Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970
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Produktive und unproduktive Arbeit im Kapitalismus
BEMERKUNGEN ZU DEM AUFSATZ ÜBER "PRODUKTIVE UND UNPRODUKTIVE
ARBEIT ALS KATEGORIEN DER KLASSENANALYSE" IN SOPO 6/7
In dem Aufsatz des Autorenkollektivs Bischoff-Ganßmann-Kümmel-
Löhlein wird dargestellt, daß die "antiautoritären" (SOPO 6/7, S.
69), "bloß moralisierenden" (S. 88) studentischen Kapitalis-
muskritiker das Begriffspaar produktive und unproduktive Arbeit -
und damit verbunden die Rolle der wissenschaftlichen Intelligenz
- nur "oberflächlich". (S. 72) bestimmen konnten, weil sie den
systematischen Zusammenhang dieses Begriffspaars im Rahmen der
Marxschen Kritik der politischen Ökonomie nicht studierten, son-
dern bestimmte Marxsche Kategorien nur dazu benutzten, "der bloß
moralisierenden Kritik am Spätkapitalismus den Anschein von Wis-
senschaftlichkeit zu geben" (S. 72). Daher blieben alle studenti-
schen Schlußfolgerungen für eine politische Strategie "will-
kürlich" (S. 72), so daß die "mittlerweile untereinander zer-
strittenen Gruppierungen" (S. 69) nun allesamt ziemlich arg in
der Patsche sitzen und keinerlei klare Massenlinie mehr vor sich
sehen.
Die frustrierten studentischen Leser erwarten nun endlich einmal
keine "oberflächlichen" Erörterungen und "willkürliche" Schluß-
folgerungen. Stattdessen erhalten sie ein Referat über die Hälfte
des ersten Bandes des KAPITAL, und dazu werden auf einer halben
Seite einige "bloße Andeutungen" (S. 89) gegeben und vage Mutma-
ßungen "grob skizziert" (S. 89), die die begriffslosen Studenten-
führer längst auch schon angestellt hatten: Es sei "naheliegend",
daß die produktiven Industriearbeiter "am ehesten" (S. 82) in der
Lage seien, ihre Arbeit als gesellschaftliche zu begreifen. Al-
lerdings könnten wohl auch die unproduktiven und aus bloßer Reve-
nue bezahlten Lohnarbeiter "schwerwiegende gesellschaftliche Kon-
flikte" (S. 89) anzetteln. Und mit solch einem mageren Ergebnis
sollen Leute dazu animiert werden, sich des mühevollen, aber un-
umgänglich notwendigen Studiums der Kritik der politischen Ökono-
mie zu unterziehen 1).
Wir halten den Anspruch des Autorenkollektivs, daß eine wirklich
revolutionäre Strategie nur auf der Basis der Marxschen Kritik
der politischen Ökonomie möglich ist, für vollkommen berechtigt
und wollen deshalb im folgenden die in dem Aufsatz gegebene Dar-
stellung der Marxschen Theorie von produktiver und unproduktiver
Arbeit überprüfen, um die Ursachen für die mageren Ergebnisse in
Bezug auf die "Klassenanalyse" (S. 69) und auf die "Bewegung von
der Klasse an sich zur Klasse für sich" (S. 89) herauszufinden. -
Wir sind im übrigen der Meinung, daß gewisse theoretische Aufar-
beitungen zwar in vorliegendem Aufsatz der Bischoff-Gruppe nicht
geleistet worden sind, daß dies aber wohl nicht heißen kann,
diese Aufarbeitungen seien ü b e r h a u p t "bis jetzt nicht
geleistet" (S. 89). 2)
1. Stellenwert der Begriffe produktive und unproduktive Arbeit
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bei Marx
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Das Begriffspaar produktive und unproduktive Arbeit wird von Marx
im Rahmen der systematischen Entfaltung des Begriffs des Kapitals
im allgemeinen schrittweise entwickelt. Es soll dazu dienen, die
objektive Stellung der verschiedenen Lohnarbeiterkategorien im
gesamten Kreislaufprozeß des Kapitals und seiner verschiedenen
verselbständigten Formen zu bestimmen, d.h. die je verschiedene
funktionelle Bestimmtheit der Lohnarbeit im Rahmen der Kapital-
verwertung darzustellen:
"Produktive Arbeit ist nur ein abkürzender Ausdruck für das ganze
Verhältnis und die Art und Weise, worin das Arbeitsvermögen im
kapitalistischen Produktionsprozeß figuriert. Die Unterscheidung
von anderen Arten der Arbeit ist aber von der höchsten Wichtig-
keit, da sie gerade die Formbestimmtheit der Arbeit ausdrückt,
worauf die gesamte kapitalistische Produktionsweise und das Kapi-
tal selbst beruht" (MEW 26.1, 371-72)
Die Darstellung des Begriffspaars produktive und unproduktive Ar-
beit zieht sich durch alle drei Bände des KAPITAL hindurch: Im
ersten Band wird die Funktion der Lohnarbeit im unmittelbaren
Produktionsprozeß des Kapitals dargestellt, wobei bereits zwi-
schen unmittelbaren Mehrwertproduzenten und bloßen industriellen
Ober- und Unteroffizieren, die während des Produktionsprozesses
im Namen des Kapitals kommandieren, - also zwischen Verwertungs-
objekten und Verwertungsagenten - unterschieden wird (vgl. MEW
23, 351). Im ersten Abschnitt des zweiten Bandes werden die drei
Formen des industriellen Kapitals (Produktivkapital, Warenkapi-
tal, Geldkapital) analysiert. Aus Dieser Darstellung der Zirkula-
tionsfunktionen des industriellen Kapitals wird die funktionelle
Bestimmung der Zirkulationsarbeiter - sofern sie begrifflich
bloße Formwechselarbeiten ausführen - als "an und für sich unpro-
duktiv, aber ein notwendiges Moment der Reproduktion" abgeleitet
(MEW 24, 133). Schließlich wird im dritten Band gezeigt, wie sich
die beiden Formen des Zirkulationskapitals als Kaufmannskapital
und Bankkapital gegenüber dem industriellen Kapital verselbstän-
digen und wie sich aufgrund dieser gesellschaftlichen Arbeitstei-
lung innerhalb des Gesamtkapitals neue Fetischzusammenhänge erge-
ben, wodurch auch die kommerziellen Lohnarbeiter und die Bankan-
gestellten für das einzelne Zirkulationskapital produktiv er-
scheinen, ohne es gesamtgesellschaftlich zu sein. Das Begriffs-
paar produktive und unproduktive Arbeit gibt also innerhalb der
Marxschen Entfaltung des allgemeinen Kapitalbegriffs Antwort auf
die Fragen: Wo wird innerhalb des Kapitalkreislaufs überall Ar-
beitskraft angewendet? Welche Funktion hat die jeweilige Arbeit
im Rahmen des Verwertungsprozesses? In welcher spezifischen Weise
sind infolgedessen die einzelnen Lohnarbeiterkategorien unter das
Kapital subsumiert? Und in welchen verschiedenen Formen tritt
diesen Arbeitskategorien daher das Kapital als eine ihnen erkenn-
bar feindliche Macht gegenüber?
