Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970


       zurück

       Diskussion
       

ZUR METHODIK DER KONJUNKTURANALYSE

Am 8. Mai fand in Berlin eine Diskussion über die Methodik der Konjunkturanalysen statt. Grundlage der Diskussion war einmal der Aufsatz von Elmar Altvater, veröffentlicht in der SOZIALISTISCHEN POLITIK Heft 5, und zum ändern zwei Kritiken zu diesem Aufsatz. Die Teilnehmer waren sich darin einig, daß die Versuche einer Aufarbeitung der empirischen ökonomischen Prozesse letztlich Ver- mittlungsglieder für die Bestimmung der verschiednen Formen von Klassenbewußtsein sind und daß von daher allein der Stellenwert einer Konjunkturanalyse bestimmt ist. Im Mittelpunkt der Diskus- sion stand einerseits das Problem der Ableitung der notwendigen, äußeren Erscheinungsformen des Kapitals aus seinen allgemeinen Tendenzen und andrerseits die Schwierigkeit des Auffindens dieser notwendigen Erscheinungsformen in den empirisch gegebnen Verhält- nissen. Sowohl in den vorliegenden Texten als auch in den Diskus- sionsbeiträgen konnten diese Probleme nur allgemein formuliert werden, ohne daß Lösungen angeboten werden konnten. Von den vielen Punkten, die in dem Aufsatz und den Kritiken berührt wur- den, sind nur zwei ausführlicher erörtert worden, die Frage der Indikatoren und der Zusammenhang von Lohnsteigerungen und Prei- serhöhungen. Das Problem der Auswahl von Indikatoren stellt sich notwendig bei jeder Konjunkturanalyse, weil der Reproduktionsprozeß sich für die Produktionsagenten schon immer in verkehrter Form darstellt. Dies transponierte Bewußtsein schlägt sich bei der Quantifizie- rung der ökonomischen Beziehungen durch die bürgerliche Wissen- schaft in jeder Maßzahl nieder. Insofern können die Bestimmungen des allgemeinen Begriffs vom Kapital nicht unmittelbar in die ge- gebene Bewegung der realen Kapitale übersetzt werden. Bei der Analyse der wirklichen Verhältnisse muß vielfach auf Indikatoren zurückgegriffen werden, jedoch können mit diesen Indikatoren und ihrer Bewegung keine kausalen Zusammenhänge aufgedeckt werden. Dieses Problem ist zum Teil in den vorliegenden Texten unzurei- chend reflektiert worden. Die methodische Schwierigkeit gegenwärtiger Untersuchungen, ei- nerseits am Wertbegriff festzuhalten und doch zugleich die reale ökonomische Bewegung zu erklären, zeigte sich deutlich in der Diskussion des Zusammenhanges von Lohnerhöhungen und Preissteige- rungen. Nahezu unbestritten war in der Auseinandersetzung, daß Löhne nicht preisbestimmendes Moment sind. Die Wertgröße, und da- mit auch der Preisausdruck, ist allgemein bestimmt durch das Quantum der verausgabten Arbeitszeit nicht durch das Quantum an Arbeitszeit, das der Arbeiter vergütet erhält. Freilich gilt diese Bestimmung nicht unmittelbar für das Einzelkapital, sondern nur, wie die Wertbestimmung überhaupt, für das gesellschaftliche Gesamtkapital. Unbestritten war in der Diskussion gleichfalls, daß, wenn sich die Arbeiterklasse in bestimmten Phasen des indu- striellen Zyklus einen Teil am Mehrprodukt erkämpfen kann, diese Lohnerhöhung unter Umständen zu einer Vergrößerung der Nachfrage nach Lebensmitteln führen kann, was wiederum den kapitalistischen Produzenten der entsprechenden Sphäre die Möglichkeit zu Preis- steigerungen bieten würde. Der Zusammenhang von Lohnsteigerungen und Preisbewegungen ist in den vorliegenden Texten zum Teil eben- falls unzureichend formuliert und entwickelt worden. Obwohl auch die Kritiken, sowie eine Replik von Elmar Altvater, nach dieser Diskussion in einigen wichtigen Punkten überarbeitet oder doch ergänzt werden müßten, sollen sie hier veröffentlicht werden, um anderen Gruppen die Möglichkeit zu geben, diese Diskussion ver- folgen zu können. Ein Ergebnis der Diskussion war, daß die Bewegung der Profitrate bloß Ausdruck des industriellen Zyklus ist und diesen selbst nicht erklärt. Die ausführliche Ableitung der Bewegung der Pro- fitrate aus den allgemeinen Bewegungsgesetzen des Kapitals wäre allerdings erst noch zu leisten. Die Lösung dieser Frage steht indes im Zusammenhang der notwendigen Untersuchung einer Reihe weiterer Probleme. Die Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Kon- junkturpolitik müßten noch näher bestimmt werden. Eine solche Analyse ist wiederum Voraussetzung für die Klärung der Frage, warum der industrielle Zyklus in der BRD nach dem Krieg diese ei- gentümliche Form aufweist, d.h. warum die durch relative Überak- kumulation ausgelöste zyklische Kontraktion der Stufenleiter der Produktion bisher nicht aufgetreten ist. Die Lösungen dieser Fra- gen sind Bausteine für eine grundlegende Darstellung des Zusam- menhanges von Krisen und der zyklischen Bewegung des industriel- len Kapitals. Die Teilnehmer der Diskussion haben beschlossen, künftig eine Reihe von Arbeitskonferenzen zu organisieren, auf denen diese und andere Probleme der politisch-ökonomischen Theo- rie weiter erörtert werden sollen. zurück