Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1970
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KUBA: 10 MILLIONEN TONNEN
Der Imperialismus hat am 17. April erneut seine Söldner nach Kuba
geschickt. Ein Dutzend dieser Kanaillen landeten in der Nähe der
Stadt von Baracoa, ausgerüstet mit den modernsten Waffen des USA-
Heeres, den gleichen Waffen, die im Vietnam-Krieg angewendet wer-
den. Aber neben den Waffen, Medikamenten, Radioapparaten und Nah-
rungsmitteln brachten sie ihre eigentlichen "Produktionsmittel":
Material zur Sabotage. Neun Jahre zuvor, am 19. April 1961, hat-
ten nordamerikanische Söldner ebenfalls in der Schweinebucht zu
landen versucht. Damals wurde die gesamte kubanische Bevölkerung
gegen die Angreifer mobilisiert, und sie brachte ihnen eine ver-
nichtende Niederlage bei. Mehr als tausend Söldner, deren ober-
ster Auftraggeber J.F. Kennedy gewesen war, wurden gefangengenom-
men. Jedes Jahr war anläßlich dieses Sieges der 19. April in Kuba
gefeiert worden. Dieses Jahr, 1970, sollte es aber anders sein.
Bei der Trauerfeier für die fünf Angehörigen der kubanischen Mi-
liz, die im Kampf gegen die neuen Invasoren, welche sofort nach
ihrer Landung durch die Miliz geortet und bekämpft worden waren,
gefallen sind, sagte Fidel Castro:
"Dieses Jahr wollten wir keine Feier (zum 19. April) durchführen,
und zwar deshalb, weil sich unser Volk gegenwärtig vollständig
der Ernte der 10 Millionen widmet - und alles, was in irgendeiner
Form bedeutete, dieser Aufgabe auch nur eine einzige Minute zu
nehmen, wurde von uns vermieden. Daher sollte sogar der feierli-
che Akt zum Andenken des Sieges von Giron (Schweinebucht) nicht
durchgeführt werden. Dennoch haben wir uns gezwungen gesehen,
diesen Gedenkakt durchzuführen, denn genau an einem Tag wie die-
sem, am 19. April, aber neun Jahre später, haben wir die traurige
Pflicht, fünf tapfere Kämpfer zu begraben, die ebenfalls im Kampf
gegen eine söldnerische Aggression gefallen sind."
Wer sich über die Ziele der Söldner informieren wollte, hatte nur
die Sendungen der "Voice of America" zu verfolgen, in denen die
konterrevolutionäre Organisation "Alpha 66" regelmäßig zu Wort
kommt: Sie-werde das kubanische Volk vom kommunistischen Diktator
Castro befreien. Dazu werde diese Organisation, wie es die Zeit-
schrift "US News and World Report" genannt hat - "Konflikte zwi-
schen den Militärs und Castro" ausnutzen. Castro, so diese Zeit-
schrift, versuche sich mit der Ernte der 10 Millionen Tonnen (t)
Zucker verzweifelt gegen die Militärs zu behaupten. Er stürze das
Land in ein ökonomisches Chaos, da 'er' alle Mittel einzig und
allein dazu einsetzen muß, dieses 'irrationale', nur von seiner
schwachen Position aus zu verstehende, Ziel zu erreichen.
"Heute war die Absicht dieser Söldner, die 10 Millionen-Ernte zu
stören", sagte Fidel zur erwähnten Trauerfeier.
Der Verzweifelte ist aber nicht Fidel, sondern der Imperialismus.
Nachdem das kubanische Volk gezeigt hat und ständig neue Bei-
spiele dafür gibt, daß es trotz der kriminellen imperialistischen
Blockade die sozialistische Gesellschaft aufbauen kann, und sich
die materiellen Grundlagen Kubas enorm entwickeln, greift der Im-
perialismus zu seiner bekannten Waffe, der Sabotage. Denn die
Ernte der 10 Millionen Tonnen Zucker wird Kuba nicht in ein Chaos
stürzen, sondern bedeutet vielmehr einen riesigen Sprung vor-
wärts, sowohl auf ökonomischem als auch auf politischem Gebiet.
Die folgenden kurzen Ausführungen 1) sollen auf diesen Sprung
vorwärts in einigen Bereichen der Produktion und seiner Bedeutung
für die ökonomische und ideologische Entwicklung Kubas hinweisen.
Der Informationsmangel innerhalb der westeuropäischen Linken und
die idealistisch illusionären Vorstellungen über die kubanische
Revolution, wie sie von falschen Freunden Kubas vertreten werden,
lassen dies gerade zum augenblicklichen Zeitpunkt notwendig wer-
den.
Die 10 Millionen-Ernte
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Die Vorbereitung dieser historischen Ernte begann im Jahr 1968.
Damals betrug die mit Zuckerrohr bepflanzte Fläche etwas über
eine Million Hektar (ha). 1968 und 69 wurden eine weitere halbe
Million bebaut, und zwar frühere Sumpfgebiete und Grasflächen.
Die Leitung und Organisation dieser allein für sich schon großen
Leistung hatte DAP (Desarrollo Agropecuario), ein Institut, das
für die integrale Entwicklung der Landwirtschaft durch den Bau
von Dämmen, Straßen, Kanalisationsanlagen usw. sorgt. Die Größe
dieser Anbaufläche allein-würde aber nicht ausreichen, um 10 Mil-
lionen Tonnen zu ernten, wenn sie nicht sorgfältig bearbeitet,
sämtliche schädlichen Insekten und Plagen beseitigt, von Unkraut
vollständig gesäubert und ausreichend mit Dünger versorgt würde.
