Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Rudi Schmidt
BETRIEBSARBEIT UND ORGANISATIONSFRAGE
Zur Geschichte der Studentenbewegung
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Der vorliegende Text stellt einen ersten Versuch dar, einen we-
sentlichen Abschnitt in der Geschichte der Studentenbewegung, die
Wandlung vom antiautoritären zum sozialistischen Lager auf dem
Hintergrund der geleisteten Betriebsarbeit und unter der Perspek-
tive des beginnenden Aufbaus revolutionärer proletarischer Orga-
nisationen zu diskutieren.
Dieser Versuch schien jetzt notwendig angesichts der zunehmenden
Verschleierung dieser wichtigen Periode unter dem Gespinst viel-
fältiger Legitimationsideologien.
Den einseitigen und verkürzten Interpretationen vor allem einiger
Aufbauorganisationen soll hier jedoch nicht die - eine eigene Po-
sition vertuschende 'Objektivität der Geschichte' entgegenge-
stellt werden, sondern die Wiedereröffnung der Diskussion durch
die genauere Analyse anderer Entwicklungsmöglichkeiten, die durch
die 'gesetzten' Organisationsmodelle und die sie vertretenen
Gruppen einfach abgeschnitten wurden.
Organisationsfragen sind nicht auf das Niveau taktischer Probleme
reduzierbar, andererseits auch nicht einfach vom allgemeinen Be-
griff des Kapitals her zu beantworten, sondern können nur unter
Berücksichtigung der Realanalyse der gegenwärtigen Kapitaltenden-
zen und der Erfahrungen aus der Geschichte der Klassenkämpfe be-
stimmt werden. Die Fragwürdigkeit der Gründungsbeschlüsse von
Aufbauorganisationen, die nur durch ihre negative Absetzung von
der eigenen studentischen Geschichte als neue organisatorische
Qualität ausgeben wollen, was eben nur eine formelle Konsequenz
aus einer historischen Erfahrung darstellt, läßt sich auch nicht
mehr durch nachträgliche Rechtfertigungsmanöver (etwa bestimmte
Interpretationen der KPD-Geschichte) auf ein besseres Fundament
stellen. Auch ein anzustellender Vergleich zwischen
'Führungsanspruch' und tatsächlicher Praxis würde geeignet sein,
die Dimensionen der Kritik gegenüber vergangenen Phasen und damit
auch den 'Führungsanspruch' zu relativieren.
I Einleitung
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Die liquidatorische Haltung gegenüber der antiautoritären Studen-
tenbewegung ist inzwischen zum organisatorischen wie theoreti-
schen Gemeinplatz aller sozialistischen Plattformen geworden, die
sich im Umkreis der transformierten Studentenbewegung herausge-
bildet haben. Bis auf wenige versprengte Reste Unentwegter um
Frankfurt herum, wünscht niemand mehr an diesen Leichnam erinnert
zu werden.
Diese Degoutanz ist der gemeinsame Ausdruck freilich sehr dispa-
rater Positionen. Die einen, die heute allgemein unter dem Be-
griff der Revisionisten subsumiert werden 1) fühlen sich inzwi-
schen bestätigt. Nach Aufkündigung der breiten Bündnispolitik,
den Angriffen auf die Liberalen, die Revisionisten und nach dem
Verzicht auf die explizite Trennung zwischen Gewalt gegen Sachen
und Gewalt gegen Personen in den kämpferischen Auseinandersetzun-
gen mit dem bürgerlichen Staatsapparat, (Äußere Markierungen u.a.
CSSR-Intervention 1968, 'Schlacht am Tegeler Weg' am 4.11.1968 /
Mahler-Solidaritätsdemonstrationen vor dem Berliner Landgericht)
kritisierten diese Gruppen den eingeschlagenen Weg als putschi-
stisch und sektiererisch und sagten der antiautoritären Studen-
tenbewegung zunehmende gesellschaftliche Isolierung voraus. 2)
Die spontaneistische, radikale Praxis der Studentenbewegung, die
meist erst nachträgliche, oft sehr fragwürdige theoretische Be-
gründungen erhielt, ist heute an den meisten Universitäten einer
systematischen, längerfristigen Arbeitsperspektive gewichen. Für
den anderen Teil der ehemaligen außerparlamentarischen Opposition
ist heute jene Praxis indessen nur als Pendant einer unterentwic-
kelten politischen und theoretischen Position zu begreifen, die -
von ihren ursprünglichen antifaschistischen, radikaldemokrati-
schen Fundamenten einmal abgesehen - sich mehr als unmittelbarer
Lernprozeß im Kampf gegen die hierarchische, reaktionäre Ordina-
rienuniversität und den sie sekundierenden Staatsapparat entwic-
kelte, als auf grundlegenden Analysen über den spezifischen Cha-
rakter der bürgerlichen Gesellschaft beruhte. Es war aber nicht
nur der (gemessen an den Zielen) letztlich begrenzte Erfolgswert,
den viele Aktionen des antiautoritären Lagers besaßen, der es zur
Einsicht zwang, daß die politische Strategie nicht länger von der
durch Marcuse genährten Illusion des seine Verwertungsschwierig-
keiten selbst regulierendens Kapitals auszugehen habe; die analy-
tische Kapitulation Marcuses vor den gewaltig entfalteten materi-
ellen Produktivkräften im Spätkapitalismus verleitete dazu, die
Klassenverhältnisse nur noch als sozial integrierte politische
Herrschaftsverhältnisse zu verstehen, womit von den nach wie vor
bestehenden Widersprüchen in den Produktionsverhältnissen einfach
abgesehen wurde.
So hieß es in der Resolution des ersten großen Sit-in v. 22.723.
Juni 1966:
"Was hier in Berlin vor sich geht, ist ebenso wie in der Gesell-
schaft ein Konflikt, dessen Zentralgegenstand weder längeres Stu-
dium noch mehr Urlaub ist, sondern der A b b a u o l i g a r-
c h i s c h e r H e r r s c h a f t und die Verwirklichung
demokratischer Freiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen."
3)
Die Hinwendung zur materiellen Basis der kapitalistischen Gesell-
schaft und damit zum wiedergefundenen historischen Subjekt ihrer
bestimmten Negation wurde aber noch durch drei weitere Faktoren
bewirkt: durch die wachsende Einsicht in den Stellenwert der Wis-
senschaft im Verwertungsprozeß des Kapitals und damit in die Ver-
wertungsbedingungen des Kapitals selbst (Diskussion über
'Wissenschaft als Produktivkraft', Technologiedebatte), durch die
Vermittlungsschwierigkeiten eines abstrakten Internationalismus
und die Erkenntnis, daß seine Konkretion nur über den Angriff auf
die produktive Basis des imperialistischen Kapitalismus zu lei-
sten sei und schließlich durch die unmittelbare sinnliche Erfah-
rung der Verständigungsschwierigkeiten in der großen Propagan-
daoffensive nach dem 2. Juni 1967 in Berlin zwischen Studenten
und Arbeitern vor den Betrieben wie auch später in der Notstands-
kampagne 1968.
Während also die Kritik der revisionistischen Parteien und Grup-
pen an der antiautoritären Studentenbewegung (die sie freilich
nicht erst in deren radikalen Spätphase 1968/69, sondern auch
schon früher geäußert hatten) sich überwiegend an der Wahl der
politischen Mittel festmachte und z.B. gar nicht auf ihre Organi-
sationsfeindlichkeit bezog, die für eine 'marxistisch-leninisti-
sche' Partei wie die SEW oder DKP ja langfristig - in der Per-
spektive eines alternativen Kristallisationspunkts - nur vorteil-
haft sein konnte, war es gerade die spezifische Organisations-
feindlichkeit der antiautoritären Studentenbewegung, ihr Spon-
taneismus und die entsprechenden Differenzen in der Strategie,
die das kritische Verhältnis ihrer Nachfolgeorganisationen: Rote
Zellen u.a. sozialistische Hochschulorganisationen und die
'proletarischen Kaderlinien' KPD-AO, KB/ML, PL/PI etc. gegenüber
ihrer eigenen Geschichte bestimmen.
Ob der explizit liquidatorische Charakter, den diese Kritik be-
sonders in den Stellungnahmen der AO annimmt, einfach als bewußte
Ignoranz frischgebackener Kommunisten erscheint, dessen besonders
engagierte Apologie antiautoritärer Studentenpraxis noch kurze
Zeit zuvor möglichst nachhaltig aus dem historischen Gedächtnis
der sozialistischen Bewegung getilgt werden soll, oder ob er -
was hier angenommen wird - eine aus "ihrem Führungsanspruch" 4)
resultierende Taktik der Tabula-Rasa-Politik ist gegenüber allen
vorhergehenden Ansätzen proletarischer Organisation, die aus der
Studentenbewegung hervorgingen, d.h. insbesondere gegenüber den
Betriebsbasisgruppen, wird sich im Laufe der Untersuchung zeigen.
Dagegen sind in diesem Zusammenhang jene Gruppen zu vernachlässi-
gen, deren generelles Desinteresse an der Studentenbewegung sich
bisher nur in pauschalen Distanzierungen ausdrückte. 5)
II Die Entwicklungsbedingungen der Betriebsbasisgruppen in
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der Transformationsphase der antiautoritären Studentenbewegung
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1.
Die Betriebsbasisgruppen sind aus der Studentenbewegung entstan-
den und auch in ihrer Entwicklung nicht von ihr zu trennen. Des-
halb ist es unerläßlich, die theoretischen und praktischen Bedin-
gungen anzugeben, denen sie ihre Entwicklung verdanken. Gegenwär-
tig kann noch niemand die Realgeschichte der Studentenbewegung
aus der Sicht aller ihrer Zentrensschreiben und so muß auch der
Erklärungswert isolierter Ideengeschichte, wie sie von Joscha
Schmierer 6) und Karl-Heinz Roth 7) versucht wurden, begrenzt
bleiben, weniger, weil auch sie lokalen Besonderheiten unterlie-
gen, sondern weil sie nicht in Korrelation zu den damit verbun-
denen Fragen der Taktik und Organisation dargestellt wird und
auch dort dominante Kausalitäten ermittelt, wo tatsächlich gegen-
sätzliche und parallele Entwicklungen vorliegen. 8)
Die vorliegende Untersuchung folgt hauptsächlich der Berliner
Entwicklung der letzten drei Jahre. Diese zunächst arbeits- und
informationstechnisch bedingte Beschränkung wird bis zu einem ge-
wissen Grad durch den exemplarischen Charakter der Berliner Ent-
wicklung ausgeglichen, denn beide hier vor allem diskutierten or-
ganisatorischen Konzeptionen, die der Betriebsbasisgruppen und
die der Kaderparteien sind zuerst bzw. am entschiedensten von
Berlin aus propagiert und umgesetzt worden.
2.
Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, Anfang 1968, wurde in
Berlin die erste Basisgruppe gegründet. 9) Das geschah nicht zu-
fällig, war aber auch nicht die gezielte Schöpfung der anpoliti-
sierten studentischen Massen, nicht teach-in-geboren, sondern
folgte dem Diskussionsprozeß einer SDS-Projektgruppe über Räte-
Organisation.
In welchem Kontext stand diese Tendenz?
Bis Ende 1970 bildeten bekannterweise zwei Grunderfahrungen die
praktische und theoretische Voraussetzung für die Politik der
Studentenbewegung: 1. die repressive und antiquierte Studien- und
Universitätsstruktur und 2. der ständig eskalierte Krieg des
mächtigsten imperialistischen Staates gegen das kleine, aber tap-
fere Volk der Vietnamesen. Beide Widersprüche, so unterschiedlich
in ihrer Erfahrbarkeit, schienen gleich einsichtig, hatten ein
gleich großes moralisches Engagement zur Folge, - dessen Intensi-
tät am Beispiel Vietnams sich gerade daraus erklärt, daß die Op-
tion für die Sache der Vietnamesen nicht Konsequenz einer vorgän-
gigen theoretischen Einsicht über den Charakter des Imperialismus
war, sondern umgekehrt aus der tiefen Enttäuschung der Nach-
kriegsjugend über das wahre Wesen der einstigen antifaschisti-
schen Vormacht resultierte. Erst allmählich wurden dazu die theo-
retischen Erklärungen erarbeitet.
Der Ablösungsprozeß von den Nachkriegsnormen bürgerlicher Formal-
demokratie auf dem Weg der Kultur- und Ideologiekritik ist inzwi-
schen oft genug beschrieben worden. Von Interesse ist hier nur
die besondere Tradition, die diese Kritik in allmählicher Anleh-
nung an die Frankfurter Schule für die antiautoritäre Studenten-
bewegung darstellte und ihre Fortentwicklung in späteren Phasen.
Von Anfang bis Mitte der sechziger Jahre hatte die kritische
Theorie ihren Siegeszug durch die kleinen Zirkel des SDS, des Ar-
gument-Clubs u.a. linker Gruppen genommen und mit ihr die Freud-
sche Psychoanalyse, in der 'Rekonstruktionsperiode' der BRD mit
ihren äußerlich zugepappten Klassengegensätzen mochte die Frank-
furter Theorie als "eine Intellektuellenideologie in einer Phase
der Ohnmacht des Proletariats", 10) die noch etwas von den Wider-
sprüchen der bürgerlichen Gesellschaft in sich bewahrt hatte, von
den Studenten lange Zeit als einzig legitimer Schlüssel zum Ver-
ständnis der kapitalistischen Gesellschaft wie auch des Marxismus
selbst begriffen werden.
Mit der Rezession von 1966/67 waren die ersten Signale gegeben,
die Theorie der abstrakten Transzendenz, des 'schlechthin ande-
ren', durch konkretere Analysen der kapitalistischen Klassenge-
sellschaft zu ersetzen. Aber die für viele unerwartet sich ereig-
nende ökonomische Schwäche des Kapitalismus wurde an den Hoch-
schulen nur zurückhaltend registriert. Es mußten andere Erfahrun-
gen hinzutreten, um hinter dem sich ständig erweiternden antiau-
toritären Lager auch seine immanenten Grenzen zu erkennen, die
zugleich die seiner zeitweilig dominierenden Theorie waren. Ein
gutes Beispiel dafür ist die Broschüre 'Der Untergang der BILD-
Zeitung', die 1969 von einem SDS-Autorenkollektiv und dem Sprin-
ger-Arbeitskreis der Kritischen Universität (Berlin) herausgege-
ben wurde. Beispiel auch für etwas anderes, was sich noch in der
späteren Hochschulpolitik auf schädliche Weise auswirken sollte:
für eine besonders in der Philosophischen Fakultät, der Hochburg
der Studentenrevolte, gängige Ästhetisierung und libidinöse Be-
setzung von Theorie an sich. Die Literatur- und Kunstwissen-
schaftler, die Philosophen etc. pflegten die Kritische Theorie
als hermeneutische Übung auf dem Weg zu immer reineren Theorien
zu betreiben, weniger auf ihren gesellschaftlichen Gehalt zu ach-
ten als auf ihre metatheoretische Verfeinerung. Die extremste
Konsequenz dieser Haltung ist das heruntergekommene Verständnis
der Theorie als Mode, eine typische Erscheinung der bürgerlichen
Intelligenz; vgl. die Strukturalismus-Rezeption.
Nur so erklärt sich "der Schock, den die Springer-Analyse" 11)
bei den Autoren der KU-Broschüre (überwiegend Germanisten) auslö-
ste. Sie fühlten sich "überrumpelt von der Erfahrung, daß uns der
Klassenfeind selbst mit unseren eigenen Waffen schlägt" (S. 109).
Springer hatte sich der Psychoanalyse bedient, um die BILD-Zei-
tung noch besser als Werbeträger verkaufen zu können: es kamen
selbstverständlich genau die systemstabilisierenden Stereotypen
heraus, die auch von den Studenten ermittelt worden waren; aber
weil Springer das machte, war "die Wissenschaft (...) als korrum-
pierbar erwiesen", (S. 108) "der Bankrott der kritischen Wissen-
schaft offenkundig" geworden (S. 3). Masochistisch und kokett
klagen die Genossen: "Springer, den wir enteignen wollen, hat uns
zuerst enteignet". (S. 109) Der für Springer selbstverständliche
Zynismus, mit dem er die affirmativen seelischen Grundmuster sei-
ner Zeitung dem Kapital als werbewirksam anpreist, wird zum Zy-
nismus der Wissenschaft selbst.
Diese moralische Kritik an der Wissenschaft erklärt sich nur aus
der unkritischen, weil libidinös besetzten Beziehung zur Psycho-
analyse, - die nebenbei bemerkt gegenwärtig in eine absolute Psy-
chologiefeindlichkeit umzuschlagen droht.
Dem identifikatorischen Verhältnis zu den analysierten Gegenstän-
den entspricht das Verhältnis zur Psychoanalyse: der BILD-Zeitung
wird die Kraft zugesprochen, "die Entfaltung des studentischen
Kampfes gestärkt, oder auf einen falschen Stand festgehalten" zu
haben (S. 120), sie "hat uns genötigt, unsere Klassenzugehörig-
keit zu überprüfen" (S. 127), es erscheint gar die "BILD-Zeitung
als Quelle der Belehrung übers Proletariat" 12), die immerhin
eine so unsinnige Parole zeitigte, wie die des damaligen KU-Ar-
beitskreises: "Arbeiter und Studenten! Kämpft für Zeitungen, die
Eure Interessen vertreten. Fordert Mitbestimmung in den Redaktio-
nen von BILD und BZ." 13)
Damit sollen die Verdienste der SDS- und KU-Genossen um die Vor-
bereitung der Springer-Kampagne und der Wert vieler Einzelanaly-
sen nicht geschmälert werden. Aber wichtig ist die Position der
Gruppe wegen ihres exemplarisch falschen Verständnisses von Theo-
rien mit grundsätzlich nur partiellem Erklärungswert. Es kann da-
bei nicht darum gehen, ihnen vorzuhalten, daß sie sich überhaupt
der Psychoanalyse bedienten, - allein mit ökonomischen Kategorien
wäre die spezifische Wirkung der BILD-Zeitung nicht zu erklären,
sondern nur um das oben beschriebene, besondere Verhältnis zu
ihr. Es belastete die Studentenbewegung mit falschen Verallgemei-
nerungen, puristischen Überhöhungen, Fixierungen, kurz mit ver-
meidbaren Sackgassen und Umwegen.