Aus der Beantwortung dieser Fragen muß sich ableiten lassen, wel-
che Arbeiterfraktionen durch ihre Stellung im Kapitalverwertungs-
prozeß gezwungen sind, sich dem Druck des Kapitals zu widerset-
zen, d.h. das Kapital als ihnen feindliche Macht zu erkennen und
dagegen zu kämpfen. Aus der Bestimmung der einzelnen Lohnarbei-
terkategorien als produktiv und unproduktiv - im Sinne von Ziel
und Zweck der kapitalistischen Produktion - muß sich ergeben, wie
bei diesen Arbeiterkategorien v o m K a p i t a l s e l b s t
ein entsprechendes Bewußtsein und daraus folgende Aktionen her-
vorgetrieben bzw. verhindert werden.
Zugleich muß gezeigt werden, daß Klassenkampf nicht etwas ist,
das in Zeiten des 'normalen' Gangs der Kapitalverwertung gar
nicht existiert und nur in Ausnahmesituationen hervorbricht, son-
dern daß vielmehr der kapitalistische Verwertungsprozeß selbst
Klassenkampf in actu und von beiden Seiten ist, wobei allerdings
die Formen, die Bewußtheit und die Heftigkeit dieser Klassen-
kämpfe abhängen von dem verschiedenen Verhältnis der funktioneil
bestimmten Kapitalformen zu den ihnen jeweils entsprechenden
Lohnarbeiterkategorien. Diejenigen Arbeiterkategorien, die der
Despotie des Kapitals am unmittelbarsten unterworfen sind, müssen
sich als erste "von der Klasse an sich zur Klasse für sich" (S.
73) entwickeln.
Im folgenden werden wir das Referat der Marxschen Theorie durch
das Autorenkollektiv jeweils als bekannt voraussetzen und zu zei-
gen versuchen, was sich mit dem Begriffspaar produktive und un-
produktive Arbeit für die Klassenanalyse anfangen läßt.
2. Produktive und unproduktive Arbeit
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im unmittelbaren Produktionsprozeß
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Aus der Darstellung der Erweiterung des Begriffs der produktiven
Arbeit werden von dem Autorenkollektiv folgende Schlüsse für die
Entwicklung von Klassenbewußtsein beim produktiven Gesamtarbeiter
gezogen:
a) Die unter das Kapital subsumierten und so vergesellschafteten
produktiven Arbeiter seien am ehesten in der Lage, ihre Arbeit
als gesellschaftliche zu begreifen (S. 82, 89).
b) Die notwendige Gleichgültigkeit des produktiven Gesamtarbei-
ters gegenüber der konkret nützlichen Form seiner Tätigkeit sei
"die Basis dafür, daß der Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapi-
tal rein herausgearbeitet werden kann" (S. 89).
c) Die Entwicklung von Klassenbewußtsein werde jedoch "zeitweilig
verdeckt" (S. 89) durch die Form der Entlohnung, durch die Hier-
archisierung im Arbeitsprozeß und durch die unterschiedliche Qua-
lifikation der Teilarbeiter (S. 89).
Der reellen Subsumtion der Lohnarbeiter unter das Kapital und der
daraus resultierenden Entfremdung gegenüber dem Produkt und dem
Akt der Produktion - als Charakteristika der Produktionssphäre -
werden also bestimmte Zirkulationsphänomene gegenübergestellt:
die Formen der Entlohnung und der unterschiedliche Wert der ver-
schieden qualifizierten Arbeitskräfte, woraus eine unterschiedli-
che Lohnhöhe resultiert. Die Arbeiter werden so einerseits als
abhängige und vergesellschaftete Personen in der unmittelbaren
Produktionsstätte und andererseits als isolierte und "unabhängige
Personen" (MEW 23, 352) im Lohnbüro dargestellt.
Diese zwar richtige, aber abstrakte Gegenüberstellung des Arbei-
ters als Ausbeutungsobjekt (Produktionssphäre) und als Warenver-
käufer (Zirkulationssphäre) läßt die widersprüchliche Form der
Vergesellschaftung innerhalb der unmittelbaren Produktionssphäre
selbst unberücksichtigt, weshalb die Notwendigkeit der Entwick-
lung von Klassenbewußtsein gerade beim produktiven Gesamtarbeiter
auch nur als Vermutung ausgesprochen werden kann (S. 82). Der aus
der Erweiterung des Begriffs der produktiven Arbeit gewonnene Be-
griff des Gesamtarbeiters wird von den Autoren z.T. nur aus dem
gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, noch unabhängig von der spezi-
fisch kapitalistischen Form der Arbeit, hergeleitet. Speziell die
Funktion der Leitung und Koordinierung des arbeitsteiligen kapi-
talistischen Produktionsprozesses wird nicht abgeleitet aus
"der Zwieschlächtigkeit des zu leitenden Produktionsprozesses
selbst, welcher einerseits gesellschaftlicher Arbeitsprozeß zur
Herstellung eines Produktes, andrerseits Verwertungsprozeß des
Kapitals" (MEW 23, 351).
Die kollektive Arbeit wird insofern von den Autoren noch
"losgetrennt von ihrer kapitalistischen Form, von der Form der
Entfremdung, des Gegensatzes und des Widerspruchs ihrer Momente"
betrachtet (MEW 26.3, 488). Dies hat entscheidende Konsequenzen
für die Beantwortung der Frage nach dem Klassenbewußtsein des
produktiven Gesamtarbeiters.
Betrachtet man den Gesamtarbeitskörper in seiner kapitalistischen
Form, so zeigt sich in Bezug auf die einzelnen Teilarbeiter, daß
"der Zusammenhang ihrer Funktionen und ihre Einheit als produkti-
ver Gesamtarbeitskörper ... außer ihnen liegt, im Kapital das sie
zusammenbringt und zusammenhält" (MEW 23, 351). Dieses Zusammen-
bringen und Zusammenhalten des produktiven Gesamtarbeiters erfor-
dert eine spezifische Art von Arbeiten, die "bedingt ist durch
den unvermeidlichen Antagonismus zwischen dem Ausbeuter und dem
Rohmaterial seiner Ausbeutung" (MEW 23, 350), und wofür das Kapi-
tal eine besondere Sorte Lohnarbeiter einstellen muß:
"Wie eine Armee militärischer, bedarf eine unter dem Kommando
desselben Kapitals zusammenwirkende Arbeitermasse industrieller
Oberoffiziere (Dirigenten, managers) und Unteroffiziere (Arbeits-
aufseher, foremen, overlookers, contremaitres), die während des
Arbeitsprozesses im Namen des Kapitals kommandieren" (MEW 23,
351).
Diese Agenten des Kapitals, die die zur Mehrwertabpressung not-
wendigen Funktionen vollziehen, sind zwar einerseits wie der pro-
duktive Gesamtarbeiter unter das Kapital subsumiert, doch ist ihr
Interesse andererseits "entschieden entgegengesetzt dem Interesse
der Arbeiter" (MEW 25, 402 Fußn.). Es zeigt sich hier, daß schon
bei bloßer Betrachtung des unmittelbaren Produktionsprozesses
"die unter das Kapital subsumierten Produzenten" (S. 82) selbst
wieder in sich zu differenzieren sind: Die Belegschaft einer ka-
pitalistischen Fabrik setzt sich zusammen aus Verwertungsobjekten
(produktiver Gesamtarbeiter) und Verwertungsagenten (industrielle
Ober- und Unteroffiziere), wobei in der Realität die für den kon-
kreten Arbeitsprozeß notwendigen produktiven Leitungstätigkeiten
und die aus dem Verwertungsprozeß resultierenden unproduktiven,
aber notwendigen Ausbeutungsarbeiten in einer Person vereinigt
sein können (Meister, Vorarbeiter usw.). Trotz dieser realen Ver-
einigung qualitativ verschiedener Funktionen in einer Person ist
begrifflich festzuhalten:
"Ein Teil der labour of direction geht bloß aus dem feindlichen
Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit hervor, aus dem antagoni-
stischen Charakter der kapitalistischen Produktion, gehört zu ih-
ren faux frais de production, ganz wie neun Zehntel der 'Arbeit',
die der Zirkulationsprozeß verursacht" (MEW 26.3, 495).
