Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Kurzanalysen und Berichte
PROBLEME DER LAGE UND DES KAMPFES DER ARBEITERKLASSE
IM STAATSMONOPOLISTISCHEN KAPITALISMUS
Die Arbeiterklasse unter veränderten Existenzbedingungen
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des imperialistischen Systems
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Die marxistisch-leninistische Analyse und Wertung der Existenzbe-
dingungen des gegenwärtigen Kapitalismus, die seine veränderte
Stellung im inneren und äußeren Kräfteverhältnis bestimmen, ist
eine entscheidende Voraussetzung, um den theoretischen Ausgangs-
punkt für die Wertung der heutigen Lage und der Kampfbedingungen
der Arbeiterklasse im Kapitalismus bestimmen zu können. Diese
Analyse der gesellschaftlichen Grundprozesse ist zugleich für die
offensive Auseinandersetzung mit bürgerlichen Gesellschaftstheo-
rien von aktueller Bedeutung. Probleme der materiellen Lage und
der gesellschaftlichen Stellung der Arbeiterklasse im gegenwärti-
gen Kapitalismus, ihrer weiteren Entwicklung als Klasse und ihrer
Kampfbedingungen nehmen im ideologischen Kampf der Bourgeoisie
gegen die Arbeiterklasse, in der Auseinandersetzung zwischen bür-
gerlichen Sozialwissenschaftlern und marxistischen Gesellschafts-
wissenschaftlern den zentralen Platz ein.
Die Apologeten des staatsmonopolistischen Kapitalismus sind be-
müht nachzuweisen, daß es sich um Veränderungen im Charakter des
Kapitalismus handele. Sie leiten daraus grundsätzliche Wandlungen
in der Lage der Arbeiterklasse ab und bestreiten ihre historische
Mission, im Bündnis mit den anderen werktätigen Klassen und
Schichten die Macht des Kapitals zu brechen und die neue soziali-
stische Gesellschaftsordnung zu errichten. Es geht also um die
Fragen: Welchen Charakter tragen diese Veränderungen, die sich
innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise vollziehen? Wo-
durch werden sie bedingt? Wie wirken sie sich auf die Lage und
den Kampf der Arbeiterklasse aus?
Sozialismus und Arbeiterklasse im Kapitalismus
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Die veränderten Existenzbedingungen des imperialistischen Systems
ergeben sich aus folgenden Hauptfaktoren:
- Die wachsende Einheit und Stärke des sozialistischen Weltsy-
stems und der internationalen Arbeiterbewegung haben das Kräfte-
verhältnis zwischen Sozialismus und Imperialismus grundlegend
verändert und den Imperialismus endgültig in die historische De-
fensive gedrängt.
- In den imperialistischen Hauptländern erfolgte die volle Her-
ausbildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus.
- Die wissenschaftlich-technische Revolution vollzieht sich unter
staatsmonopolistischen Herrschaftsverhältnissen und unter den Be-
dingungen des Kampfes zwischen zwei Gesellschaftssystemen.
Diese neue Situation, der sich der Imperialismus gegenübersieht,
bedingt die Ausdehnung des Klassenkampfes auf immer weitere Be-
reiche des gesellschaftlichen Lebens- und auch die Veränderung
der Formen und Methoden der Klassenauseinandersetzung. Die Lage
der BRD wird speziell dadurch charakterisiert,
- daß das westdeutsche Monopolkapital seit dem Übergang zu seiner
Expansionsphase einer veränderten strategischen Situation gegen-
übersteht, die durch das gewandelte Kräfteverhältnis zugunsten
des Sozialismus geprägt wird,
- daß sich das Herrschaftsgebiet des westdeutschen Imperialismus
direkt an der Grenzlinie der beiden Weltsysteme befindet und er
sich hier unmittelbar mit der Deutschen Demokratischen Republik,
dem sozialistischen deutschen Nationalstaat und entwickelten so-
zialistischen Industriestaat, konfrontiert sieht.
Die Kräfte des Monopolkapitals sind gezwungen, ihre imperialisti-
sche Strategie diesen Veränderungen anzupassen. Diese Anpassungs-
strategie des Finanzkapitals wird sowohl von den Bedingungen des
Kampfes zwischen den beiden Gesellschaftssystemen und der wach-
senden Kampfkraft der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Län-
dern als auch durch die inneren Gesetzmäßigkeiten des staatsmono-
polistischen Kapitalismus unter den Bedingungen der wissenschaft-
lich-technischen Revolution bestimmt. Aus der historischen Defen-
sive heraus versucht der Imperialismus, eine effektivere Gestal-
tung des staatsmonopolistischen Systems zu gewährleisten, um ak-
tiv auf die neue strategische Situation einwirken zu können.
Objektiv ist die Existenz des Sozialismus ein Faktor, der die
Lage und die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in der Auseinan-
dersetzung mit dem staatsmonopolistischen Kapitalismus wesentlich
begünstigt. Das betrifft vor allem den Einfluß des sozialisti-
schen deutschen Staates auf die BRD. Die daraus resultierenden
Bewegungen und Prozesse vollziehen sich jedoch auf widerspruchs-
volle Weise. Die Monopolbourgeoisie muß bei ihren Auseinanderset-
zungen mit der Arbeiterklasse stets den Einfluß des Sozialismus
im allgemeinen und der DDR im besonderen beachten. Für sie ist es
ein lebenswichtiges Problem, jeglicher Orientierung der Arbeiter-
klasse auf den Sozialismus schon vorbeugend entgegenzuwirken. Un-
ter diesen Bedingungen erhält der Kampf der Arbeiterklasse der
BRD zur Durchsetzung ökonomischer und sozialpolitischer Forderun-
gen ein verstärktes Gewicht, weil er stets unmittelbar politische
Bedeutung hat. Das historisch-moralische Element, das in den Wert
der Arbeitskraft eingeht und vom Klassenkampf der Arbeiterklasse
abhängt, hat durch die Existenz der DDR qualitativ neue Seiten
erhalten.
Auf diese Situation reagiert das Monopolkapital mit einem diffe-
renzierten System veränderter Mittel und Methoden der Herr-
schaftssicherung:
- Es konnte unter dem Druck des veränderten Kräfteverhältnisses
relativ leicht gezwungen werden, sozialpolitische Zugeständnisse
an die Arbeiter zu machen. Als wichtigste Aufgabe wird von ihm
deshalb in diesem Zusammenhang angesehen, mit solchen Zugeständ-
nissen die politische und ideologische Bindungen aller nichtmono-
polistischen Klassen und Schichten, insbesondere der Arbeiter, an
das bestehende System zu fördern.
- Gleichzeitig war das Monopolkapital bestrebt, jede systemverän-
dernde Forderung der Arbeiterklasse wie Überführung der Monopol-
unternehmen in Gemeineigentum, demokratische Kontrolle der Wirt-
schaft, Umverteilung des Vermögens der Monopole zugunsten des
Volkes abzuwürgen. Es schuf sich mit den Notstandsgesetzen die
gesetzliche Handhabe, die Realisierung solcher Forderungen not-
falls mit Gewalt zu verhindern.
- Es entwickelte den Antikommunismus gegen die DDR und die oppo-
sitionellen Kräfte in der BRD in all seinen Spielarten zu einem
umfassenden System der politischen und ideologischen Diffamierung
des Sozialismus und zur Verbreitung eines falschen Sozialismus-
bildes in der Arbeiterklasse der BRD. Diese Strategie verband es
mit der ideologischen Diversionstätigkeit gegen die DDR.
Der massive antikommunistische Druck der Monopolbourgeoisie hat
dazu geführt, daß sich der objektiv zunehmende Einfluß des Sozia-
lismus noch nicht oder nur in verzerrter Form im Bewußtsein
großer Teile der Arbeiterklasse widerspiegelt. Unter gemeinsamer
Anstrengung von Monopolkapital, Staat und rechten Sozialdemokra-
ten gelang es, den Antikommunismus als Barriere für eine stärkere
klassenmäßige Orientierung der gewerkschaftlichen Strategie und
Taktik wirksam werden zu lassen.