Aus dieser Notwendigkeit heraus ist Kuba zu einem Land geworden,
das im Verbrauch von Düngemitteln pro ha mit an der Spitze der
Welt steht, und die Schädlingsbekämpfung konsequent durchgeführt
hat. Flugzeuge und Hubschrauber der kubanischen Luftwaffe erfül-
len dabei eine wesentliche Aufgabe, viele Forschungsanstalten der
Universitäten arbeiten an der Entwicklung von speziellen Vertil-
gungsmitteln. Der gegenüber anderen lateinamerikanischen Ländern,
und nicht nur gegenüber diesen, riesige Vorsprung in der Anwen-
dung von Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln ist nur deshalb
möglich gewesen, weil in Kuba seit Jahren am Aufbau einer lei-
stungsfähigen chemischen Industrie gearbeitet wird. Durch sie
soll es möglich werden - teilweise ist es schon jetzt möglich -
aus dem Zuckerrohr selbst sowohl Düngemittel als auch Grundstoffe
für die Kunststoffindustrie zu gewinnen.
Gleichzeitig werden riesige Düngemittelkombinate aufgebaut. Im
nächsten Jahr wird eines dieser Kombinate, das gegenwärtig noch
mit Hilfe der Sowjetunion bei Cienfuegos aufgebaut wird, seine
volle Produktionskapazität (jährlich 600.000 t) erreichen - und
damit einen großen Teil an Eigenversorgung ermöglichen.
Dies ist aber nur eine Seite des Problems. Das Zuckerrohr muß
nicht nur angepflanzt, vor Schädlingen geschützt und unter an-
derem gut mit Wasser versorgt werden, sondern es muß, will man
eine Ernte von 10 Millionen erreichen, z u e i n e r g a n z
b e s t i m m t e n Z e i t geschnitten und verarbeitet werden.
Als die revolutionären Kräfte die Macht eroberten, sahen sie sich
vor das Problem gestellt, daß alle Zuckerverarbeitungsfabriken
(Centrales) völlig veraltet waren. Zwei von ihnen stammten sogar
noch aus dem vorigen Jahrhundert, ohne daß sie in irgendeiner
Weise modernisiert worden waren. Aber nicht nur das. Es gab fast
überhaupt keine Transport- und Hafenanlagen, die die Verschiffung
des unverpackten Zuckers ermöglicht hätten. Er mußte daher in
Säcken verpackt, dann verschifft und am Ankunftsort wieder umge-
packt werden. Für die nordamerikanischen Imperialisten und deren
Marionetten in Kuba vor dem Sieg der Rebellion lohnte es sich na-
türlich nicht die hohen, aber auf lange Sicht devisensparenden
Investitionen für den Bau der Hafenanlagen vorzunehmen. Die revo-
lutionäre Regierung sah sich daher gezwungen, sowohl die Hafenan-
lagen als auch die entsprechenden Transportwege von den Centrales
zu diesen Häfen zu bauen. Während der Riesenernte werden 50% des
Zuckers unverpackt (a granel) exportiert, und zwar hauptsächlich
über die Anlagen von Cienfuegos - den größten der Welt - die sich
noch teilweise in Bau befinden. Im Jahre 1969 wurde allein auf
diesem Sektor eine Investition in Höhe von 70 Mill. Pesos (1 Peso
= 1 Dollar) getätigt.
Wir sagten soeben, daß das angepflanzte Zuckerrohr zu einer ganz
bestimmten Zeit geschnitten und verarbeitet werden muß, damit man
eine Ernte von 10 Millionen erreicht. Denn das Zuckerrohr weist
eine bestimmte Produktivitätskurve auf, und es muß versucht wer-
den, es genau dann zu verarbeiten, wenn es den höchsten Punkt er-
reicht hat. Dies wirft ganz besondere Probleme der Ernte (des
Schneidens des Zuckerrohrs), der Einbringung, Säuberung, Zer-
kleinerung und letztlich der Verarbeitung (des Mahlens) in den
Centrales auf. Nachdem das Zuckerrohr geschnitten ist, wird es in
sogenannten "Centros de Acopio" gebracht, eine Sammelstelle, wo
es zerkleinert, gesäubert und dann in die Centrales weitertrans-
portiert wird. Da jeder Tag, den das Zuckerrohr nach dem Schnitt
unverarbeitet liegt, eine Minderung von 20 bis 30% seines Zucker-
gehaltes bedeutet, hängt es weitgehend von der Funktionsweise
dieser "Centros de Acopio" ab, welche Menge Zucker produziert
wird. Diese "Centros de Acopio" sind eine Neuerung der kubani-
schen Revolution. Sie haben zu riesigen Erhöhungen der Produkti-
vität geführt, da alles daran gesetzt wurde, sie im starken Maße
zu mechanisieren. Allerdings betrug der Anteil Zuckerrohr, den
sie an die Fabriken geliefert haben, 1969 erst 16%, da bis dahin
erst 190 vorhanden waren. Die Regierung hat aber den Bau von 300
weiteren pro Jahr geplant.