Die Verwertungsagenten sind zwar objektiv auch bloße Lohnarbeiter
und besitzen in der Regel nicht viel mehr als ihre Arbeitskraft,
aber im Produktionsprozeß besteht ihre konkrete Arbeit darin, im
Namen des Kapitals ihren Klassenkollegen Mehrwert abzupressen.
Dadurch geraten diese Verwertungsagenten auf die Kapitalseite und
damit in Gegensatz zum produktiven Gesamtarbeiter, der ihnen
(anstelle des Kapitals) als feindliche Macht erscheint. Umgekehrt
erscheinen den produktiven Arbeitern diese Verwertungsagenten als
ihre eigentlichen und unmittelbaren Feinde. Der Gegensatz zwi-
schen Kapital und Arbeit erscheint so im unmittelbaren Produkti-
onsprozeß als ins Proletariat selbst verlegt.
Die Bestimmung des genauen Verhältnisses zwischen dem produktiven
Gesamtarbeiter und den Verwertungsagenten ist für die Frage nach
der Entwicklung von Klassenbewußtsein zentral wichtig. Hier ver-
weist das Autorenkollektiv nur mit einem Halbsatz auf die
"Hierarchisierung im Arbeitsprozeß" (S. 89). Aber vom konkreten
Arbeitsprozeß her betrachtet kann sich keine Hierarchie unter den
verschiedenen Teilarbeitern ergeben. Die Teilarbeiter verrichten
qualitativ verschiedene, aber samt und sonders notwendige Teilar-
beiten, aus denen keinerlei Rangfolge herzuleiten ist. Selbst
Leitungsfunktionen und Hilfsfunktionen sind lediglich qualitativ
verschiedene Arbeiten, aus denen sich, von der konkreten Arbeit
her betrachtet, keine Rangfolge unter den Teilarbeitern ableiten
läßt. Eine Hierarchie unter den einzelnen Teilarbeitern entsteht
erst aus der kapitalistischen Form des Produktionsprozesses, der
zugleich den Warencharakter der Arbeitskraft bedingt. Den ver-
schiedenen Qualifikationen der einzelnen Teilarbeiter entsprechen
dann quantitativ verschiedene Wertäquivalente, wodurch die Teil-
arbeiter überhaupt erst auf e i n e n gesellschaftlichen Nenner
gebracht sind (abstrakte Arbeit). Erst aus dieser verschiedenen
Lohnhöhe resultiert die Hierarchie der verschiedenen Arbeiter un-
tereinander: "Da die verschiedenen Funktionen des Gesamtarbeiters
einfacher oder zusammengesetzter, niedriger oder höher, erhei-
schen seine Organe, die individuellen Arbeitskräfte, sehr ver-
schiedene Grade der Ausbildung und besitzen daher s e h r
v e r s c h i e d e n e W e r t e. Die Manufaktur entwickelt
also eine Hierarchie der Arbeitskräfte, der eine S t u f e n-
l e i t e r d e r A r b e i t s l ö h n e e n t s p r i c h t"
(MEW 23, 370).
Zu dieser Lohnhierarchie tritt hinzu die Rangordnung, die sich
aus den verschiedenen Funktionen der Lohnarbeiter i m
V e r w e r t u n g s p r o z e ß ergibt: Das gesamte unter das
Kapital subsumierte Arbeitspersonal zerfällt in Verwertungsagen-
ten und Verwertungsobjekte, was dem widersprüchlichen kapitali-
stischen Produktionsprozeß entspricht. Da die Verwertungsagenten
stellvertretend für das Kapital agieren, sind sie notwendig dem
produktiven Gesamtarbeiter übergeordnet. Diese delegierte kapita-
listische Autorität kann allerdings als 'Sachautorität' erschei-
nen, wenn die Verwertungsagenten zugleich konkrete, Gebrauchswert
produzierende Teilarbeiten ausführen (Meister, Vorarbeiter etc.).
Unsere Darstellung der widersprüchlichen Form der Vergesellschaf-
tung des industriellen Produktionsprozesses zeigt, daß es sich
bei kapitalistischer Produktion nicht nur um einfache konkrete
Arbeit handelt und auch nicht bloß um den Doppelcharakter der ka-
pitalistischen Lohnarbeit (mit der daraus resultierenden Gleich-
gültigkeit gegen die konkrete Arbeit), sondern daß innerhalb der
kapitalistischen Fabrik ein ständiger Antagonismus herrscht, der
sich in täglichen Klassenkämpfen äußert. Die Ausbeutungsobjekte
sind tagtäglich gezwungen, sich gegen die Verwertungsagenten
(Arbeitsdirektoren, Manager, Aufseher, Meister, Zeitnehmer, Be-
triebspsychologen usw.) zur Wehr zu setzen. In diesem Abwehrkampf
- gegen die ständige Intensivierung der Arbeit, gegen den mangel-
haften Unfallschutz, gegen die fortwährenden Versuche, Fehler im
Arbeitsprozeß in Lohnabzüge umzumünzen, gegen willkürliche Ver-
setzungen usw. - müssen sich die produktiven Arbeiter notwendig
ihrer Situation immer mehr bewußt werden.
Wenn die Begriffe produktive und unproduktive Arbeit etwas für
die Klassenanalyse leisten sollen, dann muß sich mit ihrer Hilfe
bestimmen lassen, welche Arbeiterkategorien den für den Kapita-
lismus konstitutiven Fetischcharakter - daß nämlich das Ausbeu-
tungsverhältnis nicht sichtbar, sondern hinter sachlicher Hülle
versteckt ist - am ehesten durchbrechen können. Die Darstellung
der spezifischen Arbeitsbedingungen des produktiven Gesamtarbei-
ters zeigt nun, daß der Fetischcharakter der kapitalistischen
Produktionsweise, wenn irgendwo, dann vom produktiven Gesamtar-
beiter im unmittelbaren Produktionsprozeß durchbrochen werden
kann und muß, weil dieser fetischistische Schleier hier noch am
brüchigsten und dünnsten ist und die Herkunft des Mehrwerts hier
noch mehr oder weniger offen zutage liegt. Im Kapitel über den
Kampf um die Länge des Arbeitstages hat Marx das exemplarisch
dargestellt, worauf er in einem Brief an Engels (27.6.1867) ex-
plizit hinweist:
"Übrigens folgt unmittelbar auf den Dir zuletzt in Hand befindli-
chen § 3: 'Die Rate des Mehrwerts' der Paragraph: 'Arbeitstag'
(Kampf um die Länge der Arbeitszeit), dessen Behandlung ad oculus
demonstriert, wie sehr der Herr Bourgeois praktisch über die
Quelle und Substanz seines Profits im klaren ist" (MEW 31, 313).