Die Identifikation mit der kritischen Wissenschaft, - wie die
Frankfurter Theorie und die Psychoanalyse damals zusammengefaßt
wurden -, mag in der Phase der Minderheitenkritik am allmächtigen
Positivismus und den konservativen Legitimationsideologen ver-
ständlich erscheinen, nach der 'Vermassung' dieser Theorien durch
die KU, also spätestens Anfang 1968 hätte ihre Relativierung und
allmähliche Überwindung betrieben werden müssen. (13a)
Nur bis dahin kann allenfalls zugestanden werden, was die Gruppe
als kollektive Verteidigung der isolierten Studentenbewegung in
der folgenden Selbstkritik vorbringt:
"Die Indifferenz gegenüber dem Proletariat war am Beginn der Stu-
dentenbewegung nicht einfach falsche Strategie. Ohne die Rück-
sichtslosigkeit gegenüber möglichen Reaktionen in der Arbeiter-
schaft hätte weder die Politik der Traditionalisten im
SDS überwunden noch jene internationale Solidarität entwickelt
werden können, die der Studentenbewegung ihre Stoßkraft über die
reine Hochschulpolitik hinaus verliehen hat. Wären wir weniger
gleichgültig gegenüber den Rückwirkungen bei den Arbeitern gewe-
sen, hätte sich keine antiautoritäre Bewegung entfalten können,
wäre eine Strategie der direkten Aktionen, eine praktische Erpro-
bung der Provokationstechniken, die die Grundlage unserer Aktio-
nen bildete, unmöglich gewesen. Falsch waren gleichwohl die Ra-
tionalisierungen, die wir in unseren Theorien im Hinblick auf die
Arbeiterklasse unternahmen." (S. 125)
Demgegenüber gab es andere Strömungen in der antiautoritären Stu-
dentenbewegung, die nicht so einseitig von der Kritischen Theorie
beeinflußt wurden, die schon viel früher den historischen An-
schluß an den Marxismus suchten und entsprechend früher auch die
theoretische und praktische Verbindung zum Proletariat forderten,
wenngleich auch sie den Klassencharakter des Kampfes gegen das
kapitalistische System meist noch verkannten, und im Sinne eines
'undogmatischen Marxismus' von einem breiten 'Lager' aller Unter-
drückten und ausgebeuteten Schichten des Volkes ausgingen, mit
dem vor allem der 'antiinstitutionelle' Kampf geführt werden
sollte.
Zu ihnen gehört auch Rudi Dutschke, der wie kein anderer die
Ideologie der antiautoritären Studentenbewegung mitbestimmt hat.
Anders aber als bei den reinen Vertretern der Kritischen Theorie,
die das abstrakte Bekenntnis zum Proletariat noch lange Zeit nur
wie eine exotische Plakette vorwiesen, ist bei Dutschke u.a. in
der permanenten Reflexion auf die historischen und theoretischen
Voraussetzungen des antiimperialistischen und antikapitalisti-
schen Kampfes die Möglichkeit der Transformation zu einem klaren
Klassenstandpunkt bereits angelegt. 14)
Dutschke in seiner Vorbemerkung zu dem Ende 1967 geschriebenen
Aufsatz 'Die Widersprüche des Spätkapitalismus, die antiautoritä-
ren Studenten und ihr Verhältnis zur Dritten Welt' 14a):
"Eine tiefe Auseinandersetzung mit der geschichtlich-gesell-
schaftlichen Wirklichkeit der Gegenwart kann und darf nicht von
den bisherigen Resultaten der revolutionären Theorie abstrahie-
ren. Das heißt noch immer kritische Rezeption und Ausbreitung der
Marxschen Theorie und ihrer Weiterentwicklung in den verschie-
denen Perioden nach ihrer Entstehung. Wir sind gegen jede Dogma-
tisierung des Marxismus, denn er ist eine schöpferische Wissen-
schaft, die sich auf der Grundlage der kritischen Methode der
Dialektik mit jeder neuen Wirklichkeit auseinandersetzen muß, aus
ihr die Kategorien für ein Verständnis der je konkreten Gegenwart
zu gewinnen hat."
In diesem Aufsatz werden bereits viele jener Elemente themati-
siert, die in den folgenden Phasen den Ablösungsprozeß von der
antiautoritären Studentenbewegung bestimmten. Deshalb sei er hier
neben einigen anderen aus der gleichen Zeit exemplarisch ange-
führt.
Dutschke zeichnet in seiner politökonomischen und organisations-
theoretisch widersprüchlichen und unausgeführten Skizze über die
kapitalistische Entwicklung und die Geschichte der Arbeiterbewe-
gung ein düsteres Bild:
"Die Erinnerung an die letzten 50 Jahre der deutschen Arbeiterbe-
wegung hat nur Reiz für den kontemplativen Intellektuellen. Für
die Massen stellen sie eine bisher ununterbrochene Kette des Ver-
rats der linken und rechten Intelligenz dar." (S. 89)
Im Anschluß an die Darstellung seines ökonomischen Kernstücks,
der Etatismustheorie ("staatliche Lenkung des Privatkapitalis-
mus", S. 54), kommt er zu dem Schluß:
"Die Notwendigkeit der gesamtgesellschaftlichen Regelung, for-
ciert durch das ständige Wachstum des Gesamtumfangs ökonomi-
scher Staatstätigkeit, beseitigt teilweise die Anarchie der
Produktion. Die schon weiter oben angedeuteten neuen Tendenzen
in der Klassendynamik wurden durch die neue Funktionsbestimmung
des Staates noch sehr viel deutlicher. Das revolutionäre Subjekt
der kapitalistischen Formationsperiode war durch das Versagen der
Arbeiterbewegung und durch die historische Praxis des Kapitals
zersetzt worden. Was war aber an seine Stelle getreten? " (Ebda.)
Diese Frage bleibt bewußt offen. Und sie wird auch in allen sei-
nen drei Beiträgen des Bändchens nicht klar beantwortet. Die da-
mals gängige Version lautete: die Randschichten unter Führung der
Studenten.
Es kennzeichnet die beginnende Wandlung, wenn Rudi Dutschke sich
anschickt, von seinen noch auf der 22. ordentlichen Delegierten-
konferenz des SDS im September 1967 vertretenen Thesen zur Rolle
des Proletariats abzurücken und neue Antworten zu suchen. Sie
werden zunächst noch von der Basis der antiautoritären Ideologie
aus erteilt. Nach dem 2. Juni 1967 habe eine "kulturrevolutionäre
Übergangsperiode" begonnen, die "noch lange nicht abgeschlossen"
sei (S. 88). Sie stelle sich im "'klassischen' Verständnis der
Revolutionstheorie" dar als "eine vorrevolutionäre Phase, in der
Personen und Gruppen sich noch manchen Illusionen, abstrakten
Vorstellungen und utopistischen Projekten hingeben, (sie) ist
eine Phase, in der der radikale Widerspruch zwischen Revolution
und Konterrevolution, zwischen der herrschenden Klasse in ihrer
neuen Form und dem Lager der Antiautoritären und Unterprivile-
gierten noch nicht konkret und unmittelbar sich auszutragen be-
ginnt." (S. 91) Zumindest für die 'kulturrevolutionäre Übergangs-
phase' hält er an einem damaligen Grunddogma fest:
"Es gibt keinen Bereich in der Gesellschaft mehr, der in der kul-
turrevolutionären Phase unserer Bewegung ausschließlich privile-
giert wäre, die Interessen der Gesamtbewegung auszudrücken." (S.
90) 15)
In dem Gespräch mit Rabehl, Semler und H. M. Enzensberger vom Ok-
tober 1967 im Kursbuch 16) heißt es dagegen:
"Der Umschlag der vorbereitenden Opposition in die radikale In-
fragestellung des Systems ist nur möglich durch die Verbindung
dieser Opposition mit dem abgebauten Proletariat. Diese spezifi-
sche Verbindung, die vielleicht in der nächsten Zeit möglich
wird, zeigt an, daß es natürlich eine im revolutionären Sinn pri-
vilegierte Schicht gibt. Das wären die vom Abbau bedrohten Arbei-
ter."
In der Januar-Nummer des FU-Spiegel warnt er bereits: 17)
"Das Proletariat als eine Fraktion des revolutionären Lagers ist
noch latent, muß sich im Kampf gegen den Staat konstituieren. Un-
terliegen wir auf keinen Fall einer Metaphysik des Proletariats,
wir könnten den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen..."
Dutschke formuliert die notwendige Kooperation zwischen Studenten
und Arbeitern immer deutlicher:
"Wir haben eine gefährliche Übergangsphase, in der es entschei-
dend ist, die Basis an den Universitäten zu erhalten und zu er-
weitern, aber es gleichzeitig unerläßlich ist, Basisgruppen in
den Betrieben zu bilden, an ihrem Aufbau mitzuhelfen, die Ein-
heitsfront von antiautoritären Studenten, Schülern, Lohnabhängi-
gen in der Produktion und Verwaltung praktisch werden zu lassen."
18)
Und in seinem letzten Interview vor dem Mordanschlag im Frühjahr
1968 mit Nadine Lange 19) relativiert er noch einmal klar die re-
volutionäre Rolle der Studenten im Kampf gegen die spätkapitali-
stische Gesellschaft:
"Wir geben uns nicht der Illusion hin, als Studenten in der jet-
zigen Periode Revolution machen zu können. Wir haben an einem
Punkt, am schwächsten Glied des Spätkapitalismus (Universität),
Demokratisierungstendenzen von unten massenhaft in Bewegung ge-
setzt. Ohne eine subversive Verbreiterung in der Gesellschaft
werden wir notwendigerweise scheitern. Die Einheit von Arbeitern,
Angestellten, Schülern, Bauern und Studenten wird bei uns die
entscheidende Voraussetzung für die Gesamtrevolution darstellen.
Der Prozeß einer Herausbildung einer solchen Kampfeinheit ist
nicht kurzfristig möglich."
Von einer materialistischen Klassenanalyse war Anfang 1968 kaum
die Rede. Angesichts der Tausenden von politisierten Studenten,
die den Rücktritt des Chefs einer Landesregierung, eines Innense-
nators und eines Polizeipräsidenten erzwangen und sich auf einer
ständig wachsenden Woge der Massenmobilisierung wähnten (10.000
auf der Vietnam-Demonstration vom 21.10.67, 20.000 am 19.2.68 und
30.000 am 1. Mai 68), schienen das auch sekundäre Fragen.
Diese Illusionen über die quasi automatische Basiserweiterung der
Protestbewegung wurden durch die geringe Resonanz der Arbeiter
auf die Verabschiedung der Notstandsgesetze nachhaltig erschüt-
tert. Es kam hier aber darauf an klarzustellen, daß bereits in
der Phase der scheinbar unaufhaltsamen Verbreiterung des antiau-
toritären Lagers auf die mögliche Gefahr der Isolierung und auf
die bloß relative, wenn auch initiierende Rolle der Studenten im-
mer wieder hingewiesen wurde.
So sind Dutschkes Thesen nicht einfach als Kolportagen der damals
gängigen Strategieelemente und Theoriemixturen zu werten, wenn-
gleich auch bei ihm Horkheimer, Fromm, Marcuse und Marx zu einer
spezifischen Symbiose kombiniert werden. Im Gegensatz zu vielen
'Theoretikern' der antiautoritären Studentenbewegung unterzog er
sich durchaus der Mühe, seine Kritik an der Geschichte der Arbei-
terbewegung und seine Einschätzung des Spätkapitalismus besser zu
fundieren. Daß er dabei über (z.T. auch falsche) Ansätze nicht
hinausgelangte, ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung.
Wichtig bleibt, daß viele Probleme, die später viel stärker in
den Mittelpunkt rückten, durchaus schon gesehen wurden, die Stu-
dentenbewegung in ihren theoretischen Reflexionen nicht einfach
blind umhergetappt ist.
Schließlich hatte die Studentenbewegung immer von dem Umstand
auszugehen, daß auch die ökonomischen Kämpfe der Arbeiterklasse
in Westdeutschland fast zum Stillstand gekommen waren und nicht
bloß die herrschende Partnerschaftsideologie, sondern die bürger-
liche Wissenschaft ganz allgemein suggerierte, Klassenbewußtsein
oder unbestimmter: 'dichotomisches Bewußtsein' sei aus den Köpfen
des Proletariats gänzlich entschwunden.
In den Erklärungen für die 'Lethargie' der deutschen Arbeiter-
klasse wurde auf die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen
durch den Faschismus und auf die anschließende lange Periode des
Antikommunismus hingewiesen. Dennoch schienen diese Begründungen
unzureichend.
Für Rudi Dutschke ist die 'Integration' des Proletariats nicht
bloß Ergebnis nationaler, also besonderer historischer Bedingun-
gen, sondern zunächst einmal, wie er in Anschluß an Marx formu-
liert, das Resultat des "normale(n) Gang(s) der kapitalistischen
Produktionsweise." 20) Dabei stützt er sich auf ein Zitat von
Marx aus dem I. Band des Kapitals 21):
"Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine
Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die An-
forderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Natur-
gesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitali-
stischen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die be-
ständige "Erzeugung einer relativen Überbevölkerung hält das Ge-
setz der Zufuhr von und Nachfrage nach Arbeit und daher den Ar-
beitslohn in einem den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals ent-
sprechenden Gleise, der stumme Zwang der ökonomischen Verhält-
nisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbei-
ter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch
angewandt, aber nur ausnahmsweise. Für den gewöhnlichen Gang der
Dinge kann der Arbeiter den 'Naturgesetzen der Produktion' über-
lassen bleiben, d.h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst
entspringenden, durch sie garantierten und verewigten Abhängig-
keit vom Kapital."
Dutschke fährt fort:
"Allein in der tiefen ökonomischen Krise, als einer Krise der Ge-
samtgesellschaft, kann die verinnerlichte und mehr oder minder
akzeptierte ökonomische Gewalt des Kapitalverhältnisses vom Pro-
duzenten problematisiert werden, entsteht die objektive Möglich-
keit für die Entstehung eines revolutionären Klassenbewußtseins
auf der Grundlage des politischen Klassenkampfs zwischen Lohnar-
beit und Kapital." (a.a.O.)
Wenn dann in einer solchen Krise, in einer Situation der Schwäche
der Bourgeoisie wie 1918 der Klassenkampf weit hinter seinen hi-
storischen Möglichkeiten zurückbleibt, so ist das nicht als Aus-
druck der 'Integration' des Proletariats zu verstehen (auch die
Leninsche Theorie von der Arbeiteraristokratie wird von Dutschke
als "eindeutig vulgärmarxistisch" abgelehnt, a.a.O., S. 44), son-
dern als Versagen der klassischen Arbeiterorganisationen SPD und
Gewerkschaften. (Ebda.)
Zwar könne in der Periode der "transitorische(n) Notwendigkeit
des Kapitalismus" die Partei "keine selbständige Initiative, ge-
trennt von den Massen durchführen", sie kann nur "den Prozeß be-
schleunigen, movens der Bewegung sein, aber nie getrennt von der
Bewegung der Massen" (S. 43), gerade das aber sei der Sozialdemo-
kratie vorzuwerfen, daß sie die Arbeiterbewegung durch eine
"falsche Ideologie (...) wehrlos gemacht habe (S. 42) und damit
hinter ihre historische Aufgabe zurückgefallen sei".
"So fehlte die politisch-organisatorische Kraft, die die bewußte
Kontrolle über Staat und Wirtschaft hätte übernehmen können, kam
es nicht zur Entfaltung der Selbsttätigkeit der Massen gegen die
sich temporär zurückziehenden Kräfte des Kapitals und Großgrund-
besitzes, konnte die mögliche Umwälzung der gesellschaftlichen
Grundlagen nicht in Angriff genommen werden." (Ebda.)
Aus der Kritik an den reformistischen Arbeiterorganisationen
zieht er aber nicht den Schluß, daß die "nur durch 'Außenlen-
kung', durch die Partei als Avantgarde der Klasse organisiert und
revolutioniert werden" könne, wie es Lenin in 'Was tun?' for-
muliert habe. Ohne die 'anderen Bedingungen' auszuführen sagt er:
"Unter den anderen Bedingungen Mitteleuropas, mit einer hochqua-
lifizierten Arbeiterklasse, die durch den 'stummen Zwang' der ka-
pitalistischen Verhältnisse die Normen und Verhaltensweisen der
bürgerlichen Gesellschaft verinnerlicht hatte, mußte auch diese
Theorie der Organisation, die nur sehr schlecht den grundlegenden
Sinn der marxistischen Emanzipationsidee, daß die 'Befreiung der
Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter' sein kann, für sich in
Anspruch nehmen konnte, scheitern." (S. 45)
Nach Dutschke könne aber das "'klassische' Verhältnis von Ökono-
mie und Ideologie", dem die oben angeführte enge Verbindung von
Partei und proletarischen Massen entspricht, nur für die Periode
der "transitorischen Notwendigkeit des Kapitalismus zutreffen"
(S. 43). Wie war es dann möglich, daß sich in den Klassenorgani-
sationen des Proletariats eine 'falsche Ideologie' breit machen
konnte? Etwa deshalb, weil diese enge Verbindung nicht mehr be-
stand? Und wenn sie sich gelöst hatte, welche Gründe hatte dieser
Prozeß ? Lagen sie in der immanenten Tendenz einer zentralisti-
schen Partei zur Bürokratisierung ? In der korrumpierenden Taktik
der bürgerlichen Parlamentsarbeit? Wie konnte diese falsche Ideo-
logie überhaupt entstehen? War sie auf den Einfluß der bürgerli-
chen Intelligenz zurückzuführen?
Und wenn man davon ausgeht, daß die Phase der 'transitorischen
Notwendigkeit' des Kapitalismus mit der Entwicklung zum Monopol-
kapitalismus 1914 oder 1918 längst vorüber war: welches Verhält-
nis zwischen Partei und Massen mußte unter diesen veränderten
ökonomischen Bedingungen gelten? War nicht 1918 längst ein ganz
anderer Parteityp historisch notwendig geworden? War das die
KPD(S)? Warum hatte sie sich so schwach und so spät entwickelt?
usw.