Die Produktivität hängt außer von diesen "Centros de Acopio" also
auch vom schnellen Transport des Zuckerrohrs von den Ernteplätzen
zu den Fabriken ab, und hier hat die kubanische Revolution er-
staunliches geleistet. Das "Allgemeine Kommando der Ernte" hat
einen groß angelegten Plan erarbeitet, der für einen optimalen
Ablauf der Ernte sorgt. Das Zuckerrohr wird plangemäß geschnit-
ten, und dann mittels eines präzise durchdachten Transportsystems
in jene Fabriken gebracht, die Kapazitäten zum Mahlen zur Verfü-
gung haben. Es ist das erste Mal in der Geschichte Kubas, daß in
diesen Ausmaßen das Zuckerrohr von einem Central zum anderen
transportiert wird. Dazu waren umfangreiche Vorbereitungen und
große Investitionen notwendig. Allein im Eisenbahnsektor wurden
im Jahre 1968-69 mehr als 100. Mill. Pesos investiert. Insgesamt
zählt das Ernte-Transportsystem 600 Dampf- und 200 Diesel-Lokomo-
tiven, 6.000 Zugmaschinen, 12.000 Breitspurenwagen, ungefähr
40.000 Anhänger und tausende von Lastwagen.
In der Landwirtschaft, dem Transport und der Zuckerindustrie hat
Kuba im Jahr 1969 800 Mill. Pesos investiert. Die Kapazität der
Zuckerraffinerien wurde dadurch um 25% erhöht, und die Verarbei-
tungskapazität der Centrales stieg von 550.000 t Zuckerrohr 1965
auf 670.000 t 1969. Ende Januar begannen 13 völlig modernisierte
Fabriken zu arbeiten, die nach anfänglichen Schwierigkeiten eine
Kapazität von über einer Million täglich erreicht haben. (Bei
vielen Investitionen gab es anfänglich Schwierigkeiten. So ent-
standen zum Beispiel bei einer der größten Fabrik mit den aus der
CSSR gelieferten Generatoren große Probleme, die bis heute noch
nicht ganz behoben sind.) Bei der Mechanisierung der Ernte haben
kubanische Techniker und Ingenieure Aufgaben gelöst, die von in-
ternationalen Spezialisten für unlösbar gehalten wurden. Sie ent-
wickelten z.B. eine Maschine, die täglich mehr als 20.000 arrobas
(1 arroba = 25 Pfund) schneiden kann, was der durchshnittlichen
Arbeitsleistung von 50 Zuckerrohrschneidern (macheteros) ent-
spricht. Diese Maschine, die den Namen ihres kubanischen Erfin-
ders "Henderson" trägt, wird ständig weiterentwickelt. Während
der laufenden Ernte wird sie von den Revolutionären Streitkräften
(FAR) betrieben. Der FAR unterstehen auch die 500, ebenfalls von
kubanischen Technikern entwickelten kombinierten Maschinen, die
den Namen "Libertadora" (Befreierin) tragen. In der Tat ist in
Kuba die Entwicklung solcher Maschinen als die Ankündigung der
Befreiung des Menschen von der schweren Arbeit des Zuckerrohr-
schneidens aufgenommen worden. Die revolutionäre Regierung setzt
daher alle Mittel ein, um die Herstellung solcher Maschinen, die
vollständig in Kuba selbst gefertigt werden, zu beschleunigen.
Noch im vorigen Jahr konnten es sich Huberman und Sweezy leisten,
mit der für Sweezy typischen Arroganz zu behaupten, daß die Ent-
wicklung dieser Maschinen angesichts des "kubanischen Enthusias-
mus für Neuerungen, die keine Ergebnisse zeigen" niemanden zu Op-
timismus verleiten solle 2). Heute sind diese Maschinen zu einem
üblichen Bild in der Ernte geworden, und während des Jahres 1970
werden 600 und ab 1971 tausend Hendersons jährlich hergestellt
werden. Damit wird innerhalb von fünf Jahren das Schneiden des
Zuckerrohrs in Kuba v o l l s t ä n d i g mechanisiert sein.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Ernte
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Trotz dieser Maschinen und trotz der Einfuhr von 10.000 Zugma-
schinen allein im Jahr 1969 sehen sich noch hunderttausende von
Kubanern gezwungen, die schwere Arbeit der Zuckerernte zu lei-
sten. Vor der Revolution war die Arbeit in den Centrales die ein-
zige Einnahmequelle für tausende von Kubanern, die miteinander in
einen scharfen Konkurrenzkampf traten, wenn die Ernte begann.
Nach ihrem Abschluß waren sie dann monatelang arbeitslos. Die Re-
volutionäre Regierung hat schon in den ersten Jahren nach dem
Sieg der Rebellion diesen Zustand radikal aufgehoben, und aus dem
Überfluß an Arbeitskräften wurde nun ein Mangel. Die Ernte von 10
Millionen könnte daher nie erreicht werden, wenn nicht tausende
von Freiwilligen an ihr teilnähmen. Neben diesen Freiwilligen,
die in der Zahl von 100.000 von der Central de Trabajadores de
Cuba (Arbeitergewerkschaft) mobilisiert wurden, nehmen noch
50.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 22 Jahren an der Ernte
teil. Auf dem Land geht der Lehrbetrieb für diese Jugendlichen,
weiter, und er findet je nach Lage vor oder nach der Arbeit auf
den Zuckerrohrfeldern statt. Die Regierung hat auch hier einen
groß angelegten Plan zur integralen Erziehung der Jugend entwic-
kelt. Die Jugendlichen wohnen auf dem Land in modernen Gebäuden,
in denen auch der Lehrbetrieb durchgeführt wird. Es werden
politische und kulturelle Veranstaltungen organisiert, und jede
Gruppe führt ein umfangreiches Sportprogramm durch. Sie erhalten
freie Unterkunft, freie Verpflegung und alle Lehrmittel frei.
Auch Kleidung und alles, was sie sonst benötigen wird ihnen frei
zur Verfügung gestellt.
Auch die freiwilligen Arbeiter erhalten kostenlose Unterkunft und
Verpflegung. In den Dörfern werden Veranstaltungen politischer,
kultureller und sportlicher Art organisiert. Sämtliche Wohnsied-
lungen sind mit Freizeiträumen (Fernsehgeräten, Schach, Tischten-
nis usw.) und einer Bibliothek ausgerüstet. Für die Arbeiter, die
jedes Wochenende zu tausenden auf die Felder strömen, um an der
Ernte teilzunehmen, sind ähnliche Bedingungen geschaffen worden.
Die Ernte der 10 Millionen ist so zum Mittelpunkt der ideologi-
schen Mobilisierung der kubanischen Gesellschaft geworden. Sie
hat das Bewußtsein geschaffen, daß ganz Kuba eine Einheit bildet,
und zwar eine produzierende Einheit. Dieses Bewußtsein entsteht
nicht nur durch den unmittelbaren Zusammenhang aller Arbeiten,
wie er von der Ernte selbst zur Notwendigkeit gemacht wird. Es
ist ganz klar, daß sich bei all jenen Arbeitern, deren Arbeiten
direkt voneinander abhängen, ein Bewußtsein der Gemeinsamkeit
entwickelt. So ist für den Zuckerrohrschneider der Zusammenhang
seiner Arbeit mit der des Arbeiters in der Zuckerfabrik seines
Central usw. schon seit längerer Zeit klar. Heute hat aber jede
Arbeit in Kuba einen unmittelbaren gesellschaftlichen Charakter,
der nicht nur ideell besteht, sondern eine ganz reale Grundlage
hat. Es werden täglich die Ergebnisse der Arbeit aller Centrales
veröffentlicht, und jede Arbeitsgruppe weiß genau über den Stand
der Arbeit der anderen Bescheid. Der Transport von Zuckerrohr von
einem Central zum anderen erfolgt ohne das Dazwischentreten von
Geld. Sämtliche Transportmittel stehen den Centrales ohne Zahlung
zur Verfügung. Auch die Versorgung mit Stromenergie und anderen
Hilfsmitteln sowie mit Rohstoffen geschieht ohne Geld.
