Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Diskussion, Besprechung
EIN BRIEF
Anstelle einer Besprechung von "Ausgewählte Reden,
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Aufsätze und Beschlüsse der 'KPD'-Aufbauorganisation"
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Liebes Redaktionskollektiv,
als ich versprach, Eurer Bitte, um eine Besprechung der "Ausge-
wählten Reden, Aufsätze und Beschlüsse der 'KPD'-Aufbauorga-
nisation" zu erfüllen, unterschätzte ich die Schwierigkeiten, die
diese Arbeit bot. Nicht, daß dies Buch nicht genügend Dumm- und
Plattheiten, eine schon pathologische Überheblichkeit und pikante
Maulhurereien enthielte, die das Unterhaltungsbedürfnis der SOPO-
Leser sicher befriedigen würden - eine wirkliche Auseinanderset-
zung aber ist mit dieser 349 Seiten starken Sammlung nur schwer
möglich.
Schon seit geraumer Zeit gibt es im ultralinken Zentralsumpf
Westberlins jene ideologische "Stagflation", die durch geistige
Stagnation bei gleichzeitiger Papier-Inflation gekennzeichnet
ist. Hierzu gehören auch die "Ausgewählten Reden..." und die
"Programmatische Erklärung" der "Kommunistischen Partei Deutsch-
lands", wie sich die Anonymi von der "KPD/AO" seit Juli 1971 zu
nennen belieben. Diese Sachen sind völlig abstrakt; eine Diskus-
sion (und damit auch eine Rezension) ist meines Erachtens nur
möglich innerhalb einer gründlichen Analyse der Studentenbewe-
gung, um deren Nachgeburt es sich hier ja schließlich handelt
(auch wenn "eine große Zahl bereits kommunistischer Arbeiter sich
vom Revisionismus abgewandt hat und zur Mitarbeit ... bereit ist"
- "Ausgewähltes", S. 3). Eine Karikatur in einer studentischen
Zeitschrift zeigte die "KPD/AO" als Männchen, das einen Ballon
namens "Kommunistischer Studenten-Verband" mit Hilfe einer Luft-
pumpe gewaltig aufbläht - genau das Gegenteil ist ja - im objek-
tiven Sinne - richtig: Eine studentische Laienspielschar spielt
Kommunistische Partei. Unter diesem Gesichtspunkt muß - wie ich
meine - eine unter Westberliner Studenten ja nicht anhanglose
Gruppe wie die "KPD" untersucht werden, eine nur "theoretische"
Bloßstellung wie etwa die von Bischoff/Menard/Krätke in der SOPO
10 reicht da allein noch nicht aus.
Immerhin lassen sich aus der Lektüre der "KPD"-Veröffentlichungen
einige allgemeine Kennzeichen dieser Schriften entnehmen, die ich
Euch nicht vorenthalten will: Zunächst ist da eine grundsätzliche
Nebelhaftigkeit, die Texte sind absolut unhistorisch . So wird
eine Einschätzung der veränderten Struktur des gesellschaftlichen
Gesamtarbeiters nicht einmal versucht. Ein anderes Gebiet, das
nicht untersucht wird, ist Westberlin. Ob-schön die Autoren, in
Westberlin leben und inzwischen Sprecher einer "nationalen Par-
tei" - doch wohl der BRD - mit der "Gründung ihres zweiten Regio-
nalkomitees im Gebiet Rhein/Ruhr" ("Programmatisches", S. 1) ge-
worden zu sein vorgeben, stehen sie den Beziehungen BRD-Westber-
lin und den Besonderheiten Westberlins und der Westberliner Ar-
beiterklasse sprachlos vis-a-vis. Sie stellen - neben abstrakten
Forderungen - lediglich fest, "daß der Kampf der Arbeiterklasse
in der BRD und Westberlin die gleiche Hauptstoßrichtung erhält"
("Programmatisches", S. 14) - Donnerwetter! Die "laufenden Ber-
lin-(!) Verhandlungen" bezeichnen sie als zwecklose "bürgerliche
Geheimpolitik" ("Ausgewähltes", S. 234) - während der von der
"KPD" vergötterte Mao sich mit Henry Kissinger vermutlich auf dem
Tien-an-men-Platz vor Millionen Proletariern unterhielt. Bei den
Auslassungen zum Thema Westberlin waren immerhin noch Ort und
Zeit des von der "KPD" begutachteten Geschehens auszumachen, an
anderen Stellen wird der von der "KPD" verursachte Ideennebel
aber so dicht, daß man meint, eine Parodie auf eine KPD-Provinz-
zeitung von 1929 zu lesen (die vielgeschmähte Studentenbewegung
hatte trotz allem ein Gefühl dafür, wann sie auftrat).