Im unmittelbaren Produktionsprozeß ist das Kapitalverhältnis
"noch sehr begreiflich oder vielmehr gar nicht zu verkennen" (MEW
26.3, 473):
"Betrachtet man das Kapital zunächst im unmittelbaren Produkti-
onsprozeß - als Auspumper von Mehrarbeit, so ist dies Verhältnis
noch sehr einfach, und der wirkliche Zusammenhang drängt sich den
Trägern dieses Prozesses, den Kapitalisten selbst auf und ist
noch in ihrem Bewußtsein. Der heftige Kampf um die Grenzen des
Arbeitstages beweist dies schlagend" (MEW 25, 835; vgl. auch S.
54).
Was hier für das Bewußtsein der Kapitalisten gesagt ist, gilt in
analoger Weise auch für das des produktiven Gesamtarbeiters, wo-
rauf Marx bei der Darstellung des täglichen Kleinkriegs um die
Dauer der Mittagspausen usw. hinweist:
"Diese 'kleinen Diebstähle' des Kapitals an der Mahlzeit und Er-
holungszeit der Arbeiter bezeichnen die Fabrikinspektoren auch
als... Mausereien von Minuten, ... Wegschnappen von Minuten, oder
wie die Arbeiter es technisch heißen, 'nibbling and cribbling at
meal times'. Man sieht, in dieser Atmosphäre ist die Bildung des
Mehrwerts durch die Mehrarbeit kein Geheimnis" (MEW 23, 257).
Allerdings haben Arbeiter- und Kapitalistenklasse an der Einsicht
in die wahre Quelle des Mehrwerts ein sehr unterschiedliches In-
teresse. Während es das Interesse des Kapitalisten ist, "sich
blauen Dunst über dies bestimmte Verhältnis und diesen innern Zu-
sammenhang vorzublasen" (MEW 25, 53) und während ihm als Reprä-
sentanten der G e s a m t b e w e g u n g des industriellen Ka-
pitals der unmittelbare Produktionsprozeß
"höchstens als ein gleichberechtigtes Moment erscheint, neben der
Vorstellung, der realisierte Überschuß stamme aus der vom Produk-
tionsprozeß unabhängigen, aus der Zirkulation selbst entspringen-
den, also dem Kapital unabhängig von seinem Verhältnis zur Arbeit
angehörigen Bewegung" (MEW 25, 54) 3),
- ist der produktive Gesamtarbeiter als Objekt der unmittelbaren
Ausbeutung gezwungen, im Interesse der Erhaltung des Gebrauchs-
werts seiner Arbeitskraft Widerstand zu leisten und sich die Ein-
sicht in die Ursachen der Bedrohung und Zerrüttung seiner Lebens-
kraft anzueignen.
Dieser Einsicht treten jedoch auch schon im unmittelbaren Produk-
tionsprozeß Hindernisse und Schranken entgegen:
"Aber selbst innerhalb dieser nicht vermittelten Sphäre, der
Sphäre des unmittelbaren Prozesses zwischen Arbeit und Kapital,
bleibt es nicht bei dieser Einfachheit. Mit der Entwicklung des
relativen Mehrwerts in der eigentlichen spezifisch kapitalisti-
schen Produktionsweise, womit sich die gesellschaftlichen Produk-
tivkräfte der Arbeit entwickeln, erscheinen diese Produktivkräfte
und die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Arbeit im unmittel-
baren Arbeitsprozeß als aus der Arbeit in das Kapital verlegt.
Damit wird das Kapital schon ein sehr mystisches Wesen, indem
alle gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit als ihm, und
nicht der Arbeit als solcher, zukommende und aus seinem eignen
Schoß hervorsprossende Kräfte erscheinen" (MEW 25, 835).
Dieser Kapitalfetisch - daß die Produktivkräfte des lebendigen
Gesamtarbeiters als Produktivkräfte eines Dings erscheinen -
nimmt im unmittelbaren Produktionsprozeß wieder personifizierte
Form an, indem dem produktiven Gesamtarbeiter eine besondere
Sorte Lohnarbeiter, die Verwertungsagenten, gegenübertreten und
im Namen des Kapitals kommandieren. Der tägliche Klassenkampf des
produktiven Gesamtarbeiters richtet sich infolgedessen zunächst
auch nur personell gegen diese Verwertungsagenten, die selbst
auch Lohnarbeiter sind, und noch nicht gegen das Kapitalverhält-
nis. Das Abstrahieren von dieser personifizierten Erscheinungs-
form der Despotie des Kapitals kann nur in einem langen aber not-
wendigen Kampf- und Lernprozeß geschehen.
Resultat dieses Prozesses wäre jenes "enorme Bewußtsein", das
nach Marx "selbst das Produkt der auf dem Kapital ruhenden Pro-
duktionsweise" ist, und das beim produktiven Gesamtarbeiter
gleich wäre mit "der Erkenntnis der Produkte als seiner eignen
und der Beurteilung der Trennung von den Bedingungen seiner Ver-
wirklichung als einer ungehörigen, zwangsweisen" (GRUNDRISSE.
366-67).
3. Zum Klassenbewußtsein der unproduktiven Zirkulationsarbeiter
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Im Punkt 4 ihres Aufsatzes kommen die Autoren über ein Referieren
der noch abstrakten Darstellung des Zirkulationskapitals (und der
für seine Bewegung notwendigen Arbeiten), wie sie Marx im zweiten
Band des KAPITAL gibt, und über einen kurzen Hinweis auf die Ver-
selbständigung dieser Kapitalfunktionen nicht hinaus. Von den un-
ter das Handels- und Bankkapital subsumierten Lohnarbeitern wird
lediglich gesagt, daß sie dem Zirkulationskapital als
"unmittelbar produktiv" erscheinen (S. 85), ohne es gesamtgesell-
schaftlich zu sein. Ob daraus etwas für das Klassenbewußtsein
dieser Sorte Lohnarbeiter folgt und wenn ja, was, bleibt völlig
offen.
Von diesen kommerziellen Lohnarbeitern (kaufmännischen Angestell-
ten, Verkäufern etc.) läßt sich zunächst sagen, daß sie mit den
oben dargestellten Verwertungsagenten und dem produktiven Gesamt-
arbeiter gemeinsam haben, unmittelbar unters Kapital subsumiert
zu sein. Aber sie sind unter eine b e s o n d e r e S o r t e
Kapital subsumiert, wo sie gesamtgesellschaftlich unproduktive
Formwechselarbeiten zu leisten haben. Aus dieser Subsumtion unter
eine besondere Sorte Kapital und dem daraus resultierenden
spezifischen Arbeitsprozeß muß sich ableiten lassen, welche Mög-
lichkeiten und Notwendigkeiten für die kommerziellen Lohnarbeiter
bestehen, den Kapitalfetisch zu durchbrechen und den bewußten
Kampf gegen das Kapital zu führen.
Marx hat im dritten Band des KAPITAL entwickelt, über welche kom-
plizierten gesamtgesellschaftlichen Ausgleichsbewegungen das Han-
dels- und Bankkapital einen Anteil des allein aus dem unmittelba-
ren Produktionsprozeß stammenden Mehrwerts erhalten (allgemeine
Durchschnittsprofitrate, Spaltung des Profits in Zins und Unter-
nehmergewinn). Er hat dabei gleichzeitig gezeigt, daß aller Zu-
sammenhang zwischen dem Gewinn der Zirkulationskapitale und dem
unmittelbaren Produktionsprozeß durch einen dichten Fetisch-
schleier verdeckt ist, weshalb auch "alle falschen Vorstellungen
über Profit etc. aus der Anschauung des bloßen Handels und aus
dem kaufmännischen Vorurteil entspringen" (MEW 25, 319). Dies
umso mehr, als die Realität der Zirkulationssphäre nicht so aus-
sieht, wie sie im zweiten Band des KAPITAL begrifflich rein dar-
gestellt ist.