Mit der Gestaltung des entwickelten gesellschaftlichen Systems
des Sozialismus in der DDR und der immer besseren Meisterung der
wissenschaftlich-technischen Revolution kann sich der Einfluß des
Sozialismus auf neuer Ebene verstärken. Mehr und mehr wird für
die Arbeiterklasse der BRD sichtbar, daß die einzelnen Vorteile,
die die Werktätigen in der DDR genießen, Ergebnisse ihres gesell-
schaftlichen Systems sind. Unter diesen Bedingungen wird künftig
der Einfluß der DDR nicht mehr nur von Einzelfaktoren der materi-
ellen Lebenslage und Einzelerscheinungen des Sozialismus bestimmt
sein. Immer klarer erweist sich, daß das gesellschaftliche System
des Sozialismus die Möglichkeiten der wissenschaftlich-techni-
schen Revolution im Interesse der Werktätigen nutzt, soziale Si-
cherheit und aktive demokratische Mitwirkung der Bürger in allen
Lebensbereichen gewährleistet und wahrhaft humanistische Bezie-
hungen zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft herstellt. Das
sind Grundprobleme, die durch die Entwicklung der modernen Pro-
duktivkräfte auch vor der Arbeiterklasse der BRD stehen, unter
den Bedingungen der Ausbeuterordnung aber nicht gelöst werden
können.
Die Existenz der sozialistischen DDR erleichert objektiv nicht
nur den Kampf der Arbeiterklasse in der BRD schlechthin, sondern
sie wirkt gleichzeitig auf den Inhalt der Kampfziele der Arbei-
terklasse gegen das Monopolkapital ein. Sie trägt mit dazu bei,
daß in der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit Fragen
der gesellschaftlichen Stellung der Arbeiterklasse im Kapitalis-
mus einen zentralen Platz einnehmen. Die Verwirklichung ihrer
Forderungen nach Mitbestimmung in Betrieb, Wirtschaft und anderen
gesellschaftlichen Bereichen kann den Folgen verschärfter Ausbeu-
tung und der wachsenden sozialen Unsicherheit der Arbeiter und
anderer nichtmonopolistischer Klassen und Schichten gewisse
Schranken setzen und die Bedingungen des Kampfes um die revolu-
tionäre Veränderung der bestehenden Ordnung günstiger gestalten.
Hier bildet sich ein neues und breites Feld sozialer Konflikte
heraus, die wesentlich vom Kräfteverhältnis zwischen Sozialismus
und Imperialismus beeinflußt werden.
Staat und Reproduktion der Arbeitskraft
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Die Verflechtung der Macht der Monopole mit der Staatsmacht hat
Konsequenzen auf die Wirkungsweise und die Erscheinungsformen des
Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit. Grundsätzlich
- fungiert der Staat als Hebel der Akkumulation und Konzentration
des Kapitals und trägt damit bei zur Verschärfung des Gegensatzes
zwischen der geringer werdenden Zahl von Ausbeutern und der zu-
nehmenden Zahl von Ausgebeuteten. Der Staat beschleunigt die Pro-
letarisierung der Bauern, Handwerker und unter den Bedingungen
der wissenschaftlich-technischen Revolution insbesondere der In-
telligenz und verstärkt dadurch die Polarisierung der Klassen-
kräfte;
- verschärft der Staat unmittelbar und mittelbar die Ausbeutung,
tritt selbst als Ausbeuter in Erscheinung und dehnt durch Umver-
teilungsprozesse das Feld der Ausbeutung aus;
- hat der Staat in der Auseinandersetzung um Lohn und Profit die
Aufgabe übernommen, die Klassenbeziehungen im Interesse der Mono-
pole zu regulieren.
All das führt dazu, daß unter den Bedingungen des staatsmonopoli-
stischen Kapitalismus sich nicht nur die unmittelbare Konfronta-
tion der Arbeiterklasse mit den Unternehmern verschärft, sondern
daß sie auch direkt mit dem Staat konfrontiert wird. Besondere
Bedeutung erhält in diesem Zusammenhang die spezifische Rolle des
Staates bei der Gewährleistung qualitativ neuer Voraussetzungen
für die Reproduktion der Arbeitskraft. Die Lage der Arbeiter-
klasse und die Entwicklung der Klassenkonflikte wird im zunehmen-
den Maße durch den Widerspruch bestimmt, der sich aus der objek-
tiven Notwendigkeit ergibt, daß zur Gewährleistung der Reproduk-
tion der Arbeitskraft immer stärker gesellschaftliche Maßnahmen
getroffen werden müssen, während ihre staatsmonopolistische Re-
alisierung primär im Dienste der privaten Profitproduktion er-
folgt. Der Staat greift mit seinen ökonomischen und außerökonomi-
schen Mitteln in alle gesellschaftlichen Bereiche ein, um den
privaten Monopolen neue Potenzen und Methoden ihrer ökonomischen
und gesellschaftlichen Machtausübung zu erschließen. Mit der wis-
senschaftlich-technischen Revolution werden solche gesellschaft-
lichen Bereiche wie Bildung und Berufsbildung, Gesundheits- und
Arbeitsschutz, Sport und Erholung, der gesamte Umweltschutz, Ver-
kehrs- und Verbindungswesen als allgemeine Voraussetzungen für
das Funktionieren des kapitalistischen Produktionsprozesses immer
wichtiger. Das gilt vor allem auch für die Gewährleistung der Re-
produktion der Ware Arbeitskraft unter den neuen, sich beschleu-
nigend wandelnden Anforderungen der wissenschaftlich-technischen
Revolution. Es vertieft sich die Kluft zwischen den unter der Mo-
nopolherrschaft gegebenen immer unzureichender werdenden gesell-
schaftlichen Bedingungen für die Reproduktion der Arbeitskraft
und den quantitativ und qualitativ wachsenden Anforderungen an
ihre Reproduktion.
In den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten hat der imperialisti-
sche Staat den Ausbau der Infrastruktur zugunsten der privaten
Kapitalakkumulation stark vernachlässigt; das erweist sich zuneh-
mend als Hemmnis für die weitere Profitmaximierung. Zur Sicherung
des kapitalistischen Systems soll er seine Mittel jetzt stärker
darauf konzentrieren, diese Folgen des privaten Profitstrebens im
Interesse künftiger Profit- und Machtsicherung des Monopolkapi-
tals zu überwinden.
Der Umfang der Mittel sowie der Charakter der Einrichtungen, die
dieser Aufgabe dienen, werden von den Verwertungsinteressen des
Monopolkapitals bestimmt. Völlig andere Interessen vertritt die
Arbeiterklasse in ihrer Stellung zur Reproduktion der Arbeits-
kraft. Ihr im Rahmen des Kapitalismus zur Sicherung ihrer Inter-
essen geführter Kampf zeigt immer deutlicher, daß ihre Existenz
allein mit Hilfe des Lohnkampfes nicht zu verteidigen ist. Konnte
schon der Kampf um höhere Löhne stets nur am erfolgreichsten ge-
führt werden, wenn er als Kampf der ganzen Arbeiterklasse gegen
das Kapital aufgefaßt wurde, so ist dies mit der Notwendigkeit,
die Reproduktionsbedingungen durch kollektive Einrichtungen zu
sichern, noch viel stärker der Fall. Mit dieser Erweiterung des
Feldes der Klassenauseinandersetzung stößt der Kampf der Arbei-
terklasse um die Sicherung ihrer Existenzbedingungen zugleich im-
mer stärker an die Grenzen des staatsmonopolistischen Systems und
macht deutlicher, daß nur noch durch die Beseitigung dieses Sy-
stems die Arbeiterschaft als Klasse - wie der einzelne Arbeiter -
hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsentwicklung jene Möglichkeiten
wahrnehmen und jene Erfordernisse sichern können, die sich aus
dem Stand der Produktivkräfte in der wissenschaftlich-technischen
Revolution ergeben. Der Kampf der marxistisch-leninistischen Par-
tei der Arbeiterklasse und anderer antimonopolistischer Kräfte um
eine solche demokratische und humanistische Gestaltung der allge-
meinen Lebensbedingungen, die der vielseitigen Persönlich-
keitsentwicklung dienen könnte, berührt daher objektiv unmittel-
bar die Grundlagen der kapitalistischen Herrschaft. Der Imperia-
lismus ist nicht in der Lage, komplexe gesellschaftliche Repro-
duktionsvoraussetzungen zu schaffen, die den Bedürfnissen der Ar-
beiterklasse wie des einzelnen Arbeiters entsprechen. Im Gegen-
teil: Er reproduziert immer wieder erneut die Arbeiterklasse als
ausgebeutete Klasse. Der Widerspruch zwischen monopolistischem
Privateigentum an den Produktionsmitteln und der ihm dienenden
staatlichen Politik einerseits und den Forderungen der Arbeiter-
klasse nach sozialer Sicherheit und allseitiger Persönlich-
keitsentwicklung andererseits bleibt ungelöst.
