Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970


       zurück

       Wolfgang Müller, Christel Neusüß
       

DIE SOZIALSTAATSILLUSION UND DER WIDERSPRUCH VON LOHNARBEIT UND KAPITAL

Die folgenden Überlegungen sind aus Diskussionen zur Vorbereitung einiger Aufsätze entstanden, in denen konkret sogenannte sozial- staatliche Eingriffe des bürgerlichen Staates in der BRD unter- sucht werden und die in loser Folge in der SOZIALISTISCHEN POLI- TIK erscheinen sollen. Bei der Arbeit am empirischen Material - Wohnungspolitik, Sozialgesetzgebung, Bildungspolitik -, aber auch bei der Untersuchung konjunktur- und wirtschaftspolitischer Ein- griffe des Staates, ergab sich die Notwendigkeit, die Kategorien zur Bestimmung des Verhältnisses von Kapitalverwertungsprozeß und bürgerlichem Staat zu klären, wobei sich vor allem eine Auseinan- dersetzung mit den revisionistischen Theorien zu dieser Frage als notwendig erwies. Es handelt sich im folgenden also zunächst um eine Zusammenfassung verschiedener Spielarten der revisionisti- schen Staatsauffassung, sodann um ihre Charakterisierung und um die Entwicklung ihrer inneren Tendenzen. Weiter werden Ansätze der Kritik entwickelt, vor allem an der Verselbständigung der Sphäre der Einkommensdistribution von der Produktionssphäre und an der Darstellung der Durchsetzung einer spezifischen sozial- staatlichen Funktion, wie sie Marx am Beispiel der Fabrikgesetz- gebung gegeben hat. Erst auf der Basis dieser Vorüberlegungen kann der Versuch unternommen werden, die konkreten Erscheinungs- formen der sozial- und wirtschaftspolitischen Staatstätigkeit in empirischen Untersuchungen auf den Kapitalverwertungsprozeß und seine widersprüchliche Entwicklung zu beziehen. An den Diskussio- nen waren außer den Verfassern u.a. Elmar Altvater, Bernhard Blanke, Kristina Blunck, Ulrich Huttenlocher und Alex Schubert beteiligt, ohne daß in allen Fragen Übereinstimmung erreicht wurde. In den Zusammenhang dieser Diskussion gehört auch die von Elmar Altvater verfaßte Konjunkturanalyse in SOPO 5/70; er war zudem an der Ausarbeitung des IM. Teils direkt beteiligt. Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerken wir noch folgendes: der vorliegende Aufsatz befaßt sich mit den revisionistischen T h e o r i e n vom Sozialstaat, gibt also keineswegs eine R e a l a n a l y s e des heutigen Sozialstaats - dies wird erst in der Untersuchung einzelner Bereiche geschehen. Daher wird auch nur am Rande behandelt, w i e sich die Sozialstaatsillusion entwickelt, wie sie notwendig in den materiellen Verhältnissen und ihrer historischen Entwicklung begründet ist; im ganzen er- scheint die Geschichte der Theorie also abgelöst von der Ge- schichte des Kapitals. Als erster Schritt der Kritik und Vorstufe zur Untersuchung erschien uns jedoch die Auseinandersetzung mit der Verselbständigung des Staates bzw. der Einkommensverteilung in der revisionistischen Theorie unerläßlich. I. Zur politischen Relevanz revisionistischer Staatstheorien ------------------------------------------------------------ Die theoretische Einschätzung des Verhältnisses von Staat und ka- pitalistischer Gesellschaft war in der Geschichte der Arbeiterbe- wegung eines der wesentlichen Momente in der Auseinandersetzung um die richtige politische Strategie und Organisationsform der Arbeiterklasse. Revolutionäre und revisionistische Positionen lassen sich in diesen Auseinandersetzungen nach ihrer Einschät- zung der Rolle des Staates in der kapitalistischen Gesellschaft unterscheiden. Die Auffassung des Staates als einer gegenüber den Widersprüchen in der Gesellschaft mehr oder weniger s e l b s t ä n d i g e n Institution war und ist die Voraussetzung für alle revisionisti- sche Strategie und Praxis. Die revisionistische Strategie be- hauptet zunächst, daß sie den Kapitalismus durch den Sozialismus ersetzen wolle, aber eben auf dem Wege gesetzlicher Reformen auf der Basis der bestehenden Gesellschaft, durch schrittweise Über- nahme der Staatsmacht durch die Arbeiterklasse (auf diese Be- griffe aus der Klassenbewegung der Arbeiter verzichten die revi- sionistischen Theoretiker erst allmählich; sie sprechen dann z.B. nicht mehr von der Arbeiterklasse, sondern von den "demo- kratischen Kräften"). Aber diese Entscheidung für eine kon- tinuierliche "Revolution von oben" (1) (auch hier ist die revolu- tionäre Sprache als Phrase beibehalten) hat in der bisherigen Ge- schichte der Arbeiterbewegung noch immer damit geendet, den So- zialismus als politisches Ziel ganz ausdrücklich aufzugeben. "Wer sich daher für den gesetzlichen Reformweg anstatt und im Gegen- satz zur Eroberung der politischen Macht und zur Umwälzung der Gesellschaft ausspricht, wählt tatsächlich nicht einen ruhigeren, sicheren, langsameren Weg zum gleichen Ziel, sondern auch ein an- deres Ziel, nämlich statt der Herbeiführung einer neuen Gesell- schaftsordnung bloß unwesentliche Veränderungen in der alten." 2) Eine Strategie, die den bürgerlichen Staat zum Subjekt gesell- schaftlicher Änderung erhebt, kann nur dann als erfolgverspre- chend eingeschätzt werden, wenn der Staat als ein "geheiligtes Gefäß" verstanden wird, in das man je nach der historischen Si- tuation einen kapitalistischen oder sozialistischen Inhalt ein- füllen kann, und wenn der Staat die Formen produziert, in der die Gesellschaft die Reproduktion ihres Lebens vollzieht. Demgegen- über sagt Marx, daß die "Zusammenfassung der bürgerlichen Gesell- schaft in der Form des Staates" 3) erfolge, daß die "bestehende Gesellschaft ... als Grundlage des bestehenden Staates" 4) aufzu- fassen sei, daß also der bürgerliche Staat das Resultat der ent- wickelten warenproduzierenden, also der kapitalistischen Gesell- schaft und ihrer auf dieser Form der Produktion beruhenden Wider- sprüche sei, und daher auch eine durch diese Widersprüche ge- prägte Institution 5). Die Revision dieser Staatsauffassung in den revisionistischen Theorien implizierte folgerichtig auch die Ablehnung der Auffassung, daß die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise nicht durch den Staatsapparat, sondern allein von der revolutionären Arbeiterklasse selbst vollzogen werden könne 6). Die Bestimmung des bürgerlichen Staates als Produkt der entwic- kelten warenproduzierenden, der kapitalistischen Gesellschaft und die daraus folgende Bestimmung der Strategie der Arbeiterbewegung macht es notwendig, die Kritik des Revisionismus nicht als iso- lierte Kritik der Auffassung von den politischen Institutionen zu betreiben. Auf dieser Ebene jedoch bewegte sich mit Vorliebe die bisher politisch relevant gewordene Auseinandersetzung mit revi- sionistischen Staatstheorien seitens der Linken in der BRD und West-Berlin, die Parlamentarismuskritik. In der Diskussion über die Beteiligung an den Bundestagswahlen, in der sich der SDS vor allem mit der politischen Funktion einer sozialistischen Partei im bürgerlichen Parlament unter monopolkapitalistischen Bedingun- gen auseinanderzusetzen hatte, wurde die Kritik des bürgerlichen Parlamentarismus von Marx, Engels, Pannekoek und anderen rezi- piert; zusammen mit Agnolis TRANSFORMATION DER DEMOKRATIE (Berlin-West 1967) diente die so entwickelte Auffassung als Be- gründung dafür, daß das Parlament nicht zur Tribüne des Klassen- kampfes' tauge, und schon gar nicht ein Instrument zur Einführung des Sozialismus sei, wie in der DKP noch angenommen 7). In der gegenwärtigen Unsicherheit der Einschätzung des Handlungsspiel- raumes der SPD-Regierung und ihrer Möglichkeit zur 'Krisenmanipulation' innerhalb der Linken zeigt sich jedoch, daß die Parlamentarismuskritik, also die politische Kritik einer po- litischen, Institution, nur e i n Moment der Revisionismuskri- tik sein kann und daß diese Kritik, nimmt sie sich selber ernst, zur Kritik der Entwicklung der verschiedenen Funktion des heuti- gen Staates - seines 'Instrumentariums' zur Steuerung der 'Wirtschaft' und zur 'Befriedigung' der Gesellschaft - und seiner konkreten Schranken und Widersprüche übergehen muß. Denn Darstel- lung und Kritik der staatlichen Institutionen als Manipulations- instrumente der herrschenden Klasse lassen die Grenzen dieser Ma- nipulation nicht sichtbar werden. Diese können erst durch eine Analyse aufgezeigt werden, die die Notwendigkeiten und Schranken staatlicher Eingriffe aus den Widersprüchen des kapitalistischen Produktionsprozesses, als Arbeits- und Verwertungsprozesses, im einzelnen aufweist. (Dafür ist dieser Aufsatz eine Vorbereitung; vgl. auch Elmar Altvaters Konjunkturanalyse in SOPO 5/70.) In diesem Sinn ist z.B. Lenins Imperialismustheorie relevanter für die Einschätzung des bürgerlichen Staates und seiner Funktio- nen für den Prozeß der Kapitalverwertung als Lenins Darlegung der marxistischen Staatstheorie in STAAT UND REVOLUTION. Hier neigt Lenin nämlich dazu, vom Staat im allgemeinen, unabhängig von der besonderen Form, die er in verschiedenen historischen Entwick- lungsphasen der Organisation der materiellen Reproduktion der Ge- sellschaft annimmt, zu sprechen. So verblassen in dieser aktuel- len polemischen Auseinandersetzung mit den Menschewiki und der revisionistischen deutschen Sozialdemokratie kurz vor der Ok- toberrevolution die Unterschiede zwischen feudalem und bürgerli- chem Staat. Dies entspringt folgerichtig der von Lenin in STAAT UND REVOLUTION verfolgten Absicht, eine p o l i t i s c h e Kritik der p o l i t i s c h e n Institutionen mit dem Ziel durchzuführen, die Notwendigkeit des Sturzes und der Zerschlagung des Staatsapparates durch die revolutionäre Arbeiterklasse aufzu- zeigen. Die Frage ist in STAAT UND REVOLUTION: Welche politische Strategie soll die Arbeiterklasse in einer revolutionären Situa- tion gegenüber der politischen Institution Staatsapparat ein- schlagen? Geht es allerdings darum, den Handlungsspielraum und die Perspektive für Aktionsstrategien einer sich erst neu konsti- tuierenden sozialistischen Bewegung zu bestimmen, so hilft eine marxistische Staatstheorie im Sinne von Lenins STAAT UND REVOLU- TION wenig weiter, die ganz allgemein von der Notwendigkeit der Zerschlagung des Staatsapparates spricht, aber keine Handhaben zur Einschätzung der Effektivität und Reichweite staatlicher Ein- griffe in den Kapitalverwertungsprozeß gibt. (Daher ist die Schrift auch nicht als Einführungsschrift in 'die' marxistische Staatstheorie geeignet, wozu sie vielfach bei der Schulung her- halten muß.) Zur Entwicklung von Strategien ist es heute aber vor allem notwendig, Kriterien zu erhalten, wieweit die manipulativen Möglichkeiten des Staatsapparates reichen, wo sie aufhören, wo sie neue Widersprüche hervorbringen, wo sie in kapitalistischer Form Elemente einer wirklichen Vergesellschaftung der Produktion enthalten (z.B. bei der Standardisierung der Produktionselemente) usw. Es geht also nicht um eine allgemeine marxistische Staats- theorie, sondern um die Frage nach den spezifischen Funktionen des Staates für die Sicherung des Kapitalverwertungsprozesses im entwickelten Kapitalismus und um die Schranken dieser staatlichen Funktionen. Der Revisionismus ist die Form, in der der Klassengegner sich in- nerhalb der Arbeiterbewegung selbst festsetzt, in der die Ideolo- gie der herrschenden Klasse sich als herrschende Ideologie auch in der Arbeiterklasse verbreitet. Diese Verbreitung erfolgt na- türlich nicht 'auf dem Rücken der bloßen Idee', sondern auf der Grundlage tatsächlicher Erfahrungen, die beidem: der revisioni- stischen Theorie und dem falschen Bewußtsein der Arbeiter, ge- meinsamer Hintergrund ist. Wesentlich für die Herausbildung des Revisionismus in der Geschichte der Arbeiterbewegung ist die Er- fahrung von 'sozialpolitischen' Gesetzen des bürgerlichen Staa- tes, die bestimmte Formen der Ausbeutung der Arbeiter im kapita- listischen Betrieb einschränken und die materielle Existenz der Lohnabhängigen für Zeiten, in denen sie» ihre Arbeitskraft nicht als Ware auf dem Markt verkaufen können (Krankheit, Alter, Ar- beitslosigkeit), auf der Basis eines Existenzminimums sichern (Arbeiterschutzgesetzgebung und Sozialversicherungssysteme). Diese Gesetze konnten leicht als Einschränkung der Herrschaft des Kapitals über die lebendige Arbeit erscheinen, zumal ihre Durch- setzung immer auch vermitteltes Ergebnis der Klassenkämpfe war. Der Staat konnte so in den Augen der Arbeiterklasse, insbesondere aber ihrer Organisation 8) als ein Instrument erscheinen, mit dessen Hilfe man sich auf dem Wege der 'Salamitaktik' stückweise die politische und gesellschaftliche Herrschaft aneignen könne. So schreibt Sering richtig: "Dem Entwicklungsgrad dieser Staats- funktion (Verkehr, Bildung, Sozialpolitik) pflegt übrigens bis zu einem gewissen Grad die Stärke des Reformismus parallel zu ge- hen." ) Zunehmende wirtschafts- und sozialpolitische Eingriffe des Staates, Konzentration des Kapitals und längere Prosperitäts- phasen, vor allem vor dem 1. Weltkrieg und nach dem 2. Weltkrieg 10), bilden die hauptsächliche Erfahrungsbasis für die von der Möglichkeit der schrittweisen Überführung des Kapitalismus m i t t e l s des staatlichen Apparates. Sie erscheint im Gewän- de der Bernsteinschen Theorie vor dem 1. Weltkrieg, der Theorie vom organisierten Kapitalismus und der Wirtschaftsdemokratie in der Weimarer Republik (Hilferding, Naphtali usw.) und am Anfang der BRD (Münchner Programm des DGB 1949); auch in den Theorien, die die gegenwärtige Phase der kapitalistischen Entwicklung als staatsmonopolistischen Kapitalismus bestimmen (z.B. "Imperialis- mus heute"); und schließlich in der Theorie vom Wohlfahrts- und Interventionsstaat im Sinne der Frankfurter Schule (Habermas, Offe u.a.). Der Zusammenhang zwischen dem empirischen Bewußtsein der Arbeiter (und auch der Studenten) und der revisionistischen Theorie be- steht darin, daß die Theorie die Erfahrungen noch begründet, rechtfertigt und ihnen damit noch den Schein der Notwendigkeit anheftet. 11) Das bedeutet zweierlei: E r s t e n s kann poli- tische Agitation in der Arbeiterklasse nicht ohne Berücksichti- gung einer langen reformistischen Tradition stattfinden. Für die Agitation der Studenten an der Universität ist die Kritik der re- formistischen Vorstellungen womöglich noch wichtiger, da ihre Si- tuation enger als die der Lohnabhängigen an den Staat gebunden ist. Diese Auseinandersetzung kann nur geführt werden, wenn die Zusammenhänge zwischen den ökonomischen Verhältnissen und den po- litischen Formen, zwischen ökonomischem und politischem Kampf je- weils im einzelnen aufgezeigt werden. Z w e i t e n s muß dar- aus die Schlußfolgerung gezogen werden, daß Revisionismus und falsches Bewußtsein endgültig nicht bloß theoretisch destruiert werden können, sondern hierzu soziale Kämpfe und Klassenkämpfe notwendig sind. II. Zur Theorie vom Sozialstaat ------------------------------- 1. Die Souveränität des Staates bei ----------------------------------- der Verteilung des Sozialprodukts --------------------------------- Eines ist den meisten revisionistischen mit den politologischen sowie vielen nationalökonomischen Theorien gemeinsam: sie gehen davon aus, daß der Staat im Kapitalismus die Möglichkeit zu um- fassender und bewußter Regulierung ökonomischer, gesellschaftli- cher und politischer Prozesse hat. Dabei ist das eigentliche Ter- rain, auf dem der Staat als 'Sozialstaat' sich als selbständig gegenüber der kapitalistischen Produktion erweisen soll, die Sphäre der 'Verteilung des Sozialprodukts'. Hier soll er seine Hebel zur Verbesserung oder gar schrittweisen Überführung der ka- pitalistischen Gesellschaft in Richtung auf den Sozialismus an- setzen können. Eine solche Vorstellung schließt also die Annahme ein, "daß die Distribution als selbständige, unabhängige Sphäre neben der Produktion haust" 12). Die Produktion und die sie be- herrschenden Gesetze sollen also der 'Verteilung' 13) keine grundsätzlich nicht manipulierbaren Schranken setzen. Eine derar- tige Auffassung läßt sich in den revisionistischen ebenso wie in zahlreichen bürgerlichen (vor allem politologischen) Theorien ausmachen, wie an einigen Beispielen gezeigt werden soll. So unterscheidet z.B. der von der Linken in der BRD in den letz- ten Jahren gern zitierte Otto Kirchheimer (1930) zwischen der "Direktionssphäre" und der "Verteilungssphäre", wobei die Direk- tionssphäre "der Eigengesetzlichkeit der kapitalistischen Wirt- schaftsordnung" unterliegt, während die Verteilungssphäre "dem freien Spiel der politischen Kräfte vorbehalten ist" 14). Der au- tonom durch staatliche Manipulationen regulierbaren Verteilungs- sphäre wird eine "Direktionssphäre" gegenübergestellt, die für Kirchheimer identisch ist mit der kapitalistischen Produktion. Bei Paul Sering, an dessen Schrift JENSEITS DES KAPITALISMUS (1946) sich eine ganze Generation von Linksgewerkschaftlern und Linkssozialdemokraten in der BRD geschult hat, tritt die Loslö- sung der Distribution von der Produktion deutlich zutage: es werde "immer sichtbarer, daß die tatsächliche Einkommensvertei- lung nicht durch unveränderliche ökonomische Gesetze entschieden wird, sondern durch den politischen Kampf um den Einfluß auf die Wirtschaftspolitik der Regierung geändert werden kann" 15). Wie es für den von Lenin gegeißelten Ö k o n o m i s m u s typisch ist, ökonomische Prozesse als letztlich die politische Sphäre de- terminierend anzusehen, so erscheint die konträre Spielart des Revisionismus als "P o l i t i z i s m u s", der die politi- schen Möglichkeiten des Staates gegenüber den ökonomischen Geset- zen v e r a b s o l u t i e r t, indem er die Totalität der ka- pitalistischen Gesellschaft säuberlich in Sphären trennt, unter denen die politische hervorragt als diejenige, in der wesentliche gesellschaftliche Veränderungen möglich seien, ohne daß an 'der ökonomischen Sphäre etwas Wesentliches geändert würde. Dies ver- sucht man gerade am Beispiel sozialpolitischer Maßnahmen des ka- pitalistischen Staates zu zeigen; so etwa Bernstein, nach dessen Auffassung sich "der klassische Begriff des Kapitalismus gewöhn- lich auf drei g e t r e n n t e Gebiete (bezieht): die Produk- tionsform, die Verteilungsform und die gesetzlichen Beziehungen. Nur die erste sei in der vorangegangenen Zeit nicht wesentlich verändert worden; die beiden anderen seien großen Veränderungen unterworfen gewesen" 16). Diese absolute Trennung der beiden Sphären, in der die Verselb- ständigung des Staatsapparates unvermittelt zur Autonomie des Staats gegenüber der kapitalistischen Produktionsform führt, kommt auch in der Theorie vom 'politischen Lohn' zum Ausdruck, wie sie von Rudolf Hilferding (1927) formuliert worden ist. Da- nach wird der Lohn nicht mehr durch ökonomische Gesetze, sondern durch die Stärke der parlamentarischen Vertretung der Arbeiter- klasse, von der Stärke ihrer Organisation und den sozialen Macht- verhältnissen außerhalb des Parlaments bestimmt 17). Die Regu- lierbarkeit des ökonomischen Antagonismus im 'Generalkartell' findet ihre Entsprechung in der politischen Regulierung der Mas- seneinkommen, nun aber unabhängig von den ökonomischen Gesetzen. Ganz in diese Tradition revisionistischer Verklärungsversuche ge- hört denn auch die These von Claus Offe (1969), das Indivi- dualeinkommen unterliege heutzutage "politischen Regulationen" und lasse sich nicht mehr aus der kapitalistischen Produktions- weise, sondern aus den soziologisch-politischen Konstellationen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen erklären 18). Die Verteilung erscheint also nicht mehr als notwendiges Moment des Produktions- und Zirkulationsprozesses des Kapitals, sondern als Feld für politisch bestimmte Staatsakte. In welche Portionen die produzierte Warenfülle, der "Kuchen des Sozialprodukts" (Erhard) vom Staat verteilt wird, das ist abhängig von der Inten- sität und Vehemenz, in der die verschiedenen sozialen Gruppen ihre 'Interessen' gegenüber dem Staat vertreten, von der Kampf- stärke der Arbeiterklasse, vom Stand des politischen Bewußtseins der 'Bürger', von der Sorge des Staates ums 'Systemgleich- gewicht', davon, ob der politische Willensbildungsprozeß demo- kratisch oder autoritär erfolgt, von der Effizienz der Verwal- tung, vom Sieg der einen oder anderen Partei bei den Wahlen, vom Grad der politischen Beteiligung usw. 19), also von politisch- gesellschaftlichen Verhältnissen, die, da von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unabhängig, dem "gesellschaftlichen Zufall" unterworfen sind 20). Wenn auch die "ökonomische Tendenz zur Ungleichheit" nicht einfach geleugnet wird, so wird doch gerade aufgrund der "Verselbständigung" der politischen Sphäre dem Staat die Möglichkeit zur "politischen Kompensation" der naturwüchsig dem Produktionsprozeß entspringenden Ungleichheit eingeräumt. Dem Staat stehen aufgrund dieser behaupteten Selbständigkeit der "politischen gegenüber der ökonomischen Macht" die Schlüssel zur Verteilung des 'Sozialprodukts' zur Disposition 21). Kapitalistische Produktion und Verteilung, sowohl der für die Er- weiterung der Produktion als auch der für den individuellen Kon- sum bestimmten Waren, haben sich durch das Dazwischentreten der Staatsgewalt voneinander gelöst. Der Staat erscheint als gegen- über den Produktionsverhältnissen autonomes Subjekt. So erhält er in der bürgerlichen Theorie konsequent die Bezeichnungen "Ver- teilerstaat", "Wohlfahrtsstaat", "Interventionsstaat", "Dienst- leistungsstaat", "Gefälligkeitsstaat", kurzum "Sozialstaat" 22). Denn der Sozialstaat zeichnet sich ja nach dieser Auffassung dadurch aus, daß er über einen wachsenden Anteil am Sozialprodukt verfügt und diesen nach politischen und sozialen Gesichtspunkten in Form von Sozialleistungen, Subventionen und öffentlichen Aufträgen zur Produktion von Schulen, Krankenhäusern, Straßen oder von Raketen, Bomben und Granaten verwenden und verteilen kann. Die Entstehung des zu Verteilenden, des "Sozialprodukts", also der Produktionsprozeß, existiert nicht als Problem der Verteilung. Daher können die staatlichen Maßnahmen als bloß politische, als von den politischen Machtverhältnissen und nicht von den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft abhängig aufgefaßt werden. Die nationalökonomischen Theorien haben demgegenüber im ganzen eine realistischere Vorstellung von diesen ökonomischen Gesetzmä- ßigkeiten und daher den Schranken der Staatstätigkeit. Das kommt schon in der terminologischen Unterscheidung der "primären", "spontanen" von der "sekundären", "politischen" Verteilung zum Ausdruck. Vielfach (und das gilt besonders für die konservativen Varianten) werden daher die in den "Erfordernissen eines gesunden Wirtschaftsablaufs" liegenden Schranken der staatlichen Redistri- bution deutlicher gesehen (regelmäßig z.B. in den sachverständi- gen Warnungen vor einer "überschäumenden Sozialpolitik" und der Empfehlung, die beste Sozialpolitik liege in einer guten Wirt- schaftspolitik). Doch ist auch hier der wirkliche Zusammenhang von Produktion und Distribution nicht erfaßt, und es kann auch nicht anders sein. Vom bürgerlichen Standpunkt aus kann die Dis- tribution der Produkte bzw. der Einkommen nicht als bloßes Moment des Kapitalkreislaufs und der in ihm enthaltenen Distribution der Produktionsagentien begriffen werden, weil mit dem Begriff des kreislaufenden und sich verwertenden Kapitals zugleich die Pro- duktionssphäre als Ort der Produktion von Mehrwert begriffen wär. Auf die Differenzen in der Einschätzung der staatlichen Um- verteilung, wie sie z.B. im Rahmen der Distributionstheorie zum Ausdruck kommen, werden wir noch genauer eingehen (vgl. unten Teil III). Auch wenn in den revisionistischen Theorien im Anschluß an Marx noch von 'kapitalistischer' Organisation der Produktion gespro- chen wird, wie bei Habermas und Offe zum Beispiel - von den vor- faschistischen Vertretern des Revisionismus ganz zu schweigen; sie konnten noch unschuldig mit dem Begriff 'Kapitalismus' ope- rieren - entgeht ihnen gerade das Spezifikum kapitalistischer Produktionsweise: daß die Basis der ökonomischen Reproduktion der Gesellschaft der Kreislauf des Kapitals ist und die Sphäre der Verteilung der Einkommen lediglich ein Moment im Kapitalkreislauf darstellt. So ist der 'politische Lohn' vom Standpunkt des Kapi- tals aus betrachtet eben variables Kapital, das vorgeschossen werden muß und mit seiner Größe die Profitrate beeinflußt. Schon von diesem - noch genauer auszuführenden - Aspekt her erweist sich die Betrachtung der kapitalistischen Form der Produktion und der verteilenden Tätigkeit des Staates als voneinander gelöster Momente der kapitalistischen Gesellschaft als unrichtig. 2. Unfähigkeit, den Produktionsprozeß ------------------------------------- in seinem Doppelcharakter zu begreifen -------------------------------------- Selbstverständlich tritt die Überschätzung staatlicher Eingriffs- möglichkeiten in den Verteilungsmechanismus, wie bereits angedeu- tet, in jeweils modifizierten Formen in den verschiedenen Theo- rien auf. Sie reichen von der völligen Aussparung der Produkti- onssphäre bis zu ihrer beschränkten Berücksichtigung, nämlich im Rahmen der innerhalb der bürgerlichen Wissenschaften vorgegebenen Arbeitsteilung. Die neueren Sozialstaatstheorien, die nicht mehr an einer politischen Praxis der Arbeiterbewegung orientiert (und insofern nicht mehr im eigentlichen Sinn revisionistisch) sind, begreifen sich vorwiegend als politisch-soziologische Theorien und überlassen die Analyse der 'Wirtschaft' der ökonomischen Theorie, aus der sie dann auch die Sätze übernehmen, die am ehe- sten in ihr Konzept hineinpassen: Habermas stützt sich auf Joan Robinson zur 'Widerlegung' der Marxschen Werttheorie 23), Offe auf Shonfield 24) und alle insgesamt auf die Keynesianischen Spielarten innerhalb der bürgerlichen Ökonomie. Sie begreifen da- her nicht mehr, daß bereits in der Arbeitsteilung der einzelwis- senschaftlichen Theoriebildung die Verabsolutierung einzelner Segmente der Totalität kapitalistischer Produktionsweise impli- ziert ist und daß auch die Zusammenfassung von Aussagen über die einzelnen Segmente keinen Begriff des Ganzen ergeben kann. Eines ist jedoch dem Revisionismus seit Bernstein gemeinsam, daß der Produktionsprozeß selbst dort, wo er explizit Berücksichtigung findet, nicht als widersprüchliche Einheit von Arbeits- und Ver- wertungsprozeß begriffen werden kann, sondern als bloßer Arbeits- prozeß erscheint, der sich allein durch seine besonderen juristi- schen und organisatorischen Formen noch als kapitalistischer aus- weist. Rosa Luxemburg kritisiert schon an Bernstein zu Recht, er ver- stehe "unter Kapitalist nicht eine Kategorie der Produktion, son- dern des Eigentumsrechts, nicht eine wirtschaftliche, sondern eine steuerpolitische Einheit. ... Indem Bernstein den Begriff Kapitalist aus den Produktionsverhältnissen in die Eigentumsver- hältnisse überträgt ... überträgt er auch die Frage des Sozialis- mus aus dem Gebiet der Produktion auf das Gebiet der Vermögens- verhältnisse, aus dem Verhältnis von Kapital und Arbeit in das Verhältnis von reich und arm." 25) Hier wird deutlich, wie die Reduktion der Kapitalismuskritik auf die Frage der 'gerechten Verteilung' bei Bernstein, die wiederum die Basis seiner reformi- stischen Strategie ist - der Staat als Subjekt der gesellschaft- lichen Umwandlung - seiner bloß soziologisch-juristischen Bestim- mung des Kapitalverhältnisses entspringt. Diese aber ist nur mög- lich, wenn der Produktionsprozeß nicht in seinem Doppelcharakter begriffen wird, sondern als bloßer Arbeitsprozeß, dem die kapita- listischen Bestimmungen nur als zufällige anhaften, die daher bei gutem Willen des Kapitalisten und unter entsprechendem Druck der Arbeiterklasse innerhalb des Kapitalismus beseitigt werden kön- nen. Jeder Begriff davon geht verloren, daß der Produktionsprozeß als Verwertungsprozeß des Kapitals bestimmten Gesetzmäßigkeiten un- terliegt, die sich hinter dem Rücken der Individuen durchsetzen und den einzelnen Kapitalisten zu ihrem Vollzugsorgan machen. Zwar wird das Wort 'kapitalistische Produktion' im Munde geführt, wobei man im Sinne von Marx zu sprechen glaubt, doch der s p e z i f i s c h e Charakter des kapitalistischen Produkti- onsprozesses wird dabei unterschlagen. Jeder Produktionsprozeß ist Arbeitsprozeß, unabhängig von den Produktionsverhältnissen; es wird in ihm nützliche Arbeit geleistet, deren Zweck die Her- stellung von Gebrauchsgütern ist. "Im A r b e i t s p r o z e ß bewirkt also die Tätigkeit des Menschen durch das Arbeitsmittel eine von vornherein bezweckte Veränderung des Arbeitsgegenstan- des. Der Prozeß erlischt im P r o d u k t. Sein Produkt ist ein G e b r a u c h s w e r t, ein durch Formveränderungen menschli- chen Bedürfnissen angeeigneter Naturstoff." 26a) Demgegenüber ist der Verwertungsprozeß dadurch gekennzeichnet, daß er nicht die Gebrauchswerte um ihrer selbst willen, sondern als Träger von Tauschwert herstellt. Der Kapitalist "will nicht nur einen G e b r a u c h s w e r t produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur W e r t, sondern M e h r w e r t." 26b) Der kapitalistische Produktionsprozeß findet nur statt, wenn zum einen in ihm mehr Wert erzeugt wird, als der Kapitalist beim Ankauf von Produktionsmitteln und Ar- beitskraft in ihn hineingesteckt hat, und wenn zum anderen die erzeugten Produkte als Waren auf dem Markt verkauft werden kön- nen, ihre Umwandlung in Geldform zu gelingen verspricht. Sämtliche Methoden und Organisationsformen der Ausbeutung, die in der Geschichte des Kapitalismus praktiziert worden sind, zusammen mit den Krisen und dem mit ihnen verbundenen Elend der Gesamtbe- völkerung, entspringen dem Zwang, unter dem jeder einzelne Kapi- tal ist steht, sein Kapital verwerten zu müssen als Bedingung seiner Existenz. Der gesamte Produktionsprozeß ist vom Verwer- tungszwang des Einzelkapitals geprägt, von der hierarchischen Or- ganisation des Betriebes über die technische Gestaltung der Ma- schinen und die Gestaltung der Fabrikräume bis hin zu den Antrei- bermethoden aller Art, die die für den Kapitalisten allergünstig- ste, d.h. bestmögliche Ausnutzung und Auffüllung aller Poren des Arbeitstages, der gekauften Arbeitszeit des Arbeiters ermöglichen sollen. Die Arbeitskraft muß, darüberwacht der Kapitalist, in dem gewöhnlichen Durchschnittsmaß der Anstrengung, mit dem gesell- schaftlich üblichen G r a d a n I n t e n s i t ä t veraus- gabt werden." 26c) Die besonderen juristischen und organisatorischen Formen des ka- pitalistischen Produktionsprozesses sind nichts anderes als der n o t w e n d i g e Ausdruck für den Doppelcharakter des Produk- tionsprozesses im Kapitalismus als Arbeits- und Verwertungspro- zeß. Von den Revisionisten dagegen werden sie nahezu durchgehend als bloß z u f ä l l i g e Akzidenzien angesehen. Dies zeigt sich vor allem an der Bestimmung der Rolle des Kapitalisten ge- genüber dem Arbeiter. Dieses Verhältnis wird in der revisionisti- schen Theorie nicht aus dem ökonomischen Verhältnis zwischen Ka- pital und Arbeit, also aus ihrer Beziehung innerhalb des Verwer- tungsprozesses des Kapitals, im unmittelbaren Produktionsprozeß, erklärt. Es wird nicht mehr gesehen, daß der einzelne Kapitalist und der einzelne Lohnarbeiter ökonomische Charaktermasken des Ka- pitalverhältnisses sind. In dieser Blindheit haben auch die Ideo- logien von Wirtschaftsdemokratie und Mitbestimmung ihre Wurzeln. So heißt es bei Fritz Naphtali (1929) 26d): "Im Betrieb stehen Unternehmer oder überhaupt Leiter des Betriebes und Arbeiter ein- ander gegenüber; hier bedeutet die Überwindung der unternehmeri- schen Despotie das Mitbestimmungsrecht für die Arbeiter, die nicht mehr als rechtlose Objekte behandelt werden sollen." Die Despotie des Kapitalisten entspringt demnach bloß seiner Willkür und ist auf der organisatorischen Ebene - Schaffung von Mitbe- stimmungsgremien innerhalb des kapitalistischen Betriebes - zu beseitigen. Der Sozialismus wird zur ethischen Forderung, der Ka- pitalismus zu einer Frage der Unternehmermoral. (Zur genaueren Kritik dieser Auffassung vgl. den Abschnitt über die Fabrikge- setzgebung in diesem Aufsatz.) Eine andere Variante der Negation des Doppelcharakters des kapi- talistischen Produktionsprozesses finden wir in Paul Serings Theorie von der Produktionshierarchie. Der kapitalistische Be- trieb erscheint ihm als rationale Organisation, in der die "P r o d u k t i o n s i n t e l l i g e n z" (Techniker, Markt- experten) "u n e r m ü d l i c h f ü r w e i t e r e n F o r t s c h r i t t u n d f ü r d i e S c h a f f u n g k o o p e r a t i v e r F o r m e n t e c h n i s c h e r u n d w i r t s c h a f t l i c h e r O r g a n i s a t i o n" arbeitet und in der die Manager "in erster Linie Menschen" sind, "die die Fähigkeit erworben und erwiesen haben, Entscheidungen über das Inganghalten einer komplizierten Organisation zu treffen und durchzusetzen." "... d e r e i n z i g e P u n k t , w o d i e a l t e E i n h e i t d e r U n t e r n e h m e r- f u n k t i o n e r h a l t e n b l e i b t, w o d i e L e i t u n g d e r P r o d u k t i o n t a t s ä c h l i c h v o m p e r s ö n l i c h e n P r o f i t i n t e r e s s e d e s E i g e n t ü m e r s a b h ä n g t, i s t d i e S p i t z e d e r P y r a m i d e - die monopolistische und finanzielle Oligarchie. Und diese Oligarchie verwächst, wie wir gesehen haben, zunehmend mit den Organen der staatlichen Wirtschaftspolitik." 27) Es wird hier also vom Doppelcharakter des (kapitalistischen) Pro- duktionsprozesses als Arbeits- u n d Verwertungsprozeß abgese- hen. Im kapitalistischen Betrieb ist aber der Leiter der Produk- tion immer auch Mehrwerterpresser. 28) Damit ist die Unterwerfung der lebendigenunter die tote Arbeit, die Mehrwertauspressung und die Ökonomie (d.h. Sparsamkeit) des Kapitals, die darin besteht, daß sie "bei aller Knauserei durchaus verschwenderisch mit dem Menschenmaterial umgeht", 29) aus der Organisation der Produktion im kapitalistischen Betrieb verschwunden. Dieser wird als eine technisch-rationale Anstalt aufgefaßt; kapitalistisch ist nur noch die oberste organisatorische Spitze. Zur Einführung des So- zialismus bedarf es dann nur noch der Auswechslung des Personals an der Spitze, der Zurückdrängung des Einflusses der kapitalisti- schen Oligarchie auf die Wirtschaftspolitik durch eine starke so- zial-demokratische Regierung und die allmähliche Absetzung der Spitzen und ihr Ersatz durch Planungsfachleute. Die gegenwärtig von der DKP im Anschluß an die Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus vertretene Strategie zur friedlichen Überführung des Kapitalismus in den Sozialismus beruht auf ebensolchen Vorstel- lungen. Von zwei Seiten soll die Macht des Monopolkapitals einge- schränkt werden: durch Mitbestimmung im Betrieb und durch die Entfaltung eines demokratischen Programms der Wirtschaftspolitik im Kampf gegen die Monopole. Es geht um die allmähliche Übernahme des "Apparates zur Lenkung und Leitung der Wirtschaft" und seine "Unterordnung unter die Interessen des Volkes". "Zwischen der Herrschaft des staatsmonopolistischen Kapitalismus und der Errichtung der Diktatur des Proletariats für den Übergang zum Sozialismus liegt die Etappe der Erkämpfung, Errichtung und Entfaltung der gegen den staatsmonopolistischen Kapitalismus ge- richteten Demokratie..." 30) 3. Erfolgreiche Konjunkturpolitik --------------------------------- als Voraussetzung der Sozialpolitik ----------------------------------- Die Annahme von der Autonomie staatlicher Verteilungspolitik ge- genüber den Verwertungsgesetzen kapitalistischer Produktion kann auf eine Voraussetzung nicht verzichten: die 'Wirtschaft' muß weitgehend k r i s e n f r e i funktionieren, die ökonomische Reproduktion der Gesellschaft muß in kontinuierlichem W a c h s- t u m ablaufen. Ohne diese Voraussetzung ist die Annahme von der Autonomie der Verteilungspolitik unhaltbar. Denn alle Kategorien der 'Verteilung' (immer: der Einkommen) und damit auch der an ihnen ansetzenden Politik sind - wie für den 'politischen Lohn' schon angedeutet wurde - zugleich und vor allem Kategorien des Kapitalkreislaufs und werden folglich auch durch jede Stockung des Kapitalkreislaufs beeinflußt. Arbeitslosigkeit und ein stagnierendes oder gar sinkendes Sozialprodukt machen schließlich jede Verteilungspolitik unter sozialstaatlichen Gesichtspunkten illusorisch. Folgerichtig gehen auch alle sozialpolitischen Pläne und Prognosen der Bundesregierungen von einem mehr oder weniger kontinuierlichen Zuwachs des Sozialproduktes aus. 31) Die Voraussetzung der Krisenfreiheit muß allerdings begründet werden; und in den Begründungen unterscheiden sich die Sozialstaats- theorien. Für Bernstein ebenso wie für die Theorien des 'organisierten Ka- pitalismus' in den 20er Jahren 32) waren es Kapitalkonzentration und Ausbildung des Finanzkapitals, die die Krisen zum Verschwin- den bringen sollten; sie sollten - im Gegensatz zum 'Konkurrenzkapitalismus' und der 'Anarchie des Marktes' - dem Ka- pital unter Hilfestellung des demokratischen Staates, die Planung der Produktion ermöglichen. Die revisionistischen Theorien nach der Weltwirtschaftskrise mußten andere Erklärungsmodelle entwic- keln. Denn durch die Weltwirtschaftskrise war die Annahme der Krisenfreiheit als Folge einer ungesteuerten Entfaltung der Ge- setze kapitalistischer Akkumulation selbst ad absurbum geführt worden. Seit dieser Zeit gehen beinahe alle bürgerlichen und re- visionistischen Theoretiker - von den Wohlfahrtsstaatstheorien über den Neoliberalismus bis zu den rechts- und linkskeynesiani- schen Ablegern in der heutigen Sozialdemokratie und in den Ge- werkschaften - davon aus, daß durch staatliche Eingriffe die öko- nomische Basis gefestigt werden kann, über die der Staat sich als Sozialstaat dann frei zu erheben vermag. Es ist heute nicht mehr möglich, in ökonomischer Unschuld das Verschwinden der Krisen den naturwüchsigen Mechanismen kapitalistischer Akkumulation selbst anzurechnen. Vielmehr soll heute versucht werden, die Krisenfrei- heit der gesamten Produktion durch bewußte Eingriffe des Staates herzustellen, und das heißt: durch ein Subjekt, das in die zu re- gulierenden Abläufe nicht verwickelt ist. So bedingen sich Poli- tik des Krisenmanagements und Verteilungspolitik des Staates wechselseitig: die krisenverhindernden Interventionen des Staates sind Voraussetzung für seine sozialpolitischen Maßnahmen; die Au- tonomie des Staates in der Sphäre der Einkommens-Verteilung wie- derum ist Voraussetzung für seine 'Krisenvermeidungsstrategien'. Das läßt sich an folgendem Beispiel sehr leicht zeigen: Die in der Vorstellung vom 'politischen Lohn' implizierte Annahme, der Lohn könne politisch geregelt werden, wird den bürgerlich-techno- kratischen Vorstellungen von der Möglichkeit der Regulierung der Volkswirtschaft mittels 'Einkommenspolitik', 'konzertierter Ak- tion' bzw. 