Noch bis zum Jahr 1965 ging die Diskussion in Kuba entscheidend
darum, welche Form des Marktes, also letztlich welche Produkti-
onsverhältnisse, kurzfristig entwickelt werden sollten. Es fand
damals eine Kontroverse statt hauptsächlich zwischen Che Guevara
auf der einen Seite, der Industrieminister war, und Marcelo Fern-
andez, der damals Vorsitzender der Nationalbank war und heute Au-
ßenhandelsminister ist, und Alberto Mora, dem damaligen Außenhan-
delsminister, auf der anderen Seite 3). Che Guevara war für die
Beseitigung der Warenproduktion, zumindest im staatlichen Sektor,
und für die Einführung des sogenannten Haushaltsmäßigen Finanzie-
rungssystems, während Fernandez und Mora mit ihnen eine ganze
Reihe von hohen Mitgliedern der Revolutionären Regierung, für die
Beibehaltung des Marktes und der finanziellen Selbständigkeit der
Unternehmen eintraten. Es wurde wiederholt behauptet, der Grund
dafür, daß Che Guevara Kuba verlassen habe, sei der gewesen, daß
er sich mit seinen Ideen nicht habe durchsetzen können. Dieser,
der imperialistischen Propaganda sehr genehme Unsinn entbehrt nur
zu offensichtlich einer realen Grundlage. Denn schon zur Zeit,
als Che Guevara Industrieminister war, war das Haushaltsmäßige
Finanzierungssystem in der gesamten Industrie Kubas eingeführt
worden. Seitdem ist es nun auch zu dem geworden, was sich Che
Guevara darunter vorgestellt hatte: nämlich zu einem umfassenden
System der Produktion und Verteilung in Kuba. Die gesamte Ernte
der 10 Millionen wird auf der Grundlage dieses Systems durchge-
führt, und sie geht darüber noch hinaus, indem sie die Zirkula-
tion von Waren und damit von Geld, auch aus der Sphäre des End-
konsums verdrängt hat. Denn wir haben ja erwähnt, daß hunderttau-
sende von Arbeitern an der Ernte freiwillig teilnehmen, also ohne
Lohn zu beziehen, daß ihnen aber alles Notwendige, und darunter
fällt auch die berufliche Fortbildung, frei zur Verfügung steht.
Die Einführung des Haushaltsmäßigen Finanzierungssystems wurde
ermöglicht durch die ungeheure politische Mobilisierung der Mas-
sen, doch ebenso hat das System diese Mobilisierung erst ermög-
licht. Dieses System schafft das Profitstreben der einzelnen Un-
ternehmen ab, da es in ihm erstens keine selbständigen Betriebe
und Unternehmen gibt, und zweitens der Begriff des Unternehmens
ein ganz anderer als der übliche ist. Ein Unternehmen umfaßt nun
ein ganzes Bündel von Betrieben und Produktionseinheiten, die
entweder regional oder durch die Produktion selbst verbunden
sind. Sämtliche "Käufe" und "Verkäufe" des Unternehmens werden
von diesem rein rechnerisch erfaßt, von ihm fließen weder Geld-
mittel ab noch fließen ihm irgendwelche Geldmittel zu. Allein die
Nationalbank macht eine zentrale Buchführung. Ein Unternehmen
macht somit nie einen Profit und auch keinen Verlust.
Hand in Hand mit der Einführung dieses Systems mußte daher bei
der Bevölkerung ein gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein
geschaffen werden, da die Anwendung des Haushaltsmäßigen Finan-
zierungssystems die Anwendung von materiellen Anreizen in der
Produktion unmöglich macht. Statt materieller Anreize mußte in
der Bevölkerung ein moralischer Anreiz zur Produktion geschaffen
werden, eine Aufgabe, die umso schwieriger war (und ist), als
Kuba vor dem Sieg der Rebellion ein völlig unterentwickeltes Land
war, also ein Land, dessen Bevölkerung den Druck der geordneten
kapitalistischen Arbeit nie gekannt hat. Sie kannte zwar den
Druck und das Elend der kapitalistischen Produktionsverhältnisse,
nicht aber die geordnete Arbeit. Es mag auf den ersten Blick wi-
dersprüchlich scheinen, daß die Arbeitsvorgänge heute in Kuba,
insbesondere jetzt während der Ernte, einen zum großen Teil
"militärischen" Anschein erhalten, während im Gegenteil bei ihrer
Durchführung das Gewicht hauptsächlich auf die freiwillige Arbeit
von hunderttausenden von Arbeitern gelegt wird. Der Widerspruch
ist aber nur ein scheinbarer. Denn sowohl der Appell an freiwil-
lige Arbeit, und an die gesellschaftliche Moral als auch die
Schaffung einer neuen Einstellung zum Inhalt und zu der Form der
Arbeit, hängen unmittelbar voneinander ab. Kein Appell an die ge-
sellschaftliche Moral wird auf die Dauer sich durchsetzen können,
wenn die Produktivkräfte nicht voll entwickelt werden. Diese kön-
nen aber nicht entwickelt werden, wenn im kubanischen Arbeiter
nicht eine völlig neue Haltung gegenüber der Arbeit, um es in
Ches Worten auszudrücken, geschaffen wird. Diese neue Haltung be-
steht aber nicht nur darin, daß die Arbeit als eine Möglichkeit
der Realisierung der menschlichen Fähigkeiten empfunden wird,
sondern daß sie zu einer Notwendigkeit wird. Und das erfordert
den Bruch mit der Anarchie. Mit jener für a l l e
l a t e i n a m e r i k a n i s c h e n Länder typischen gesell-
schaftlichen Anarchie, die durch die jahrhundertelange Ausbeutung
erst der spanischen Kolonialmacht und danach des nordamerikani-
schen Imperialismus verursacht worden ist.