Auf alle diese - heute zentralen Fragen - gibt es bei Dutschke
und anderen führenden Genossen des damaligen antiautoritären La-
gers keine Antworten. Sie wurden auch nicht als dringend empfun-
den, weil im allgemeinen Konsens über das 'Versagen' bzw. den
'Verrat' der Sozialdemokratie und das dogmatisch-sektiererische
Verhalten der KPD in der Weimarer Republik, ihrer 'stalinisti-
schen Wendung' ein Anknüpfen an diese historischen Organisa-
tionsformen des deutschen Proletariats von vornherein mit dem
Odium des Scheiterns behaftet gewesen wäre.
Und es schien ja auch einschlägige Erfahrungen über die Möglich-
keiten traditioneller Parteiarbeit links von der SPD zu geben.
Man brauchte dafür gar nicht die Prozentzahlen der allgemeinen
Wahlen heranzuziehen, die Einflußlosigkeit von SED und KPD in den
Betrieben, ihr kritikloses Anhängen an die integrativen Gewerk-
schaftsprogramme mochten deren Perspektivlosigkeit und Scheitern
schon ausreichend belegen. Das galt auch rückwärts betrachtet für
die Bemühungen der 'Neuen Linken', die sich nach der Trennung der
SPD vom SDS 1961 konstituierte, immer wieder Bündnisse zwischen
sozialistischer Intelligenz und linken Sozialdemokraten, Gewerk-
schaftlern anzustreben, um eine linke Alternative zu SED/KPD bzw.
SPD zu schaffen.
Als der SDS für die 'Neue Linke' 1962 zum ersten Mal in Berlin zu
einer eigenen sozialistischen Maifeier aufrief, kamen vielleicht
250 Genossen und Sympathisanten zum Wittenbergplatz, um Erich
Kuby und den Betriebsratsvorsitzenden der Stuttgarter Zeitung,
Fritz Lamm, zu hören.
"Die Arbeiterbewegung, so schien es den Studenten, hatte wieder
dort anzusetzen, von wo sie vor 100 Jahren ihren Ausgangspunkt
genommen hatte, unter den heutigen Bedingungen den ökonomisti-
schen Kampf in den politischen Kampf umzuwandeln, dabei belehrt
durch die bitteren Erfahrungen im Scheitern ihrer bisherigen
Klassenkämpfe." 22)
An solcher Kritik bestand also kein Mangel, umsomehr an konkretem
Aufschluß darüber, wie jenseits der kritisierten Arbeiterorgani-
sationen und ihrer 'verfehlten Politik' die Formen aussehen soll-
ten, in denen sich dieser Neuanfang konstituieren konnte.
Als abstrakte Bündnispartner gegen den Senat, Springer und den
Imperialismus wurden die Arbeiter bereits unmittelbar nach dem 2.
Juni in Hunderttausenden von Flugblättern über die Vorgänge an
der Deutschen Oper, in der Universität, in Vietnam und Persien,
über die Funktion der Springer-Presse und die Wirtschaftslage
Berlins angesprochen. Aber die Aufklärungsaktion brachte kaum In-
formationen über die konkrete Lage der Arbeiter, (woher sollten
sie so schnell auch kommen? ) sie blieb abstrakt, wenn auch die
heftigen, von der Springer-Presse geschürten Aggressionen der An-
fangszeit abgebaut werden konnten. Die 'Öffnung zur Stadt' wurde
mit großen Erwartungen und viel Naivität betrieben. Die
'Kritische Universität' (KU) bezeichnete sich gemäß diesem An-
spruch in ihrem ersten 'Provisorischen Verzeichnis der Studien-
veranstaltungen' für das WS 1967/68 vom Sommer 1967 auf dem Um-
schlag als "Arbeiter, Schüler, Studenten Uni", auf dem Umschlag
des endgültigen 'Programms' für das WS 67/68: "Kritische Uni-
versität d e r Studenten, Arbeiter & Schüler". 23)
Davon konnte nicht die Rede sein. Im Höchstfall betrug der Anteil
von Nichtstudenten in den Arbeitskreisen der KU ein Viertel der
Teilnehmer, davon waren die meisten Schüler, einige jüngere Ange-
stellte, kaum mal ein Arbeiter. In vielen Arbeitskreisen blieben
die Studenten unter sich.
Die erhoffte Öffnung der KU zur Stadt gelang nur ganz wenigen Ar-
beitskreisen. Dagegen faßten einige Genossen (im Oktober 1967!)
in ihrem KU-Beitrag 'Die Gegenuniversität in der Kritischen Uni-
versität' 24) bereits die Möglichkeit eines unverhüllten Klassen-
kampfes" ins Auge. Ihre berlinzentristisch beschränkte Analyse
gipfelte in der euphorischen Prognose:
"Gerade weil das Zusammenspiel der Bürokratien des Staates, der
Kapitalisten und der Gewerkschaftsspitze in unserer Stadt so um-
fassend ist, werden die ersten spontanen Abwehrkämpfe der Arbei-
ter das System im ganzen in Frage stellen, wird im Klassenkampf
das Bild der Gegengesellschaft aufblitzen. In diesem Augenblick
wird die auf Praxis gerichtete Universität zur praktisch umwäl-
zenden, zur Gegenuniversität. 25)
Zu Beginn des Jahres 1968 herrschte also im antiautoritären Lager
Einigkeit darüber (und nicht nur in Berlin), daß eine enge Ver-
bindung wenigstens mit Teilen der Arbeiterklasse für die zukünf-
tige Existenz der Studentenbewegung und der 'Außerparlamenta-
rischen Opposition' eine unerläßliche Bedingung sei.
Man war sich auch darin einig, daß diese Arbeit an der Basis nur
in räteähnlichen Organisationsformen vor sich gehen könne, 26)
also möglichst dezentralisiert und apparatfrei, mit den größtmög-
lichen Entfaltungsbedingungen für Spontaneität, die auch der ge-
wandelten Bedürfnisstruktur sich emanzipierender Individuen ent-
sprechen müßten. Die lockere Gruppenform, ohne gewählte Vorstände
und feste Abhängigkeiten, nur der gemeinsamen Sache verpflichtet,
mit dem Plenum als einziger Beschlußinstanz schien die einzig
mögliche Form der neuen Praxis, ohne daß es weitergehender theo-
retischer Begründungen bedurfte.
Zunächst jedoch wurde die Propaganda in der Stadt und vor den Be-
trieben noch von den Hochschulverbänden (SDS, SHB, LSD, GSG, HSU)
getragen und von den ASTA der FU und TU und vom Republikanischen
Club koordiniert. (Auch das sozialistische Maikomitee bestand im
wesentlichen aus diesen Verbänden und noch nicht aus den erst im
Entstehen begriffenen Basisgruppen.) Ein typisches Beispiel für
die Propaganda in dieser Phase, ein Flugblatt an die 'Berliner
Arbeiter' vom SDS aus dem Februar 1968 (Anlaß: Demonstrationsver-
bot und Behinderung des Vietnam-Kongresses) ist im Anhang doku-
mentiert (Nr. 1).
Der leitende Gedanke seit den Erfahrungen aus den Aufklärungs-
aktionen nach dem 2. Juni war, den Arbeitern das Mißtrauen gegen-
über den Studenten zu nehmen, hier probten vielleicht nur Bürger-
söhne den Aufstand gegen ihre Väter, eine neue jeunesse doree
treibe ihren gewalttätigen Schabernack gar auf Kosten der Arbei-
ter, mit anderen Worten: es handele sich eben bloß um die Ausein-
andersetzungen innerhalb ein und derselben Klasse; ein Eindruck,
der von der Springer-Presse durch das von ihr kolportierte Syn-
onym des Studenten mit dem Typ des faulen, herumgammelnden Rabaz-
niks bewußt verstärkt wurde.
Die Propaganda mußte also die Motive der Studenten auf analoge
Situationen der Arbeiter beziehen, wenn sie ihre Proteste und Wi-
derstandsaktionen als gegen die allen Bereichen der kapitalisti-
schen Gesellschaft gemeinsame Herrschaftsstruktur gerichtet ver-
ständlich machen wollte. Im antiautoritären Kampf gegen alle For-
men der Herrschaft und Unterdrückung wurde die 'demokratische
Selbstbestimmung' als Alternative propagiert und später in der
Parole von der 'Selbstbestimmung am Arbeitsplatz' in den Hoch-
schulkampf zurücktransportiert.
Dagegen blieb die ökonomische Argumentation noch überwiegend auf
die Berliner Wirtschaftslage insgesamt bezogen: Sie ging dabei
von der globalen Analyse aus:
"Die Westberliner Wirtschaft befindet sich in einer tiefen Struk-
turkrise, die sich im wesentlichen in einem starken Rückgang der
Westberliner Bevölkerung, der Zahl der Erwerbstätigen, einem
starken Zurückbleiben der Ausrüstungsinvestitionen hinter der
Entwicklung der Bundesrepublik bzw. den produktionstechnischen
Möglichkeiten der Westberliner Wirtschaft, in der Abwanderung
bzw. Verlagerung von Produktionsstätten, in der ungenügenden
Neugründung von Produktionsstätten und dem Verlust von Ar-
beitsplätzen ausdrückt." 27)
Die permanente Strukturkrise Westberlins mußte bei einer der
nächsten Belastungen durch eine allgemeine politische oder ökono-
mische Krise in ein besonders scharfes Stadium treten. Auch ver-
mehrte staatliche Subventionsspritzen würden das auf privater In-
vestitionstätigkeit basierende System kaum noch stützen können;
so etwa lassen sich die damaligen Diskussionen zusammenfassen.
"Diese Konstellation von ökonomischer Strukturkrise, ihrer Ver-
schleierung durch Regierungsapparat und Presse und der fruchtlo-
sen Versuche, sie mit systemimmanenten Maßnahmen zu beheben,
macht das Beispiel Westberlin interessant und wichtig als Modell-
fall spätkapitalistischen Zerfalls." (Ebda.)
Ein Modellfall dafür war sie gerade nicht. In den damaligen Dis-
kussionen wurde der hohe politische Symbolwert, den die Stadt für
jede Bundesregierung als Stabilitäts- und Konkurrenzsymbol des
kapitalistischen Systems besitzt, meist unterschätzt. Das ausge-
baute staatliche Subventionssystem dämpfte zudem auch die Auswir-
kungen westdeutscher Konjunkturkrisen. 28)
Die Verlagerung von Produktionsstätten geht in der Regel auch so
verschleiert und allmählich vor sich, daß sie nicht zum Ausgangs-
punkt spektakulärer Massenmobilisierungen werden konnte. Schließ-
lich ist doch wohl nicht zu verkennen, daß sich die außenpoliti-
sche Lage Westberlins seit denn Chruschtschow-Ultimatum (1959)
und dem Mauerbau (1961) auch wieder relativ stabilisiert hatte.
Zusammen mit der zunehmenden Aufarbeitung der Rezessionsauswir-
kungen von 1966/67 halfen diese Diskussionen über die Berliner
Wirtschaftsstruktur immerhin dabei, die falschen Vorstellungen
von der kapitalistischen Selbstregulation zu erschüttern und die
Einsicht in den Krisenzusammenhang des kapitalistischen Systems
zu eröffnen, - wenn sie sich auch in der propagandistischen Pra-
xis oftmals zu einer mechanischen Krisenerwartung für Westberlin
vergröberte.
In dieser Erwartung und angesichts der in Westberlin zu jener
Zeit äußerst gespannten Atmosphäre wurde zur Maikampagne eine
breite Bündnispolitik betrieben einschließlich linker Sozialdemo-
kraten und SEW.
Der Senat konnte zwar das allgemeine Demonstrationsverbot, das
Albertz nach dem 2. Juni erlassen hatte, nicht aufrechterhalten,
aber auch die große Vietnam-Demonstration vom 19.2. konnte erst
durch ein Verwaltungsgerichtsurteil legal stattfinden. Für den
illegalen Fall waren umfangreiche ('Vorbeuge'-)Verhaftungslisten
angefertigt worden, und Innensenator Neubauers nie eindeutig wi-
derlegter Ausspruch: "Auf ein paar Tote kommt es mir nicht an",
illustrierte die Entschlossenheit des reaktionärsten Teils der
Stadtadministration. Die am 21.2. vom Senat bestellte Hetzkundge-
bung vor dem Schöneberger Rathaus mit der anschließenden Lynchju-
stiz in den Nebenstraßen, das drohende Verbot von SDS und RC,
schließlich der Mordanschlag auf Rudi Dutschke, all das bewirkte
eine Kampfbereitschaft auf dieser Seite der Barrikaden, die zu-
sammen mit der Berliner Krisenerwartung und der ständig wachsen-
den Basis des antiautoritären Lagers bei einem großen Teil der
Genossen die Illusion stärkte, es könnten die entscheidenden
Kämpfe vielleicht nicht mehr so lange auf sich warten lassen.
Daraus wurde auch allgemein die Konsequenz gezogen, daß die bis-
herige Form der Aktionen und Kampagnen: die Vorplanung zentralen,
ad hoc konstituierten Gremien, die konkrete Einlösung indes der
Phantasie und Spontaneität der Massen anzuvertrauen nicht nur
auch künftig erfolgreich, sondern überhaupt die beste Organisati-
onsform des politischen Kampfes des antiautoritären Lagers sein
müßte.
Das mochte auch für eine a n t i a u t o r i t ä r e S t u-
d e n t e n b e w e g u n g zutreffen, für eine Bewegung, die
sich anschickte, eine sozialistische zu werden, bedeuteten solche
Auffassungen ein gefährliches Hemmnis.
Zunächst konnte sich diese Tendenz, besonders in der Hochschulpo-
litik, weitgehend durchsetzen. So vollzog sich parallel zu ihrem
allmählichen Bedeutungsverlust auch die Auflösung der alten poli-
tischen Kerne der Studentenbewegung, der Hochschulverbände, die
bald entweder auch formell liquidiert wurden, wie in Berlin SDS
und GSG oder aber nur noch wie die Wachsfiguren aus Madame Tus-
sauds Kabinett paradierten (z.B. SHB, LSD, HSU). Diese Entwick-
lung mündete an den Berliner Universitäten (Sommer 1968) in die
Gründung der lockeren Ad-hoc-Gruppen, von denen auch künftig die
ASTA-Politik bestimmt wurde.
So kann man von zwei gegensätzlichen Tendenzen bei der Konstitu-
ierung der Basisgruppen sprechen: 29)
Zum einen wirkte die Erfahrung, die aus der überwiegend geringen
Resonanz der allgemeinen Propaganda vor den Betrieben gewonnen
wurde, daß die Arbeiter nur durch Informationen über ihre kon-
krete Lage im Betrieb, ihre unmittelbaren ökonomischen Interes-
sen, wie Fragen des Lohns und der Arbeitsplatzsicherheit für
weitgehende Probleme und Forderungen aufgeschlossen werden konn-
ten. Im Gegensatz zum späteren 'Ökonomismus'-Vorwurf gegen die
Basisgruppen muß festgestellt werden, daß gerade die ökonomische
Propaganda nicht nur am Anfang weder betriebsnah noch umfangreich
genug betrieben wurde. Nur über solche genauen und zuverlässigen
Informationen aber ist das Vertrauen der Arbeiter zu gewinnen.
Deren Kenntnis setzte wiederum eine enge Kooperation mit den Ar-
beitern des jeweiligen Betriebes voraus, die nur durch systemati-
sche und ständige Kontakte und Diskussionen hergestellt werden
konnte. Dies mußte auch den antiautoritär strukturierten Basis-
gruppen allmählich eine festere organisatorische Form geben, wenn
erfolgreiche Betriebsarbeit überhaupt möglich werden sollte.
Andererseits: Gerade in der Phase, in der die Notwendigkeit einer
Verankerung des 'antiautoritären Lagers' im Proletariat im Prozeß
auf eine sozialistische Bewegung hin allgemein anerkannt wurde,
entwickelte sich die Studentenbewegung in ihren Aktionen und Or-
ganisationsformen erst auf den eigentlichen antiautoritären Kul-
minationspunkt zu.
Diese widersprüchliche Entwicklung ist offenbar nur so zu erklä-
ren, daß für die Masse der nach dem 2. Juni politisierten Studen-
ten die Wende zu einer sozialistischen Bewegung noch zu früh kam,
sie die Emanzipationsprobleme ihrer individuellen bürgerlichen
Schicksale vorschnell verallgemeinerten und zum Inhalt der ganzen
Bewegung machten. Auf diesem Hintergrund ist auch die erst 1968
voll anbrandende Reich- und Freud-Welle zu erklären, mit ihren
terroristischen Psychodiskussionen bis in die kleinste Wohnkom-
mune hinein.
Bei den Germanisten zum Beispiel verdichtete sich diese Tendenz
katalysiert durch die resignativen Erfahrungen mit der kritischen
Wissenschaft im Sommer 1968 fast zur Theoriefeindlichkeit. Die
Schwierigkeiten, in der Ad-hoc-Gruppe während der Besetzung des
Germanischen Seminars anläßlich der Verabschiedung der Notstands-
gesetze überhaupt politisch und theoretisch zu diskutieren, lagen
nicht so sehr in der häufigen Abwehr von Angriffen Reaktionärer
auf das Gebäude, sondern in dem unverarbeiteten, traumatischen
Verhältnis zu ihrem Studium, zur Literatur, ihrer Präsentation
und der sublimen Gewalt der 40 000 Bücher der Bibliothek, in der
man ständig tagte. Im allgemeinen Protest gegen die NS-Gesetze
mußten die Germanisten erkennen, daß aus der luxurierenden Ecke
ihrer Wissenschaft jeder Widerstand nur symbolisch oder nur als
Ausdruck der Ohnmacht verstanden werden konnte. ("Das politische
Ziel der Besetzung ist erst realisiert, wenn die Fabriken besetzt
werden." 30)) Der Widerspruch zwischen der brutalen Wirklichkeit
und einem Fach, daß nur "politische Resignation" 31) und
'deformierte Charaktere' 32) produzierte, fand in einer neuen
Form von Eskapismus seine Lösung. Die schwachsinnigen Sendungen
der Kommune l aus dem obersten Stockwerk, die ansonsten mit 60-
Watt-Beat ständig ganz Dahlem bestrichen, wurden ebenso vehement
gegen die politischen Lustfeinde verteidigt wie das antiautori-
täre Verdikt von der Fixierung an die anale Phase gegen alle jene
geschleudert wurde, deren Emanzipationsfortschritte sich nicht in
einer betont negativen Beziehung zum Buch ausdrückten. 33)
Zur radikalen Konsequenz, dieser Wissenschaft abzuschwören, war
damals kaum einer bereit, eine sozialistische Lehrerperspektive
noch von dem insgeheim mitgeschleppten bürgerlich-individualisti-
schen Karrierebewußtsein blockiert.