Zur Verschleierung des Klassencharakters seiner Politik geht der
imperialistische Staat verstärkt dazu über, eine staatsmonopoli-
stische Reformstrategie zu entwicklen, die durch ihre Formen und
Methoden den Anschein erweckt, daß grundlegende Interessen der
Arbeiterklasse berücksichtigt würden. Damit soll insbesondere die
Unterordnung der Arbeiterklasse unter die Herrschaftsinteressen
des Monopolkapitals gefördert und das Aufbrechen der tiefen Klas-
senkonflikte verhindert werden. Die Reformversprechungen der ge-
genwärtigen Regierung der BRD werden von dieser Konzeption be-
stimmt. Die Sozialdemokratie ist aufgrund ihrer Bindung zur Ar-
beiterklasse einerseits als Träger einer solchen Reformkonzeption
besonders geeignet, andererseits steht sie unter dem unmittelba-
ren Druck von Teilen der Arbeiterklasse, insbesondere der Gewerk-
schaften, und muß versuchen, sich im Austausch gegen soziale Zu-
geständnisse deren Unterstützung zu sichern.
Die gegenwärtigen politischen Repräsentanten der Staatsmacht sind
aber auf der anderen Seite einem starken Druck der extrem reak-
tionären Kräfte ausgesetzt, die nichts unversucht lassen, ihre
eigene Variante der staatsmonopolistischen Anpassungsstrategie -
auch gegenüber der Arbeiterklasse - durchzusetzen.
Im Bewußtsein großer Teile der Arbeiterklasse erscheint unter
diesen Bedingungen die staatliche Sicherung der allgemeinen Ver-
wertungsbedingungen des Monopolkapitals als gesamtgesellschaftli-
che Aktivität des Staates und der Staat als "dritte Kraft" zwi-
schen Kapital und Arbeit (was Unzufriedenheit mit der schleppen-
den Verwirklichung sozialer Reformversprechungen nicht aus-
schließt).
Die marxistisch-leninistischen Kräfte richten ihren Kampf daher
darauf aus, einerseits die Angriffe des reaktionärsten Flügels
der Monopolbourgeoisie zurückzuweisen und andererseits der gegen-
wärtig praktizierten staatsmonopolistischen Reformpolitik eine
antiimperialistische demokratische Alternative im Interesse der
Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten entgegenzustellen.
Durch die allseitigen Eingriffe des Staates in die Klassenbezie-
hungen und in die Existenzbedingungen der Arbeiterklasse weitet
sich das Feld des Klassenkampfes aus. Unter diesem Aspekt werden
einige Fragen aufgeworfen, die das Verhältnis zwischen ökonomi-
schem und politischem Kampf in neuer Weise betreffen. Unter den
veränderten Existenzbedingungen des Imperialismus steht die Ar-
beiterklasse vor der Notwendigkeit, die Mittel und Methoden des
Klassenkampfes inhaltlich zu erweitern.
Der Kampf um die Steigerung des Reallohnes, um wenigstens die
über den individuellen Konsum gegebenen Möglichkeiten zur Gewähr-
leistung der Reproduktion der Arbeitskraft zu erweitern, wird
auch künftig ein Hauptfeld des Klassenkampfes darstellen. Die
lohnpolitischen Auseinandersetzungen haben in den letzten Jahren
an Schärfe zugenommen und werden auch künftig ihre Bedeutung
nicht verlieren. Im Gegenteil: Zunehmender Inflationsdruck, Ver-
suche des Staates, in die Primärverteilung zugunsten der monopo-
listischen Kapitalakkumulation einzugreifen, und das ständige
Streben des Monopolkapitals, die neuartigen Anforderungen an die
Reproduktion der Arbeitskraft auf die individuelle Konsumtion ab-
zuwälzen, geben den tarifpolitischen Kämpfen objektiv größeres
Gewicht. Gleichzeitig verbinden sich die Lohnforderungen ver-
stärkt mit Aktionen der Arbeiterklasse gegen die ungerechte Ein-
kommensverteilung zwischen Kapital und Arbeit und führen so zu
einer stärkeren Politisierung der Tarif kämpfe, stellen jedoch
hierbei noch in ungenügendem Maße die prinzipielle Frage nach der
Überlebtheit des kapitalistischen Privateigentums. Neuartige so-
zialpolitische Forderungen, die in die Tarifkämpfe einfließen
(zum Beispiel Rationalisierungsschutzabkommen, Bildungsurlaub,
neue Probleme des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und der Al-
tersversorgung), gewinnen für die Sicherung der Reproduktion der
Arbeitskraft zunehmende Bedeutung. Solche Forderungen allein wer-
den jedoch den Notwendigkeiten in keiner Weise gerecht, die sich
aus den Anforderungen der wissenschaftlich-technischen Revolution
an die Arbeitskraft einerseits und aus der Verschmelzung der
Macht der Monopole mit der Staatsmacht andererseits ergeben. Der
Kampf um eine wirksame Einflußnahme auf Planung, Leitung und Kon-
trolle gesellschaftlicher Prozesse wird zugleich zu einer immer
wichtigeren Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf auf den
traditionellen Gebieten, wie für Erfolge im Bereich jener sozia-
len Probleme, die die wissenschaftlich-technische Revolution für
die Arbeiterklasse im staatsmonopolistischen System neu aufwirft.
In den Klassenkampf der Arbeiter fließen deshalb immer stärker
Forderungen ein, die in ihrer objektiven Tendenz auf grundsätzli-
che Machtveränderungen drängen. Durch wachsende Bewußtheit und
Organisiertheit des Kampfes der Arbeiterklasse werden sich mit
der stärkeren Ausprägung ihrer antiimperialistischen Ziele auch
ihre prinzipiellen Erfolge mehren. Verbunden mit der dabei vor
sich gehenden schrittweisen Veränderung des Kräfteverhältnisses
werden die objektiven Voraussetzungen günstiger, daß sich Ele-
mente des Kampfes um den Sozialismus bereits im antiimperialisti-
schen Kampf herausbilden können.
Veränderungen in der Stellung der Arbeiter im
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kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsprozeß
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Die Verschärfung des kapitalistischen Grundwiderspruchs tritt
hinsichtlich der Stellung der Arbeiter im kapitalistischen Pro-
duktionsprozeß vor allem in folgender Weise zutage:
a) Die wissenschaftlich-technische Revolution bringt eine neue
Entwicklungsstufe des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit
hervor. Mehr denn je gilt die Feststellung, daß die Vergesell-
schaftung der Produktion einen solchen Grad erreicht hat, "auf
dem Aneignung der Produktionsmittel und Produkte, und damit der
politischen Herrschaft, des Monopols der Bildung und der geisti-
gen Leitung durch eine besondere Gesellschaftsklasse nicht nur
überflüssig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell
ein Hindernis der Entwicklung geworden ist." (Marx/Engels, Werke,
Bd. 20, Berlin 1962, S. 263)
Das private Eigentum an den Produktionsmitteln verhindert eine
rationelle Organisation des gesellschaftlichen Reproduktionspro-
zesses und damit die reale Anerkennung des gesellschaftlichen
Charakters der Arbeit und ihre Verausgabung als unmittelbar ge-
sellschaftliche, planmäßig organisierte Arbeit assoziierter Pro-
duzenten und Eigentümer.
b) Die fortschreitende Akkumulation und Konzentration des Kapi-
tals vertieft die Objektsituation des Arbeiters, seine totale Un-
terwerfung als Gesamtpersönlichkeit unter den Verwertungsprozeß
durch die Ausdehnung der Kapitalherrschaft auf alle Tätigkeits-
und Lebensbereiche der Arbeiterklasse. Der von Marx charakteri-
sierte "Antagonismus zwischen moderner Industrie und Wissenschaft
auf der einen Seite und modernem Elend und Verfall auf der ande-
ren Seite, dieser Antagonismus zwischen den Produktivkräften und
den gesellschaftlichen Beziehungen" spitzt sich zu. (Marx/Engels,
Werke, Bd. 12, Berlin 1969, S. 4)
Veränderungen in den Arbeitsfunktionen
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Mit der wissenschaftlich-technischen Revolution verändern sich
allmählich durch neue Maschinensysteme und Technologien, durch
neue Energieformen und Arbeitsgegenstände Platz und Funktion ei-
nes Teiles der Produzenten im Produktionsprozeß. Eine noch
kleine, aber wachsende Zahl Industriearbeiter wird aus den unmit-
telbaren Produktionsabläufen herausgelöst und als Wartungs-,
Überwachungs- oder Steuerungspersonal automatischer Anlagen und
Prozesse eingesetzt. Es wird erforderlich, daß eine wachsende,
wenn auch noch kleine Gruppe der Arbeitskräfte schöpferische gei-
stige Arbeit leistet. Marx und Engels sahen in diesem allmähli-
chen Heraustreten der Arbeitskräfte aus dem unmittelbaren techno-
logischen Fertigungsprozeß und ihrem Einsatz für schöpferische
Arbeit die künftige Haupttendenz der Entwicklung der Produktiv-
kräfte. Damit entstehen die Voraussetzungen und Möglichkeiten,
den Freiheitsraum des einzelnen und der Gesellschaft für die all-
seitige Entwicklung der Persönlichkeit zu vergrößern und den für
den Kapitalismus typischen Gegensatz von Arbeit als Knechtung ei-
nerseits und Freizeit als dem "eigentlichen" Leben andererseits
zu überwinden, die Arbeit zur entscheidenden Quelle des Schöfer-
tums und der menschlichen Persönlichkeitsentfaltung zu machen.