Wir sehen also, daß sich die Ernte der 10 Millionen als ein Mit-
tel darstellt, im kubanischen Volk das Bewußtsein zu schaffen,
daß die Zukunft jedes einzelnen von der Arbeit aller anderen ab-
hängt, und daß sie gleichzeitig in der arbeitenden Bevölkerung
eine neue Haltung gegenüber der Arbeit hervorruft. Die Ernte ist
eben nicht ein isolierter Akt, nicht eine Tätigkeit wie jede an-
dere, sondern in ihr werden alle Tätigkeiten Kubas z u s a m-
m e n g e f a ß t. Wer in der Zuckerernte eine "wahnsinnige
Einseitigkeit" sieht, der ist eben blind, denn sie wird von einer
riesigen Anstrengung auf allen Sektoren der Ökonomie begleitet.
Eine solche Ernte erfordert die Koordinierung von lausenden von
Arbeiten. Dies wird ganz besonders auf dem Sektor des
Gesundheitswesens klar. Vor der Ernte wurde in Kuba eine Kampagne
gestartet, die darin bestand, daß sich sämtliche Arbeiter einer
Reihe von medizinischen Tests, Untersuchungen und Schutzimpfungen
gegen die verschiedensten Krankheiten unterziehen mußten. Um aber
tatsächlich alle Arbeiter zu erreichen, auch die in den
entlegensten Gebieten, mußten tausende von Ärzten, Studenten der
Medizin und Krankenhelfer im Lande mobilisiert werden. Ebenso
mußte die Kommunistische Partei die Aufklärungsarbeit unter den
Arbeitern und deren Familien leisten, um das durch die Geschichte
von Jahrhunderten eingeprägte Mißtrauen des Volkes gegenüber der
Hygiene und der medizinischen Behandlung zu brechen. Dieses Miß-
trauen, das einem Europäer vielleicht nicht verständlich sein
mag, hat seine historische Berechtigung. Man denke nur daran, daß
h e u t e noch z.B. in Brasilien die Methode angewendet wird,
die Indianer durch vergiftete Nahrungsmittel und durch tödliche
Einimpfungen auszurotten oder deren Frauen zu tausenden durch
Operationen, über die sie nicht aufgeklärt werden, zu sterilisie-
ren.
Jeder kubanische Arbeiter, der heute an der Ernte teilnimmt, hat
einen "Gesundheitspaß". Aber die medizinische Versorgung hört na-
türlich hier nicht auf. Sämtliche Wohnsiedlungen auf dem Lande
verfügen über kleinere oder größere ständige Polikliniken, und
dort, wo diese nicht zur Verfügung stehen, werden die Arbeiter
durch Ärzte und Studenten der Medizin untersucht, die in Abstän-
den von maximal sieben Tagen j e d e n O r t der Ernte errei-
chen. Sämtliche sanitären Anlagen werden ebenfalls durch Spe-
zialeinheiten des Ministeriums für öffentliche Gesundheit regel-
mäßig desinfiziert, und auch die Nahrungsmittel unterstehen einer
strengen Kontrolle.
Gerade auf dem Gesundheitssektor hat Kuba beispielhafte Fort-
schritte gemacht. Es wurden nicht nur Dutzende von modernen Kran-
kenhäusern erbaut, sondern es wurde auch ein weitreichendes Sy-
stem von Vorbeugeuntersuchungen entwickelt. So hat z.B. das Ge-
sundheitsministerium in Zusammenarbeit mit den Comités de Defensa
de la Revolución (CDR = Komitees zur Verteidigung der Revolution)
1966 ein Programm der frühzeitigen Entdeckung von Krebs bei
Frauen gestartet. Seit 1967 umfaßt dieses Programm das ganze
Land. Bis 1970 sind mehr als 250.000 Frauen untersucht worden,
wobei in 882 Fällen Frühkrebs entdeckt wurde. Diese Frauen wurden
sofort einer weiteren ärztlichen Behandlung unterzogen. Aber noch
viel eindrucksvoller sind die jährlichen Impfkampagnen gegen die
Poliomyelitis (Kinderlähmung), die gerade in diesem Jahr massiv
durchgeführt wurde. Alle Kinder, die unter vier bzw. genau neun
Jahre alt sind, wurden geimpft. Anfang April d.J. wurden allein
an einem Tag 800.000 Kinder geimpft, und an den zwei darauffol-
genden Tagen die restlichen 200.000. Diese Impfaktionen werden
auch vom Gesundheitsministerium und den CDR durchgeführt - und
wenn man bedenkt, daß alle Kinder erfaßt werden, und daß in
vielen ländlichen Gebieten dies am Wohnort geschieht, so wird
klar, daß nur ein genau durchdachter, ausgezeichnet funktionie-
render gesellschaftlicher Apparat dies ermöglichen kann. Kuba hat
als einziges Land in ganz Amerika die fürchterliche Krankheit der
Kinderlähmung ausgerottet (seit 1965 hat es keinen Polio-Fall in
Kuba gegeben), die in den anderen Ländern jährlich tausende von
Opfern fordert und tausende von Kindern zu Krüppeln macht, wie
das jüngst wieder in tragischer Form in Argentinien klar wurde,
wo eine neue Epidemie viele Leben kostete.