Anfang 1968 wurde zumindest verbal ganz allgemein anerkannt, daß
es unmöglich sei, "die Welt vom imperialistischen Verbrechen zu
befreien, solange der Kapitalismus nicht auch in den Metropolen
selbst gestürzt ist", wie es Mandel in seiner richtungsweisenden
Rede auf dem Vietnam-Kongreß formulierte. 34) Und das bedeutete:
"(...) an all den Bruch- und Krisenpunkten der bürgerlichen Ge-
sellschaft, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung anzuknüpfen,
um dieses (i.e. "antikapitalistisches", R.S.) Bewußtsein auszu-
breiten, in Aktionen zu verwandeln und langsam aber sicher auszu-
richten auf das einzig mögliche Ziel, die revolutionäre Machte-
roberung durch die Werktätigen, die Verbindung von Arbeitern, An-
gestellten, technischer Intelligenz und Studenten." 35)
Oder kurz:
"Die politische Lehre wurde bereits vom Genossen Dutschke wie ei-
ner Reihe von anderen Rednern in die Formel zusammengefaßt: Ver-
bindung und Aktionseinheit von Arbeitern und Studenten auch auf
elementarster Basis." (S. 65)
Die Hindernisse zu deren Realisierung wurden in der vorherrschen-
den Tendenz großer Teile der antiautoritären Studentenbewegung
gesehen, d i e P r a x i s der Hochschulpolitik weiterhin an
den bürgerlich-individualistischen Emanzipationsbedürfnissen zu
orientieren. 36) Das belastete die mit der Mai- und der Not-
standskampagne breit einsetzende Basisgruppenbewegung in zweier-
lei Hinsicht: erstens wurde dadurch das Engagement für Basisar-
beit faktisch gebremst und zweitens verlängerte sich auch in den
Basisgruppen die antiautoritäre Phase durch die anfangs fortdau-
ernde Abhängigkeit von den politisch führenden Universitätsgrup-
pen; diese Abhängigkeit ist in gewisser Hinsicht bereits dadurch
bezeichnet, daß kaum einer der bis dahin führenden Genossen sich
an der Organisation der Basisgruppen und ihrer Arbeit direkt be-
teiligte. 37)
3.
In der Mai-Kampagne 1968 arbeiteten noch alle wesentlichen, unter
dem Titel 'antiautoritäres Lager' bzw. 'Außerparlamentarische Op-
position' registrierbaren Gruppen intensiv zusammen, um eine ein-
drucksvolle Demonstration und eine mächtige Kundgebung zu organi-
sieren. Die Gemeinsamkeit dieses Ziels und die drohenden Not-
standsgesetze verdeckten die aufgetretenen Differenzen und legten
noch einmal die gesamte Kraft frei, die das antiautoritäre Lager
über den bloßen Appell an die solidarische Hilfe mobilisieren
konnte. 38)
Wenn man einmal von der erheblich intensivierten und systemati-
schen Propaganda absieht, die heute vor und in den Betrieben
Westberlins geleistet wird, dann ist festzuhalten, daß die im
April und Mai 1968 organisierte Propagandaarbeit bei keiner spä-
teren Kampagne wieder erreicht wurde. 39) Zwar liegt das an dem
historisch bisher einmaligen Mobilisierungsgrad der Studenten,
Schüler, Lehrlinge und Jungarbeiter, die in der Folge des 2. Juni
durch die Ereignisse und Aktionen: Springerkampagne, Vietnam-Kon-
greß, Osterunruhen, Mai-Kampagne, Mai-Revolte in Frankreich, Kam-
pagne gegen die Notstandsgesetze in geradezu atemlosen Aktions-
zwang gerieten, wohl aber auch an der damals stärker aktivierten
Phantasie und Spontaneität, die - um den Preis einer gewissen
Diffusität der Argumentation - dem einzelnen das Gefühl selbstbe-
stimmten Handelns verleiht und damit zu größerer Einsatzbereit-
schaft führte.
Ein Beispiel dafür sind die wochenlang organisierten BZ- und
BILD-Kommentare. Im April und Anfang Mai zog jede Nacht ein klei-
ner, wechselnder Trupp von Genossen aus und klaute je ein Paket
'BZ' und 'BILD', die von der Springer-Auslieferung in Hauseingän-
gen oder vor Kiosken für die Zeitungshändler abgelegt worden wa-
ren. Dann wurden in der Koordinationszentrale (TU-ASTA) eiligst
kurze Kommentare zu den wichtigsten Nachrichten, Falschmeldungen
und 'Meinungen' angefertigt und als Flugblätter vor U-Bahnhöfen
und Bus-Haltestellen in den Fabrik- und Arbeitervierteln beim
Kauf von BZ und BILD-Zeitung nachgereicht. Kaum eine Aktion der
Studenten hat damals mehr Eindruck auf die Arbeiter gemacht, als
die Tatsache, daß die Studenten auf findige Weise schon vor dem
Verkauf an die Springer-Zeitungen gelangten, noch Zeit fanden,
sie zu kommentieren und die Kommentare regelmäßig zwischen 6 und
7 Uhr verteilten. Die Mobilisierung führte im April und Mai zur
Gründung zahlreicher Basisgruppen in fast allen Stadtteilen, wo-
bei die Basisgruppe Wedding als Schrittmacher fungierte. Im Mai
bestanden folgende Basisgruppen: Friedenau, Kreuzberg, Märkisches
Viertel, Moabit, Neukölln, Reinickendorf, Schöneberg, Spandau,
Wedding, Wilmersdorf und Zehlendorf. Sie hatten anfangs in der
Regel 30 bis 50 Mitglieder, manche über 100, wie etwa die BG
Spandau. Nur ganz am Anfang waren die Studenten in der Mehrzahl,
bei den meisten Basisgruppen stieß rasch eine ganze Reihe von an-
politisierten Schülern, Lehrlingen, Jungarbeitern u.a. hinzu, die
bislang bei den Demonstrationen oder Kampagnen temporär mitge-
macht hatten, sich aber weder in den Hochschulverbänden 40) noch
im Republikanischen Club (urspr. als linker Intellektuellenclub
gegründet) organisatorisch binden konnten. Allerdings bestimmten
die Studenten auch dort weitgehend Struktur und Diskussion der
Basisgruppen, wo sie eindeutig in der Minderheit waren.
Zunächst griffen die Basisgruppen alles auf, was sich propagandi-
stisch gegen die bestehende Herrschaft ins Feld führen ließ. Dazu
gehörte die Aufklärung über die Folgen der Notstandsgesetze, ver-
bunden mit der Kritik am Parlamentarismus und der formalen Demo-
kratie, über die Wirtschaftslage Berlins, die angekündigten Mie-
terhöhungen ('Weißer Kreis'), Springer und die Bewußtseinsmanipu-
lation, Vietnam u.a., wofür sich verschiedene bezirkliche Schwer-
punkte herausbildeten. So konzentrierte sich die Propaganda der
BG Wedding auf Industriebetriebe (des AEG-Telefunken-Konzerns),
die BG Kreuzberg auf die Wohnungsprobleme in den Sanierungsgebie-
ten, die BG Reinickendorf auf die Schülerarbeit. Das Vorgehen der
BG Wedding ist typisch für alle damaligen Basisgruppen:
"Unsere ersten Kontakte mit der Arbeiterklasse waren experimen-
tell, ohne klare Vorstellungen über die Grundlagen proletarischer
Existenz. Wir agitierten in Kneipen, öffentlichen Versammlungen,
auf der Straße und verteilten zum 1. Mai und zur Notstandsdemon-
stration allgemeingehaltene Flugblätter vor den Betrieben. Diese
Agitation versuchte einerseits die Handlungen der rebellierenden
Studenten zu erklären ('Warum tragen wir rote Fahnen?'). Ande-
rerseits griffen wir allgemeine Probleme der politischen und öko-
nomischen Situation Westberlins auf (Betriebsverlagerungen, Wei-
ßer Kreis)." 41)
Der folgenlose Sternmarsch auf Bonn am 11.5.68 und das fast völ-
lige Ausbleiben der erwarteten Streiks anläßlich der dritten Le-
sung der Notstandsgesetze schlugen sich auf den Optimismus und
die Einsatzbereitschaft der Sympathisanten und auch vieler Genos-
sen lähmend nieder. Im Sommer 1968 kam es nicht nur zu einer all-
gemeinen Krise des antiautoritären Lagers, sondern auch zur er-
sten Krise der Basisgruppen. Viele Liberale und oberflächlich Po-
litisierte sprangen wieder ab. Das wirkte sich besonders auf die-
jenigen Basisgruppen aus, die mehr als 'Bürgerkomitee' mit einem
diffusen Begriff von Stadtteilarbeit begannen, wie die BG Frie-
denau, Moabit, Schöneberg und Wilmersdorf. Während die BG Frie-
denau nicht einmal den Sommer überstand, konnte sich die BG Wil-
mersdorf noch bis Anfang 1969 als Kapital-Schulungsgruppe halten.
Von diesen vier Gruppen gelang es aber nur der BG Moabit, sich
durch konsequentere Betriebsarbeit im Herbst zu stabilisieren.
42)
III Die Phase der relativen Konsolidierung der Basisgruppen
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und die beginnende Fraktionierung in der sozialistischen
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Studentenbewegung
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Vom Herbst 1968 an datiert erst die eigentliche Betriebsarbeit
der Basisgruppen, mit einem halben Jahr Verspätung könnte man
fast sagen, wenn man die zahlreichen Aufrufe aus dem Winter
1967/68 sich der 'mühevollen und langfristigen Arbeit im Proleta-
riat' zu unterziehen als Ausgangspunkt bestimmt.
Es war ein gut Teil Opportunismus, der viele führende Genossen
damals davon abhielt, ihre Erkenntnis auch in die Tat umzusetzen,
denn die Perspektive der mühseligen Kleinarbeit, die in den Be-
triebsgruppen auf sie wartete, hätte erst einmal gegen die Teach-
in-Rituale vom WS 68/69 durchgesetzt werden müssen, auf denen, -
in der mechanisch eskalierten Inflation abstrakter Parolen deut-
lich sichtbar - ein voluntaristisch verkürzter Avantgardebegriff
herrschte, der es zunehmend erschwerte, nüchterne Analysen noch
dazu über die nächsten Monate hinaus anzustellen. Kritik an
falschen Aktionen, die damals, als es noch keine verselbständig-
ten Anarchistengruppen gab, durchaus noch beachtet worden wäre,
wurde entweder nur in kleinen Zirkeln oder sehr spät geübt, - um
nicht dem Defätismusverdikt zu verfallen.
In dieser Furcht, von der man nicht weiß, ob sie als unverdauter
Rest bürgerlichen Narzißmus oder als antiautoritäres Erbe eines
schwer verzichtbaren Bedürfnisses nach 'Gruppenwärme' wirkte,
wurde es z.B. üblich, sich erst einmal einen 'Revisionisten' zu
schaffen, den man auch getrost gegen dessen Intention interpre-
tieren konnte, bevor man es so abgesichert selbst wagen konnte,
leichte Kritik zu äußern.
Nur aus diesem politischen Klima heraus ist der perspektivlose
Aktionismus des WS 68/69 und die erstaunlich lange 'Gültigkeit'
der illusionären Parole, 'Lernt euren Beruf im Klassenkampf!'
verständlich. 42a) Von einer so hochgeschaukelten Radikalität aus
mußte es lächerlich erscheinen, sich mit so banalen Dingen wie
dem Hochschulgesetz zu befassen, und es lag ganz auf dieser
linksopportunistischen Linie, wenn sich die Taktik der INFI-
Gruppe 43), die damals immer mehr die Hochschulpolitik bestimmte,
im Sommersemester schließlich durchsetzte, dem Berliner Senat den
ASTA kampflos zu schenken. In diesem Antiinstitutionalismus
zeigte sich die einzige konsequente Linie, die die späteren KPD-
AO-Gründer noch weit über das Ende der antiautoritären Phase
hinaus verfolgten, - würdig ergänzt durch die VDS-Liquidation 44)
-, bevor sie sich zu guten Leninisten mauserten, die heute sicher
was drum gäben, an den Fleischtöpfen des ASTA oder des VDS sitzen
zu können.
Das Verhältnis zwischen den Basis- und Universitätsgruppen war im
Sommersemester 1968 noch durch die gemeinsame Antinotstandskampa-
gne kooperativ vermittelt, aber schon während der ersten Besuche
von Basisgruppen in den besetzten Instituten wußten die Studenten
kaum mehr mit ihnen anzufangen, als sie für Hauswachen einzutei-
len. Die immer wieder aufgestellte Forderung, die 'Theorie prak-
tisch werden' zu lassen, konnte über eine exotisch-ästhetische
Beziehung zu den 'Arbeitern in der Universität', die ihre Grup-
pensitzungen in das Philosophische oder Germanische Seminar ver-
legt hatten, nicht erfüllt werden. Die Distanz der Sprache und
Probleme, die nur Ausdruck einer wachsenden politischen Differenz
war, führte dazu, daß im Winter 1968/69 die Isolierung der Basis-
gruppen von den Hochschulgruppen weiter zunahm.
Während die Ad-hoc-Gruppen fortfuhren, die Studenten mit immer
geringeren Erfolg über ihre abstrakten Parolen zu mobilisieren, -
ohne eine konkrete Perspektive für die Taktik gegenüber dem Vor-
schaltgesetz (LEX OSI) oder dem Hochschulgesetz zu besitzen,
gründeten die Basisgruppen die ersten Betriebsgruppen, gaben Be-
triebszeitungen heraus 45) und machten sich daran, konkrete Pro-
bleme wie Lohnfragen, die Arbeitszeit, Verlagerungen, Entlassun-
gen, Unfallschutz, die Rolle der Gewerkschaften, des Betriebs-
rats, der Vertrauensleute, die Funktion des Betriebsverfassungs-
gesetzes usw. anzugehen. Sie mußten bald feststellen, daß ihre
Kräfte und Kenntnisse für diese vielfältigen Aufgaben nicht aus-
reichten. So wurde immer wieder die Aufforderung an die Hoch-
schulgruppen herangetragen, die praktische Arbeit der Basisgrup-
pen durch theoretische Zuarbeit zu unterstützen; aber lange Zeit,
bis etwa Mitte 1969 blieb diese Hilfe äußerst dürftig und erhielt
auch dann nicht den Charakter einer systematischen Unterstützung.
Stattdessen wurde schon recht bald die Kleinarbeit der wachsenden
Betriebsgruppen 46) von den um ihren Führungsanspruch gegenüber
der gesamten revolutionären sozialistischen Bewegung besorgten
INFI-Genossen als Kleinkrämerei und schließlich als Handwerklerei
abgetan. Sie wußten auch, woran das lag, und wie dagegen anzuge-
hen sei. Ein führendes Gründungsmitglied der AO konnte auf einer
INFI-Sitzung vom 4.4.1969 unwidersprochen feststellen: "Man muß
das linksbürgerliche Bewußtsein der Basisgruppen mit organisato-
rischen Hebeln aufbrechen." Damit ist nicht nur das Programm für
die kommenden Fraktionierungen ab Mitte 1969 vorgezeichnet, son-
dern auch das instrumentelle Organisationsverständnis beleuchtet,
das die KPD-AO in ihren Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen
bis in die jüngste Zeit bewahrt hat. 47)
In ihren Versuchen, die politische Arbeit der Betriebsgruppen auf
eine bessere theoretische und organisatorische Grundlage zu stel-
len, blickten die Basisgruppen 48) aber nicht nur zu den Hoch-
schulgruppen hinüber. Von Anfang an waren die organisatorische
Verbindung der Gruppen, die "Selbstausbildung der agitatorisch
und propagandistisch arbeitenden Genossen" und die
"Arbeiterschulung" 49) klar erkannte Notwendigkeiten, wenn sie
zunächst auch kaum als politökonomische Grundlagenarbeit begrif-
fen wurde. Es dauerte aber noch bis zum Sommer 1969, bis die all-
gemeine und systematische Schulung, die sich von den konkretisti-
schen Konfliktanalysen und den 'Strategiedebatten' abhob, vor al-
lem für die Arbeitergenossen in den Betriebsgruppen eingeführt
werden konnte.
Die Verzögerung hatte vor allem in der besonderen Betriebstaktik
der Basisgruppen ihren Grund. Die Studenten, die mit der Be-
triebsarbeit begannen, fanden in den Betrieben eine durch den An-
tikommunismus in seiner spezifisch Berliner Form politisch ge-
lähmte Arbeiterschaft vor, eine politisch ebenso gelähmte SEW,
deren Betriebsgruppen nur die Funktion von Informationslieferan-
ten tür das Parteiorgan 'Die Wahrheit' hatten und erlebten, daß
in dieser quasi pazifizierten Atmosphäre schon kleine Konflikte
große Wellen schlugen. Von ihrer antiautoritären Herkunft ani-
miert und von den meist unausgesprochenen Erwartungen der Hoch-
schulgruppen, 'wann denn der Kampf an der Betriebsfront begänne',
gedrängt, schlugen sie anfangs immer neue Konflikttaktiken ein,
wobei nur selten durchschlagende Erfolge erzielt werden konnten,
weil die Aktionen nicht genügend vorbereitet waren und meist noch
keine im Betrieb fest genug verankerte Betriebsgruppen bestanden,
die die Rückschläge hätten auffangen und überwinden können. 50)
Ein anderer Grund liegt in der permanenten Überlastung der stu-
dentischen Genossen, die wegen ihrer ungebundenen Zeit nicht bloß
alle organisatorischen, finanziellen Regelungen der Basisgruppe,
den Druck und die Verteilung der Flugblätter und Betriebszeitun-
gen, die Vorbereitung mehrerer Sitzungen in einer Woche usw.
