Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970
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Dokumente und Materialien zum revolutionären Kampf in Brasilien
EINE POLITISCH-MILITÄRISCHE ARBEIT MIT DEN MASSEN
Interview von Carlos Lamarca an "Punto Final"
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F.: Welche Gründe haben Sie dazu bewogen, das brasilianische Heer
zu verlassen?
A.: Ich bin einer der wenigen brasilianischen Offiziere, die aus
der Arbeiterklasse kommen. Ich habe unter großen Opfern meiner
Eltern studiert und bin in die Streitkräfte gegangen, weil ich
dort die Bedingungen, zu der Entwicklung und Emanzipation meines
Landes beizutragen, zu finden glaubte. Bald wurde ich aber ent-
täuscht. Das brasilianische Heer (seine höheren Ränge) ist die
Avantgarde der Reaktion in Brasilien. Seine hauptsächlichste
Funktion ist die I n n e n p o l i t i k. Es ist ein Instrument
der herrschenden Klassen, die die riesige Mehrheit der Bevölke-
rung im Zustand der schrecklichsten Ausbeutung, des schrecklich-
sten Elends und Analphabetismus und der Krankheit hält. Die jun-
gen Offiziere und Soldaten müssen sich täglich Predigten über
"den inneren Feind der brasilianischen Demokratie" anhören. Und
wer ist dieser Feind? Es sind die Arbeiter, die für die Erhöhung
ihres elenden Lohnes und für die Organisationsfreiheit ihrer
Klasse kämpfen. Es sind die Studenten, die um höhere Subventio-
nen, mehr Ferien, kostenlose Ausbildung und Organisationsfreiheit
kämpfen. Es sind die Intellektuellen und Künstler, Filmkünstler,
Journalisten, die für die Freiheit der künstlerischen und wissen-
schaftlichen Arbeit kämpfen. Es ist das ganze brasilianische
Volk, das freie Wahlen und bessere Arbeitsbedingungen fordert.
Dieses Verlangen nach einer Veränderung, nach Beseitigung eines
ungerechten Systems wird "kleinen Minderheiten" zugeschoben, die
"im Dienste des internationalen Kommunismus" stehen.
Innerhalb der Streitkräfte sah ich Privilegien, eine völlige Ver-
achtung des Volkes und unbeschreibliche Folterungen. Seit 1964
sah ich, daß es keine gewaltlose Lösung der brasilianischen Pro-
bleme geben könne. Während dieser Jahre suchte ich den Kontakt
mit revolutionären Organisationen, die einen Weg für die brasi-
lianische Revolution aufzeigten, der sich mit den Schlußfolgerun-
gen deckte, zu denen ich gekommen war. Daher bildeten wir zwi-
schen einigen Genossen, die ähnlich dachten, eine kleine Gruppe
innerhalb meiner Kaserne.
Mitte 1968 überfiel eine Gruppe das Militärkrankenhaus und ent-
eignete 9 FAL-Gewehre. Wir versuchten sofort, diese Gruppe aus-
findig zu machen, da wir annahmen, daß derjenige, der sich für
diese Art von Waffen interessierte, sich tatsächlich auf den Gue-
rillakampf in Brasilien vorbereitete. Diese Gruppe war die VPR
(Vanguardia Popular Revolucionaria), die auch für die Hinrichtung
des nordamerikanischen Hauptmanns Chandler, eines Kriegsverbre-
chers aus Vietnam, in Sao Paulo verantwortlich war. Nach einer
politischen Diskussion wurden meine Genossen und ich zu einer
Zelle der VPR.
Die wichtigste Aufgabe unserer Zelle (die wir selbst vorgeschla-
gen hatten und von der Führung der VPR akzeptiert wurde) war es,
eine große Aktion zur Enteignung von Waffen in der Kaserne von
Quitauna in Sao Paulo, in der wir Dienst hatten, vorzubereiten
und durchzuführen. Nach dieser Aktion würden wir das Heer mit dem
Ziel verlassen, uns ausschließlich der Revolution zu widmen.
F.: Diese Aktion wurde erfolgreich abgeschlossen?