Die anderen Zweige der Produktion werden auch entwickelt
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Wir haben schon erwähnt, daß die Ernte der 10 Millionen auf
vielen anderen Sektoren eine Anstrengung notwendig machte, wie
die der Mechanisierung in der Herstellung von Schneidemaschinen,
im Sektor der Chemie und der Biologie, der Be- und Entwässerungs-
anlagen, des Transports usw. Diese Übersicht bliebe aber unvoll-
ständig, würden wir jene Sektoren vergessen, die zwar zur glei-
chen Zeit, aber nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der hi-
storischen Ernte der zehn Millionen entwickelt werden. Es sind
dies die Produktion von Reis, Zitrusfrüchten, Vieh, Milch, Fisch-
fang, Erdöl, Nickel, Staudämmen, Aufforstung, die Durchführung
der Elektrifizierung und des Straßenbaus, um nur die zu nennen,
in denen die Erfolge im letzten Jahr spektakulär waren.
Zusammen mit der Ernte der 10 Mill. wurde die größte Reissaat der
Geschichte Kubas in Angriff genommen. Mußte Kuba noch bis vor
zwei Jahren mehr als 40 Mill. Dollar jährlich für die Einfuhr von
Reis ausgeben, da der Konsum fast ausschließlich durch Import ge-
deckt wurde, so wird es mit dieser Mammuternte von 1970-71 schon
in der Lage sein, Reis zu exportieren. Allein im Monat April wur-
den rund 44.000 ha neu angepflanzt, von insgesamt 115.000 ha. Bis
Ende April waren schon 70.000 ha gesät. Die genaue Menge Reis,
die geerntet werden wird, ist noch nicht bekannt, sie wird aber
auf 700.000 bis 900.000 t geschätzt. Da eine halbe Million für
den eigenen Verbrauch bestimmt sein wird, bleiben mindestens
200.000 für den Export. Vorläufig ist der Konsum von Reis noch
eingeschränkt, und zwar auf drei Kilo monatlich pro Person. (Die
Quote ist vor einigen Monaten von 2 auf 3 Kilo erhöht worden.)
Aber die Zeiten sind nicht fern, in denen jeder Kubaner soviel
Reis essen kann, wie ihm beliebt.
Ähnlich sieht es mit der Milchproduktion aus. Heute ist der Kon-
sum von Milch noch hauptsächlich auf Kinder unter sieben Jahren
und auf ältere Personen beschränkt, und diese erhalten eine Quote
von einem Liter täglich. Die Verteilung der Milch erfolgt im all-
gemeinen in den Schulen und an anderen Aufenthaltsorten der Kin-
der. Dank einer hauptsächlich von Fidel initiierten Kreuzung
zweier Rinderrassen sind auf diesem Gebiet Erfolge erzielt wor-
den, die die internationalen Experten das Staunen gelehrt haben.
Die Kreuzung heißt F-1 und F-2, und es sind Exemplare gezüchtet
worden, die eine Leistung von mehr als 30 Liter Milch täglich ha-
ben. Insgesamt ist die durchschnittliche Produktivität der Kühe
von 2 Litern täglich auf 10 Liter gestiegen, so daß in näherer
Zukunft eine wesentlich bessere Milchversorgung zu erwarten ist.
(Ungelöst ist zum Teil noch das Problem eines geeigneten Trans-
ports der Milch von den Produktionszentren zu den Konsumenten, da
dies spezialisierter Transportmittel bedarf, über die Kuba nicht
verfügt.) Auch in der Produktion von Eiern und Geflügel wurde im
letzten Jahr ein Erfolg verbucht: 1969 erreichte die Eierproduk-
tion 1,2 Milliarden Stück, und sie soll 1970 auf 1,4 Mia. stei-
gen.
Sensationell ist der Zuwachs an künstlich bewässerter Fläche.
Während in ganz Lateinamerika Anstrengungen in die Richtung ge-
macht werden, die gesamte bewässerte Fläche bis 1975 jährlich um
200.000 ha zu erhöhen, wurde allein in Kuba im letzten Jahr ein
Zuwachs von 300.000 ha erzielt. Das heißt, daß Kuba allein jähr-
lich 50% mehr Fläche neu bewässert als ganz Lateinamerika zusam-
men. Gerade durch die weite Ausdehnung der künstlichen Bewässe-
rung konnte 1968 der Regionalplan "Victoria de Giron" innerhalb
des Nationalen Zitrus-Plans mit Erfolg in Angriff genommen wer-
den. Allein zwischen Jovellanos, Jaguey, Colón und Nueva Paz
sollen mehr als 80.000 ha Zitrusfrüchte, insbesondere Apfelsinen
der verschiedensten Sorten angepflanzt werden. Fast 20 Millionen
Bäume sollen dort wachsen, und dazu bedarf es mehr als 38 Tonnen
Samen. Die Produktion von Apfelsinen und Mandarinen wird auf 2
Mill. t jährlich geschätzt. Zum ersten Mal soll dort auch ein
künstliches Bewässerungssystem eingeführt werden, das aus unter-
irdischen Kunststoffrohren besteht, von denen aus die Bäume be-
spritzt werden. Das Wasser wird durch elektrische Pumpen in die
Rohre gepumpt, so daß die Bewässerung automatisch erfolgen kann.
Allein im vorigen Jahr wurden in Kuba mehr als 130.000 ha mit Zi-
trusbäumen angepflanzt, also mehr als in allen Jahren vor der Re-
volution! Mit diesen Flächen, die mehr als 230.000 ha betragen,
und mit den laufenden Plänen, wird Kuba innerhalb von drei Jahren
die Ausfuhren Israels übertreffen und zum ersten Ausfuhrland der
Welt von Zitrusfrüchten werden.
Innerhalb weniger Jahre wird Kuba auch zum ersten Produzenten von
Nickel in der Welt werden. Heute nimmt es den dritten Platz mit
einer Produktion von etwa 40.000 t jährlich ein, aber die Erwei-
terungsanlagen für eine konzentrierte Ausbeutung des Nickels be-
finden sich im beschleunigten Bau. Berücksichtigt man, daß auf
dem Weltmarkt die Tonne Nickel ungefähr 1.200 Pf. Sterling be-
trägt, so kann die Bedeutung der Nickelproduktion für die zukünf-
tige Industrialisierung Kubas einsichtig werden.