Dies setzt jedoch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel
und der Produktion voraus.
Im Kapitalismus werden der Charakter, das Ausmaß und die konkre-
ten Formen der Veränderungen in den Arbeitsfunktionen vom Profit-
motiv bestimmt. Die mögliche Herausbildung von Tätigkeiten mit
höheren geistig-schöpferischen Anforderungen, die mögliche Besei-
tigung von Arbeitsplätzen mit schwerer körperlicher oder sinnent-
leerter Routinearbeit findet immer dann und dort ihre Grenzen, wo
sie keinen zusätzlichen Profit abwirft.
Unter kapitalistischen Bedingungen nimmt - im Prozeß der Vollme-
chanisierung und Automatisierung - die Differenzierung der Tätig-
keitsanforderungen und die Polarisierung zwischen relativ wenigen
Funktionen mit hohen berufstheoretischen oder geistig-schöpferi-
schen Anforderungen und monotonen Routinearbeiten zu. Dies gilt
sowohl für die Industriearbeiter als auch sinngemäß für die na-
turwissentschaftlich-technische Intelligenz und für die Ange-
stellten im kaufmännischen und technischen Bereich. Einige bür-
gerliche Soziologen versuchen, diese Polarisierung, Differenzie-
rung und Vereinseitigung der Produzenten als unvermeidliches Re-
sultat produktionstechnischer "Sachzwänge" hinzustellen. Mit der
wissenschaftlich-technischen Revolution entstehen jedoch im Ge-
genteil qualitativ neue Möglichkeiten für die Gestaltung von Ar-
beitsfunktionen, wenn die Entscheidungen über Investitionen, über
die Gestaltung der Produktionsmittel und die Arbeitsorganisation
nicht vom Profitgesichtspunkt diktiert werden. Die Veränderungen
der Arbeitsfunktionen werden mit der fortschreitenden Vergesell-
schaftung der Produktion und den Auswirkungen der wissenschaft-
lich-technischen Revolution auf die Produktivkräfte immer stärker
durch die Produktionsverhältnisse geprägt.
Entwicklungstendenzen des Verhältnisses
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von geistiger und körperlicher Arbeit
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Mit der wissenschaftlich-technischen Revolution erlangen die gei-
stigen Fähigkeiten der Produzenten zunehmende Bedeutung; es wach-
sen die Anforderungen an das Bildungs- und Qualifikationsniveau.
Die Haupttendenz besteht langfristig auch unter staatsmonopoli-
stischen Bedingungen in einer Höherentwicklung des durchschnitt-
lichen Qualifikationsniveaus der Arbeitskraft. Es genügt für die
Profitproduktion auf die Dauer nicht, zur Beschleunigung des
technischen Fortschritts nur den Anteil der hochqualifizierten
wissenschaftlich-technischen Arbeit zu vergrößern. Die in den
Produktionsmitteln vergegenständlichten wissenschaftlichen Er-
kenntnisse und die Qualifikation der sie anwendenden Arbeits-
kräfte sind nur begrenzt substituierbar. Vergegenständlichte und
lebendige Arbeit müssen eine aufeinander bezogene, dialektische
Einheit bilden, wenn nicht die Entwicklung der Produktivität -
und damit die Steigerung der Profite - behindert werden sollen.
Die Entwicklung des Verhältnisses von geistiger und körperlicher
Arbeit verläuft unter dem staatsmonopolistischen Kapitalismus als
widersprüchlicher Prozeß und widerspiegelt die antagonistischen
Klassengegensätze im Imperialismus.
Einerseits vollziehen sich zwischen den Elementen geistiger und
manueller Arbeit innerhalb einzelner produktiver Tätigkeiten so-
wie zwischen den Trägern vorwiegend geistiger oder manueller Ar-
beit Annäherungstendenzen:
- Der Anteil der geistigen Elemente in der unmittelbar produkti-
ven Tätigkeit nimmt zu.
- Ein rasch wachsender Teil der geistigen Arbeit wird unmittelbar
in der Produktionstätigkeit verausgabt und zur unmittelbaren Pro-
duktivkraft, wobei eine Differenzierung zwischen Routinearbeit
und schöpferischer Tätigkeit erfolgt.
- Der sozialökonomischen Stellung nach wird ein Teil dieser gei-
stigen Arbeiter zu ausgebeuteten Lohnarbeitern.
Innerhalb der Arbeiterklasse und innerhalb des Produktionsprozes-
ses kommt es also zu Annäherungsprozessen, die den Gegensatz der
Gesamtheit aller Lohnarbeiter zum Kapital ausweiten.
Andererseits verschärft sich unter staatsmonopolistischen Bedin-
gungen der Gegensatz von geistiger und körperlicher Arbeit als
Ausdruck der antagonistischen Klassenverhältnisse:
- Die Entscheidungen bei der Leitung wirtschaftlicher, politi-
scher und gesellschaftlicher Prozesse und bei der Entwicklung der
Produktivkräfte werden in ihren Zielsetzungen und Ergebnissen von
den Monopolinteressen bestimmt. Die Träger dieser grundlegenden
Entscheidungen - aus welchen Schichten der Bevölkerung sie auch
stammen - sind Teilhaber am Monopolprofit und an der monopolisti-
schen ökonomischen und politischen Macht.
- Das Bildungsmonopol der herrschenden Klasse äußert sich nicht
nur in ihrem Bildungsprivileg, sondern vor allem in der Festle-
gung des Inhaltes und Zieles der Bildung und Erziehung, die den
anderen Klassen und Schichten zuteil wird. Die Bourgeoisie muß
einerseits der Arbeiterklasse im Profitinteresse höhere Kennt-
nisse vermitteln, andererseits sucht sie durch den bürgerlichen
Klasseninhalt der vermittelten Bildung und durch intensive poli-
tisch-ideologische Manipulierung zu verhindern, daß sich mit dem
höheren Bildungsniveau das Bewußtsein der Arbeiterklasse über
ihre Position in der Ausbeutergesellschaft entwickelt.
- In dem Maße, wie unter den Bedingungen des Monopoleigentums an
den Produktionsmitteln die Wissenschaft zur unmittelbaren Produk-
tivkraft wird und das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte an-
gehoben werden muß, nutzt das Kapital diese Prozesse für die In-
tensivierung der Ausbeutung, zur Erhöhung der Profite. Die Resul-
tate geistiger Arbeit treten den Ausgebeuteten - ganz gleich, ob
sie überwiegend geistige oder körperliche Arbeit leisten - im
Produktionsprozeß als Elemente des Arbeitszwanges entgegen, als
Element ihrer Unterordnung unter die Kapitalherrschaft.
Insgesamt ergeben sich - trotz der Schranken, die die monopoli-
stischen Eigentumsverhältnisse setzen - neue Möglichkeiten für
die Entwicklung des Typs eines modernen, wissenschaftlich-tech-
nisch besser gebildeten, zum rationalen technischen Denken befä-
higten und in seinem Selbstbewußtsein als "Fachmann" gestärkten
Industriearbeiters. In dieser Entwicklungstendenz sehen die mar-
xistisch-leninistischen Parteien große Möglichkeiten, diese na-
turwissenschaftlich-technisch geprägte Rationalität und spontan
materialistische Denkweise auf die Höhe der wissenschaftlichen
Weltanschauung der Arbeiterklasse zu heben. Andererseits sehen
sie auch, daß es der Monopolbourgeoisie bisher in sehr weitem
Maße gelingt, solche Kenntnisse, Denk- und Verhaltensweisen zur
weiteren Bindung erheblicher Teile der Arbeiterklasse an das
staatsmonopolistische Herrschaftssystem, zur Verbreitung bürger-
licher Ideologien und Verhaltensweisen zu mißbrauchen.