A.: Nein. Es war kaum ein Teilerfolg. Zwei Tage vor dem vorgese-
henen Datum, das auf den 26. Januar 1969 festgelegt war, wurden
vier unserer Genossen in Itapecerica de la Sierra, im Staat von
Sao Paulo, verhaftet, als sie einen Lastwagen mit den Farben des
brasilianischen Heeres anstrichen, mit dem die Waffen aus der Ka-
serne geholt werden sollten. Es sollten ungefähr 400 FAL-Gewehre,
Maschinengewehre, Mörser und Munition sein. Soviel überhaupt mög-
lich wäre. Wir wollten nicht alle Waffen für uns behalten, son-
dern einen Teil auch anderen Organisationen geben, die auch für
den bewaffneten Kampf sind. Da diese vier verhafteten Genossen
natürlich über den Plan genau informiert waren, beschloß die
Zelle innerhalb der Kaserne, diese am nächsten Tag mit allem zu
verlassen, was unter diesen Umständen mitgenommen werden konnte.
Es waren 63 FAL-Gewehre, MG's, Munition, usw.
F.: Die brasilianischen Behörden behaupten, die VPR nach diesen
Verhaftungen vernichtet zu haben. Stimmt das?
A.: Nein. In letzter Zeit hat sogar die Repression zugeben müs-
sen, die VPR nicht vernichtet zu haben. Ihre eigenen Erklärungen
sprechen von einer gut organisierten Gruppe. In der Tat führten
die Verhaftungen vom Januar zu einer Kettenreaktion, z.T. wegen
der Angaben eines der Verhafteten (die anderen drei zeigten eine
hervorragende Haltung), z.T. wegen Mängel in unserer organisato-
rischen Struktur. Es wurden andere Genossen verhaftet, und dies
endete erst im März. Es ist wichtig zu vermerken, daß die Reak-
tion uns als ihre Hauptfeinde betrachtet; die Behandlung der Ver-
hafteten war barbarisch. Elektrofolter, "pau-de-arara" +), Anwen-
dung des Schmelzrohres, Vergewaltigung der Genossinnen. Einige
unserer Genossen haben diese Behandlung nicht überstanden.
Aber die nicht verhaftet worden sind, haben in einer ungeheuren
Anstrengung die Organisation wiederaufgebaut, und haben sie qua-
litativ auf eine viel höhere Stufe gebracht. Im April 1969 hatten
wir einen Kongreß, in welchem eine kritische Bilanz unserer vor-
hergehenden Aktionen gezogen wurde. Wir haben dort unsere politi-
sche Linie neu definiert und haben nach einer ausgiebigen Diskus-
sion in allen Basen eine neue Führung gewählt.
F.: Es wird behauptet, daß sich inzwischen die VPR aufgelöst
hat...
A.: Das ist richtig. Aber sie hat sich nur aufgelöst, um sich mit
dem Kommando der Nationalen Befreiung (COLINA) zu vereinigen. Da-
mit ist eine neue, stärkere und besser vorbereitete Organisation
geschaffen worden, um den revolutionären Kampf in Brasilien zu
führen. Der Name dieser neuen Organisation ist VAR-PALMARES
(Vanguardia Armada Popular-Palmares). Diese Fusion kam aber nicht
plötzlich. Seit fast zwei Jahren bestand eine Verbindung zum CO-
LINA, das seinerseits aus der Spaltung der POLOP (Politica Ope-
raia - jetzt POC, Partido Obrero Comunista) entstanden ist. Ei-
nige Mitglieder der POLOP waren ebenfalls nach dieser Spaltung in
die VPR gegangen. Das frühere COLINA hat auch eine Krise durchge-
macht. Es hat Kader, Material und Geld verloren. Es befand sich
aber wieder in einer klaren Aufwärtsentwicklung.
Die Vereinigung der beiden Organisationen entspricht einer neuen
Phase der linken Bewegung in Brasilien. Einem ständigen Prozeß
der Fraktionierung, der 1960 begann, folgt der umgekehrte Prozeß
des Zusammenschlusses verschiedener Gruppen, um die tatsächlichen
politischen Möglichkeiten auszunutzen, die der Prozeß aufdrängt.
F.: Woher stammt der Name Palmares?