"Wir hatten in Buch II diese Zirkulationssphäre natürlich nur
darzustellen in Bezug auf die Formbestimmungen, die sie erzeugt,
die Fortentwicklung des Kapitals nachzuweisen, die in ihr vor-
geht. In der Wirklichkeit aber ist diese Sphäre die Sphäre · der
Konkurrenz, die, jeden einzelnen Fall betrachtet, vom Zufall be-
herrscht ist; wo also das innre Gesetz, das in diesen Zufällen
sich durchsetzt und sie reguliert, nur sichtbar wird, sobald
diese Zufälle in großen Massen zusammengefaßt werden, wo es also
den einzelnen Agenten der Produktion selbst unsichtbar und unver-
ständlich bleibt." (MEW 25, 836).
"Alle oberflächlichen und verkehrten Anschauungen des Gesamtpro-
zesses der Reproduktion sind der Betrachtung des Kaufmannskapi-
tals entnommen, und den Vorstellungen, die seine eigentümlichen
Bewegungen in den Köpfen der Zirkulationsagenten hervorrufen.
Wenn, wie der Leser zu seinem Leidwesen erkannt hat, die Analyse
der wirklichen innern Zusammenhänge des kapitalistischen Produk-
tionsprozesses ein sehr verwickeltes Ding und eine sehr ausführ-
liche Arbeit ist; wenn ; es ein Werk der Wissenschaft ist, die
sichtbare, bloß erscheinende Bewegung auf die innere wirkliche
Bewegung zu reduzieren, so versteht es sich ganz von selbst, daß
in den Köpfen der kapitalistischen Produktions- und Zirkulations-
agenten sich Vorstellungen über die Produktionsgesetze bilden
müssen, die von diesen Gesetzen ganz abweichen, und nur der be-
wußte Ausdruck der scheinbaren Bewegung sind. Die Vorstellungen
eines Kaufmanns, Börsenspekulanten, Bankiers sind notwendig ganz
verkehrt. Die der Fabrikanten sind verfälscht durch die Zirkula-
tionsakte, denen ihr Kapital unterworfen ist..." (MEW 25, 324-
25).
Es ist wichtig darauf hinzuweisen, daß Marx hier v e r-
s c h i e d e n e G r a d e der Verkehrtheit des Bewußtseins
bei den Trägern der verschiedenen Kapitalsorten feststellt;
Kaufmann und Bankier haben notwendig ganz verkehrte Vorstellun-
gen, die des Industriellen sind bloß "verfälscht durch die Zirku-
lationsakte". Gleiches muß analog von den verschiedenen Arbeiter-
kategorien gelten 4).
Sehen wir uns nun den spezifischen Arbeitsprozeß der unprodukti-
ven Zirkulationsarbeiter näher an, um daraus Schlüsse ziehen zu
können für das Klassenbewußtsein der kommerziellen Lohnarbeiter
und Bankangestellten.
Die kommerziellen Lohnarbeiter - und erst recht die Bankange-
stellten - sind einem Arbeitsprozeß unterworfen, der - statt
"allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Na-
tur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unab-
hängig von jeder Form dieses Lebens" zu sein (MEW 23, 198) - al-
lein aus der spezifischen Form kapitalistischer Warenproduktion
entspringt. Während die kommerziellen Lohnarbeiter mit Waren han-
tieren, die nicht das Produkt ihrer eignen Arbeit sind, haben es
die Bankangestellten sogar weder mit Gebrauchswerten noch mit
Werten, sondern fast ausschließlich mit Wertzeichen, bloßen
'Papierchen' zu tun. Von einer möglichen "Erkennung der Produkte
als ihrer eignen" kann bei diesen Lohnarbeitern also nicht die
Rede sein. Sie haben nicht die Möglichkeit, ihre Ausbeutung daran
zu erkennen, daß ihnen die Produkte ihrer täglichen Arbeit wegge-
nommen werden, denn sie produzieren ja überhaupt nichts. Daß die
Zirkulationsarbeiter dennoch ausgebeutet werden, indem auch sie
unentgeltliche Mehrarbeit leisten müssen, die sich zwar in kei-
nerlei Mehrprodukt vergegenständlicht, aber dem Zirkulationskapi-
tal dennoch die Kasse füllen hilft, ist ein Zusammenhang, der von
den Zirkulationsarbeitern kaum zu durchschauen ist 5).
Der Arbeitsprozeß der Zirkulationsarbeiter unterscheidet sich
noch in einer anderen Hinsicht von dem des produktiven Gesamtar-
beiters: Weil er in der Zirkulation stattfindet und weil zum
Formwechsel des Werts (Kauf und Verkauf) immer zwei Parteien ge-
hören, ist das Kapital hier nicht - wie im unmittelbaren Produk-
tionsprozeß - mit seinen Lohnarbeitern unter sich, sondern es
drängt sich das 'Publikum', die Kunden und Käufer dazwischen. Da-
durch wirkt sich der Charakter der Zirkulation als der Sphäre der
Harmonie und des gerechten Austauschs zwischen gleichberechtigten
Partnern auch auf den Arbeitsprozeß der Zirkulationsarbeiter aus:
Einerseits kann das Handels- und Bankkapital seinen Arbeitern
nicht in so krasser despotischer Form gegenübertreten wie das in-
dustrielle Kapital, weil auf die Kundschaft, die einen Bestand-
teil dieses Arbeitsprozesses bildet - ohne deshalb Eigentum des
Kapitals zu sein - Rücksicht genommen werden muß. Andererseits
gerät den Zirkulationsarbeitern durch das Dazwischentreten der
Kunden die wirkliche Quelle der Entfremdung und Abstraktheit ih-
rer Tätigkeit aus dem Blickfeld 6). Die Arbeitsbedingungen der
Zirkulationsarbeiter erscheinen so als Resultat des Verhaltens
der Kunden und nicht als Folge der Despotie des Kapitals.
Für die Tatsache, daß die unproduktiven Zirkulationsarbeiter nur
sehr schwer ein adäquates Klassenbewußtsein entfalten können, ist
schließlich noch ein dritter Zusammenhang von entscheidender Be-
deutung: Die kapitalistische Produktionsweise ist gekennzeichnet
durch eine immer weiter fortschreitende Vergesellschaftung des
unmittelbaren Produktionsprozesses unter Beibehaltung der priva-
ten Form der Aneignung, also des unendlich zersplitterten indivi-
duellen Austauschs. Die hauptsächlichen Warensorten werden heute
in einigen wenigen Produktionsstätten hergestellt, aber sie müs-
sen in zehntausenden zersplitterten Zirkulationsstätten an den
Mann gebracht werden. Dieser Gegensatz ist im Kapitalismus unauf-
hebbar, und aus ihm folgt, daß das Kaufmanns- und Bankkapital
zwar w e r t m ä ß i g ungeheuer zentralisiert sein kann, daß
aber diese Zentralisation einhergehen muß mit einem räumlich
enorm zersplitterten Zweigbank- und Handelsfilialsystem, da die
Zirkulationssphäre immer das Reich der vereinzelten Einzelnen
bleibt. Infolgedessen kann die Vergesellschaftung des Arbeitspro-
zesses in der Zirkulationssphäre nur ein geringes Ausmaß errei-
chen, ganz zu schweigen von der hier nur sehr vereinzelt mögli-
chen technologischen Anwendung der Naturwissenschaft, die doch
eine Voraussetzung für die Vergesellschaftung der Produktion bil-
det. Durch diese Eigentümlichkeit der Arbeitsprozesse in der Zir-
kulationssphäre wird die Entwicklung eines kollektiven Bewußts-
eins und daraus folgender massenhafter Aktionen der Zirkulations-
arbeiter blockiert.