Veränderungen in den Formen und Auswirkungen der Ausbeutung
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Die Unterordnung der wissenschaftlich-technischen Revolution un-
ter die Plusmacherei als absolutem Gesetz der kapitalistischen
Produktionsweise intensiviert die Ausbeutung und verstärkt die
Gefahr des physischen Ruins der Arbeitskraft in vielen Bereichen
der gesellschaftlichen Produktion. Die dem Profitstreben unterge-
ordnete technologische Gestaltung und soziale Organisation des
Produktionsprozesses bringt qualitativ neue Arbeitsanforderungen
und -intensitäten hervor, die die Gesamtpersönlichkeit des Arbei-
ters auf ungleich komplexere psycho-physische Weise als bisher
belasten und die Tendenz des Kapitals zur Verwüstung der Arbeits-
kraft auf neue und verstärkte Weise reproduzieren. Insbesondere
steigen die psychisch-nervlichen Belastungen, die Anforderungen
an Sinnesorgane und Nervensystem, an Aufmerksamkeit und Konzen-
tration, an Redaktions- und Entscheidungsvermögen der Arbeiter,
die an automatisierten Anlagen tätig sind. Der Verschleiß ihrer
psychisch-nervlichen Kräfte beschleunigt sich wesentlich, aller-
dings mit unterschiedlichen Wirkungen auf den verschiedenen Rei-
festufen der Autmatisierung und für die verschiedenen Gruppen des
Automatisierungspersonals. So gilt zum Beispiel für das Überwa-
chungspersonal sich selbst regelnder Systeme, daß sich in ihrer
Tätigkeit relative Beschäftigungsarmut unterhalb der für die nor-
male Entwicklung des Menschen erforderlichen Mindestschwelle kör-
perlich-geistigen Anspruchs mit gleichzeitig unablässig konzen-
trierter Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit verbindet. Diese
gleichzeitige teilweise Unter- und Überforderung der Arbeitskraft
bilden einen Wirkungskomplex, der von besonderer persönlichkeits-
schädigender oder gar -zerstörender Wirkung ist.
Der staatsmonopolistische Weg der wissenschaftlich-technischen
Revolution hat die Aufsplitterung vieler Arbeitsfunktionen in
Elementartätigkeiten zur Folge, bei denen sich geringster Quali-
fikationsanspruch, hohe Arbeitsmonotonie, extreme Vereinseitigung
der Tätigkeit und Zwang zu gleichbleibend hoher Intensität zu ho-
hen psycho-physischen Belastungen vereinen. Vor allem die gegen-
wärtig vorherrschenden Entwicklungsstufen der wissenschaftlich-
technischen Revolution - Vollmechanisierung und Teilautomatisie-
rung - reduzieren häufig die Arbeitsfunktion eines bedeutenden
Teils des Bedienungs- und Hilfspersonals auf wenige mechanische
Elementarfunktionen, entleeren deren Arbeit ihres Inhalts und er-
zwingen durch den objektiven Zwangsrhythmus des Produktionssy-
stems eine oft pausenlose, die Arbeitskraft rasch erschöpfende
Arbeitsintensität. Unter diesen Umständen gehen gerade in den mo-
dernsten Betrieben der Verschleiß an geistig-nervlichen Kräften,
die psychisch-moralische Belastung und die Vereinseitigung der
Beanspruchung bei gleichzeitig hoher Arbeitsintensität auf die
Dauer über die physiologische Reproduktionsfähigkeit der Arbeits-
kraft hinaus.
Die Unterordnung der wissenschaftlich-technischen Revolution un-
ter die Gesetze der kapitalistischen Ausbeutung verwandelt so die
ihr innewohnenden Möglichkeiten zur vielseitigen Entwicklung der
Produktivkraft Mensch, zur "Selbstverwirklichung des Menschen"
(Marx) in ihr Gegenteil und ist eine der wichtigsten Ursachen für
zunehmende oder anhaltend hohe Frühinvalidität, psychisch-nervli-
che Schädigungen, Herz- und Kreislaufstörungen, Arzneimittelmiß-
brauch und andere nicht nur die Gesundheit, sondern die Gesamt-
persönlichkeit des Arbeiters schädigende oder gar zerstörende
Folgen. Die Arbeits- und Lebenskraft vieler Arbeiter und Ange-
stellten wird vorzeitig ausgepumpt. Die Sinnentleerung des Ar-
beitslebens findet zugleich ihre Fortsetzung in der Sinnentlee-
rung des geistig-kulturellen Lebens durch die kapitalistische
Freizeitindustrie.
Intensivierung der Ausbeutung einerseits und Unfähigkeit des Sy-
stems andererseits, komplexe gesellschaftliche Voraussetzungen
für die Reproduktion der Arbeitskraft zu schaffen, machen beson-
ders deutlich, daß die Ausbeuterordnung, daß der Warencharakter
der Arbeitskraft immer mehr zum Hemmnis der erweiterten Reproduk-
tion der Hauptproduktivkraft Mensch, zur entscheidenden Barriere
für seine Persönlichkeitsentwicklung wird.
Mit der wachsenden Notwendigkeit gesellschaftlicher Aufwendungen
für die erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft kompliziert sich
das Problem der Wertentwicklung der Ware Arbeitskraft. Und auf
der anderen Seite wird mit der rasch wachsenden Umverteilung des
Nationaleinkommens die Quantifizierung des von der Arbeiterklasse
geschaffenen Mehrprodukts, das heißt des Ausbeutungsgrades und
der Intensivierung der kapitalistischen Ausbeutung, immer schwie-
riger. In untrennbarem Zusammenhang mit den Wirkungen der wissen-
schaftlich-technischen Revolution auf die Wertentwicklung der Ar-
beitskraft (zum Beispiel Entwertung durch Dequalifizierung; er-
höhte Reproduktionsbedürfnisse; Einfluß der Produktivitätsent-
wicklung auf die Reproduktionskosten; Dialektik von individuellen
Konsumnotwendigkeiten und gesellschaftlich zu schaffenden Repro-
duktionsbedingungen u.a.) steht die Einwirkung des Sozialismus
auf die inneren Entwicklungsprozesse und den Klassenkampf in den
kapitalistischen Ländern. Seinem Wesen nach ist der Wert der Ware
Arbeitskraft bekanntlich ein gesellschaftliches Verhältnis, das
heißt ein Klassenverhältnis. In wachsendem Maße wird daher die
Wertgröße der Arbeitskraft vom Verhältnis der Klassenkräfte zu-
einander und von der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen
Sozialismus und Imperialismus im Weltmaßstab, die auf das Ver-
hältnis der inneren Klassenkräfte einwirken, beeinflußt.
Anwendung und Verwertung der Ware Arbeitskraft
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Mit der wissenschaftlich-technischen Revolution erweitern sich
auch unter dem staatsmonopolistischen Kapitalismus Arbeitsfeld
und Verantwortungsbereich für bestimmte Arbeitergruppen. Aus ih-
rer Verantwortung für Einzelprozesse, Einzelfunktionen und Ein-
zelmaschinen wird die Verantwortung für den reibungslosen Fluß
ganzer technologischer Prozesse und Produktionssysteme sowie für
deren rationelle, das heißt kostensparende und profitable Nut-
zung.
Bürgerliche Soziologen versuchen, unter Ignorierung der gesell-
schaftlichen Verhältnisse, Veränderungen in der Funktion bestimm-
ter Arbeitergruppen als Befreiung des Arbeiters aus seiner Ob-
jektsituation darzustellen, mit der Begründung, daß diese Verän-
derungen Qualifikation und Bildungsstand dieser Arbeiter erhöh-
ten, sie von schwerer körperlicher oder "erniedrigender" Arbeit
befreiten und in ihnen ein neues "Selbstwertgefühl" durch erhöhte
Verantwortung entwickelten. Das Kapital steht vor dem Problem,
bestimmten Arbeitergruppen Verantwortung für Teile des Produkti-
onsprozesses zu übertragen, der zugleich ihr Ausbeutungsprozeß
ist. Es muß bei diesen Arbeitern und Angestellten schöpferische,
aktive Verhaltensweisen erzeugen, die zu deren gesellschaftlicher
Stellung objektiv im Widerstreit stehen, da sie ihrem Wesen nach
nur Verhaltensweisen von Eigentümern an den Produktionsmitteln
sein können. Zur Sicherung seiner Herrschaft versucht daher das
Kapital zugleich, die objektiv wachsende Verantwortung von Teilen
der Arbeiterklasse auf technische Ausführungsfunktionen zu be-
grenzen, tiefere Einsichten in den Gesamtzusammenhang des Produk-
tionsprozesses, seiner Organisation und Leitung sowie vor allem
jede echte Mitbestimmung über die Relation von Lohn und Profit zu
verhindern. Erst recht verwehrt das Kapital den Arbeitern jegli-
che echte überbetriebliche Mitbestimmung in Wirtschaft und Ge-
sellschaft.
