Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Kurzanalysen, Berichte
GRÜNDUNG DES ARBEITSKREISES "LAGE UND KAMPF DER ARBEITERKLASSE
IM STAATSMONOPOLISTISCHEN KAPITALISMUS"
Im folgenden veröffentlichen wir einen Bericht über die Gründung
des wissenschaftlichen Arbeitskreises "Lage und Kampf der Arbei-
terklasse im staatsmonopolistischen Kapitalismus" beim Deutschen
Wirtschaftsinstitut Berlin sowie die bei der Gründung vorgelegten
Thesen über "Probleme der Lage und des Kampfes der Arbeiterklasse
im staatsmonopolistischen Kapitalismus". Die Thesen von Kolbe,
Delitz u.a. führen dabei die mit dem Bericht über die Tagung des
IMSF in Frankfurt (SOPO 11) in der SOPO aufgenommene Diskussion
weiter. Zum anderen enthalten Bericht und Thesen einige grundle-
gende Hinweise auf die weitere Aufgabenstellung des Arbeitskrei-
ses, die ohne Zweifel auch die Diskussion in der BRD und in West-
berlin nachhaltig beeinflussen wird. Thesen und Bericht wurden
erstmals veröffentlicht in DWI-Berichte Nr. 6/71.
Am 26. März 1971 konstituierte sich im Deutschen Wirtschaftsin-
stitut Berlin der wissenschaftliche Arbeitskreis "Lage und Kampf
der Arbeiterklasse im staatsmonopolistischen Kapitalismus", mit
dessen Leitung Prof. Dr. habil. Hellmuth Kolbe, Abteilungsleiter
im DWI, beauftragt wurde. Im Arbeitskreis vereinen sich Gesell-
schaftswissenschaftler verschiedener wissenschaftlicher Diszipli-
nen und Institutionen der DDR, um durch die Entwicklung einer
fruchtbaren wissenschaftlichen Kooperation und die Konzentration
auf langfristige Schwerpunktaufgaben den höheren Anforderungen an
die Gesellschaftswissenschaft in der Klassenauseinandersetzung
zwischen Sozialismus und Imperialismus gerecht zu werden. Prof.
Dr. habil. Heininger, stellvertretender Direktor des DWI, betonte
einleitend, daß durch diesen Zusammenschluß der Kräfte wesentli-
che Voraussetzungen geschaffen werden, um auch auf diesem wichti-
gen Gebiet der Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus einen
wirksameren Beitrag zu leisten.
Das Tagungsprogramm des Arbeitskreises wurde durch den wissen-
schaftlichen Meinungsaustausch über das von einem Kollektiv der
Abteilung Lage und Kampf der Arbeiterklasse beim DWI vorgelegte
Diskussionsmaterial zu "Problemen der Lage und des Kampfes der
Arbeiterklasse im staatsmonopolistischen Kapitalismus" (s.S. 18
ff.) bestimmt. Einführend dazu erläuterte Prof. Kolbe, daß es
sich um den Versuch handele, einige die Lage und den Kampf der
Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus charakterisierende Grund-
prozesse präziser zu erfassen, um für die Strategie und Taktik
der Arbeiterklasse in den kommenden Klassenauseinandersetzungen
Schlußfolgerungen ableiten zu können. Das Diskussionsmaterial
orientiert sich an den während der letzten Jahre in der marxisti-
schen Forschung gewonnenen Erkenntnissen bei der Analyse neuer
Aspekte und Entwicklungstendenzen auf diesem Gebiet. Prof. Kolbe
unterstrich nachdrücklich die hohe politisch-ideologische und
wissenschaftliche Verantwortung des Arbeitskreises, da gerade in
der BRD bürgerlichimperialistische, aber auch rechtsopportunisti-
sche Reformkonzeptionen in der Arbeiterklasse Verwirrung zu stif-
ten vermögen, wenn die marxistische Forschung nicht ständig die
neuen Erscheinungen analysiert und ihr Wesen aufdeckt.
Dabei wies Prof. Kolbe nach, daß sich in den bürgerlich-imperia-
listischen und rechtsopportunistischen Konzeptionen Akzentver-
schiebungen abzeichnen, verschiedenartig modifizierte Theorien
vom "gesellschaftlichen Konflikt" in den Vordergrund treten, was
ursächlich auf drei Faktoren zurückzuführen ist:
- die beschleunigte Polarisierung der Eigentumsverhältnisse,
- die Komprimierung sozialer Konfliktstoffe beirrt staatsmonopo-
listischen Weg der Bewältigung der wissenschaftlich-technischen
Revolution.
- die sich verschärfende Auseinandersetzung zwischen Kapital und
Arbeit, welche sich in den letzten Jahren vor allem in den großen
Streikaktionen in den entwickelten kapitalistischen Ländern mani-
festierte.
