Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970


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EDITORIAL

W.I. Lenin 1870-1970 -------------------- I. Die Beiträge dieser Ausgabe stellen Resultate von Diskussionen dar, die naturgemäß vorläufigen Charakter besitzen und ihrerseits erneut Diskussionen initiieren und strukturieren sollen. So scheint es notwendig zu sein, wesentliche Bereiche, etwa kontinu- ierliche Konjunkturanalysen der kapitalistischen Entwicklung, verstärkt in Angriff zu nehmen. Elmar Altvater hat dazu einen er- sten Versuch geliefert, der im Kontext zu sehen ist mit dem Bei- trag über Warenzirkulation und Formen des Geldes sowie der Dis- kussion über Zentralisation und Konkurrenz der Kapitale. Doch fehlen in dieser Ausgabe Beiträge, die die internationale Kapi- talverflechtung, den unmittelbaren Einfluß des Imperialismus als untrennbar verknüpft mit der Krisenstruktur des westdeutschen ka- pitalistischen Systems aufweisen. Desgleichen ist es notwendig, die bisher meist nur in Form von Berichten vermittelten Informa- tionen über die unterentwickelt gehaltenen Länder und der dort vorhandenen sozialistischen Bewegungen durch fundierte politisch- ökonomische Analysen in ihrem historischen Zusammenhang darzu- stellen. Wir versuchen dies mit dem Beitrag über Brasilien, den wir in der nächsten Ausgabe fortsetzen und durch zusätzliche Do- kumentationen ergänzen werden. Die nächsten Ausgaben der SOPO werden weiterhin bestehende Lücken füllen müssen. So gilt es, die Marxsche Krisentheorie und, damit verbunden, die Diskussion um den tendenziellen Fall der Pro- fitrate aufzunehmen. II. Die folgenden kurzen Ausführungen - die über den konkreten Rahmen des in dieser Ausgabe Dargestellten hinausgehen - sollen weniger eine historische Kontinuität betonen, als vielmehr auf Lehren verweisen, die Marx, Engels und Lenin für die Arbeit an einer so- zialistischen Zeitschrift oder Zeitung gegeben haben. Das soll helfen, die eigene Position nicht zu überschätzen, jedoch die Zu- ordnung theoretischer und politisch-organisatorischer Arbeit zu bestimmen. Wenn Marx in den DEUTSCH-FRANZÖSISCHEN JAHRBÜCHERN schreibt, daß das "was wir gegenwärtig zu vollbringen haben... d i e r ü c k s i c h t s l o s e K r i t i k a l l e s B e s t e h e n d e n" sei (MEW 1, 344), so ist das durchaus für eine sozialistische Zeitschrift heute zutreffend. Die "Reform des Bewußtseins", die Marx damit anstrebte, bedeutet aber nicht nur die unerbittliche Kritik des bürgerlichen Staates, sondern auch das, was Marx als die Tendenz der JAHRBÜCHER umschrieb: Selbst- verständigung. Und dies ist umso wesentlicher, je offensichtli- cher es wird, daß sowohl die revolutionäre Theorie als auch die Erfahrungen der Arbeiterbewegung für den größten Teil der lohnar- beitenden Klasse verschüttet sind. Wir sind nicht der Meinung, daß die theoretische Klärung marxi- stischer Positionen schon mechanisch und automatisch die unmit- telbare Strategie für den täglichen Kampf ergibt. Eine theoreti- sche Zeitschrift wie die SOPO hat daher ihr Vorbild eher in der NEUEN RHEINISCHEN ZEITUNG - POLITISCH-ÖKONOMISCHEN REVUE - oder in der SARJA als z.B. in der NEUEN RHEINISCHEN ZEITUNG, dem revo- lutionären Kampfblatt von 1848/49. In der Ankündigung der POLI- TISCH-ÖKONOMISCHEN REVUE schreiben Marx und Engels: "Das größte Interesse einer Zeitung, ihr tägliches Eingreifen in die Bewegung und unmittelbares Sprechen aus der Bewegung heraus, die Widerspiegelung der Tagesgeschichte in ihrer ganzen Fülle, die fortlaufende leidenschaftliche Wechselwirkung zwischen dem Volke und der Tagespresse des Volkes, - dies Interesse geht not- wendig bei einer Revue verloren. Die Revue gewährt dagegen den Vorteil, die Ereignisse in größeren Umrissen zu fassen