In zunehmendem Maße bemühen sich Vertreter des Monopolkapitals,
das wachsende Bewußtsein der westdeutschen Arbeiter, sich als
Schöpfer des gesellschaftlichen Reichtums zu erkennen, zur Stimu-
lierung ihres Leistungswillens und eines systemkonformen Verhal-
tens zu mißbrauchen. Unter den Schlagworten des "selbstbewußten",
"emanzipierten" Arbeiters versuchen sie, ihn zu individualisti-
scher Verhaltensweise und zur Zusammenarbeit mit dem Kapital zu
bewegen, seine solidarische Klassenverbundenheit und sein - in
welcher Form auch immer existierendes - Klassenbewußtsein zu zer-
stören.
Andererseits kann dieses sich stärkende, auf dem Stolz des
"Fachmanns" beruhende "Selbstbewußtsein" durchaus ein Ansatzpunkt
für die Entwicklung von Klassenbewußtsein sein und in diesem
Sinne von den bewußten Kräften der Arbeiterklasse genutzt werden.
In der Gegenwart dominiert unter den westdeutschen Arbeitern und
Angestellten zweifellos eine Ideologie, sich als "Arbeitnehmer",
als "Sozialpartner" zu sehen, der durchaus auch seine eigenen be-
rechtigten Interessen hat und dafür kämpfen und streiken muß,
ohne allerdings das System in Frage zu stellen. Viele Arbeiter
fühlen und erkennen sich noch nicht als Angehörige der Arbeiter-
klasse in einer antagonistischen Klassengesellschaft, noch nicht
als revolutionäre gesellschaftsverändernde und geschichtsgestal-
tende Potenz. Die wissenschaftlich-technische Revolution bedeutet
einen qualitativ neuen Grad der Naturbeherrschung durch den Men-
schen. Ob ihre Ergebnisse jedoch von der und für die Arbeiter-
klasse genutzt werden können, hängt davon ab, ob und inwieweit
sich dieser höhere Grad der Beherrschung der Natur mit der Be-
herrschung der gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze und mit der
bewußten und planmäßigen Leitung der gesellschaftlichen Prozesse
durch die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten zusammenfügt. Hier
liegt die entscheidende Schranke, die die staatsmonopolistischen
Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse der vollen Entfaltung und
der gesellschaftlichen Nutzung der Möglichkeiten der wissen-
schaftlich-technischen Revolution setzen. Die Spontaneität und
Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise verhindern die be-
wußte Beherrschung der gesellschaftlichen Prozesse. Das kapitali-
stische Eigentum an den Produktionsmitteln schließt die Masse des
Volkes von der Planung, Leitung und Kontrolle der gesellschaftli-
chen Beziehungen und Entwicklungsprozesse aus. Mit der Konzentra-
tion der ökonomischen und politischen Macht bei einer winzigen
staatsmonopolistischen Herrschaftsgruppe verschärft sich der Wi-
derspruch zwischen den wachsenden Einsichten der Arbeiterklasse
in naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten und ihrem Ausgelie-
fertsein an nichtkontrollierbare gesellschaftliche Prozesse, er-
höht sich die Gefahr des Mißbrauchs der zunehmenden Naturbeherr-
schung für die expansiven und aggressiven Ziele des Imperialismus
und der Verwendung der neuen Produktivkräfte als Destruktiv-
kräfte.
Dieser Widerspruch ist eine wichtige Quelle für die Erkenntnis
zunehmender Existenzunsicherheit und für das steigende Unbehagen
an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen - ohne daß
der Klassencharakter dieser gesellschaftlichen Verhältnisse und
ihrer Auswirkungen bereits allgemein erkannt würde. Besonders un-
ter der Arbeiterjugend, den Studenten und unter Angehörigen der
Intelligenz ist dieser, dem staatsmonopolistischen Kapitalismus
wesenseigene Widerspruch eine spezifische Triebkraft für antiim-
perialistische Aktionen und Alternativen.
Die massenwirksame Vermittlung der wissenschaftlichen Weltan-
schauung der Arbeiterklasse durch die marxistisch-leninistische
Partei ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, daß die Arbei-
terklasse der BRD nicht nur besser lernt, die Naturkräfte, also
vor allem die Technik, zu beherrschen, sondern auch zur Erkennt-
nis der Entwicklungsgesetze der Gesellschaft gelangt. Die aktive
Teilnahme am Klassenkampf ist ein entscheidender Weg für die
praktische Verbindung von Natur- und Gesellschaftsbeherrschung,
für die Entwicklung der Arbeiterklasse von einer "Klasse an sich"
zur "Klasse für sich".
Qualitative und quantitative Veränderungen
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in der Struktur der Arbeiterklasse
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In der Arbeiterklasse der BRD vollziehen sich tiefgreifende
Strukturveränderungen, deren Analyse und Wertung für die Ein-
schätzung ihrer künftigen Lage und Kampfbedingungen von großer
Bedeutung sind. Strukturveränderungen innerhalb der gesamten
Volkswirtschaft, zwischen den Industriezweigen und Veränderungen
der Struktur der Produktion werden von der wisssenschaftlich-
technischen Revolution, der staatlich geförderten Akkumulation
und Konzentration des Kapitals und von den aggressiven Expansi-
onsbestrebungen der imperialistischen Kräfte entscheidend be-
stimmt. Alle diese wirtschaftlichen Strukturveränderungen wirken
sich auf die qualitativen und quantitativen Veränderungen inner-
halb der Arbeiterklasse aus.
Die Struktur der Arbeiterklasse wird sich weiter differenzieren,
gleichzeitig mehren sich jedoch die Tendenzen der sozialen Ver-
einheitlichung und Annäherung ihrer einzelnen Schichten und Grup-
pen. Die Akkumulation des Kapitals und die ihr dienende staatli-
che Wirtschaftspolitik führen durch die verstärkte Proletarisie-
rung der Bauern, Handwerker, des städtischen Mittelstandes und
Teilen der Intelligenz zum weiteren Anwachsen der Arbeiterklasse.
Die Polarisation der Klassenkräfte, der Besitz- und Einkommens-
verhältnisse erreicht eine neue Qualität. Auf der Basis des sich
zuspitzenden Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit entfaltet
sich der Widerspruch zwischen der Herrschaft der staatsmonopoli-
stischen Oligarchie und der gewaltigen Mehrheit der Bevölkerung.
Beschäftigte in der BRD
in 1000
1950 1960 1969
Erwerbstätige insgesamt 20 376 26 247 26 822
darunter: "Tertiärer" Bereich 6 667 10 106 11 353
davon: Handel und Verkehr 2 918 4 515 4 729
sonstige Dienstleistungen 3 749 5 591 6 624
_____
Quelle: Statistischesjahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland
1969, (Hrsg. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden), Stuttgart-Mainz
1969, S. 122.
Beschäftigte in der Industrie der BRD
1950 1960 1970
in Anteil in Anteil in Anteil
1000 v.H. 1000 v.H. 1000 v.H.
Industrie insgesamt 4935 100 8081 100 8620 100
darunter:
Chemische Industrie 287 5,9 453 5,8 597 6,9
Maschinenbau 462 9,4 936 12,0 1203*)13,9*)
Fahrzeugbau 193 3,9 403 5,2 607 7,0
Elektrotechnische 264 5,4 728 9,4 1098 12,7
Industrie
_____
*) Einschl. Büromaschinen und Datenverarbeitungsgeräte und
-einrichtungen.
Quellen: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutsch-
land, lfd.; für 1970: Fachserie D, Industrie und Handwerk, Reihe
I, Teil 1, Vorbericht 1970 (Hrsg. Statistisches Bundesamt, Wies-
baden), Stuttgart-Mainz
Verteilung des Arbeitskräftepotentials
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In der Verteilung der Arbeitskräfte auf die einzelnen volkswirt-
schaftlichen Hauptbereiche und Zweige lassen sich folgende Ten-
denzen erkennen:
1. Die stärkste Zunahme der Beschäftigtenzahl innerhalb des ge-
samten Arbeitskräftepotentials erfolgt im sogenannten "tertiären
Sektor". Innerhalb dieses Bereichs verläuft der Prozeß der Ver-
teilung der Arbeitskräfte sehr unterschiedlich. Die größte Zu-
nahme haben das Kredit- und Versicherungswesen, die staatlichen
Verwaltungen und die allgemeinen Dienstleistungen zu verzeichnen;
eine Stagnation ist im Handel zu beobachten; rückläufig ist die
Gesamtzahl und der Anteil der Beschäftigten im Verkehrs- und
Nachrichtenwesen.