'Lohnleitlinien' zugrundegelegt. Der 'politische Lohn' als Ausdruck staatlicher Autonomie in der V e r t e i l u n g s- s p h ä r e soll nun unvermittelt als ökonomisches Manipulie- rungsinstrument dienen, um die P r o d u k t i o n antizyklisch zu stabilisieren. Der Staat setzt also in der Sphäre der Verteilung an, um hier in der Weise in den Kapitalkreislauf einzugreifen, daß ökonomische Krisen 'entschärft' werden. Die Voraussetzung für die Regulierungstätigkeit des Staates von der Verteilungssphäre aus ist demnach, daß die angenommene Autonomie in dieser Sphäre doch nicht so weit geht, daß sich die hier vorgenommenen Eingriffe nicht auf den Produktionsprozeß auswirkten 33). Somit erweist sich die Trennung von Produktion und Verteilung unter diesem Gesichtspunkt nicht mehr als totale, sondern als e i n s e i t i g e: Es wird zwar angenommen, daß die Verteilungs p o l i t i k von den Gesetzmäßigkeiten und Grenzen des Kapitalverwertungsprozesses unabhängig sei. Aber es wird zugleich angenommen, daß der Akkumulationsprozeß - jetzt neutral mit der Phrase vom 'stetigen Wirtschaftswachstum' belegt - sehr wohl durch Verteilungspolitik als Krisenvermeidungspolitik beeinflußt werden könne. Damit werden gleichzeitig die relative Autonomie des Staates in der Verteilungssphäre und damit in der Verteilungspolitik und zugleich seine Möglichkeit zur "Krisenvermeidungsstrategie" 34) begründet; das eine wird zur Voraussetzung des anderen und beides läßt sich durch das gleiche Subjekt gewährleisten. Der Akkumulationsprozeß und seine Eigengesetzlichkeit ist somit erst recht als Problem beseitigt bzw. obsolet, insbesondere da in den vergangenen 20 Jahren in der BRD scheinbar die Wirksamkeit staatlicher Politik und die Richtigkeit der auf diesen Annahmen beruhenden Theorien erwiesen worden ist. Auf diese Weise werden die Widersprüche zwischen kapitalistischer Produktion und Sozialpolitik weitgehend eliminiert. Am deutlich- sten wird dies in den linkskeynesianischen bzw. gewerkschaftli- chen Vorstellungen von der Möglichkeit des erfolgreichen 'Krisenmanagements' durch Lohnsteigerungen, da diese ja als Kauf- kraftsteigerungen die effektive Nachfrage ankurbeln sollen. So sagte schon 1928 Fritz Tarnow: "In diesem Zusammenhang handelt es sich nicht um das Soziale, sondern um die volkswirtschaftliche Notwendigkeit, einen stärkeren Gebrauch an Konsumgütern zu er- zwingen, um den Weg zu vergrößertem Verbrauch und vergrößerter Produktion freizulegen." 35) Und im Gefolge dieser bequemen Tra- dition des bloßen Appells an den Staat und an die 'Vernunft' der Kapitalistenklasse anstatt der Vorbereitung der Arbeiterklasse auf revolutionäre Praxis empfiehlt z.B. die IG Metall 1967 dem Staat, den Arbeitern mit "Investitionskrediten die Anschaffung eines PKW zu erleichtern und so gleichzeitig die Automobilindu- strie anzukurbeln"; zugleich beklagte sie die mangelnde Moral der Unternehmer, die aus lauter Böswilligkeit und gegen ihre bessere Einsicht, daß doch erst der Massenkonsum den Absatz ihrer Waren gewährleiste. Sozialausgaben und Löhne in der Krise kürzen 36). Tarnow sah immerhin noch das hier bestehende Problem, wenn er schreibt: "Der e i n z e l n e Unternehmer kann zwar nach wie vor so rechnen, daß er von einer Herabsetzung der Löhne nichts anderes als Vorteil hat. Für die Unternehmer im g a n z e n aber könnte diese Manipulation nicht mehr vorgenommen werden, ohne die Kapitals- und Profitinteressen des Unternehmertums selbst schwer zu verletzen." 37) Daher plädiert er für die Ver- teilung der Gesamtkaufkraft in einem richtigen Verhältnis zwi- schen Konsumtion und Akkumulation, die die Basis eines prosperie- renden Kapitalismus darstellen solle, in dem die Gesamtinteressen des Kapitals und der Arbeiterklasse harmonisch zusammenfallen. Als Garant solcher Harmonie kann natürlich nur der Staat fungie- ren. Aber zu solchen Vorstellungen schreibt bereits Marx: "Mit Ausnahme seiner eigenen Arbeiter, erscheint jedem Kapitalisten gegenüber die Gesamtmasse aller andren Arbeiter nicht als Arbei- ter, sondern als Konsumenten. ... Er wünscht sich natürlich die Arbeiter der a n d r e n Kapitalisten als möglichst große Kon- sumenten s e i n e r Ware. Aber das Verhältnis jedes Kapitali- sten zu s e i n e n Arbeitern ist das V e r h ä l t n i s ü b e r h a u p t v o n K a p i t a l u n d A r b e i t, das wesentliche Verhältnis." 38) Die Praxis der staatlichen Krisenma- nipulation im Jahre 1967 hat gezeigt, daß es auch dem 'Sozialstaat' geboten ist, dieses "wesentliche Verhältnis" zu be- rücksichtigen: er kürzte die Sozialleistungen und mußte es zulas- sen, daß die Löhne stagnierten und zum Teil sogar gesenkt wurden. Daß das Kapital nur a l s e i n z e l n e s existiert, der Staat als Vertretung der gesamten Kapitalistenklasse demnach ein Interesse des G e s a m t k a p i t a l s nur insoweit vertre- ten kann, als es auch das Interesse der Kapitale als Einzelkapi- tale - zumindest aber ihrer mächtigeren Fraktion - ist, wird dabei unterschlagen. Das im Kapitalverhältnis gesetzte widersprüchliche Interesse jedes Einzelkapitalisten an größter Konsumtionskraft aller Arbeiter mit Ausnahme der von ihm angewendeten und an möglichst niedrigem Lohn seiner eigenen Arbeiter, kann auch der Staat nicht überspringen. Das kommt auch darin zum Ausdruck, daß die 'spontane' Verteilung zwischen Lohn und Profit gar nicht vom Staat geregelt wird, sondern in d i r e k t e r Konfrontation der 'Tarifpartner'. (Seine Tätigkeit beschränkt sich, knapp zusammengefaßt, auf die Umverteilung innerhalb der Lohneinkommen ('Sozialleistungen', Ausbildungskosten der Arbeitskraft) und auf eine gewisse Umverteilung des Profits zwischen verschiedenen Kapitalgruppen (Subventionen, Investitionsanreize usw.) Vgl. auch oben Anm. 13.) Die Annahme von der gegenseitigen Ergänzung der krisenmanipu- lierenden und der sozialpolitischen Funktion des Staates läßt sich also nicht halten. Es bleibt eine Unmöglichkeit für den Staat im Kapitalismus, die krisenfreie ökonomische Reproduktion der Herrschaftsverhältnisse, d.h. des Kapitalverhältnisses, auch nur zu versuchen und g l e i c h z e i t i g die politische Aufhebung dieses Verhältnisses zu betreiben. Eine Milderung dieses allgemeinen Widerspruchs wird nur insofern versucht, als zur Reproduktion des Kapitalverhältnisses auch ein bestimmtes Minimum an sozialer "Stabilität" als Voraussetzung für den rei- bungslosen Ablauf des Kapitalverwertungsprozesses jeweils gesi- chert sein muß. Diesem Zweck dient die S o z i a l p o l i t i k a l s B e f r i e d u n g s p o l i t i k; sie bleibt auch da- bei Moment der Sicherung der stetigen Reproduktion des Kapital- verhältnisses, stellt also das gerade Gegenteil von politischer Autonomie des Staates dar, wie noch ausführlicher zu zeigen sein wird. Die bürgerliche Wissenschaft ist auch in dieser, aber auch nur in dieser Hinsicht weniger illusionär als die revisionistischen Ge- werkschaftstheoretiker seit der Weimarer Republik, Die sozial- staatlichen Aufgaben sind demnach der primären Aufgabe der Wachs- tums- und Wohlstandssicherung unterzuordnen. Dabei wird auch durchaus der Konflikt zwischen diesen beiden Staatsfunktionen ge- sehen, aber die Übereinstimmung wird dann doch wieder mit der Be- hauptung hergestellt, daß die beste Sozialpolitik eine gute Wirt- schaftspolitik sei, die durch Sicherung des Wachstums erst dem Staat die Mittel zur sozialen Verteilertätigkeit zur Verfügung stelle und zudem 'Erwerbslosigkeit' verhindere. In diesem Sinne geht z.B. die im Auftrag der Bundesregierung (von zumeist den da- maligen Regierungsparteien nahestehenden Professoren) ausgearbei- tete SOZIALENQUETE (1966) davon aus, daß im Hinblick auf die Auf- gabe der Sozialpolitik, nämlich die Erfüllung des Sicherungsund Versorgungsbedürfnisses der Bevölkerung, im ganzen eine Identität mit den Zielen der Wirtschaftspolitik bestehe. 39) Eine Wirt- schaftspolitik, welcher die Sozialpolitik nicht durch Ausgabener- höhungen zur unrechten Zeit (und die Zeit ist schließlich immer unrecht 40)) in die Quere kommt, soll danach in der Lage sein, wirtschaftliches Wachstum und 'Vollbeschäftigung' 41) zu garan- tieren. "Sozialpolitik im Ganzen ist ihrer Natur nach längerfri- stig orientiert und ist rational nur durchführbar, wenn es der Wirtschaftspolitik gelingt, übermäßige Konjunkturschwankungen zu verhindern". 42) Daraus ergibt sich dann die Notwendigkeit der Ausrichtung und Unterordnung der Sozialpolitik unter die wirt- schaftspolitischen Maßnahmen, soweit dies ohne Gefährdung des "sozialen Friedens" möglich sei. Die Erhaltung des "sozialen Friedens" ist somit ein Bestimmungsfaktor für die u n t e r e G r e n z e der Sozialleistungen (neben der Erhaltung der "Arbeits- und Leistungsfähigkeit, Berufserziehung und Mobi- lität"). "Preisstabilität" und "Investitionsbereitschaft der Unternehmer" definieren die o b e r e G r e n z e 43). Dies ist der Spielraum, in dem sich nach der Einschätzung der Verfasser der SOZIALENQUETE die redistributiven sozialpolitischen Maßnahmen des Staates bewegen dürfen. 4. Sozialstaat und pluralistische Demokratie -------------------------------------------- Die theoretische Trennung der ökonomischen Bedingungen von Pro- duktion und Distribution hat politische Konsequenzen. Historisch ist natürlich die Theorie Konsequenz revisionistischer Praxis, nicht ohne diese weiter zu bestätigen: der Versuch der Sozialde- mokratie zur wissenschaftlichen Begründung ihrer nicht-revolutio- nären Politik, ihrer Zusammenarbeit mit Kapital und bürgerlichem Staat, führte zu immer erneuten Anläufen, einen gegenüber Marx' Zeiten grundsätzlich veränderten Kapitalismus und vor allem ein qualitativ verändertes Verhältnis zwischen kapitalistischem Pro- duktionsprozeß und Staat nachzuweisen. Dieser Nachweis sollte dazu dienen, die tatsächlich verfolgte politische Strategie der Zusammenarbeit der Klassen im bürgerlichen Staat zu legitimieren. Dabei bilden die Souveränität des Staates bei der Verteilung des Sozialprodukts und das Verschwinden der kapitalistischen Krisen, sei es als Ergebnis naturwüchsiger Prozesse der kapitalistischen Entwicklung, sei es als Folge staatlichen Krisenmanagements, für die revisionistischen Staatstheorien wesentliche Voraussetzung einer allmählichen Überführung des Kapitalismus in den Sozialis- mus, des bürgerlichen Staates in einen sozialen und demokrati- schen Rechtsstaat. Nachdem die sozialdemokratischen Theoretiker von Bernstein bis Habermas den Sozialstaat auf den festen Grund einer dauerhaft wachsenden 'Güterfülle' gestellt haben, stehen der Verwirklichung einer demokratischen Gesellschaft auch keine unüberwindlichen Hindernisse mehr entgegen: "Der Konflikt der Klassen verliert in dieser Perspektive seine revolutionäre Ge- stalt; eine f o r t s c h r e i t e n d e D e m o k r a t i- s i e r u n g d e r G e s e l l s c h a f t ist auch i n- n e r h a l b d e r k a p i t a l i s t i s c h e n G e- s e l l s c h a f t s o r d n u n g nicht von vornherein ausge- schlossen." 44) Bernstein wollte eine nicht-revolutionäre Strategie für die Ar- beiterklasse fomulieren: Sozialreformen statt Revolution. Die Be- hauptung, ein revolutionärer Kampf der Arbeiterklasse habe sich historisch erübrigt, über den Staat lasse sich der Sozialismus schon durch die Arbeiterparteien und unter kräftiger Mitwirkung der Gewerkschaften einführen , führte zur Herausarbeitung der Vorstellung, der Staat stehe den Bedingungen der kapitalistischen Produktion unabhängig gegenüber. Da der Staat im weiteren Verlauf der Entwicklung (Weimarer Republik) seine Eingriffe in die Ge- sellschaft vor allem auf dem Verteilungssektor entwickelt (wachsender Anteil des Sozialprodukts, der vom Staat verteilt wird) 45), und zwar vermittelt über die parlamentarischen Ausein- andersetzungen, kommt es dazu, daß die staatliche Verteilungstä- tigkeit als die Sphäre der Unabhängigkeit der Staatsgewalt gegen- über der Kapitalakkumulation aufgefaßt wird. Das ist der Ursprung der Theorie vom politischen Lohn bei Hilferding und der entspre- chenden Auffassungen bei Kirchheimer, Sering und anderen sozial- demokratischen Theoretikern. Nach Hilferding werden die politischen Stärkeverhältnisse der Klassen im demokratischen Staat durch die Wahlen dauernd gemes- sen. Diese Kräfte werden unmittelbar über das Parlament in die Bildung des Staatswillens umgesetzt, der in der Demokratie Resul- tat des Willens der Staatsbürger sei. So ergebe sich eine "Anschmiegsamkeit der Staatsmacht an die wechselnden Stärkever- hältnisse", aus der sich folgerichtig ein Steigen des bestimmen- den Einflusses der Arbeiterpartei ergeben müsse - der Anteil der Arbeiterschaft an der Gesamtbevölkerung wächst 46). Dem müsse ein Ansteigen des Lohnes nachfolgen, da der Lohn politisch und nicht ökonomisch bestimmt sei. "Die Arbeiterschaft betrachtet nunmehr den Staat als das politische Instrument zum Aufbau des Sozialis- mus." 47) Wahlen und Parlament sollen als Mittel für die friedli- che Austragung der Kämpfe von Lohnarbeit und Kapital dienen. Als die SPD im Jahre 1949 dem Grundgesetz für die BRD im Parla- mentarischen Rat zustimmte, war sie von der Vorstellung bestimmt, der provisorische Charakter des neuen Staatswesens, die Offenheit der Verfassung in Richtung auf Sozialisierung der großen Indu- strie (Art. 15), die starke Stellung der Regierungspartei und des Kanzlers nach dem Grundgesetz, die Kompetenzen des Bundesgesetz- gebers und die grundgesetzlich fixierte Sozialstaatsklausel (Art. 20) - also sämtlich Sicherungen im Bereich s t a a t l i c h e r Machtausübung - genügten, um die Umwandlung der zu dieser Zeit bereits restaurierten kapitalistischen Gesellschaft in eine so- zialistische zu ermöglichen. Mit parlamentarischer Mehrheit - die SPD rechnete damals fest mit einem Wahlsieg - gedachte sie, durch die Übernahme der Staats- macht ihre gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen zu realisieren. Revolutionäre Massenaktionen und Kämpfe der Arbei- terschaft waren in diesem Konzept nicht vorgesehen, wie die ambi- valente bis ablehnende Haltung der SPD in den Verfassungsverhand- lungen zum politischen Streikrecht, wie auch das Fehlen jeglicher Absicherung plebiszitärer Aktionen in der Verfassung selbst deutlich machen. Aber auch die Inhalte ihrer politischen Vorstellungen handeln we- niger von der Arbeiterklasse als historischem Subjekt gesell- schaftlicher Prozesse als vielmehr vom Staat. Der Gegensatz zwi- schen CDU/CSU und SPD hinsichtlich des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft kulminierte darin, daß die CDU/CSU dem Staat nur eine subsidiäre, nachträglich korrigierende Rolle gegenüber der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung zusprach, Sozial- politik also als problemlos sich ergebendes Abfallprodukt eines auf kapitalistischer Basis sich ungehemmt entfaltenden ökonomi- schen Wachstums sah, während demgegenüber die SPD die staatliche Verantwortlichkeit gegenüber den gesellschaftlichen und ökonomi- schen Prozessen, die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit durch Eingriffe des Staates in die Ökonomie, durch Planung und Soziali- sierung auf dem Gesetzeswege hervorhob. Angelpunkt der politi- schen Konzeption der SPD für das Deutschland nach dem Faschismus war der S o z i a l e S t a a t; gesellschaftliches Ziel, "daß man den Menschen herausnimmt aus der großen Objektsituation" (Carlo Schmid) historischer Akteur die SPD als Partei im Parla- ment und Schumacher als Bundeskanzler mit Richtlinienkompetenz, Einführung des Sozialismus also durch eine "gewisse Revolution von oben" 48). Die Aufgabe des Sozialismus als Ziel im Godesberger Programm und das praktische Einschwenken auf die sozialpolitischen Vorstellun- gen der CDU seit der Großen Koalition ist also nichts anderes als die Entfaltung dessen, was in der politischen Konzeption der SPD unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Faschismus schon enthalten war: diese Konzeption wiederum ist wesentlich eine Erneuerung des revisionistischen Traditionsbestandes der Weimarer Republik. Immerhin wird in der revisionistischen Theorie nach dem Kriege noch ein weiterer Schritt vollzogen, der die immanente Logik ih- rer Ansätze vor dem Faschismus voll entwickelt - dies aber eben aufgrund besonderer historischer Entwicklungen: dem Zurücktreten der SPD als erklärter Vertretung der Arbeiterklasse, ihre Neuge- burt als Volkspartei. Im Zuge dieser Entwicklung wird nun nicht mehr allein der Staat als unabhängig vom Kapitalverwertungsprozeß aufgefaßt, sondern die Gesellschaft selbst als eine in eine Viel- zahl von Interessengegensätzen sich auseinandersetzende, als plu- ralistische Gesellschaft verstanden. Der Logik einer Theorie folgend, der der antagonistische Konflikt zwischen Kapital und Arbeit lediglich als Konflikt um die Vertei- lung knapper Mittel erscheint, verschwindet für den modernen Re- visionismus der Klassengegensatz überhaupt: mit abnehmender Knappheit aufgrund eines wachsenden Sozialprodukts wird der Klas- sengegensatz zur pluralistischen Auseinandersetzung um einen im- mer größer werdenden Kuchen: "Die industriell-fortgeschrittenen Gesellschaften haben, auf einem hohen und immer erhöhten Stand der Produktivkräfte, eine Expansion des gesellschaftlichen Reich- tums erreicht, angesichts derer die Erwägung nicht unrealistisch ist, daß ein fortbestehender, wenn nicht vervielfältigter Plura- lismus der Interessen die antagonistische Schärfe konkurrierender Bedürfnisse im Maße der absehbaren Möglichkeit ihrer Befriedigung verlieren kann." Eine 'Gesellschaft im Überfluß' erübrigt "einen von knappen Mitteln diktierten Ausgleich." 49) Die Klassentheorie hat sich damit zur Pluralismustheorie gewandelt. Der vom Revi- sionismus in der Weimarer Republik verbal noch aufrechterhaltene 'Kampf der Klassen' ist zum Ausgleich der pluralistischen Inter- essen über konkurrierende Verbände und Volksparteien geworden. 50) Ging die Sozialdemokratie der Weimarer Republik noch davon aus, daß die für die politische Willensbildung relevanten gesell- schaftlichen Interessen nach wie vor durch den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit sich konstituieren, dieser Gegensatz aufgrund von Entwicklungen der Ökonomie im Abnehmen begriffen sei und dem- zufolge auch der Staatsapparat, insbesondere das Parlament, zum Instrument einer allmählichen Einführung des Sozialismus tauge, so vollzieht der Revisionismus nach dem 2. Weltkrieg einen weite- ren Schritt fort von der Marxschen Theorie. Der politische Wil- lensbildungsund Entscheidungsprozeß ist danach das Ergebnis von Interessenauseinandersetzungen pluralistischer gesellschaftlicher Gruppen. Wenn die Sozialstaatstheorie die Souveränität des kri- senregulierenden und verteilenden Staates gegenüber der (kapitalistischen) Produktionssphäre behauptet, so kennt sie eine entsprechende Souveränität nicht gegenüber den gesellschaftlichen Gruppen. Im Gegenteil: der Staat wird in dieser Theorie als aus- führendes oder bloß vermittelndes Instrument gesellschaftlicher Interessen und Interessengruppen begriffen, die demzufolge auch die Inhalte staatlicher Politik bestimmen können. Eine solche Auffassung, die den Staat einerseits als a b h ä n g i g von den gesellschaftlichen Interessengruppen (zunächst mit Vorrang von Lohnarbeit und Kapital), andererseits aber als s o u- v e r ä n gegenüber dem 'wirtschaftlichen Prozeß' begreift, führt notwendig auch zu einer Auseinanderreißung des Zu- sammenhangs zwischen dem Produktionsprozeß und der Konstituierung gesellschaftlicher Interessengegensätze. Wo der Staat real oder zumindest der Möglichkeit nach als Subjekt der Verteilung des 'Sozialprodukts' und der Regulierung des Wirtschaftsprozesses be- griffen wird, wo ihm die Gesetze der Verteilung und Regulierung nicht als Gesetze des Kapitalverwertungsprozesses prinzipiell vorgegeben sind, muß auch der Zusammenhang zwischen den bloß noch als 'gesellschaftlich' erscheinenden Interessengegensätzen und der kapitalistischen Produktionsweise abgestritten werden. Kann nämlich der Staat die Verteilung des 'gesellschaftlichen Reich- tums' ändern, ohne das Kapitalverhältnis aufzuheben, so können auch gesellschaftliche Interessenwidersprüche beim Kampf um die Verteilung nicht mehr als bloße Resultate des Kapitalverhältnis- ses begriffen werden. Die Sphäre der Gesellschaft verselbständigt sich zum Kampfplatz von Interessen, dessen Börse der Staat ist 51). Bedarf der Staat lediglich "positiv einer Anweisung, wie Gerech- tigkeit im sozialstaatlichen Eingriff zu verwirklichen ist", so können es nicht prinzipiell die Gesetze der Kapitalverwertung sein, die diese positive Anweisung im gegenwärtigen Zustand der kapitalistischen Gesellschaften und Staaten verhindern, sondern hier müssen Hindernisse am Werk sein, die sich auf einer von der materiellen Reproduktion losgelösten gesellschaftlichen Ebene konstituieren. So wird für den zeitgenössischen Revisionismus die Frage nach dem demokratischen und sozialen Rechtsstaat zur Frage nach seinem demokratischen Potential, zur Frage nach der "politischen Mündigkeit des Volkes" 52), zur Frage nach den demo- kratischen und friedliebenden Kräften, deren Stellung im Produk- tionsprozeß man nur noch durch das Beiwörtchen "antimonopo- litisch" zu definieren versucht. Mit der Erweiterung des demokratischen Potentials, mit dem Entstehen politischen Be- wußtseins müssen sich automatisch auch die Handlungsspielräume der Staatsgewalt in Richtung auf die Realisierung sozialer Ge- rechtigkeit erweitern. Ein kontinuierlicher Übergang in eine Ge- sellschaft, die die Regulierung ihres Lebens selbst in die Hand nimmt, ist also in dem Maße möglich, in dem ein wachsendes demo- kratisches Potential auf den Staatsapparat eindringt und ihn als Instrument der Herstellung einer gerechten und vernünftigen So- zialordnung benutzt. Denn da der Staat zum "Träger der Sozialord- nung avanciert" 53) ist, hängt es vom Bewußtsein derer, die ihn benutzen ab, welche Sozialordnung er realisiert. Mit dieser Be- gründung untersuchten Soziologen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung gegen Ende der 50er Jahre die Studenten: sie sind für diese Theorie als d e m o k r a t i s c h e s (!) Potential deshalb besonders relevant, weil sie später die leitenden Posi- tionen in "den großen Apparaten der Industrie" und die höheren Beamten stellen 54). Das politische und gesellschaftliche Bewußt- sein der Manager und hohen Staatsbeamten ist danach ein wesentli- cher Bestimmungsgrund für Vernunft oder Unvernunft des 'ökonomischen und politischen Prozesses' und der Formen und In- halte der Bedürfnisbefriedigung. Die gesellschaftlichen Wider- sprüche reduzieren sich letztlich auf das Bewußtsein der Indivi- duen, auf den guten oder bösen Willen der Kapitalisten bzw. ihrer Manager, auf das reaktionäre oder fortschrittliche Bewußtsein der Staatsbeamten, auf die Frage zum Beispiel, aus welchen gesell- schaftlichen Schichten sich die Elite regeneriert, womit man be- reits bei Dahrendorf angelangt ist 55). Die Frage nach Vernunft oder Unvernunft der Organisation der Pro- duktion und der gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung wird, ebenso wie die Frage nach der Vernunft politischer Entscheidun- gen, zur Frage des Inhalts in den Köpfen (und vor allem den Köpfen der Eliten). Demokratie wird zur Frage nach der ideologischen und politischen Orientierung der herrschenden Eliten: Demokratietheorie verkümmert zur Elitetheorie. Mag auch die historische Herleitung des gegenwärtigen Gesellschafts- zustandes und der gegenwärtigen Formen der politischen Willensbildung in differenzierteren soziologischen Kategorien erfolgen, so endet die Analyse doch dabei, sich von einer personellen Neubesetzung des Herrschaftsapparates durch Indi- viduen kritischen Bewußtseins den Beginn des 'Abbaus von Herrschaft' zu versprechen. Eine illusionslose, nicht mehr am Begriff gesellschaftlicher Emanzipation orientierte Konsequenz der Habermasschen Sozial- staatstheorie ist Offes Konstruktion des Wohlfahrts- und Inter- ventionsstaates, die den Klassengegensatz als bewegende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung ausschaltet und die Kritik der po- litischen Ökonomie ausdrücklich als theoretischen Ansatz zur Auf- schlüsselung der Bewegungsformen und Gesetze der monopolkapitali- stischen Gesellschaft ablehnt. "Unter den Bedingungen des wohl- fahrtsstaatlich regulierten Kapitalismus (ist) die Herrschaft von Menschen über Menschen weithin abgelöst worden durch die Dominanz weniger gesellschaftlicher F u n k t i o n s b e r e i c h e gegenüber den anderen. Der Bruch, der in den früheren Phasen der kapitalistischen Entwicklung z w i s c h e n den großen Positi- onsgruppen" (gemeint sind Klassen) "verlief, verlagert sich gleichsam in die Individuen hinein" 56). Gleichsam illusionsloser ist Offes Konstruktion deshalb, weil für sie die Barrieren, die den "Aktionsspielraum des politisch-admi- nistrativen Zentrums" 57) umgrenzen, und die die Staatsgewalt auf gesellschaftlich-irrationales Handeln festlegen, nahezu unüber- windbar erscheinen. Der in sich festgefahrene und erstarrte Pro- zeß, die Formen, in denen politische Willensbildung stattfindet, die gesellschaftlichen Mechanismen der Bedürfnisartikulation und die Selbstdefinition der Staatsgewalt als Garant des System- gleichgewichts hindern ein praktisches, d.h. vernünftiges Tätig- werden der Staatsgewalt. Die Barrieren, die zu überwinden sind, liegen in den erstarrten Formen, in denen die Gesellschaft ihre Bedürfnisse formuliert. Ändern sich diese Formen, so allerdings auch die Handlungen der Staatsgewalt. Der Weg zur Änderung ist eine Revolution der indi- viduellen Bedürfnisse, denn nur eine solche ermöglicht eine Ände- rung der Gestalten und Organisationsformen, die bisher den Prozeß politischer Willensbildung bestimmen. Dies wenigstens wäre die Konsequenz aus Offes Ansatz. Sie wird allerdings zu Recht nicht formuliert. Denn woher sollte auch den Individuen ein Anlaß dazu gegeben sein, ihr Bewußtsein und ihre Bedürfnisse zu revolutio- nieren, wenn der Staat bei seiner "Krisenvermeidungsstrategie" Erfolg hat und scharfe gesellschaftliche Widersprüche von vorn- herein mit der Aussicht auf 'Erfolg' ausgeschaltet werden können? (Offes Terminologie bringt seine theoretischen Ausgangspunkte auf den Begriff). Auch für Offe gilt ebenso wie für Habermas: Zu einer grundsätzli- chen Änderung der Inhalte und Formen der Verteilungstätigkeit der Staatsgewalt - die einem Vernünftigwerden der gesamten Prozesse der gesellschaftlichen Reproduktion gleichgesetzt wird - ist keine grundlegende Umwälzung der Produktionsverhältnisse nötig, sondern allein Änderungen im Prozeß politischer Willensbildung, Abbau der 'Herrschaftsmechanismen', die ihn gegenwärtig determi- nieren. Dazu gehören nach Offe vor allem die Prozesse, die poli- tische Willensbildung innerhalb der Parteien bestimmen (Zwang zum Ausgleich von partialen Gruppeninteressen) 58) sowie das "pluralistische" Verbandssystem. Denn dieses bewirkt, daß nur Partialinteressen an den Staat herangetragen werden, da nur diese organisierbar und konfliktfähig seien. Nur sie können den Staat, dessen Funktion die Erhaltung des Systemsgleichgewichts durch Konfliktvermeidungsstrategie ist, zum Handeln bewegen. Sie be- stimmen, in welcher Form und zu welchem Zweck das Sozialprodukt vom Staat verteilt wird. Aufträge zum Bau von Schulen und Kran- kenhäusern und zur Entwicklung des öffentlichen Verkehrssystems werden danach also deshalb vom Staat nicht in genügendem Maße vergeben, weil sie nur allgemein-gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechen, die durch organisierbare und konfliktfähige Partial- interessen nicht formuliert werden. 59) Es ist die Organisation der Gesellschaft in einem pluralistischen Verbandssystem und des- sen spezifische Einwirkung auf die staatliche Willensbildung, die ein rationales Handeln der Staatsgewalt mit dem Ziel der Befrie- digung allgemeiner Bedürfnisse verhindern. Was die Analyse der Situation angeht, so treffen sich hier schließlich, trotz aller Vorbehalte gegen den autoritären Staat, die 'linken' mit den rechten Sozialstaatstheoretikern. Der kon- servative Sozialstaatstheoretiker - als Beispiel sei hier Hennis genommen 60), der sich heutzutage zur SPD hingezogen fühlt - geht davon aus, daß der Staat, gerade weil er heute wesentlich verwal- tet, versorgt und verteilt, sich von den 'Zufälligkeiten' demo- kratischer Willensbildung befreien müsse, um sein Geschäft e f f i z i e n t und im Sinne einer a l l s e i t i g befrie- digenden Versorgung der Staatsbürger wahrnehmen zu können. In seinem Staatszweck, der Wohlstandssicherung und Versorgung, liege seine demokratische Legitimation; dazu sei eine Organisation sei- nes institutionellen Apparates auf 'sachgesetzliche Forderungen' hin erforderlich. Um also demokratisch im Sinne seiner Legitima- tion sein zu können, müsse er sich von allen Formen vorstaatli- cher Willensbildung emanzipieren, um bei der Erfüllung seiner de- mokratischen Aufgaben nicht durch gesellschaftliche In- teressenauseinandersetzungen gestört zu werden. Dabei spielen die von Erhard empfohlenen 'Spezialisten fürs Gemeinwohl' eine zunehmende Rolle, wenn auch unter wechselnden Namen: Hennis z.B. spricht von "institutionalisierten Augen und Ohren", die den Staat gegenüber dem Druck der Gruppeninteressen an seine allge- meinen Aufgaben zu erinnern haben. Politologen sollen hier end- lich eine würdige Aufgabe finden. Der Umgestaltung des Staatsap- parates in Richtung auf autoritäre Formen politischer Willensbil- dung entspreche die Notwendigkeit, das Volk "regierungsfähig" (Hennis) zu machen, deutlicher ausgedrückt: "Die Reife einer Ge- sellschaft entspricht heute dem Grad ihrer Manipulierbarkeit". "Und von der wissenschaftlichen Forschung her, die hier bestens im Fortschritt ist, gibt es für diese Manipulierbarkeit weder faktische noch normative Grenzen." (Rüdiger Altmann, Ideologe der sog. Formierten Gesellschaft) 61) Formierte und informierte Ge- sellschaft gehören nach der Regierungserklärung von Erhard im Jahre 1965 zusammen. Autoritärer Sozialstaat und Manipulation der versorgten 'Bürger' sind die beiden Seiten der gleichen Medaille. Die Argumentation kann also folgendermaßen zusammengefaßt werden: Will der Staat demokratisch sein, d.h. will er den Wünschen der 'Staatsbürger' entgegenkommen, für ihr Wohl sorgen, so muß er seine Arbeit möglichst auf der organisatorischen Ebene 'effektivieren', er muß sich zum autoritären Staat transformie- ren. Da der gesellschaftliche Interessenpluralismus, also die Ebene 'gesellschaftlicher Interessenformulierung', den Staat bei einer effektiven Organisation der Verteilung behindert (z.B. bei der Schwergewichtsverlagerung von 'Sozialkonsum auf Sozialinve- stitionen', 62) also Bildung, Straßen usw. notwendig zur weiteren Sicherung des 'wirtschaftlichen Wachstums'), ist er zu besei- tigen, einzuschränken oder korporativistisch zu organisieren. Eine Folgerung, die auch aus Offes Analyse der Hindernisse für eine rational handelnde Staatsgewalt gezogen werden könnte. Denn warum sollten nach dieser Analyse nicht auch aufgeklärte Staats- männer, denen es gelingt, ihren Handlungsspielraum durch Liqui- dierung des den Staat bestimmenden und beschränkenden Interes- senpluralismus zu erweitern und die ihr aufgeklärtes Ohr einer die Politik beratenden Wissenschaft leihen, zur Einrichtung einer besseren Gesellschaft beitragen, also zur Berücksichtigung jener Bedürfnisse nach "Wohnung, Gesundheit, Verkehr, Bildung, bürger- licher Rechtsordnung, Freizeit", die durch die gegenwärtige Or- ganisation der Bedürfnisformulierung in Verbänden und in den durch Wahlen immer wieder auf die Vertretung von Parteiinteressen festgelegten Parteien unberücksichtigt bleiben müssen. Demgemäß sieht auch Habermas in den Wissenschaftlern, die als Po- litikberater auftreten und die sich durch Veröffentlichung ihrer Ergebnisse aufgeklärte Massen verschaffen, um so ihrer aufgegär- ten Beratung einen entsprechenden politischen Druck verliehen, eine Möglichkeit zur 'Rationalisierung' der politischen Entschei- dungen 63). Die 'Staatsbürger' bilden dabei Objekte 'massenhafter Aufklärung' durch die wissenschaftlichen Eliten. Der technokrati- sche Bildungsökonom und -planer Widmayer stützt sich folgerichtig auf Habermas und Offe, wenn er wissenschaftliche Beratung der Po- litik und Zurückdrängung des Einflusses der Verbände und der durch Wahlen korrumpierten Parteien auf den Staat als Heilmittel aller Schäden dieser Gesellschaft anempfiehlt 64). Für die rechten Sozialstaatstheoretiker liegt das Problem klar auf der Hand. Sozialstaat heißt Vorsorge im Doppelsinn der Si- cherung des Lebens und der Entmündigung der Versorgten. Wachsen- der Wohlstand läßt sich nur auf der Basis einer zunehmenden Mani- pulation der Versorgten sichern. So ist es konsequent, daß die konservative Sozialstaatsauffassung ihr Modell des Verteiler- staats an die Organisationsprinzipien des kapitalistischen Indu- striebetriebs anlehnt. Als 'Gesamtunternehmer' im hochorganisier- ten kapitalistischen 'Gesamtbetrieb' ist er auf Effektivität hin orientiert, wobei sich das Ausmaß seiner Wirksamkeit "nach dem Grade seiner organisatorisch-instrumentalen Adaption an die neue Lage" bestimmt 65). Für den Industriebetrieb gilt in der bürger- lichen Wissenschaft und natürlich bei den Kapitalisten, daß das Bedürfnis der Bürger als Konsumenten nach wachsender Warenmasse bei freier Konsumwahl die Diktatur des Kapitalisten über die Lohnabhängigen im Betrieb zur Voraussetzung hat. Die Bedürfnisse der Produzenten nach verbesserten Arbeitsbedingungen lassen sich nur insoweit berücksichtigen, als sie der Wirtschaftlichkeit des Betriebes keinen Abbruch tun: "Wenn der Mensch sich in die Pro- duktionsstätten eingliedert, unterstellt er sich damit zwangsläu- fig den dort herrschenden Gesetzen der Wirtschaftlichkeit. Wirt- schaft ist nicht Selbstzweck und der Mensch ist nicht etwa Mittel zum Zweck. Sinn der Wirtschaft ist die Befriedigung der materiel- len Bedürfnisse des Menschen, damit er auf diese Weise frei wird für seine höheren geistigen und sittlichen Ziele. Das ist aber nur möglich, wenn der Mensch sich in den Produktionsprozeß ein- gliedert, wobei er sich den Betriebszielen unterordnen muß und insofern Mittel zum Zweck wird. Das ist gewiß ein innerer Wider- spruch, der aber in der Natur der Sache liegt." 66) Im Jargon der wissenschaftlichen Apologeten des Kapitals besteht ein unauflös- licher Widerspruch zwischen den Bedürfnissen des Lohnarbeiters als konsumierendem und geistig-sittlichem Wesen und seinem Be- dürfnis nach Aufhebung seiner Existenz im Betrieb als bloßes 'Mittel zum Zweck'. Grundsätzlich stehen sich diese Bedürfnisse entgegen, was Mitbestimmung im Industriebetrieb auch nur soweit zuläßt, als sie "die Beziehungen zwischen dem menschlichen Lei- stungsfaktor und der Unternehmung so gestaltet, daß die Ziele der Unternehmung in möglichst vollkommener Weise erreicht werden. ... Der einzelne Arbeiter und Angestellte soll den Eindruck gewinnen, daß er nicht bloßes Objekt, sondern daß er irgendwie an der Ge- staltung seines eigenen betrieblichen Schicksals mitwirken kann." 67) Allerdings setzen die Kapitalisten diesen forschen Empfehlun- gen ihrer wissenschaftlichen Apologeten, Mitbestimmung als Mani- pulationsinstrument zur Effektivitätssteigerung zu benutzen (von denen sich die Versuche der Gewerkschaften, dem Kapital die Mit- bestimmung schmackhaft zu machen, heute kaum noch unterscheiden), nach wie vor ihr Argument von der effektivitätsmindernden Wirkung der Mitbestimmung entgegen. Die Diktatur im Industriebetrieb scheint ihnen ein zuverlässigeres Mittel zur Auspressung des Mehrwerts als die Manipulation 68). Um was es hier aber geht: der entscheidende Widerspruch besteht danach nicht zwischen Kapital und Lohnarbeit, sondern zwischen dem Bürger als Konsumenten und als Arbeitnehmer. Seine Freiheit und gute Versorgung als Konsument erfordert seine Versklavung als Produzent. Produktion und Konsumtion stehen sich danach in der Person j e d e s e i n z e l n e n Arbeiters - für den Kapita- listen besteht das Problem natürlich nicht - als unversöhnliche Widersprüche gegenüber. Auch die Sozialstaatstheorie, sei sie nun revisionistisch oder konservativ, kommt am Ende dazu, die Wider- sprüche, an denen die rationale Organisation der Gesellschaft scheitert, 'gewissermaßen' in die Individuen selbst hineinzuver- lagern. 