Als eine vorrangige Aufgabe arbeitete Prof. Kolbe die prinzi-
pielle Auseinandersetzung mit den Spielarten des Sozialdemokra-
tismus heraus, insbesondere mit den Versuchen, der Arbeiterklasse
im Auftrage des Monopolkapitals "moderne" Reformkonzeptionen zu
suggerieren.
Der folgende Meinungsaustausch verdeutlichte die Vielschichtig-
keit der Probleme. Einen Kulminationspunkt bildeten in der Dis-
kussion die Fragen der Reproduktion der Arbeitskraft und die sich
daraus ergebenden Schlußfolgerungen für den Kampf der Arbeiter-
klasse. Dabei zeigte sich insbesondere die Notwendigkeit, den
Platz des Lohnes bei der Reproduktion unter den gegenwärtigen und
künftigen Entwicklungsbedingungen präziser zu bestimmen. Ausge-
hend von der im vorgelegten Diskussionsmaterial enthaltenen Fest-
stellung, daß die Reproduktion der Arbeitskraft heute nicht mehr
nur über den Lohn erfolgen kann, sondern zunehmend staatlicher
Mittel und Maßnahmen bedarf, wurde versucht, das Verhältnis von
individueller und gesellschaftlicher Konsumtion im staatsmonopo-
listischen Kapitalismus in seiner wechselseitigen Bedingtheit zu
erfassen. Prof. Dr. habil. Petrak (Institut für Gesellschaftswis-
senschaften beim ZK der SED) wertete das vorgelegte Diskussions-
material als eine wesentliche und fundierte Grundlage für den
weiteren wissenschaftlichen Meinungsaustausch und für die Vertie-
fung der marxistischen Analyse der sich abzeichnenden Prozesse.
Aus dem Übergang von der vorwiegend extensiven zur intensiven Re-
produktion des Kapitals ergäben sich zwangsläufig wesentliche
Konsequenzen bei der Untersuchung der Reproduktion der Arbeits-
kraft, die sowohl inhaltlich als auch methodisch künftig stärkere
Beachtung finden müssen. Während die mit der wissenschaftlich-
technischen Revolution verbundenen Veränderungen im konstanten
Kapital Gegenstand umfangreicherer wissenschaftlicher Untersu-
chungen sind, fehle es für die Entwicklung des variablen Kapitals
noch an komplexeren Analysen. Neue Momente ergeben sich dabei vor
allem aus dem wachsenden gesellschaftlichen Charakter des Kapi-
tals sowohl seiner konstanten als auch variablen Bestandteile.
Die damit verbundenen vielfältigen Veränderungen reichen von Ver-
änderungen im kapitalistischen Bevölkerungsgesetz über Probleme
der qualitativen Entwicklung der Arbeitskraft bis zu den Fragen
ihrer Reproduktion. Unter diesem Aspekt muß auch die Rolle des
Lohnes bei der Reproduktion der Arbeitskraft untersucht und prä-
zisiert sowie das Verhältnis von individueller und gesellschaft-
licher Konsumtion bestimmt werden.
Dr. Walter (Hochschule der deutschen Gewerkschaften "Fritz Mec-
kert", Bernau) wies in seinem Diskussionsbeitrag auf die Diskre-
panz hin, die zwischen den weitgehend an traditionellen Lohnfor-
derungen ausgerichteten Kampfaktionen der Arbeiter und der allge-
mein anerkannten marxistischen These besteht, daß der Lohn heute
nicht mehr ausreiche, um die Arbeitskraft zu reproduzieren. Die
Untersuchung der Ursachen dieser Diskrepanz bzw. einer Analyse
solcher Aktionen der internationalen Arbeiterbewegung, die auf
die neuen Reproduktionsanforderungen der Arbeitskraft ausgerich-
tet sind, wären nach seiner Meinung eine vorrangige Aufgabe künf-
tiger Forschung, was jedoch nicht zu einer Unterschätzung des
Lohnkampfes der Arbeiterklasse führen dürfte, da der Lohn nach
wie vor der wesentliche Faktor der Reproduktion der Arbeiterkraft
sei. Dr. Walter unterstrich deshalb die Notwendigkeit, in künfti-
gen Forschungen das Wesen der gesellschaftlichen Konsumtion unter
staatsmonopolistischen Bedingungen tiefgründiger zu analysieren.
Dabei kommt es primär darauf an, die prinzipiellen Unterschiede
zwischen der gesellschaftlichen Konsumtion im Sozialismus und Ka-
pitalismus herauszuarbeiten.