Vor dem Sieg der Rebellion besaß Kuba praktisch überhaupt keine
Fischerei-Flotte. Noch 1958 betrug der Fischfang nur 22.000 t
Fisch, obwohl in ihm 10.000 Fischer beschäftigt waren. Das bedeu-
tet also eine Produktivität von nur 2 t pro Fischer jährlich. Mit
dem Sieg der revolutionären Kräfte wurde die Grundlage für die
Bildung von Genossenschaften geschaffen. Aber nicht nur das.
Heute besitzt Kuba außerdem sine beachtliche Flotte, die best
ausgerüstete und effizienteste des karibischen Raumes. Der Fisch-
fang stieg im Jahre 1968 auf 78.000 t, und im laufenden Jahr wird
die Fischproduktion, wenn erst die modernsten Schiffe, die in
Schweden, Frankreich und Spanien gekauft wurden, eingesetzt wor-
den sind, die Höhe von 175.000 t erreichen. Kuba besitzt auch
eine speziell ausgerüstete Flotte zum Fang von Krebstieren. Sie
werden noch auf hoher See verarbeitet und tiefgekühlt. Durch
diese Flotte konnte die Produktion von Krebstieren von 21.000 t
im Jahre 1958 auf 80.000 t im Jahr 1969 erhöht werden. Auf beiden
Sektoren hat Kuba anspruchsvolle Pläne, die es auch durch den ei-
genen Bau von Schiffen zu erfüllen versucht.
Am Ende dieser Übersicht der vielen Erfolge, die gleichzeitig mit
der Ernte der 10 Millionen erzielt, und der Aufgaben, die zusam-
men mit ihr in Angriff genommen wurden, müssen noch kurz zwei
Punkte erwähnt werden: der Straßenbau und die Wiederaufforstung.
Es ist bekannt, in welchem desolaten Zustand sich sowohl der
Straßenbau als auch die Wiederaufforstung, wenn überhaupt von ei-
ner solchen die Rede sein kann, im Rest Lateinamerikas befindet.
In vielen Ländern gibt es überhaupt nur eine gut ausgebaute
Straße, die anderen sind oft kaum befahrbar. Zehntausende von
Menschen wohnen von den Verkehrszentren völlig isoliert, einfach
deshalb, weil ihre Dörfer keine Straße zu diesen Zentren haben.
Der gleiche Zustand war auch in Kuba vor der Rebellion vorhanden.
Heute ist natürlich noch nicht alles getan, was auf diesem Gebiet
geleistet werden muß, aber viele Ortschaften wurden erst seit dem
Sieg der revolutionären Kräfte durch Straßen mit dem übrigen Land
verbunden. Dies kommt in den Ziffern des Straßenbaus zum Aus-
druck: in der ganzen Geschichte Kubas zusammen wurden insgesamt
kaum 10.000 km Straßen, in den 10 Jahren der Revolution wurden
mehr als 5.000 km gebaut.
Dies ist aber im Vergleich zu den Erfolgen bei der Wiederauf-
forstung nur bescheiden. Heute ist es noch in anderen Teilen La-
teinamerikas üblich, die Wälder einfach durch das Legen von Feuer
zu roden, damit ein x-beliebiger Großgrundbesitzer seine wenigen
Schafe irgendwo weiden lassen kann. Auf diese Art verschwinden
jährlich tausende von Hektar Wälder - was in vielen Fällen sogar
zu einer Veränderung des Klimas geführt hat. Neben dieser Folge
tritt gleichzeitig eine große Gefahr für viele Ortschaften ein.
Durch das kriminelle Roden durch Feuer werden ganze Berge zu kah-
len Landschaften, von denen in der Regenzeit die Erde in riesigen
Massen heruntergeschwemmt wird. Dabei werden nicht selten ganze
Ortschaften wegradiert (so sind z.B. im Süden Chiles, in der Pro-
vinz von Aysen, wo diese Methode seit Jahrzehnten angewandt wird,
ohne daß jemals auch nur ein Grundbesitzer bestraft worden wäre,
1968 viele tausend Menschen ums Leben gekommen, weil ihre Ort-
schaften vom Schlamm begraben wurden, der aus den umliegenden
Bergen durch den Regen angeschwemmt kam. Die Situation war auch
in dieser Hinsicht in Kuba vor der Revolution nicht anders. Denn
von 1900 bis 1958 waren in Kuba nur 10 Mill. Bäume angepflanzt
worden - eine lächerliche Anzahl, wenn man bedenkt, daß Kuba seit
seiner Entdeckung durch die Spanier sein Holz für den Schiffbau
der spanischen Marine und die teuren Möbel der europäischen Ari-
stokratie, und später für die europäische und nordamerikanische
Bourgeoisie hat hergeben müssen. Damit hat aber die Revolution,
wie auf so vielen anderen Sektoren, ebenso radikal gebrochen: al-
lein in den 10 Jahren wurden mehr als 300 Millionen Bäume ange-
pflanzt. Es sind einige Naturparks entstanden, darunter der auf
der Halbinsel von Guanahacabibes und der Große Waldpark von
Escambray, in denen schon fast ausgestorbene Vogel- und Tierarten
neu gezüchtet werden (z.B. Rotwild und Fasane). Alle Wiederauf-
forstungsprogramme stehen unter der Leitung des Kubanischen In-
stituts der Entwicklung und Nutzung von Wäldern, und sie sind nur
ein weiterer Beweis für die Ernsthaftigkeit und die Konsequenz,
mit denen das kubanische Volk die Aufgabe des Aufbaus der kommu-
nistischen Gesellschaft in Angriff genommen hat.