'Linke' Sozialstaatstheoretiker beschreiben den Interes- senwiderspruch im Individuum als Ergebnis historischer Prozesse und als vermittelt über die Ebene gesellschaftlicher Interessen- formulierung. Rechte Sozialstaatstheoretiker begreifen ihn als Naturkonstante. Daraus ergibt sich der Unterschied in der politi- schen Strategie. Massenhafte Aufklärung, verabfolgt von einer aufgeklärten Elite, oder Manipulation. In beiden Fällen sind die Massen Objekte der Behandlung durch die Eliten. Daraus ergibt sich dann auch die Verschiedenheit des politischen Ziels. Ist für den Konservativen der autoritäre Staat eine unum- gängliche Notwendigkeit, so für den Revisionisten 69) ein histo- risch entstandenes und damit auch veränderbares Institut. Daß aber auch für die Revisionisten gesellschaftliche Veränderungen nur als 'Revolution von oben' infrage kommen, wobei ihr Postulat - Abschaffung von Herrschaft - leere Formel bleibt, das läßt sich daraus herleiten, w i e sie die historischen Bedingungen, unter denen sich das gegenwärtige politische Bewußtsein der 'Staatsbürger' gebildet hat, darstellen, und wie sie den Prozeß der ökonomischen Reproduktion der Gesellschaft fassen. Da der ka- pitalistische Wohlfahrtsstaat in Zukunft keine Krisen mehr zulas- sen wird, da er ökonomische Krisen manipulieren kann, wird es für die Lohnabhängigen in Zukunft nicht mehr möglich sein, aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen zum Bewußtsein der Widersprüche der Ge- sellschaft zu kommen. "Das Verhältnis der Leistungsempfänger zum Staat ist... nicht politische Beteiligung, sondern eine allge- meine Forderungshaltung, die Versorgung erwartet, aber nicht ei- gentlich Entscheidungen durchsetzen will." 70) Wie sollen also die Individuen von selbst zu einer Änderung ihres Bewußtseins kommen, wenn der Staat ihnen die Versorgung gewährt, wenn sich also am gegebenen Zustand nichts ändert, bzw. der gegebene Zu- stand sich sogar noch verbessert, indem quantitative Steigerung der staatlichen Versorgungsleistungen in Aussicht steht, wenn der Kapitalismus seine Krisen durch seinen Staat regulieren kann, wenn sich also die kapitalistischen Widersprüche abstumpfen? "Was wir auf diesem Wege erhalten, ist eine Begründung des sozialisti- schen Programms durch 'reine Erkenntnis', das heißt, einfach ge- sagt, eine idealistische Begründung, während die objektive Not- wendigkeit durch den Gang der materiellen Entwicklung dahinfällt" 71). Die Einführung des Sozialismus aber durch "reine Erkennt- nis", durch Aufklärung der Massen ist bei Habermas folgerichtig eine Sache der aufgeklärten Eliten 72). Da zudem bei den zeitgenössischen Revisionisten der Produktions- prozeß aus der gesellschaftlichen Analyse entweder vollends her- ausfällt, oder aber als Ort der Ausbeutung, der Produktion von Mehrwert (z.B. durch die 'wertschaffende Potenz der Wissen- schaft') in Fortfall gekommen ist, kann sich das Bewußtsein der Individuen nur an der Verteilungssphäre orientieren. Politisches Bewußtsein bezieht sich in dieser Begrifflichkeit vor allem auf den Staat, auf die Politik; seine Kritik als 'kritisches Bewußt- sein' beschränkt sich auf die Normen der Verteilung von 'Einkommen' und 'Lebenschancen': gerecht oder ungerecht, ausrei- chend oder unzureichend. Eine wissenschaftliche Methode, die beim Staat als Untersuchungs- objekt ansetzt, aus seinen Erscheinungsformen seine Souveränität gegenüber dem Produktionsprozeß ableitet, ihn zum Träger der So- zialordnung werden läßt, und dann auch die gesellschaftlichen Konflikte nicht mehr durch die besondere Weise der gesellschaft- lichen Produktion konstituiert sieht, löst schließlich den ge- samten gesellschaftlichen Prozeß in verschiedene Sphären auf und kommt dabei zu dem Ergebnis, auch das Individuum selbst in ver- schiedene Sphären aufzuteilen. Dies zeigt sich in der zeitgenös- sischen revisionistischen Theorie am Begriff des politischen Be- wußtseins, der allein auf das Verhältnis des 'Staatsbürgers' zum Staat bezogen wird. Auf dieser Basis kann dann auch schnell vom unpolitischen Bewußtsein des deutschen Proletariats gesprochen werden, nachdem dieses sich nicht wie ein Mann in den Kampf gegen die Notstandsgesetze - eine hochpolitische Angelegenheit - führen ließ, um den 'demokratischen Staat' zu verteidigen. Kämpfe zwi- schen Lohnarbeit und Kapital im Betrieb werden dann als 'bloß ökonomisch' und an falschen Konsumbedürfnissen orientiert abge- tan. Das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital kommt dann über- haupt nicht mehr als Erfahrungsbasis für die Ausbildung politi- schen Bewußtseins in Frage. Die Klagen über das mangelnde politi- sche Bewußtsein des Proletariats machen es den Klagenden leicht zu vergessen, daß sie selbst es sind, die an der Legitimierungs- ideologie des kapitalistischen Staates eifrig mitarbeiten. Die Geschichte der 'Industriegesellschaft' erscheint ihnen vor allem als Geschichte des Kapitals und seines Staates, nicht aber als Geschichte der Arbeiterklasse, ihrer Kämpfe und Niederlagen 73). Sie zeigen diese Geschichte in der bürgerlichen Verkehrung, wo die tote über die lebendige Arbeit herrscht, und in dieser Verkehrung ist ihr Bewußtsein befangen. Die Arbeiterklasse er- scheint schon immer als bloßes Objekt der Entwicklung. Mit der praktischen und theoretischen Liquidierung des revolutionären Kampfes des Proletariats durch die sozialdemokratischen Organisa- tionen werden die tatsächlichen Kämpfe des Proletariats aus dem Geschichtsbewußtsein verdrängt 74). Wenn diese intellektuellen Kritiker heute beklagen, daß der Sozialstaat aufgrund der 'Passivität des Proletariats' sich zum autoritären Staat zu ent- wickeln drohe, so sollten sie nicht vergessen, daß die Arbeiter- schaft spätestens seit der Novemberrevolution von der SPD (und seit ihrer Legalisierung zunehmend auch von einer Partei, die sich selbst als kommunistische versteht) auf den bürgerlichen Staat als den Hauptadressaten ihrer Forderungen gelenkt worden ist, daß ihre Selbsttätigkeit von der SPD und der Gewerkschafts- bürokratie, oft in Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie, immer wie- der unterdrückt worden ist, und nicht zuletzt: daß solches Be- wußtsein der Arbeiterschaft (träfe die Beschreibung wirklich zu) auch das Resultat dieser historischen Erfahrung und ihrer theore- tischen Bestätigung durch die Arbeit der sozialdemokratischen Theoretiker seit Bernstein ist. Sie fühlen sich von der Arbeiter- klasse verlassen und weben doch eifrig an der Legitimierung und Ideologie des bürgerlichen Staates. Die Ideologie vom Sozialstaat und die Unterdrückung der Arbeiterklasse als handelndes Subjekt der Geschichte durch ihre Organisationen hängen in der Geschichte der Arbeiterbewegung eng miteinander zusammen. Indem der 'Wohlstand für alle' zur Legitimationsbasis der Staats- gewalt und ihrer Institutionen wird, erscheint er als etwas, über das die Staatsgewalt im Verein mit der ökonomisch herrschenden Klasse, der 'Wirtschaft', verfügen kann, das den Massen zu gewäh- ren ist und das umgekehrt die Massen von der Staatsgewalt erwar- ten und fordern. Die Massen erscheinen hier als fordernde, mit Rechtsansprüchen ausgestattete Objekte staatlicher Daseinsvor- sorge, der Staat als gewährendes Subjekt - die 'Güter' fallen so- zusagen vom Himmel. Doch eine Gesellschaftstheorie, die wissen- schaftlich vorgeht, muß davon ausgehen, daß die Masse der Pro- dukte, bevor sie verteilt werden kann, von denen, an die sie (und zwar nur zum Teil) verteilt wird, von den Massen insgesamt produ- ziert worden sind. Die Massen sind also nicht erst als Behan- delte, allenfalls Fordernde in die Theorie einzuführen, sondern bereits als unter bestimmter Form der Produktion arbeitende und produzierende, und das heißt, konkret: vom Kapital angewendete Subjekte, also, oder vielmehr, Objekte des Subjekts Kapital. Und der Staat kann nicht erst als 'Verteiler'-, 'Wohlfahrts'- und 'Sozialstaat' untersucht werden, sondern seine Funktionen müssen unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, daß die Waren, bevor sie verteilt werden, zunächst einmal produziert werden müssen, daß also der Staat gerade auch als 'Sozialstaat' für den Repro- duktionsprozeß des Kapitals aufgrund seiner widersprüchlichen ge- schichtlichen Entwicklung in bestimmten historischen Entwick- lungsstufen jeweils besondere Funktionen übernimmt. Eine marxi- stische Analyse muß daher die 'Verteilung des Volkseinkommens' als in den Produktions- und Zirkulationsprozeß des Kapitals ein- geschlossenes Moment betrachten und die Funktionen des Staates von da aus zu begreifen suchen. III. Einkommensverteilung und Kapitalkreislauf ---------------------------------------------- Wir haben gesehen, daß die Verselbständigung der Verteilung der Einkommen als eigenständige Sphäre neben der Produktion, d.h. ne- ben der in dieser vorausgesetzten Verteilung der Produktionsmit- tel, eine entscheidende theoretische Annahme ist, die in den re- visionistischen Staatsauffassungen gemacht werden muß, um grund- legende Eingriffsmöglichkeiten des Staates in die Verteilung der Einkommen begründen zu können. Die Vorstellung vom 'Kuchen des Sozialprodukts' 75), der nach dem Ergebnis der Kämpfe der Inter- essenten stückweise und losgelöst von den Produktionsbedingungen verteilt wird, setzt voraus, daß das Kapital, nachdem es die Wa- ren produziert hat, diese der Gesellschaft 'zur freien Verfügung' überläßt, daß es in interesselosem Wohlgefallen dem Kampf der In- teressenten um die Kuchenstücke zuschaut und sich damit zufrieden gibt, was ihm seine eigenen Interessenvertreter, also die Kapita- listenverbände (BDI, BdA, DIHT usw.) erkämpfen. Danach besteht keine ökonomische, sondern nur eine politische Verbindung zwi- schen der kapitalistischen Produktion als Produktion von Waren und Kapital einerseits und der Verteilung der daraus 'entspringenden' Einkommen andererseits. 1. Primärverteilung und staatliche Umverteilung ----------------------------------------------- So einfach allerdings machen es sich die bürgerlichen ökonomi- schen Verteilungstheorien doch nicht. Nach ihnen ist der Zusam- menhang zwischen Verteilung und Umverteilung durchaus ökonomisch bestimmt und nicht nur durch politische Gesetzmäßigkeiten gere- gelt. Die staatliche Umverteilungspolitik erscheint dabei als s e k u n d ä r e Korrektur der p r i m ä r sich ergebenden Verteilung aufgrund von 'Faktorentlohnungen'. Die nachträgliche Korrektur der primären Verteilung kann nicht mehr willkürlich oder nach den politischen Gesetzen des Machtausgleichs, sondern nur auf der Basis der primär erfolgten Verteilung durchgeführt werden. Die Macht könne, wie Preiser schreibt 76), innerhalb der Primärverteilung nur noch als Bestandteil des 'Datenkranzes' des ökonomischen Systems einwirken, da in den die Verteilung bestim- menden ökonomischen Gesetzen der Einfluß der Macht enthalten sei. Diese Bedeutung der ökonomischen Gesetze bei der Verteilung der Einkommen erscheint in dezidierter Form in den Kreislauftheorien der Verteilung, in denen "die Lohnzahlungen und die Gewinne... die einkommensmäßige Grundlage der Konsum- und Investitionsausga- ben (bilden), die wiederum die Erlöse darstellen, aus denen in der nächsten Runde die Löhne gezahlt werden und die Gewinne ent- stehen." 77) Damit wird die Verteilung tatsächlich als ein Moment in den allgemeinen Kreislaufzusammenhang der Reproduktion ge- stellt; sie verliert also ihren Charakter als selbständiger und politisch zu manipulierender Vorgang. 78) Oder anders ausgedrückt: Politische Umverteilungsmaßnahmen haben mit bestimmten angebbaren Gegenwirkungen zu rechnen. Dies drückt sich wiederum politisch als Zielkonflikt aus, da nun die ökonomi- schen Gegenwirkungen die Verwirklichung anderer politischer Ziele gefährden. Ein solcher 'Zielkonflikt' zwischen Wachstum und Verteilung stellt sich folgendermaßen dar: Man kann "von einer Untergrenze der Kapitalverzinsung (ausgehen), bis zu der Investition und Be- schäftigung gerade noch erhalten bleiben, bei deren Überschreiten jedoch der marktwirtschaftliche Wachstumsprozeß nicht mehr funk- tioniert. Diese Untergrenze der Kapitalverzinsung ist gleichzei- tig die Obergrenze für den Reallohn. Wird die Obergrenze der Ka- pitalverzinsung, die mit der Untergrenze des Reallohns identisch ist, überschritten, so wird eine 'soziale Revolution' ausgelöst, und das marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem bricht zusammen." 79) In solchen politischen Zielkonflikten drücken sich an der Oberfläche die zugrundeliegenden ökonomischen Widersprüche zwi- schen Lohnarbeit und Kapital aus, die nun allerdings als die be- wegenden Momente dieser Konflikte von der bürgerlichen Ökonomie nicht begriffen werden. So zeigt sich auf der einen Seite ein ty- pischer Unterschied zwischen ökonomischer und politischer Ein- schätzung staatlicher Einkommensumverteilung. Während die revi- sionistischen und politologischen Theoretiker eine sehr große staatliche Manipulationsfähigkeit annehmen, sind die nationalöko- nomischen Theorien grundsätzlich sehr viel skeptischer. Auf der anderen Seite bleiben aber auch die ökonomischen Verteilungstheo- rien im Anschein staatlicher Manipulierungsfähigkeiten verhaftet. Sie sind deshalb auch lediglich in der Lage, mögliche Zielkon- flikte zu beschreiben und Methoden anzugeben, wie bei wider- sprüchlichen Zielen optimale Verwirklichungskomplexe in der 'rationalen' Wirtschaftspolitik zu gestalten seien. Information über solche Konflikte und Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen widersprüchlichen Zielen erscheinen der bürgerlichen Ökonomie als Methoden, mit Konflikten fertigzuwerden. Voraussetzung für eine solche idealistische Annahme bleibt natürlich, genau wie in den revisionistischen und politologischen Theorien, ein Staat, der sich als übergreifendes Subjekt ökonomischen Bezugssystem konsti- tuiert und wirklich nur der immer weiter verbesserten Informatio- nen (gerade über Konfliktsituationen) und Manipulationsinstru- mente bedarf, um der Anforderung an eine rationale Wirtschaftspo- litik gerecht werden zu können: "Rationale Politik muß zielbewußt und sachgerecht sein." 80) Aus der Beobachtung ökonomischer Gesetzmäßigkeiten ergibt sich folglich der Realismus ökonomischer Verteilungstheorien in bezug auf politische Umverteilungsmöglichkeiten. Krelle kommt in seiner "Verteilungstheorie" zu dem desillusionierenden Ergebnis, daß kurzfristige Umverteilungsmaßnahmen innerhalb einer "Marktwirt- schaft" aufgrund langfristiger Gegenwirkungen "korrigiert" werden 81). Auch im Gegensatz zu gewerkschaftlichen Gesundpredigern der kapitalistischen Vermögensverteilung mit Placebos wie der 'Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand' kommt sie bürgerliche Ökonomie zu dem konkreten Ergebnis, daß eine Umverteilung durch Vermögensbildung gar nicht möglich ist. Wie Föhl und Hennies das Blatt auch drehen und wenden: als Ergebnis ihrer Abhandlung finden sie wieder das, was bisher durch alle Gutachten bestätigt worden ist: daß eine "echte Umverteilung" des Vermögens nicht zu erreichen ist. 82) Entweder sinken als Folge von Umver- teilungsmaßnahmen Einkommen, Beschäftigung und Wachstumsrate, oder es findet Kapitalflucht statt, oder es erfolgt nur eine Um- verteilung zwischen "staatlichem Sektor" und "Privatwirtschaft", nicht aber zwischen Kapital und Arbeit, wenn versucht wird, die Vermögens- und Einkommensverteilung zugunsten der Lohnarbeit zu verändern. Kurz gesagt: "Wer hat, dem wird gegeben!" 83) Im Akku- mulationsprozeß des Kapitals, und daran kann die bürgerliche Öko- nomie nicht vorbei, polarisiert sich auf der einen Seite der ge- sellschaftlich produzierte Reichtum als privater in Kapitalform und auf der anderen Seite die Armut des Lohnarbeiters, der auch in der 'modernen Industriegesellschaft' immer noch nicht mehr auf den Markt zu tragen hat als seine Arbeitskraft. Wer hat, dem wird gegeben und wer nichts hat, der muß arbeiten, um zu leben, mit der Folge, daß denen, die haben, noch mehr gegeben wird. Der Realismus allerdings, der in einem solchen Ergebnis liegt, ist nichts anderes als der Realismus des 'gesunden Menschenver- standes', der auch ohne Rückgriff auf ökonomische Zusammenhänge einfach festzustellen in der Lage ist, daß denen, die haben, und nicht denen, die nicht haben, gegeben wird. Daher hört der Re- alismus der ökonomischen Theorien sofort auf, wenn sie in Empfeh- lungen für die staatliche Politik ausmünden. Denn wird nicht ge- rade Vermögensbildung von dem ökonomischen 'Sachverstand' seit Jahren empfohlen 84)? Dies kann man doch schließlich nur, wenn man mit der Möglichkeit einer solchen Umverteilung rechnet. Die Konsequenz aus den ökonomischen Kreislaufbetrachtungen, daß Um- verteilung im Kapitalismus längerfristig oder gar dauerhaft eine pure Illusion ist, und die Erkenntnis, daß der im Kapitalismus auf immer erweiterter Stufenleiter wiederhergestellte Klassenge- gensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital den für die störungsfreie Erneuerung des Kapitals absolut notwendigen Klassenfrieden ge- fährdet, geraten in Widerspruch zueinander. Auf zwei Weisen kann sich der bürgerliche Wissenschaftler nun aus der Affäre ziehen: Erstens kann er sich aus dem Entscheidungsprozeß auf staatlicher Ebene zurückziehen und dem politischen Dezisionismus das Feld überlassen, und zweitens kann er Umverteilung von Einkommen und Vermögen vorschlagen, wenn sie "behutsam" (das heißt im Klartext: im Ganzen wirkungslos) vorgehe, und zwar mit dem Ziel, die Lohn- arbeiter über ihre wirkliche Lage hinwegzutäuschen. 85) Der Zielkonflikt enthüllt sich auf diese Weise als innerer Wider- spruch der Gesellschaft, der sich im Realismus ökonomischer Ver- teilungstheorien u n d in der Erkenntnis von der Notwendigkeit der Umverteilung gleichermaßen darstellt. Dieser auf theoreti- scher Ebene reproduzierte gesellschaftliche Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital wird allerdings als bloße Folge von Ver- hüllungsabsichten nicht auf den Begriff gebracht, sondern seine Verhüllung ist in der Realität kapitalistischer Warenzirkulation selbst verankert. Der kapitalistische Produktionsprozeß ist Wa- renproduktion, d. h. es werden Waren für die Zirkulation produ- ziert. In der Zirkulation kann man es der einzelnen Ware nicht ansehen, aus welchen Wertbestandteilen sie sich zusammensetzt; und das heißt: welchen Verteilungsnotwendigkeiten der durch den Verkauf der Waren realisierte Wert unterliegt. Woher stammt aber das Geld, gegen das die Ware ausgetauscht und in dem der Waren- preis realisiert wird? Ein Teil dieses Geldes stammt aus den Hän- den der Arbeiter, die ihren Lohn im Austausch gegen Waren veraus- gaben. Hier, in der Zirkulation sind die Arbeiter nur Konsumen- ten, die mit Geld ausgestattet sind, um deren Kaufkraft die Wa- renverkäufer, die Unternehmer, konkurrieren. Der Lohn erscheint bloß als nachfragewirksames Einkommen, das gegen Waren ausge- tauscht wird, denen man ihre Herkunft aus kapitalistischer Pro- duktion und damit ihre Wertzusammensetzung, nämlich, daß in ihnen variables Kapital (für den Arbeiter sich darstellend als Lohn), Mehrwert und konstantes Kapital enthalten ist, nicht ansieht. In dieser Sphäre sind die Illusionen von den Verteilungsmöglichkei- ten begründet; im Rahmen solcher Illusionen gibt es die Möglich- keit, der als Folge von Umverteilungsmaßnahmen sich ergebenden Kaufkraftumverteilung und deren negativen Auswirkungen staatli- chen gegenzusteuern. Diesen aus dem Zirkulationszusammenhang begründeten I l l u- s i o n e n steht auf der anderen Seite durch die Hereinnahme der Produktionssphäre in die ökonomische Analyse von Vertei- lungsvorgängen die r e a l i s t i s c h e E i n s i c h t in die engen Grenzen staatlicher Umverteilungsmaßnahmen entgegen. So kommt aufgrund dieses ökonomischen Zusammenhangs von Produktion und Zirkulation der oben bezeichnete Widerspruch zustande. Seine Lösung kann nur in der genauen Analyse der doppelten Funktion jenes Wertteils liegen, der für den Kapitalisten variables K a p i t a l, für den Arbeiter E i n k o m m e n (Lohn) ist. 86) Wenn wir dies vereinfacht als 'Doppelcharakter des Lohns' ausdrücken, so können wir sagen: Der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital ist schon in der Kategorie des Lohns enthalten und daher schon in der Verteilungstheorie impliziert, wenn sie die einzelnen Einkommenskategorien (Lohn, Gewinn, Rente) diskutiert, also schon bevor sie sich dem V e r h ä l t n i s von Löhnen und Gewinnen zuwendet. In den ökonomischen Verteilungstheorien kehren also die beiden Seiten bürgerlicher Kapitalismusanalyse wieder: einerseits wird die kapitalistische Produktion von Waren als einfache Produktion von Gütern aufgefaßt, die wesentlich den natürlichen Bedingungen des industriellen Arbeitsprozesses unterliegt und keine gesellschaft- lichen Widersprüche einschließt ('moderne Industriegesell- schaft'); andrerseits beruht ihre Theorie wesentlich auf der Zir- kulation der Waren und Geldeinkommen ('Güter- und Geldströme'); dadurch erhält sie einen Eindruck von den Rückwirkungen der Wi- dersprüche innerhalb der Produktionssphäre, wie sie sich in den Zirkulationsbewegungen manifestieren. Nur in dieser verkehrten Form ist sie fähig, richtige Voraussagen über die Schranken von Umverteilungsmaßnahmen auf der Ebene von Einkommen zu machen. Soll die bürgerliche Wissenschaft aber sachverständige Empfehlun- gen erteilen, so wird sie sich auf Behutsamkeit oder auf politi- sche Dezisionismus zurückziehen müssen. Der Widerspruch in den ökonomischen Verteilungstheorien ist in der kapitalistischen Wirklichkeit selbst verankert. Der Schlüssel zur Aufdeckung der Verteilungsverhältnisse auf der Ebene der 'Einkommen' liegt in der Analyse der historisch gesell- schaftlichen Bestimmtheit der Verteilungsverhältnisse auf der Ebene der Produktion, also in der Analyse des Kapitalverhältnis- ses, 87) wo die Produktionsmittel als Kapital der 'freien', näm- lich von Produktionsmitteln freien Lohnarbeit gegenübertreten. Wir müssen also der Frage nachgehen: Wie sieht der Zusammenhang beider Verteilungsverhältnisse aus? Inwiefern ist das eine bloß ein Moment des anderen? Hier kann diese Frage nur in Umrissen be- antwortet werden; in ihrer ausführlichen Gestalt wäre sie Kern der Analyse des Kapitals und der von ihm produzierten Fetische sowie der ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen in der ökonomi- schen Theorie. 2. Netto- und Bruttosozialprodukt: ---------------------------------- Volkseinkommen und Kapitalerhaltung ----------------------------------- In der b ü r g e r l i c h e n T h e o r i e stellt die Summe der verschiedenen Einkommensarten ('Einkommen aus unselbständiger Arbeit'; 'Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen') das 'Volkseinkommen' dar. 88) Danach entspricht das Volkseinkommen der Gesamtheit der Kosten für die drei Produktionsfaktoren Ar- beit, Boden und Kapital, die im Verlauf eines Jahres von den Un- ternehmen aufgewendet worden sind. Daher wird auch das Volksein- kommen dem Nettosozialprodukt zu Faktorkosten gleichgesetzt. Was für die Unternehmer Kosten sind, stellt sich demnach in gleicher Höhe für die 'Besitzer der Produktionsfaktoren' als Einkommens- strom dar. 89) Der geleisteten Arbeit entspringt der Arbeitslohn, dem zur Verfügung gestellten Boden die Grundrente (Pacht und z.T. Mieten) und dem Kapital der Profit. Gegenstand der funktionellen Verteilungstheorie ist demzufolge auch "die Verteilung des Volks- einkommens auf die volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren Ar- beit, Boden, Kapital, denen die Einkommensarten Lohn, Grundrente und Profit entsprechend ihrem produktiven Beitrag und ihrer wirt- schaftlichen Macht zufließen." 90) Monsieur le Capital und Madame la Terre 91) treten also in den bürgerlichen Theorien immer noch, ungeachtet aller Modernisierungsversuche, in schöner Eintracht mit 'der' Arbeit als die Schöpfer des 'Reichtums der Nation' auf. Was als Volkseinkommen in der Hand der Besitzer dieser 'Faktoren' gezählt wird, erscheint in den Unternehmen als volkswirtschaftli- che Wertschöpfung. Dem Volkseinkommen als der Summe aller Wert- schöpfung entspricht das Nettosozialprodukt (zu Faktorkosten) als der Summe von Konsumtion und Nettoinvestitionen. Bis hierher haben wir es nur mit den Definitionen der bürgerli- chen Ökonomie zu tun. In ihnen werden die Einkommen, da sie alle- samt 'Leistungen' der drei 'Produktionsfaktoren' entspringen, gleichgesetzt. Bei näherem Hinsehen entdecken wir allerdings in dieser Gleichsetzung einen Zirkelschluß. Dieser Zirkelschluß re- sultiert aus der doppelten Betrachtung der Einkommen, nämlich einmal von ihrem 'Bezieher' her, und zum zweiten von ihrem 'Schöpfungsprozeß' her. Alle Einkommen werden ja in den Produkti- onsstätten der Volkswirtschaft geschöpft. Sie sind demnach in er- ster Instanz bloße Einkommen. Erst danach werden sie auf ver- schiedene 'Beziehergruppen' verteilt: Arbeiter - Lohn; Kapitali- sten - Gewinn. Dies ist zunächst die offensichtliche Tatsache in der kapitalistischen Wirtschaft (von der Bodenrente wollen wir hier absehen). Was wird aber daraus gefolgert? Das Kapital ist produktiv, weil es ein Einkommen erhält und es erhält ein Einkom- men, weil es produktiv ist. Alle weitere Begründung wird ledig- lich zur Vervollkommnung dieser Tautologie, sei es mit Hilfe der Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung oder irgendeiner ande- ren theoretischen Variante. 92) Es bietet sich daher als Vorge- hensweise die Betrachtung dieses Zirkels nach seinen beiden Sei- ten hin an; nach der Seite der 'Wertschöpfung' und nach der Seite "es 'Bezugs von Einkommen'. Wenden wir uns zunächst der Seite der Wertschöpfung zu, d.h. der Frage, in welchen Formen die Begründung der Annahme von der Pro- duktivität des Kapitals liegt. Das Grundproblem besteht darin, daß die zu verteilenden Werte produziert werden müssen, bevor sie überhaupt irgendwelchen 'Faktoren' als Einkommen zugerechnet wer- den können; daher muß auch die Analyse der Verteilung beim Pro- duktionsprozeß beginnen. Dieser Produktionsprozeß ist in seiner kapitalistischen Form von doppeltem Charakter, d.h. zugleich Ar- beits- und Verwertungsprozeß. Die erzeugten Produkte sind für den kapitalistischen Leiter des Produktionsprozesses nur insoweit al- lerdings von Bedeutung, als sie als Gebrauchswerte auch Träger von Wert sind, d.h. auf dem Markt gegen Geld ausgetauscht werden können. Als zusätzliche Bestimmung muß nun aber noch hinzutreten, daß der Kapitalist das von ihm für den Produktionsprozeß vorge- schossene Kapital und einen Überschuß darüber hinaus zurücker- hält. Da dieser Überschuß nicht aus dem Warenaustausch stammen kann - der Überschuß, den der Verkäufer erhält, ist ein Abzug beim Käufer; und da jeder sowohl als Käufer als auch als Verkäu- fer auftritt, saldieren sich Überschüsse und Abzüge zu null -, muß er im Produktionsprozeß selbst produziert worden sein. Die Frage ist nun, auf welche Weise. Die Antwort der bürgerlichen Ökonomie ist eindeutig: durch die produktiven Beiträge der Pro- duktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden. Sie stützt sich dabei auf die Tatsache, die bei oberflächlichster Betrachtung irgendei- nes Betriebes zutagetritt: daß Grund und Boden, Maschinen, Arbei- ter zur Produktion von Waren kombiniert sind. Die natürlichen Notwendigkeiten des Arbeitsprozesses, daß Arbeit nur in Kombina- tion mit Produktionsmitteln, bei historisch gegebenem technischem Entwicklungsstand, produzieren kann, werden in die Theorie umge- münzt, daß infolgedessen den beteiligten Faktoren 'Einkommen' zu- fließen muß. Dabei wird von der bürgerlichen Ökonomie nicht be- achtet, daß durch diese Art der Faktorenkombination zwar Produkte entstehen, aber noch lange nicht ein kapitalistischer Produkti- onsprozeß, dessen Ergebnis in Waren, und - wenn der Verkauf der Waren gelingt - in Geld besteht. Zum zweiten fällt bei dieser Be- trachtungsweise unter den Tisch, daß Maschinen und Rohstoffe sich nicht von selbst in neue Produkte verwandeln - und dies ist ja der Sinn des Produktionsprozesses -, sondern als unnütze Dinge liegenbleiben, werden sie nicht von der lebendigen Arbeit in Be- wegung gesetzt und verwandelt. Demgegenüber hat die Betriebswirt- schaftslehre, die sich intensiv mit dem Produktionsprozeß selbst befaßt, immerhin einen wenn auch verschwommenen Begriff vom Dop- pelcharakter des Produktionsprozesses, wenn sie zwischen Betrieb und Unternehmung, zwischen Produktivität (im technischen Sinne) und Rentabilität (im Sinne der Verwertung des eingesetzten Kapi- tals) unterscheidet. Dies alles fällt aber aus der Produktions- faktorentheorie heraus (oder wird noch um einige Grade unschärfer reflektiert, wenn nämlich bei der Untersuchung 'optimaler Faktor- kombinationen' deren technisches Verhältnis wie auch deren Preis- relation auf der gleichen Ebene behandelt werden). Betrachten wir zuerst den vom Kapitalisten vorgeschossenen Kapitalteil. Er wird verausgabt zum Kauf von Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffe usw.) und zum Kauf der Ware Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt. Wie alle Waren wird auch der Wert der Ware Arbeitskraft (im Durchschnitt, über einen Zyklus hinweg, jedenfalls) vom Arbeiter realisiert, also vom Kapitalisten bezahlt werden müssen. Der Ar- beiter "r e a l i s i e r t i h r e n T a u s c h w e r t u n d v e r ä u ß e r t i h r e n G e b r a u c h s w e r t". 93) Dieser Gebrauchswert der Arbeitskraft, die Arbeit selbst, aber gehört nun nicht mehr dem Arbeiter, sondern dem Kapitali- sten, der ihn gekauft hat; folglich gehört dem Kapitalisten auch das Ergebnis der Anwendung des Gebrauchswerts der Arbeitskraft des Arbeiters. Aufgrund der Tatsache, daß z.B. "ein halber Ar- beitstag nötig, um ihn während 24 Stunden am Leben zu erhalten", ist die Bedingung erfüllt, die Mehrwertproduktion überhaupt erst möglich macht: "Der Wert der Arbeitskraft und ihre V e r w e r t u n g im Arbeitsprozeß sind also zwei verschiedne Größen. Diese W e r t d i f f e r e n z hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte. Ihre nützliche Eigenschaft, Garn oder Stiefel zu machen, war nur eine conditio sine qua non, weil Arbeit in nützlicher Form verausgabt werden muß, um Wert zu bilden. Was aber entschied, war der s p e z i f i s c h e G e b r a u c h s w e r t d i e s e r W a r e, Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert als sie selbst hat..." 94) Nun erfolgt zwar die Wertbildung bei der Kombination von Produktionsmitteln mit der Arbeit, aber die "verschiednen Faktoren des Arbeitspro- zesses nehmen verschiednen Anteil an der Bildung des P r o d u k t e n w e r t s." 95) Während der Wert der Produkti- onsmittel im Arbeitsprozeß lediglich erhalten wird durch die bloße Übertragung des Werts auf den Wert des gerade produzierten Produkts, "bildet jedes Moment ihrer (der Arbeitskraft - Verf.) Bewegung z u s ä t z l i c h e n W e r t, N e u w e r t." 96) Es ist also nicht so, daß in der Arbeit zuerst der Wert der Pro- duktionsmittel übertragen, und dann erst der Neuwert gebildet wird, sondern dies geschieht zugleich, vermöge des Doppelcharak- ters der Arbeit als konkreter, nützlicher und abstrakter, wert- bildender. Denn soll die Arbeit ihre wertbildende Kraft wirklich entfalten können, dann muß sie zugleich konkret, als Verausgabung konkreter Qualifikationen des Arbeiters und unter konkreter Ver- wendung der Produktionsmittel verrichtet werden. So wird notwen- dig im Wertbildungsprozeß durch den dabei erfolgenden Gebrauch der Produktionsmittel deren Wert auf das Produkt übertragen. "Der Arbeiter k a n n n e u e A r b e i t n i c h t z u- s e t z e n, also nicht neuen Wert schaffen, o h n e a l t e W e r t e z u e r h a l t e n, denn er muß die Arbeit immer in bestimmter nützlicher Form zusetzen, und er kann sie nicht in nützlicher Form zusetzen, ohne Produkte zu Produktionsmitteln eines neuen Produkts zu machen, und dadurch ihren Wert auf das neue Produkt zu übertragen. Es ist also eine N a t u r g a b e der sich betätigenden Arbeitskraft, der lebendigen Arbeit, W e r t z u e r h a l t e n, i n d e m s i e W e r t z u s e t z t..." 97) Der Kapitalist muß Kapital sowohl für den Ankauf der Arbeitskraft als auch der Produktionsmittel vorschießen. Der Teil des vorge- schossenen Kapitals, dessen Wert lediglich übertragen, nicht aber größenmäßig verändert wird, wird von Marx k o n s t a n t e s K a p i t a l (c) genannt; im Gegensatz zu dem für Arbeitskraft verauslagten Kapital, das seinen Wert im Produktionsprozeß sehr wohl verändert und v a r i a b l e s K a p i t a l (v) genannt wird. Während der Kapitalist also c+v für den Produktionsprozeß vorschießt, kommt am Ende Ware heraus, deren Gesamtwert größer als c+v ist, nämlich c+v+m, wobei m den im Verwertungsprozeß vom Arbeiter produzierten Mehrwert vorstellt. Die im Produktionspro- zeß geschaffenen Werte, und von dieser Problemstellung sind wir ausgegangen, sind Produkt der lebendigen Arbeit. Die 'produktive Funktion' des Kapitals besteht lediglich darin, Arbeitskraft und Produktionsmittel anzukaufen, um beide im Arbeitsprozeß zu kombi- nieren, damit Werte und vor allem Mehrwert, also ein Überschuß über den Kapitalvorschuß, produziert werde. Wenn in der Produktionsfaktorentheorie dem toten Kapital und der lebendigen Arbeit gleichermaßen produktive Kraft zugesprochen wird, so eben auch deshalb, weil in der Tat der von allen Produk- tionsmitteln entblößte Arbeiter darauf angewiesen ist, daß der Kapitalist seine Ware Arbeitskraft kauft und sie mit dem toten Kapital, den Produktionsmitteln kombiniert, will er überhaupt produktiv tätig werden. Auf Grund der antagonistischen Vertei- lungsverhältnisse - dem Kapitalisten gehören die Produktionsmit- tel, dem Arbeiter seine Arbeitskraft - 98) entsteht der Schein, als sei die Arbeit eine produktive Kraft neben anderen: neben Bo- den und Kapital. Zwar kann der Kapitalist keine Waren produzieren ohne den Arbeiter, aber auch der Arbeiter ist zu produktiver Tä- tigkeit unfähig, stellt ihn der Kapitalist nicht an seine Produk- tionsmittel. Und es ist auch deutlich geworden, daß der in Pro- duktionsmitteln angelegte Kapitalwert durchaus nicht wertbildend ist, sondern nur im Arbeitsprozeß als Wert auf das Produkt über- tragen wird. "Eine Maschine, die nicht im Arbeitsprozeß dient, ist nutzlos. Außerdem verfällt sie der zerstörenden Gewalt des natürlichen Stoffwechsels. Das Eisen verrostet, das Holz ver- fault. ... Die lebendige Arbeit muß diese Dinge ergreifen, sie von den Toten erwecken, sie aus nur möglichen in wirkliche und wirkende Gebrauchswerte verwandeln. Vom Feuer der Arbeit beleckt, als Leiber derselben angeeignet, zu ihren begriffs- und berufsmä- ßigen Funktionen im Prozeß begeistert, werden sie zwar auch ver- zehrt, aber zweckvoll, als Bildungselemente neuer Gebrauchswerte, neuer Produkte..." 99) "Diese Naturkraft der Arbeit erscheint als S e l b s t e r h a l t u n g s k r a f t d e s K a p i- t a l s, dem sie einverleibt ist, ganz wie i h r e g e- s e l l s c h a f t l i c h e n Produktivkräfte als s e i n e Eigenschaften, und wie die beständige Aneignung der Mehrarbeit durch den Kapitalisten als beständige S e l b s t v e r- w e r t u n g d e s K a p i t a l s. Alle Kräfte der Arbeit projektieren sich als Kräfte des Kapitals..." 100) Indem das Geheimnis der Wert- und Mehrwertbildung aufgedeckt wird, wird zugleich auch gezeigt, warum sich dies notwendig ver- kehrt darstellt, nämlich als 'produktiver Beitrag des Faktors Ka- pital' zum Wertschöpfungsprozeß. Die Bestandteile des jeweiligen Neuwerts - d.h. des Produktenwerts (c+v+m) abzüglich des bloß übertragenen Wertteils c - erscheinen demnach im bürgerlichen Be- wußtsein als Beiträge der 'Faktoren' und werden in unbewußter Verhüllung als 'Volkseinkommen 101) bezeichnet. Daß die Wert- schöpfung alleiniges Resultat der Arbeit ist, entgeht diesem Klassenbewußtsein, das eben nicht allein aufgrund 'ökonomischer Interessen' sich konstituiert, sondern durch die besondere Form der Produktion selbst. Nachdem wir also den oben bezeichneten Zirkelschluß von der 'Wertschöpfungsseite' her betrachtet haben, wollen wir ihn jetzt von der 'Einkommenseite' her untersuchen. Wenn nämlich die Natur- kraft der Arbeit im Produktionsprozeß als Selbsterhaltungskraft des Kapitals erscheint (und diesem zudem die Fähigkeit zur 'Einkommensschöpfung' zugesprochen wird), so wird zu analysieren sein, wie die Gratisgabe der lebendigen Arbeit auf der Ebene der Einkommen erscheint und wie die Erfahrung solcher Erscheinungen von der bürgerlichen Ökonomie verallgemeinert und 'wissenschaft- lich' systematisiert wird. Der Kapitalist zeichnet sich gegenüber dem Arbeiter dadurch aus, daß er über die Produktionsmittel verfügt, mit denen allein der Arbeiter unter den gegenwärtigen technologischen Bedingungen zu produzieren vermag. Sie sind innerhalb des Gesamtkapitals 102) also ein wichtiger Aktivposten, dessen kontinuierliche Erhaltung und Ausdehnung für den Kapitalisten lebenswichtig ist. Für die Produktionsmittel gilt genau wie für die anderen Teile des kon- stanten Kapitals (Rohstoffe, Hilfsstoffe usw.), daß ihr Wert im Arbeitsprozeß lediglich übertragen wird, daß sie zwar ganz in den Arbeitsprozeß eingehen (der Arbeiter arbeitet immer mit der gan- zen Maschine), aber nur zum Teil in den Verwertungsprozeß einge- hen, nämlich nur mit dem Teil, der anteilig im Arbeitsprozeß ver- schlissen wird durch den Gebrauch des Produktionsmittels. Dieser Teil wird nun aus Gründen der Kapitalerhaltung in Gestalt der Ab- schreibungen zuerst einmal in Abzug gebracht. Vom Nettosozialprodukt bzw. dem größengleich gesetzten Volksein- kommen unterscheidet sich - innerhalb der bürgerlichen Kategori- enbildung - das Bruttosozialprodukt in diesem entscheidenden Punkt. Es schließt auch die Summe der Abschreibungen ein, die den Wert des Verschleißes der dauerhaften (länger als eine Produkti- onsperiode, d.h. ein Jahr, gebrauchten) Produktionsmittel während eines Jahres ausdrücken. Die Abschreibungen sind daher auch gleich der Summe aller Ersatzinvestitionen in einem Jahr, die dazu dienen, das fixe Kapital, die kapitalistische Gestalt der dauerhaften Produktionsmittel, zu erhalten. Während also das Net- tosozialprodukt nur den während eines Jahres neu geschaffenen Wert umschreibt, schließt das Bruttosozialprodukt auch die 'Kosten' ein, die im Verlauf des Jahres zur Erneuerung des im Produktionsprozeß verbrauchten Anlagekapitals entstehen. Anders ausgedrückt: Das Nettosozialprodukt, das schließlich als Volks- einkommen verteilt wird, enthält nicht die Aufwendungen zur Er- neuerung des verbrauchten fixen Kapitalteils. Im bürgerlichen Be- griff der jährlichen Wertschöpfung als Resultat der 'Leistung der drei Faktoren' ist der Wert der abgenutzten und ersetzten Produk- tionsmittel nicht enthalten, obwohl doch auch dieser Wert produ- ziert werden muß. Und jeder Kapitalist, der Produktionsmittel produziert, weiß erstens gar nicht, ob diese für den Kapitaler- satz oder für die Kapitalakkumulation verwendet werden, und zwei- tens würde er die Produktion sehr bald einstellen, wenn dabei nicht auch Werte 'geschaffen' würden. Während als Schöpfer des Nettosozialprodukts und des Volkseinkommens die drei Produktions- faktoren erscheinen, wird die Erzeugung des Ersatzes der ver- brauchten Produktionsmittel aber als quasi-naturbedingte Begleit- erscheinung des Produktionsprozesses vorausgesetzt. Die Gratis- gabe der Arbeit, 'Wert zu erhalten, indem sie Wert zusetzt', wird in der bürgerlichen Theorie reflektiert, indem diese Gratisgabe tatsächlich nicht im Volkseinkommen, im Nettosozialprodukt aufge- führt wird. Seinen Ausdruck findet dies in den Definitionen des Kapitals, der Investitionen und des Einkommens innerhalb der bürgerlichen Öko- nomie. Von A.C. Pigou, dessen Bedeutung als einer der Väter der Wohlfahrtsökonomie auch heute noch unbestritten ist, wird das Ka- pital einem See verglichen, "in den eine mannigfaltige Vielzahl von Dingen, die die Früchte von Ersparnis sind, kontinuierlich hineingeworfen werden. Wenn diese Dinge einmal in den See gelangt sind, überleben sie dort für verschiedene Perioden, ganz entspre- chend ihrer jeweils verschiedenen Natur und dem jeweiliger Schicksal, das sie erleiden." 103) Aber alles, was in den See hineinfließt, verläßt ihn auch wieder. Um nun den 'Wasserspiegel' zu halten, müssen folglich die Zuflüsse zum Kapitalsee eine be- stimmte Größe haben. Sie müssen mindestens so groß sein, wie die Abflüsse, wie der Verbrauch von Kapital Was aber ist Kapitalver- brauch? Pigou rechnet dazu nur "die gewöhnliche Abnutzung, der Maschinen und Fabrikgebäude im Prozeß ihres Funktionierens unter- liegen." 104) Die Notwendigkeit der Erhaltung des Kapitals wird mit der Überlegung begründet, daß im Falle der Nicht-Ersetzung des 'abfließenden' Kapitals nicht nur der Kapitalstrom selbst nach und nach versickern und der See austrocknen würde. "Vielmehr wird an diesem Ereignis die Menschheit kein Interesse mehr neh- men, da dem Abgang der letzten Kapitaleinheit ganz sicherlich der Abtritt des 'letzten Menschen' vorhergegangen sein wird." 105) Daher, so schlußfolgert Pigou, muß erst einmal der Wert zum Er- satz des 'abgeflossenen' Kapitals in Abzug gebracht werden, bevor die "national dividend" an die Produktionsfaktoren verteilt wer- den kann. Zur Verteilung steht also nur das Volkseinkommen, nicht aber das Bruttosozialprodukt. Das Bruttosozialprodukt wird ver- wendet, aber nicht verteilt. So kann es kommen, daß im Jahre 1968 in der BRD zwar 404,91 Mrd. DM v e r t e i l t werden konnten, aber 530,80 Mrd. DM v e r w e n d e t worden sind. Vor jeder Verteilung von 'Einkommen' aufgrund spezifischer 'Leistungen' der einzelnen Faktoren 106) findet die Reproduktion des verbrauchten, in Produktionsmitteln ausgelegten Kapitals statt. Das Kapital hat also das Recht, zumindest mit ungeschmä- lerter Substanz aus jeder Produktionsrunde hervorzugehen. 107) Nur das was darüber hinausgeht, kann daher als "Wohlfahrts- steigerung" bestimmt werden. "Das Sozialeinkommen (oder Sozial- produkt) ist definitionsgemäß der Nettoausstoß einer Wirtschaft. Aber 'netto' hat zwei unvermeidliche Implikationen. Die eine ist die, daß das Kapital funktionsfähig bleibt. Die zweite ist die, daß 'Kapital' klar von Endprodukten unterschieden werden kann/so daß die Konsumtion von Produkten im Verlauf eines Jahres in letzter Verwendung nicht mit Konsumtion innerhalb des Produk- tionsprozesses verwechselt werden kann. Definitionsgemäß ist dann das Sozialeinkommen ein Maß des Ausstoßes des gesamten Nettoausstoßes und nicht der letzten Verwendung oder irgendeiner anderen größeren oder kleineren Summe. ... Wir müssen in Begrif- fen der gegenwärtigen Wohlfahrt auch solche Teile bewerten, die einen Nettozuwachs zum Kapital des Landes repräsentieren..." 108) Nur das Nettoergebnis der Jahresarbeit dient der Wohlfahrt. Da jedoch auch die verbrauchten Produktionsmittel produziert werden müssen, wird auf diese Weise eine Zweiteilung der Jahresarbeit einer konkreten Gesellschaft vorgenommen. Der Teil der Arbeit, der dazu verwendet wird, das verbrauchte Kapital zu ersetzen, steigert die Wohlfahrt nicht. Der andere Teil der Jahresarbeit jedoch, der Konsumtionsmittel und Nettoinvestitionsmittel her- stellt, dient gerade diesem Zweck. Das Kapital kann nach dieser Kategorienbildung also verlangen, erst einmal seinen Anspruch auf Ewigkeit befriedigt zu bekommen, seinen Anspruch, ewig wie die Natur (aus der daher Pigou und Samuelson ihre Analogien beziehen) nicht nur zu gelten, sondern auch zu sein. Die Erhaltung der A r b e i t jedoch figuriert bereits unter der Konsumtion in der Kategorie des 'Sozialeinkommens'. So erweist sich die Unterscheidung zwischen Brutto- und Nettoso- zialprodukt nicht nur als eine statistisch-technische, sondern als die Form, in der die Gratisproduktivkraft der Arbeit, im Pro- zeß der Neuwertbildung den Wert der Produktionsmittel durch Über- tragung auf das Produkt zu erhalten, als Natureigenschaft des Ka- pitals zurückgespiegelt wird. Gleichzeitig bedingt diese Unter- scheidung, daß der Verteilung des Nettosozialprodukts zuerst ein- mal die Kapitalerhaltung vorausgesetzt wird. So wird in jedem Produktionsprozeß zunächst einmal die einfache Reproduktion si- chergestellt, die daher auch logisch der erweiterten Reproduktion vorangeht (weshalb von Marx am Ende des 2. Bandes des 'Kapital' auch die einfache und die erweiterte Reproduktion getrennt darge- stellt werden). Erstes Resultat des Produktionsprozesses, wie es sich in dieser Unterscheidung herstellt, ist die Reproduktion des Kapitals; zweites Resultat ist das Nebeneinander von Lohn und Ka- pitaleinkommen; das eine dient der Reproduktion der lebendigen Arbeitskraft - womit die Reproduktion der beiden Seiten des Kapi- talverhältnisses, des Kapitals und der Lohnarbeit vollendet ist ", das andere dient der ständigen Erweiterung der Kapitalproduk- tion, der Akkumulation. Dies alles erscheint nun aber als 'Selbstverständlichkeit', die nur noch technische Probleme der Abgrenzung zwischen 'brutto' und 'netto' aufwirft - womit denn auch die nationalökonomischen Lehrbücher vollgestopft werden. 