übernahmen, sondern auch die vielfältigen Außenkontakte zu ande-
ren Basisgruppen, Hochschulgruppen, RPK u.a.m. Diese Arbeitstei-
lung erschwerte zweifellos die politische Emanzipation der Arbei-
tergenossen, auch jüngere Studenten übten Kritik an dem zwangs-
läufig entstehenden bzw. sich verfestigenden Informationsvor-
sprung, dem 'Informationsmonopol' der älteren studentischen Ge-
nossen. Diese Kritik wurde teilweise auf die Außenkontakte über-
haupt ausgedehnt, mit der Folge von dezidiertem In-group-Bewußt-
sein und - bestärkt durch den elitären Führungsanspruch der INFI-
Gruppe - zur Feindschaft gegen alle Zentralisierungsversuche, bis
hin zur Weigerung, sich an Redaktion und Herstellung der RPK zu
beteiligen, an der die Basisgruppen anfangs maßgeblichen Anteil
hatten. Diese Position war aber bei den Basisgruppen insgesamt
immer in der Minderheit. Sie war z.B. typisch für den anarchosyn-
dikalistischen Flügel der BG Wedding und für die später ausge-
schiedene Minderheitsfraktion der BG Tegel.
Als abgeschwächte Tendenz war sie aber bei fast allen Basisgrup-
pen anzutreffen. Dazu trugen noch einige andere Umstände bei. In
der Anfangsphase der Basisgruppen (1968) hatte sich auch der neue
studentische Lebensstil, das antiautoritäre Submilieu mit der
Lustbetontheit und spezifischen Unverbindlichkeit in einigen Ba-
sisgruppen eingenistet; besonders in solchen, in denen Studenten
den Ton angeben, die - von Universität und Wissenschaft ent-
täuscht - meinten, in einer Sphäre handfester, realer Praxis den
eigentlichen Sinn ihrer politischen Existenz verwirklichen zu
können. Zuweilen blieb diese Praxis im bloßen 'emanzipativen'
Submilieu stecken. Dafür steht etwa der Konflikt im Sozialisti-
schen Club Neukölln, wo die Betriebsarbeit (im Herbst 1968) damit
endete, daß die politisierten Lehrlinge und Jungarbeiter ihre Ar-
beit niederlegten und sich dem angenehmeren Leben im studenti-
schen Submilieu hingaben. Gestützt wurden solche Tendenzen noch
längere Zeit durch die Ideologie von der besonderen Lebensform in
den Wohnkommunen und durch die These von der notwendigen Rekon-
struktion eines 'Arbeitermilieus', eines 'Gegenmilieus', die in
einer Phase abgehobener 'kulturrevolutionärer' Argumentation ent-
stand (50a) und sich noch bis in das Jahr 1969 am Leben erhielt,
allerdings nicht nur in den Basisgruppen.
Eine wichtige Rolle spielten auch die lange Zeit (etwa bis Sommer
1969) fortwirkenden, nie ausreichend analysierten und deshalb
später auch nur pauschal kritisierten Vorstellungen von den Räten
als Kampforgane der Arbeiterklasse und antizipierter Organisation
der 'assoziierten Produzenten' in einer künftigen Gesellschaft.
Ohne hier näher darauf eingehen zu können muß wohl zugestanden
werden, daß sie sich in der Praxis eher hemmend auf die verschie-
denen Zentralisierungsversuche ausgewirkt haben, obwohl solche
Versuche meines Wissens nie mit expliziter Berufung auf die Räte-
organisation abgelehnt wurden. Von der täglichen Praxis der Ba-
sisgruppen aus gesehen bestand aber auch zunächst keine Notwen-
digkeit für einen aufwendigen zentralen Apparat. Bei aktuellem
Anlaß konnte man sich der Möglichkeiten von RC und AStA bedienen
(Räume, Telefon, Schreib- und Druckmaschinen). Zur Zeit größerer
Kampagnen und Aktionen (z.B. 1. Mai 1969) war schnell ein, zen-
traler, kontinuierlich arbeitender Ausschuß gebildet. Im Maß wie
er - über den aktuellen Anlaß hinaus ? bloß als Gremium allgemei-
nen Informationsaustauschs und allgemeiner, theoretisch oft unzu-
länglich vorbereiteter Strategiedebatten fortexistierte, schwand
auch jedesmal das Interesse der Delegierten aus den Basisgruppen
an einer weiteren Mitarbeit. Ein gewisses Bedürfnis nach Koordi-
nation hat sich aber immer aus der Basisgruppenarbeit selbst er-
geben, unabhängig von den gezielten organisatorischen Versuchen,
die Basisgruppen zum Ausgangspunkt und zu Grundeinheiten einer
größeren proletarischen Organisation werden zu lassen.
Die Versuche zur Zusammenfassung und Vereinheitlichung der Basis-
gruppenarbeit sind so alt wie die Basisgruppen selbst. Ihre Er-
folge und Fehlschläge sind aber nicht allein aus der Struktur und
Politik der Basisgruppen zu erklären. Anfangs resultierten die
Organisations- und Zentralisierungsversuche aus der notwendigen
Kooperation bei der Mai- und Notstandskampagne: Produktion und
Verteilung der Flugblätter, gegenseitige Information über die Re-
aktion von Arbeitern und anderen Teilen der Bevölkerung, Diskus-
sion gemeinsamer Probleme beim Aufbau der Basisgruppen und der
Gestaltung ihrer politischen Arbeit. Der erste Ansatz war das De-
legiertentreffen ab April 1968 (s. Anhang Nr. 3), das sich im
Sommer wieder auflöste. Im Herbst wurde ein neuer Koordinations-
versuch gemacht, mit dem auch die Kritik umgesetzt wurde, die an
der Tendenz zur Bildung neuer Funktionäre und Autoritäten über
den Delegiertenstatus geübt worden war. Ab Oktober 1968 (bis
April 1969) tagte einmal wöchentlich die Vollversammlung aller
Basisgruppen ('Dienstags-Treffen'), die sich ab Februar 1969 auch
ein eigenes Organ schuf, den 'Basisgruppen-Info', der bis Juni
1969 mit sechs Nummern herauskam. In ihm wurden allgemeine Erfah-
rungsberichte der Basisgruppen, der Verlauf von Aktionen, Strate-
giedebatten und internationale Erfahrungen über revolutionäre Be-
triebsarbeit (Pirelli u.a.) veröffentlicht. Dabei dominierten
Themen wie 'Arbeiterkontrolle', 'proletarisches Gegenmilieu' und
immer wieder die Organisationsfrage, die dann das ganze Jahr 1969
über im Mittelpunkt der Diskussion stand.
Im ganzen waren aber die Kräfte der Basisgruppen Anfang 1969 so
angespannt, daß weder diese organisatorischen Maßnahmen, noch die
kurzfristigen Zentralisierungsversuche über das 'Zehnerkomitee',
in dem fünf Vertreter von Ad-hoc-Gruppen mit fünf Vertretern der
Basisgruppen zusammensaßen, eine fühlbare Entlastung und Stärkung
der Basisgruppen bedeuteten. 51) Die Skepsis gegenüber größeren
Aktionen und auch Rahmen auch ohne Demonstration gestalten
wollte. Schließlich einigten sich die Basisgruppen, die bei der
Vorbereitung nur geringe, meist finanzielle Unterstützung von den
übriggebliebenen studentischen Verbänden und Institutionen er-
hielten 52), sonst aber die Kampagne allein trugen auf folgende
Linie:
"Es kann uns nicht darauf ankommen, kurzfristig möglichst viele
Menschen zu mobilisieren, mit dem Ziel, am 1. Mai die etwa glei-
che Anzahl von Manifestanten auf die Straße zu bringen wie 1968.
Sondern wir müssen unsere so anlegen, daß sie nach dem 1. Mai
weitergeht. Das bedeutet eine Intensivierung der langfristigen
Basisarbeit, Bildung von Arbeitsgruppen oder Übernahme von Aufga-
ben durch bestehende Gruppen, die nach dem 1. Mai weiterarbeiten.
Das gilt besonders für die Universitätsgruppen, die in die Basis-
arbeit hineinzuziehen wären und die dadurch eine Perspektive für
das nächste Semester gewinnen würden (...).
Eine weitgestreute Agitation würde uns - falls sie überhaupt er-
folgreich wäre - in ein ähnliches Dilemma führen wie am letzten
1. Mai: Wir könnten die von uns mobilisierten Gruppen von Arbei-
tern organisatorisch nicht auffangen und würden damit erneut ei-
nem Resignationsprozeß und Versinken in Apathie Vorschub leisten.
Es wird daher vorgeschlagen, alle Anstrengungen weitgehend zu
konzentrieren auf die Betriebsarbeit, vor allem auf Großbetriebe.
Uns scheinen hier die Möglichkeit der Organisierung und kontinu-
ierlichen politischen Arbeit am günstigsten." 53)
In der Sicht der Basisgruppen ähnelte die Westberliner Situation
der russischen zwischen 1894 und 1901, von der Lenin sagt:
"Damals verfügten wir tatsächlich über erstaunlich geringe
Kräfte, damals war die Entschlossenheit, sich restlos der Tätig-
keit unter den Arbeitern zu widmen und jedes Abweichen von ihr
scharf zu verurteilen, natürlich und gerechtfertigt, damals be-
stand die ganze Aufgabe darin, in der Arbeiterklasse festen Fuß
zu fassen." 54)
Aber die damalige Forderung der Basisgruppen nach Konzentration
auf die Betriebsarbeit wurde nur verbal unterstützt. Besonders
die INFI-Gruppe, die als KPD-AO die fundamentale Bedeutung von
Betriebsgruppen für jede revolutionäre sozialistische Arbeit ein-
gesehen hat 55), lahmte die Unterstützung der Basisgruppen durch
die Hochschulgruppen immer wieder durch ihr denunziatorisches Ge-
rede vom 'Ökonomismus' und der 'Handwerkelei' der Basisgruppen,
ohne die praktischen Schwierigkeiten der Betriebsgruppenarbeit
genau zu kennen, und ohne überhaupt eine ausreichende Vorstellung
darüber zu besitzen, welche Funktion gerade auch die ökonomischen
Konflikte als Grundlage und Vorbereitung zur Bildung von politi-
schem Klassenbewußtsein in der Betriebsarbeit besaßen. Die Basis-
gruppen wurden stattdessen permanent mit den Fragen heimgesucht,
wieviel Internationalismus sie in ihrer Propaganda untergebracht
hätten, und ob ja nicht der Kampf gegen den Staatsapparat zu kurz
käme. Dabei waren diese beiden Elemente von Anfang an wichtige
Bestandteile der Betriebsarbeit, was sich anhand von Flugblättern
und Betriebszeitungen leicht belegen läßt. Aber diese Einwände
wurden von der INFI-Gruppe auch nicht als ernstgemeinte, solida-
rische Kritik verstanden, sondern galten als taktisches Manöver,
das ihre zentralistische Sonderstellung legitimieren sollte.
Im Sommer 1969 versuchte die INFI-Gruppe noch einmal in Zusam-
menarbeit mit Hochschul- und Basisgruppen über drei 'Kommis-
sionen', von denen nur eine, die 'Kommission Produktion' mit vier
Untergruppen, auch Berichte vorlegte, eine allgemeine Bestands-
aufnahme der revolutionären sozialistischen Bewegung Westberlins
vorzunehmen, die über eine anschließende Strategiedebatte zur
organisatorischen Neubestimmung und Zusammenfassung der Bewegung
führen sollte. Der Versuch scheiterte an den mageren Ergebnissen
der Kommissionen, aber auch weil das einmal entstandene Mißtrauen
gegenüber den unausgewiesenen Führungsansprüchen verschiedener
Gruppen, besonders der INFI-Gruppe, nicht so schnell abgebaut
werden konnte.
Die INFI-Gruppe verlegte sich dann darauf, ihre organisatorischen
Ziele mit dem inzwischen probat gewordenen Mittel der Fraktionie-
rung zu erreichen. Die 'Arbeiterkonferenz', die sich zu jener
Zeit vor allem aus Lehrlingen und Jungarbeitern gebildet hatte,
die in kleinen Betrieben oder dort arbeiteten, wo keine Betriebs-
gruppen bestanden, geriet durch das Taktieren einiger Arbeiter,
die die Redeweise und den Funktionärsstil der Studenten kopiert
hatten, jetzt aber als eigene Organisationsführer operieren woll-
ten, bald ins Blickfeld der INFI-Gruppe. Sie bestärkte die Führer
der Arbeiterkonferenz in ihrer sachlich nur z.T. berechtigten, im
übrigen unkritisch übernommenen, falschen Kritik an den Basis-
gruppen und versuchte, sie gegen diese auszuspielen. Als die Ar-
beiter merkten, daß sie nur Instrumente in den Händen der INFI-
Genossen waren und sie sich weigerten, noch länger über die Köpfe
der anderen Genossen hinweg Entscheidungen zu treffen, ließ die
INFI-Gruppe sie als unbrauchbar fallen und die Arbeiterkonferenz
löste sich bald wieder auf.
Mit den Organisationsbemühungen der Basisgruppen stand es aller-
dings nicht sehr viel besser. Ende Sommer 1969 war auch das
'Maikomitee', das seit April die Koordinationsinstanz der Basis-
gruppen darstellte, eingeschlafen, so daß im Herbst wieder ein
neuer Ansatz gemacht werden mußte. 56)
Aber er konnte auf die im Herbst einsetzende verstärkte Fraktio-
nierung der Westberliner Linken nicht mehr Einfluß nehmen. Das
Auftauchen von ML und KPD-ML versetzte die um ihren Führungsan-
spruch besorgten Genossen in helle Aufregung. In den nun folgen-
den politischen und organisatorischen Diskussionen spielten die
Basisgruppen höchstens als Objekt der entstehenden Kaderlinien
noch eine Rolle. Nach den vielen Organisationskonzepten, die seit
dem Frühjahr 1969 von den Hochschulgruppen ausgebrütet worden wa-
ren (Sektionen, Rote Zellen, Sozialistische Massenorganisation,
'Hauptquartiere', Syndikate, ML-Schulungsgruppen etc.), ohne daß
diese eine nennenswerte Auswirkung auf die Intensivierung und
bessere Organisation der Betriebsarbeit gehabt hätten, zogen sich
die Basisgruppen weitgehend aus dieser Diskussion zurück. An der
großen RPK-Konferenz vom Dezember 1969 waren nur ganz wenige Be-
triebsgruppen beteiligt. Zu diesem Rückzug trugen auch die dogma-
tischen Debatten bei, wie sie von ML-Genossen seit Ende Sommer 69
geführt wurden. Mit ihrem sektiererischen Konzept, allein die
Schulung als Praxis der Betriebsarbeit zu definieren und von der
Schulung her die Organisation aufbauen zu wollen ("Mit der Schu-
lung beginnt die Organisierung" 57)) fielen sie massenhaft in Ba-
sisgruppen ein und fraktionierten die Betriebsgruppen (z.B. Wed-
ding). Die ML-Bewegung von 1969 und Anfang 1970 war eine typische
Intellektuellenerscheinung, wie in Frankreich und Italien so auch
Westdeutschland und Westberlin, und setzte sich damals fast
durchweg aus Studenten zusammen, die bis dahin noch keinerlei Be-
triebsarbeit geleistet hatten. Dafür kopierten sie die hölzernen
Phrasen der großsprecherischen Unione Marxista-Leninista - ge-
nauso wie die KPD-AO-Gründer -, die schließlich ein unrühmliches
Ende fand.
Im Herbst 1969 war die Zeit 'reif' geworden für solche dezisioni-
stischen Konzeptionen; nach den einjährigen fruchtlosen Diskus-
sionen und den ständig wechselnden Parolen (dafür ist die 'Linie'
der Rotzeg typisch) gab es zahlreiche sozialistische Studenten,
die - koste was es wolle - eine feste Perspektive suchten. Ein
großer Teil der in den früheren Kampagnen Politisierten war be-
reits in privaten Zirkeln verschwunden, in die zahlreichen Schu-
lungsgruppen an den Universitäten gegangen oder beteiligte sich
am Aufbau von Gegenstudienprogrammen. Vorstellungen, in denen
Schulung gleich Praxis gesetzt wurde, hatten nach der aktionisti-
schen Phase an der FU einige Attraktivität. Gefährlich und grund-
falsch wurden diese Konzeptionen, als sie mit Ausschließlich-
keitsanspruch verkündet und auf die proletarischen Organisations-
ansätze, wie die Betriebsbasisgruppen übertragen wurden. 58)
IV
Von der Basis dieser gewiß noch unzureichenden und besonders für
die letzte Phase (ab Mitte 1969) allzu knappen Materialskizze
lassen sich folgende Einwände gegen eine 'proletarische Kaderli-
nie' studentischer Provenienz, wie sie die KPD-AO repräsentiert,
erheben. Daß sie ihr Organisationskonzept auf dem Weg einer ab-
strakten Rezeption historischer Modelle zusammengebaut hat und
sich mit einem dezisionistischen Akt aus dem selbstbereiteten
Sumpf der ideologischen und organisatorischen Misere der soziali-
stischen Studentenbewegung ziehen will. Sie verkennt, daß sie
entgegen ihrem Anspruch, eine sozialistische Intellektuellenorga-
nisation geblieben ist, - auch wenn sie sich 'auf den proletari-
schen Standpunkt stellt!'. In der gegenwärtigen Phase der Zirkel-
arbeit können neue Formen noch keine neue Qualität bedeuten, den
neuen Inhalt: Marxismus-Leninismus haben inzwischen alle Gruppen
für sich entdeckt.
Es blieb in diesem Beitrag kein Raum mehr, ein Jahr Praxis der
KPD-AO ausführlich genug zu analysieren. Aber so viel zeigt schon
ein kurzer Vergleich: In dem Jahr zwischen Ende 1968 und Ende
1969 schritt die Verbreiterung und Intensivierung der Betriebsar-
beit sehr viel rascher voran, als indem Zeitraum zwischen 1969
und 1970, seitdem die 'Kaderlinien' mit der Betriebsarbeit began-
nen, 59) darüber darf man sich auch nicht durch die sehr viel
größere Zahl der Betriebszeitungen täuschen lassen 60). In dem
knappen Jahr ihrer Existenz hat die KPD-AO zwei schwache Be-
triebsgruppen aufbauen können und ist im übrigen auf das Ein-
Mann-System der 'Arbeiterkorrespondenten' angewiesen. An den
Schwierigkeiten, die mit dem Aufbau gut funktionierender
Betriebsgruppen verbunden sind, kann die KPD-AO ermessen, welche
historischen Möglichkeiten sie mit ihrer bestenfalls distan-
zierten, meist aber denunziatorischen und liquidatorischen
Politik vertan hat. Es ist wesentlich ein 'Verdienst' des
Gründungskerns der KPD-AO und ihrer assoziierten Hochschulgruppen
gewesen, wenn die Basisgruppen nicht der Kern der organisa-
torischen Zusammenfassung aller radikalen sozialistischen Kräfte
Westberlins werden konnten, die in der Unterstützung des
proletarischen Klassenkampfs die einzig sinnvolle politische
Perspektive sehen.