Die Diskussion zu diesem Problemkreis machte deutlich, daß es ge-
rade angesichts der angestrebten staatsmonopolistischen Teilre-
formen dringend geboten ist, die Kategorien individuelle und ge-
sellschaftliche Konsumtion klar zu definieren und die realen Mög-
lichkeiten einer echten Einflußnahme der Arbeiterklasse auf diese
Prozesse zu ergründen. Dabei warf Dr. Hahn (Deutsches Wirtschafts
Institut Berlin) die Frage auf, ob es opportun sei, individuelle
und gesellschaftliche Konsumtion einander gegenüberzustellen, da
es doch für kapitalistische Verhältnisse charakteristisch sei,
daß ein Teil des Lohnes der Arbeiter die Lücken ausfüllen müsse,
die der kapitalistische Staat durch die typische Unterentwicklung
der Bereiche der sogenannten Infrastruktur schaffe. Die Tatsache,
daß es der kapitalistische Staat versäumt, die genügenden sachli-
chen Voraussetzungen für die gesellschaftliche Reproduktion der
Arbeitskraft zu schaffen, bewirken zusammen mit der Manipulierung
des Konsumverhaltens der Arbeiter, daß ein Teil der individuellen
Konsumtion fehlgeleitete gesellschaftliche Konsumtion darstellt
und damit der Reproduktion der Arbeitskraft im wirklichen Sinne
verlustigt geht. Die Feststellung von Dr. Hahn, daß eine Ursache
für die im Kapitalismus unterentwickelte gesellschaftliche Kon-
sumtion die Tatsache sei, daß Ergebnisse auf diesem Gebiet
schwieriger zu erzielen seien, da es hier um die Beschneidung des
Profits gehe, blieb in der Diskussion nicht unwidersprochen. Es
wurde sichtbar, daß bei diesen Problemen stärker als bisher der
staatsmonopolistisch regulierte Umverteilungsmechanismus beachtet
werden muß.
Prof. Dr. Dr. h.c. em. Lemmnitz (Deutsches Wirtschaftsinstitut)
konnte anhand konkreter Beispiele nachweisen, daß sich insbeson-
dere dort sozialer Konfliktstoff komprimiert, wo durch den
staatsmonopolistischen Weg der wissenschaftlich-technischen Revo-
lution die soziale Unsicherheit der Werktätigen verstärkt wird,
wie beispielsweise im Ruhrgebiet. Er betonte die hohe politische
Verantwortung der marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissen-
schaften, diese neuen Elemente aufzuspüren, um den Kampf der Ar-
beiterklasse in den imperialistischen Ländern wirksam zu unter-
stützen.
In der Diskussion kristallisierte sich heraus, daß insbesondere
die folgenden Probleme analysiert und prognostisch eingeschätzt
werden müssen, um für die Arbeiterklasse die richtigen Schlußfol-
gerungen zu ziehen und Prioritäten im Kampf der Arbeiterklasse zu
setzen:
- Die Wirkung des gesellschaftlichen Systems des Sozialismus, der
gesellschaftlichen Systemlösungen im Sozialismus auf Lage, Be-
wußtsein und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse.
- Nähere Bestimmungen der Reproduktionsbedingungen auf der heuti-
gen Stufe der Vergesellschaftung des Produktionsprozesses, die
Auswirkungen ihrer Unterordnung unter die Verwertungsbedingungen
des Kapitals.
- Quantitative und qualitative Auswirkung der wissenschaftlich-
technischen Revolution im staatsmonopolistischen Kapitalismus auf
die Arbeiteranforderungen, Methoden und Folgen der Ausbeutung.
- Entwicklungstendenzen des Verhältnisses von geistiger und kör-
perlicher Arbeit, die Tendenz der Verschärfung des Gegensatzes
einerseits und der Annäherung einzelner Elemente andererseits.
- Probleme der Wertbestimmung der Ware Arbeitskraft unter den Be-
dingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution im staats-
monopolistischen Kapitalismus, besonders die Rolle des histo-
risch-moralischen Elements der Wertbestimmung; Auswirkungen auf
neue Erscheinungsformen der sozialen Existenzgefährdung und auf
die Bewußtseinsentwicklung.
- Die wissenschaftlich-technische Revolution im staatsmonopoli-
stischen Kapitalismus und strukturelle Veränderungen innerhalb
der Arbeiterklasse - Differenzierungs- und Annäherungstendenzen
innerhalb der Arbeiterklasse, ihre sozialökonomischen, wirt-
schaftlichen, technologischen, politisch-ideologischen Ursachen.
Auswirkungen dieses dialektischen Prozesses auf Bewußtseinsent-
wicklung und Kampfbedingungen.
- Die Frage des "Kerns der Arbeiterklasse" und der damit verbun-
denen Probleme der marxistisch-leninistischen Strategie und Tak-
tik.
Der Tätigkeit des Arbeitskreises liegt ein gemeinsames langfri-
stiges Forschungsprojekt der umfassenden Untersuchung der Lage
und der Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in der BRD zugrunde.
Johanna Groß, Johann Kleinsorge
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