4. Zur Funktion der Kopfarbeiter im Kapitalismus
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Im Punkt 5 ihres Aufsatzes gehen die Autoren mit Recht von Marx'
methodischer Bemerkung aus:
"Wird die materielle Produktion selbst nicht in ihrer spezifi-
schen historischen Form gefaßt, so ist es unmöglich, das
'Bestimmte an der ihr entsprechenden geistigen Produktion und die
Wechselwirkung beider aufzufassen" (MEW 26.1, 256).
Wir haben bisher gezeigt, wie unvollständig das Autorenkollektiv
Marx' Darstellung des produktiven Gesamtarbeitskörpers rezipiert
hat, daß es nicht in der Lage war, in Bezug auf das mögliche
Klassenbewußtsein der produktiven Arbeiter mehr als vage Vermu-
tungen anzustellen und daß es zu den unproduktiven Zirkulations-
arbeitern und deren Bewußtsein überhaupt keine Stellung nimmt. In
Punkt 5 seines Aufsatzes hat sich nun zu zeigen, ob das Autoren-
kollektiv bei der Bestimmung der Rolle der Wissenschaft über die
"Ignoranz" und die "oberflächlichen und falschen Schlüsse" (S.
87) der studentischen Theoretiker hinauskommt.
Es wird richtig davon ausgegangen, daß die Produktion des relati-
ven Mehrwerts und die damit einhergehende Vergesellschaftung des
Arbeitsprozesses - bei gleichzeitiger Dissoziation der Elemente
des Arbeitsvermögens - Bedingung wie Resultat der technologischen
Anwendung der Naturwissenschaft ist und daß die
"Entfaltung der Wissenschaft sich immer schon vollzieht einer-
seits unter der direkten Regie des Einzelkapitals, das sich die
Träger der wissenschaftlichen Arbeit als Lohnarbeiter unterord-
net, andererseits im Rahmen des gesellschaftlichen Gesamtkapi-
tals..." (S. 71).
Solche Erkenntnisse dürften indes selbst für die "moralisierende
Kapitalismuskritik" (S. 87) kein Geheimnis mehr sein. - Hieran
müßte sich die Beantwortung der Frage schließen, in welchem Aus-
maß und in welchen Formen naturwissenschaftlich ausgebildete
Kopfarbeiter unter das Einzelkapital subsumiert sind, unter wel-
chen Bedingungen sich die allgemeine wissenschaftliche Arbeit
vollzieht und was daraus für eine mögliche Entwicklung von Klas-
senbewußtsein folgt.
Über die Rolle der unters Einzelkapital subsumierten Kopfarbeiter
erfährt man jedoch überhaupt nichts. Weder wird dargestellt, wel-
che Stellung diese Kopfarbeiter innerhalb des produktiven Gesamt-
arbeiters einnehmen, - nämlich daß sie an der Gebrauchswert-und
Mehrwertproduktion beteiligte Verwertungsobjekte sein können
(Ingenieure, Techniker etc.) und sich insofern von den Handarbei-
tern nur durch ihre besondere konkrete Teilarbeit unterscheiden,
also zusammen mit den produktiven Handarbeitern zur kämpfenden
"Klasse für sich" (S. 89) werden können. Noch wird gezeigt, wie
unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen Kopf- und Handar-
beit zum "feindlichen Gegensatz" (MEW 23, 531) werden, weil Teile
der wissenschaftlichen Intelligenz innerhalb des unmittelbaren
Produktionsprozesses die Rolle von Verwertungsagenten zu überneh-
men haben und ihre konkrete Arbeit in der Planung und Durchfüh-
rung von Methoden der effektiveren Mehrwertabpressung besteht
('wissenschaftliche' Arbeitsplatzbewerter, Betriebspsychologen
etc.). Solche Wissenschaftler sind zwar unproduktiv, aber notwen-
dig für das Kapital. Für sie gilt im Hinblick auf Klassenbewußt-
sein und Klassenkampf dasselbe, was oben über die industriellen
Ober- und Unteroffiziere gesagt wurde 7).
Über die allgemeine wissenschaftliche Arbeit, die sich nicht un-
ter der Despotie eines Einzelkapitals vollzieht, schreibt das Au-
torenkollektiv zunächst, daß sie im Laufe der kapitalistischen
Entwicklung expandiere, was allerdings für die technologische An-
wendung der Wissenschaft im Produktionsprozeß der Einzelkapitale
ebenfalls zutreffe. Diese Expansion vollziehe sich zugleich in
Form einer quantitativen Veränderung des "Verhältnisses von wis-
senschaftlicher zu unmittelbarer Arbeit" (S. 85).
Diese in die Augen springende Entwicklungstendenz wird von dem
Autorenkollektiv einerseits richtig zu erklären versucht mit dem
Hinweis auf die ständige Verbesserung der Produktionsmethoden des
relativen Mehrwert (als Konsequenz des maßlosen Verwertungstriebs
des Kapitals). Andererseits wird aber dieser Erklärungsversuch
für nicht ausreichend befunden und bei "einer anderen Überlegung"
(S. 86) Zuflucht gesucht: Aus einem vollkommen anderen Zusammen-
hang, nämlich der Polemik von Marx gegen die Abstinenztheorie
(MEW 23, 617-25), wird ein Passus über den spezifischen Charakter
der Verschwendung beim Einzelkapitalisten entnommen, um damit die
Tatsache zu erklären, daß mit der Entwicklung des Kapitalismus
"zunehmend Arbeit für Ausbildung und Wissenschaft aufgewandt wer-
den muß" (S. 86) und aufgewendet werden kann.
Diese "Überlegung" hilft jedoch nicht weiter, denn die paar Gei-
stesarbeiter, die ihre Brötchen dadurch verdienen, daß die Ein-
zelkapitalisten zunehmend ihre individuelle Konsumtion erweitern
und dabei auch Geld für das private Anhören von Kunstdarbietun-
gen, wissenschaftlichen Vorträgen usw. ausgeben, fallen gesamtge-
sellschaftlich kaum groß ins Gewicht. Aber die Verschwendung der
Revenue d e s E i n z e l k a p i t a l i s t e n ist sehr
wohl zu unterscheiden von der Verausgabung "eines Teils der Reve-
nue des Landes - der Regierungskasse" für Ausbildung und Wissen-
schaft, worauf Marx in der auf S. 86 unten zitierten Stelle hin-
weist. Die "wissenschaftlichen Arbeiter als Element der allgemei-
nen Arbeits- und Produktionsbedingungen" (S. 71) werden zwar aus
Revenue bezahlt, aber eben nicht aus der des Einzelkapitalisten,
sondern aus der des ideellen Gesamtkapitalisten. Und diese Reve-
nue setzt sich zusammen aus Teilen der Revenuen b e i d e r
K l a s s e n 8).