109) Die Gratisgabe der Arbeit, im Prozeß der Wertbildung auch den Wert des konstanten Kapitals zu erhalten, was auf der Ebene der Wertbildung als Selbsterhaltungskraft des Kapitals erscheint, drückt sich also auf der Ebene des Bezugs der Einkommen als aller Einkommensverteilung vorausgehender Ersatz des verbrauchten Kapi- tals aus. Daß die Unterscheidung von Brutto- und Nettosozialprodukt nicht eine bloß technische, sondern von fundamentaler Bedeutung ist, wenn es um den Konjunkturzyklus geht, wird nun allerdings wieder in die bürgerliche Ökonomie hereingenommen. In der Keynes'schen Theorie spielt bekanntlich die Konsumneigung ("propensity to con- sume") eine entscheidende Rolle für die kurzfristige Höhe von Einkommen und Beschäftigung. Je mehr die Konsumenten aus ihrem Einkommen konsumieren, desto größer die effektive Nachfrage, de- sto besser die Auftragslage, desto größer auch die Beschäftigung und folglich das Gesamteinkommen - so lautet verkürzt die Argu- mentationskette. Wenn nun aber nur aus dem N e t t o sozial- produkt, dem 'Volks'einkommen konsumiert werden kann, dann ge- winnt plötzlich die Größe der Ersatzinvestitionen zur Wiederherstellung der verbrauchten dauerhaften Produktionsmittel höchste Bedeutung. Denn nun hängt der tatsächliche Konsum bei gegebener Konsumneigung auch von der Größe der Abschreibungen ab. "...Es ist wichtig, die Größe des Abzugs zu betonen, der vom Einkommen einer Gesellschaft gemacht werden muß, die bereits einen großen Kapitalstock besitzt, bevor wir das Nettoeinkommen erhalten, das gewöhnlich für die Konsumtion verfügbar ist. Denn wenn wir dies übersehen, könnten wir den schweren Druck auf die Konsumneigung unterschätzen, der auch unter Bedingungen vorhanden ist, unter denen das Publikum einen sehr großen Teil seines Net- toeinkommens zu konsumieren bereit ist." 110) Und Keynes beklagt daher (ebenda, S. 100) die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise, in der sich die Tendenz jedes Einzelkapitalisten zum Aufschub von Erneuerungsinvestitionen als krisenverschärfendes Moment für das Gesamtkapital auswirken mußte. Nicht nur, daß der Investitions- multiplikator mangels Masse geringer wurde, auch die Tatsache, daß die Abschreibungsbeträge vom fungierenden Kapital in Gestalt von Geldkapital bis zur Erneuerung der Produktionsmittel zurück- gehalten werden, wirkte als krisenverschärfendes Moment. "Sie verringern die laufende Effektivnachfrage und heben sie erst in dem Jahr an, in dem der Kapitalersatz tatsächlich vorgenommen wird. Wenn der diesbezügliche Effekt noch durch 'finanzielle Klugheit' verschlimmert wird, d.h. dadurch, daß es ratsam er- scheint, die Anfangskosten schneller 'abzuschreiben' als die Aus- rüstungen tatsächlich abgenutzt werden, dann wird das kumulierte Ergebnis wahrhaft sehr ernst sein." 111) So führt nach Keynes die "finanzielle Klugheit" der E i n z e l kapitalisten, indem sie höhere, vorsichtige Abschreibungsbeträge ansetzen, zur Krise der kapitalistischen Ökonomie insgesamt. Denn Abschreibungen ohne Er- satzinvestitionen verringern die Gesamtnachfrage, indem die Pro- duktionskosten steigen (Abschreibungen sind schließlich Kosten, die der Kapitalist im Preis erstattet haben will), ohne daß neue Einkommen infolge der Investitionstätigkeit geschaffen würden. Je höher nun diese Abschreibungen, desto niedriger auch die für die Konsumtion 'zur Verfügung stehenden' Einkommen. So führt der Zwang zur Erhaltung jedes E i n z e l kapitals zur Verschärfung der Krise des G e s a m t kapitals. Was der Verteilungstheoretiker nicht begreifen kann, wenn er sich auf die Nettogrößen bezieht, wird nun voll sichtbar. Seine Ver- teilungstheorie hängt in der Luft und wird durch das Abschrei- bungs- und Investitionsverhalten der Kapitalisten immer wieder auf den 'Boden der Tatsachen' gezogen. Die Verteilung wird tan- giert, wenn die Kapitalverwertung es erfordert. Die Größe des 'zur Verfügung gestellten Kuchens' hängt davon ab, inwieweit die Voraussetzungen der Kapitalverwertung gewährleistet sind. Inso- fern übersehen alle Verteilungstheorien, die davon ausgehen, daß durch eine gleichmäßigere Verteilung der Einkommen die Konsumnei- gung steige (aus größeren Einkommen wird ja prozentual mehr ge- spart als aus kleineren Einkommen) und daher auch die effektive Nachfrage zunehme, gerade das Moment der Kapitalverwertung. Nicht die effektive Nachfrage ist entscheidend, sondern die Kapitalver- wertung ausgedrückt in der Größe der Profitrate auf das vorge- schossene Kapital. Und daher konstatiert Keynes zu Recht das Ab- sinken der effektiven Nachfrage als Konsequenz der "finanziellen Klugheit" der Kapitalisten; sie müssen sich eben klug, d.h. als Charaktermasken des Kapitals verhalten, gleichgültig, was aus der effektiven Nachfrage und der Verteilung wird. Dies geht auch aus den betriebswirtschaftlichen, also den einzel- kapitalistischen Abschreibungsregeln hervor, die vom 'ehrbaren Kaufmann' gerade die sich gesamtkapitalistisch so verheerend aus- wirkende "finanzielle Klugheit" verlangen. "Oberstes Prinzip bei der Bewertung in der Bilanz ist der Grundsatz kaufmännischer Vor- sicht. Er soll verhindern, daß der Gewinn zu hoch ausgewiesen und durch Ausschüttung des Gewinns die betriebliche Substanz vermin- dert wird..." 112) Daher wird das Niederstwertprinzip aufge- stellt, das besagt, daß von zwei möglichen Wertansätzen - dem Ta- geswert und dem Anschaffungswert - stets der niedrigere verwendet werden muß. Vor allem gilt es also, die betriebliche Substanz, das Kapital, zu erhalten. Solange keine tatsächlichen Verluste gemacht werden und ein Mindestkonsumtionsstandard der Kapitali- stenklasse gehalten werden kann, sind vorsichtige, d.h. überhöhte Aufwendungen zur Kapitalerhaltung und als 'Residuum' ausgewiesene Gewinne zwar nicht in der Statistik, wohl aber für den Einzelka- pitalisten verschiedene Summanden einer gleichbleibenden Summe. Ob die Gewinne ausgewiesen oder gleich als Rücklagen oder Rück- stellungen verbucht werden, ist wirklich nur eine Frage der je- weiligen "finanziellen Klugheit". Abschreibungen richten sich auch nach der Preisentwicklung der Produktionsmittel. Steigen die Wiederbeschaffungskosten, so müssen die Abschreibungen höher, sinken sie, so können sie niedriger als die Anschaffungskosten sein, wenn eine tatsächliche Wiederbeschaffung mit Hilfe der durch Abschreibungen amortisierten Geldbeträge möglich sein soll 112). Und in der amtlichen Statistik wird diesem Prinzip Rechnung getragen, indem bei der Berechnung des Nettosozialprodukts die zu Wiederbeschaffungspreisen bewerteten Abschreibungen" vom Brutto- sozialprodukt abgezogen werden 113). So wird vom Einzelkapitali- sten in seiner Kalkulation bereits die Unterscheidung zwischen Kapitalerhaltung und Wertschöpfung, zwischen Kapitalersatz und Verteilung vollzogen, ohne daß damit irgendeine Bosheit beabsich- tigt wäre. Er verhält sich lediglich als Kapitalist, "finanziell klug". Und als Kapitalist kümmert ihn die Verteilung der Einkom- men a l s E r g e b n i s seines Handelns nicht, wohl aber a l s V o r a u s s e t z u n g seiner Dispositionen zur Kapi- talverwertung. Kapitalverwertung drückt sich nun aus in quantitativer Steigerung des vorgeschossenen Kapitals. Der Kapitalist will den Wert, den er in Geldform verauslagt hat, vergrößert zurückerhalten, und nur wenn dies der Fall ist, wird er den Produktionsprozeß aufrechter- halten. Die Höhe des Lohnes ist für den Kapitalisten entschei- dend. Denn davon wird die Höhe des von ihm für den Ankauf der Ar- beitskraft vorzuschießenden variablen Kapitalteils bestimmt. Die 'Produktionskosten' steigen mit steigenden Lohnkosten, und folg- lich sinkt bei sonst gleichbleibenden Umständen die Profitrate. Weil also die Verteilung der Einkommen für den Einzelkapitalisten als Voraussetzung seiner Kapitalverwertung höchst relevant ist, kann überhaupt erst der schon diskutierte Widerspruch von Umver- teilung und Wirtschaftswachstum auftauchen. In diesem Schluß, der sich in der bürgerlichen Ökonomie zum Zielkonflikt kristalli- siert, ist allerdings als vermittelndes Glied die Annahme impli- ziert, daß der Profit dazu da sei, um akkumuliert zu werden. Denn wie könnte ein Widerspruch zwischen Umverteilung der Einkommen und Wirtschaftswachstum formuliert werden, wenn nicht unter der Bedingung, daß das Wachstum gerade aus den Profiten getragen würde? Diese Annahme begründet sich aus dem kapitalistischen Pro- duktionsverhältnis selbst. Das Kapital als ununterscheidbare Qua- lität kann sich nur in quantitativer Hinsicht verändern, durch Wachstum. Alle Zwänge der Konkurrenz drängen dem Kapitalisten als Charaktermaske des Kapitals die Notwendigkeit auf, diesem Impera- tiv gerecht zu werden: "Akkumuliere! Das ist Moses und die Pro- pheten." Akkumulation aber geht über die bloße Kapitalerhaltung hinaus; sie wird aus dem Wertprodukt, das wir zur Vereinfachung dem Nettosozialprodukt bzw. Volkseinkommen gleichsetzen (vgl. Anm. 101), getätigt, also aus dem Nettosozialprodukt, das als 'Volkseinkommen' angeblich der Verteilung offensteht. Der in der bürgerlichen Ökonomie als Zielkonflikt zwischen Verteilung und Wachstum formulierte Widerspruch ist also nichts anderes als un- begriffener Reflex der Widersprüche des Akkumulationsprozesses selbst. Für die sogenannte Verteilung ergibt sich allerdings dar- aus die Konsequenz, daß nicht nur der Zwang zur Kapitalerhaltung, der sich als jeder Verteilung schon immer vorausgegangener Abzug der Abschreibungen vom zu verteilenden Kuchen darstellt, sondern auch der Akkumulationszwang des Kapitals die Vorstellung von der Verteilung als einer Sphäre, in der ein Kuchen zu verteilen ist, geradezu lächerlich macht. Wenn also der Abzug der Abschreibungen überhaupt schon jeder Verteilung vorausgeht, wenn die Verteilung des Übriggebliebenen, nämlich des Lohns und des Profits, nicht nach Gesetzen der verselbständigten Verteilungssphäre, sondern nach den Gesetzen der Akkumulation des Kapitals vollzogen wird - was bleibt dann von Vorstellungen über eine mögliche Umverteilung überhaupt noch übrig? Der sogenannte Sozialstaat hat demnach gar nicht 'zur Verfügung', was er zwischen den Klassen umverteilen könnte. Seine Möglichkei- ten und Maßnahmen bewegen sich - dies ist bereits ausgeführt wor- den, bedürfte aber sehr konkreter Analysen - in der Sphäre der Umverteilung innerhalb der Klassen. Nur in den Fällen, wo die Re- produktion der Arbeitskraft wirklich nicht mehr gesichert ist, wenn das Maß des Lohns den Akkumulationsgesetzen allein überlas- sen bleibt, wird der Staat, aus Gründen der Erhaltung der Ar- beitskraft als Basis kapitalistischer Ausbeutung, auch eine Um- verteilung zwischen Lohnarbeit und Kapital erzwingen können. (Vgl. dazu Teil IV). Das Prinzip, daß die Gesetze der Verteilung die Gesetze der Akkumulation und Zirkulation des Kapitals sind, wird dadurch nicht berührt. Wir sind damit aus der Konsequenz der Sache an dem Punkt angelangt, wo die Untersuchung der verteilen- den Macht des Sozialstaats in die Analyse der erweiterten Repro- duktion des Kapitals mündet. Im vorliegenden Zusammenhang, der Kritik der Illusionen der Sozialstaats- und Verteilungstheorien, müssen wir an diesem Punkt abbrechen. Der illusorische Charakter der revisionistischen Sozialstaats- theorien wird also erst durch die Zurückführung der Verteilungs- verhältnisse in der Einkommensebene auf die Verteilung in der ka- pitalistischen Produktion wirklich klar. Es wird damit auch klar, daß die revisionistische Staatstheorie direkt aus jenen verkehr- ten Formen abgeleitet ist, die der kapitalistische Produktions- prozeß selbst im Bewußtsein der Kapitalagenten und der darauf be- ruhenden ökonomischen Wissenschaft erzeugt. Sowohl die bürgerli- chen wie die revisionistischen Auffassungen sind nicht einfach Verhüllungen oder Ideologien im landläufigen Sinn, sondern not- wendige Produkte der Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses. Dieses w e s e n t l i c h e Grundverhältnis, das die gesell- schaftliche P r o d u k t i o n (in ihrer kapitalistischen Form) bestimmt, e r s c h e i n t eben nicht als solches, son- dern ganz verkehrt in der Sphäre der Z i r k u l a t i o n, von der die Verteilung der Einkommen ein Moment ist. Hier ist der Ur- sprung der bürgerlichen Freiheitsillusionen, angefangen von der Freiheit des Individuums als 'Einkommenbezieher' und 'Konsument' bis hin zur Fähigkeit der 'neuen Wirtschaftspolitik' zur 'Globalsteuerung der Wirtschaft' oder zur 'Umverteilung durch Vermögenspolitik'. Das Ziel der Veränderung der bestehenden (wie verbal zugegeben wird, immer noch kapitalistischen Gesellschaft ist auch heute noch für die revisionistischen Organisationen eine 'humane' oder 'humanere' Gesellschaft, und mit diesem Ziel wird die Beteiligung am bestehenden bürgerlichen Staat begründet. Wie sehr dieser Staat überhaupt erst auf der Grundlage kapitalistische! Produk- tion entsteht und neue Funktionen übernimmt, wie sehr andrerseits diese Grundlage die Eingriffe dieses Staates in 'die Wirtschaft' bis ins einzelne bestimmt und begrenzt, wird in der revisionisti- schen Theorie aus den ausgeführten Gründen nicht begriffen. Die Beteiligung am bürgerlichen Staat, der mehr oder weniger starke Anschluß der historischen Organisationen der Arbeiterschaft be- deutet zunächst eine enorme Stärkung der Autorität dieses Staates (vgl. zuletzt die Illusionen vieler Linken über die SDP-FDP-Re- gierung). Andererseits ist der v o l l e Anschluß an die bür- gerlichen Illusionen zugleich der erste Schritt zur Zerstörung dieser Illusionen. Ein wichtiger Schritt bei dieser Desillusio- nierung ist die theoretische Kritik dieser Illusionen, der Auf- weis des inneren Zusammenhangs mit der Grundlage, auf der sie be- ruhen, mit der kapitalistischen Form der Produktion. Diese Kritik kann dazu beitragen, die Beschränktheit jenes 'staatlichen Handelns', das auf der Grundlage jener notwendigen Illusionen einzig möglich ist und das die revisionistischen Hoff- nungen und Versprechungen nicht erfüllen kann, nicht einfach bloß zu konstatieren, sondern zu begreifen und daraus praktische Fol- gerungen zu ziehen, die auf eine wirkliche, nicht scheinbare Ver- änderung hinzielen. IV. Die Notwendigkeit von Staatseingriffen zur Erhaltung -------------------------------------------------------- der kapitalistischen Gesellschaft --------------------------------- 1. Die Durchsetzung der Arbeiterschutzgesetzgebung nach Marx ------------------------------------------------------------ Wir haben gesehen, daß die revisionistischen Theorien eines ge- meinsam haben: sie begreifen den Staat in seinen verschiedenen Funktionen, insbesondere aber der Sozialpolitik, als "selb- ständiges Wesen", losgelöst vom Produktionsprozeß als kapi- talistischem Verwertungsprozeß. Dagegen ist nach der marxisti- schen Auffassung die "G r u n d l a g e des bestehenden S t a a t s" "die bestehende Gesellschaft", 114) ist aus dieser und ihrem widersprüchlichem Grundverhältnis ihre "Zusammenfas- sung... in der Form des Staates" 115) zu entwickeln, und zwar jeweils in ihren konkreten historischen Erscheinungsformen. Nur in einem solchen Sinn könnte man von einer marxistischen Staatslehre sprechen; im Sinne eines feststehenden Lehrgebäudes ist sie also nicht möglich. Es ist daher nicht zufällig, daß Marx in sämtlichen Planskizzen seiner Untersuchung der kapitalisti- schen Gesellschaft insgesamt vom Grundverhältnis ausgeht, das die Sphäre der Produktion kennzeichnet, also vom Kapitalverhältnis, und daß erst für eine etwaige Fortsetzung der Analyse dieser Ba- sis unter anderen auch ein Buch über den Staat vorgesehen war (das er allerdings für so wichtig hielt, daß er sich seine Aus- führung im Unterschied zu anderen Büchern selbst vorbehielt). Je- doch überschreitet er schon im ersten Band des KAPITAL an ver- schiedenen Stellen die hier wie im zweiten Band beibehaltene Ab- straktionsebene des 'Kapitals im allgemeinen' und entwickelt aus grundlegenden Widersprüchen des Arbeits- und Verwertungsprozesses bestimmte Formen, in denen der bürgerliche Staat tätig wird. Als eine solche Entwicklung einer bestimmten staatlichen Funktion soll Marx' Darstellung der Entstehung und Durchsetzung der Fa- brikgesetzgebung im ersten Band des KAPITAL im folgenden resü- miert und charakterisiert werden. Es soll also die Ableitung des "bestehenden Staats" aus der "bestehenden Gesellschaft" an einem konkreten Beispiel vorgeführt werden, um zu zeigen, was Marx un- ter "Zusammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft" verstanden hat. Es kann sich allerdings nicht darum handeln, die von Marx gege- bene (teilweise sehr detaillierte) "historische Skizze" einfach als solche aus der Darstellung des KAPITAL herauszulösen und ohne Bezeichnung ihres systematischen Ortes zu referieren. Die bloße Übernahme der isolierten historischen Tatsachen und die brutale Desinteressiertheit für ihren Stellenwert (d.h. ihren Zusammen- hang mit der Darstellung der Bewegung des 'Kapitals im allgemei- nen') ist nämlich gerade charakteristisch für die revisionisti- sche Marx-Rezeption - nicht zuletzt auch bei der Einschätzung der Fabrikgesetzgebung und des staatlich begrenzten Normalarbeits- tags. Wenn Marx bei der Einführung des Zehnstundentags von einem "Sieg des Prinzips" sprach, so wurde dieser Satz in der Sozialde- mokratie immer wieder so verstanden, daß damit eine schrittweise Durchsetzung sozialistischer Prinzipien innerhalb der kapitali- stischen Gesellschaft eingeleitet worden sei. Nach Bernstein stellten die Fabrikgesetze ein Stück "gesellschaftlicher Kon- trolle" und damit ein Stück Sozialismus dar 116), für Sering eine "Regulierung der Gesellschaft nach menschlichen Notwendigkeiten statt nach automatischen Marktgesetzen." 117) Zunächst muß also wenigstens angedeutet werden, an welcher Stelle der systemati- schen Entwicklung des Kapitalbegriffs Marx auf die gesetzliche Beschränkung des Arbeitstages zu sprechen kommt. Marx beginnt die dialektische Darstellung des Kapitals von jener Grundkategorie aus, von der sich alle übrigen Kategorien (und da- mit alle Erscheinungen der kapitalistischen Gesellschaftsform ab- leiten lassen, nämlich von der widersprüchlichen Form, die das Arbeitsprodukt beim Austausch erhält: der Ware. Er entwickelt, wie sich der in der Ware gesetzte Widerspruch von Gebrauchswert und Wert, und damit der Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit, in der Form des Geldes darstellt. Noch im I. Abschnitt des I. Bandes entwickelt er auch die verschiedenen Funktionen des Geldes. Erst im II. Abschnitt wird der Übergang vom Geld zum Ka- pital vollzogen; es wird herausgearbeitet, daß die Zirkulation des Geldes a l s K a p i t a l sich von der e i n f a c h e n Zirkulation (Abschnitt I) grundsätzlich unterscheidet. Während die einfache Zirkulation in der Konsumtion der Waren endet, im Gebrauchswert der Waren also ihr Ziel findet, liegt der Zweck der Kapitalzirkulation in ihr selbst; ihr Zweck liegt in der Vermeh- rung des Kapitals, der Selbstverwertung des Werts, der Auspres- sung von mehr Wert aus der Arbeitskraft. Die Quelle des Mehrwerts kann nicht in der Zirkulation selbst liegen, wenn man den Aus- tausch von ungleichen Werten ausschließt und sich jede Ware zu ihrem Wert ausgetauscht vorstellt. Sie kann nur in der Produktion selbst stattfinden. Dazu muß allerdings eine Voraussetzung er- füllt sein: der Geldbesitzer muß auf dem Markt die Ware Arbeits- kraft und die übrigen Produktionsbedingungen kaufen können; vor- ausgesetzt ist also der von den Produktionsmitteln 'befreite', der freie Lohnarbeiter. (Dieses Verhältnis unterscheidet die ka- pitalistische von allen anderen Gesellschaftsformen; entweder sind die sachlichen Produktionsbedingungen in der Hand der Produ- zenten, oder diese Produzenten sind bloßes Zubehör zu diesen Pro- duktionsbedingungen - 'an die Scholle gebundener Leibeigener' z.B. - und zusammen mit diesen in der Hand einer Herrenklasse.) Der Wert der Ware Arbeitskraft ist gleich dem aller andren Waren, nämlich gleich der Summe der in seine Produktion eingehenden Ar- beitszeit (was die Erhaltung der "Arbeiterrasse" 118) insgesamt, ihre Ausbildung und für die Kulturstufe eines Landes normale Exi- stenz einschließt). Ihr G e b r a u c h s w e r t, ihre Anwen- dung im Produktionsprozeß selbst (dies der Gegenstand des ersten Bandes) gehört rechtmäßig dem Käufer, der als Werkzeug des Kapi- tals aus der Arbeitskraft möglichst viel Mehrwert herauszupressen versucht. Für den Kapitalisten ist der Sinn des Produktionspro- zesses die Produktion von Mehrwert, nicht die Befriedigung von Bedürfnissen (obwohl die Ware nicht nur Wert, sondern auch Ge- brauchswert im Hinblick auf bestimmte Bedürfnisse hat - ohne Ge- brauchswert taugt sie nicht zum Träger von Wert). F ü r i h n ist der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft, mehr Wert zu schaffen als in sie bei ihrer Produktion an Wert eingegangen ist. Dazu stehen dem Kapitalisten zwei Möglichkeiten zur Verfügung. Er kann die Arbeitskraft möglichst lange über die Zeit hinaus in der Produktion anwenden, die zur Ersetzung ihres von ihm vorge- schossenen Wertes notwendig ist. Diese Verlängerung des Arbeitstages über das notwendige Maß hinaus schafft den a b s o l u t e n M e h r w e r t; er wird im III. Abschnitt des ersten Bands des KAPITAL behandelt. Die Produktion des r e l a t i v e n M e h r w e r t s andrerseits ist das Resultat der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit durch die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, d.h. durch die Revolutionierung der technischen Prozesse der Arbeit und ihrer Organisation im Betrieb, außerdem auch das Resultat einer Steigerung der Intensität der Arbeit (z.B. Erhöhung der Bandgeschwindigkeit; MTM-System). Die relative Mehrwertproduktion wird im IV. Abschnitt des ersten Bandes des KAPITAL behandelt. Absolute und relative Mehrwertproduktion bilden natürlich im Verwertungsprozeß immer schon eine Einheit; sie werden getrennt behandelt, um ihre Besonderheit rein herausarbeiten zu können. Die Reihenfolge der Behandlung ist aber nicht willkürlich; bis zur gesetzlichen Beschränkung des Arbeitstages ist die absolute Mehrwertproduktion die Hauptform. Sie wird vom Kapital derart extrem betrieben, daß das Eingreifen des Staates unvermeidlich wird, worauf sich dann das Kapital mit umso größerem Heißhunger auf die relative Mehrwertproduktion wirft, die nun zu seiner eigentlichen, aber nicht einzigen Form wird. (Immer wieder und vor allem in den Phasen der Hochkonjunktur sucht das Kapital den Arbeitstag nach seinem Bedürfnis zu verlängern.) Die maximale Verlängerung des Arbeitstages ist natürlicher Trieb des Kapitals und daher auch des Kapitalisten als des personifi- zierten Kapitals; sie ist sein natürliches Recht, da er ja die Arbeitskraft für den Gebrauch während eines Tages nach den Geset- zen des Äquivalententauschs zu ihrem Wert gekauft hat und daher über ihren Gebrauchswert wie über den jeder andren Ware verfügen darf. Die Verkürzung des Arbeitstags, z.B. durch Ausruhen, ist Diebstahl am Eigentum des Kapitalisten. Der Arbeiter als Verkäu- fer seiner Ware, der Arbeitskraft, erkennt das Gesetz des Waren- austauschs an, jedoch hat es für ihn einen andren Inhalt: die übermäßige Verlängerung des Arbeitstages über ihr normales Maß hinaus verhindert die normale Regeneration seiner Arbeitskraft, hat also die v o r z e i t i g e Abnutzung des einzigen Vermö- gens des Arbeiters zur Folge. Für den Arbeiter ist daher die über den Normalarbeitstag hinaus verlängerte Arbeitszeit Diebstahl. Das Recht des Verkäufers steht gegen das Recht des Käufers. "... von ganz elastischen Schranken abgesehn, ergibt sich aus der Na- tur des Warenaustausches selbst keine Grenze des Arbeitstags, also keine Grenze der Mehrarbeit. Der Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und womöglich aus e i n e m Arbeitstag zwei zu machen sucht. Andrerseits schließt die spezifische Natur der verkauften Ware eine Schranke ihres Konsums durch den Käufer ein, und der Arbei- ter behauptet sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte Normalgröße beschränken will. Es findet hier also eine A n t i n o m i e statt, Recht wider Recht, beide gleichmäßig durch das Gesetz des Warenaustausches besiegelt. Zwi- schen gleichen Rechten entscheidet die G e w a l t. Und so stellt sich in der Geschichte der kapitalistischen Produktion d i e N o r m i e r u n g d e s A r b e i t s t a g s a l s K a m p f u m d i e S c h r a n k e n d e s A r b e i t s- t a g s d a r - ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d.h. der K l a s s e d e r K a p i t a l i s t e n, und dem Gesamtarbeiter, oder der A r b e i t e r k l a s s e." 119) Der Kampf zwischen den beiden Klassen ist in der Natur des Ver- hältnisses selbst angelegt, das diese Klassen konstituiert (einerseits die Eigentümer des bloßen Arbeitsvermögens, andrer- seits die Eigentümer der gegenständlichen Produktionsbedingun- gen). In diesem Verhältnis gibt es keine "rationale Lösung", son- dern nur vorläufige Entscheidungen nach gewaltsamer Auseinander- setzung. Dieser Widerspruch erzwingt den Klassenkampf (unabhängig von den politischen Formen, in denen er etwa ausgetragen oder in denen seine Formierung versucht wird; Marx charakterisiert an keiner Stelle diesen Klassenkampf als bloß "ökonomisch"; vgl. dazu den letzten Abschnitt dieses Aufsatzes). Das Verhältnis zwi- schen Lohnarbeit und Kapital erweist sich also als ein Verhältnis innerhalb der warenaustauschenden Gesellschaft, das der normalen Form der Regulierung in dieser Gesellschaft nicht unterliegt, nämlich der den Austausch der Waren, des Privateigentums regeln- den allgemeinen Gesetze. Die Arbeiterklasse, gerade indem sie auf dem Gesetz des Warenaustauschs besteht, fällt aus dem durch Ge- setze regulierbaren gesellschaftlichen Zusammenhang heraus. Wie diese Antinomie sich historisch geltend macht, wird von Marx dann ausführlich an der Geschichte des Kapitals in England be- legt. Z w e i B e w e g u n g e n sind dabei zu unterscheiden. 120) Der maßlose Trieb des Kapitals zur Verlängerung des Arbeits- tags setzt sich gegen vielfache hergebrachte Schranken und vor allem gegen den Widerstand der Arbeiter selbst durch. Eine we- sentliche Unterstützung sind dem Kapital dabei von ihm durchge- setzte Z w a n g s g e s e t z e d e s S t a a t e s z u r V e r l ä n g e r u n g d e s A r b e i t s t a g e s, wie sie die Epoche seiner Entstehung und Durchsetzung seit dem späten Mittelalter begleiten (ursprüngliche Akkumulation); hier wird der Staat von der Kapitalistenklasse unmittelbar als Instrument ge- braucht. "Aber in seinem maßlos blinden Trieb, seinem Werwolfs- Heißhunger nach Mehrarbeit, überrennt das Kapital n i c h t n u r d i e m o r a l i s c h e n, s o n d e r n a u c h d i e r e i n p h y s i s c h e n M a x i m a l s c h r a n- k e n d e s A r b e i t s t a g s." 121) Die kapitalistische Produktion produziert also "d i e v o r z e i t i g e E r- s c h ö p f u n g u n d A b t ö t u n g d e r A r b e i t s- k r a f t s e l b s t" 122), und damit beseitigt sie auch tendenziell die Quelle der Verwertung. Sie gerät also zu sich selbst in Widerspruch. Das Kapital und der Kapitalist verhalten sich nach dem Prinzip 'Nach mir die Sintflut'. Aber andrerseits ruft diese Bewegung der Selbstzerstörung eine Gegenbewegung zur Erhaltung der Bedingungen weiterer Kapitalverwertung hervor, und zwar wesentlich durch den Widerstand der in ihrer Existenz als besondre Sorte von Warenbesitzern bedrohten Arbeiter. Über komplizierte Vermittlungen allmählich und immer wieder von Rückschlägen bedroht, setzt sich eine "bewußte und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses" 123) durch. Als n e g a t i v e r Ausdruck des Heißhungers nach Mehrarbeit werden die Fabrikgesetze eingeführt; sie "zügeln den Drang des Kapitals nach maßloser Aussaugung der Arbeitskraft durch g e w a l t s a m e B e- s c h r ä n k u n g d e s A r b e i t s t a g s v o n S t a a t s w e g e n, und zwar von selten eines Staats, den Kapitalist und Landlord beherrschen." 124) Marx vergleicht diese Gegenbewegung mit der Notwendigkeit, die die englischen kapitalistischen Pächter zwang, die durch blinden Raubbau erschöpfte natürliche Produktivkraft des Bodens durch künstliche Düngung zu erneuern. Die Fabrikgesetzgebung ist nach ihm "ebensosehr ein notwendiges Produkt der großen Industrie, als Baumwollgarn, Selfactors und der elektrische Telegraph." 125) Aber diese Notwendigkeit setzt sich deshalb keineswegs automa- tisch durch, sondern die Fabrikgesetze sind das R e s u l t a t e i n e s l a n g w i e r i g e n, m e h r o d e r w e- n i g e r o f f e n e n K l a s s e n k a m p f e s z w i- s c h e n K a p i t a l i s t e n k l a s s e u n d A r- b e i t e r k l a s s e, vermittelt durch eine Vielzahl von politischen Auseinandersetzungen auch unter einzelnen Fraktionen der herrschenden Klassen selbst und unter Beteiligung relativ entfernter Gruppen. Erst die gewissermaßen politologische Dar- stellung 126), wie sich diese vom Interesse der Erhaltung der Ka- pitalverwertung selbst diktierte Notwendigkeit im einzelnen mehr oder weniger unbewußt auf der Ebene der Interessenkämpfe schließ- lich, und niemals wirklich endgültig durchsetzt, kann diese zunächst bloß abstrakt entwickelte Notwendigkeit konkret belegen. Andrerseits ist die dazu notwendige empirische Analyse erst dann marxistisch zu nennen, wenn sie sich bewußt und methodisch klar auf die widersprüchliche Bewegung des Kapitals selbst bezieht; andernfalls wäre sie eine politologische, soziologische usw. Un- tersuchung, wie sie gang und gäbe sind. 127) Im folgenden ist da- her die auf diesem Hintergrund von Marx entworfene "historische Skizze" nachzuzeichnen. (Dem Leser wird die Lektüre im KAPITAL selbst empfohlen.) Sodann ist der Prozeß dieser Durchsetzung ei- ner staatlichen Funktion aus dem Kapitalprozeß zusammenfassend zu charakterisieren. Seit der Entstehung der großen Industrie war der Arbeitstag mit größter Gewaltsamkeit immer weiter verlängert worden, nachdem er in den Jahrhunderten bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts bereits auf 12 Stunden und mehr ausgedehnt worden war. "Das Kapital fei- erte seine Orgien. - Sobald die vom Produktionslärm übertölpelte Arbeiterklasse wieder einigermaßen zur Besinnung kam, begann ihr Widerstand, zunächst im Geburtsland der großen Industrie, in Eng- land. Während drei Dezennien jedoch blieben die von ihr ertrotz- ten Konzessionen rein nominell. Das Parlament erließ fünf Ar- beits-Akte von 1802 bis 1833, war aber so schlau, keinen Pfennig für ihre zwangsmäßige Ausführung, das nötige Beamtenpersonal usw. zu votieren. Sie blieben ein toter Buchstabe." 128) Erst das F a b r i k g e s e t z v o n 1 8 3 3 setzt einen Normalar- beitstag von 12 Stunden fest, freilich nur für Jugendliche. Für Kinder von 9 bis 13 Jahren wurde er auf 8 Stunden beschränkt; ge- gen die tatsächliche Durchsetzung dieser Bestimmung "eröffnete das Kapital ... eine mehrjährige und geräuschvolle Agitation" 129), mit dem Ziel, die Grenze zwischen Jugendlichen und Kindern zu seinen Gunsten zu verschieben. Jedoch unter dem drohenden au- ßerparlamentarischen Druck verweigerte das Unterhaus eine Abände- rung des Gesetzes. Das Kapital fand zahlreiche andere Möglichkei- ten zu seiner Umgehung; "... die offiziellen Berichte der Fabrik- inspektoren strotzten von Klagen über die Unmöglichkeit seiner Ausführung." 130) "Unterdes hatten sich aber die Umstände sehr geändert. Die Fabrikarbeiter, namentlich seit 1838, hatten die Z e h n s t u n d e n b i l l zu ihrem ökonomischen, wie die C h a r t e r zu ihrem politischen Wahlaufruf gemacht. Ein Teil der Fabrikanten selbst, der den Fabrikbetrieb dem Akt von 1833 gemäß geregelt hatte, überwarf das Parlament mit Denkschriften über die unsittliche "Konkurrenz" der "falschen Brüder" 131), denen größere Frechheit oder glücklichere Lokalumstände den Ge- setzesbruch erlaubten. Zudem, wie sehr immerhin der einzelne Fa- brikant der alten Raubgier den Zügel frei schießen lassen mochte, die Wortführer und politischen Leiter der Fabrikantenklasse gebo- ten eine veränderte Haltung und veränderte Sprache gegenüber den Arbeitern. Sie hatten den Feldzug zur A b s c h a f f u n g d e r K o r n g e s e t z e eröffnet und bedurften der Hilfe der Arbeiter zum Siege! Sie versprachen daher nicht nur Verdopp- lung des Laibes Brot" (d.h. Verbilligung des Brots durch Abschaf- fung der Getreideeinfuhrzölle, die den Großgrundbesitz schütz- ten), "sondern Annahme der Zehnstundenbill unter dem tausendjäh- rigen Reich des Free Trade. Sie durften also um so weniger eine Maßregel bekämpfen, die nur den Akt von 1833 zur Wahrheit machen sollte. In ihrem heiligsten Interesse, der G r u n d r e n t e, bedroht, donnerten endlich die Torries entrüstet philanthropisch über die "infamen Praktiken" ihrer Feinde." 132) Aufgrund von Klassenkämpfen, die in ihrer Wirkung durch die Kämpfe der Fraktionen der herrschenden Klassen untereinander ver- stärkt wurden, kam 1 8 4 4 d e r Z u s a t z z u m F a- b r i k g e s e t z zustande, durch den Frauen in der gleichen Weise wie bisher Jugendliche geschützt wurden. "Zum ersten Mal sah sich die Gesetzgebung also gezwungen, auch die Arbeit Volljähriger direkt und offiziell zu kontrollieren." 133) Zur Verhinderung zukünftiger Umgehung traf das Gesetz zahlreiche De- tailbestimmungen, die Marx teilweise genau referiert; darauf faßt er zusammen: "Man hat gesehn: diese minutiösen Bestimmungen, wel- che die Periode, Grenzen, Pausen der Arbeit so militärisch uni- form nach dem Glockenschlag regeln, waren keineswegs Produkte parlamentarischer Hirnweberei. Sie entwickelten sich allmählich aus den Verhältnissen heraus, als N a t u r g e s e t z e der modernen Produktionsweise. Ihre Formulierung, offizielle Anerken- nung und staatliche Proklamation waren Ergebnis langwieriger Klassenkämpfe." 134) Die Jahre 1 8 4 6 / 1 8 4 7 bringen einerseits die Einführung des Freihandels, zum anderen ein n e u e s F a b r i k- g e s e t z, das wesentlich ein Ausdruck des Höhepunkts der Chartistenbewegung und der Zehnstundenagitation war, im Parlament auch die Unterstützung der über den Sieg der Freihändler erbosten Konservativen fand. Das Kapital versucht die tatsächliche Einführung des Zehnstundentags für Jugendliche und Arbeiterinnen durch einen Klassenfeldzug zu verhindern. Nach den Lohnausfällen als Folge der Krise von 1846/47 wurde zur Einleitung und Begleitung der allmählichen Arbeitszeitverkürzung der Lohn um insgesamt etwa 25% gekürzt. "Unter so günstig vorbereiteten Chancen begann man die Agitation unter den Arbeitern für Widerruf des Akts von 1847. Kein Mittel des Betrugs, der Verführung und der Drohung wurde dabei verschmäht, aber alles umsonst." 135) Dieser erste Feldzug mißglückte also, und am 1. Mai 1848 trat der Zehnstundentag in Kraft (nicht für männliche Arbeiter). "Unterdes hatte jedoch das Fiasko der Chartistenpartei, deren Führer einge- kerkert und deren Organisation zersprengt, bereits das Selbstver- trauen der englischen Arbeiterklasse erschüttert. Bald darauf vereinigte die Pariser Juni-Insurrektion und ihre blutige Erstic- kung, wie im kontinentalen Europa so in England, alle Fraktionen der herrschenden Klassen, Grundeigentümer und Kapitalisten, Bör- senwölfe und Krämer, Protektionisten und Freihändler, Regierung und Opposition, Pfaffen und Freigeisterjunge Huren und alte Non- nen, unter dem gemeinschaftlichen Ruf zur Rettung des Eigentums, der Religion, der Familie, der Gesellschaft! Die Arbeiterklasse wurde überall verfemt, in den Bann getan, unter das 'l o i' d e s s u s p e c t s' "(Notstandsgesetz)" gestellt. Die Herren Fabrikanten brauchten sich also nicht zu genieren. Sie brachen in o f f n e R e v o l t e aus nicht nur wider das Zehnstundenge- setz, sondern wider die ganze Gesetzgebung, welche seit 1833 die 'f r e i e' Aussaugung der Arbeitskraft einigermaßen zu zügeln suchte." 136) Marx schildert ausführlich 137), wie das Kapital im offenen Klassenkampf terroristisch und zynisch alle Mittel gegen die früheren Kompromisse mit der Arbeiterklasse anwendet, etwa die Entlassung großer Teile der unter das Gesetz fallenden Arbei- ter, die Kürzung der gesetzlichen Essenspausen, die Aufsplitte- rung der täglichen Arbeitszeit der Kinder, ausdrücklich angekün- digte Nichtbeachtung bestimmter Gesetzesklauseln. Unterstützung fanden die Fabrikanten bei den vielfach von ihnen selbst besetz- ten Gerichten. Dazu wies der Innenminister die Fabrikinspektoren an, bei Gesetzesübertretungen in bestimmten Fällen nicht einzu- schreiten. Schließlich kam noch das Urteil eines Gerichts der höchsten Instanz, nach dem die Gesetzbrüche der Fabrikanten zwar gegen den Sinn des Fabrikgesetzes von 1844 verstießen, dieses Ge- setz jedoch gewisse Worte enthalte, die es selbst sinnlos mach- ten. "Mit diesem scheinbar definitiven Sieg des Kapitals trat aber so- fort ein Umschlag ein. Die Arbeiter hatten bisher passiven, ob- gleich unbeugsamen und täglich erneuten Widerstand geleistet. Sie protestierten in laut drohenden Meetings in Lancashire und Yorks- hire... Die Fabrikinspektoren warnten dringend die Regierung, der Klassenantagonismus sei zu einer unglaublichen Höhe gespannt." 138) (Staatliche Überwachungsbeamte erfüllen also hier direkt am Ort des Klassenkampfes die Funktion, die heute vielfach Funktio- näre von Gewerkschaften ausführen - oder ausführen sollen). Selbst ein Teil der Fabrikanten beschwerte sich über die willkür- liche Anwendung der Fabrikgesetzgebung, die die Gleichheit der Konkurrenzbedingungen aufhebe. "Unter diesen Umständen kam es zu einem K o m p r o m i ß z w i s c h e n F a b r i k a n t e n u n d A r b e i t e r n, der in dem neuen zusätzlichen Fabrik- akt vom 5. August 1850 parlamentarisch besiegelt ist." 139) Die- ses Gesetz hatte zum Inhalt einerseits eine gewisse Verlängerung des Zehnstundentags, andrerseits beseitigte es die besonders ver- breitete Umgehung des Gesetzes durch das Relaissystem. 