Spätestens seit dem Frühjahr 1969 hat die INFI-Gruppe alias KPD-
AO diesen Versuchen faktisch entgegengearbeitet und damit die
vielleicht einzige Chance vertan, die für eine breite, zukunft-
strächtige Klassenkampfbewegung jenseits von DKP und SEW in den
vergangenen Jahren bestanden hat. Die organisatorische Ungeduld,
die permanente Denunziation der 'arbeitenden Gruppen', des
'Zirkelwesens' hat selber nichts besseres hervorgebracht als le-
diglich disziplinierteres Zirkelwesen. Diese Ungeduld war immer
eine studentische, eine Intellektuellen-Eigenschaft, sie fand
sich immer in den aktionistischen Hochschulgruppen, die es nicht
eilig genug hatten mit dem Klassenkampf, - so wie sie ihn ver-
standen, dabei gelang es nicht einmal, klare Perspektiven für den
Hochschulkampf zu entwickeln. Als die Basisgruppen vor zwei Jah-
ren zögerten, ob sie eine mobilisierende Maikampagne gegenüber
den ev. folgenlos mobilisierten Lehrlingen und Jungarbeitern ver-
antworten könnten, und keine Unterstützung von den Hochschulgrup-
pen kam, da war die damalige INFI-Gruppe damit beschäftigt, den
perspektivlosen Aktionismus jener Gruppierung zu unterstützen
61), die als schließlich immer derselbe 30-Mann-Trupp durch alle
Hörsäle zog.
Eine Chance für die 'proletarischen' Nachfolgeorganisationen der
sozialistischen Studentenbewegung jenseits von DKP und SEW in die
künftigen Klassenkämpfe organisierend und unterstützend eingrei-
fen zu können, besteht überhaupt nur noch, wenn nach einer - bis-
her ausgebliebenen Phase gründlicher Selbstkritik ernsthaft "die
Frage des Bündnisses hinsichtlich der Vereinigung" 62) gestellt
wird und die Ausdehnung der Arbeit in Westdeutschland gelingt.
63)
Die nächsten zwei Jahre werden darüber entscheiden, ob wenigstens
diese Lehre aus der Geschichte der Studentenbewegung und aus der
Geschichte der Arbeiterbewegung gezogen wird oder ob die einzel-
nen Aufbauorganisationen endgültig zu Sekten verkümmern bzw. sich
auflösen werden zugunsten der DKP und SEW.
Einstweilen sieht es wenigstens bei der KPD-AO so aus, als würde
sie lediglich die Lehren aus der Geschichte ziehen wollen, die
ihr genehm sind. Mit der Taktik der Legendenbildung wird sie auf
die Dauer keine ausreichende Legitimation für sich begründen kön-
nen, (s. Exkurs)
Exkurs: Die KPD-Legende
-----------------------
Der bewußten Blindheit der AO-Gruppe gegenüber ihrer eigenen Ent-
wicklung aus der Studentenbewegung entspricht die Geschichtsklit-
terung an ihrem neugewählten Stammbaum.
In ihrer ersten Publikation der geplanten Reihe 'Dokumente, Ana-
lysen zur Geschichte der Kommunistischen Arbeiterbewegung' über
'Die Bolschewisierung der KPD' 64) kommt die Aufbauorganisation
zu folgender Einschätzung: Bis 1925 wurden in der Weimarer KPD
schwere Fehler begangen. Sie sind das Ergebnis der rechten bzw.
ultralinken Politik der jeweiligen KPD-Führungen. Erst durch
Thälmann und mit der Bolschewisierung hat die Partei ihre Linie
gefunden, wenngleich eingeräumt wird, daß für ihre Gestaltung und
Durchsetzung "eine zu kurze Zeit" zur Verfügung stand. 65)
Die Darstellung der KPD-Geschichte folgt der Intention: Wenn auch
die KPD selbst nicht mehr in der Lage war, das Instrument der
Bolschewisierung konsequent anzuwenden, so bleibt dies doch ihr
wichtigstes Vermächtnis, das es zu bewahren und erst richtig zu
verwirklichen gilt.
Da man aber andererseits die Gültigkeit eines Organisationsprin-
zips nicht einfach von seinem historischen Ursprung gelöst be-
stimmen kann, wird die frühe KPD-Geschichte unter dem Aspekt der
späteren Thälmann-Politik (bzw. ihrer Legende) interpretiert und
Erfolg wie Scheitern der unter seiner Führung betriebenen Bol-
schewisierung gegen alle konkrete Erörterung der aus ihr folgen-
den bzw. mit ihr verknüpften Politik abgeschirmt.
Darin geht das Nachwort auch weiter als der ältere RPK-Artikel
66) 'Untersuchung und Parteiaufbau', indem immerhin auf die KPCh
als "ein konkretes historisches Modell" hingewiesen wird 67), an
dem die gelungene Bolschewisierung zu studieren sei. In diesem
Artikel findet sich auch eine schlüssige Darstellung des Verhält-
nisses von Strategie und Organisation in der KPD. 68)
Beiden Beiträgen gemeinsam ist aber die Exemtion der Komintern
von aller Kritik. Überhaupt bleibt das ganze Verhältnis der KPD
zur Komintern als Sektion der Kl weitgehend ausgeklammert; es
wird auch nicht diskutiert, inwiefern die vom EKKI ausgegebenen
Parolen den nationalen Kampfbedingungen der europäischen Bruder-
parteien entsprachen und inwieweit den außenpolitischen Erwägun-
gen der Sowjetrepublik, z.B. in der Folge der NEP-Periode. 69)
Hier macht sich's die AO allzu einfach, wenn sie der Komintern
die richtigen, objektiven Analysen zugute hält und das Falsche an
ihrer Politik nur den unzulänglichen Berichten der KPD über den
subjektiven Faktor zuschiebt (a.a.O., S. 354). 70) Das ist z.B.
weder für die März-Aktion 1921 noch für den geplanten Oktoberauf-
stand 1923 bewiesen.
Daß der "als Spezialist für die Komintern" arbeitende Karl Radek
seine Politik in Deutschland, z.B. 1923 den chauvinistischen
Schlageter-Kurs "als vereinzelter Genosse" und von der KPD
'unkontrolliert' (S. 354) inauguriert haben könnte ist doppelt
falsch. Er vertrat diese Linie bereits auf der Juni-Tagung des
EKKI 71), und die KPD war vom Juli bis September entsprechend
eifrig bemüht, sie bis zu den unteren Parteigliederungen umzuset-
zen. 72)
Man mag sich nun streiten, wer opportunistischer war, das EKKI
mit Radek oder die KPD. Ganz offensichtlich ·ist jedenfalls
d i e s e Linie nicht auf dem Mist der linken Fischer/Maslow-
Führung gewachsen, - wenn sie sie bezeichnenderweise auch mitge-
macht hat.
Die Ignoranz der AO gegenüber der tatsächlichen Politik der
Komintern verleitet sie zur Kolportage schierer Ammenmärchen:
"Auch ist zu bezweifeln, ob die Komintern der KPD jemals eine
Weisung gegeben hat, mit der die Partei nicht einverstanden war."
73)
Selbst die SED ist mit ihrer G e s c h i c h t e d e r
d e u t s c h e n A r b e i t e r b e w e g u n g (Berlin 1966,
Bd. 1-8) inzwischen kritischer geworden. Als 1931 Nazis und
Deutschnationale einen Volksentscheid über die sozialdemokratisch
geführte Preußenregierung vorbereiteten, faßte das Politbüro der
KPD nach vorangegangenen Meinungsverschiedenheiten
"einmütig den Beschluß, daß die KPD sich nicht am Volksentscheid
beteiligen werde. Anders in der Politkommission des EKKI. Hier
konnten sich D.S. Manuilski und andere führende Funktionäre, die
die Lage realistisch einschätzten, nicht durchsetzen. Da sich
auch J.W. Stalin und W.M. Molotow für die Teilnahme der KPD am
Volksentscheid einsetzten, erhob die Politkommission des EKKI
Einspruch gegen den Beschluß des Politbüros des Zentralkomitees
der KPD. Die KPD wurde aufgefordert, endlich ihre Haltung zu
ändern. So entstand ein Gegensatz zwischen den Beschlüssen der
KPD und denen des führenden Organs der Kommunistischen
Internationale. Die KPD wurde zu einer Entscheidung gedrängt, die
den wirklichen Gegebenheiten in Deutschland nicht Rechnung trug.
Das Sekretariat, das Politbüro und das Zentralkomitee traten am
22. Juli nacheinander zusammen und revidierten die Haltung der
KPD zum Volksentscheid. Die kommunistischen Wähler wurden auf-
gefordert, ihre Stimme für die Auflösung des Preußischen Landtags
abzugeben." 74)
An diesem Beispiel wird deutlich: die mechanische Abhängigkeit
der KPD von der KI während der Thälmann-Führung, z.Z. des Ausbaus
der 'Partei neuen Typs'. Sie kann als eines der wenigen Reste
dessen bezeichnet werden, was von der versuchten Bolschewisierung
schließlich übrigblieb. Wie die AO selbst einräumt 75), versagte
die KPD bei einer der wesentlichsten Aufgaben, der auch von der
Komintern geforderten organisatorischen Umstellung auf Betriebs-
zellen 76); sie schwankte auch nach 1925 in der Gewerkschaftspo-
litik, der Einheitsfronttaktik; ihr mißlang die notwendige, feste
Verankerung in den Massen 77), die Entwicklung einer mittel- und
längerfristigen strategischen Perspektive auf der Basis einer po-
litökonomisch ausreichend fundierten Klassenanalyse, sie vernach-
lässigte die Kaderschulung und die Sicherung der innerparteili-
chen Demokratie, - von der es in der 27. These über die Bolsche-
wisierung der Parteien der Komintern 78) heißt:
"Die Formen der innerparteilichen Organisation haben sich den
ausschlaggebenden Interessen des Kampfes um die proletarische
Diktatur unterzuordnen. Unter allen Verhältnissen aber hat die
kommunistische Partei eine gewisse Freiheit der innerparteilichen
Kritik, einen Geist der Gleichheit der Parteimitglieder unterein-
ander, eine Zuvorkommenheit der höheren Organe den ihnen unter-
stehenden Zellen gegenüber, das Prinzip der Wählbarkeit usw. zu
wahren."
Das einzige, was der KPD bei dem Versuch der Bolschewisierung
wirklich gelang, war die Zentralisierung, - wofür allerdings
schon Levi und die Fischer-Maslow-Führung auf ihre Weise Vorar-
beit geleistet hatten, - und die Entwicklung einer "eisernen pro-
letarischen Disziplin" 79).
Das alles mußte in der konkreten Politik der Partei zu einer Ent-
wicklung führen, die sich u.a. so auswirkte, daß
"Kursänderungen... deshalb immer das Ergebnis des Machtwechsels
von Führungsgruppen (waren), an dem die unteren Ebenen keinen An-
teil hatten." 80)
Diese Kursänderungen folgten also keinen umfassend begründeten
Analysen der aktuellen Kapitaltendenzen, sondern waren entweder
empirisch motivierte Korrekturen aufgrund spürbaren Mitglieder-
schwundes und verminderten Einflusses in Arbeiterorganisationen,
bei Wahlen etc. oder taktische Wendungen als Folge von Fraktions-
auseinandersetzungen.
Diese analytische Schwäche der KPD-Strategie findet sich bereits
in der frühen Phase. Wie Heilmann und Rabehl ausführlich darstel-
len 81), haben sowohl Komintern wie KPD lange Zeit die Stabili-
sierung des Kapitalismus in Deutschland und Westeuropa ignoriert;
das relative Verdienst der Komintern ist es höchstens, daß sich
in ihr die richtige Einsicht etwas früher ankündigt 82) als in
der KPD. Aber ganz offensichtlich vermochte die theoretische Ar-
beit in der Komintern den objektiven Anforderungen der Kommuni-
stischen Parteien auch nicht zu genügen.
Das KPD-Bild der AO fällt inzwischen (gegenüber dem bereits er-
wähnten RPK-Artikel in der Nr. 59) etwas positiver aus, aber nur
um den Preis weiterer Schönfärbereien. Dazu gehört auch das Ba-
steln an einer neuen Thälmann-Legende. Die AO verschweigt, daß
Thälmann lange Zeit fest hinter der linken Fischer/Maslow-Gruppe
stand, und z.Z. der Wahl des neuen EKKI auf dem 5. Weltkongreß
der Komintern gehörte neben Thälmann auch Ottomar Geschke zu die-
ser Fraktion. 84) Auf eben diesem Weltkongreß der Kl opponierte
Thälmann gemeinsam mit einer Gruppe von ultralinken Arbeiterdele-
gierten (z.B. mit Wilhelm Schwan, Arthur Vogt, Hans Weber) gegen
die vom EKKI vorgelegten Thesen zur Taktik, in denen die Losung
von der 'Arbeiterregierung' als bestes Mittel angesehen wurde, an
die Massen heranzukommen. 85)
Die ultralinke, illusionäre Politik der Fischer/Maslow-Gruppe
etwa in der Gewerkschaftsfrage, der Einheitsfrontpolitik etc.
wird heute kaum noch von einem Kommunisten verteidigt, umso
leichter müßte es doch fallen, ihre Politik nüchtern und kritisch
zu werten. Offenbar ist diese Gruppe der AO als rein schwarz ge-
färbter Hintergrund sehr willkommen, lassen sich doch vor ihm die
neuen, alten Helden umso strahlender herausstellen.
"Vor den Reichstagswahlen (86) im April 1925 weigerte sich die
ultralinke Führungsgruppe, an die SPD heranzutreten, um einen ge-
meinsamen Kandidaten aufzustellen. Katz, Rosenberg, Scholem und
auch Maslow waren der Ansicht, daß es für die Kampfbedingungen
der Arbeiterklasse bedeutungslos sei, ob man unter der 'Hinden-
burg-Diktatur' lebe oder in der parlamentarischen Republik. Sie
bestanden auf Thälmanns Kandidatur. So bekam Hindenburg 14,7
Millionen Stimmen, Marx 13,8 und Thälmann nur 1,9 Millionen." 87)
Diese Darstellung ist teils unvollständig, teils falsch. Die Ul-
tralinken Katz, Rosenberg und Schwarz hätten den Beschluß kaum
durchsetzen können, wenn nicht offensichtlich Thälmann selbst
seiner Kandidatur im zweiten Wahlgang zugestimmt hätte, zumal
nicht nur Ruth Fischer, sondern - nach H. Weber - auch Arkadij
Maslow dagegen waren. 88)
Zum Komplex der Einheitsfronttaktik gehört auch die These vom So-
zialfaschismus.Sie wurde nicht bloß z.Z. der Fischer/Maslow-Füh-
rung aufgestellt und angewandt 89) - auf der Basis einer sicher-
lich kurzsichtigen und "schematischen Gleichsetzung von italieni-
schem Faschismus und SPD-Führung" 90) wobei die Komintern, d.h.
Sinowjew gar nicht so fein zwischen 'SPD-Führung' und 'd e r
Sozialdemokratie', 'd e n Sozialdemokraten' unterschied, 91)
sondern spielte auch unter der 'bolschewistischen Thälmann-füh-
rung Anfang der dreißiger Jahre wieder ihre und diesmal noch fol-
genreichere Rolle.
Sibyllinisch meinen die AO-Genossen allerdings "das Richtige an
der Sozialfaschismustheorie nicht rundheraus ablehnen" zu können,
ohne zu sagen, was nun das Richtige daran sei, und warum man es,
- wenn es richtig ist, - dann doch ablehnen müsse. 92) Ähnlich
verhält es sich mit dem Aufsatz der KPD-AO-Fraktion in der Roten
Zelle Germanistik (Rotzeg). "Die Rolle der SPD im Faschisierungs-
prozeß der Weimarer Republik und die Sozialfaschismustheorie der
KPD" in der RPK. 93) Dieser Artikel laviert zwischen Zustimmung
zur von G. Dimitroff auf dem VII. Weltkongreß der KI (1935) ver-
tretenen Faschismus-Theorie, die eine eindeutige Zurückweisung
der pauschalen Sozialfaschismusthese in der KPD vor 1933 dar-
stellt und einer vorsichtigen Verteidigung der "Linie des Thäl-
mann-ZK, im Kampf gegen Faschismus und SPD", die "im Hinblick auf
ihre richtigen und falschen Elemente nur gewürdigt werden" könne,
wenn sie in den Zusammenhang mit der Bolschewisierung gestellt
werde (Sp. 8b). Auch hier wird die konkrete Perspektive der zur
Sozialfaschismus-These gehörenden Parole 'Einheitsfronttaktik von
unten' als Etikett bloßer Denunziationskampagnen auf ihre
'Richtigkeit' nicht untersucht. Sinowjew: "Die Einheitsfront
ist... eine Methode zur Agitation unter den Massen und zu ihrer
Mobilisierung gegen die Sozialdemokratie..." 94)
In den Thesen des Erweiterten EKKI 'Über die Bolschewisierung der
Parteien' 95) heißt es: in bezug auf Deutschland: "Anwendung der
Einheitsfronttaktik, die in der gegenwärtigen Situation
(Enthüllung der Korruption der angesehensten Führer der Sozialde-
mokratie usw.) besonders fruchtbringend sein kann."
Einheitsfronttaktik, die n u r das zu sein beansprucht
(Sinowjew: "Sie ist nichts mehr und soll auch nicht mehr sein."
a.a.O.) konnte weder einen breiten Einbruch an der Basis der SPD
erzielen, noch die geeignete Grundlage für spätere Bündnisse ge-
gen den offenen Faschismus darstellen.
_____
1) Früher, d.h. noch bis 1968, hießen sie in der 'Neuen Linken'
oder 'im antiautoritären Lager', meist 'Traditionalisten'. Der
Begriffswandel zeigt eine bemerkenswerte Umkehrung der kritischen
Argumentation gegenüber der traditionellen KP-Linie, ohne daß er
das Verhältnis beider Positionen zueinander und seinen Wandel
ausreichend wiedergeben könnte. Sowohl die Bezeichnungen
'Revisionisten' wie 'nichtrevisionistische Linke' können deshalb
weniger als erklärende Begriffe, denn als abgrenzende Markierun-
gen gelten, die ihren Inhalt erst von den Gruppen und Parteien
gewinnen, die jeweils hinter die eine oder andere Bezeichnung ge-
stellt werden bzw. die Namensgebung besorgen. Mit entsprechendem
Vorbehalt, aber vom Selbstverständnis der 'revolutionären Linken'
ausgehend, sind sie hier verwandt worden.