A.: Zum Andenken an den heldenhaften Kampf der brasilianischen
Neger gegen die Sklaverei. Bevor die Sklaverei abgeschafft wurde,
organisierten sich die brasilianischen Neger in sog. "Quilombos",
von denen der bekannteste PALMARES hieß. In diesem Quilombo haben
die Neger des brasilianischen Nordostens bis zum letzten Mann ge-
kämpft. In ihrem Kampf organisierten sie die Kämpfer und deren
Familien in kleinen Dörfern, in denen eine ziemlich entwickelte
Form des Kollektivismus praktiziert wurde. Zum Quilombo Palmares
kamen nicht nur frühere Sklaven, sondern auch Bauern und all
jene, die von der kolonialen Justiz verfolgt wurden. Der Quilombo
kämpfte fast hundert Jahre lang. In der Tat war es ein Kampf der
Unterdrückten gegen die Unterdrücker und die erste Form eines
Guerillakrieges in Brasilien.
F.: Wie sieht VAR-PALMARES die Revolution in Brasilien?
A.: Die Antwort auf diese Frage umschließt schwierige theoreti-
sche und politische Probleme, die im Rahmen dieses Interviews
nicht erörtert werden können. Im allgemeinen ist aber unsere
Sicht die folgende:
Das Land ist das "schwächste Glied" der imperialistischen Kette.
Auf dem Land konzentrieren sich die schärfsten Widersprüche des
brasilianischen Kapitalismus. Auf dem Land wohnt der größere Teil
der brasilianischen Bevölkerung und die überwiegende Mehrheit der
Ausgebeuteten. Um die brasilianische Agrarsituation zu verändern,
ist es notwendig, das gesamte jetzige System der Produktion zu
zerstören, das eben auf dem Elend unserer ländlichen Regionen be-
gründet ist.
Auf dem Land werden wir die erste Guerillaabteilung aufbauen, als
Gegensatz zur Macht der herrschenden Klassen und als Keim des zu-
künftigen Volksheeres. Der Aufbau eines solchen Volksheeres in
Brasilien heißt indes nicht nur, daß diese Guerillaabteilung ge-
schaffen werden muß. Vielmehr ist es notwendig, daß an allen
wichtigen Orten des Landes unregelmäßige Guerillas entstehen. Es
heißt, daß eine politisch-militärische Arbeit mit den Massen,
insbesondere mit der Arbeiterklasse geleistet werden muß.
Die brasilianische Arbeiterklasse wird, obwohl ihr bisher eine
lange Periode des Reformismus aufgezwungen, obwohl sie von der
brasilianischen Diktatur geknebelt und unterdrückt wurde, eine
lebenswichtige Rolle im revolutionären Prozeß Brasiliens haben.
F.: Ist der Hauptmann Lamarca ein kaltblütiger Mörder?
A.: Es ist die Diktatur, die kaltblütig unsere Genossen ermordet.
Von Januar bis August sind fünf der Unseren gefallen: Juan Lucas
Alves, der von der Polizei des Staates von Minas Gerais zu Tode
gefoltert wurde; Severiano Viana Colon, der von der Polizei von
Guanabara zu Tode gefoltert wurde; Ramilton Cunha, der niederge-
schossen wurde, als er seine Arbeit kündigen wollte; Carlos Ro-
berto Zanirato, der sich selbst umbrachte, weil er die Folterun-
gen nicht mehr ertrug; Fernando de Paula Ferreira, der von der
Polizei von Sao Paulo erschossen wurde.
Die Bilanz der Gewaltherrschaft der Diktatur ist erschreckend.
Dutzende von Genossen, die derartige Folterungen erlitten, daß
sie für ihr ganzes Leben physisch und psychisch gelähmt sind. Die
Repression in Brasilien verhaftet ganze Familien und hält alte
Frauen und sogar zweijährige Kinder als Geiseln fest.
VAR-PALMARES hat kein Interesse, dem Volk Opfer zu verursachen.
In den einundzwanzig finanziellen Enteignungsaktionen, die durch-
geführt wurden, wurden nur zwei Personen erschossen, aber nur in
legitimer Verteidigung. In den Enteignungsaktionen von Waffen .
und anderer Ausrüstung mußten die Waffen nie gebraucht werden.