und nur bei dem Wichtigeren verweilen zu müssen. Sie gestattet ein aus- führliches und wissenschaftliches Eingehen auf die ö k o n o m i s c h e n Verhältnisse, welche die Grundlage der ganzen politischen Bewegung bilden." (MEW 7, 5) Die Verpflichtung, "a l l e G r u n d l a g e n d e s b e s t e h e n d e n p o l i t i s c h e n Z u s t a n d e s z u u n t e r w ü h l e n" (MEW 6, 234) und die Analyse und Kritik der sozialistischen Bewegungen sind aber untrennbar ver- bunden mit dem, was Marx und Engels in der letzten Ausgabe der NRhZ schrieben, nämlich daß ihr letztes Wort immer und überall sein werde: "Emanzipation der arbeitenden Klasse!" (MEW 6, 519) Das soll keine phraseologische Beschwörung sein, sondern auf die Schwierigkeit hinweisen, die die Redaktionsarbeit an der SOPO zur Zeit bestimmt. Verbindliche wissenschaftliche Arbeit einerseits, gekoppelt mit politisch-didaktischen und organisierenden Funktio- nen andererseits, ergeben notwendig eine theoretische Linie, die sich nicht von rein studentischen oder intellektuellen Interessen bestimmen läßt. W.I. Lenin hat in seinem Kampf gegen Handwerkelei und Zirkelwesen in ganz besonderer Weise die Instrumente Zeitung und Zeitschrift genutzt. Was er über die Rollen der ISKRA und der SARJA als sozialistische Organe schrieb, soll anstelle langer Ausführungen mit zwei exemplarischen Zitaten belegt werden: "Was die Verteilung der von uns ins Auge gefaßten Themen und Fra- gen zwischen Zeitschrift und Zeitung betrifft, so wird diese Ver- teilung ausschließlich durch den unterschiedlichen Umfang dieser Organe sowie durch die Verschiedenheit ihres Charakters bestimmt werden: die Zeitschrift soll vorwiegend der Propaganda, die Zei- tung vorwiegend der Agitation dienen. Aber sowohl in der Zeit- schrift als auch in der Zeitung müssen sich alle Seiten der Bewe- gung widerspiegeln, und besonders betonen möchten wir, daß wir den Plan ablehnen, wonach die Arbeiterzeitung ausschließlich das veröffentlichen soll, was die spontane Arbeiterbewegung und am nächsten berührt, während dem Organ für die Intellektuellen alles überlassen bliebe, was ins Gebiet der Theorie des Sozialismus, ins Gebiet der Wissenschaft, der Politik, der mit der Parteiorga- nisation zusammenhängenden Fragen usw. fällt. Im Gegenteil, not- wendig ist gerade die Verbindung aller konkreten Tatsachen und Erscheinungsformen der Arbeiterbewegung mit den erwähnten Fragen, notwendig ist die Beleuchtung jeder einzelnen Tatsache durch die Theorie, notwendig ist die Propagierung der politischen und par- teiorganisatorischen Fragen in den breitesten Massen der Arbei- terklasse, notwendig ist die Einbeziehung dieser Fragen in die Agitation." (LW 4, 322 Entwurf einer Ankündigung der Redaktion) Im letzten Editorial der SOPO wurde auf die Bedeutung der Rekon- struktion der Kritik der Politischen Ökonomie hingewiesen. Die Fortführung und Entwicklung der revolutionären Theorie ist aber nicht von den Funktionen zu trennen, die eine sozialistische Zeitschrift als kollektiver Organisator langfristig erfüllen muß. "Die Rolle der Zeitung beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Verbreitung von Ideen, nicht allein auf die politische Erzie- hung und die Gewinnung politischer Bundesgenossen. Die Zeitung ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agita- tor, sondern auch ein kollektiver Organisator. Was das letztere betrifft, kann sie mit einem Gerüst verglichen werden, das um ein im Bau befindliches Gebäude errichtet wird; es zeigt die Umrisse des Gebäudes an, erleichtert den Verkehr zwischen den einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und die durch die organisierte Arbeit erzielten gemeinsamen Resultate zu über- blicken." (LW 5, 11, Womit beginnen?) Redaktionskollektiv zurück