140) Mit der Durchsetzung in den großen Industriezweigen hatte nach Marx "das Prinzip gesiegt" 141), nämlich die Gegenbewegung gegen die Zerstörung der "Arbeiterrasse" (und damit der Quelle des Mehrwerts, der Kapitalverwertung) durch die maßlose und zerstöre- rische Verlängerung des Arbeitstags. Das Ergebnis war im Auf- schwung von 1853-1860 und in der "physischen und moralischen Wie- dergeburt der Fabrikarbeiter" 142) offensichtlich, und zwar auch den Fabrikanten selbst samt ihren wissenschaftlichen Apologeten, die sich nunmehr mit der Unvermeidlichkeit einer gesetzlichen Be- schränkung des Arbeitstages abfanden. Zum Sieg des Prinzips ge- hört auch die allmähliche Ausdehnung der Fabrikgesetzgebung auf alle Industriezweige, nämlich in dem Maß, in dem diese sich von den Vorformen Handwerk, Manufaktur, Hausarbeit zur großen Indu- strie entwickeln. Zwei Umstände vermitteln die Notwendigkeit die- ser Verallgemeinerung von einem Ausnahmegesetz für einzelne, in- dustriell besonders entwickelte Branchen zu einem "Gesetz aller gesellschaftlichen Produktion": "erstens die stets neu wieder- holte Erfahrung, daß das Kapital, sobald es der Staatskontrolle nur auf einzelnen Punkten der gesellschaftlichen Peripherie an- heimfällt, sich um so maßloser auf den andern Punkten entschä- digt, zweitens der Schrei der Kapitalisten selbst nach G l e i c h h e i t d e r K o n k u r r e n z b e d i n g u n- g e n, d. h. g l e i c h e n S c h r a n k e n d e r A r- b e i t s e x p l o i t a t i o n." 143) Diese Verallgemeinerung des Schutzes der Arbeiterklasse beschleunigt zugleich die Vernichtung der Vorformen der großen Industrie und die Konzentra- tion des Kapitals bzw. die Alleinherrschaft des Fabrikregimes, damit aber auch die damit verbundene Herausbildung des Klassenan- tagonismus. 144) Durch die maßlose Verlängerung des Arbeitstags produziert das Ka- pital die vorzeitige Erschöpfung der Arbeitskraft, die Zerstörung der Gesundheit der lebenden und der kommenden Arbeitergeneration; es ist die Ursache seelischer Verkrüppelung und Brutalisierung, verkürzter Lebensdauer, ja von Epidemien, die die gesamte Bevöl- kerung einschließlich der herrschenden Klassen bedrohen. Das Ka- pital droht seine eigene Existenzgrundlage zu vernichten; zumin- dest aber erhöht es den Wert der Arbeitskraft und damit die Ko- sten des variablen Kapitalteils durch zu schnellen Verschleiß. "D e r W e r t d e r A r b e i t s k r a f t schließt ... den Wert der Waren ein, welche zur Reproduktion des Arbeiters oder zur Fortpflanzung der Arbeiterklasse erheischt sind. Wenn also die naturwidrige Verlängrung des Arbeitstags, die das Kapital in seinem maßlosen Trieb nach Selbstverwertung notwendig anstrebt, die Lebensperiode der einzelnen Arbeiter und damit die Dauer ih- rer Arbeitskraft verkürzt, wird rascherer Ersatz der verschlisse- nen nötig, also das Eingehen größerer Verschleißkosten in die Re- produktion der Arbeitskraft, ganz wie der täglich zu reproduzie- rende Wertteil einer Maschine um so größer ist, je rascher sie verschleißt. Das Kapital scheint daher durch sein eignes Inter- esse auf einen N o r m a l a r b e i t s t a g hingewiesen." 145) (Zum Wert der Ware Arbeitskraft gehören natürlich nicht nur die Lebensmittel im eigentlichen Sinn, die der Arbeiter mit sei- ner Familie von seinem Nettolohn kauft, sondern auch jene "Bildungskosten" 146), die der Qualifikation der Arbeitskraft dienen, weiter die Kosten für die Reparatur erkrankter Arbeits- kraft und schließlich die Aufwendungen für die (meist sehr er- bärmliche) Lebendigerhaltung der nicht mehr verwertbaren Arbeits- kraft bis zu deren natürlichem Tod. Dieser Teil des Wertes der Arbeitskraft wird von öffentlichen Institutionen wie staatlichem Volks- und Berufsschulsystem, Kranken- und Rentenversicherung um- verteilt; es ist dies wesentlicher Bestandteil der sozialpoliti- schen Umverteilungstätigkeit des Staates - einer Umverteilung i n n e r h a l b der Lohneinkommen.) Das Kapital s c h e i n t also durch sein eignes Interesse auf einen Normalarbeitstag hingewiesen. Diesem Schein entspricht der f i k t i v e, nämlich nicht wirkliche Gesamtkapitalist. Denn "in seiner p r a k t i s c h e n Bewegung" wird das Kapital "durch die Aussicht auf zukünftige Verfaulung der Menschheit und schließlich doch unaufhaltsame Entvölkerung so wenig und so viel bestimmt als durch den möglichen Fall der Erde in die Sonne." 147) Der einzelne Kapitalist, als Kapitalist bloß Personifizie- rung des Kapitals, kann sich den immanenten Gesetzen der kapita- listischen Produktion nicht entziehen; in der Konkurrenz zwingen sie sich ihm von außen als Zwangsgesetze auf. "Im großen und gan- zen" hängen "physische und geistige Verkümmerung, vorzeitiger Tod, Tortur der Überarbeit" "nicht vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Konkurrenz macht die im- manenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend." 148) Es hängt also nicht vom Kapitalisten als moralischem Indivi- duum ab, in welchem Grad er die Arbeiter ausbeutet, wie sehr er an der Zerstörung der Gesellschaft und seiner eigenen Existenz- grundlage mitarbeitet bzw. die Mitarbeit verweigert. Daher ergibt sich aus dem Kapitalverwertungsprozeß selbst auch keine morali- sche Schranke. Als Kapitalist, als personifiziertes Kapital ist er zur maßlosen Ausbeutung gezwungen. Ein Handeln als moralisches Individuum ist für ihn nur möglich, wenn er seine Existenz als Kapitalist aufgibt. Wenn ein Kapitalist bei gesellschaftlicher Durchschnittsarbeitszeit von 12 Stunden nur 6 Stunden arbeiten läßt, macht er pleite, d.h. er hört auf Kapitalist zu sein. 149) Wie kommt es trotzdem zum allgemeinen Zwangseingriff "der Gesell- schaft", der allein dieser Tendenz einen Riegel vorschieben kann? Wie kommt es zur gewaltsamen und mehr oder weniger wirksamen Be- schränkung des Arbeitstages durch den von Kapitalist und Grundei- gentümer beherrschten Staat, wenn der vernünftige Gesamtkapita- list, wie Marx gründlich darstellt, eine Fiktion ist? "Die Schöp- fung eines Normalarbeitstags ist... das Produkt eines langwieri- gen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwischen der Kapi- talistenklasse und der Arbeiterklasse" 150) (also nicht dem ver- einzelten Arbeiter, dem Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeits- kraft - wieweit auch das Ausbleiben solchen kollektiven Wider- stands als historische Möglichkeit im Einzelfall zu erwägen ist, welche Folgen dies für die Fortexistenz bzw. die Verfaulung der kapitalistischen Produktion hat, wäre noch zu erörtern). Zunächst: d e r W i d e r s t a n d d e r A r b e i t e r a l s K l a s s e gegen ihre eigene Zerrüttung und Vernichtung e n t s t e h t a u s d e r "m a ß l o s e n B e w e g u n g d e s K a p i t a l s s e l b s t. Die Arbeiterbewegung ist nach Marx "instinktiv aus den Produktionsverhältnissen selbst" 151) erwachsen; der Arbeiter muß in dieser Form um seine Existenz als Arbeiter kämpfen. In diesem Sinn, und nicht als moralischer Aufruf, ist der berühmte Satz am Ende des Kapitals über den Ar- beitstag zu verstehen: "Zum 'Schutz' gegen die Schlange ihrer Qualen müssen die Arbeiter ihre Köpfe zusammenrotten und a l s K l a s s e ein Staatsgesetz erzwingen, ein übermächtiges g e- s e l l s c h a f t l i c h e s H i n d e r n i s, das sie selbst verhindert, d u r c h f r e i w i l l i g e n K o n- t r a k t m i t d e m K a p i t a l sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen." 152) Die Erhaltung der kapitalistischen Produktionsweise selbst erfordert die Orga- nisation der Arbeiter als Klasse, denn als vereinzelte Verkäufer der Ware Arbeitskraft könnten sie ihre Existenz nicht sicherstel- len. Von diesem Punkt aus ist sowohl die Entstehung sozialpolitischer Funktionen des Staates wie die Aus- bildung und die Anerkennung von Gewerkschaften wie auch die Ent- stehung des Reformismus in der Arbeiterbewegung zu begreifen." 153) Das Kapital "in seiner praktischen Bewegung", bei der Mehrwert- produktion, ist jedoch weit entfernt, diese Notwendigkeit der Or- ganisation der Arbeiter als Klasse einzusehen; sie wird ihm viel- mehr in langwierigen Kämpfen aufgezwungen. Die maßlosen Aus- schreitungen des Kapitals gegen Gesundheit und Lebenskraft der Arbeiter rufen die gesetzliche Kontrolle in Gestalt der Fabrikge- setze zunächst jahrzehntelang bloß als Ausnahmegesetzgebung her- vor, die bloß für die voll ins Fabriksystem eingetretenen Indu- striezweige gilt. Sie wird zunächst so ungenau formuliert, daß ihre Umgehung durch die Fabrikanten bereits vorgesehen scheint. 154) Erst nach und nach werden in die Fabrikgesetzgebung Klauseln eingefügt, die die amtliche Kontrolle über ihre Einhaltung durch bezahlte staatliche Inspektoren vorsieht; zunächst jedoch ist de- ren Zahl ganz ungenügend. Die wirkliche Überwachung der Einhal- tung der gesetzlichen Vorschriften wird ebenfalls erst allmählich durchgesetzt; jedoch erweisen sich z.B. die vorgesehenen Strafandrohungen als unwirksam, weil die Gerichte von den Vertre- tern der angeklagten Klasse besetzt sind; auch sind die angedroh- ten Sanktionen vergleichsweise schwach. Aber auch die bereits be- stehenden Gesetze sind vor dem Gegenangriff der Kapitalisten- klasse nicht sicher, besonders in Zeiten politischer Schwäche der Arbeiter als Klasse. Und umgekehrt ist die relative Stärke der Arbeiterklasse zu bestimmten Zeiten Grund für Zugeständnisse des Kapitals. Die praktische Durchsetzung der Fabrikgesetzgebung, die Anerken- nung des Arbeiterschutzes als Funktion des Staates ist in der hi- storischen Wirklichkeit also nicht das Resultat eines ununterbro- chenen, kontinuierlichen Prozesses, in dem die Arbeiterklasse der Kapitalistenklasse ihren Willen einfach aufzwingt (noch weniger natürlich das Ergebnis 'sozialpolitischer Eingriffe' 'des' Staa- tes). Vielmehr ist dieser Prozeß durch vielfältige Auseinander- setzungen vermittelt, durch Fortschritte und Rückschläge, durch Koalitionen und Kompromisse usw. Die ökonomische und politische Kampfkraft der Arbeiterklasse gegen die Kapitalistenklasse ist dabei von verschiedenen Momenten bestimmt. Eine wichtige Rolle spielen die Konflikte mit den Resten vorkapitalistischer Herren- klassen, die nicht unbedingt schon ganz ins Kapitalverhältnis einbezogen und damit zu einer bloßen Fraktion der Kapitalisten- klasse geworden sein müssen: vor allem die Grundeigentümer ("Landlords"). Bekanntlich macht sich ihr Gewicht besonders im Staatsapparat geltend (vgl. den Doppelcharakter des Bismarck- Staates). Bedeutender sind die Auseinandersetzungen unter ver- schiedenen Fraktionen innerhalb des Kapitals, z.B. über die Frage der Abschaffung von Zöllen auf bestimmte Waren. Privilegien für bestimmte Gruppen, etwa zur Nichtbeachtung gesetzlicher Bestim- mungen, werden von den andren Gruppen abgelehnt, die die Einhal- tung im Interesse gleicher Konkurrenzbedingungen verlangen. Sol- che Konflikte innerhalb der herrschenden Klassen können das Ge- wicht der Arbeiterklasse zeitweise erheblich verstärken. Abge- schwächt gilt entsprechendes für das Kleinbürgertum (Klein- warenproduzenten, Händler, auch Ärzte usw.); sofern die Ideologieproduzenten ("Pfaffen, Professoren", Lehrer, Wissen- schaftler, Journalisten usw.) nicht direkt von den herrschenden Klassen in Dienst genommen sind, folgert sie meist kleinbürgerli- cher Bewußtseinsausrichtung. Im Zusammenhang mit der Fabrikge- setzgebung spielen diese Gruppen eine nicht unbedeutende Rolle, etwa durch Stellungnahmen in der Presse oder Ausarbeitung von Gutachten und Untersuchungsberichten im Rahmen von 'Königlichen Kommissionen' 155). Sie haben diese 'Unabhängigkeit' freilich nur soweit die Auseinandersetzungen zwischen den entscheidenden Klas- sen ihnen einen Spielraum gewähren - damit ist zugleich die von Liberalen regelmäßig überschätzte 156) und zum bewegenden Moment der Geschichte des bürgerlichen Staates erhobene Bedeutung der bürgerlichen Öffentlichkeit anerkannt u n d eingeschränkt. Zahllose der von Marx herangezogenen Berichte der Fabrikinspekto- ren sind jahrzehntelang ohne Wirkung in den Archiven verschwun- den; die Aufklärung hatte keine Konsequenz in der Wirklichkeit. Diese Öffentlichkeit hat eine wichtige Funktion: es kann sich in ihr ein bürgerlich-kritisches Bewußtsein entwickeln, das auf die Probleme aufmerksam macht, die dem Kapital in seiner praktischen Geschäftigkeit notwendig entgehen müssen. Dieser über den direk- ten Interessen stehenden öffentlichen Meinung tritt auf dem glei- chen Terrain aber auch die Tätigkeit der einfach gekauften Auf- tragsforscher und Meinungsmacher einzelner Fraktionen des Kapi- tals gegenüber, die deren Interessen durch Pressekampagnen, Gut- achten für Parlamentsausschüsse usw. vertreten. Die Wirkung aller der hier aufgezählten Momente auf die Kampfkraft der Arbeiter- klasse ist immer vor dem Hintergrund zu sehen, daß die Fabrikge- setzgebung im damaligen England einerseits notwendig war, um die Arbeiterrasse als Quelle der Kapitalverwertung zu erhalten, und daß sie andrerseits dem Kapital auf seinem damaligen Entwick- lungsstand erträglich war, also seine Existenz nicht ernsthaft gefährdete. 157) Eine besonders wichtige Funktion der unabhängigen Öffentlichkeit ist es, auf die Bedrohung der Existenzgrundlagen der Gesell- schaft, d.h. ihrer kapitalistischen Form, und auf drohenden offe- nen Klassenkampf aufmerksam zu machen. Marx erwähnt die Warnungen über den "unglaublich gespannten Klassenantagonismus", die die Fabrikinspektoren an die Regierung übermitteln; sie haben damit eine ähnliche Aufgabe wie heute die Gewerkschaftsfunktionäre, die die Stimmung unten nach oben weitergeben sollen, um etwa erfor- derliche Zugeständnisse einzuleiten. Die Befriedung durch Sozial- politik ist eine wichtige Seite bei der Erhaltung der Arbeits- kraft als Wertquelle; bekanntlich hat Bismarck ganz bewußt neben der Peitsche der Sozialistengesetze das Zuckerbrot der Sozialver- sicherung verordnet und damit, gegen den Willen der politischen Vertreter des Kapitals, wesentlich zu der folgenschweren Orien- tierung der deutschen Arbeiterklasse auf den Staat beigetragen. 158) Jedoch ist hier vor der verbreiteten Auffassung zu warnen, der Staat greife als weiser Vertreter der Interessen des Kapitals in seine unerschöpfliche Zaubertasche, um nach Belieben das Pro- letariat durch Sozialpolitik zu manipulieren. Die Schranken der sozialpolitischen Eingriffe des Staates sind eng gezogen, und selbst die auf einer bestimmten historischen Entwicklungsstufe möglichen Eingriffe (so weise sie an sich wären) werden im allge- meinen erst nach langwierigen Auseinandersetzungen und angesichts tatsächlicher oder drohender Klassenkämpfe durchgeführt. Die oben erwähnte Antinomie zwischen dem Recht des Kapitalisten als dem Käufer und dem Recht des Arbeiters als dem Verkäufer der Ware Arbeitskraft wird nach Marx durch Gewalt entschieden; sie konstituiert zugleich den Staat in einem doppelten Charakter. Ei- nerseits werden die sozialpolitischen Funktionen des Staates überhaupt erst durch die wirklichen oder drohenden Kämpfe der Ar- beiter als Klasse durchgesetzt 159); ohne sie wäre seine Existenz als ideeller Gesamtkapitalist und scheinbar selbständige Instanz nicht möglich. Andrerseits konstituieren diese Klassenkämpfe im- mer auch die Arbeiter als Klasse im Sinne eines handelnden Sub- jekts, damit aber auch die Tendenz zur Aufhebung des Kapitalver- hältnisses und seines Staates; dieser Tendenz entspricht wiederum die militärische Unterdrückungsaufgabe des Staates. Wäre nicht die Arbeiterklasse von Zeit zu Zeit gezwungen, für ihr Recht als Warenverkäufer zu kämpfen oder damit zu drohen, so wäre Polizei usw. überflüssig. Andererseits würde die 'sozialpolitische Auf- gabe' des Staates (nämlich die Aufgabe der Befriedung) 'unglaubwürdig', wenn dieser immer vorhandene Zwangscharakter des Klassenstaates zur Unzeit offenbar würde. Das Janusgesicht des Staatsapparates, 'Fürsorge' und Unterdrückung, ist notwendiger Ausdruck der Antinomie des kapitalistischen Verwertungsprozesses selbst, wie sie als Recht gegen Recht beim Tausch der Ware Ar- beitskraft auftritt. 160) 2. Das Kapital als Bedingung der Besonderung des Staates 161) ------------------------------------------------------------- Es ist die besondere Eigenart der auf dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit beruhenden Form der gesellschaftlichen Produktion, daß hier die Menschen ihren eigenen Lebenserhaltungsprozeß nicht v o n v o r n h e r e i n überschauen und planmäßig gestalten können, sondern daß die im Kapitalverhältnis angelegte wider- sprüchliche innere Tendenz, und zwar durch das Handeln der Kapi- talagenten vermittelt, zu Folgen führt, die die einzelnen Funk- tionäre des Kapitals selbst nicht bewußt wollen und gegen die sie als Einzelkapitalisten nichts unternehmen können. Zwar ist der Staat um des Privateigentums, um des Kapitals willen da, zwar ist er "weiter Nichts als die Form der Organisation, welche sich die Bourgeois sowohl nach Außen als nach innen hin zur gegenseitigen Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen notwendig geben." 162) Aber damit ist der Staat eben nicht einfach mit dem Kapital, mit dieser besonderen Form der gesellschaftlichen Produktion i d e n t i s c h. Vielmehr charakterisiert den bürgerlichen Staat gerade die Tatsache, daß er auf der Loslösung des Eigentums als Privateigentum aus der ursprünglichen Einheit des Gemeinwe- sens beruht 163) und daß er a u f d i e s e r G r u n d l a g e zu "einer besonderen Existenz neben und außer der bürgerlichen Gesellschaft geworden" ist 164). Es ist wichtig hervorzuheben, daß diese Besonderung zur Existenz "n e b e n u n d a u ß e r" der bürgerlichen Gesellschaft auf deren Grundlage stattfindet, also auf der i n s i c h w i d e r s p r ü c h l i c h e n Basis der kapitalistischen Produktion. Die wirkliche Besonderung auf dem Grund dieses Wider- spruchs führt dann zu der "verkehrten", "mystifizierten", ideali- stischen 165) Auffassung, nach der der Staat 'der' Gesellschaft s e l b s t ä n d i g gegenübersteht, das w i r k l i c h e S u b j e k t ist, dessen Objekt 'die Gesellschaft' ist; Marx kritisiert diese Auffassung in seiner Kritik des Hegelschen Staatsrechts. (Letzten Endes ist darin bereits, wenn auch in ab- strakter Weise, die Kritik an der revisionistischen Staatstheorie enthalten, die zwar verbal am Primat der Gesellschaft, des Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital festhält, aber die Fähig- keit des Staates zur Regulierung des gesellschaftlichen Wider- spruchs behauptet, den Staat zum Subjekt erhebt.) Den Lesern des KAPITAL ist diese Entwicklung des Staates als "besondere Existenz neben und außer der bürgerlichen Gesellschaft" leicht verständ- lich, wenn sie sich an die dialektische Entwicklung der Wertform, weiter der Geldform aus dem in der Ware gesetzten Widerspruch von Wert und Gebrauchswert erinnern 166). Dieser im Doppelcharakter des Arbeitsprodukts als Ware enthaltene Widerspruch kann nur da- durch erscheinen, daß er sich in einer besonderen Ware, der Geld- ware, darstellt; daß sich die Wertform der Ware, die sich in ih- rer eigenen Gebrauchsform nicht ausdrücken kann, in der Ge- brauchsform einer besonderen Ware ausdrückt und diese dadurch zum Geld macht. Das Geld e r s c h e i n t nun als selbständiges Ding, dem die besondere, historisch-gesellschaftliche Eigenschaft des Wertes als n a t ü r l i c h e oder auch als von Menschen durch bewußte Ü b e r e i n k u n f t definierte Eigenschaft anhaftet. Der gleiche 'Fetischismus' ist beider Form des Staates festzustellen. Nach der bürgerlichen Auffassung hat es entweder den Staat immer schon gegeben, ist der Mensch 'v o n N a t u r auf den Staat hin geschaffen', bzw. ist der Staat für ein men- schliches (d.h. bürgerliches) Leben unentbehrlich, oder aber er wird durch V e r t r a g s s c h l u ß bewußt begründet 167). Daß er bloß Besonderung dieser spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise ist, ist in dieser Verkehrung auf den Kopf ge- stellt. Diese Verdinglichung und Verselbständigung des Staates ist auf der Basis der bürgerlichen Produktionsweise eine ebenso notwendige Illusion, wie es die Formen des Geldes, des Kapitals, des Arbeitslohns, des Profits, der Produktionsfaktoren bzw. der Einkommen usw. sind, die sich durch den besonderen Mechanismus dieser Produktionsform ihren Agenten aufdrängen und deren Handeln wirklich bestimmen. Daher ist der bürgerliche Staat eben auch nicht "w i r k l i- c h e r Gesamtkapitalist", sondern "ideeller", "fiktiver Gesamt- kapitalist" 168). E r s t n a c h t r ä g l i c h und ange- sichts drohenden Untergangs der Grundlage dieser Produktionsweise kann sich das Interesse des Kapitals auf Erhaltung seiner Exi- stenzbasis durchsetzen. Das wesentliche, für das wirkliche Ver- halten des Kapitals bestimmende Verhältnis ist das Verhältnis des Einzelkapitals zu seiner individuellen Mehrwertquelle, den von ihm angewendeten Arbeitern. 169) "W a s k ö n n t e d i e k a p i t a l i s t i s c h e P r o d u k t i o n s w e i s e b e s s e r c h a r a k t e r i s i e r e n a l s d i e N o t w e n d i g k e i t, i h r d u r c h Z w a n g s g e- s e t z v o n S t a a t s w e g e n d i e e i n f a c h- s t e n R e i n l i c h k e i t s- u n d G e s u n d- h e i t s v o r r i c h t u n g e n a u f z u h e r r- s c h e n?" 170) Der Prozeß dieser allmählichen, durch Katastro- phen und Auseinandersetzungen, Siege und Niederlagen vermittelten 'Aufherrschung' konstituiert jeweils erst den 'Sozialstaat', den 'Interventionsstaat' usw. als besondere, dem Kapital an sich äußerlich gegenübertretende Zwangsgewalt. Dieser Prozeß erzeugt auch erst jene Kämpfe der verschiedenen Gruppen von 'Interessen' und ihre verfestigten Institutionen im Staat selbst wie in seinem Vorfeld, der 'politischen Willensbildung' (als welche sie dann, aus ihrem Entstehungszusammenhang losgelöste Erscheinungen, das Objekt der politischen Wissenschaft' bilden). Und weil die Eingriffe in den immanenten Zwang zur Kapitalverwertung dem Kapital als Zwangsgesetze, von einer ihm äußerlichen Institution aufgedrängt werden müssen, muß diese Institution mit Kontrollbefugnissen und einer wirksamen Sanktionsgewalt, kurz: mit einem ungeheuren und wachsenden bürokratischen Zwangsapparat ausgerüstet sein. Die bloße Tatsache dieses 'Staatsapparats' befestigt wiederum die Illusion der Selbständigkeit des Staates, seiner Fähigkeit zur 'Intervention' in 'die Wirtschaft'. Dabei besagt die Tatsache der Existenz dieses Apparats ja noch keineswegs, daß er wirklich wirksam eingreifen kann (ganz abgesehen von der systematischen Errichtung von Gegenapparaten zur Umgehung oder zum Widerstand gegen diese Zwangsgewalt - Unternehmerverbände und -lobbies, Steuer'beratungs'büros usw.). Diese besondere Existenz des Staates ist also nicht selbstver- ständlich - nicht einmal für Klassengesellschaften. Erst die Pri- vatisierung der in vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen von vornherein umfassend-gesellschaftlichen Sphäre der Lebenser- haltung, erst die Herausbildung des privaten im Unterschied zum kommunalen Eigentum macht überhaupt diese besondere Existenz ei- ner ausschließlich politischen Zwangsinstitution, des Staates, möglich und notwendig. Bereits in seiner Kritik des Hegelschen Staatsrechts (1843) beschrieb Marx den bürgerlichen "Mystizismus", der "das w i r k l i c h e Verhältnis von Fami- lie und bürgerlicher Gesellschaft", also der "eigentlich Tätigen zum Staat auf den Kopf stellt, die Voraussetzung zum Bedingten macht, das "Produzierende... als das Produkt seines Produkts" setzt. 171) "Es versteht sich, daß da erst die politische Verfas- sung als solche ausgebildet ist, wo die Privatsphäre", das "Eigentum, der Vertrag, die Ehe, die bürgerliche Gesellschaft", eine selbständige Existenz erlangt haben. Wo Handel und Grundei- gentum unfrei, noch nicht verselbständigt sind, ist es auch noch nicht die politische Verfassung. ... Die Abstraktion des S t a a t s a l s s o l c h e n gehört erst der modernen Zeit, weil die Abstraktion des Privatlebens erst der modernen Zeit ge- hört. ... Im Mittelalter gab es Leibeigene, Feudalgut, Gewerbe- korporation, Gelehrtenkorporation etc., d.h., im Mittelalter ist Eigentum, Handel, Sozietät, Mensch p o l i t i s c h; der mate- rielle Inhalt des Staates ist durch seine Form gesetzt; jede Pri- vatsphäre hat einen politischen Charakter oder ist eine politi- sche Sphäre, oder die Politik ist auch der Charakter der Privat- sphären. ... Im Mittelalter ist Volksleben und Staatsleben iden- tisch." 172) Was Marx hier vom Mittelalter sagt, gilt für jede vorbürgerliche Gesellschaftsformation, wie er danach für die an- tiken Stadtstaaten andeutet und später in den Vorarbeiten zum 'Kapital' wiederholt ausführt. 173) In den alten 'Gemeinwesen', dem 'Stamm', der 'Gemeinde' oder 'commune', existiert der Staat nicht als "eine besondere Wirklichkeit neben dem wirklichen Volksleben", sondern die 'politische' Organisation, die Stammes- zugehörigkeit z.B., ist Voraussetzung und Garantie für die Aneig- nung der objektiven Lebensbedingungen in der Arbeit. Diese Arbeit ist auf die Herstellung der Gebrauchswerte gerichtet, deren die Mitglieder der Gemeinschaft bedürfen (wobei Sklaven oder Leibeigne als eine besondere Art von Arbeitstieren nicht Gemein- demitglieder sind, jedoch als Arbeitsinstrumente mehr oder weni- ger viel vom Arbeitsertrag erhalten - werden sie von ihrem Herrn zugrundegerichtet, so weiß dieser, was er tut: er schadet sich selbst, nicht anders als wenn er sich in den Fuß hackt oder sei- nen Tragesel verhungern läßt (so begründet Aristoteles die Unmög- lichkeit einer ethischen Beziehung zwischen Herr und Knecht). Das Verhalten der arbeitenden Individuen zum Boden, also ihrer Werk- statt und ihrem Rohstoffvorrat, den objektiven Bedingungen ihrer Arbeit, "ist sofort vermittelt durch das naturwüchsige, mehr oder minder historisch entwickelte, und modifizierte Dasein des Indi- viduums als M i t g l i e d s e i n e r G e m e i n d e" 174) (ganz elementar zunächst in der friedlichen oder gewaltsamen In- besitznahme dieses Bodens, die nur im Gemeindeverband möglich ist). 'Eigentum' an den objektiven Bedingungen der Arbeit exi- stiert nicht als Privateigentum, sondern von vornherein nur als gesellschaftlich vermitteltes Eigentum. Die 'politische' Gemein- samkeit der Mitglieder solcher vorkapitalistischer Gemeinwesen äußert sich besonders in der gemeinsamen Organisierung der Aufga- ben, die für die weitere Existenz im Verband der Gemeinde notwen- dig schienen: Flußregulierung, Wegebau, Anlegung von Vorräten, auch die Aneignung neuen Bodens durch die gemeinschaftliche Ar- beit des Krieges, Kult der die Einheit der Gemeinde darstellenden Götter usw. Diese Gemeinschaftsaufgaben sind hier nicht eine sich n a c h t r ä g l i c h als notwendig erweisende, von besonderen politischen Institutionen und erst nach komplizierten Auseinan- dersetzungen in den von der Kapitalverwertung gesetzten Grenzen allmählich übernommene Aufgabe, sondern sie sind v o n v o r n h e r e i n Teil der gesellschaftlichen Lebenserhaltung durch Arbeit (zu dieser gehört hier auch die Produktion der näch- sten Generation). 175) Wie sehr in vorkapitalistischen Gemeinwesen der g e s a m t e Lebenserhaltungsprozeß einschließlich der Produktion der materi- ellen Gebrauchsgüter eine Einheit ist, läßt sich am anschaulich- sten am selbstwirtschaftenden Bauernhof oder am adeligen Gut klarmachen. Die Grundstruktur solcher Einheiten der gesellschaft- lichen Lebensproduktion vom Großen Haus des Pharao bis zum Zelt des Erzvaters Abraham oder dem Hof des freien Bauern, ist die gleiche; unterschiedlich ist nur, ob das Gemeinwesen sich in ei- ner einzigen Person oder in der Gemeinschaft einer mehr oder we- niger großen Zahl Freier und Gleicher darstellt (Monarchie, Oligarchie oder Demokratie). Unterhalb des jeweiligen Herrn ste- hen die Mitglieder der 'Familie', darunter auch leibeigene Knechte usw. Unabhängig von den besonderen Formen beruhen alle diese Einheiten auf dem 'Grundeigentum', d.h. hier auf der Aneig- nung der Früchte der Erde durch gesellschaftliche Arbeit. 176) Die alten Handbücher der Hauswirtschaftslehre (= 'Ökonomie') las- sen erkennen, was alles zu einem solchen 'Haushalt'oder'Hof ge- hörte.Ein solches Handbuch aus dem 17. Jahrhundert 177) leitet den Hausherrn u.a. zu folgenden Aufgaben an (die er natürlich de- legieren kann, für die er jedoch die letzte Verantwortung trägt und die er also auch im voraus planen muß): zunächst das Verhält- nis zu Gott (diese Aufgabe kann er einem Priester übertragen), zu Frau und Kindern, zum Gesinde und den Leibeigenen - dieses Ver- hältnis der-Herrschaft schließt die Anleitung, Erziehung und Züchtigung ein; das Verhalten bei Seuchengefahr, die Beobachtung des Kalenders mit den Terminen für die verschiedenen Arbeiten ('Martini man die Gänse schlachtet'), die Wetterkunde; unter den besonderen Aufgaben der Hausherrin werden erwähnt: Erziehung vor allem der Töchter, Kochen, Backen, Herstellung von Lebensmittel- vorräten durch Einmachen, Trocknen, Pökeln usw., Herstellung und Reparatur von Kleidung, die Apotheke und die Krankenversorgung, Küchen-, Arznei- und Blumengarten. Weiter werden genannt: Wein- bau- und Kellerwirtschaft, Obstzucht, Ackerbau samt Brauerei, Müllerei usw., Pferde-, Rinder- und Schafhaltung; Bienen- und Seidenraupenzucht; Wasserversorgung, Bachregulierung (zum Antrei- ben der Mühlen), Fischzucht; Forstwirtschaft und Jagd; Mühlen, Ziegeleien, Steinbrüche und Minen. So disparat diese Aufzählung für die bürgerliche Wissenschaftsaufteilung erscheinen muß, nach der dieser Zusammenhang in die Einzeldisziplinen der Theologie, Ethik, Pädagogik, Medizin, Meteorologie, Soziologie, Betriebs- wirtschaftslehre usw. usw. aufgesplittert wird, so sehr kann diese Aufzählung einen Begriff von jener T o t a l i t ä t d e r g e s e l l s c h a f t l i c h e n L e b e n s e r- h a l t u n g geben, die erst nach der Abschaffung des Kapital- verhältnisses wieder als solche gestaltet und geplant werden kann. Eine Trennung von Gesellschaft und Staat, von Ökonomie und Politik gibt es hier nicht; der Hausherr übt die, allerdings durch Tradition genau festgelegte, totale Herrschaftsgewalt in abgestufter Rangfolge über Frau, Kinder und Knechte aus, bis zum Recht der körperlichen Bestrafung, ja der Todesstrafe (selbstverständlich hat sich diese Tradition allmählich aus den besonderen Bedingungen der Produktion des Lebens heraus entwic- kelt, nicht ohne ein gewisses Beharrungsvermögen). Wenn der Haus- herr nicht der einzige Herr, der Herrscher ist (wie der Inka in Peru), so kann er einen Teil seiner Rechte und Pflichten an nie- derigere Herren, verleihen (Feudalsystem). Oder er übt einige dieser Rechte und Pflichten gemeinsam mit anderen, gleichberech- tigten Herren aus, z.B. im Senat oder auch der Volksversammlung (zum Volk gehören grundsätzlich nur die freien Hausherren auf ei- genem Grund); wichtigste dieser Aufgaben ist die Kriegführung (vgl. das germanische Thing, wo zu diesem Zweck der 'Herzog', der Heerführer, gewählt wurde). Katastrophen treten für solche vorkapitalistischen Gemeinwesen entweder als wirkliche Naturkatastrophen oder beim Zusammenstoß mit anderen Gemeinwesen auf, nicht jedoch als gesellschaftliche Naturkatastrophen wie in der verkehrten Welt des Kapitals. Und es ist notwendiger Ausdruck der im Kapital enthaltenen Konsequenz, wenn Marx im KAPITAL nach der Entwicklung der Kategorie des abso- luten Mehrwerts sogleich zur Darstellung der Katastrophen kommt, die die Mehrwertproduktion für die lebendige Arbeitskraft zur Folge hat, und von daher die Besonderung des Staates in der Fa- brikgesetzgebung ableitet. Solange die Arbeit auf die Produktion von Gebrauchswerten, auf die Lebenserhaltung der gesellschaftli- chen Individuen gerichtet ist, wird keine gesonderte Kontroll- und Zwangsorganisation nötig, die zu verhindern sucht, daß die Individuen und die Gesellschaft sich durch ein Übermaß an Arbeit selbst zugrunderichten. Erst die kapitalistische Warenproduktion zerreißt diesen Zusammenhang und erzeugt das Problem der Selbst- zerstörung der Gesellschaft. Die Zusammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft in der Form des Staates, ihre Zusammenfassung also in einer Institution, die ihr selbst als äußerlich erscheint, die über ihr als 'besondere Existenz' zu schweben scheint, ist des- halb notwendig, weil nur so-die Existenz der Gesellschaft (nämlich als kapitalistischer) überhaupt gewährleistet werden kann. Weil der direkte Zweck der Produktion nicht die gesell- schaftliche Lebenserhaltung, sondern der Mehrwert ist, weil des- halb der Produktionsprozeß von Gesetzmäßigkeiten vorwärtsgetrie- ben wird, die dem bewußten Willen der Individuen verborgen sind und sich hinter ihrem Rücken, aber durch ihr eigenes Handeln durchsetzen, ist eine solche gesonderte gesellschaftliche Insti- tution notwendig, die der Gesellschaft als produzierender gegen- übertritt. Diese nachträgliche und notdürftige Kontrolle des Staates über die naturwüchsige Gestalt des gesellschaftlichen Produktionsprozesses ist notwendig zur Erhaltung der Produktion von Mehrwert, dieser besonderen Form der Aneignung der Mehrarbeit einer Klasse durch eine andere Klasse. Diese Kontrolle soll also den Klassencharakter dieser Gesellschaft erhalten; sie ist eine der Funktionen, die der Staat in dieser Klassengesellschaft über- nehmen muß (die Funktion der d i r e k t e n Unterdrückung wird in unserem Zusammenhang nicht behandelt, da sie für diese beson- dere Gesellschaftsform gerade nicht in e r s t e r Linie ty- pisch ist - die Verkennung dieser grundlegenden Tatsache verführt vielfach zu falschen Folgerungen im Hinblick auf die revolutio- näre Umwälzung und ihre Organisation; vgl. Teil V). Bis in die alltäglichen Einzelheiten hinein hat daher die 'Sozialpolitik' (also eine Staatstätigkeit, die in die Gesellschaft nachträglich eingreift und deren 'soziale Frage' zu lösen versucht) den Cha- rakter einer die Produzenten entmündigenden Überwachung, Kon- trolle bzw. 'Fürsorge' (das spürt jeder Arbeiter, wenn er vor dem 'Vertrauensarzt', dem Sozialbürokraten hinter dem Schalter der AOK in der Schlange der Wartenden antritt, um seine Arbeitskraft möglichst schnell reparieren zu lassen). So sehr also einerseits die staatliche Sozialpolitik dem einzelnen Produzenten eine ge- wisse Sicherheit bei teilweisem oder völligem Verlust seiner Ar- beitsfähigkeit bietet, so wenig hat die Sozialpolitik andrerseits mit einer bewußten und planvollen Vorsorge für die Erhaltung, Er- neuerung und Erweiterung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens durch den Gesamtarbeiter, die assoziierten Produzenten selbst zu tun. Eine solche b e w u ß t e V o r s o r g e wird in der kommunistischen Gesellschaft von vornherein bloß ein Teil des ge- samtgesellschaftlichen Produktionsprozesses sein; sie wird eine ö f f e n t l i c h e Aufgabe wie die übrige Lebenserhaltung der Gesellschaft und ihrer Glieder, nicht aber der Gegenstand der ab- strakten bürokratischen Tätigkeit einer besonderen p o l i t i- s c h e n Organisation sein. 178) Elemente einer Zurücknahme der staatlichen Funktionen in die Ge- sellschaft sind z.B. in der DDR bereits deutlich zu erkennen, ob- wohl dies dort vielfach durch den überlieferten Namen des Staates ('Staatliche Plankommission') verdeckt ist. Denn dieser Staat be- ansprucht die Entscheidung über alle wesentlichen Fragen des ge- samtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Für unseren Zusam- menhang besonders interessant sind jene Bereiche dieses Prozes- ses, die im bürgerlichen Staat notdürftig und unvollständig als Sozialpolitik am Rande der 'eigentlichen' Produktion besorgt wer- den. Dazu gehört etwa die planmäßige Qualifikation der Arbeits- kraft in Übereinstimmung mit der Entwicklung der gegenständlichen Produktionsbedingungen (die Erfolge der DDR auf diesem Gebiet, die keineswegs bloß Vorsprung, sondern qualitativ anders sind, brauchen nicht erläutert zu werden). Dazu gehört auch die planmä- ßige Vorsorge für die Gesundheit des Gesamtarbeiters durch ein umfassendes Netz von Polikliniken und Ambulatorien, Beratungen, Vorbeugeuntersuchungen und Impfungen, aber auch durch die strenge Einhaltung der Unfallverhütungsvorschriften im Betrieb oder durch die Ermöglichung von Urlaubsreisen für alle Arbeiter (in der BRD kann bekanntlich nur ein Bruchteil der Arbeiter im Urlaub auch wirklich verreisen); daß auch auf diesem Gebiet die DDR der BRD mit ihrem 'hohen Lebensstandard' überlegen ist, dafür lassen sich zahlreiche statistische Angaben beibringen 179). Der Staat bean- sprucht hier, in dieser umfassenden Weise zu planen, und er hat auch die Macht dazu; insofern unterscheidet er sich grundsätzlich vom bürgerlichen Staat. Andrerseits ist er immer noch Staat, insofern nämlich, als diese gesamtgesellschaftliche Planung des Produktions- und Lebenserhaltungsprozesses den vereinzelten Pro- duzenten noch weitgehend verselbständigt gegenübertritt. Das zeigt sich auch daran, daß die noch nicht wirklich assoziierten, sondern noch weitgehend einzelnen Produzenten mit individuellen materiellen Anreizen, wie bewußtlose Maschinenelemente durch He- bel, zu höherer Arbeitsleistung angetrieben werden. (Wenn im Zu- sammenhang damit die Verfügung der Einzelbetriebe und VVBs über das Produkt der eigenen Mehrarbeit sogar soweit erweitert wird, daß sie damit auch ihren Produktionsmittelbestand ausbauen kön- nen, so liegt hier eine Möglichkeit zur Verselbständigung der Be- triebe und damit der Schwächung der gesellschaftlichen Planung). Der Weg zum Aufbau des Kommunismus schließt aber die Revolutio- nierung des Bewußtseins der Produzenten, das Begreifen, aktive Beherrschen und Planen des gesellschaftlichen Produktionsprozes- ses durch die assoziierten Individuen ein. Erst dann kann der Staat seinen politischen Charakter verlieren und wirklich zur 'öffentlichen Gewalt' werden. Die Verwirklichung der kommunisti- schen Gesellschaft setzt die volle Entwicklung der gegenständli- chen u n d d e r m e n s c h l i c h e n Produktivkräfte vor- aus, also die Steigerung der materiellen Produktivkraft ebenso wie die allseitige Entwicklung der Produktivkraft der gesell- schaftlichen Individuen. Ja, die umfassende Weiterentwicklung der gegenständlichen Produktivkräfte erfordert gerade immer mehr ihre umfassende Beherrschung durch die assoziierten, selbstbewußten, voll entwickelten gesellschaftlichen Individuen; die größte Pro- duktivkraft ist der Mensch selbst. Zu dieser umfassenden Beherr- schung gehört auch die Seite des gesellschaftlichen Lebenserhal- tungsprozesses, die das Kapital bei der Produktion von Mehrwert nicht interessiert und die von seiner Besonderung im Staat nur notdürftig und in den vom Kapital gesetzten Grenzen besorgt wird. V. Zum Verhältnis von ökonomischem und politischem Kampf -------------------------------------------------------- der Arbeiterklasse ------------------ im folgenden wollen wir einige Folgerungen darlegen, die sich für uns aufgrund der in I-IV entwickelten Überlegungen ergaben, und die vor allem der Problematisierung einiger besonders verbreite- ter Auffassungen über das Verhältnis von ökonomischem und politi- schem Kampf dienen sollen. Wenn dabei eine Seite besonders her- vorgehoben wird, so liegt dies gerade an dieser Absicht der Pro- blematisierung. Die Überlegungen haben insofern vorläufigen Cha- rakter, als sie allein auf der Kritik der Sozialstaatsillusion basieren, während die Funktion des Staates für die Durchsetzung der expansiven Interessen des Kapitals, die imperialistische Po- litik des kapitalistischen Staates also, unberücksichtigt blieb. Da diese Staatsfunktion "wie sich in der Imperialismusauseinan- dersetzung in der deutschen Arbeiterbewegung vor, während und nach dem ersten Weltkrieg deutlich zeigt - eine wesentliche Rolle für das Verhältnis der Arbeiterklasse zum bürgerlichen Staat spielt, bleibt die Frage offen, inwieweit die ausschließlich an der Sozialstaatsproblematik entwickelte Bestimmung des Verhält- nisses Staat-Arbeiterklasse nicht wesentlich neue Gesichtspunkte durch die Hineinnahme der imperialistischen Staatsaufgaben erhal- ten würde. 