2. Im Gesamtbereich der Industrie stagniert die Zahl der Arbeits-
kräfte. Innerhalb der Industrie erfolgte ein starker Rückgang der
Zahl der Beschäftigten der extraktiven Industrie. Dieser Prozeß
wird sich verlangsamen. Im Bereich der verarbeitenden Industrie
ist der Prozeß der Konzentration der Arbeitskräfte auf jene
Zweige, die mit der "wissenschaftlich-technischen Revolution be-
sonders eng verbunden sind, noch in vollem Gange.
3. Starke quantitative Veränderungen ergeben sich durch das ra-
pide Sinken des Anteils der Landarbeiter an der gesamten Arbei-
terklasse. Dieser Prozeß wird weiter anhalten, sich aber verlang-
samen. Gleichzeitig schreitet die Proletarisierung von Nebener-
werbs-, Klein-und Mittelbauern weiter fort.
Die Freisetzung aus bisher bedeutenden Zweigen der Wirtschaft
bringt für die meisten betroffenen Arbeiter, besonders für spe-
zialisierte Facharbeiter, große soziale Probleme mit sich, für
viele eine bedeutende Verschlechterung ihrer materiellen Exi-
stenzgrundlage, Dequalifizierung und Degradation sowie für ältere
Arbeiter häufig eine vorzeitige Verdrängung aus dem Arbeitspro-
zeß.
Für freigesetzte Landarbeiter, auch in ihrer alten Tätigkeit zu-
meist kaum qualifiziert, bringt die Aufnahme einer angelernten
oder ungelernten Tätigkeit in der Industrie zwar häufig eine ma-
terielle Verbesserung, aber infolge ihrer besonders niedrigen
Disponibilität und ihres allgemein niedrigen Bildungs- und Quali-
fikationsniveaus eine starke Unsicherheit ihres neuen Arbeits-
platzes. Ähnliches gilt, wenn auch nicht so ausgeprägt, für einen
Teil der Arbeitskräfte, die von handwerklichen Berufen in die In-
dustrie oder zwischen einzelnen Industriezweigen wechseln mußten.
Veränderungen in der Qualifikationsstruktur
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Die wissenschaftlich-technische Revolution verlangt neue Qualifi-
kationsproportionen im gesellschaftlichen Arbeitskräftepotential.
Das Hauptproblem besteht in dieser Hinsicht für die Arbeiter-
klasse darin, daß das gesamte Bildungssystem in seiner Zielset-
zung, seinem Inhalt und seiner Struktur den ökonomischen und po-
litischen Zielen des Kapitals untergeordnet ist. Für die Berufs-
bildung und für die Qualifikationsstruktur der Arbeiterklasse
gilt dabei, daß sie vom Profitstreben und von den unterschiedli-
chen Verwertungsbedingungen der kleinen, mittleren und monopoli-
stischen Kapitale in unterschiedlicher, aber immer gegen die bil-
dungspolitischen Interessen der Arbeiterklasse gerichteter Weise
bestimmt werden. Daraus ergibt sich,
- daß die Berufsbildung vielfach in Berufen und für Tätigkeiten
erfolgt, für die künftig kein oder nur geringer Bedarf besteht
und daß prognostizierbare künftige Anforderungen völlig ungenü-
gend berücksichtigt werden und damit die Berufsbildung im hohen
Maße von vornherein die Gefahr künftiger Dequalifizierung oder
Freisetzung impliziert;
- daß die traditionelle Berufs- und Qualifikationsstruktur nach
Facharbeitern, angelernten und ungelernten Arbeitern weder in ih-
rem überkommenen Inhalt noch in ihren Proportionen und auch nicht
im gegenwärtigen Aus- und Weiterbildungssystem - einschließlich
der monopolistischen Formen der Stufenausbildung - den heutigen
und noch weniger den künftigen Anforderungen der wissenschaft-
lich-technischen Revolution entspricht.
Für die Entwicklung der Qualifikationsstrukturergeben sich vor
allem folgende Tendenzen: Die herkömmliche Facharbeiterausbil-
dung, auf eine Vielzahl spezialisierter Fertigkeiten zersplit-
tert, wird durch die neuen technischen Anforderungen immer
schneller entwertet und unbrauchbar. Modernere Ausbildungsinhalte
und -methoden werden jedoch nur zögernd und gegen den Widerstand
eines beachtlichen Teils der Bourgeoisie durchgesetzt. Für die
Arbeiterklasse wird eine Ausbildung in berufstheoretisch fundier-
ten, breit profilierten Grundberufen zu einer vordringlichen Vor-
aussetzung für höhere Disponibilität und damit wichtiges Element
künftiger sozialer Sicherheit. Dies um so mehr, als mit der Be-
schleunigung des technischen Fortschritts bei Beibehaltung der
gegenwärtigen Ausbildungsziele und -methoden die Qualifikation
immer stärker hinter den Veränderungen der wirtschaftlichen und
Produktionsstruktur zurückzubleiben droht. Mit der Rationalisie-
rung und Automatisierung entstehen vielfältige neuartige Anlern-
tätigkeiten; von komplexen hochqualifizierten Tätigkeiten werden
Routinearbeiten abgespalten. Andererseits geht in einer Reihe von
Industriezweigen (zum Beispiel Chemie, Elektronik) der Anteil der
angelernten Arbeiter zurück. Der Anteil der ungelernten Arbeiter
nimmt generell ab. Innerhalb der Schicht der traditionellen kauf-
männischen und Verwaltungsangestellten, aber auch der technischen
Angestellten vollziehen sich tiefgreifende Wandlungen der Tätig-
keits- und Qualifikationsstrukturen. Es verstärkt sich die Diffe-
renzierung in zum Teil höher qualifizierte, eng spezialisierte
"Sachbearbeiter" -Tätigkeiten, die in ihrem Wesen dem jetzigen
Facharbeiter entsprechen, und mechanischen und mechanisierten
Routinearbeiten, die viele traditionelle Kenntnisse und Fertig-
keiten entwerten. Von dieser Dequalifizierung und Degradation
werden vor allem weibliche Angestellte betroffen.
Der Anteil der Wissenschaftler, die in der Industrie, in der Ver-
waltung und in der der Industrie nahestehenden Forschung tätig
sind, nimmt weiter zu. Auch hier tritt eine Differenzierung zwi-
schen hochqualifizierter schöpferischer und geistiger Routinear-
beitein. Mit der künftigen stärkeren Automatisierung solcher Rou-
tineprozesse droht auch für einen wachsenden Teil der naturwis-
senschaftlich-technischen Intelligenz die Dequalifizierung und
Degradation.
Der Widerspruch zwischen dem gegenwärtigen Bildungs- und Berufs-
bildungssystem und den sich abzeichnenden neuen Anforderungen an
die Qualifikation der Arbeitskräfte sowie der Widerspruch zwi-
schen staatsmonopolistischer Anpassung der Berufsausbildung an
jeweilige technische und Profitbedürfnisse und den bildungspoli-
tischen Forderungen der Arbeiterklasse werden sich weiter vertie-
fen und verstärkt zum Feld der Klassenauseinandersetzung werden.
Struktur des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters
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Fortschreitende Spezialisierung, Arbeitsteilung und Kooperation
kennzeichnen sowohl den einzelnen betrieblichen als auch den ge-
sellschaftlichen Produktionsprozeß. Im Verlauf der wissenschaft-
lich-technischen Revolution verändert sich damit die Struktur des
gesellschaftlichen Gesamtarbeiters, das heißt des "kombinierten
Arbeitspersonals, dessen Glieder der Handhabung des Arbeitsgegen-
standes näher oder ferner stehn". (Marx/Engels, Werke, Bd. 23,
Berlin 1962, S. 531) Es vermindert sich die absolute Zahl und der
Anteil der in der unmittelbaren Fertigung beschäftigten Arbeiter;
die Anzahl und die Bedeutung der in der Produktionsvorbereitung,
-vollendung, -leitung und -kontrolle beschäftigten Lohnarbeiter
nimmt zu. Stagnation oder Rückgang der Beschäftigtenzahl im mate-
riell-gegenständlichen Bereich der Produktion ändern aber nichts
an der grundlegenden Bedeutung dieses Bereichs für den gesell-
schaftlichen Reproduktionsprozeß.