Durch die ungerechtfertigte Übernahme des Verschwendungszitats
bleibt der für die Bestimmung der allgemeinen wissenschaftlichen
Arbeit wesentliche Zusammenhang unbegriffen, daß allein der kapi-
talistische Konkurrenzkampf, d.h. die ständige Weiterentwicklung
der Produktionsmethoden des relativen Mehrwerts, die Expansion
der allgemeinen "Arbeit für Ausbildung und Wissenschaft" (S. 86)
erfordert und bewirkt. Aufgrund der im gleichen Maß wachsenden
Vergesellschaftung und Verwissenschaftlichung des Arbeitsprozes-
ses sind hier nämlich Grundlagenforschungen und Ausbildungsarbei-
ten auf so großer Stufenleiter erforderlich, daß sie kaum von
Einzelkapitalisten finanziert werden können. Hier muß der bürger-
liche Staat schlecht und recht aushelfen, und er tut es mit Hilfe
der Steuern beider Klassen, so daß die Arbeiterklasse die wissen-
schaftlichen Grundlagen für die Verfeinerung der Ausbeutung zum
erheblichen Teil selbst bezahlen muß.
Auf die Frage nach dem möglichen Klassenbewußtsein der nicht un-
ter das Einzelkapital subsumierten wissenschaftlichen Arbeiter
bleibt die Bischoff-Gruppe wiederum die Antwort schuldig, wenn
man nicht den letzten Absatz ihres Aufsatzes - wo unproduktive
Verwertungsagenten, Zirkulationsarbeiter, allgemeine wissen-
schaftliche Arbeiter, Krankenschwestern usw. allesamt in einen
Topf geworfen werden ("unproduktive Arbeiter, die aus Revenue be-
zahlt werden"; S. 89) - als solche Antwort auffassen will: Ihr
Gegensatz zum Kapital sei "nur vermittelt" (S. 89) - was auf die
Verwertungsagenten und die Zirkulationsarbeiter nicht zutrifft ",
und ihre Kämpfe seien auf bloße "Erhaltung bzw. Erhöhung des An-
teils an der Revenue gerichtet" (S. 89), - was entsprechend auch
auf gut neunzig Prozent der Kämpfe der produktiven Lohnarbeiter
zutrifft, jedenfalls bezogen auf deren Kampf um den Anteil am
Wertprodukt.
Will man die Frage nach dem Klassenbewußtsein der unproduktiven,
nicht unters Einzelkapital subsumierten Geistesarbeiter 9) beant-
worten, so ist es nötig diese Arbeiter nach ihrer Relevanz für
die Kapitalverwertung zu differenzieren, d.h. in Naturwissen-
schaftler einerseits und in Sozial- und Geisteswissenschaftler
andererseits. Die Verwissenschaftlichung des kapitalistischen
Produktionsprozesses besteht weitgehend aus
"bewußt planmäßigen und je nach dem bezweckten Nutzeffekt syste-
matisch besonderten Anwendungen der Naturwissenschaft" (MEW 23,
510).
Verglichen mit dieser auf riesiger Stufenleiter praktizierten
Technologie spielt die einzelkapitalistische Anwendung der So-
zial- und Geisteswissenschaften auch heute noch eine recht un-
tergeordnete Rolle. Die durch den bürgerlichen Staat vermittelten
Pressionen und Reglementierungen der naturwissenschaftlichen For-
schung und technologischen Ausbildung - im Sinne einer optimalen
Ausrichtung dieses Zweigs der allgemeinen wissenschaftlichen Ar-
beit auf die Bedürfnisse des Kapitals (internationaler Konkur-
renzkampf etc.) - werden also ungleich stärker sein, als die ent-
sprechenden Einwirkungsversuche auf die allgemeinen geisteswis-
senschaftlichen Arbeiten. In dem Maße, wie diese Pressionen zu-
nehmen, bietet sich den Naturwissenschaftlern die Möglichkeit,
die Begrenztheit ihres Wirkungsfeldes im kapitalistischen System
und die Ursachen dieser Begrenzung zu erkennen. Daß die Naturwis-
senschaftler nicht aus sich heraus in der Lage sind, das kapita-
listische System aus den Angeln zu heben, sondern sich zu diesem
Zweck mit dem produktiven Industrieproletariat verbünden müssen,
versteht sich wohl von selbst.
Für die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems scheinen
die Sozialwissenschaftler (Ökonomen, Soziologen, Pädagogen, Psy-
chologen) zunehmend wichtiger zu werden. Als allgemeine Arbeiter
haben sie die Funktion, vermittels der 'Sozialtechnik' eine mög-
liche Einsicht der Arbeiterschaft in die Grundlagen des kapitali-
stischen Systems zu verhindern 10). - Anders stellt sich die Si-
tuation der eigentlichen Geisteswissenschaftler dar. Sie sind in
der Regel nicht recht unter das Einzelkapital subsumierbar (Marx:
RESULTATE..., S. 73-74) und haben auch gesamtgesellschaftlich le-
diglich die Funktion, den allgemeinen Kulturbetrieb zu reprodu-
zieren und auf der Basis der Mehrwertproduktion die Haus-Narren
der herrschenden Klasse zu spielen (Pfaffen, Ideologen, Litera-
ten, Künstler usw.). Für den Verwertungsprozeß des Einzelkapitals
sind sie irrelevant und genießen deshalb an geisteswissenschaft-
lichen Fakultäten ein relativ ungestörtes Leben.
Hier stellt sich jedoch die Frage, warum dann die Studentenre-
volte gerade von diesen philosophischen Fakultäten ausgegangen
ist und von ihnen getragen worden ist 11). Es mag hier der Hin-
weis genügen, daß die Sozial- und Geisteswissenschaftler aufgrund
ihres speziellen Arbeitsgebietes die Möglichkeit haben, das kapi-
talistische Gesellschaftssystem theoretisch zu durchdringen, was
sicherlich in der Regel vermittelt ist durch eine lange Phase der
moralischen Empörung über die Lächerlichkeit und gesellschaftli-
che Nutzlosigkeit vieler Arbeits- und Lernprozesse an den philo-
sophischen Fakultäten.
Im "Kommunistischen Manifest" heißt es:
"In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nä-
hert, nimmt der Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden
Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft, einen so hefti-
gen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil der herrschen-
den Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären
Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ihren Händen
trägt. Wie früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so
geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und na-
mentlich ein Teil der Bourgeoisideologen, welche zum theoreti-
schen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hin-
aufgearbeitet haben" (MEW 4, 471-72).
So kann auch ein Teil der Sozial- und Geisteswissenschaftler den
Schritt von seiner relativen Nutzlosigkeit für das Kapital zur
Nützlichkeit für das Proletariat tun und zur Rekonstruktion und
Weiterentwicklung von dessen Theorie beitragen helfen. Wie schwer
dieser Schritt allerdings zu tun ist und mit wieviel theoreti-
scher und praktischer Mühsal er verbunden ist, lehrt schon ein
nur flüchtiger Blick auf die jüngste Etappe der Studentenbewe-
gung, die von dem Autorenkollektiv abschätzig als "Verfaulungs-
prozeß des antiautoritären Bewußtseins" (S. 69) bezeichnet wird.