Das parodistische Element, wohl aus dem Gegensatz zwischen realer
Lumpenintelligenz und "proletarischer" Attitüde entstanden, hängt
eng mit einem anderen Wesenszug zusammen: P o l i t i k wird
a l s S p i e l w i e s e betrieben. Die Parodie auf den Füh-
rungsanspruch der Kommunistischen Partei gerät so zum - nur groß-
sprecherischen - Kommentar: "Die KPD (gemeint ist die "KPD") hat
von Anfang an in den Tarifkämpfen der Chemie die fortschrittli-
chen Gewerkschafter unterstützt und angeleitet." ("Rote Fahne",
Nr. 21, S. 10) Die Politik der Aktionseinheit erscheint als Sand-
kasten-Gerangel: "Überflüssig zu sagen, daß wir in einer Reihe
von Fällen die anderen linken Organisationen in die Aktionsein-
heit schubsen mußten..." ("Ausgewähltes", S. 36).
Gelegentlich wird die "KPD" als "stalinistisch" oder "neostali-
nistisch" bezeichnet. Zuviel der Ehre; hier handelt es sich um
einen D o g m a t i s m u s b e s o n d e r e r A r t. Zum
Dogmatismus gehört begrifflich der Pragmatismus: Nicht die
Theorie wird "in Anwendung auf die Praxis konkretisiert, sondern
umgekehrt, die Prinzipien (werden) nach den - oft bloß vermeint-
lichen - Bedürfnissen der Praxis bis zur Vulgarisation verein-
facht" (Lukacs). Diese Beziehung ist im Fall "KPD" nicht gegeben.
Eine soziale Notwendigkeit für den eklektizistischen Personenkult
um Stalin, Mao Tse-tung und Kim Il-Sung gibt es nicht - in der
FU-Mensa munkelt man ja, daß die mißverstandene Leutseligkeit ei-
nes nordkoreanischen Botschaftsangestellten die Ursache für die
Verehrung Kims sein soll. (Und angesichts der Tatsache, daß die
"KPD" auch sonst ihre Ansichten nicht begründet, kann das durch-
aus zutreffen). Buchstabengläubig und völlig unnötig werden Auf-
fassungen aus der kommunistischen Weltbewegung vor 1956 bzw. vor
dem VII. Weltkongreß unvermittelt übernommen - "Leninismus-Stali-
nismus" eignet sich nicht zur Opperette, diese Inszenierung
bringt es nur bis zur Schmiere, würde der Theaterwissenschaftler
vielleicht dazu sagen.
Während der Dogmatismus der "KPD" einen besonderen Charakter hat,
ist ihr A n t i k o m m u n i s m u s nur eine durchschnittli-
che ultralinke Sumpfblüte, vornehmlich "antibürokratischer" Anti-
sowjetismus, wie er seit etwa 50 Jahren auf dem Markt ist. Erwäh-
nenswert ist nur, daß die "KPD" sich nicht scheute, am 13. August
1971 eine Gegendemonstration zu einer faschistischen Zusammenrot-
tung zu veranstalten. (Spaßigerweise hielt die "National-Zeitung"
die "KPD" für die illegale KPD der BRD - dieser Irrtum kann uns
Westberliner Sektenforschern nicht passieren, denn laut "KPD"
wurde die KPD "1956 vollends ... zerschlagen" - "Programmati-
sches", S. 14). Eine solche, als Demonstration für die "revisio-
nistische" Mauer erscheinende Veranstaltung - zeigt sich da nicht
ein Widerspruch, wenn man bedenkt, daß die "KPD" bereits seit
1946 (!) den "überhandnehmenden Einflug kleinbürgerlich-
revisionistischer Elemente in KPD und SED" ("Programmatisches",
S. 13) eiskalt diagnostiziert hat? In der Tat - ein Widerspruch.
Wenn die Sowjetunion "die Hauptgefahr für die internationale
Arbeiterbewegung" ("Programmatisches", S. 13) ist - tja, dann ist
es auch egal, ob durch Unruhen am 13.8. die Botschafter-Gespräche
gestört werden. Der Widerspruch ist logisch, und die Logik ist
reaktionär.
Gerade die kurz angeführten negativen Kennzeichen der "KPD"-Ver-
öffentlichungen, sind - wie ich noch einmal betone - recht deut-
lich nur im Zusammenhang mit der Studentenbewegung zu interpre-
tieren und würden, isoliert dargestellt, nur polemisch wirken und
dadurch die rührend fleißigen Autoren wie auch ihre bedauernswer-
ten Leser an einer wünschenswerten selbstkritischen Überprüfung
ihrer Ansichten eher hindern. Also: Keine Rezension.
Für die "Ausgewählten Reden..." habe ich DM 8,- bezahlt (Quittung
liegt bei). Gegen Erstattung des Betrages übersende ich Euch das
Buch, vielleicht könnt Ihr es brauchen.
Mit freundlichen Grüßen!
Volker Gransow
P.S. Das traurige Niveau der "KPD"-Veröffentlichungen legt die
interessante Frage nahe, ob die verfallende Kultur des staatsmo-
nopolistischen Systems mit der ihr eigenen Tendenz zu Pornogra-
phie und Positivismus auch die Verfallserscheinungen des "Linken
Radikalismus" mit umgreift - welch ein Abstieg von Gorter und
Pannekoek zu den namenlosen Pseudo-Dogmatikern der "KPD".
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