Kurze Anmerkung zur Ideologie der kubanischen Revolution
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Nachdem wir gesehen haben, auf welchen Sektoren der materiellen
Entwicklung Kuba riesige Erfolge in kurzer Zeit errungen hat (und
wir müssen betonen, daß hier nicht der Anspruch auf Vollständig-
keit erhoben wird, da z.B. auf eine Analyse der kubanischen Indu-
strie, die sich in den Anfangsschuhen befindet, verzichtet
wurde), und wir ebenfalls gesehen haben, daß die Kommunistische
Partei Kubas die Massen mobilisiert hat, um diese Erfolge möglich
zu machen, können wir erkennen, daß nur ein Verleumder oder Blin-
der behaupten kann, die KP befinde sich in einem "desolaten" Zu-
stand. Der Kursbuch-Herausgeber H.M. Enzensberger kann sich aus-
suchen, ober das eine oder das andere genannt werden möchte. Aber
für ihn trifft genau die Rede Fidels vom 22. April (Vgl. das Edi-
torial zu diesem Heft) zu. Aus seiner Feder spricht der Unver-
stand desjenigen, der mit "lächerlichen Idealisierungen" in ein
Land geht und meint, dort ein Paradies vorzufinden, dann aber in
der Tat ein Volk vorfindet, das für die abstrakten theoretischen
Spielereien eines europäischen "linken Intellektuellen" kein Ver-
ständnis aufbringt, weil es sich in der Arbeit befindet, um aus
der Not herauszukommen, in die es durch die jahrhundertandauernde
imperialistische Ausbeutung gedrängt wurde.
Die gesamte Ernte der 10 Mill. t, alle anderen gleichzeitigen re-
gionalen Pläne, alle Aufgaben auf dem Sektor der Gesundheit und
der Erziehung, alle Pläne zur industriellen Weiterentwicklung Ku-
bas, die sich auch in Ausführung befinden, alles dies wird von
der Kommunistischen Partei geleitet und bei ihrer Verwirklichung
stehen überall die Kader der Partei an der Spitze. Die Partei
existiert überhaupt nur, indem sie vollkommen mit den produktiven
Aufgaben verschmilzt. Es gibt keinen bürokratischen Apparat, der
einen Enzensberger oder einen Sweezy, oder einen ähnlich gearte-
ten Intellektuellen, auf dem Flugplatz von Havanna wie einen Kö-
nig empfangen und ihm die "Wunder" Kubas vor Augen führen könnte.
Gerade deshalb, weil es einen solchen Apparat in Kuba nicht gibt,
gibt es in der Tat Wunder. Aber es sind Wunder im Vergleich zu
früheren Zeiten, im Vergleich zum Rest von Lateinamerika, im Ver-
gleich zu der vom Imperialismus ausgebeuteten Welt. Es sind aber
keine Wunder, die den Kubanern heute erlauben könnten, sich zur
Ruhe zu begeben und nicht mehr hart zu arbeiten. Zwar ist die
Viehproduktion enorm gestiegen, mehr als in irgendeinem latein-
amerikanischen Land, aber dennoch bleibt das Fleisch rationiert,
eben deshalb, weil die Imperialisten vor der Revolution das Vieh
geschlachtet haben, ohne sich einen Dreck um das Volk zu kümmern.
Und ähnlich ist es mit dem Weizen, der Milch, den Eiern, dem Ge-
müse usw. Einem "linken" europäischen Intellektuellen, der sich
täglich an zwölf verschiedenen Käsesorten ergötzt, scheint die
ideologische Mobilisierung der Massen unter den Bedingungen der
Einschränkung sogar von lebenswichtigen Nahrungsmitteln schier
eine Unmöglichkeit zu sein. Dem Kubaner, der am Aufbau seiner
neuen Gesellschaft arbeitet, ist es aber eine Selbstverständlich-
keit. Denn was er heute spart, das spart er für sich, nicht für
einen Kapitalisten, der in Miami, New York, Paris oder Frankfurt
sitzt. Das ist eben der große Unterschied!
Nicht minder kleinlich sind aber jene, die in der großzügigen Mi-
litärhilfe der Sowjetunion den "Beweis" sehen, daß Kuba
"endgültig revisionistisch" ist. Diese Superrevolutionäre sähen
offenbar lieber, daß Kuba durch die Angriffe der Imperialisten
unterginge, als daß die Sowjetunion in Kuba zeigt, daß es zur so-
lidarischen sozialistischen Hilfe durchaus bereit ist, und dies
in unvergleichbar generöser Weise. Denn neben der Militärhilfe
hat die Sowjetunion Kuba große Kredite eingeräumt. Daß diese Kre-
dite pünktlich zurückbezahlt werden, ist im übrigen, wie Fidel
sagte, "eine Ehrensache" für Kuba.
Die großen Unterschiede zwischen der Position der Kommunistischen
Partei Kubas und der Sowjetunion liegen auf ganz anderem Gebiet.
Auch die Position Kubas gegenüber den revolutionären Bewegungen
Lateinamerikas ist von der der Sowjetunion grundsätzlich ver-
schieden, ja sie stehen sogar im Widerspruch zueinander. Die
Ideologie der Kommunistischen Partei Kubas ist die Ideologie der
lateinamerikanischen Revolution, daran hat sich nichts geändert
und es wird sich nichts ändern. Wer in dieser Hinsicht irgendwel-
che Zweifel hegt, der lese die Rede von Fidel vom 22. April 1970!
Alex Schubert
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1) Der Verfasser stützt sich auf die folgenden Veröffentlichun-
gen: mehrerer Nummern von BOHEMIA, mehreren Berichten aus Kuba,
die in verschiedenen Nummern von PUNTO FINAL (Santiago-Chile) er-
schienen sind, verschiedene Nummern von GRANMA, der Zeitschrift
CUBA, sowie auch auf mehrere Analysen, Kommentare, Interviews und
Berichte von RADIO HABANA-CUBA.
2) Vgl. Leo Huberman-Paul Sweezy: Socialism in Cuba, Monthly-Re-
view-Press, New York 1969; S. 191
3) Die Diskussion wurde zum großen Teil ins Deutsche übersetzt.
Vgl. dazu: Bettelheim, Castro, Guevara, Mandel, Mora: "Wertge-
setz, Planung und Bewußtsein - Die Planungsdebatte in Cuba",
Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1969. Die Texte von Che Guevara
erschienen in einem Sammelband in Wagenbach Verlag - Berlin unter
dem Titel: "Ökonomie und neues Bewußtsein", Rotbuch Nr. 8.
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