Die Bankiers und Polizisten, die sich freiwillig ergaben, wurden
nie belästigt. Denjenigen, die Widerstand leisteten, haben wir
einen fairen Kampf geliefert.
Außerdem hat VAR-PALMARES die größte revolutionäre Enteignungs-
aktion durch Guerillas in Lateinamerika realisiert, ohne dabei
Waffen zu gebrauchen. Nach langen Recherchen ermittelten wir den
Verbleib eines Teils des berühmten "Kistchens" des ehemaligen
Gouverneurs von Sao Paulo, Ademar de Barros, der sich in Dutzen-
den von Jahren der Korruption bereichert hatte. Dieses Geld war
beim Tode Barros in der Hand seiner "Sekretärin". Diese Dame
mußte den Inhalt des Koffers, in welchem das Geld lag, verheimli-
chen, weil es sich um illegal eingeführtes Geld handelte. Wir er-
beuteten die Kiste mit 2,5 Millionen US-Dollar, was umgerechnet
mehr als zehn Milliarden alte cruzeiros sind.
F.: Wie stehen Sie zum Terrorismus?
A.: Wir meinen, daß die Stunde gekommen ist, die Gewalt des Fein-
des mit der revolutionären Gewalt zu beantworten. So war z.B. die
Hinrichtung des Hauptmanns Chandler ein Akt der revolutionären
Justiz, und das gleiche gilt für die Bomben, die wir als Warnung
bei den Unterdrückern der Arbeiterklasse in Belo Horizonte, dem
militärischen Kommissar in den Gewerkschaften, hinterlegt haben.
In einer ideologischen Gegenoffensive haben uns die herrschenden
Klassen in Brasilien die Verantwortung für Terrorakte zugescho-
ben, die sie selbst mit ihrem CCC (Kommandos zur Jagd von Kommu-
nisten) verübt haben, wie die Brandstiftung beim Fernsehsender in
Sao Paulo, das Verbrennen eines Streifenwagens, in dem zwei Poli-
zisten saßen, und die Bombe, die im Palast des Kardinals von Sao
Paulo gelegt wurde.
F.: Wie fühlen Sie sich jetzt als berühmter Mann?
A.: Die Revolution wird nicht von einzelnen Männern geführt, son-
dern von der Avantgarde der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Ich
bin ein Mitglied der VAR-PALMARES wie jeder andere, und mein
Wunsch ist, die Waffen zur Befreiung Brasiliens zu gebrauchen.
Die Männer und Frauen, die sich auf die Seite der Revolution
stellen, tragen in den verschiedensten Formen zu ihr bei, indem
sie namenlos für ihre Ideale kämpfen. Wird einer durch irgendwel-
che Umstände bekannter als die anderen, so ändert das nichts an
seiner Bedeutung als Kader. Es sind die herrschenden Klassen, die
die revolutionären Aktionen an eine Person zu fixieren suchen, um
damit demoralisierend zu wirken und ihre angebliche "Effizienz"
zu zeigen.
F.: Wollen Sie diesem Interview noch etwas hinzufügen?
A.: Die brasilianische Revolution ist ein Teil des Kampfes der
Unterdrückten der ganzen Welt für ihre gesellschaftliche Befrei-
ung. Sie ist insbesondere ein Teil der lateinamerikanischen Revo-
lution. Der Kampf für die Befreiung des Kontinents vom nordameri-
kanischen Imperialismus und für ein gesellschaftliches System,
welches unsere Probleme lösen wird, ist ein Kampf für den Sozia-
lismus.
Wir befinden uns in Brasilien in der ersten Phase eines Krieges,
der lang und schmerzhaft sein wird. Dies ist unsere Form der ak-
tiven Solidarität mit der kubanischen Revolution und dem ruhmrei-
chen Kampf des vietnamesischen Volkes. Wir sind sicher, daß unser
Kampf Hand in Hand gehen wird mit dem Kampf in anderen Teilen der
Welt, und wir werden unser Leben für die gleichen Ideale hinge-
ben. Man muß den "Mut haben zu kämpfen, und den Mut haben zu sie-
gen."
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+) Zur Erklärung dieser Folterung siehe die Fußnote zur Erklärung
von Marghela.
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