180) 1. Materialistische Begründung der Staatsillusion ------------------------------------------------- Die Tendenz des Kapitals in seiner praktischen Bewegung zur Zer- störung der lebendigen Arbeitskraft, d.h. zur Zerstörung seiner selbst als Kapital durch die Zerstörung seiner Existenzgrundlage, wirkt der Kampf der Arbeiter um den Preis für den Verkauf ihrer Arbeitskraft und, dementsprechend, um den Normalarbeitstag, der die normale Erhaltung ihrer Arbeitskraft ermöglicht, entgegen. Die Klassenkämpfe der Arbeiter sind zunächst einmal Momente der Bewegung des Kapitals selbst und insofern auch seiner Existenzsi- cherung. Klassenkämpfe können also dem Dilemma nicht entgehen, daß sie als Kämpfe der Arbeiterklasse um Erhaltung ihrer Arbeitskraft gleich- zeitig "systemerhaltende Funktion" haben können. Dieses Moment der Klassenkämpfe können die Arbeiterklasse und ihre Organisatio- nen nicht einfach voluntaristisch überspringen. Die Unterschei- dung zwischen systemweitertreibenden und systemsprengenden Kämp- fen der Arbeiterklasse ist auf dieser Ebene zunächst ideali- stisch. Ob ökonomische Auseinandersetzungen auf der Ebene subjek- tiver Forderungen systemerhaltenden oder systemsprengenden Cha- rakter haben, das kann nur in dem Fall eindeutig entschieden wer- den, wenn wie bei der Konzertierten Aktion Gewerkschaften und Un- ternehmer sich von vornherein darüber einigen, auf welche Weise am besten der Profit zu sichern sei, wenn also die Organisationen der Arbeiterschaft nichts weiter anstreben, als die Verwertungs- bedingungen des Kapitals zu sichern, das bedeutet, daß auch sie die Arbeitenden bloß als durch das Kapital angewendete Objekte behandeln. Doch selbst die Konzertierte Aktion ist Rest von in- stitutionalisiertem Klassenkampf, dahinter droht der offene Kampf. Demgegenüber bewegen sich auch sogenannte 'ökonomistische' Forderungen, wie etwa: '15% und kein Prozent weniger', auf der Ebene der von Marx bezeichneten Antinomie von Recht wider Recht, Recht der Lohnarbeit gegen Recht des Kapitals, die beide gleich durch die Gesetze des Warenaustauschs besiegelt sind. Diese Anti- nomie kann durch Gesetze nicht entschieden werden, sie bildet den Kern der Klassenkämpfe. Der widersprüchliche Charakter der Klassenkämpfe - sie s t a b i l i s i e r e n möglicherweise vorübergehend die Ver- wertung des Kapitals - bringt in der Geschichte der Klassenkämpfe Veränderungen der Organisation der Arbeiterschaft selbst hervor. Da die Arbeiterklasse in ihren Kämpfen die Erfahrung macht, daß im Gefolge dieser Kämpfe d e r S t a a t sozialpolitische Funktionen übernimmt indem er dem Kapital Zwangsgesetze auf- herrscht, also als 'besonderes Wesen' gegenüber dem Kapital in Erscheinung tritt, entsteht die I l l u s i o n d e r K l a s s e n n e u t r a l i t ä t der Staatsgewalt und damit der bürgerliche Reformismus in der Arbeiterklasse und die revi- sionistische Theorie. Das nachträgliche Zusammenfallen von Inter- essen des Kapitals und Interessen der Lohnarbeit (siehe Fabrikge- setzgebung), hergestellt durch staatliche Zwangsgesetze, und zwar entgegen der 'praktischen Bewegung des Kapitals', aber doch seine Existenz sichernd, bildet die Basis der Illusion von der mögli- chen Versöhnung der Klassengegensätze, von der allmählichen Transformation der Gesellschaft durch das Subjekt Staat. Andererseits haben sich die Kapitalisten und der bürgerliche Staat, eben aufgrund ihrer in sich widersprüchlichen Interessen, auch dazu bereitgefunden, die Organisationen der Arbeiterklasse anzuerkennen und die Schlichtung der Antinomie zwischen Lohnar- beit und Kapital auf der Verhandlungsebene zu versuchen. Die Be- reitschaft dazu ist vor allem aufgrund der Erfahrung des Kapitals und seines Staats entstanden, daß die Bewegungsgesetze des Kapi- tals die Arbeiterklasse als Widerspruch im Schöße der eigenen Ge- sellschaft erzeugen, und daß dieser Widerspruch, eben weil er durch die kapitalistische Produktion entsteht, nicht politisch, nicht terroristisch, auf die Dauer aufgehoben, sondern eben nur durch Institutionalisierung kontrolliert werden kann - in gewis- sen Grenzen, was sich besonders deutlich an der Entwicklung der Organisationen der Arbeiterklasse in der BRD zeigt. Indem aber die Kapitalisten und der bürgerliche Staat zur Aner- kennung der Organisation der Lohnarbeit als Verhandlungspartner neigen - für sie der einfachste Weg der politischen Konfliktregu- lierung - sind die Organisationen der Arbeiterklasse wiederum dazu veranlaßt, im Staat ein neutrales, ihnen nicht feindliches, sondern am Allgemeinwohl interessiertes Subjekt und zugleich In- strument zur weitgehenden Durchsetzung der Tagesforderungen der Arbeiterklasse zu sehen. Das revolutionäre Ziel muß dann aller- dings zunächst zurückgestellt werden, was nur die Vorwegnahme seiner endgültigen Aufgabe ist 181). Sobald die Sozialdemokratie Sozialreform als Ziel ihrer Politik begreift, fixiert sie sich und die Arbeiterschaft notwendigerweise auch an das bestehende Staatswesen und an den Kapitalismus, da ja wie gesagt Sozialre- formen nur durch den kapitalistischen Staat durchgeführt werden können. Damit ist auch das in den 'Versorgungsstaatstheorien' auf den Begriff gebrachte passive Verhältnis zwischen Bürger und Staat, die 'Konsumentenhaltung' im Kern schon in der frühen revi- sionistischen Theorie angelegt. Mit der revolutionären Zielset- zung, dem Ziel des Sturzes der alten Ordnung und der politischen Machtergreifung des Proletariats, wird auch der selbsttätige po- litische Kampf als Voraussetzung der Änderung der Lebensverhält- nisse aufgegeben. Ist das Ziel soziale Besserstellung, größere Gerechtigkeit in der Verteilung, Sozialreform, so kann dies auch stellvertretend von den Organisationen der Arbeiterschaft, von Gewerkschaften und politischer Partei wahrgenommen werden. Der Weg ist vorgeschrieben als der Weg der Zusammenarbeit der Klassen durch Zusammenarbeit ihrer gesellschaftlichen und politischen Or- ganisationen. Ja, es gibt gar keinen anderen Weg, da man ja die Hoffnung hat, den Kapitalisten und dem bürgerlichen Staat mit ih- rem eigenen Einverständnis etwas von ihrer Macht und ihrem Reich- tum abzuzwacken und an die arbeitende Klasse zu verteilen. 2. Politischer und ökonomischer Kampf ------------------------------------- Die Fabrikgesetzgebung war Ergebnis langwieriger Klassenkämpfe. Bei der Darstellung der Fabrikgesetzgebung trifft Marx keine Un- terscheidung in der Weise, daß er nur solche Kämpfe als Klassen- <ämpfe bezeichnet, die unmittelbar die Staatsgewalt zum Adressa- ten der Forderungen des Proletariats haben. Als Klassenkampf er- scheint hier vielmehr zunächst der g e m e i n s a m e Kampf der Arbeiter gegen die Gewalttätigkeiten des Kapitals, in der sich die Forderung nach staatlicher, d.h. allgemeiner und durch Sanktionen verbindlich gemachter Beschränkung des Arbeitstags durch den Staat im Verlauf der Kämpfe selbst entwickelt. Die Allgemeinheit der Forderung entspringt wiederum der Erfahrung des Proletariats, daß, wenn das Kapital nur an einer Stelle be- schränkt wird, es sich an einer anderen doch wieder schadlos hält. Auch kann nicht behauptet werden, daß Marx hier nur als Klassenkampf bezeichnet, was von einer bewußten politischen Orga- nisation des Proletariats getragen ist. Die Fabrikgesetzgebung (Zehnstundentag) kam zu einer Zeit zustande, als die Chartisten- bewegung zerschlagen und dennoch nach den Berichten der Fabrikin- spektoren der "Klassenantagonismus zu einer unglaublichen Höhe gespannt" war. Es ist demnach ganz klar: Marx geht hier auf kei- nen Fall so weit zu behaupten, Klassenkampf finde nur dort statt, wo das Proletariat unter der Führung einer bewußten politischen Organisation steht. Vielmehr sind die Organisationen des Proletariats selbst wesentlich Ergebnis der Kämpfe, die sich aus dem antagonistischen Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital im Ka- pitalverwertungsprozeß entwickeln. In einem Brief an Bolte 1871 schreibt Marx noch einmal zusammen- fassend zu dieser Frage: "Das political movement (die politische Bewegung) der Arbeiterklasse hat natürlich zum Endzweck die Er- oberung der political power (politischen Macht) für sie, und dazu ist natürlich eine bis zu einem gewissen Punkt entwickelte pre- vious Organisation der working class (vorher vorhandene Organisa- tion der Arbeiterklasse) nötig, die aus ihren ökonomischen Kämp- fen selbst erwächst. Andererseits ist aber jede Bewegung worin, die Arbeiterklasse als Klasse den herrschenden Klassen gegenübertritt und sie durch pressure from without (Druck von außen) zu zwingen sucht, ein political movement. Z.B. der Versuch, in einer einzelnen Fabrik oder auch in einem einzelnen Gewerk durch strikes etc. von den einzelnen Kapitalisten eine Beschränkung der Arbeitszeit zu er- zwingen, ist eine rein ökonomische Bewegung; dagegen die Bewegung, ein Achtstunden- etc. G e s e t z zu erzwingen, ist eine p o l i t i s c h e Bewegung. Und in dieser Weise wächst überall aus den vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter eine p o l i t i s c h e Bewegung hervor, d.h. eine Bewegung der K l a s s e, um ihre Interessen durchzusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, 2ie allgemeine gesellschaftlich zwingende Kraft besitzt. Wenn diese Bewegungen eine gewisse previous Organisation unterstellen, sind sie ihrerseits ebenso sehr Mittel der Entwicklung dieser Organisation... Wo die Arbeiterklasse noch nicht weit genug in ihrer Organisation fortgeschritten ist, um gegen die Kollektivgewalt, i.e. die po- litische Gewalt, der herrschenden Klassen einen entscheidenden Feldzug (zu) unternehmen, muß sie jedenfalls dazu geschult werden durch fortwährende Agitation gegen die (und feindselige Haltung zur) Politik der herrschenden Klassen. ..." 182) Um die Marxsche Auffassung noch einmal zusammenzufassen: Die politische Bewegung der Arbeiterklasse wächst aus ihren ökonomischen Bewegungen her- vor: ihre politische Organisation als Klasse, die nicht mehr nur gegen den einzelnen Unternehmer, sondern gegen die Kapitalisten- klasse gerichtet ist, wird nicht einfach von außen an sie heran- getragen, sondern entsteht im Zusammenhang der ökonomischen und politischen Kämpfe. Die politischen Organisationen der Klasse ha- ben dann allerdings die Aufgabe, die Kämpfe der Arbeiter weiter- zutreiben, indem sie das Proletariat dahingehend schulen, daß der Gegner nicht allein der einzelne Unternehmer, sondern die Klasse der Kapitänen und der Klassenstaat sind, damit gleichzeitig das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit des Proletariats als Klasse über den einzelnen Betrieb hinaus erzeugen. Verfolgt man nun in der Geschichte der Arbeiterbewegung die Funk- tionen, die der von Marx hier als politisch bezeichnete Kampf hat - Kämpfe um die Erzwingung allgemeiner Gesetze durch den Staat, wobei der Staat Adressat der Forderungen des Proletariats ist - so ist es nicht mehr möglich, eine einfache Unterscheidung zwi- schen ökonomischem und politischem Kampf in der Weise zu treffen, daß ökonomischer Kampf ausschließlich ökonomischer Kampf ist und immer in der Gefahr schwebt, den Opportunismus aus sich zu ent- lassen, während politischer Kampf als Auseinandersetzung mit dem Staat als auf den Staat gerichtet begriffen wird und als revolu- tionärer Kampf bestimmt werden kann. Es zeigen sich vielmehr auch gegenteilige Tendenzen: d a ß n ä m l i c h d i e A u s- r i c h t u n g d e r K ä m p f e a u f d e n S t a a t a u c h d i e B a s i s d e r S t a a t s i l l u s i o n i n d e r G e s c h i c h t e d e r A r b e i t e r- b e w e g u n g s e i n k a n n, d i e B a s i s d e r I l l u s i o n, d e r p o l i t i s c h e S t a a t k ö n n e d u r c h Z w a n g s g e s e t z e d i e M a c h t d e s K a p i t a l s b r e c h e n. Die Eroberung der politischen Macht als Endzweck der Bewegung ergibt sich nicht kontinuierlich und ungebrochen aus dem politischen Kampf der Ar- beiterklasse um die Durchsetzung allgemeiner Gesetze zu ihrem Schutz vor den Gewalttätigkeiten des Kapitals. Dieser Kampf kann vielmehr, wie die ganze Geschichte des Revisionismus zeigt, die Diktatur des Proletariats und die Zerschlagung des bürgerlichen Staates als Ziel aus dem Auge geraten lassen. Nun ist wohl auch der oben zitierte Brief an Bolte nicht so zu verstehen, daß nur der Kampf, der den Staat unmittelbar ins Auge faßt, als politischer Kampf zu werten sei. Die Fabrikgesetzgebung wird hier nur als Beispiel genannt für eine Form des Kampfes, in der das Proletariat als Klasse den herrschenden Klassen gegen- übertritt. Dagegen ist in der gegenwärtigen Diskussion innerhalb der Linken die Vorstellung typisch: "Klassenkampf war nach Marx und Lenin politischer Kampf gegen das als Klasse organisierte und vom Staat unterstützte Kapital, Kampf gegen die Staatsmacht." 183) Dabei ist die in diesem Zusammenhang erfolgende Berufung auf die Marxsche Unterscheidung zwischen politischem und ökonomischem Kampf irreführend. Und auf die Darstellung im Kapital kann sich eine solche These erst recht nicht stützen. Dort wird nämlich (was durchaus zu kritisieren ist) ein gewissermaßen naturwüchsi- ger Prozeß der Konstituierung des Proletariats als Klasse aus den Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise behauptet: "Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisie- ren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch Empörung, der stets an- schwellenden u n d d u r c h d e n M e c h a n i s m u s d e s k a p i t a l i s t i s c h e n P r o d u k t i o n s- p r o z e s s e s s e l b s t g e s c h u l t e n u n d o r g a n i s i e r t e n A r b e i t e r k l a s s e." 184) Sieht Marx also auf der einen Seite nicht, und konnte es damals wohl nicht sehen, daß der Kampf der Arbeiterklasse um rein nega- tive Schutzeingriffe des Staates wesentliche Quelle der bürger- lich-reformistischen Strategien und theoretischer Vorstellungen für die Organisation der Arbeiterklasse ist, so erscheint auf der anderen Seite die Vorstellung von der quasi automatischen Konsti- tuierung der Arbeiterklasse als historisch handelndem Subjekt als mechanistisch. Dies wird gegenwärtig vor allem an der Entwicklung in den USA deutlich. Möglicherweise hängen beide Fehleinschätzun- gen in der Weise miteinander zusammen, daß Marx durchaus richtig die Notwendigkeit der Entstehung einer Organisation der Arbeiter- klasse aus ihren ökonomischen Kämpfen einschätzte, andererseits aber die Gefahr der reformistischen Versumpfung solcher Organisa- tionen damals nicht vorauszusehen vermochte. Daß die Arbeiter- klasse als Bedingung ihrer Existenz notwendigerweise sich gegen die allgemeinen und tagtäglichen Übergriffe des Kapitals zur Wehr setzen muß, und daß dieser Kampf Organisationen hervorbringt, ist eine historische Tatsache. Daß in diesen Kämpfen die Arbeiter- klasse aber den Kapitalismus immer wieder in seiner Existenz si- chert, wenn auch langfristig in seiner Widersprüchlichkeit wei- tertreibt, trägt zur Deformation der Organisationen des Proleta- riats bei, die sich nicht ohne weiteres einfach (wie Rosa Luxem- burg noch annahm) durch neue spontane Kämpfe des Proletariats, die es entgegen den Absichten seiner Organisationen führt, umlen- ken lassen. Dies gilt sowohl für die auf den ökonomischen Kampf sich beschränkenden, als auch für die politischen Organisationen. Sie bilden eine r e a l e F e s s e l für das Proletariat und können auch zeitweise, indem sie einzelne Forderungen der Lohnab- hängigen noch zur Geltung bringen, deren selbsttätigen und soli- darischen Kampf gegen das Kapital niederhalten. Andererseits kön- nen sie eine solche Fessel nur dadurch sein, daß sie diese Forde- rungen teilweise durchsetzen und vertreten - das gilt selbst für die faschistische Deutsche Arbeitsfront (DAF). 185) Und ohne teilweise Zugeständnisse der Kapitalisten können sie diese Auf- gabe der Befriedung nicht erfüllen; solche Zugeständnisse sind aber keineswegs vom guten Willen der Kapitalagenten abhängig. Demgegenüber ist die Forderung, einer heruntergekommenen politi- schen Organisation eine neue revolutionäre Organisation einfach entgegenzusetzen, ohne daß diese selbst wieder ihre Begründung in den notwendigen Kämpfen des Proletariats findet, voluntaristisch. Die Auseinandersetzungen zwischen Lohnarbeit und Kapital sind die Basis für die Begründung wirksamer, d.h. im Proletariat veranker- ter politischer Organisationen. 3. Abnehmende Rolle des Staates beim Kampf zwischen Arbeit ---------------------------------------------------------- und Kapital ----------- Marx ging davon aus, daß die staatlichen Eingriffe zum Schutz der Ware Arbeitskraft wesentlichen Anteil an der Ausbildung des Kapi- tals zur v o l l e n Reife haben. Die Fabrikgesetzgebung wirkt in der Richtung der Konzentration des Kapitals und zerstört die altertümlichen sowie die kleinbürgerlichen Formen der Produktion. "Sie verallgemeinert damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft. Während sie in den individuellen Werkstätten Gleich- förmigkeit, Regelmäßigkeit, Ordnung der Ökonomie erzwingt, v e r m e h r t s i e durch den ungeheuren Sporn, den Schranke und Regel des Arbeitstags der Technik aufdrücken, die A n a r c h i e u n d K a t a s t r o p h e n d e r k a- p i t a l i s t i s c h e n P r o d u k t i o n i m g r o- ß e n u n d g a n z e n, d i e I n t e n s i t ä t d e r A r b e i t u n d d i e K o n k u r r e n z d e r M a s c h i n e r i e m i t d e m A r b e i t e r." 186) Das bedeutet zum einen, daß im entwickelten Kapitalismus der Kampf der Lohnarbeit gegen das einzelne Kapital, das jetzt in der Tat große Teile der nationalen oder auch internationalen Produk- tion in der Hand hat, nicht einfach bloß mehr ökonomischer Kampf im alten Sinn ist, sondern hier treten sich in der Tat die Arbei- terklasse als Klasse und das Kapital als herrschende Klasse ge- genüber. Die Verallgemeinerung des Kampfes, seine Qualität als p o l i t i s c h e r Klassenkampf, ist ·nicht mehr daran gebun- den, daß diese Allgemeinheit über den Staat als Gegner oder auch Adressat ermittelt werden muß. Ein Streik in einem Großkonzern oder einer Branche setzt heutzutage in der Tat das Kapital poli- tisch unter Druck, schon allein durch seine Bedeutung für die Re- produktion des Gesamtkapitals. Bei der Verflechtung der Produk- tion und ihrer Zentralisation betrifft er große Teile des Kapi- tals überhaupt. Aber noch ein anderes Moment ist hier von Bedeutung. Die generel- len Regelungen der Arbeitszeit, so sehr sie auch heute noch vom Kapital immer wieder durchbrochen werden. 187) Vor allem in der Hochkonjunktur, boten sich ihrer inhaltlichen Natur nach als a l l g e m e i n e Forderung der Arbeiterklasse an, und zwar als Forderung, die der bürgerliche Staat in der Form allgemeiner Gesetze erfüllen konnte. Der Achtstundentag hat nichts mit der besonderen Natur der Produktionsmittel und der Organisation des Produktionsprozesses im einzelnen Unternehmen zu tun. Er ist als allgemeines Gesetz durchsetzbar. Diese allgemeine Beschränkung der absoluten Mehrwerterzeugung durch den Staat lenkt nun den Ap- petit des Kapitals auf die Produktion des relativen Mehrwerts, die Steigerung der Arbeitsproduktivität durch Veränderungen in der technischen Struktur der Produktionsmittel und der organisa- torischen Struktur des Betriebes, sowie der "Ausfüllung aller Po- ren des Arbeitstages" durch Intensivierung der Arbeit. "Sobald die Verkürzung des Arbeitstages, welche zunächst die subjektive Bedingung der Kondensation der Arbeit schafft, nämlich die Fähig- keit des Arbeiters, mehr Kraft in gegebener Zeit flüssig zu ma- chen, zwangsgesetzlich wird, wird die Maschine in der Hand des Kapitals zum objektiven und systematisch angewandten Mittel, mehr Arbeit in derselben Zeit zu erpressen. Es geschieht dies in dop- pelter Weise: durch e r h ö h t e G e s c h w i n d i g k e i t d e r M a s c h i n e n u n d e r w e i t e r t e n U m- f a n g der von demselben Arbeiter zu überwachenden Maschinerie oder seines Arbeitsfeldes. Verbesserte Konstruktion der Ma- schinerie ist teils notwendig zur Ausübung des größeren Drucks auf den Arbeiter, teils begleitet sie von selbst die Intensifika- tion der Arbeit, weil die Schranke des Arbeitstages den Kapitali- sten zu strengstem Haushalt der Produktionskosten zwingt." 188) Mit der Verlagerung von der Form der absoluten auf die Form der relativen Auspressung des Mehrwerts verändern sich auch notwendi- gerweise die Formen, in denen sich der Konflikt zwischen Lohnar- beit und Kapital primär abspielt, in denen das Kapital die leben- dige Arbeit als bloßes Objekt anwendet und die normale Erhaltung der Arbeitskraft in Frage stellt. Intensifikation der Arbeit und absolute Unterordnung des Arbeiters unter die Maschinerie, seine Degradierung zum bloßen Anhängsel der Maschine, sind die Formen, in denen unter den Bedingungen des entwickelten Kapitalismus pri- mär die Übergriffe des Kapitals erfolgen. Schutz gegen diese Übergriffe können die Lohnarbeiter nicht mehr von einem allgemei- nen Gesetz, das dem Kapital vom Staat aufgeherrscht wird, erwar- ten. Macht die Arbeiterklasse doch schon auf dem Gebiet der Rege- lung der Arbeitszeit die Erfahrung, daß die von den Gewerkschaf- ten erkämpften Einschränkungen in allgemeiner Form (40-Stundenwo- che) vom Einzelkapital je nach den schwankenden Bedürfnissen des Kapitalverwertungsprozesses immer wieder umgangen oder durchbro- chen werden, was in ähnlicher Weise auch für andere allgemeine Staatsgesetze, wie Achtstundentat, Mutterschutz, Jugendschutz usw. gilt. 189) Aufgrund solcher Erfahrungen muß den Arbeitern auch die Beschränkung der gewerkschaftlichen Schutzforderungen auf Arbeitszeitverkürzung und Urlaubserhöhung, so wichtig diese nach wie vor sind, als ungenügend erscheinen, da sie die für die Lohnarbeiter um schärfsten spürbaren u n m i t t e l b a r e n Übergriffe des Kapitals nicht verhindern können, ja z.T. direkter Anlaß zu weiteren Verschärfungen des Arbeitstempos sind. 190) Den sachlichen und organisatorischen Veränderungen der Gestalt des Produktionsprozesses und der Intensivierung der Arbeit als wichtigste primäre Formen, in denen sich das Kapital die Arbeit unterwirft, läßt sich nicht durch generelle Bestimmungen begegnen - es sei denn, man stelle sich ein ganz ungeheures Gesetzeswerk vor, das solche Einschränkungen in lausenden von Paragraphen und Bestimmungen beschreiben müßte, das aber trotzdem schon im Augen- blick seiner Fertigstellung überholt sein würde und neue Lücken hätte, die sogleich vom Kapital ausgenützt werden könnten. Hinzu käme die Notwendigkeit einer ebenso ungeheuren Bürokratie, die die Einhaltung der Bestimmungen an jedem Arbeitsplatz überwachen müßte. (Abgesehen von der Form der Ausbeutung, die eine absolute Grenze gegen allgemeine regulierende Staatseingriffe setzt, ist diese Grenze auch inhaltlich gegeben. Denn wohin soll sich der Appetit des Kapitals noch wenden, wenn ihm nach der Begrenzung des Arbeitstags auch noch die Produktion des relativen Mehrwerts begrenzt würde?) Die Form der Kontrolle, die dieser Form der Ausbeutung entgegenzusetzen wäre, läßt sich auf jeden Fall nur noch vorstellen als direkte Kontrolle der Produzenten über den Produktionsprozeß, womit sie sich als Kontrolle einer dem ge- sellschaftlichen Produktionsprozeß äußerlichen Gewalt selbst auf- heben würde. Wir können, was mit diesem veränderten Verhältnis der Produzenten zu den Produktionsmitteln gemeint ist, vermutlich am ehesten klarmachen, wenn wir das Verhältnis der Gebrauchswertstruktur, der technischen Seite des Arbeitsprozesses, zur Gebrauchswert- struktur, zur besonderen Qualifikation der Arbeitskraft betrach- ten. Ein rationelles Verhältnis zu den vergegenständlichten Ar- beitsmitteln könnten die Produzenten in der kommunistischen Ge- sellschaft nur in der Weise herstellen, daß sie selbst v o n v o r n h e r e i n die technische Struktur des Arbeitsprozesses unter dem Blickwinkel i h r e r Fähigkeiten und Möglichkeiten und deren Entwicklung sowie ihrer konkreten Bedürfnisse gestal- ten. Beispielsweise würden die Produzenten im Rahmen eines Be- triebes oder eines ganzen Produktionszweiges zusammen mit den Spezialisten die Verbesserung eines bestimmten Produktionsprozes- ses oder überhaupt eine Neufassung in gemeinsamer Arbeit planen ·und zuwegebringen. (191) V o n v o r n h e r e i n wird dann das Maschinensystem eben nicht die lebendige Arbeit bloß noch als Lückenbüßer anwenden, sondern die Produzenten organisieren plan- mäßig die Kooperation, das Zusammenwirken der gegenständlichen und der lebendigen Seite des Arbeitsprozesses. Das Zurücknehmen der Funktionen des Staates in die Gesellschaft wird offenbar vom Produktionsprozeß her notwendig. Der Staat als abgehobene Institution, die durch allgemeine Gesetze einen gewis- sen Schutz der Arbeitskraft herbeiführen kann, wird zunehmend un- tauglich, da der Arbeitsprozeß selbst sich allgemeinen Regelungen immer mehr entzieht. Durch diese Entwicklung der Produktion und des stofflichen Charakters der Produktionsmittel und der Arbeits- kraft, durch die Methoden, die von da her dem Kapital zur übermä- ßigen Aussaugung von Mehrarbeit einfallen und an die Hand gegeben sind, fällt also wenigstens in dieser Hinsicht zunehmend die Ba- sis hinweg, auf der der Staat sich als illusorische Gemeinschaft der Gesamtgesellschaft konstituieren konnte und damit zur Fessel des Klassenbewußtseins wurde. Dabei ist natürlich die Frage zu stellen, ob es gerechtfertigt ist, hier von einer besonderen Form der Ausbeutung zu sprechen, die erst für die gegenwärtigen und zukünftigen Klassenkämpfe von Relevanz sein wird. Schließlich begleitet die Produktion des re- lativen Mehrwerts die ganze Geschichte des Kapitalismus; sie ist als Entwicklung der Produktivkräfte sein wesentliches Merkmal, unvergleichlich wichtiger wenigstens, als die Produktion des ab- soluten Mehrwerts. Dazu ist zu sagen, daß es sich in diesem Zu- sammenhang nur um den Versuch der Darstellung einer historischen Tendenz handeln kann, und als solche verweist sie in der Tat die Lohnarbeiter in zunehmendem Maße auf die Notwendigkeit der Kon- trolle der Produktion durch die Produzenten. Zum zweiten wäre zu untersuchen, inwieweit nicht in der Tat von Phasen in der konkre- ten historischen Entwicklung des Kapitalismus gesprochen werden kann, in denen es unter dem Druck sich verschärfender Konkurrenz (heute auf dem Weltmarkt), der nichts als der Ausdruck sich ver- schärfender Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals ist, in be- sonderem Maße auf die Erhöhung des relativen Mehrwerts verwiesen wird. So erfolgt das vehemente Vorantreiben der 'Rationa- lisierung' der Produktion der BRD ganz deutlich seit der Krise 1967, einer Rationalisierung, die neben der technischen Entwicklung der Produktionsmittel vor allem in die Richtung der Intensivierung der Arbeit geht. (Entlassungen von 'überflüssigen' Arbeitskräften; strenges Durchkalkulieren der Organisationsstruk- tur des Betriebes und der Struktur der Arbeitsplätze nach Mög- lichkeiten der Arbeitsersparnis, was noch verbliebene Freiräume der Arbeitsgestaltung und der Arbeitszeitgestaltung durch den einzelnen Lohnabhängigen einschränkt - dies gilt besonders für die Angestellten; die Büroarbeit, aber auch für die Facharbeiter -, Akkorderhöhungen; Arbeitsplatzbewertungsverfahren; MTM-System usw.). Der umfassende und tiefgreifende Charakter dieser 'Rationalisierungskampagne' läßt sich eigentlich nur mit der Phase zwischen 1924 und 1929 vergleichen, in der die Gewerkschaf- ten ebenso euphorisch vom technischen Fortschritt des Kapitalis- mus als gleichzeitigem Fortschritt für die Möglichkeit der Ver- besserung der Lage der Arbeiterklasse schwärmten, wie dies heute Prager und Brenner tun. 192) Jedenfalls ist festzuhalten, daß die Produktion des relativen Mehrwerts nicht kontinuierlich gesteigert wird und auch nicht einen kontinuierlich steigenden Druck auf die Lohnarbeit ausübt, sondern daß hier Phasen verstärkten Drucks auf die Arbeiterklasse zu beobachten sind, die nicht zufällig mit wachsenden Verwer- tungsschwierigkeiten des Kapitals zusammenfallen, und daß das Ka- pital sich gegenwärtig in einer solchen Phase befindet. Zum drit- ten ist hier wichtig, daß anhand dieser Entwicklungen die Arbei- ter auf die selbsttätige Wahrnehmung ihrer Interessen verwiesen werden, und daß hier ein wesentlicher Grund für den Verlust des Einflusses der bürokratisch organisierten und auf Integration ins kapitalistische System bedachten Gewerkschaften liegt. Dies zei- gen sowohl die Anlässe zu wilden Streiks in den USA, die primär sich gegen Intensifikation der Arbeit und totale Unterordnung un- ter die Maschinerie richten 193), als auch die wilden Streiks in Schweden, deren Kernpunkt neue Akkordfestsetzungen zusammen mit schikanierenden Antreibermethoden waren, das zeigten die großen Streikbewegungen bei Fiat und Pirelli in Italien (bei Fiat z.B. war die Auspowerung der Arbeiter durch Bandgeschwindigkeiten und Antreiberei soweit fortgeschritten, daß viele Arbeiter einige Tage im Monat krankfeiern mußten, um überhaupt weiterarbeiten zu können und sich nicht total zugrunde zu richten), das zeigt aber auch die Streikbewegung im September in der BRD, wo die Empörung der Arbeiter über stagnierende Löhne und flotte Gewinnmacherei ihre Vehemenz aus der gleichzeitigen Verschärfung des Arbeits- drucks in den Betrieben erhielt. Indem der Staat jedenfalls für Forderungen der Arbeiter wie die Verringerung des Arbeitstempos, Gegenwehr gegen die Erhöhung der Akkordsätze, Kampf gegen weitere Intensivierung der Arbeit, gar nicht mehr als Adressat in Frage kommt, sondern die Auseinander- setzungen hier ausschließlich auf der Ebene zwischen Lohnarbeit und Kapital erfolgt, fällt auch immer mehr die Basis jener Illu- sion des Bewußtseins fort, daß der Staat es sei der die Verbesse- rung der Situation der Arbeiter innerhalb des Verhältnisses zwi- schen Lohnarbeit und Kapital zu betreiben habe. 194) Unter diesem Aspekt müßten die Kämpfe der norditalienischen Ar- beiter seit dem letzten Sommer genau untersucht werden, bei denen der Staat im wesentlichen als hilflose Gestalt im Hintergrund blieb. Im Angesicht dieser Kämpfe schwindet der Schein, als ob der Staat aus einer Zaubertüte immer neue sozialpolitische Be- friedungsmittel zur Manipulation der Massen hervorziehen könnte. Als Mittel der Herrschaftssicherung des Kapitals bleibt ihm dann in der Tat nichts als die Staats g e w a l t: Polizei, Heer, Strafjustiz. Dagegen ist eine materielle Grundlage für Sozial- staatsillusionen in den zunehmenden 'Aufgaben' des Staates auf dem Gebiet der 'Bildungspolitik' zu sehen. Bei der Anwendung der bereits qualifizierten Arbeitskraft in der Produktion findet der Kampf immer direkter zwischen Arbeitgeber und Arbeitsanwender, zwischen Lohnarbeit und Kapital statt; sei der Qualifikation der Arbeitskraft dagegen nimmt die Rolle des Staates immer weiter zu. In den im Ausbildungsbereich aufbrechenden Konflikten erscheint der Staat, der 'Staatsapparat', als wesentlicher, ja einziger und einheitlicher Gegner. Hier liegt die materielle Basis für enorme Überschätzung der Rolle des Staates im 'Spätkapitalismus', die für einen großen Teil der Studenten- und Schülerbewegung kenn- zeichnend ist. Und zwar ist die Erfahrungsgrundlage dieser Illu- sion nicht nur das Erlebnis von Polizeischlachten und Justizver- folgungen, sondern zugleich die Tatsache der errungenen Zuge- ständnisse und der gewährten Reformen, der 'Modernisierung des Bildungswesens'. Wie sehr diese Reformen aus den Widersprüchen der Kapitalverwertung selbst heraus notwendig werden, wie sie nur in langwierigen Auseinandersetzungen und meist in Halbheiten durchgesetzt werden, und vor allem wie es für alle staatlichen Bildungsreformpläne äußerst reale Schranken, die Antastung des Mehrwerts gibt, das bleibt denen leicht verborgen, die immer nur den 'Staatsapparat' als Gegner erleben. Ein neuer Revisionismus könnte so bei denen entstehen, die aufgrund der schroffen Tren- nung des Bildungs- vom Produktionsbereich in der kapitalistischen Gesellschaft vergessen, daß sie nur ausgebildet werden, um den Appetit des Kapitals adäquat zu befriedigen. Diese Einsicht zu verhindern sind die gegenwärtigen politischen Maßnahmen der SPD - Amnestie, Herabsetzung des Wahlalters und der Wehrdienstzeit - besonders geeignet. Kann dagegen diese Einsicht schon den Schü- lern und Studenten (natürlich nicht denen, die sich bewußt auf den Dienst sei den Unterdrückungsapparaten vorbereiten) vermit- telt werden, indem sie ihre Auseinandersetzungen mit dem Staat nicht als Kampf um ständige Privilegierungen, sondern im Zusam- menhang des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital begrei- fen und daraus Konsequenzen für die politische Praxis ziehen, so kann der Kampf gegen die staatliche Produktion der Arbeitskraft im Dienst des Kapitals zu einer Nebenfront des Klassenkampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital werden. _____ 1) Vgl. P. Lapinski: "Der Sozialstaat. Etappen und Tendenzen sei- ner Entwicklung", UNTER DEM BANNER DES MARXISMUS, 1928, 2. Jg., S. 383, wieder abgedruckt in: GEGEN DEN STROM, I. Jg. - Nr. 1, Aug. 1969, S. 39. 2) Rosa Luxemburg: SOZIALREFORM ODER REVOLUTION, in: dies.: POLI- TISCHE SCHRIFTEN, Frankfurt 1966, Bd. I, S. 114. Vgl. dort insge- samt II. 3: Die Eroberung der politischen Macht. 3) : GRUNDRISSE, Berlin (DDR) 1953, S. 29. Vgl. auch: DEUTSCHE IDEOLOGIE, in: Marx-Engels: WERKE (MEW) Berlin-DDR, Bd. 3, S. 62: "Da der Staat die Form ist, in welcher die Individuen einer herr- schenden Klasse ihre gemeinsamen Interessen geltend machen und die ganze bürgerliche Gesellschaft eine Epoche in sich zusammen- faßt, so folgt, daß alle gemeinsamen Institutionen, die durch den Staat vermittelt werden, eine politische Form erhalten. Daher die Illusion, als ob das Gesetz auf dem Willen, und zwar auf dem von seiner realen Basis losgerissenen, dem freien Willen, beruhe." - Alle Zitate aus den Arbeiten von Marx und Engels werden nach der Ausgabe der MEW zitiert, soweit sie darin erschienen sind. Bei Zitaten aus dem KAPITAL wird vor dem Schrägstrich jeweils die Seitenzahl der braunen Volksausgabe (Berlin 1947, u.ö.) angege- ben; Stellen aus dem ersten Band des KAPITAL werden mit den bloß in der Volksausgabe aufgenommenen Hervorhebungen von Marx' Hand zitiert, die den Sinn oft deutlicher werden lassen, 4) Marx: "Kritik des Gothaer Programms", MEW Bd. 19, S. 28. Vgl. auch: Marx: "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Kritik des Hegelschen Staatsrechts", MEW Bd. 1, S. 304 f, 306: "... was ist der I n h a l t ... des politischen Zweckes, was ist der Zweck dieses Zweckes? ... Welche Macht übt der politische Staat über das Privateigentum ... aus? Daß er es i s o l i e r t von der Familie und der Sozietät, daß er es zu seiner a b s t r a k t e n V e r s e l b s t ä n d i g u n g bringt. Welches ist also die Macht des politischen Staates über das Pri- vateigentum? Die eigne Macht des Privateigentums, sein zur Exi- stenz gebrachtes Wesen. Was bleibt dem politischen Staat im Ge- gensatz zu diesem Wesen übrig? Die I l l u s i o n, daß er be- stimmt, wo er bestimmt wird." "Die 'U n v e r ä u ß e r- l i c h k e i t' d e s P r i v a t e i g e n t u m s ist in einem die 'V e r ä u ß e r l i c h k e i t' d e r a l l g e m e i n e n W i l l e n s f r e i h e i t u n d S i t t l i c h k e i t. Das Eigentum ist hier nicht mehr, insofern 'ich meinen Willen darin lege', sondern mein Wille ist, 'insofern er im Eigentum liegt'. Mein Wille besitzt hier nicht, sondern ist besessen." Vgl. ebda. S. 231 ff, 303 ff. Marx zeigt also in seinen frühen Schriften, daß gerade der bür- gerliche Staat den S c h e i n seiner Selbständigkeit in beson- derem Maße erzeugt, und daß die kapitalistische Produktionsweise die Grundlage der Staatsillusion ist. Er zeigt gleichzeitig, daß diese Illusion von der uneingeschränkten Handlungsfähigkeit des Staates schon bei der Fiktion von der Willensfreiheit des Pri- vateigentümers, des Kapitalisten, beginnt. 5) Daß die Widersprüche der Gesellschaft als Widersprüche des Staates selbst sich niederschlagen, stellt Marx schon sehr früh am Beispiel der Administration, der staatlichen Bürokratie dar, in: "Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen", MEW Bd. 1, S. 401 f. "Den W i d e r s p r u c h zwischen der Bestimmung und dem guten Willen der Administration einerseits, und ihren Mitteln wie ihrem Vermögen andrerseits, kann der Staat nicht auf- heben, ohne sich selbst aufzuheben, denn er b e r u h t auf die- sem Widerspruch. Er beruht auf dem Widerspruch zwischen dem ö f f e n t l i c h e n und dem P r i v a t l e b e n, auf dem Widerspruch zwischen den a l l g e m e i n e n I n t e- r e s s e n und den S o n d e r i n t e r e s s e n. Die A d m i n i s t r a t i o n muß sich daher auf eine f o r m e l l e und n e g a t i v e Tätigkeit beschränken, denn wo das bürgerliche Leben und seine Arbeit beginnt, eben da hat ihre Macht aufgehört. Ja, gegenüber den Konsequenzen, welche aus der unsozialen Natur dieses bürgerlichen Lebens, dieses Privatei- gentums, dieses Handels, dieser Industrie, dieser wechselseitigen Plünderung der verschiedenen bürgerlichen Kreise entspringen, diesen Konsequenzen gegenüber ist die O h n m a c h t das N a t u r g e s e t z der Administration. Denn diese Zerrissen- heit ... d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t, ist das Naturfundament, worauf der m o d e r n e Staat ruht ... Wollte der moderne Staat die O h n m a c h t seiner Administra- tion aufheben, so müßte er das jetzige P r i v a t l e b e n auf- heben. Wollte er das Privatleben aufheben, so müßte er sich selbst aufheben, denn er existiert n u r im Gegensatz zu demsel- ben." Dagegen heute z.B. in der Theorie des staatsmonopolisti- schen Kapitalismus: "Es wurde darauf hingewiesen, daß sich die Monopole vermittels des Staates eines Instrumentes bedienen müs- sen, das unter Umständen gegen sie ausgenutzt werden kann." In: BÜRGERLICHE ÖKONOMIE IM MODERNEN KAPITALISMUS, hrsg. Herbert Meißner, Berlin (DDR) 1967, S. 422. Die Theorie des staatsmonopo- listischen Kapitalismus vergißt, auch wenn sie an den Widersprü- chen der kapitalistischen Gesellschaft verbal weiter festhält, daß sich diese Widersprüche auch im Staatsapparat und seinen po- litischen Aktionsmöglichkeiten niederschlagen und dieser daher auch kein einheitliches Instrument sein kann, das an sich neutral und deshalb von jeder Klasse in ihrem Interesse benutzbar ist. 6) Lenin: STAAT UND REVOLUTION. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgabe des Proletariats in der Revolution. (Geschrieben Aug./Sept. 1917) In: ders.: AUSGEWÄHLTE WERKE, Berlin (DDR) 1961, Bd. 2, S. 315-420. (Vgl. aber die unten gemachten Einschränkun- gen.) Marx selbst hat zum erstenmal in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in der Kritik also am Hegelschen Staatsmysti- zismus, in welchem der Staat als Inkarnation der Vernunft er- schien, herausgestellt, daß nur das Proletariat als Widerspruch zur bürgerlichen Gesellschaft Subjekt der Aufhebung ihrer Wider- sprüche sein könne. Dazu Karl Polak: "Karl Marx über Staat, Ei- gentum und Recht", in: KARL MARX, BEGRÜNDER DER STAATS- UND RECHTSTHEORIE DER ARBEITERKLASSE, Berlin (DDR) 1968, S. 35 ff. In der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie hat Marx erkannt, "daß der Widerspruch, der Klassenkampf das beherrschende Prinzip der Wirklichkeit ist, daß die politische Macht, also der Staat, Ausdruck dieses Widerspruchs und Kampfes ist." (S. 51) Und: "Die Jakobinerdiktatur war der Versuch, durch politische Macht die Wi- dersprüche der bürgerlichen Gesellschaft zu meistern; er mißlang und mußte mißlingen." (S. 42) Vgl. ausführlich: A. Gurland: PRO- DUKTIONSWEISE - STAAT - KLASSENDIKTATUR, Diss. Leipzig 1928. 