman, G.: UNGELÖSTE FRAGEN...; a.a.O., S. 20 und 40. 166) Leman, G.: "Einkommensverteilung..."; a.a.O., S. 276. 167) "Eigeninitiative als Element der Planung. Die Reform verän- dert Ungarns Alltag", in: HANDELSBLATT, 13./14. April 1970, Nr. 64, S. 5. Siehe auch "Das System des materiellen Anreizes in Un- garn", in: OSTEUROPA WIRTSCHAFT, H. 4, 1969 (die Angaben wurden durch persönliche Mitteilungen von Genossen, die die ungarischen Verhältnisse kennen, bestätigt.). 168) Dobias, Peter; a.a.O., S. 128. a) Sozialprodukt entspricht dem Bruttosozialprodukt und besteht aus Löhnen, Gehältern und Anlageinvestitionen. Die unproduktiven Sektoren, Kultur, Verwaltung, Wissenschaft, medizinische Versor- gung, Bank- und Versicherungswesen sind nicht in der Summe ent- halten. b) Bezieht sich auf die unselbständig Beschäftigten mit Ausnahme der Lehrlinge. c) Stand am 31. Dezember. 169) ECONOMSKA POLITIKA, 29.4.1968, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRT- SCHAFT, H. 5, 1968, S. 7. 170) BORBA, 31.12.1968, zit. n. PRESSESCHAU OSTWIRTSCHAFT, H. 1, 1969, S. 10. 171) DER VOLKSWIRT, Nr. 10, 24. Jg., 6.3.1970, S. 40. 172) Pejovich; a.a.O., S. 64/65 (Übers. d. Verf.). 173) HANDELSBLATT, 10./11.4.1970, S. 5, Nr. 69. 174) Leman, G.: "Die neue jugoslawische Wirtschaftsreform", in: OSTEUROPA WIRTSCHAFT, H. l, 1966, S. 68. 175) Preisunelastisch: bei einer Preiserhöhung geht die nachge- fragte Menge nicht zurück, der Umsatz und die Profite steigen. 176) Bicanic, Rudolf: "Economic Growth under Centralized and De- zentralized Planning", in: COMPARATIVE ECONOMIC SYSTEMS, New York 1964, S. 281 f. 177) Vrcelj, Dorde: "Use of Productive Capacity in Industry", in: YUGOSLAV SURVEY, A Record of Facts and Information, Vol. IX, May 1968, H. 2, S. 87. - Die Aussagen von Marx über den Frühkapita- lismus treffen auf die jugoslawische Marktwirtschaft auch zu. "Während die kapitalistische Produktionsweise in jedem individu- ellen Geschäft Ökonomie erzwingt, erzeugt ihr anarchistisches Sy- stem der Konkurrenz die maßloseste Verschwendung der gesell- schaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte..." (Das KAPI- TAL, Band 1, Berlin 1966, S. 552). 178) Macesisch; a.a.O., S. 79. 179) Vrcelj, Dorde; a.a.O., S. 88. 180) BORBA, 7.12.1967, S. 5, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 12, 1967, S. 13/14. 181) Weil das Arbeitseinkommen in der Textilindustrie sehr nied- rig ist, kann man vermuten, daß viele Arbeiter einer zweiten Be- schäftigung nachgehen. - Anmerkung der Verfasser. 182) Das ausländische Kapital könnte hier 'helfend' einspringen. Siehe nächsten Teil. 183) BORBA, Nr. 273, 4.10.1969, S. 13, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 12, 1969, Beilage 2. 184) PRIVREDNI PREGLED, 18.11.1969, Nr. 4140, S. 10 und 28.11.1969, Nr. 4148, S. 6, zit.n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 12, 1969, Beilage 2. 185) EKONOMSKA POLITIKA, 1.7.1969, Nr. 796, S. 832, zit.n. OSTEU- ROPA WIRTSCHAFT, H. 7/8, 1967, S. 19. 186) INTERNATIONAL HERALD TRIBÜNE, 3. Nov. 1967. 187) PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 2, 1967. 188) EKONOMSKA POLITIKA, 8.9.1969, Nr. 910, S. 18 u. 21, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 10, 1969, Beilage 5. 189) Ebd., 24.11.1969, Nr. 921, S. 12, zit.n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 12, 1969. 190) Dobias, Peter; a.a.O., S. 135 f. Die jugoslawische Wirklich- keit könnte nicht weiter von Engels Vorstellungen entfernt sein: "Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Da- sein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbindun- gen in wirkliche menschliche... Erst von da an werden die Men- schen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesell- schaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit". Engels, Friedrich: ANTIDÜHRING, Berlin 1958, S. 351. 191) Petrovic, Gajo: "Die jugoslawische Philosophie und die Zeit- schrift "Praxis", in: REVOLUTIONÄRE PRAXIS, hrsg. von Gajo Petro- vic, Freiburg 1969, S. 20. Ein anderer 'Kritiker' vertritt die Auffassung: "This glorification of 'competition' (with full respect for the fact that the liberation of the market from bu- reaucratic direction is a vital condition for the development of the economy) should be replaced by a constantly critical study of the danger of latent capitalistic robbery resulting from a mo- ney/commodity economy and a free market." Zivotic, Milachin: "Is Equality a Moral Value of our Society", in: PRAXIS, H. 4, 1966, S. 401. - Eine marxistische Kritik der jugoslawischen Verhält- nisse ist bei Mladn Cladarovic: "Dissolutionary Processes in the System of Self-Management", in: PRAXIS, H. 4, 1965, S. 551 ff. zu finden. 