2) DIE WAHRHEIT v. 15.10.1968, "SDS - Wohin?".
3) Zit. nach Bergmann, Dutschke, Lefevre, Rabehl: REBELLION DER
STUDENTEN ODER DIE NEUE OPPOSITION, Reinbek 1968, rororo 1043, S.
21 (Hervorhebung - d. Verf.).
4) Vorläufige Plattform der KPD-AO in der RPK, Nr. 56/57 v.
13.3.1970, Sp. 1a.
5) So ist ihnen der Auflösungsprozeß der antiautoritären Studen-
tenbewegung (resp. - Bewußtseins), der zugleich wesentlich
Transformationsprozeß war, z.B. nur "ein Verfaulungsprozeß", die
"Glorifizierung der Studentenbewegung", so nörgeln etwa Bischoff,
Ganßmann, Kümmel, Löhlein in ihrem Aufsatz 'Produktive und unpro-
duktive Arbeit als Kategorien der Klassenanalyse', (In SOPO Nr.
6/7, S. 69) sei in der Theorie der Studentenbewegung "bestim-
mendes Moment" (ebda.), obwohl eher vom Gegenteil die Rede sein
kann, wenn man wieder von der besonderen Frankfurter Tradition
absieht.
Es kommt i. allg. nicht darauf an, welchen individuellen Gang die
Bewußtseinsentwicklung von Sozialisten genommen hat, sondern
letztlich darauf, welchen Wert ihre theoretischen Einsichten für
Strategie und Taktik des Klassenkampfs besitzen, wohl auch, ob
sie in der Lage sind, die gewonnenen Erkenntnisse auf eine
schlüssige und politisch wirksame Weise umzusetzen.
Kommen daran schon erste Zweifel, wenn man das Unverständnis die-
ser Gruppe registriert, die antiautoritäre Studentenbewegung als
einen historischen Schritt auf dem Weg zur gegenwärtigen immer
noch primär von Intellektuellen bestimmten Klassenkampfbewegung
zu begreifen, so werden sie noch verstärkt durch den Aufsatz von
Bierbaum, Bischoff, Krätke und Menard 'Zur Aktualität der Lenin-
schen Partei' in dieser Nummer, worauf in einer gesonderten Kri-
tik noch eingegangen werden soll.
6) "Zur Analyse der Studentenbewegung", in: ROTES FORUM, 1969, H.
5, S. 5-14 und "Die theoretische Auseinandersetzung vorantreiben
und die Reste bürgerlicher Ideologie entschieden bekämpfen - die
kritische Theorie und die Studentenbewegung", in: ROTES FORUM
1970, H. 1, S. 29-36.
7) Joscha Schmierers Marsch in die syndikalistische Sackgasse,
in: ROTES FORUM 1970, H. l, S. 38-45.
8) Vgl. z.B. die Kritik Roths an der Organisätionsgeschichte
Schmierers, a.a.O., S. 43 und Schmierers Erwiderung, a.a.O., S.
37.
9) Der Begriff Basisgruppe ist in Berlin anders als in West-
deutschland niemals auf die studentischen Basisorganisationen an
den Universitäten angewandt worden, sondern meinte immer Gruppen
in der Stadt, die entweder Betriebs- oder Stadtteilarbeit leiste-
ten. - Die westdeutschen Basisgruppen sind mit den früheren Ber-
liner Ad-hoc-Gruppen vergleichbar, die von den Roten Zellen abge-
löst wurden.
10) J. Schmierer: "Die theoret. Auseinandersetzung...", a.a.O.,
S. 33.
11) a.a.O., S. 110.
12) Ebda. - Einmal abgesehen davon, daß die BILD-Zeitung in Ber-
lin im Vergleich zur mehr als drei mal so hohen Auflage der
Springer-Zeitung BZ, - die gegenüber der Studentenbewegung oft-
mals eine besondere Taktik verfolgte, - nur eine untergeordnete
Rolle spielt.
13) Text eines Aufklebers, der in Berlin Ende 1967 verteilt
wurde.
13a) Gegenüber solchen Feststellungen kann nicht stereotyp auf
den kleinbürgerlichen Charakter der Studentenbewegung verwiesen
werden, deren Klassensituation eben diese Wendung verhindert
habe. Die materialistische 'Notwendigkeit' in der gesellschaftli-
chen Entwicklung ist kein Generalablaß für alle Fehler der han-
delnden Subjekte in einer konkreten historischen Situation.
14) Dutschke soll hier nicht als Prophet der revolutionären Lin-
ken neu inthronisiert werden; so lange man glaubt, daß man zum
"Verständnis der je konkreten Gegenwart" "a u s i h r die Ka-
tegorien" dafür zu gewinnen hat, (s. weiter unten; Hervorhebung -
d. Verf.) ist man von einer materialistischen Gesellschaftsauf-
fassung noch genauso weit entfernt, wie die Etatismustheorie von
der marxistischen Klassenanalyse (s. unten S. 000). Hier soll nur
herausgestellt werden, daß die von Dutschke vertretenen Positio-
nen i m E n t w i c k l u n g s p r o z e ß des antiautoritä-
ren Lagers gegenüber der damals noch in weiten Teilen der Studen-
tenbewegung herrschenden Identifikation mit der kritischen Theo-
rie einen Fortschritt bedeuten.
14a) In: Bergmann u.a., a.a.O., S. 33.
15) Ebenso Rabehl: "Von der antiautoritären zur sozialistischen
Opposition", a.a.O., S. 176.
16) Nr. 14 (1968), S. 146-174, hier S. 157.
17) Nr. 62 (1968).
18) KONKRET-Interview vom März 1968, S. 5 f., hier S. 6.
19) Abgedruckt in: KONKRET Nr. 5 (Mai) 1968, S. 19-23, hier S.
33.
20) "Die Widersprüche...", S. 41.
21) MEW, Bd. 23, S. 765.
22) Rabehl, a.a.O., S. 175. Vgl. a. den Antrag des Landesverbands
Berlin des SDS auf der 1. ao. Delegiertenkonferenz des SDS vom
29.-31.3.1968 in Frankfurt. Zitiert in dem Bericht der Konferenz
v. Sibylle Plogstedt im FU-SPIEGEL Nr. 64, S. 25.
23) Hervorhebung - d. Verf. - Im inneren Titel hieß es aus takti-
schen Gründen gegenüber dem Akademischen Senat, der mit Raumver-
bot und Mittelentzug drohte: "Freie Studienorganisation der Stu-
denten in den Hoch- und Fachschulen von Westberlin".
24) 'Programm' der KU, a.a.O., S. 40-42, hier S. 41.
25) Ebda. Allerdings wurde die Erwartung eines baldigen Zusammen-
bruchs der Berliner Wirtschaft bei einer der nächsten Krisen auch
von anderen Gruppen geteilt. S. weiter unten S. 000.
26) Bernd Rabehl: "Das Jahr 1918, die radikale Parole der
'Rätedemokratie' ist in Europa gegenwärtig." Aus: Zum Singen
bringen. Die Studentenrevolte in Europa, in: FU-SPIEGEL Nr. 64,
Mai 1968, S. 24.
27) BERLIN - WIRTSCHAFT UND POLITIK - IM KERN GESUND? Materialien
zur Diskussion vorgelegt vom Berlin-Arbeitskreis im Republikani-
schen Club Westberlin, April 1968, S. 1.
28) Vgl. die Wachstumsraten der BRD mit denen Westberlins
1966/67. Es wirken sich auch noch andere Faktoren krisendämpfend
aus; z.B. der im Vergleich zur BRD höhere Anteil der - zudem noch
in größerem Maße von staatlichen Aufträgen abhängigen - Bauindu-
strie.
29) Auf sie wurde von Bernd Rabehl schon relativ früh, jedenfalls
noch vor Gründung der Basisgruppen kritisch hingewiesen: "Der Wi-
derspruch zwischen der schwärmerisch revolutionären Fraktion in
der antiautoritären Opposition und der, die sich der Anstrengung
aussetzt, sozial relevante Schichten der Arbeiterklasse durch
eine Analyse der Stagnationskrise für die Verbreitung der gesell-
schaftlichen Basis der Opposition zu finden, spitzt sich in dem
Moment zu, wo beide Fraktionen zu je spezifischen Aktionsformen
gelangen." Aus: "Von der antiautoritären Bewegung...", in: Berg-
man u.a., a.a.O., S. 176.
30) Aus: "Die Organisation der Besetzung". In: Dokumentation der
ersten Besetzung des Germanischen Seminars der FU. (Berlin Ok-
tober 1968), S. 10.
31) Flugblatt vom 27.5.1968 der 'Ad-hoc-Gruppe Notstand der Ger-
manistik'. Abgedr. in: 'Studenten stürmten FU-Institut', a.a.O.,
S. 19.
32) Vgl. a.a.O., S. 20.
33) Mit großem analytischen Aufwand verteidigte Kommunepraxis:
sie aus dem Fenster oder durch den Raum zu schmeißen.
34) Abgedr. in: NEUE KRITIK, Nr. 47, Mai 1968, S. 60-68, hier S.
63. Seine Thesen gingen auch vielfach in die Schlußresolution
ein. Der Kongreß akklamierte einmütig auch folgende Passage der
Abschlußerklärung: "Der Kampf gegen die US-Aggressionen in Viet-
nam muß zugleich ein Kampf gegen die imperialistische Politik der
kapitalistischen Länder Westeuropas sein. Eine zweite revolutio-
näre Front gegen den Imperialismus in dessen Metropolen kann nur
dann aufgebaut werden, wenn die antiimperialistische Oppositions-
bewegung lernt, die spätkapitalistischen Widersprüche politisch
zu aktualisieren und den Kampf um revolutionäre Lösungen in Be-
trieben, Büros, Universitäten und Schulen aufzunehmen." BERLINER
EXTRADIENST vom 21.2.1968, S. 9 f.
35) Mandel, a.a.O., S. 66.
36) Die sich immer weiter öffnende Kluft zwischen Theorie und
Praxis oder besser, zwischen den abstrakten Parolen und der
tatsächlich möglichen Politik wurde besonders im Wintersemester
1968/69 deutlich, dem Semester des 'aktiven Streiks'.
37) Dieser Umstand erklärt übrigens zu einem Teil auch die Weise,
in der später die politischen Differenzen zwischen den 'selbst-
ernannten Kadern' und den 'arbeitenden Gruppen' ausgetragen
wurden.
38) Der Kampagne schloß sich auch die 'Kritische Universität'
an, dessen Potential teilweise in die während der Kampagne ge-
gründeten Basisgruppen überging. S. KU-Broschüre BERICHTE UND
PROGRAMM zum Sommer 1968, S. 3-6. "Die Kampagne 1. Mai wird damit
ein Modellfall für eine bestimmte Arbeitsweise der KU. "S. 6.
39) Zur Argumentationsweise s. Anhang Nr. 2.
40) Das gilt auch für den SDS bzw. für dessen organisatorischen
Rest, die wöchentlichen Lagebesprechungen im alten Zentrum am
Kurfürstendamm und die immer unverbindlicher werdenden
'Generalrats'-Sitzungen.
41) Aus: "Kritik und Selbstkritik der Basisgruppe Wedding". Hekt.
Manuskript vom 25.10.1969, S. 3.
42) Siehe BASISGRUPPEN-INFO Nr. 4 (a), (ca. März 1969), S. 2 und
5.
42a) Damit ist nichts gegen den 'aktiven Streik' und andere Maß-
nahmen gesagt, die geeignet waren, die damals drohenden Relega-
tionen (politische Hausordnung) zu verhindern, aber viel gegen
ihre Durchführung und ihre ideologischen Begründungen. Diese Dis-
krepanz wirkte sich damals schon in der geringen Mobilisierung
aus. Das einzige Verdienst der durch jene Parolen provozierten
Diskussionen lag in der Hinwendung zur bislang verdrängten Be-
rufsperspektive, wenn sie auch unter falschen Voraussetzungen als
'revolutionäre' Berufsperspektive vollzogen wurde, worin noch die
alte antiautoritäre Überschätzung der Überbauberufe nachwirkte.
43) INFI = Internationales Forschungsinstitut. Es wurde Anfang
1968 in Westberlin gegründet und hatte neben den beabsichtigten
Forschungsprojekten vor allem die Aufgabe, die internationalen
Beziehungen des SDS zu erweitern und zu koordinieren. Wie so
viele Pläne der antiautoritären Studentenbewegung ließ sich auch
dieser nur unzureichend verwirklichen. Ende 1968 war das INFI nur
noch eine Lokalität, in der sich u.a. jene Gruppen von
'Altgenossen' und Hochschulfunktionären traf, die als 'geheimes
ZK' (Begriff der RPK-Konferenz vom Dez. 1969), abgehoben von den
verschiedenen Gruppen über diversen Strategien brütete und die
zahlreich gescheiterten Organisationsversuche der 'revolutionären
sozialistischen Gruppen' einer administrativen Lösung zuführen
wollte. Über ihren tatsächlichen Einfluß werden die Meinungen
auseinandergehen. Als Ansammlung ehemaliger SDS-Autoritäten und
Führer der Studentenbewegung mit ihren zahlreichen Kontakten be-
saß sie jedoch in vielen Westberliner und westdeutschen Gruppen
weiterhin eine große Geltung, - obwohl sich die Zeit der großen
Vollversammlungen und Delegiertenkonferenzen (deren Hauptbetäti-
gungsfeld) ihrem Ende zuneigte.
44) Es gehört zu ihren üblen Tricks, wenn sie die Ausführung ei-
nes damals kollektiv erteilten Auftrags heute einzelnen Genossen
anlasten wollen.
45) Ab Herbst 1968, zuerst durch die BG Wedding. - Es ist immer-
hin erwähnenswert, daß die 'Projektgruppe Betriebszeitung', die
von führenden Genossen jener INFI-Gruppe etwa zur gleichen Zeit
wie die BG Wedding gegründet worden war, während ihrer ganzen
Existenz bis Ende 1968 nicht eine einzige Betriebszeitung zustan-
debrachte. Auch ihr Projekt 'Lehrlingszentrum' scheiterte.
46) Bis Anfang 1969 hatte die BG Wedding vier Betriebsgruppen
aufgebaut, auch die im Herbst konstituierte BG Tempelhof hatte
bis zum Frühjahr 1969 vier Betriebsgruppen gegründet. Die BG
Zehlendorf, Spandau und Moabit hatten Ende 1968 je eine Be-
triebsgruppe und die Anfang 1969 gegründete BG Tegel besaß zeit-
weilig zwei Betriebsgruppen.
47) Vgl. die Kritik der 'Marxistisch-Leninistischen Hochschul-
gruppe Germanistik' an dem AO-Flügel der Rotzeg anläßlich ihres
Ausscheidens aus der Zelle, RPK Nr. 93 vom 4.12.1970, S. 7 ff.
48) Das Verhältnis zwischen Betriebs- und Basisgruppe war unein-
heitlich geregelt. Während in der BG Wedding die Betriebsgruppen
von den Basisgruppen organisatorisch getrennt bestanden, um nicht
gleich alle anpolitisierten Studenten, die zur Basisgruppe stie-
ßen, 'auf die Arbeiter loszulassen', waren z.B. in der BG Tegel
die beiden Betriebsgruppen identisch mit der Basisgruppe. Der
Name 'BG Tegel' war hier mehr ein lokaler Tarnbegriff für die ei-
gentlichen Betriebsgruppen. Allerdings kamen hier nach der Konso-
lidierung der Gruppe nur noch wenige neue Studenten hinzu. - Ab
Frühjahr 1969 haben alle Basisgruppen Betriebsarbeit geleistet,
die meisten ausschließlich (Ausnahme BG Spandau), weshalb der Be-
griff Basisgruppe und Betriebsgruppe außerhalb der spezifischen
Organisationsdebatten der Basisgruppen meist synonym verwandt
wurde. Zur Abgrenzung gegenüber anderen Betriebsgruppen, etwa
denen der SEW, wurde gelegentlich auch der Begriff Betriebsbasis-
gruppe verwandt.
49) Siehe "Protokoll der Basisgruppensitzung" v. 3.5.1968, Anhang
Nr. 3.
50) Die grundsätzliche Diskussion über die Rolle der Studenten im
Betrieb, das Verhältnis von Kader und Massen, die Funktion der
Schulung etc. wie sie seit dem Herbst 1969 anhand des 'Harzer Pa-
piers' der PEI (Projektgruppe Elektroindustrie, später PL/PI =
Proletarische Linke/Parteiinitiative), des 'Klassenanalyse-Pa-
piers' der ML-Gruppen u.a. Texte geführt wurden, kann hier nicht
mehr aufgenommen werden.
50a) Siehe die bereits erwähnte Unterhaltung zwischen Enzensber-
ger, Dutschke, Rabehl und Semler im Kursbuch, a.a.O., passim im
Okt. 1967.
51) Das 'Zehnerkomitee' war auch mehr als taktischer Gegenzug im
Rahmen der Auseinandersetzung mit der INFI-Gruppe zu verstehen.
Aus dem BASISGRUPPENINFO Nr. 3 (Ende Februar 1969), S. 4:
"Zwischen den Praxisbereichen an der Hochschule und der Arbeit
der Basisgruppen besteht zur Zeit ein Widerspruch. Er kommt darin
zum Ausdruck, daß die FU-ad-hoc-Gruppen zusammen mit dem Infi
sich ein eigenes zentrales Gremium schaffen wollen (großkotzig
Zentralkomitee genannt), in das die Basisgruppen nicht einbezogen
sind. Die Basisgruppen sollten darauf nicht vorschnell mit einem
eigenen 'ZK' antworten. Wir müssen aber überlegen, wie wir mit
den Genossen aus den Universitätsgruppen diskutieren können, um
langfristig zu einer einheitlichen Strategie und Organisation zu
kommen."
52) Auch die INFI-Gruppe hatte fast den ganzen März und April
über ihr Desinteresse an den Vorbereitungen zum 1. Mai bekundet.