7) Vgl. dazu die Aufsätze von F. Deppe und J. Agnoli in der Neuen Kritik, VIII (1967) Nr. 44, S. 48-66, IX (1968) Nr. 47, S. 24-33, sowie Pannekoek/Lukacs/Friedländer/Rudas, PARLAMENTARISMUSDE- BATTE, Berlin-West 1968. Die FU-Projektgruppe DKP und Bernd Rabehl haben sich in ihrer Veröffentlichung: DKP - EINE NEUE SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI (Parlamentarismusdebatte 2, Berlin 1969) mit dieser Diskussion auseinandergesetzt und in diesem Zusammenhang auch die Tradition der revisionistischen Staatstheorie und ihre heutigen Erschei- nungsformen, sowie deren politisch-strategische Konsequenzen dar- gelegt und kritisiert. Sie zeigen dabei Analogien auf zwischen dem Revisionismus der Sozialdemokratie in Deutschland und Öster- reich während der zwanziger Jahre (Otto Bauer, Karl Renner, Ru- dolf Hilferding, Eduard Bernstein, Karl Kautsky u.a.; These vom 'organisierten Kapitalismus' als neuer und potentiell krisen- freier Gestalt der kapitalistischen Produktionsweise), der heuti- gen DKP-Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus sowie der politischen Soziologie von Habermas und Offe, die sowohl die Tra- dition der sozialdemokratischen Staatstheorie der Weimarer Repu- blik als auch der bürgerlichen Soziologie seit Max Weber fortfüh- ren. Auf Seite 65 bis 119 des Buches sind die verschiedenen For- men und Inhalte der hier zunächst nur in großen Zügen gekenn- zeichneten revisionistischen Staatstheorie genauer nachzulesen. Vgl. ebenso: den Einleitungsaufsatz zur Neuausgabe von P. La- pinski u.a. in: GEGEN DEN STROM, vgl. oben Anm. 1. Die dort ebenso wie im DKP-Buch immer wieder erhobene Forderung nach "historisch-genetischer" Analyse des kapitalistischen Staates wird in diesen Veröffentlichungen selbst noch nicht eingelöst (was wohl auch noch nicht beabsichtigt war). Beim Versuch, einen Gesamtüberblick der revisionistischen politischen Vorstellungen zu geben, setzt die Kritik immer wieder im einzelnen an, ist dort auch durchaus zutreffend, indem sie sich auf die Tradition der Revisionismuskritik in der Arbeiterbewegung stützt; dabei geht aber immer wieder der systematische Zusammenhang der revisioni- stischen Theorien verloren, ebenso wie der Zusammenhang der Kri- tik an ihnen. So kommt es auch, daß es schwer ist, aufgrund die- ser Ausführungen theoretische Ansätze für eine wirklich materia- listische Kapitalismus- und Klassenanalyse zu finden. 8) Entspricht nicht die revisionistische Theorie vor allem dem Bewußtsein jener Funktionäre der bereits bürokratisierten Arbei- terorganisationen, die nicht mehr den Konflikt mit dem Kapital am eigenen Leibe erfahren, sondern wesentlich durch ihre teilweise erfolgreiche Vermittlungstätigkeit zu "Spitzenverbänden" und staatlicher Verwaltung geprägt sind? Hat dagegen die Masse der Arbeiter nicht vielmehr jenes 'dichotomische Bewußtsein' ('die da oben'), das nach zahlreichen Untersuchungen bis heute vor- herrscht? Ist im vorliegenden Text nicht das Bewußtsein der Orga- nisierten und das des organisierenden Apparats allzu umstandslos gleichgesetzt? Kann man überhaupt die Ausbildung eines revisioni- stischen Bewußtseins erklären, ohne darzustellen, durch welche Organisationsform vermittelt der Klassenkampf tatsächlich ab- läuft? Kann man von 'tatsächlichen Erfahrungen' ohne Berücksich- tigung der organisatorischen Ebene und des genauen gesellschaft- lichen Ortes, wo solche Erfahrungen gemacht werden, sprechen? Wir formulieren diese Fragen, um anzudeuten, was wir hier offen las- sen. Vgl. dazu auch unten II. 4. 9) P. Sering: "Wandlungen des Kapitalismus", in: ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALISMUS, Prag 1935, Nr. 22/23, S. 717. 10) Für den gewerkschaftlichen Apparat war sicher das Erlebnis der Unentbehrlichkeit, der 'erfolgreichen' Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat im 1. Weltkrieg (bis zur Denunziation unbotmäßiger Arbeiter) und danach von entscheidender Bedeutung. Wichtig für die Illusionen vom "organisierten Kapitalismus" war die Erinne- rung an den sogenannten Kriegssozialismus, der staatlich (d.h. wesentlich von den Interessevertretern der großen Rüstungskon- zerne) organisierten Kriegswirtschaft; das gilt z.B. für Wissel und Hilferding. Vgl. dazu den schon angeführten Aufsatz von La- pinski, der sich ausführlich mit der Entstehung institutionali- sierter Zusammenarbeit der Klassen während des 1. Weltkriegs be- schäftigt und ihre Fortführung in der Weimarer Republik zeigt. Die Bildung der Zentralen Arbeitsgemeinschaft zwischen Gewerk- schaften und Unternehmern im November 1918 zum Zweck der (aus verschiedenen Motiven) gemeinsamen Abwiegelung der Revolution ist hier nur ein Höhepunkt. Vgl. auch Dep-pe/Freyberg/Kievenheim/ Meyer/Werkmeister: KRITIK DER MITBESTIMMUNG, Frankfurt/Main 1969, sowie FU-Projektgruppe DKP/Rabehl, a.a.O. S. 74. 11) Vgl. aber das oben (Anm. 8) bezeichnete Problem. 12) Marx: GRUNDRISSE, S. 11. 13) Bereits der Begriff der 'Verteilung' bzw. 'Distribution' ist in der bürgerlichen Wissenschaft von vornherein auf die Ebene des Nettosozialprodukts bzw. des 'Volkseinkommens' beschränkt; die Möglichkeit der Verteilung auf anderer Ebene, z.B. auf der der Produktionsagenzien - Arbeitskraft/Produktionsmittel -, ist so bereits erledigt. Vgl. dazu Teil III. - Es fällt in diesem Zusam- menhang regelmäßig der Hinweis, daß der vom Staat verteilte Teil des Sozialprodukts immer weiter anwachse. Dazu zunächst einige Angaben: der vom Staat in Gestalt von Steuern und Beiträgen zur Sozialversicherung beanspruchte Teil des Bruttosozialprodukts be- trug 1913 11,8% (8,9+2,9%), 1929 23,1% (16,7+5,6%), 1963 34,4% (25,1+9,3%), Deutsches Reich bzw. Bundesrepublik und West-Berlin (nach: K. Eisholz: "Strukturänderung der Sozialpolitik", KLEINE SCHRIFTEN ZUR SOZIALPOLITIK UND ZUM ARBEITSRECHT, 4. Folge, Heft 10, München o.J. (1963), S. 36. Abgesehen davon, daß in den letz- ten Jahrzehnten eine deutliche Verlangsamung des Wachstums des Staatshaushalts in seinem Anteil am BSP zu beobachten ist, ändert auch der gestiegene Anteil nichts an der Tatsache, daß vor dem staatlichen Steuer- und Sozialabgabeneinzug die 'Verteilung' des Sozialprodukts im direkten Gegenüber der beiden Klassen erfolgt, konkret in Tarifverhandlungen, bzw. den dahinter stehenden laten- ten oder offenen Klassenkämpfen. Bei den Abgaben zur Sozialversi- cherung (1963 9,3%) kann schon auf den ersten Blick von einer staatlichen Umverteilung kaum gesprochen werden, da es sich hier um nichts anderes, als um eine staatlich garantierte Versicherung handelt, und niemand auf die Idee käme, etwa eine Privatversiche- rung als Eingriff in die kapitalistische Verteilung zu betrach- ten. Es handelt sich bei der Sozialversicherung bloß um eine Um- verteilung innerhalb der Lohnquote, und im ganzen gesehen, gehö- ren sowohl die sofort ausgezahlten wie die erst nach der Verwer- tung der Arbeitskraft als Rente ausgezahlten Summen zum Wert der Arbeitskraft. Da zu diesem Wert auch ihre 'Bildungskosten' gehö- ren (z.B. die Kosten für Volksschulen), so ist auch der entspre- chende Teil der staatlichen Ausgaben letzten Endes ein Teil des vom Gesamtkapital vorgeschossenen variablen Kapitals, der frei- lich nicht als individueller Lohn zirkuliert. Ein sehr beträcht- licher Teil der Staatsausgaben fällt so unter die Kategorie des variablen Kapitals bzw., ungefähr gesprochen, der Lohnquote. Ebenso müßte man einen Teil des gesamtgesellschaftlichen Mehr- werts einzelnen Sparten des Staatshaushalts zuordnen können, wo er teils bloß auf bestimmte Kapitalzweige umverteilt wird (Subventionen, Steuervergünstigungen), teils zur ideologischen, militärischen usw. Sicherung des Kapitalverhältnisses ausgegeben wird. Die Vorstellung von der Umverteilung würde sich sehr redu- zieren. Dies als Hinweis auf eine der Aufgaben der Realanalyse des Sozial- und Interventionsstaates. 14) O. Kirchheimer: "Weimar und was dann? " (1930) In: ders.: PO- LITIK UND VERFASSUNG, Frankfurt 1964, S. 42 f. Schon Tugan-Bara- nowski erschien die Verteilung als reines Machtproblem, während er die Produktion durch ökonomische und technische Gesetze be- stimmt sah (vgl. E. Preiser in: HANDWÖRTERBUCH DER SOZIALWISSEN- SCHAFTEN, Stichwort: Distributionstheorie, (Band VIII), S. 623. 15) Sering: JENSEITS DES KAPITALISMUS. Ein Beitrag zur soziali- stischen Neuorientierung. Nürnberg 1946 1, 1948 3, S. 59. Eine Auflage von mehreren tausend Exemplaren wurde von der IG-Metall aufgekauft; Fritz Vilmar (RÜSTUNG UND ABRÜSTUNG, Frankfurt/Main 1965) z.B. stützt sich stark auf Sering. Rudi Dutschke zitierte gern aus Sering, vorzugsweise allerdings aus den Aufsätzen der dreißiger Jahre. 16) Peter Gay: DAS DILEMMA DES DEMOKRATISCHEN SOZIALISMUS, Nürn- berg 1954, referiert hier das Konzept einer Rede Bernsteins aus dem Jahre 1925, S. 270 (keine Hervorhebung im Original) Vgl. schon Marx' Kritik an John Stuart Mill, KAPITAL Bd. 3, S. 884 f. Demgemäß schon Rosa Luxemburgs Kritik an Bernstein in "Sozialreform oder Revolution" a.a.O. S. 105: "Bernstein formu- liert auch wiederholt seinen Sozialismus als das Bestreben nach einer 'gerechten', 'gerechteren', ja einer 'noch gerechteren' Verteilung... Die Sozialdemokratie will die sozialistische Ver- teilung durch die Beseitigung der kapitalistischen Produktions- weise herbeiführen, während das Bernsteinsche Verfahren ein di- rekt umgekehrtes ist; er will die kapitalistische Verteilung be- kämpfen und hofft auf diesem Wege allmählich die sozialistische Produktionsweise herbeizuführen." 17) PROTOKOLL DES SPD-PARTEITAGES IN KIEL 1927, S. 170. Hilfer- ding,der in der Weimarer Republik zum Revisionismus überwechselt, ging schon im Finanzkapital, wo er unter weitgehender Absehung vom Produktionsprozeß primär die Zirkulationssphäre behandelt, davon aus, daß der Entwicklungsprozeß der kapitalistischen Pro- duktion auf die Bildung eines Generalkartells hinauslaufe, und damit auf die Beseitigung der Anarchie der Produktion. Für die sozialistische Revolution galt es dann vor allem noch, die Un- gleichheiten in der Verteilung zu beseitigen. Er schränkte damals ein, eine solche Entwicklung sei zwar ökonomisch möglich, jedoch nicht politisch und sozial. (Vgl. FINANZKAPITAL, 1910, Neudruck Frankfurt/Main 1968, S. 322 und 403). Auf der Basis dieser Vor- stellungen entwickelte er in der Weimarer Republik seine Theorie vom 'organisierten Kapitalismus' und im Zusammenhang damit seine Vorstellung vom 'politischen Lohn'. Zur Kritik dieser Theorie: M. Kriwizki: "Die Lohntheorie der deutschen Sozialdemokratie", in: UNTER DEM BANNER DES MARXISMUS, III (1928/29, S. 381 ff), neu ab- gedruckt in: GEGEN DEN STROM, a.a.O. S. 75 ff; vgl. auch W. Gott- schalch: STRUKTURVERÄNDERUNGEN DER GESELLSCHAFT UND POLITISCHES HANDELN IN DER LEHRE VON RUDOLF HILFERDING, Berlin-West 1962. 18) Vgl. Claus Offe: "Politische Herrschaft und Klassenstruktu- ren. Zur Analyse spätkapitalistischer Gesellschaftssysteme", in: Kress/Senghaas: POLITIKWISSENSCHAFT, Frankfurt/Main 1969, S. 176 f. Habermas spricht (in: Habermas/Friedeburg/Oehler/Weltz: STU- DENT UND POLITIK, Neuwied 1961) von tiefen Eingriffen des Staates ins "System der Güterherstellung und -verteilung" (S. 22), muß dann aber doch zugestehen, daß "weiterhin die private Verfügung über Produktionsmittel Grundlage... des Wirtschaftsprozesses sei" (S. 23), und hält sich bei seiner Sozialstaatstheorie vor allem an die Explikation der Souveränität der Staatsgewalt als vertei- lender gegenüber dem kapitalistischen Produktionsprozeß, was vor allem bei seinen Thesen über die Determinanten politischen Han- delns der Staatsgewalt sichtbar wird. (Vgl. unten II, 4.: Sozial- staat und pluralistische Demokratie.) 19) Dies ist ein kurzer Überblick über die Momente, die in den Sozialstaatstheorien von Hilferding, Sering, Offe, Habermas, Hen- nis u.a. entscheidend sind für den Verteilungsschlüssel, nach dem das Sozialprodukt auf die verschiedenen 'sozialen Gruppen' aufge- teilt wird, und für die Inhalte der Verteilungstätigkeit des Staates (Sozialkonsum/Sozialinvestitionen/Rüstung). Was den Be- griff des Sozialstaats angeht, so sei hier noch folgendes ange- merkt: Der Unterschied zwischen solchen Staatstheorien, die den gegenwärtigen kapitalistischen Staat schon als Sozialstaat be- zeichnen (Habermas, Offe), und solchen, die davon ausgehen, daß durch langsame Zurückdrängung der Macht der Monopole, durch Mit- bestimmung und demokratische Kräfte im Parlament, der Sozialstaat allmählich Boden gewinnen könne, liegt vor allem darin, daß die letzteren von einem unmittelbaren Einfluß der Monopole auf den Staat ausgehen, ihn als Instrument der Monopole betrachten, wäh- rend die ersteren davon ausgehen, daß es heutzutage "problematisch" sei, "die Abhängigkeit der politischen Aktionen von den ökonomischen Interessen" zu unterstellen. (Habermas: THEORIE UND PRAXIS, Neuwied/Berlin 1963, S. 200. Ebenda S. 163 ausdrücklich vom "Stadium des organisierten Kapitalismus", wo der "Bereich des Warenverkehrs" bereits weitgehend "politisch vermit- telt" werde.) Da aber auch die Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus vor allem hierin auf der Ebene politischer Einfluß- nahmen argumentiert, wird kein deutlicher Zusammenhang zwischen Staat und Kapitalverwertungsprozeß sichtbar (eben im Unterschied zur bloßen 'Abhängigkeit' von 'ökonomischen Interessen'). 20) Marx: GRUNDRISSE, S. 8: "Die Produktion soll... im Unter- schied von der Distribution etc. eingefaßt in von der Geschichte unabhängige ewige Naturgesetze dargestellt werden, bei welcher Gelegenheit dann ganz unter der Hand bürgerliche Verhältnisse als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft in abstracto unter- schoben werden... Bei der Distribution dagegen sollen die Men- schen in der Tat allerlei Willkür sich erlaubt haben." Marx deu- tet hier und im folgenden an, wie durch die "rohe Auseinanderrei- ßung" von Produktion und Distribution der Produktionsprozeß als Naturprozeß erscheint, und der Distributionsprozeß damit zu einem Vorgang wird, der allein durch "gesellschaftliche Gesetze" (S. 10) (was in diesem Zusammenhang synonym ist mit "gesellschaftlichem Zufall", S. 11) bestimmt wird. Die Unfähig- keit, die kapitalistische Produktion als Kreislaufprozeß des Ka- pitals zu begreifen, resultiert in der Loslösung der Distribution aus diesem Zusammenhang; daher dann die Illusion von der staatli- chen Umverteilung auf der Ebene der 'Einkommen'. Der Revisionis- mus knüpft von Anfang an an grundsätzliche Denkmuster der bürger- lichen Ökonomie an (was nicht verhindert, daß er weit größeren Illusionen verfällt). Dies kritisiert Marx hier. Vgl. dazu auch: Marx: "Kritik des Gothaer Programms", MEW Bd. 19, S. 25 f: "Der Vulgärsozialismus hat es von den bürgerlichen Ökonomen übernom- men, die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den Sozialismus hauptsächlich als um die Distribution sich drehend darzustellen." Die eigentli- che Entwicklung dieser Kritik ist natürlich im 'Kapital' enthal- ten. 21) Vgl. dazu Habermas: STUDENT..., a.a.O. S. 42 und 50, desglei- chen schon Bernstein, Kautsky, Cunow, Renner u.a., nachzulesen bei: I. Fetscher, Hrsg.: DER MARXISMUS, SEINE GESCHICHTE IN DOKU- MENTEN, Bd. III, München 1965, S. 41-56. Im GODESBERGER PROGRAMM der SPD, Bonn 1959, ist nachzulesen: "Die Marktwirtschaft gewährleistet von sich aus keine gerechte Einkom- mens- und Vermögensverteilung: dazu bedarf es einer zielbewußten Einkommens- und Vermögenspolitik." (S. 16) Vgl. auch Otto Bren- ner: "Technischer Fortschritt und Gewerkschaften", in: AUTOMATION UND TECHNISCHER FORTSCHRITT IN DEUTSCHLAND UND DEN USA, Frank- furt/Main 1963, S. 308 ff: "Automation und technischer Fort- schritt ermöglichen mehr Wohlstand für alle. Inwieweit die Ar- beitnehmer jedoch an diesem Wohlstand teilhaben, hängt davon ab, wie das erhöhte Volkseinkommen verteilt wird... Das erklärte Ziel der Gewerkschaften war es und wird es bleiben, den Arbeitnehmer- anteil am Volkseinkommen zu erhöhen." (S. 312) 22) Ebenso wie der eigentliche Revisionismus sehen heutzutage po- litologische, staatsrechtliche usw. Apologeten des Kapitals in den verteilenden Tätigkeiten der Staatsgewalt ihre neue und sie bestimmende Qualität, nur mit dem Unterschied, daß sie diese Funktionen der Staatsgewalt, weil gegen das Leistungsprinzip und Markteinkommen verstoßend, mit Begriffen wie "Gefälligkeits- staat", Staat als "ungeheure Ausgleichskasse" etc. denunzieren. Vgl. dazu: Ernst Forsthoff: "Begriff und Wesen des sozialen Rechtsstaats", Veröffentlichungen der Vereinigung der Staats- rechtslehrer, Heft 12, Berlin-West 1954, S. 8 ff; Werner Weber: SPANNUNGEN UND KRÄFTE IM WESTDEUTSCHEN VERFASSUNGSSYSTEM, Stuttgart 1951. Wenn im folgenden wiederholt auf die Analogien in der Analyse der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft zwi- schen Revisionisten und bürgerlich-reaktionären Wissenschaftlern hingewiesen wird, so deshalb, um zu zeigen, daß eben kein dritter Weg zwischen marxistischer und bürgerlicher Gesellschaftsanalyse möglich ist, sondern daß revisionistische Theorien notwendig auf bürgerliche hinauslaufen. Man kann nicht einfach, wie Habermas z.B. dies immer wieder tut, auf der Basis der 'wissenschaft- lichen' Ergebnisse von Forsthoff bis Hennis eine völlig andere gesellschaftskritische Konsequenz herleiten. Dies bleibt dann in der Tat (moralisierende) Kritik. 23) Vgl. hierzu W. Müller: "Habermas und die Anwendbarkeit der Arbeitswerttheorie", SOPO 1/69, S. 40-44. Die beliebige Verwen- dung der Begriffe 'Sozialprodukt', 'gesellschaftlicher Reichtum', auch einmal 'Warenfülle', dann wieder 'Produkte' bei den Revisio- nisten zeigt schon, daß hier das Problem nicht mehr gesehen wird, das Marx gleich zu Anfang des 'Kapitals' ausspricht, daß nämlich der gesellschaftliche Reichtum im Kapitalismus als ungeheure Wa- renfülle erscheint. Schon durch die beliebige Verwendung der Be- grifflichkeit gibt man zu erkennen, daß man die spezifische Pro- blematik der Form der gesellschaftlichen Produktion übersieht, wie sie sich darstellt im Doppelcharakter der Ware als Tauschwert und Gebrauchswert, und dementsprechend der Doppelcharakter der Arbeit und des Produktionsprozesses. 24) A. Shonfield: MODERN CAPITALISM. The Changing Balance of Pu- blic and Private Power. Royal Institute of International Affairs. London 1965. Deutsche Ausgabe: GEPLANTER KAPITALISMUS - WIRT- SCHAFTSPOLITIK IN WESTEUROPA UND USA. Mit einem Vorwort von Karl Schiller. Köln usw. 1968. 25) R. Luxemburg: SOZIALREFORM..., a.a.O. S. 93 f. 26a) Marx: KAPITAL Bd. l, S. 189-195. 26b) Marx: KAPITAL Bd. l, S. 194-201. 26c) Marx: KAPITAL Bd. 1, S. 204-210. 26d) Fritz Naphtali: WIRTSCHAFTSDEMOKRATIE, 1928, Neudruck mit einem Vorwort von Ludwig Rosenberg und einer Einführung von Otto Brenner, Frankfurt/Main 1966, S. 23. 27) Vgl. Sering: JENSEITS..., a.a.O. S. 47-49. 28) Vgl. dazu besonders Marx: KAPITAL Bd. l, S. 346-48/350-52. 29) KAPITAL, Bd. III, S. 107-197. 30) IMPERIALISMUS HEUTE, Berlin 1968 5, S. 239 und 727, hier be- sonders wichtig das Kapitel "Die demokratische Alternative gegen den staatsmonopolistischen Kapitalismus", S. 724-751; vgl. auch Kritik dazu: Projektgruppe DKP-Rabehl: DIE DKP..., a.a.O. S. 67 ff. 31) So ist für den Staatssekretär Auerbach beim Bundesarbeitsmi- nisterium die wirtschaftliche Deckungsmöglichkeit der Renten- und Krankenversicherung nur dann gewährleistet, wenn bis 1985 eine jährliche Steigerung der Bruttolohn- und Gehaltssumme um 5,8% er- folgt. Nach DER TAGESSPIEGEL, 23.12.69. Vgl. auch: SOZIALENQUETE, Soziale Sicherung in der BRD, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, o.J. (1966), S. 143 ff; besonders S. 153, wo gezeigt wird, daß jedes Sozialversicherungssystem, vor allem aber die Arbeitslosen- versicherung angesichts einer Massenarbeitslosigkeit total versa- gen würde. 32) Vgl. dazu die Kritik im Aufsatzs von Eugen Varga: "Probleme der Monopolbildung und die Theorie vom 'organisierten Kapitalis- mus', in: ders.: DIE KRISE DES KAPITALISMUS UND IHRE POLITISCHEN FOLGEN, Frankfurt/Main 1969,- S. 11-41. Vgl. auch: Projektgruppe DKP/Rabehl: DIE DKP..., a.a.O. S. 97 ff. 33) Hier liegt eines der Probleme, über die wir in den Diskussio- nen keine volle Übereinstimmung erreichen konnten. Welche prakti- sche Bedeutung hat die Illusion von der Autonomie der Distributi- onssphäre bzw. vom politischen Lohn heute, z.B. in der antizykli- schen Konjunkturpolitik? Inwieweit wird hier nicht die Abhängig- keit der Verteilung von der Produktion und der in ihr gesetzten Verteilung de facto anerkannt? Haben etwa die Ökonomen (auch in- nerhalb der SPD oder der gewerkschaftlichen Wirtschaftsinstitute) hier einen größeren Realismus als die Politologen revisionisti- schen Erbes? Wie weit geht dieser Realismus? Vgl. dazu auch unten Teil III. 34) J.M. Gillman (PROSPERITÄT IN DER KRISE, dt. Frankfurt/M. 1968) zeigt, wie in den Welfare-State Theorien der New-Deal Epo- che Sozialversicherung als Krisenregulierungsmechanismus angese- hen wurde (S. 132). Im folgenden unterzieht Gillman diese These einer Überprüfung anhand der zyklischen Bewegungen des Kapitals in den USA und zeigt, daß es sich hierbei nur um zweitrangige, nicht entscheidende Faktoren wirtschaftlicher Stabilisierung han- deln kann. 35) Fritz Tarnow: WARUM ARM SEIN? Berlin 1928, S. 71 und 49. Vgl. zur Kritik auch neben Kriwizki ("Die Lohntheorie...", UNTER DEM BANNER..., a.a.O.): Erika König: VOM REVISIONISMUS ZUM "DEMOKRATISCHEN SOZIALISMUS, Berlin-DDR 1964, S. 158 ff. 36) METALL, Nr. 16, 1967, und: WEISSBUCH DER IG METALL, 1968. In der Zeitschrift METALL ist auch nachzulesen, wie Brenner 1967 und 1968 die Theorie von der Regulierung der Krise durch Erhöhung der Masseneinkommen vertritt. 37) Tarnow: WARUM ARM SEIN ? A.a.O. S. 53. 38) Marx: GRUNDRISSE, S. 322. Vgl. S. 323: "... Das Kapital selbst betrachtet dann die N a c h f r a g e d u r c h d e n A r b e i t e r - i.e. das Zahlen des Salärs, worauf diese Nach- frage beruht - nicht als Gewinn, sondern als Verlust. D.h. das i m m a n e n t e V e r h ä l t n i s z w i s c h e n K a p i t a l u n d A r b e i t macht sich geltend. E s i s t h i e r w i e d e r d i e K o n k u r r e n z d e r K a p i t a l i e n, ihre Gleichgültigkeit gegeneinander und Selbständigkeit voneinander, die dazu führt, daß das einzelne Ka- pital sich zu den Arbeitern des totalen übrigen Kapitals n i c h t a l s A r b e i t e r n verhält: Hinc über die rich- tige Proportion hinausgetrieben wird." Und im 2. Band des KAPITAL (S. 414/409 f): "Will man aber dieser Tautologie" (Krisen entste- hen aus Mangel an zahlungskräftiger Nachfrage) "einen Schein tiefrer Begründung dadurch geben, daß man sagt, die Arbeiter- klasse erhalte einen zu geringen Teil ihres eigenen Produkts, und dem Übelstand werde mithin abgeholfen, sobald sie größern Anteil davon empfängt, so ist nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden durch eine Periode, worin der Arbeits- lohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter größern An- teil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des jährlichen Pro- dukts erhält. Jene Periode müßte - von dem Gesichtspunkt jener Ritter vom gesunden und 'einfachen' (!) Menschenverstand - umge- kehrt die Krise entfernen. Es scheint also, daß die kapitalisti- sche Produktion vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingun- gen einschließt, die jene relative Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen, und zwar immer nur als Sturmvogel einer Krise." Vgl. auch M. Kriwizki (LOHNTHEORIE..., a.a.O.), der zeigt, daß die Theorie vom politischen Lohn auf der Annahme be- ruht, der Kapitalist könne beim konstanten Kapital Einsparungen vornehmen, und diese dem Arbeiter zuschanzen. "Während wir also bei Marx auf die Gegenüberstellung des variablen Kapitals oder des Arbeitslohns mit dem Mehrwert stoßen, wird in allen von uns angeführten Fällen der Arbeitslohn dem konstanten Kapital gegen- übergestellt und seine Änderungen mit den Änderungen des konstan- ten Kapitals verbunden. Es folgt also eine Aufhebung der Spaltung des neugeschaffenen Werts in Wert der Arbeitskraft und Mehrwert. Dadurch wird jenes Kampffeld beseitigt, auf dem der Zusammenstoß der zwei Klassen stattfindet... Es ist die gleiche Verlegung der Analyse von den grundlegenden Produktionsverhältnissen weg zur Technik, die als außerhalb des sozialen Verhältnisses stehend be- trachtet wird." (S. 97 f.) 39) Vgl. SOZIALENQUETE, a.a.O. S. 140 f. 40) Vgl. ebda., S. 153 f, wonach in der Hochkonjunktur Erhöhungen der Sozialleistungen inflationär wirken, in der Krise dagegen zwar ökonomisch möglich und vielleicht auch sinnvoll seien (hier die gleiche Illusion wie bei den Gewerkschaften), aber aufgrund politischer Tatbestände nicht zu empfehlen, da solche Maßnahmen später schwer rückgängig zu machen seien, ohne die Gefahr sozia- len Unfriedens" heraufzubeschwören. 41) Immer wieder wäre es notwendig, die die Wirklichkeit oft ganz offensichtlich verhüllenden Begriffe der bürgerlichen Wissen- schaft zu umgehen oder wenigstens durch Anführungszeichen zu kennzeichnen. So ist nach der herrschenden Auffassung in der 'V o l l b e s c h ä f t i g u n g' eine amtliche Arbeitslosen- quote von 'bloß' 3 bis 5% eingeschlossen. Die Zahlen der amtli- chen Statistik zur 'E r w e r b s l o s i g k e i t' sind ih- rerseits verhüllend (besonders in der 'Rezession' oder 'Talsohle'), denn sie erfassen nicht die infolge Arbeitslosigkeit vorzeitig Verrenteten" Arbeiter (besonders Arbeiterinnen), heim- gereiste 'Gastarbeiter' usw.; hinter diesen Zahlen versteckt sich also eine viel größere i n d u s t r i e l l e R e s e r- v e a r m e e, wie der kapitalistischen Wirklichkeit adäquate Begriff lautet. Mit dieser Bemerkung soll erneut darauf hingewiesen werden, daß man sich innerhalb der bürgerlichen Wis- senschaft ständig zwischen Attrappen bewegt, die aber vom Stand- punkt der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Wissenschaft notwendig die einzige Wirklichkeit sind und das Handeln der Kapi- talagenten und der Staatsfunktionäre tatsächlich bestimmen. Vgl. dazu auch Teil III. 42) SOZIALENQUETE, a.a.O. S. 153. 43) Ebda., S. 144. Auf die hier im ganzen richtig angedeuteten Grenzen der Sozialpolitik wird weiter unten noch näher eingegan- gen. Allerdings kann der Staat, siehe gegenwärtig USA, auf die untere Grenze weitaus weniger Rücksicht nehmen. Sie gilt nur für Prosperitätsphasen des Kapitals. Vgl. auch S. 145. Es heißt dort weiter: "... die Investitionsbereitschaft der Unternehmer ist sowohl im Interesse des Wachstums der Gesamtversorgung als auch im Interesse der Vollbeschäftigung erforderlich" ... "Das Export- volumen kann im Interesse der dauernden internationalen Lei- stungsfähigkeit der Wirtschaft nicht gekürzt werden" ... "E i n e A u s w e i t u n g d e s S o z i a l b u d g e t s k o n k u r r i e r t a l s o i n e r s t e r L i n i e m i t e i n e r S t e i g e r u n g d e r r e a l e n L o h n e i n k o m m e n." (Hervorhebung : M./N.) 44) J. Habermas: THEORIE UND PRAXIS, Neuwied-Berlin 1963, S. 196 f. (Hervorhebungen v. Verfasser). 45) Vgl. oben Anm. 13. 46) Vgl. R. Hilferding: "Probleme der Zeit", in: DIE GESELL- SCHAFT, 1. Jg. 1924, Bd. 1, S. 13. 47) Ders.: "Realistischer Pazifismus", in: DIE GESELLSCHAFT, 1. Jg. 1924, Bd. 2, S. 111. Vgl. dazu auch: W. Gottschalch: STRUK- TURVERÄNDERUNGEN DER GESELLSCHAFT UND POLITISCHES HANDELN IN DER LEHRE VON RUDOLF HILFERDING, Berlin-West 1962, S. 198-218. 48) Vgl. zu diesem ganzen Komplex: H.-H. Hartwich: SOZIALSTAATS- POSTULAT UND GESELLSCHAFTLICHER STATUS QUO, Berlin 1969, (bisher als Manuskript vorliegend) S. 1-66. 49) J. Habermas: STRUKTURWANDEL DER ÖFFENTLICHKEIT, Neuwied 1962, S. 254 f. Parallelen ergeben sich hier zu folgendem Erhard-Wort: "Es ist sehr viel leichter, jedem einzelnen aus einem größer wer- denden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren, als einen Gewinn aus der Auseinandersetzung um die Verteilung eines kleinen Ku- chens ziehen zu wollen." in: Erhard: WOHLSTAND FÜR ALLE, Düssel- dorf 1957, S. 10. Rabehl hat darauf hingewiesen, daß in der "Soziologie des Staates" "nicht Klassenkämpfe diese monopolisti- sche Gesellschaft bestimmen, sondern daß der demokratische Kampf der 'Unterprivilegierten' um staatliche Anerkennung und Unter- stützung diese Epoche trägt." (FU-Projektgruppe-Rabehl: DIE DKP..., a.a.O. S. 93). Diese politische Vorstellung beruht eben auf der Reduktion der kapitalistischen Widersprüche aufs Vertei- lungsproblem. Unterprivilegierte sind die sozialen Gruppen, denen vom Staat kein genügend großer Happen in den Mund geschoben wird. Ihre Unterprivilegierung endet mit der Vergrößerung des Happens. Folgerichtig Offe: "Generell bemißt sich der r e p r e s- s i v e, d.h. Herrschaftsverhältnisse befestigende Charakter eines politisches Systems daran, ob ... a) ... b) die ver- schiedenen Kategorien der miteineinander in Widerspruch stehenden gesellschaftlichen I n t e r e s s e n, Bedürfnisse und An- sprüche in gleicher oder nur in verzerrter, spezifisch gewich- tiger Weise die C h a n c e p o l i t i s c h e r B e- r ü c k s i c h t i g u n g g e n i e ß e n." (A.a.O. S. 162). Hier haben sich die unterprivilegierten Gruppen zu unterpri- vilegierten Bedürfnissen verfeinert. 50) E. Fraenkel: "Strukturanalyse der modernen Demokratie", in: AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE, Beilage zur Wochenzeitung: DAS PARLAMENT, 6.12.69, S. 23: "Der Pluralismus ist die Staatstheorie des Reformismus. Er lehnt implicite die These ab, daß der Antago- nismus zwischen Kapital und Arbeit, dessen Existenz er nicht in Zweifel zieht, mit geschichtlicher Notwendigkeit dazu führen muß, daß er in der klassenlosen Gesellschaft 'aufgehoben' wird." Vgl. auch: ders.: DEUTSCHLAND UND DIE WESTLICHEN DEMOKRATIEN, Stutt- gart 1964, sowie unten Teil IV. 51) P. Sering: "Der Faschismus", in: ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALISMUS, Nr. 24/25, 26/27 (1935) S. 775. 52) Habermas...: STUDENT..., a.a.O. S. 35 und 45. 53) Ebda., S. 35. 54) Ebda., S. 52 f. 55) In dieser Richtung läuft auch die kritische Eliteforschung, wie sie z.B. in den Analysen von Helge Pross (MANAGER UND AKTIO- NÄRE IN DEUTSCHLAND, Frankfurt/M. 1965) und W. Zapf (WANDLUNGEN DER DEUTSCHEN ELITE, München 1965) vorliegt. Vgl. dazu auch die Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus (sowie die ent- sprechenden zahlreichen zeitgeschichtlichen Untersuchungen in der DDR-Geschichtswissenschaft), die aus p e r s o n e l l e n Identitäten zwischen der faschistischen und der bundesrepublika- nischen Oberschicht den besonders reaktionären und aggressiven Charakter der Monopole und des Staates in der BRD nachzuweisen versucht. Das wichtigste Argument für die These, daß der Bonner Staat ein Staat der Monopole sei, ist nach dieser Auffassung die personelle Identität in der ökonomischen und politischen Füh- rungsschicht. 56) Claus Offe: "POLITISCHE HERRSCHAFT...", a.a.O. S. 178. 57) Ebda., S. 186. 58) Ebda., S. 165 f. 59) Ebda., S. 168. 60) Vgl. zum folgenden: W. Hennis: "Aufgaben einer modernen Re- gierungslehre", in: POLITISCHE VIERTELJAHRESSCHRIFT, VI. Jg. (1965) S. 422-441. 61) R. Altmann: SPÄTE NACHRICHT VOM STAAT, Stuttgart o.J. (1969) S. 51. 62) Der Ausdruck wurde zuerst in Unternehmerpublikationen und in der Regierungserklärung Erhards 1965 verwendet. 63) Vgl. J. Habermas: "Wissenschaft und Politik", in: OFFENE WELT, Nr. 86, 1964, S. 413-423. 64) H.P. Widmayer: "Aspekte einer aktiven Sozialpolitik. Zur po- litischen Ökonomie der Sozialinvestitionen", Vortrag vor der Ge- sellschaft für Wirtschafts- und Socialwissenschaften, Verein für Socialpolitik (Manuskript 1969). 65) Hennis: a.a.O. S. 429; vgl. S. 427: "Wenn es erlaubt ist, in der Regierungslehre so etwas wie eine Betriebswirtschaftslehre des modernen Staates zu sehen, so erweckt unser Fach (die politi- sche Wissenschaft) den Eindruck einer Betriebswirtschaftslehre, deren einziges Thema die Mitbestimmung ist." Das Ganze wurde zum erstenmal werbewirksam in der Ideologie von der formierten Ge- sellschaft (Voegelin usw.) formuliert, worauf auch einige kriti- sche Linke hereingefallen sind. 66) Karl Hax: PERSONALPOLITIK UND MITBESTIMMUNG, Köln-Opladen 1969, S. 16. Vgl. dazu Marx: KAPITAL I, S. 374/377: "Es ist sehr charakteristisch, daß die begeisterten Apologeten des Fabriksy- stems nichts Ärgres gegen jede allgemeine Organisation der ge- sellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als daß sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde." Die frühbürgerli- chen Ökonomen waren nicht so kühn, vom Lohnarbeiter totale Unter- werfung in der Arbeitszeit zu fordern, damit er für "seine höhe- ren geistigen und sittlichen Ziele" frei werde; sie verteilten vielmehr diesen "inneren Widerspruch" weise auf verschiedene Klassen. So pries H.F. von Storch (1815) die Vorzüge der kapita- listischen Gesellschaft: "Der Fortschritt des gesellschaftlichen Reichtums erzeugt jene nützliche Klasse der Gesellschaft ... wel- che die langweiligsten, gemeinsten und ekelhaftesten Beschäfti- gungen ausübt, in einem Wort alles, was das Leben Unangenehmes und Knechtendes hat, auf ihre Schultern nimmt und ebendadurch den andren Klassen die Zeit, die Heiterkeit des Geistes und die kon- ventionelle Charakterwürde verschafft ..." (Zitiert nach Marx: KAPITAL Bd I S 682 f./677.) 67) Dazu als Beleg das allbekannte und nach wie vor schlagende Zitat "Demokratisierung der Wirtschaft ist so unsinnig wie die Demokratisierung von Schulen, Kasernen und Zuchthäusern" aus dem INDUSTRIEKURIER im Jahre 1965. 68) Hax, a.a.O. S. 24 und S. 16. 69) Wenn wir in diesem Aufsatz auch neuere Autoren aus der BRD unter dem Begriff des Revisionismus zusammenfassen, so liegt hier ein Problem, das hier wenigstens angedeutet werden soll, nämlich die Frage nach dem Zusammenhang einer von ihren eigenen Organisa- tionen auf den Staat orientierten Arbeiterbewegung mit den dazu gehörigen Theoretikern. Während dieser Zusammenhang z.B. bei Hil- ferding und Tarnow auf der Hand liegt, ist er bei Habermas und Offe nicht ohne weiteres ersichtlich; bei anderen Frankfurter So- ziologen im Umkreis einiger Gewerkschaftszentralen ist er aller- dings unbestreitbar. Andrerseits ist zu klären, inwieweit es richtig ist, bei der gegenwärtigen Rolle der Gewerkschaften und der SPD noch von Reformismus zu sprechen, auf den sich eine ge- genüber dem revolutionären Marxismus revisionistische Theorie be- ziehen würde. 70) Habermas: STUDENT..., a.a.O. S. 32. 71) Luxemburg: SOZIALREFORM..., a.a.O. 72) Hier ist wieder auf die schon von Rosa Luxemburg gekennzeich- nete Folgerichtigkeit von nichtrevolutionären Rezepten gegen den Kapitalismus hinzuweisen; sie zeigt, wie schon gesagt, am Bei- spiel Bernsteins, daß der nichtrevolutionäre Weg auch zu einem anderen Ziel, nämlich der Beibehaltung der alten Gesellschafts- ordnung mit einigen Verbesserungen führt, wobei man sagen muß, daß diese innere Logik von Habermas sehr flott in die äußere Er- scheinung umgesetzt worden ist. 73) Vgl. dagegen z.B. die ILLUSTRIERTE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN REVOLUTION (Berlin 1929, Nachdruck Frankfurt/Main 1968), in der häufig die eigene Erinnerung der Kämpfenden zu Wort kommt. 74) FU-Projektgruppe DKP/Rabehl: DIE DKP..., a.a.O. S. 154: "Da er (der Reformismus) den monopolkapitalistischen Staat als Garan- tie der Einführung des Sozialismus in die Gesellschaft verstand, fixierte er die Arbeiter an die demokratische Verfassung, d.h. er erzog sie in der Phase der Krise zur Passivität." In dieser gan- zen Schrift wird allerdings nicht recht deutlich, warum der an ihren Folgen richtig kritisierten positiven Fixierung auf den Staat in der Geschichte der Sozialdemokratie eine negative Fixie- rung auf denselben Staat als einziges politisches Heilmittel ent- gegenzusetzen sei. So schreibt Rabehl auf Seite 106: "Die revolu- tionäre Theorie wird zur Aktionsstrategie, die zwar der Wider- spruchsebene der kapitalistischen und monopolkapitalistischen Produktion folgt, der Disproportionalität zwischen den industri- ellen Abteilungen, den Stagnations- und Teilkrisen, dem Prozeß der Auflösung und Bildung der Klassen ...diese latenten oder of- fenen Gegensätze und Widersprüche aber durch die Aktionen der Klasse zum Ausbruch bringt oder verstärkt. D a s v e r- l a n g t d e n a n d a u e r n d e n A n g r i f f a u f d i e e i n z e l n e n s t a a t l i c h e n O r g a n e, d i e d i e A u f g a b e d e r L e n k u n g v o n g e s e l l s c h a f t l i c h e n T e i l b e r e i c h e n h a b e n (Ausbildung, Erziehung, Gesundheitswesen, Justiz, Polizei, Armee etc.), um die Funktion des Staates zu entlarven und zu verhindern, daß er sich als konterrevolutionäres Machtmittel konsolidiert." (S. 106; Hervorhebung: M/N) Wenn die Widerspruchsebene auf der Ebene der kapitalistischen Produktion zu orten ist, d.h. in bezug auf die Beteiligten: auf der Ebene des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital, wird nicht einsichtig, warum die Betroffenen vor allem gegen den kapitalistischen Staat und nicht gegen das Kapital selbst ihre Aktionsstrategie entfalten sollen. Diese negative Fixierung auf den Staat (statt auf das Kapital und erst dadurch vermittelt auf den Staat, der ihm zu helfen v e r s u c h t) trägt die Gefahr in sich, den richtigen Gegner aus dem Auge zu verlieren. Das zeigt sich z.B. daran, daß die Illusion einer grundsätzlichen Veränderung entsteht, sobald die staatliche Gewaltausübung ober- flächlich gemildert wird (Amnestie, Verminderung von Polizei- und Justizterror; überhaupt die Illusionen über die SPD-Regierung). Das zeigt sich auch in den rein politischen Organisationsvorstel- lungen, die von dieser Staatsvorstellung bestimmt sind und die Notwendigkeit einer Fundierung in 'ökonomischen' Klassenkämpfen höchstens verbal zugestehen. Vgl. dazu auch Teil V. 75) Es handelt sich bei der Kuchenvorstellung um eine äußerst be- liebte und populäre Betrachtungsweise, der sich auch die 'Großen' der bürgerlichen Ökonomie gern hingaben. So z.B. Keynes: DIE WIRTSCHAFTLICHEN FOLGEN DES FRIEDENSVERTRAGES, München und Leip- zig 1921, S. 14: "... Einerseits begnügten sich die arbeitenden Klassen aus Ungewißheit oder Machtlosigkeit mit einer Lage, in der sie nur ein ganz kleines Stück des Kuchens ihr eigen nennen konnten, den sie, die Natur und die Kapitalisten zusammen her- stellten (!) ...Auf der anderen Seite durfte die Kapitalisten- klasse den besten Teil des Kuchens ihr eigen nennen..." Und auch heute, in der "modernen Industriegesellschaft", werden von einem Volk von Konditoren Kuchen gebacken: "Dieses Volkseinkommen ist die tatsächliche Wertschöpfung der westdeutschen Volkswirtschaft. Das ist der 'große Kuchen', die Summe, die für Arbeits- und Kapi- taleinkommen, für Grundrenten und Staatsausgaben zur Verfügung steht. - Jeder versucht von diesem Kuchen ein möglichst großes Stück zu ergattern..." (Kurt Walter und Arnold Leistico: ANATOMIE DER WIRTSCHAFT - EINE EINFÜHRUNG IN DIE VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE, Reinbeck bei Hamburg 1969, S. 42. An diesem Buch ist bemerkens- wert, daß es (1) im dritten Fernsehprogramm gesendet worden, also doch immerhin breitgetreten worden ist, (2) von dem 'fortschrittlichen' Dr. Gerhard Szcesny herausgegeben wurde, (3) von dem Leiter der Kammergemeinschaft Öffentlichkeitsarbeit der nordrhein-westfälischen Industrie- und Handelskammern und dem wissenschaftlichen Berater des Generals für das Erziehungs- und Bildungswesen im Heer geschrieben worden ist und (4) im 'linken' Rowohlt-Verlag seinen Verbreiter fand). Um diese Ku- chenv'orstellung auf die dritte Welt zu übertragen, müßte man zu Grimms Märchen greifen: "Knusper knusperknäuschen, wer knuspert an meim Häuschen? " - "Der Wind, der Wind - das Imperialistenge- sind'!" 