Der Aufsatz von Bischoff-Ganßmann-Kümmel-Löhlein beweist indes
ungewollt, daß zwischen der Sphäre der "Verfaulung" und der der
Fruchtbarkeit noch die Durststrecke der Sterilität liegt.
Christoph Hübner
Ingrid Pilch
Lothar Riehn
_____
1) Angesichts dieser mageren Ergebnisse bleibt leider auch der
folgende Satz bloß abstrakte, uneingelöste Versicherung: "Die
Wissenschaftlichkeit der Gesellschaftskritik und die theoretische
Begründung revolutionärer Aktion bemißt sich auch (!?) daran,
welches Maß an Bewußtheit in der Auseinandersetzung mit der Kri-
tik der Politischen Ökonomie erreicht wird" (S. 72).
2) So werden z.B. die Studien von Gorz, Mallet und anderen über
die strukturellen Veränderungen innerhalb der heutigen Arbeiter-
klasse mit keinem Wort erwähnt.
3) Noch ein anderes Moment verdunkelt beim Kapitalisten "die im
Produktionsprozeß dunkler oder klarer aufgedämmerte Ahnung" von
der Herkunft des Mehrwerts (MEW 25, 54): "Obgleich nur der va-
riable Teil des Kapitals Mehrwert schafft, so schafft er ihn nur
unter der Bedingung, daß auch die andren Teile vorgeschossen wer-
den, die Produktionsbedingungen der Arbeit. Da der Kapitalist die
Arbeit nur exploitieren kann durch Vorschuß des konstanten Kapi-
tals, da er das konstante Kapital nur verwerten kann durch Vor-
schuß des variablen, so fallen ihm diese in der Vorstellung alle
gleichmäßig zusammen, und dies umso mehr, als der wirkliche Grad
seines Gewinns bestimmt ist nicht durch das Verhältnis zum vari-
ablen Kapital, sondern zum Gesamtkapital, nicht durch die Rate
des Mehrwerts, sondern durch 1 die Rate des Profits..." (MEW 25,
52; auch 54-55 und 57).
4) Wobei die produktiven Industriearbeiter der Verfälschung ihres
Bewußtseins durch die Zirkulation entgehen, weil sie mit dem Ver-
kauf der von ihnen hergestellten Produkte nichts zu schaffen ha-
ben. Als Verkäufer der Ware Arbeitskraft und als Käufer von not-
wendigen Lebensmitteln unterliegen sie jedoch dieser Bewußtseins-
fälschung ebenfalls.
5) Der kommerzielle Lohnarbeiter muß z.B. a c h t Stunden
Durchschnittsarbeit als Verkäufer leisten, um an 25 DM pro Tag
heranzukommen, die das Wertprodukt von vielleicht z w e i Stun-
den Durchschnittsarbeit eines produktiven Industriearbeiters sein
mögen. Um den Tageswert seiner Arbeitskraft zu reproduzieren,
brauchte der kommerzielle Lohnarbeiter also in einer Fabrik nur
zwei Stunden zu arbeiten; sechs Stunden am Tag leistet er also
unbezahlte Mehrarbeit, in der Fabrik ebenso wie im Kaufhaus. -
"Diesen elementaren Zusammenhang" (S. 74) übersieht die Autoren-
gruppe, wenn sie schreibt, daß der kommerzielle Lohnarbeiter
"nicht den vollen Wert seiner Arbeit" erhält (S. 84). Der kommer-
zielle Lohnarbeiter schafft weder in seiner notwendigen noch in
seiner Mehrarbeitszeit ein Tüpfelchen Wert, es kann ihm also auch
keinerlei selbst produzierter Wert vorenthalten werden. Daß er
dennoch ausgebeutet wird, ist nur im Vergleich mit dem produkti-
ven Industriearbeiter verstehbar. - Die Autorengruppe läßt sich
in der Anmerkung 39 völlig unmotiviert über einige flüchtig-unge-
naue Formulierungen bei R. Damus aus, um ihr einen verdinglichten
Arbeitsbegriff nachzuweisen. Der Arbeitsbegriff der Autorengruppe
läßt indes selbst noch verdinglichte Formulierungen zu.
6) Was z.B. in der Realität so aussieht, daß sich etwa bei einer
Verkäuferin die dumpfe Wut über die tägliche Lohnarbeit nicht ge-
gen das Kapital richtet, sondern auf die Kunden abgeleitet wird,
die sie acht Stunden täglich herumkommandieren und zermürben mit
ihrem blöden Gequassel und ihren neurotischen Sonderwünschen.
7) Während auf S. 86 oben nicht materielle Produktion mit unpro-
duktiver Arbeit und materielle Produktion mit produktiver Arbeit
identifiziert wird, wird S. 86 unten angedeutet, daß auch gei-
stige Arbeiter Teil des produktiven Gesamtarbeiters sein können.
8) Ob der als Steuern abgeführte Teil des Mehrwerts des Einzelka-
pitalisteh zu seiner Revenue im engeren oder weiteren Sinn zu
rechnen ist, soll hier nicht entschieden werden. Überhaupt er-
bringt das Jonglieren mit den beiden Bedeutungen von 'Revenue' -
jedenfalls im Aufsatz des Autorenkollektivs - keinerlei relevante
Resultate (vgl. dazu die Fußnote 14a auf der S. 71). Das Autoren-
kollektiv hält zudem ;. nicht einmal seinen Vorsatz ein, den Be-
griff "stets im zweiten Sinne" zu verwenden (S. 71), denn im
Resume auf S. 88-89 wird von den unproduktiven Lohnarbeitern
gesagt, daß sie "aus Revenue bezahlt werden" (S. 89), - was aber
für Verwertungsagenten und Zirkulationsarbeiter nur heißen kann,
aus Revenue im ersten weiteren Sinn.
9) Von den nicht unter das Einzelkapital subsumierten, also un-
produktiven Lohnarbeitern behandeln wir hier nur noch kurz die
Kopfarbeiter. Wir gehen also nicht ein auf die Handarbeiter, die
ihre Arbeitskraft an den Staat verkaufen (Soldaten, Personal von
staatlichen Krankenhäusern, Arbeiter im öffentlichen Transportwe-
sen, diverse Beamte etc.), und auch nicht auf diejenigen Lohnar-
beiter, die in den privaten Dienst von Einzelkapitalisten treten
und dort einem nicht vergesellschafteten Arbeitsprozeß unterwor-
fen sind, der oft noch gemütlich-albernen Charakter hat und den
Schein eines persönlichen Knechtschaftsverhältnisses trägt. Zu
diesen privaten Dienstleistungsarbeitern (Diener, Zofen, Kinder-
fräuleins, Köche, Hausmeister, Gärtner, Reitknechte, Chauffeure
usw.) vgl. GRUNDRISSE 183, 369-74; MEW 23, 469-70; MEW 24, 37 und
409; MEW 26.1, 377 ff.
10) Auf die Problematik, wie eigentlich der genaue Zusammenhang
zwischen objektivem Fetischcharakter und subjektiv bewußter
'Sozialtechnik' zu bestimmen sei, weisen wir hier nur hin, ohne
darauf näher eingehen zu können.
11) Es würde den Rahmen des vorliegenden Textes entschieden
sprengen, wenn wir an dieser Stelle eine adäquate Einschätzung
der Studentenrevolte vornehmen wollten. Wir könnten das auch gar
nicht leisten, ohne vorher die reale Bewegung des westdeutschen
Kapitals studiert zu haben.
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