Erst ganz zum Schluß schaltete sie sich auf ihre Weise ein. Als
es im Maikomitee zu Auseinandersetzungen mit der ·SEW über die
auf der Demonstration mitgeführten Parolen kam, witterte die
INFI-Gruppe wieder eine Chance, sich mit einem historischen Brief
wider den Revisionismus in die Geschichte der Arbeiterbewegung
einzuschreiben. Der Brief sollte ursprünglich im Auftrag des
Maikomitees unter Beteiligung nur eines INFI-Mitglieds geschrie-
ben werden. Tatsächlich wurde er dann, ohne Kenntnis des Maikomi-
tees, von acht Mitgliedern des INFI unterzeichnet (s. RPK, Nr. 9,
v. 18.4.69, S. 11). Der Parteivorstand der SEW hatte es dann
leicht, unter Hinweis auf die isolierte Position der Altfunktio-
näre sich der geforderten Auseinandersetzung zu entziehen.
53) BASISGRUPPEN-INFO Nr. 4 (a), S. 3.
54) WAS TUN? , WERKE V, S. 443. - Diese Aufgabe besteht sicher-
lich auch jetzt noch, nur ist der Unterschied zwischen unserer
Situation und der russischen nach 1901 der, daß bei uns keine
"gigantische(n) Kräfte in die Bewegung hineingezogen worden"
sind. (Ebda.)
55) "Vorrangiges Ziel der KPD-Aufbauorganisation ist der Aufbau
von Fabrikzellen"; Vorläufige Plattform, a.a.O., Sp. 5a.
56) Initiative der Basisgruppe Tempelhof, der im Frühjahr 69 ge-
gründeten Betriebsgruppe Bosch und des SALZ = Sozialistisches Ar-
beiter- und Lehrlingszentrum, im Juni 69 aufgebautes Schulungs-
zentrum für Jungarbeiter und Lehrlinge mit lockerer Verbindung zu
den Basisgruppen, s.a. RPK Nr. 17, v. 13.6.69, S. 1 ff.
57) Proletarierinnenzentrum/ML, RPK Nr. 36 v. 24.10.69, Sp. 10b.
Wie so vieles aus dem Jahre 1969 war auch dieses Zentrum ein
Windei.
58) Der aus den ML-Gruppen hervorgegangene 'Kommunistische
Bund/ML' hat sich inzwischen ähnlich kritisch von dieser Anfangs-
phase abgesetzt.
59) Die kontinuierlichere Entwicklung der PL/PI muß davon ausge-
nommen werden.
60) Die sechs Westberliner Deckblattzeitungen der KPD/ML leben im
wesentlichen von den Berichten einzelner 'Arbeiterkorresponden-
ten'.
61) Vor allem um die Ad-hoc-Gruppe der Germanisten, die spätere
Rotzeg, die auch den letzten, bankrotten ASTA der FU stellte.
62) KPD-AO-Plattform, a.a.O., Sp. 3a.
63) Wenn die Information des NRW-Innenministers Weyer v. 11.12.70
zutrifft, dann hat die DKP gegenwärtig allein im Ruhrgebiet 80
Betriebsgruppen.
64) 1. Teil, Berlin 1970.
65) a.a.O., S. 343.
66) Nr. 59 v. 3.4.1970, S. 8 ff. (Auszugsweise abgedruckt in:
'Die Bolschewisierung', S. 345-55).
67) a.a.O., S. 355.
68) Siehe S. 353 ff.
69) Einmal abgesehen von den Fraktionsauseinandersetzungen zwi-
schen Radek und Trotzki einerseits und Stalin und Sinowjew ande-
rerseits, später auch zwischen Stalin und Sinowjew, die sich auch
in der Politik des EKKI niederschlugen.
70) Siehe dazu die 'Rede des Genossen Sinowjew über die Lage in
der KPD', in: DIE INTERNATIONALE, v. 28.3.24, Sonderheft zum
Reichsparteitag, S. 35.
71) In der Rede vom 29.6.1923.
72) Vgl. H. Weber: DIE STALINISIERUNG DER KPD IN DER WEIMARER RE-
PUBLIK, Frankfurt 1969, Bd. I, S. 48 f.; O.K. Flechtheim: DIE KPD
IN DER WEIMARER REPUBLIK, Frankfurt 1969, S. 177 ff.
73) a.a.O., S. 354.
74) GESCHICHTE DER DEUTSCHEN ARBEITERBEWEGUNG. Berlin 1966, Bd.
4, S. 303. - Darauf hat übrigens schon Hermann Weber in der Ein-
leitung zu Flechtheims KPD-Geschichte 1969 hingewiesen, S. 57 f.
75) a.a.O., S. 341.
76) Siehe dazu auch den 2. Teil des Aufsatzes von Heilmann/Rabehl
im letzten Heft.
77) ... wofür die Mitgliederfluktuation nur ein Symptom ist. Sie
betrug in einigen Jahren bis zu 100% und mehr, und zwar nicht
bloß in der Zeit von 1921 bis 1924, sondern z.B. auch 1930; im
Januar besaß die KPD 133 000 Mitglieder, im Laufe des Jahres ka-
men 143 000 dazu und am Ende des Jahres waren es wieder nur noch
176 000 Mitglieder; 100 000 schieden also im Laufe eines Jahres
wieder aus. Siehe Walter Tormin: GESCHICHTE DER DEUTSCHEN PAR-
TEIEN SEIT 1848, Stuttgart 1966, S. 210; Flechtheim a.a.O., S.
347 f.
78) Verabschiedet von der Erweiterten Exekutive der KI v.
März/April 1925. Zit. nach DIE BOLSCHEWISIERUNG a.a.O., S. 52.
79) Ebda., siehe auch Stalins 11. der "12 Thesen über die Bol-
schewisierung der Partei", RPK Nr. 59 v. 3.4.1970, Sp. 11 b.
80) Nachwort d. AO in: DIE BOLSCHEWISIERUNG..., S. 253.
81) "Die Legende der 'Bolschewisierung' der KPD", 1. Teil, SOPO
9, S. 65 ff.
82) Siehe Heilmann/Rabehl, a.a.O., Abschnitt: 'Die Analysen der
Komintern über Deutschland von 1921 bis 1925, S. 90 ff.
83) Vgl. a. Nachwort der KPD-AO, a.a.O., S. 330.
84) DIE BOLSCHEWISIERUNG, a.a.O., S. 331.
85) Siehe PROTOKOLL DER ERWEITERTEN EXEKUTIVE, Febr./März 1926,
Hamburg/Berlin 1926, S. 170; Weber a.a.O., S. 84.
86) Muß heißen: Reichspräsidentenwahlen! (d. Verf.).
87a) a.a.O., S. 335.
88) a.a.O., S. 107: "Unabhängig von der Komintern-Führung drängte
auch Maslow aus dem Gefängnis auf die Unterstützung des sozialde-
mokratischen Kandidaten", i.e. Braun, der dann im 2. Wahlgang zu-
gunsten des Zentrums-Kandidaten Marx zurückgezogen wurde.
89) Siehe BERICHT ÜBER DIE VERHANDLUNGEN DES IX. PARTEITAGES DER
KPD in Frankfurt v. 7. bis 10.4.1924. Berlin 1924, S. 31. Vorher
schon durch das EKKI-Präsidium: die Lehren der deutschen Ereig-
nisse. Das Präsidium des EKKI zur deutschen Frage. Januar 1924.
Hamburg 1924, S. 105 f. Siehe auch Protokoll des 5. Kongresses
der Komintern (Moskau 17.6. bis 8.7.1924) Hamburg o.J. (1925), S.
67.
90) AO-Nachwort. a.a.O., S. 329.
91) DIE LEHREN, a.a.O.; Sinowjews Rede im EKKI vom Januar 1924
wurde auch abgedruckt in: DIE INTERNATIONALE v. 28.3.1924, Son-
dernummer zum Reichsparteitag, S. 33 ff. Da heißt es: "die Sozi-
aldemokratie - das liegt heute bereits offen zu Tage - (ist) ein
faschistischer Flügel der Arbeiterbewegung geworden..." - "Die
deutsche Sozialdemokratie ist eine faschistische Sozialdemokra-
tie." (S. 40) - "Die Sozialdemokratie (ist) zu einem Bestandteil
des Faschismus geworden..." (S. 40) - "Die italienische Sozialde-
mokratie" ist ein "Flügel des Faschismus." (S. 40) - "Die inter-
nationale Sozialdemokratie stellt heute einen Flügel des Faschis-
mus dar." (S. 41)
92) RPK-Artikel: "Untersuchung und Parteiaufbau", in "Die Bol-
schewisierung", a.a.O., S. 353.
93) Nr. 87 v. 23.10.1970, S. 4 ff.
94) DIE INTERNATIONALE, a.a.O., S. 37.
95) Zitiert nach DIE BOLSCHEWISIERUNG, a.a.O., S. 45.
***
Anhang
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PROTOKOLL DER BASISGRUPPEN-SITZUNG VOM 3.5.1968
1. VORSTELLUNG ZUR KÜNFTIGEN ORGANISATION DER BASISGRUPPEN
In der Diskussion wurde weitgehende Einigung darüber erzielt, daß
die Aufgaben der Basisgruppen vorläufig lediglich eine lockere
Kommunikationsstruktur erfordern.
Drei Arbeitsfelder der Basisgruppen wurden beschrieben:
a) Konkretisierung allgemeiner Widersprüche an speziellen Kon-
flikten (Bsp.: Verhinderung der Exmittierung eines Mieters im
Märkischen Viertel), um die Selbstorganisation und Selbsthilfe
der Betroffenen in Betrieb, Schule und Wohnblock anzuregen. Aus-
arbeitung einer soziographischen Studie der einzelnen Bezirke zur
Auffindung aller möglichen Konfliktpunkte, an denen sozialisti-
sche Agitation ansetzen könnte.
b) Selbstausbildung der agitatorisch und propagandistisch arbei-
tenden Genossen:
1. Aneignung von spezifischen Kenntnissen (Bsp.: Mietfrage, Ber-
lin-Ökonomie),
2. Erarbeitung eines theoretischen Fundus (Geschichte der Arbei-
ter-Bewegung, Revolutionstheorie). Die geeigneten Methoden sind
noch zu finden.
Über das Verhältnis der theoretischen Arbeit in den Basisgruppen
zu den SDS-Projektgruppen wurde keine Einigung erzielt. Zwei Po-
sitionen zeichneten sich ab: 1. Projektgruppen als selbständig
arbeitende Zulieferer theoretischer Untersuchungen; 2. Tenden-
zielle Auflösung der Projektgruppen in die Basisgruppen.
c) Lokale Mobilisierung zu zentralen Kampagnen. Um die beiden er-
sten Aufgaben zu erfüllen brauchen die Basisgruppen ein relativ
hohes Maß an Kommunikation zur Organisierung eines gegenseitigen
Erfahrungsaustausches und Lernprozesses. Dem ist am besten ge-
dient mit 1) regelmäßigem Austausch von Protokollen, Diskussions-
materialien und Informationen aus den einzelnen Basisgruppen.
Diese Aufgabe hat vorläufig B.L. übernommen, täglich von 10 bis
12 Uhr zu erreichen, nur in dringenden Fällen 17 bis 19 Uhr). 2)
Möglichst häufiger Besuch der Basisgruppen untereinander. 3) Re-
gelmäßiges Treffen der Delegierten der einzelnen Basisgruppen auf
einem Diskussion- und Informationsforum.
Für die überbezirklichen Kampagnen (Aufgabenbereich c)) bedarf es
eines zentralen Ausschusses. Dazu sollte sich das Diskussions-
forum der Basisgruppen in ein temporäres, ständig tagendes Komi-
tee umbilden. Dieses Komitee hätte für die Zeit der Kampagne po-
litische und organisatorische Entscheidungsbefugnisse von der
Art, wie sie der Zentral-Ausschuß der Verbände in der Kampagne
zum 1. Mai gehabt hat. Dieser Zentralrat der Basisgruppen hätte
gegenüber dem Zentral-Ausschuß der Verbände den Vorteil, daß er
sich nicht auf die mehr oder weniger blutarmen Verbände, sondern
auf die praktisch arbeitenden Gruppen in den Bezirken stützen
könnte. Die Gefahr einer bürokratischen Verselbständigung der
Spitze und der mangelnden Kommunikation zwischen Spitze und Ge-
nossen an der Basis, wie sie sich teilweise in der 1. Mai-Kampa-
gne gezeigt hat, wäre damit reduziert. Der Delegiertenrat hätte
sich nach Erfüllung der konkreten Aufgaben in ein allgemeines
Diskussionsforum der Basisgruppen zurückzubilden. Diese Organisa-
tion der Basisgruppen wäre als Vorform einer zukünftigen Räteor-
ganisation aufzufassen, für die selbstverständlich schon jetzt
die Prinzipien der Räte-Demokratie (jederzeitige Abwählbarkeit
der Delegierten, Rechenschaftspflicht, Rotation) zu gelten hät-
ten.
2. ZENTRALE AUEGABEN, DIE NICHT VON DEN BASISGRUPPEN ERFÜLLT WER-
DEN KÖNNEN
I. Koordination der Arbeit in Schulen und Berufsschulen zur
Bildung von Schülerorganisationen und Vorbereitung einer freien
Schule. Der Widerspruch gegen diesen Vorschlag, der davon aus-
geht, daß in der Schule auftretende Konflikte ebenfalls am be-
sten lokal ausgenutzt werden können, wurde nicht ausdiskutiert.
II. Erarbeitung theoretischer Untersuchungen (wie z.B. zur Berli-
ner Wirtschaftssituation) und Verteilung von Materialien aus der
laufenden Arbeit von Projektgruppen (Zum Beispiel wäre ein Paper
der Dritten Welt-Pr.Gr. dringend erforderlich, in dem die Frage
"Was haben wir mit Vietnam zu tun" für Arbeiter verständlich
dargestellt werden müßte.).
III. Zentrale Seminare und Arbeiterschulung: Ziel wäre eine
Schule, in der Arbeiter sich für die Produktionskontrolle und
Selbstverwaltung das nötige Wissen aneignen könnten. Diese Schule
müßte in Zusammenarbeit mit der KU und dem SDS aufgebaut werden.
BERLINER ARBEITER!
Verschiedene Organisationen, der SDS, die Kampagne für Abrüstung,
der sozialdemokratische Hochschulbund, Vertreter der SPD,
schließlich sogar Vertreter der Kirche haben hintereinander ver-
sucht, eine Demonstration gegen den Krieg der Amerikaner in Viet-
nam anzumelden.
Der Senat hat all diese Anträge abgelehnt.
Er behauptet, die Veranstalter könnten und wollten den regulären
Ablauf der Demonstration nicht gewährleisten.
Wollen die Studenten, Schüler und Berufsschüler nur randalieren?
Hat der politische Kampf der Studenten nichts mit dem der Arbei-
ter zu tun?
Die politische Bevormundung der Studenten an der Universität un-
ter dem Deckmantel des Hausrechts gleicht der politischen Bevor-
mundung der Arbeiter im Betrieb durch das Betriebsverfassungsge-
setz wie ein faules Ei dem anderen!
Dieses Gesetz verbietet jede "parteipolitische" Betätigung im Be-
trieb und zwingt die Arbeiter zu "vertrauensvoller" Zusammenar-
beit mit den Unternehmern.
Die Rektoren der Universitäten und Schulen versuchen, unsere po-
litischen Veranstaltungen zu unterdrücken.
Im Betrieb darf auf der Betriebsversammlung nicht einmal das Ak-
tionsprogramm des DGB erläutert werden.
Rektoren und akademische Verwaltung versuchen, oppositionelle
Studenten zu maßregeln und zu entfernen. Im Betrieb wird fristlos
gekündigt, wer in scharfer Form die Unternehmensleitung kriti-
siert. Das haben deutsche Gerichte entschieden.
Innensenator Neubauer will alle Veranstaltungen verbieten, in
denen zu strafbaren Handlungen aufgerufen wird.
Wer bestimmt in unserer Gesellschaft, was strafbar ist? Der Senat
und die gleichgeschaltete Presse führen als Rechtfertigung
"terroristische studentische Aktionen" in der Vergangenheit hat.
Ist es wirklich Terror, wenn Demonstranten den Verkehr blockie-
ren?
Welche Kampfformen haben die Arbeiter denn selbst gegen ihre Aus-
beuter entwickelt?
In den Eisenwerken in Hefford haben Arbeiterinnen mit einem "sit-
in", also durch eine Blockade, gegen die Erhöhung der Akkordsätze
protestiert.
Bei Continental in Hanau gingen streikende Arbeiter gewaltsam ge-
gen Omnibusse mit Streikbrechern vor.
Die Mercedesarbeitcr aus Stuttgart/Cannstatt belagerten das Haus
des Direktors, um eine öffentliche Diskussion zu erzwingen.
Bei last allen spontanen Arbeitskämpfen gehört es zur Begleitmu-
sik, daß Fensterscheiben eingeworfen werden, daß Autos (von
Streikbrechern) umgekippt werden, daß streikunwillige Angestellte
den berechtigten Zorn der Arbeiter zu spüren bekommen.
Was unterscheidet die Kampf form der Arbeiter also von dem der
Studenten?
Gegen die Studenten kann eine hysterische Hetzkampagne betrieben
werden, sie können zum Prügelknaben dafür gemacht werden, daß
westdeutsche Unternehmer nicht mehr in West-Berlin investieren,
dafür daß Schütz vergeblich in der ganzen Welt herumreist und
trotzdem keine Aufträge bekommt. Weil die Studenten isoliert
sind!
Die Trennung der Studenten und Schülern von den Arbeitern wird
künstlich aufrechterhalten, weil ein Bündnis all dieser Schichten
mit der Arbeiterklasse eine demokratische Umwälzung in allen Tei-
len der Gesellschaft, im Betrieb, in der Schule, in der Uni, in
der öffentlichen Verwaltung und bei den-Gerichten möglich machen
würde.
Das vietnamesische Volk kämpft für seine demokratische Selbstbe-
stimmung gegen die amerikanische Aggression.
Kämpfen nicht auch wir für eine Demokratisierung unserer eigenen
Gesellschaft, wenn wir den Kampf dieses tapferen Volkes mit De-
monstrationen, Hilfsaktionen und Waffen unterstützen?
SDS - Kurfürstendamm 140 - SDS
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