76) Erich Preiser: "Distribution: (I) Theorie", in: HANDWÖRTER- BUCH DER SOZIALWISSENSCHAFTEN, Band 2, S. 624. Damit wird von Preiser die Auffassung zu bezeichnen versucht, daß 'Macht' zwar eine politische und soziale Kategorie aber auch ökonomisch rele- vant sei, da ja die ökonomischen Kategorien und 'reinen' Gesetze die politische und soziale Macht notwendig auch reflektierten. Auf diese formale Weise wird auszudrücken versucht, daß Macht eine 'ökonomische Potenz' ist. Vgl. Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 791/799. 77) Wilhelm Krelle: VERTEILUNGSTHEORIE, Tübingen 1962, S. 110. 78) Es wird hier darauf verzichtet, die verschiedenen Vertei- lungstypen (personelle, funktionelle, sektorale Verteilung) zu diskutieren (wenn einfach von 'Verteilung' die Rede ist, ist stets 'Verteilung von Einkommen' zu verstehen). Vgl. dazu Erich Preiser, a.a.O., und Leo Kowalski: EINKOMMENSVERWENDUNG, EINKOM- MENSVERTEILUNG UND VERMÖGENS-.... VERTEILUNG, Tübingen 1967, wo die neueren Ansätze der bürgerlichen Ökonomie referiert . ,· wer- den. Im vorliegenden Aufsatz geht es nicht um Verteilung an sich, sondern um den Zusammenhang von Verteilung und Kapitalverwer- tungsprozeß. 79) Georg H. Küster: UNTERSUCHUNGEN ZUR EINKOMMENSVERTEILUNG IM WIRTSCHAFTSWACHSTUM, Berlin 1969, S. 15. Hierbei beruft sich Kü- ster auf Wilhelm Krelle: "Bestimmungsgründe der Einkommensvertei- lung in der modernen Wirtschaft", in: W.G. Hoffmann (Hrsg.): EIN- KOMMENSBILDUNG UND EINKOMMENSVERTEILUNG, Berlin 1957 . 80) H. Giersch: ALLGEMEINE WIRTSCHAFTSPOLITIK, Grundlagen, Wies- baden 1960, S. 23. 81) "Überblicken wir das Ergebnis (der Verteilungstheorie - Verf.) als Ganzes, so zeigt sich eine ganz unerwartete Stabilität eines marktwirtschaftlichen Systems. Fast alle Änderungen kurz- fristiger Art rufen langfristige Gegenwirkungen hervor, die sie wieder rückgängig machen..." (Wilhelm Krelle: VERTEILUNGSTHEO- RIE... a.a.O., S. 257). 82) Carl Föhl und Manfred Hennies: VERMÖGENSBILDUNG IN ARBEITNEH- MERHAND , Pfullingen 1966. 83) Carl Föhl: KREISLAUFANALYTISCHE UNTERSUCHUNGEN DER VERMÖGENS- BILDUNG IN DER BUNDESREPUBLIK UND DER BEEINFLUSSBARKEIT IHRER VERTEILUNG, Tübingen 1964, S. 40. Es handelt sich bei dieser Aus- sage um nichts anderes als eine Verballhornung des Akkumulations- gesetzes. Karl Marx: DAS KAPITAL, Band I, S. 680 f./ 674 f.: "Aber alle Methoden zur Produktion des Mehrwerts sind zugleich Methoden der Akkumulation und jede Ausdehnung der Akkumulation wird umgekehrt Mittel zur Entwicklung 7 jener Methoden. Es folgt daher, daß im Maße wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, w e l c h e s i m m e r s e i n e Z a h l u n g, hoch oder niedrig, sich verschlechtern muß... Es bedingt eine der A k k u m u l a t i o n v o n K a p i t a l entsprechende A k k u m u l a t i o n v o n E l e n d. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die i h r e i g e n e s P r o d u k t a l s K a p i t a l p r o d u z i e r t." 84) Vgl. dazu als Beispiel für viele die gesammelten Stellungnah- men der bürgerlichen Wissenschaft in: Georg Leber: VERMÖGENSBIL- DUNG IN ARBEITNEHMERHAND, Wissenschaftliche Beiträge, Dokumenta- tion, Frankfurt/Main 1965, die alle auf das hinauslaufen, was Ge- org Leber im Vorwort von ihnen erwartet: "Schritte zur Verände- rung einer ungerechten und überholten Einkommensstruktur auch auf dem sicheren Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse (unternehmen zu können)". 85) Die beiden Autoren, die im HANDWÖRTERBUCH SOZIALWISSENSCHAF- TEN die beiden Teile des Artikels zur Distribution geschrieben haben, nämlich Erich Preiser und Gerhard Weisser, polarisieren sich auf den beiden Vorgehensweisen, nach denen sich bürgerliche Wissenschaftler aus der Affäre ziehen: Erich Preiser stellt die Konsequenz in einem Aufsatz gleich dreimal klar: "Wenn wir das Problem (der Vermögensbildung - Verf.) überhaupt diskutieren wol- len, so müssen wir also annehmen, beide Parteien (die 'Tarifpartner' - Verf. seien guten Willens, wobei für die Unter- nehmer zwar eine Gewinneinbuße, nicht aber eine Existenzgefähr- dung herauskommen dürfte..." Und: "Die Aussichten der Investiv- lohnpolitik (bzw. der Vermögenspolitik) sind umso besser (!), je behutsamer sie vorgeht." Erich Preiser: "Theoretische Grundlagen der Vermögenspolitik", abgedruckt in Georg Leber, a.a.O , S. 34, 38, 41. Wie sieht aber 'Behutsamkeit' praktisch aus? Gerhard Weisser: "Distribution: (II) Politik" (in: HdSW, Bd. 2, S. 645) hat eine Antwort: "...Aber die verteilungspolitischen Korrekturen stehen zum Teil in Spannung mit der Kompatibilitätsregel. Extreme Maße dürften zu groß sein, als daß dabei die Marktwirtschaft funktionsfähig bliebe. Wer sich um der optimalen Autonomie der Wirtschaftsteilnehmer willen für eine grundsätzlich marktwirt- schaftliche Ordnung entscheidet, muß also irgendwelche Grenzen für die Verteilungskorrekturen anerkennen. Selbstverständlich kann an dieser Stelle nicht versucht werden, diese Grenze gene- rell oder für die gegenwärtige Situation in der Bundesrepublik Deutschland zu bestimmen. Die Wissenschaft dürfte auch in diesem Bereich nicht dahin kommen können, daß der politischen Praxis das Wagnis abgenommen wird..." (Ähnliche Äußerungen finden sich übri- gens auch in der SOZIALENQUETE, a.a.O.) Wie gehabt: Behutsam überläßt der bürgerliche Wissenschaftler das Feld dem Politiker, wohl wissend, daß nun die Funktionsfähigkeit der 'Marktwirt- schaft' sicherlich erhalten bleibt. Daß das eigentliche Ziel der Vermögenspolitik die Befriedung der Lohnarbeiter ist, wird von zahllosen Vertretern "unserer demokra- tischen Ordnung" unverhüllt ausgesprochen, vgl. z.B. Georg Leber, nach dem sie die Aufgabe hat, "Freiheit und Eigentum als tragende Elemente unserer demokratischen Ordnung zu sichern..." (Leber, "Die Gretchenfrage ist gestellt", in: DIE ZEIT, 2.10.1964, abge- druckt in ders., VERMÖGENSBILDUNG IN ARBEITNEHMERHAND, Dokumenta- tion Bd. 2, Frankfurt/Main 1965, S. 63). Weitere Äußerungen die- ser Art bei E. Altvater: "Gewerkschaften und Vermögenspolitik", in: HEIDELBERGER BLÄTTER Nr. 12/13, April-Oktober 1968, S. 61 ff, und bei W. Müller: "Grenzen der Sozialpolitik in der Marktwirt- schaft", in: DER CDU-STAAT, hrsg. Nedelmann/Schäfer, Frankfurt 1969 2. 86) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. III, S. 940/890: "Die sogenannten Verteilungsverhältnisse entsprechen also" und entspringen aus hi- storisch bestimmten, spezifisch gesellschaftlichen Formen des Produktionsprozesses und der Verhältnisse, welche die Menschen im Reproduktionsprozeß ihres menschlichen Lebens untereinander ein- gehn. Der historische Charakter dieser Verteilungsverhältnisse ist der historische Charakter der Produktionsverhältnisse, wovon sie nur eine Seite ausdrücken. Die kapitalistische Verteilung ist verschieden von den Verteilungsformen, die aus andren Produkti- onsweisen entspringen, und jede Verteilungsform verschwindet mit der bestimmten Form der Produktion, der sie entstammt und ent- spricht." 87) Vgl. im II. Band des KAPITAL insbes. S. 443 ff./437 ff. 88) Von der durch die spezifischen Formen staatlicher Verteiler- tätigkeit infolge der Erhebung indirekter Steuern und der Zahlung von Subventionen bedingten statistischen Unterscheidung von Net- tosozialprodukt zu Marktpreisen und Volkseinkommen wird hier ab- gesehen, da dies für den Gang der Argumentation nicht von Bedeu- tung ist. 89) "Das Entgelt für die in Unternehmungen erbrachten Faktorlei- stungen stellt für die Empfänger ('Faktorhaushalte') Einkommen dar." A. Paulsen: VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE, Bd. III, Berlin 1965, S. 9. 90) Dr. Gablers WIRTSCHAFTSLEXIKON, Taschenbuchausgabe, Band 6, Frankfurt/Main 1969 Spalte 2955. 91) "Im Kapital - Profit oder noch besser Kapital - Zins, Boden - Grundrente, Arbeit - Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenhang der Bestandteile des Wert; und des Reichtums überhaupt mit seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitali- stischer Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftli- chen Verhältnisse, das unmittelbar; Zusammenwachsen der stoffli- chen Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich-soziale-Be- stimmtheit vollendet: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere, und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ih- ren Spuk treiben." Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. III, S. 884/838. 92) Vgl. zur Darstellung dieser Theorien Erich Preiser: "Distribution: (I) Theorie", a.a.O. 93) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1. S. 202/208. 94) Ebenda. 95) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 207/214. 96) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 216/223. 97) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 215/221. 98) "Allerdings kann gesagt werden, daß das Kapital... selbst schon eine Verteilung voraussetzt: die Expropriation der Arbeiter von den Arbeitsbedingungen, die Konzentration dieser Bedingungen in den Händen einer Minorität von Individuen..." Diese Vertei- lungsverhältnisse "bestimmen den ganzen Charakter und die ganze Bewegung der Produktion." Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. III, S. 935/886. 99) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 191/198. 100) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, S. 637 f./633 f. 101) Um der Illusion vorzubeugen, v+m sei der marxistische Au- druck für die bürgerliche Kategorie 'Volkseinkommen', sei darauf hingewiesen, daß die bürgerliche Statistik und Theorie alles als Einkommen zählt, was irgendeiner natürlichen oder juristischen Person zufließt. In v+m ist jedoch nur der neu geschaffene Jah- reswert bezeichnet, der statistisch schon dadurch aufgebläht wer- den kann, daß die Lohn- und Gewinneinkommen gezählt werden und diesen die Beamteneinkommen hinzugefügt werden, obwohl der Anteil des Staates aus v+m stammt. Zu diesem Problemkreis, der so schwierige Komplexe wie das Verhältnis von produktiver und unpro- duktiver Arbeit enthält, wäre eine eigenständige Arbeit notwen- dig. An dieser Stelle sei daher lediglich darauf verwiesen, daß es nicht möglich ist, einfach für 'Volkseinkommen' v+m zu setzen. 102) Das Gesamtkapital des Kapitalisten schließt auch den für den Ankauf der Arbeitskraft verausgabten Teil ein. Auch die Käufe von Rohstoffen, Hilfsstoffen usw. stellen Verausgabung von Geldkapi- tal und seinen Formwechsel in Produktivkapital dar. Der Unter- schied zwischen dem länger als eine Produktionsperiode fungieren- den Produktivkapital und dem anderen, nur kurzfristig vorzuschie- ßenden Kapitalteil ist für den fungierenden Kapitalisten von großer praktischer Bedeutung und drängt daher zur begrifflichen Fixierung in den Kategorien des fixen und des zirkulierenden Ka- pitals. Diese Unterscheidung entspricht ungefähr der Unterschei- dung von Anlage- und Umlaufvermögen in der Betriebswirtschafts- lehre. Dagegen spielen die Kategorien des konstanten und vari- ablen Kapitals keine solche praktische Rolle und tauchen folglich auch in der bürgerlichen Ökonomie nicht auf. Sie können es auch nicht, da si; den Klassencharakter der kapitalistischen Produk- tion aussprechen, nämlich die Produktion des Mehrwerts. 103) A.C. Pigou: THE ECONOMICS OF WELFARE, London 1932, repr. 1960, S. 43 (Übersetzung d. Verf.). 104) A.C. Pigou, a.a.O.; vgl. S. 46: "Maintenance of capital in- tact in our sense is thus equivalent to maintenance in an abso- lute sense save only that provision must not be made against de- struction by 'act of God or the King's enemies." So etwas schrieb Pigou im Jahre 1932, als Kapitaldestruktion größten Ausmaßes im Verlauf der Weltwirtschaftskrise stattfand. Aber wahrscheinlich war die Wirtschaftskrise ein vom lieben Gott und dem Proletariat in unheilige: Allianz angezettelter 'Notstand'. 105) A.C. Pigou, a.a.O., S. 49. 106) "Die Unternehmerleistung besteht in der faktischen Leistung des Unternehmens (!) und - jedenfalls in einem Familienbetrieb (!) - in der Bereitstellung von Kapital, Grundstücken und Gebäu- den..." Aus Walter und Leisticos Schatzkästlein, S. 44, vgl. oben Anm. 75. 107) Daß die gesellschaftliche und historische Bedingtheit dieser Prozesse absolut nicht in den mit bürgerlichen Vorstellungen ge- füllten Kopf gehen kann und folglich als Naturnotwendigkeit ihm erscheinen muß, macht auch der große Paul A. Samuelson (VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE, Bd. I, Köln 1967, S. 242) deutlich: "Was würde man von einem Statistiker halten, der das Bevölkerungs- wachstum schätzt, ohne dabei die Todesfälle in Rechnung zu stel- len ? Sicherlich nicht allzu viel. Denn zählte er nur die Gebur- ten zusammen, ohne die Sterbefälle abzuziehen, käme er zu über- triebenen Vorstellungen, was die Nettozunahme der Bevölkerung be- trifft. Dasselbe gilt aber auch von Ausrüstungs- und Bauinvesti- tionen. Auch ihre Nettoveränderung ergibt sich aus Kapitalgeburt (!) und -tod (!) (in diesem Falle Abschreibung)...". 108) Simon Kuznets: "On the Valuation of Social Income - Reflec- tions on Professor Hicks Article", Part I, in: ECONOMICA, N.S., Vol. XV, 1948, S. 13. Kuznets gilt als einer der führenden Ein- kommenstheoretiker in der bürgerlichen Ökonomie. (Übersetzung d. Verf.) 109) Vgl. dazu auch Erich Schneider: EINFÜHRUNG IN DIE WIRT- SCHAFTSTHEORIE, Tübingen 1958, vor allem. Band I: THEORIE DES WIRTSCHAFTSKREISLAUFS. 110) John Maynard Keynes: THE GENERAL THEORY OF EMPLOYMENT' IN- TEREST AND MONEY, London (repr.) 1964, S. 104. 111) John Maynard Keynes, a.a.O., S. 100. 112) Günter Wöhe: ALLGEMEINE BETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE, Berlin und Frankfurt 1962, S. 389 112) Günter Wöhe, a.a.O., S. 403. 113) STATISTISCHES JAHRESBUCH für die Bundesrepublik Deutschland 1969, Vorbemerkung zu den Statistiken der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, S. 485. 114) Marx, "Kritik des Gothaer Programms"', MEW Bd. 19, S. 28. 115) GRUNDRISSE, a.a.O. S. 29. 116) Vgl. R. Luxemburg, "Sozialreform oder Revolution?" A.a.O. S. 72. 117) P. Sering, JENSEITS DES KAPITALISMUS, a.a.O. S. 50 f. Vgl. KAPITAL Bd. I, S. 309/312, sowie weiter unten in diesem Ab- schnitt. Vgl. auch F. Naphtali, WIRTSCHAFTSDEMOKRATIE, a.a.O. S. 19, wo von einer bedeutenden Einschränkung der kapitalistischen Willkür (!) die Rede ist. 118) Dieser von Marx häufig gebrauchte Begriff meint im Unter- schied zu 'Arbeiterklasse' die Gesamtheit der Arbeiter als ein- zelner Verkauf er der Ware Arbeitskraft. 119) KAPITAL Bd. 1, S. 243/249. 120) KAPITAL Bd. 1, S. 282 ff./286 ff. 121) KAPITAL Bd. 1, S. 276/280. 122) KAPITAL Bd. 1, S. 277/281. 123) KAPITAL Bd. 1, S. 505/504. Selbstverständlich ist hier nicht dem d i e kapitalistische gemeint, Vgl. das folgende Zitat. 124) KAPITAL Bd. 1, S. 247/253. 125) KAPITAL Bd. 1, S. 505 f/504 f. Vgl. S. 247/253, 295 f./299. Ist der Vergleich der Arbeiter mit dem Boden nicht eigentlich falsch, da Erschöpfung seines Bodens jedenfalls den langfristiger kalkulierenden kapitalistischen Pächter zur Einsicht zwingt (wie die Zugrunderichtung seiner Sklaven den Sklavenhalter, sofern nicht billiger Nachschub auf dem Sklavenmarkt dies erlaubte oder gebot)? Der Boden kann nicht selbst als handelndes Subjekt auf- treten, auch gibt es keinen Bodennachschub wie bei der Arbeiter- bevölkerung. Steht Marx hier nicht in Widerspruch zu seiner son- stigen Darstellung, in der er zeigt, wie diese Notwendigkeit sich eben gerade durch Klassenkämpfe vermittelt durchsetzt? 126) Marx selbst bezeichnet seine Darstellung als "historische Skizze" (KAPITAL Bd. 1, S. 312/315). 127) Vgl. Abschnitt III.4, sowie E. Altvater über die Probleme einer marxistischen Konjunkturanalyse, in: SOZIALISTISCHE POLITIK 5/70. Die politologische Lehre vom Pluralismus ist in Deutschland nicht zufällig von einigen jener revisionistischen Theoretiker begründet und formuliert worden, die solche Interessenkämpfe in- nerhalb von Gewerkschaft und Partei miterlebt und mitvollzogen hatten. Von ihnen wurde zuerst die mehr oder weniger verselbstän- digte Untersuchung solcher 'Konflikte' zu einer Disziplin erhoben und theoretisch begründet. Sie zogen damit die ideologische Kon- sequenz aus dem praktischen Selbstverständnis ihrer Tnteressen- verbände' spätestens seit dem ersten Weltkrieg, freilich oft noch in marxistischer Terminologie. Sehr deutlich sagt Ernst Fraenkel: "Der Pluralismus ist die Staatstheorie des Reformismus," (Fraenkel, "Strukturanalyse der modernen Demokratie", in: AUS PO- LITIK UND ZEITGESCHICHTE, a.a.O. S. 23) Fraenkel hatte bereits 1928 die wesentlichen Elemente der pluralistischen Auffassung un- ter dem Titel "Kollektive Demokratie" dargestellt (abgedruckt in: ARBEITSRECHT UND POLITIK, Quellentexte 1918-1933, hg. Th. Ramm. Neuwied u. Berlin 1966, S. 79-95). Vgl. auch etwa F.L. Neumann: BEHEMOTH. The Structure and Practice of National Socialism 1933- 1944, Oxford 19442, g. 8 ff, 13 ff., 403 ff; sowie auch den be- reits erwähnten Otto Kirchheimer, und insgesamt oben Teil I und II. 128) KAPITAL Bd. 1, S. 291/294. 129) KAPITAL Bd. 1, S. 293/296. 130) KAPITAL Bd. 1, S. 293/297. 131) Vgl. auch die unten zitierten Stellen. 132) KAPITAL Bd. 1, S. 294/297 f. 133) KAPITAL Bd. 1, S. 295/298. 134) KAPITAL Bd. 1, S. 295 f./299. 135) KAPITAL Bd. 1, S. 297/300 f. 136) KAPITAL Bd. 1, S. 298/302. 137) Vgl. KAPITAL Bd. 1, S. 298/302 bis 305/308. 138) KAPITAL Bd. 1, S. 305/309. 139) KAPITAL Bd. 1, S. 306/309. 140) Das Gesetz galt nur für Frauen und Jugendliche, und nur im Bereich der kapitalistisch voll entwickelten "großen Industrie". Das Relaissystem: die Verteilung des gesetzlichen Arbeitstags von z.B. 10 Stunden auf eine viel längere Zeit durch Zwischenschie- bung zahlreicher Pausen, die für den Arbeiter ganz willkürlich, für seinen Anwender aber durchaus sinnvoll waren. Vgl. KAPITAL Bd. l, S. 292/296, 293 f./297, 300 ff./303 ff. 141) KAPITAL Bd. 1, S. 309/312. Marx versteht also diese Gegenbe- wegung keineswegs im Sinne der späteren revisionistischen Deutung (vgl. den Anfang dieses Abschnitts mit Anmerkungen 3 und 4) als 'Regulierung der Gesellschaft nach menschlichen Notwendigkeiten'' (P. Sering, JENSEITS DES KAPITALISMUS, a.a.O. S. 50 f; Hervorhe- bung durch W.M./Ch.N.). Er spricht in diesem Zusammenhang auch von der "politischen Ökonomie der Arbeiterklasse" (im Rahmen ei- ner politischen Debatte in der Internationalen Arbeiterassozia- tion, vgl. F. Naphtali, WIRTSCHAFTSDEMOKRATIE, a.a.O. S. 19). Was damit gemeint ist, wird im Zusammenhang der Darstellung der Fa- brikgesetzgebung erst wirklich deutlich: daß nämlich auch das Ka- pital als Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige nicht umhin kann auf die Tatsache praktisch Rücksicht zu nehmen, daß es aus der lebendigen Arbeit Wert schöpft. Schließlich ist diese "der allgemeine Reichtum gegenüber dem Kapital" (GRUNDRISSE, S. 302). Gewisse Rücksichtnahme auf den 'Leistungsfaktor Mensch', eine Beschränkung des verschwenderischen Umgehens mit der Ar- beitskraft wird dem Kapital, vermittelt über die Klassenkampfe, als Bedingung seiner eigenen Weiterexistenz aufgezwungen. 142) KAPITAL Bd. 1, S. 309/312. 143) KAPITAL Bd. 1, S. 516/514 f. 144) "Wenn die Verallgemeinerung der Fabrikgesetzgebung als phy- sisches und geistiges Schutzmittel der Arbeiterklasse unvermeid- lich geworden ist, verallgemeinert und beschleunigt sie andrer- seits, wie bereits angedeutet, die Verwandlung zerstreuter Ar- beitsprozesse auf Zwergmaßstab in kombinierte Arbeitsprozesse auf großer, gesellschaftlicher Stufenleiter, also die Konzentration des Kapitals und die Alleinherrschaft des Fabrikregimes. Sie zer- stört alle altertümlichen und Übergangsformen, wohinter sich die Herrschaft des Kapitals noch teilweise versteckt, und ersetzt sie durch seine direkte, unverhüllte Herrschaft. Sie verallgemeinert damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft. Während sie in den individuellen Werkstätten Gleichförmigkeit, Regelmäßig- keit, Ordnung und Ökonomie erzwingt, vermehrt sie durch den unge- heuren Sporn, den Schranke und Regel des Arbeitstags der Technik aufdrücken, die Anarchie und Katastrophen der kapitalistischen Produktion im großen und ganzen, die Intensität der Arbeit und die Konkurrenz der Maschinerie mit dem Arbeiter KAPITAL Bd. l, S. 528/525 f. 145) KAPITAL Bd. 1, S. 277/281. 146) Vgl. etwa KAPITAL Bd. 1, S. 206/212, oder schon "Lohnarbeit und Kapital", MEW Bd 6 S. 406 f. 147) KAPITAL Bd. 1, S. 281/285 (keine Hervorhebung im Original). 148) KAPITAL Bd. 1, S. 282/286, vgl. dort Anmerkung 114, sowie "Brief an Kugelmann" vom 17.3.1868, MEW Bd. 32, S. 541. 149) Auch die bisher von 'Wirtschaftswunder' und 'Sozialpartnerschaft' verbrämte Ausbeutung in der BRD wird zuneh- mend an die 'internationalen Maßstäbe' erinnert. Das innere Ge- setz des Kapitals, das erst in seiner Aktion auf dem Weltmarkt ganz hervortritt, macht sich in der BRD immer mehr geltend, ver- mittelt z.B. durch die Agenten des eindringenden US-Kapitals. In einer vom US-Kapital übernommenen großen westdeutschen Elektro- firma schlug der amerikanische Direktor in der letzten Krise der deutschen Geschäftsleitung zu deren Entsetzen vor, ein Drittel der Belegschaft zu entlassen. Damit würde ein Drittel der Lohnho- sten eingespart und durch gesteigerte Arbeitsmoral (d.h. Angst vor weiteren Entlassungen) die gleiche Leistung wie bisher er- bracht. In der nächsten Krise (bzw. 'Talsohle' in Schillers Be- schwörungsdeutsch) wird das Überleben für viele Einzelkapitale davon abhängen, ob sie auf solche Weise 'energisch eine Kosten- senkung durchführen'. Die Konkurrenz diktiert so das Verhalten der Kapitalagenten. 150) KAPITAL Bd. 1, S. 313/316. 151) KAPITAL Bd. 1, S. 315/319. 152) KAPITAL Bd. 1, S. 316/320. 153) Vgl. dazu Teil V. 154) Entsprechendes gilt heute für die gesetzlichen Unfallvor- schriften in den Betrieben, für das Jugendarbeitsschutzgesetz, das Mutterschutzgesetz und andere Schutzbestimmungen für die Lohnarbeiter gegenüber dem Kapital. 155) Vgl. z.B. KAPITAL Bd. 1, S. 520 f./519: "Die Untersuchungs- kommission von 1840 hatte so schauderhafte und empörende Enthül- lungen gemacht, und einen solchen Skandal vor ganz Europa hervor- gerufen, daß das Parlament sein Gewissen salvieren mußte durch den Mining Act von 1842, worin es sich darauf beschränkte, die Arbeit unter Tag von Weibern und Kindern unter 10 Jahren zu ver- bieten." 156) Vgl. J. Habermas. STRUKTURWANDEL DER ÖFFENTLICHKEIT. Unter- suchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neu- wied u. Berlin-West 1962. 157) Vgl. dazu auch den Anfang des letzten Teils. 158) So war die Begründung zum Unfallversicherungsgesetz, es sollten "die bedenklichen Erscheinungen, welche den Erlaß des Ge- setzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemo- kratie" notwendig gemacht hätten, auch "durch positive, auf die Verbesserung der Lage der Arbeiter abzielende Maßnahmen" bekämpft werden. Vgl. O. Vossler: BISMARCKS SOZIALPOLITIK, Darmstadt 1961, S. 17. Sozialpolitik "drainiert die Ziele der Arbeiterbewegung, indem sie eine Alternative zu radikalen Lösungen entwickelt hat", ist nach wie vor die Auffassung der bürgerlichen Wissenschaft. Vgl. Ch. Ferber: SOZIALPOLITIK IN DER WOHLSTANDSGESELLSCHAFT, Hamburg 1967, S. 46. Gegenüber den bürgerlichen Parteien stellte Bismarck im Reichstag (26.11.1884) fest: "Wenn es keine Sozialde- mokratie gäbe und wenn nicht eine Menge von Leuten sich vor ihnen fürchtete, wurden die mäßigen Fortschritte, die wir überhaupt in der Sozialreform bisher gemacht haben, auch noch nicht existie- ren." (Diese und andere Äußerungen bei P. Peschke: GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SOZIALVERSICHERUNG. Der Kampf der unterdrückten Klassen um soziale Sicherung. Berlin (DDR) 1962; hier S. 278.). 159) Vgl. die in der vorigen Anmerkung zitierte Äußerung Bis- marcks. An historischen Beispielen fehlt es nicht: der größte so- zialpolitische Schub fand in Deutschland 1918/1919 angesichts der drohenden Revolution statt; in Italien wurden 1969 nach zwei Ge- neralstreiks usw. die Renten von 65 auf 74% des Endverdienstes erhöht, bis 1976 sollen sie auf 80% steigen (BRD: ca. 45%). Die Frage ist aber, wie weit Zugeständnisse auf dem einen Gebiet durch Sozial- und Lohnabbau auf anderen Gebieten notwendig ihr Gegengewicht finden - notwendig infolge des Mechanismus der kapi- talistischen Akkumulation, wie er über den Weltmarkt auf die ein- zelnen Kapitale wirkt. Es ist bekannt, wie die Zugeständnisse an die französische Arbeiterklasse im Sommer 1968 über Preiserhöhun- gen usw. teilweise wieder abgebaut wurden. 160) Vgl. auch P. Lapinski: "Der 'Sozialstaat'. Etappen und Ten- denzen seiner Entwicklung." In: UNTER DEM BANNER DES MARXISMUS, II (1928) S. 380; vgl. Nachdruck in: GEGEN DEN STROM, Nr. 1, S. 36 161) Wir wählen diesen zunächst schwer verständlichen Titel, da sich in der Diskussion gezeigt hat, daß die scheinbar leichter verständliche Fassung "b e s o n d e r e E x i s t e n z des Staates" die Vorstellung der S e l b s t ä n d i g k e i t des Staates hervorrufen kann. Was gemeint ist, wird sich in der Dar- stellung klären. 162) Marx, DEUTSCHE IDEOLOGIE, MEW Bd. 3, S. 62. Die Formulierung in dieser frühen Schrift schließt das Mißverständnis nicht völlig aus, daß die Bourgeois als Bourgeois etwas anderes als bloße Cha- raktermasken des Kapitals seien (daß sie also sich diese Form der staatlichen Organisation bewußt gäben). 163) Dies wird weiter unten noch ausgeführt. 164) Marx, DEUTSCHE IDEOLOGIE, a.a.O. S. 62. 165) Diese Ausdrücke werden von Marx immer wieder gebraucht, vgl. weiter unten. 166) Vgl. KAPITAL Bd. 1, I. Abschnitt, besonders 1. Kapitel. 167) Das ist bis heute die Fiktion bei jeder Verfassung, auch z.B. beim Grundgesetz, wo freilich diese Fiktion besonders durch- sichtig ist, da alle die Gesellschaft betreffenden Grundentschei- dungen dem Grundgesetz vorausgegangen waren, nämlich die Restau- ration der kapitalistischen Verhältnisse; vgl. oben II.4. 168) Vgl. z.B. Engels, ANTI-DÜHRING, MEW Bd. 20, S. 260: "Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staats- eigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und der mo- derne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bür- gerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapi- talistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamt- kapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum über- nimmt, desto mehr wird er - wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbei- ter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das for- melle Mittel, die Handhabe der Lösung." 169) GRUNDRISSE, S. 322 f; vgl. oben Teil II, Anm. 24. 170) Marx, KAPITAL Bd. l, S. 506 f./505 (keine Hervorhebungen im Original). Wie unverändert aktuell im wörtlichsten Sinn diese Charakterisierung ist, zeigen die umständlichen Versuche zur Durchsetzung von Gesetzen zur 'Reinerhaltung von Luft und Gewäs- sern', die schwachen Regungen gegen die weitere Steigerung des Dauerlärms durch Autos, Flugzeuge usw. Kürzlich wurde von einem Gutachten berichtet, nach dem allein die bisher bereits projek- tierter Kernkraftwerke am Rhein dessen Temperatur bei vollem Be- trieb auf 50 Grad Celsius steigern werden, nebst Zerstörung von Klima und Uferlandschaften, Vernichtung der Fische Luftverpestung usw. Sind derartige 'Projekte' z.B. in der DDR vorstellbar? 171) Marx: "Kritik des Hegelschen Staatsrechts", MEW Bd. 1, S. 206 f. Vgl. auch die im I. Teil, oben Anm. 5 zitierten Stellen aus Marx' Randglossen zum Artikel eines Preußen. 172) Ebenda S. 233, 232. Vgl. insgesamt die Dissertation von A. Gurland: PRODUKTIONSWEISE - STAAT - KLASSENDIKTATUR, a.a.O. 173) Vgl ausführlich Marx: GRUNDRISSE, a.a.O. S. 375 ff; hier wird die ursprüngliche, durch das Gemeinwesen vermittelte Einheit der Arbeit mit ihren sachlichen Voraussetzungen ihrer T r e n n u n g im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital gegen- übergestellt. 174) GRUNDRISSE, a.a.O. S. 385. 175) Begriffe wie Gemeinschaft, Gemeinschaftswerk dienen ideolo- gischen Zwecken, wenn sie aus ihrem vorbürgerlichen Zusammenhang umstandslos auf die vom Kapitalverhältnis beherrschte Gesell- schaft übertragen werden ('Volksgemeinschaft', 'Deutsches Gemein- schaftswerk' und dgl). Dagegen können sie in gewisser Weise beim Aufbau des Kommunismus ihren ursprünglichen Sinn wiedergewinnen. 176) Vgl. GRUNDRISSE, S. 375 ff über die verschiedenen Formen, in denen sich dieses Grundverhältnis realisiert. 177) Hohberg: "Georgica curiosa", 1682; zitiert nach O. Brunner, Das "ganze Haus" und die alt-europäische "Ökonomik", in: ders., NEUE WEGE DER SOZIALGESCHICHTE Göttingen 1956, S. 33-61, bes. S. 35. 178) Vgl. Marx/Engels: KOMMUMSTISCHES MANIFEST, Ende des II. Ab- schnitts, MEW Bd. 4, S. 482 ("Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Ge- walt im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer ändern."). 179) Nur einige Beispiele: 1968 gab es in der DDR auf je 10.000 Einwohner 6,9 Neuerkrankungen an Tbc (1950: 50,4), in der BRD 36,8. Im gleichen Jahr, also nur sieben Jahre nach der Schließung der Grenze nach Westdeutschland bzw. West-Berlin und damit dem Ende des Abwanderung von Ärzten, lag die Zahl von Einwohnern pro Arzt in der DDR kaum noch unter der in der BRD (751 gegenüber 677); dabei ist zu berücksichtigen, daß in der BRD-Zahl eine große Zahl von Ärzten enthalten ist, die sich als kosmetische, Kur-Modeärzte usw. vor allem mit der bequemen Versorgung der Bourgeoisie bzw. mit dem Ergattern eines Teils des Mehrwerts be- fassen. In den industriell teilweise 'unterentwickelten' Ländern des sozialistischen Lagers ist die ärztliche Versorgung wesent- lich besser als in Westeuropa. Daß die Zahl der Unfälle am Ar- beitsplatz in der DDR wesentlich geringer ist als in der BRD (40% der Fälle in der BRD), sagt einiges über die wirkliche Situation der Produzenten gegenüber den Produktionsmitteln aus: die dau- ernde Umgehung oder Nichtbeachtung der Vorschriften des 'Arbeiterschutzes' in westdeutschen Betrieben bestätigt immer noch die Marxschen Feststellungen im KAPITAL. Vgl. WO LEBT MAN BESSER? Lebensstandard in der DDR. Hrsg. Staatssekretariat für westdeutsche Fragen, Berlin-DDR 1970 7, bes. S. 57; STATISTI- SCHES JAHRBUCH DER BRD 1969, S. 35; G. Titel: DIE LEGENDE VON DER BONNER SOZIALSTAATLICHKEIT, Berlin-DDR 1967, S. 72 ff. 180) Abgesehen von der Frage, wie sich der Imperialismus auf die Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder auswirkt, ist im Zu- sammenhang der Frage nach dem Verhältnis zwischen ökonomischem und politischem Kampf für die Auswirkungen des Imperialismus auf die Völker der unterentwickelt gehaltenen Länder folgendes zu sa- gen: Auch die politischen Bewegungen in diesen Ländern beruhen auf den Bewegungen des Kapitals. Doch ergibt sich hier von vorn- herein ein anderes Verhältnis zwischen ökonomischem und politi- schem Kampf, als für die Arbeiterklasse der kapitalistischen Län- der. Dies gilt vor allem für die Länder, die erst relativ kürz- lich in den direkten Einflußbereich des Kapitals geraten sind, die also eine kaum gebrochene vorkapitalistische Tradition haben. Denn hier wird das Eindringen des Kapitals (wozu immer auch das Eindringen entsprechender Formen des Überbaus gehört, z.B. die Erzeugung bürgerlicher Individuen in den Missionsschulen, die dann als 'zuverlässige', kalkulierfähige Agenten des Kapitals in der eigenen Umgebung wirken können) aufgefaßt als Angriff auf die alte Einheit dessen, was in der kapitalistischen Gesellschaft als Staat und Gesellschaft auseinandergerissen ist, als Angriff auf die nationale Würde, die eigene Kultur, auf die Formen kollekti- ver Lebenserhaltung usw. Daher beruht der antiimperialistische Kampf (der eben mehr ist als ein Kampf einer vom Kapital selbst erzeugten Klasse gegen die Klasse des Kapitals) auf der Aufnahme von Elementen dieser eigenen Geschichte, auf der 'nationalen Be- freiung ' des 'Volkes'. Diese Kämpfe sind daher von vornherein 'politischer', nämlich in dem Sinn, daß sie gar nicht auf der Trennung von Ökonomie und Politik, kapitalistischer Produktion und besonderer Existenz des Staates beruhen. Dieser besondere Charakter politischer Kämpfe erlaubt es aber auch nicht, die in diesen Kämpfen gewonnenen Erfahrungen und die aus ihnen entwic- kelten Formen u n v e r m i t t e l t auf die Gesellschaften zu übertragen, in denen das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeiter- klasse voll entwickelt ist. 181) R. Luxemburg; "Sozialreform...", a.a.O., S. 114 f; vgl. oben Anfang von Teil I. 182) "Brief an Bolte", 23.11.1871, MEW 33, S. 332 f. 183) ROTE PRESSE KORRESPONDENZ, Nr. 48 1970, S. 2. Der Brief an Bolte, der hier als Beweismittel für diese These herangezogen wird, wird dabei in bezeichnender Verkürzung zitiert. 184) KAPITAL, Bd. I, S. 803/790 f. 185) Tim Mason, "Der Primat der Politik", in: ARGUMENT, Heft 41, S. 485 f. "Es war für das nationalsozialistische System, minde- stens bis weit in den Krieg hinein, eine unabdigbare Notwendig- keit, der positiven Anteilnahme der Masse der Bevölkerung an sei- ner Weltanschauung und an allen seinen Maßnahmen sicher zu sein; der Versuch, die Arbeiterschaft durch Propaganda, Verbesserung der betrieblichen Sozialeinrichtungen, KdF usw. soweit zu brin- gen, war nachweislich gescheitert - also mußte ihre Zustimmung zum System durch hohe Löhne, bezahlte Feiertage usw. erkauft wer- den... Der Deutschen Arbeitsfront war die Aufgabe gestellt wor- den, die Arbeiterschaft für den Nationalsozialismus zu gewinnen - nichts, selbst nicht das ungestörte Funktionieren der Rüstungs- wirtschaft, durfte der Erfüllung dieser Aufgabe zuwiderlaufen, auch wenn sich die DAF in verkappter Form, aber nach 1936 in zu- nehmendem Maße als wirtschaftliche Interessenvertretung der Ar- beiterklasse betätigte." 186) KAPITAL, Bd. I, S. 528/526. Keine Hervorhebung im Original. 187) Schon die zyklischen Schwankungen in der Bewegung des Kapi- tals verhindern die Durchsetzung eines generell und genau be- grenzten Arbeitstags. Wochenarbeitszeiten bis zu 60 Stunden in der Hochkonjunktur und von 30 Stunden in der Krise (infolge von Kurzarbeit) sind auch heute keine Ausnahme. Hier zeigt sich wie- der, daß auch generelle staatliche Gesetze, 'Eingriffe in die Produktion' nicht soweit gehen dürfen, daß sie die naturwüchsigen Bewegungen des Kapitals und die damit verbundene spezifische An- wendung der Arbeitskraft stören. Da der Kapitalist außer den Lohnzuschlägen für Überstunden Zwangsmittel aller Art in der Hand hat, um Verlängerung des Arbeitstags durchzusetzen, bedeuten 'Errungenschaften' wie die 4Ö-Stundenwoche in der Hochkonjunktur für die Lohnabhängigen nicht viel mehr als eine Lohnerhöhung. 188) KAPITAL, Bd. I, S. 432/434. 189) Das System von Sanktionen und Belohnungen, das dem Kapitali- sten gegenüber dem Arbeiter zur Verfügung steht, um diese zur Leistung von Überstunden zu bringen, führt zusammen mit der Tat- sache, daß auch heute der tarifliche Lohn zusammen mit der tarif- lichen Arbeitszeit nur einen sehr knappen Unterhalt ermöglicht, dazu, daß die Kapitalisten immer wieder auf die Bereitwilligkeit der Arbeiter zu Überstunden hinweisen können. 190) Die richtige Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit wird heute von den Gewerkschaften völlig affirmativ begründet. Auf den IG-Metalltagungen wird sie dem Kapital schmackhaft zu machen ver- sucht, indem die Gewerkschaften einen idealen Zusammenhang zwi- schen Arbeitszeitverkürzung, hohen Löhnen und technischem Fort- schritt herstellen. So etwa Otto Brenner in: AUTOMATION UND TECH- NISCHER FORTSCHRITT IX DEUTSCHLAND UND DEN USA, Frankfurt/Main 1963, S. 313: "Die Unternehmer und auch Wirtschaftsminister Schiller sollten uns dankbar sein, daß die gewerkschaftliche Lohn- und Arbeitszeitpolitik ihnen steigende Umsätze und eine wachsende Wirtschaft sichert." Desgleichen der Gewerkschaftsideologe Theodor Prager: WIRT- SCHAFTSWUNDER ODER KEINES, Wien/Köln/Stuttgart/Zürich 1963, S. 100. "Also je höher das Lohnniveau, umso höher der Grad der Me- chanisierung und der Produktivität... Vollbeschäftigung, Erhöhung der Produktivität und Steigerung der Löhne sind untrennbar mit- einander verbunden! Eine Steigerung der Produktivität ist auf die Dauer nur dort durchzuführen, wo der Arbeiter als ihr Träger durch Lohnerhöhungen an ihr interessiert wird. Gleichzeitig wirkt die Lohnerhöhung als der Stachel, der die Unternehmer zum techni- schen und organisatorischen Fortschritt zwingt. Niedrige Löhne sind gleichbedeutend mit einem Stocken des technischen Fort- schritts. S. 101 "Gleichzeitig gilt aber nach wie vor, daß die Produktivität ihren Vorsprung gegenüber den Löhnen beibehalten und sich rascher entfalten konnte, als diese." Hier wird weder gesehen, daß Verkürzung der Arbeitszeit die Unterwerfung des Ar- beiters unter die Maschinerie verschärft, den Kapitalisten zu Er- höhung der Intensität der Arbeit des Arbeiters zwingt, wie sie andererseits selbst schon als Notwendigkeit aus der Intensivie- rung der Arbeit entspringt (vgl. dazu KAPITAL I, 438/440). Noch ist auch nur die Spur einer Vorstellung davon vorhanden, daß die mit der Erhöhung der Produktivität der Arbeit steigende organi- sche Zusammensetzung des Kapitals den tendenziellen Fall der Pro- fitrate bedeutet und damit eine Basis der Krisen und Katastrophen der kapitalistischen Gesellschaft ist. So erscheint dann ein ideales Zusammenfallen von Interessen der Lohnarbeit und des Ka- pitals gegeben. Forderungen gegen die Intensivierung der Arbeit und ihre Unterwerfung unter die Maschinerie werden nicht mehr er- hoben. Zu fragen ist, ob dieses Terrain der Ausbeutung von den Gewerkschaften dem Kapital deshalb nicht bestritten wird, weil die Gewerkschaften als zentralisierte und bürokratisch organi- sierte Institutionen unfähig sind, an spezifische Arbeitsprozesse im Betrieb gebundene Ausbeutungsformen überhaupt noch wahrzuneh- men. 191) Aufgabe eines dieser Spezialisten wäre z.B., die langfristi- gen Auswirkungen bestimmter Arbeitsvorgänge auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeiter zu erforschen, bzw. entspre- chende Änderungen schon bei der Konstruktion des technischen Ap- parates vorzuschlagen. Eben diese Tätigkeit wurde von einem Medi- ziner, der Teilnehmer am Professorenkolleg im DDR-Fernsehen im März 1970 (1. Programm) war, im einzelnen vorgetragen. Selbstver- ständlich erfordert eine derartige Entwicklung der Produktivkraft der menschlichen Arbeit, daß die Produktion im Rahmen eines ge- sellschaftlichen Gesamtplans weiterentwickelt wird, und nicht, wie im Kapitalismus aufgrund der zyklischen Bewegungen des Kapi- tals und der zufälligen Bewegungen der Konkurrenz. 192) Vgl. Anm. 190. Zur Rationalisierung nach 1924, vgl.: Otto Bauer: KAPITALISMUS UND SOZIALISMUS NACH DEM WELTKRIEG, 1. Bd. Rationalisierung und Fehlrationalisierung SOZIALISMUS NACH DEM WELTKRIEG, 1. Bd. Rationalisierung und Fehlrationalisierung, Ber- lin 1931. Was die technische Seite der Rationalisierung angeht, so ist hier festzuhalten, daß seit der Krise 1967 die Einführung von elektronischer Datenverarbeitung in den Betrieben einen qua- litativen Sprung vorwärts gemacht hat. 193) Vgl. dazu LEVIATHAN, Nr. 1, 1969 (eine Zeitschrift der US- amerikanischen Linken). 194) Zu fragen ist dabei, ob die Gewerkschaften in der Lage sind, dieser Entwicklung durch Herausstellung von Forderungen, die durch g e n e r e l l e Regelungen zu befriedigen sind (Krankengeld, Rentenerhöhung und Lohnforderungen) auf die Dauer entgegenzuwirken. Wenigstens läßt sich zeigen, daß scheinbare Er- folge in dieser Richtung, wie die Verabschiedung des Gesetzes zur 'Lohnfortzahlung für Arbeiter im Krankheitsfall' im Sommer 1969, keine wirkliche Besserung der Situation der kranken Arbeiter be- wirkt hat, da Kautelen in den Gesetzestext eingebaut sind, die eine Umgehung der Zahlungen ermöglicht, so daß z.T. die Unsicher- heit der Arbeiter für den Krankheitsfall sogar gestiegen ist. (vgl. dazu: ROTE KOMMENTARE, Hrsg.: SDS Heidelberg, 20.3.70). zurück