192) Hildebrandt, Walter: "Die außenpolitischen Beziehungen der FVRJ", in: OSTEUROPA-HANDBUCH, Köln/Graz 1965, S. 170. 193) Bombelles, Joseph T.: ECONOMIC DEVELOPMENT OF COMMUNTST YU- GOSLAVIA 1947-1964, Stanford, California 1968, S. 107. 194) Ebd., S. 107. 195) Günzel, Karl: "Planwirtschaft und Außenhandelspolitik der FVRJ", in: OSTEUROPA-HANDBUCH, S. 240. 196) Ebd., S. 169, S. 241. 197) Ebd., S. 169. 198) IST JUGOSLAWIEN EIN SOZIALISTISCHER STAAT? , Peking 1963, S. 40. 199) Ebd., S. 40/41. 200) Ebd., S. 50. 201) Ebd., S. 51. 202) Bombelles; a.a.O., S. 102. 203) Murko, V.: "Außenhandelspolitik und in Jugoslawien", in: OSTEUROPA WIRTSCHAFT, H. 3, 1965, S. 190. 204) "Jugoslawien, das für europäische Begriffe ein Entwicklungs- land ist, hat, wie die Belgrader 'Politika' kürzlich schrieb, nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder muß es den Ver- brauch der Bevölkerung, also der jetzt lebenden Generation, so einschränken, daß es die notwendigen Industrie-Investitionen da- mit finanzieren kann (so geschieht es in ganz Osteuropa), oder es muß Auslandskredite auf nehmen, die eines Tages zurückgezahlt, also der kommenden Generation aufgebürdet werden müssen... Jugo- slawien (hat sich) für den letzteren Weg entschieden.' DIE ZEIT, Nr. 44, 31. Okt. 1969, S. 9. 205) Bombelles; a.a.O., S. 170 (Hervorhebung v. d. Verf.). 206) Bank for International Settlements, in: PRESS REVIEW, Basel, 19. Juni 1969. - Eine qualitative Einteilung der Importe könnte ein Urteil über deren ökonomischen Stellenwert ermöglichen (z.B. Anteil der Luxuswaren, der notwendigen Rohstoffe, der Investiti- onsmittel). Tatsache ist, daß die jugoslawischen Geschäfte - wie immer wieder erfreulich berichtet wird - voll von westlichen und japanischen Luxuswaren sind. 207) Juschka, Alexander, HANDELSBLATT, 21. Jan. 1970. 208) Ebd. 209) BORBA, 9.11.1969, Nr. 309, Beilage, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 11, Jg. 7, 1969, S. 10. 210) Magdoff, Harry: THE AGE OF IMPERIALISM - The Economics of U.S. Foreign Policy, New York 1969, S. 154 f. 211) "Hoher Bankkredit für Belgrad", in: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 7./8. März 1970. 212) Juschka, Alexander; a.a.O. 213) Dazu in bezug auf Ungarn Robert Geist, Abteilungsleiter im ungarischen Ministerium für Außenhandel: "Zum Glück mehrt sich ... die Zahl der Unternehmen in Westeuropa, die verstehen, daß hinter dem Begriff der grenzenüberschreitenden zwischenbetriebli- chen Kooperation der echte Wille der ungarischen Behörden steht, sich organischer in den internationalen Warenverkehr einzuschal- ten. Man sucht Partner in der Produktion, um sich den Gegebenhei- ten, Wünschen und Qualitätsbedingungen der westeuropäischen Märkte besser anpassen zu können; das gilt gerade für die Produk- tion, weil damit ein echter Bedarf in der Zulieferung gedeckt werden kann und der ausländische Partner bei der exakten Durch- führung seiner Wünsche direkt mitwirken kann." In: "Kooperation überspringt Grenzen", HANDELSBLATT, 2. April 1970, Ungarnbeilage, S. 1. 214) New York Times, 19.8.68, Korrespondentenbericht aus Belgrad nach Sweezy, P.M., ROTBUCH; a.a.O., S. 105 f. 215) Leman, G.: "Neue Entwicklungen im jugoslawischen System der Einkommensverteilung", in: OSTEUROPA WIRTSCHAFT, H. 4, 1969, S. 269 f. (Hervorhebung v. d. Verf.). 216) NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 16. Okt. 1969. 217) 8 aus Italien, 5 aus der BRD, 6 aus Frankreich, 4 aus den USA, 3 aus England, 3 aus Japan, 2 aus Österreich, 1 aus der Schweiz, 1 aus Schweden. 218) Bank for International Settlements, PRESS REVIEW, 27.1.1970, Basel. 219) Agnelli, Generaldirektor der Fiatwerke in der BORBA, 8.5.1969, Nr. 124, S. 5, zit. n. PRESSESCHAU OST WIRTSCHAFT, H. 5, Jg. 7, 1969, S. 17. 220) Kardelj, Edvard: "Linkung Science and Education with Social Labour", in: SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, Belgrad 1969, No. 35, S. 14 (Hervorhebung und Übers. v. d. Verf.). 221) Ebd., S. 10 und 13 (Hervorhebung und Übers. v. d. Verf.). 222) Kardelj, Edvard: "European Security", in: SOCIALIST THOUGHT AND PRACTICE, Belgrad 1969, No. 36, S. 6. 223) "Schiller kommt Jugoslawien aus politischen Gründen entge- gen", in: HANDELSBLATT, 9.3.1970, S. 4. 224) SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 20.2.1970, S. 4 (Rogers: Außenminister der USA). 225) Nichts hindert den Bund der Kommunisten Jugoslawiens bei von ihm veranstalteten neutralen Konferenzen, wie z.B. 1969 in Bel- grad, Beobachter Indonesiens! und Brasiliens! zu empfangen. 226) Castro, F.; a.a.O., S. 45. zurück