Für die Struktur der Arbeiterklasse ist von besonderer Bedeutung,
daß mit dem Anwachsen der nichtmateriellen Bereiche der Volks-
wirtschaft und jener betrieblichen Bereiche, die außerhalb der
eigentlichen Fertigung liegen, der Anteil der Angestellten und
der Intelligenz wächst, der Anteil der Arbeiter zurückgeht. Von
bürgerlichen Soziologen wird aus diesem Prozeß die Theorie vom
angeblichen Verschwinden der Arbeiterklasse abgeleitet. Aber die
Wirklichkeit ist eine andere:
Die Masse der Angestellten und wachsende Teile der Intelligenz
müssen - wie die Arbeiter - ihre Arbeitskraft an das Kapital oder
an den Staat verkaufen und - überwiegend geistige - Lohnarbeit
leisten. Das ist die entscheidende Gemeinsamkeit mit den Arbei-
tern und objektive Grundlage für die Zugehörigkeit auch dieser
Schichten zur Arbeiterklasse, ungeachtet aller sozialrechtlichen
Unterschiede, künstlich geschaffenen Privilegien und der Beson-
derheiten ihrer Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozeß
sowie ihres Anteils an der Produktion oder Realisierung des Mehr-
wertes.
Auch hinsichtlich ihrer Arbeitsfunktion macht sich eine Annähe-
rung von Teilen der Angestellten und Intelligenz an die Arbeiter
bemerkbar: An die Stelle produktionsleitender und produktionsor-
ganisierender Funktionen als unmittelbare Beauftragte des Kapi-
talstritt in wachsendem Maße die industriemäßige Detailarbeit und
die direkte Beteiligung am Produktionsprozeß.
Schließlich wird die Annäherungstendenz dadurch gefördert, daß
sich der Anteil der technischen Angestellten und Intelligenz, die
selbst Facharbeiter waren oder ihrer sozialen Herkunft nach aus
der Industriearbeiterschaft stammen, allmählich erhöht. Die qua-
litativen und quantitativen Veränderungen in der Struktur der Ar-
beiterklasse machen eine Präzisierung des Begriffs des "Kerns der
Arbeiterklasse" notwendig, zu dem die mit den modernsten Produk-
tivkräften und Organisationsformen des kapitalistischen Produkti-
onsprozessesverbundenen Industriearbeiter gehören.
Das ist besonders hinsichtlich der Strategie und Taktik der mar-
xistisch-leninistischen Partei gegenüber den einzelnen Schichten
und Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse, der bewußten Förderung
ihres Annäherungsprozesses und der Erarbeitung im einzelnen dif-
ferenzierter, aber auf Aktionseinheit zielender Formen der Be-
wußtseinsbildung und der Organisierung des gemeinsamen Kampfes
notwendig.
Strukturveränderungen und Bewußtseinsentwicklung
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der Arbeiterklasse
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Durch die Veränderungen in der Struktur der Arbeiterklasse nähern
sich die verschiedenen Gruppen der Arbeiterklasse in wesentlichen
Elementen ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen einander an. Das
erleichtert einerseits das Bewußtwerden der gemeinsamen Interes-
sen, des gemeinsamen Klassengegners und der eigenen gemeinsamen
Klassenzugehörigkeit sowie der Notwendigkeit gemeinsamer Aktio-
nen, fördert jedoch andererseits das Eindringen bürgerlicher
Denk- und Verhaltensweisen in die Arbeiterklasse. Der sich objek-
tiv vollziehende Prozeß der Annäherung und Formierung der
einheitlichen Arbeiterklasse unter den Bedingungen der
wissenschaftlich-technischen Revolution im staatsmonopolistischen
Kapitalismus tritt zunächst - dem Charakter der kapitalistischen
Warenproduktion entsprechend - als Prozeß der Differenzierung und
Atomisierung der Tätigkeiten und der Produktionsbeziehungen,
ihrer Undurchschaubarkeit und Unbeherrschbarkeit, der weiteren
Differenzierung des Lohnes, des "Sozialprestiges" usw. zutage und
wird im individuellen Bewußtsein der meisten Arbeiter auch so
reflektiert und verarbeitet. Das wirkt der Herausbildung des
Klassenbewußtseins entgegen, fördert individualistische, apoliti-
sche und gruppenspezifische Denk- und Verhaltensweisen oder auch
klassenneutral verstandene Partnerschafts- und Gemeinwohlauf-
fassungen.
Mit der Proletarisierung kleinbürgerlicher Schichten, durch den
Übergang von Landarbeitern und Bauern in das Industrieproletariat
und die zunehmend engere Verbindung zwischen Angestellten und In-
dustriearbeitern dringen sehr unterschiedliche, ihrem Klassencha-
rakter nach insgesamt bürgerliche Denk- und Verhaltensweisen in
die Arbeiterklasse ein. Sowohl traditionelle individualistische,
auf Aufstiegsdenken bezogene und autoritär geprägte Denk- und
Verhaltensweisen als auch technisch-"sachrational" bezogene
"entideologisierte" Denkweisen sind Ausdruck der Irrationalität
der kapitalistischen Produktionsweise, können diese Irrationali-
tät nicht aufdecken und werden von der herrschenden Klasse zur
Manipulierung der Arbeiter im Sinne der Systemstabilisierung ge-
fördert.
Die im vorliegenden Material behandelten gesellschaftlichen Pro-
zesse und kapitalistischen Widersprüche bilden aber den objekti-
ven Boden für die Gemeinsamkeit der Interessen der einzelnen
Schichten und Gruppen der Arbeiterklasse und begünstigen die Ent-
wicklung des Klassenbewußtseins. Im Rahmen der behandelten Pro-
bleme wirken vor allem folgende Faktoren auf das Bewußtwerden der
gemeinsamen Klassenzugehörigkeit und -interessen ein:
- Die Polarisierung der Klassenkräfte, das Wachstum der Arbeiter-
klasse vertiefen den Gegensatz von Kapital und Arbeit.
- Die Polarisierung der Eigentums- und Einkommensverhältnisse
führt in zunehmendem Maße zur Kritik an der "sozialen Ungerech-
tigkeit" des bestehenden Systems; es wächst damit die Erkenntnis,
daß die eigenen Interessen nur im gemeinsamen Kampf durchgesetzt
werden können.
- Die wissenschaftlich-technische Revolution vertieft unter
staatsmonopolistischen Bedingungen die Existenzunsicherheit der
Angehörigen aller Gruppen und Schichten der Arbeiterklasse, be-
trifft traditionelle Fabrikarbeiter ebenso wie objektiv zur Ar-
beiterklasse rechnende Angehörige der Intelligenz und selbst Füh-
rungskräfte aus Großunternehmen. Das Gefühl der Existenzunsicher-
heit prägt immer mehr das Bewußtsein großer Teile der Arbeiter-
klasse.
- Für die Angehörigen der gesamten Arbeiterklasse gilt, daß die
Reproduktion ihrer Arbeitskraft qualitativ neuartige Anforderun-
gen stellt, die nicht allein auf dem Wege der individuellen Kon-
sumtion verwirklicht werden können. Insbesondere Probleme der
Aus-und Weiterbildung, des lebenslangen Lernens werden immer mehr
zu entscheidenden Voraussetzungen für soziale Sicherheit im Be-
rufsleben und für die Alterssicherung.
- Die objektiv gegebene Politisierung des Klassenkampfes durch
die Verflechtung der Macht der Monopole mit der Staatsmacht wird
im Kampf um die Verwirklichung der gemeinsamen sozialen und poli-
tischen Interessen schrittweise bewußt und fördert die Bereit-
schaft zu gemeinsamen Kampfaktionen.
- Allmählich, wenn auch zögernd, auf unterschiedlichem Niveau und
mit unterschiedlicher Bewußtheit, wächst die Erkenntnis von der
Notwendigkeit demokratischer Mitbestimmung über Planung, Leitung
und Kontrolle gesellschaftlicher Prozesse, um die individuellen,
Gruppen- und Klasseninteressen durchsetzen zu können.
Das Wirken der objektiven Faktoren führt jedoch nicht automatisch
zur Herausbildung oder Stärkung des Klassenbewußtseins. Gerade
angesichts der immer stärkeren Bemühungen des staatsmonopolisti-
schen Kapitalismus, antikommunistische, bürgerliche Ideologie in
die Arbeiterklasse hineinzutragen, bedarf es der größten Anstren-
gungen der marxistisch-leninistischen Kräfte, um das Bewußtsein
der Arbeiterklasse auf das revolutionäre Niveau zu heben, das ih-
rer historischen Mission entspricht. Dafür bieten sich unter be-
wußter Nutzung und in Wechselwirkung mit diesen objektiven Fakto-
ren gute Möglichkeiten. Sie erleichtern es der marxistisch-
leninistischen Partei, den Angehörigen der Arbeiterklasse ihre
gemeinsame Klassenzugehörigkeit und -Situation, "die Erkenntnis
der unversöhnlichen Gegensätzlichkeit ihrer Interessen zu dem ge-
samten gegenwärtigen politischen und sozialen System" (Lenin,
Werke, Bd. 5, Berlin 1955, S. 385) bewußt zu machen.
Hellmuth Kolbe, Peter Belitz u.a.
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