Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Diskussion, Besprechung
       

NOCH EIN BRIEF

An die Schriftleitung der SoPo Werte Genossen. In der Vornotiz zu Joachim Bischoffs Aufsatz in SoPo 12 wird missbilligend erwähnt, daß ich einen Text - "Grundzüge einer ge- schichtsmaterialistischen Erkenntnistheorie" - in aller Form zu- rückgezogen habe, nachdem die Umgestaltung der SoPo-Redaktion stattgefunden hatte. Diese Zurückziehung erfolgte auf Ansuchen der ausgeschiedenen Redaktionsmitglieder, weil diese gewisse Texte, die von ihnen angeregt und mit ihnen verabredet worden wa- ren, von ihnen nun anderweitig zur Veröffentlichung gebracht wer- den sollten. Dieses Ansuchen schien mir wohl begründet - an dem vorangegangenen Konflikt innerhalb der Redaktionskonferenz hatte ich, hier in Birmingham weit vom Schuß, nicht teilgenommen - und ich habe ihm entsprochen. Darf ich Sie nun Ihrerseits ersuchen, diese Erklärung meiner Handlungsweise Ihren Lesern durch Veröf- fentlichung zur Kenntnis zu bringen? Wenn ich den Sinn der Vornotiz recht verstehe, soll darin ausge- drückt sein, daß Sie auch Äußerungen, die von Ihren Meinungen ab- weichen und der Kritik derselben dienen, von Ihren Seiten nicht ausschließen, wo nicht gar willkommen heißen. In dieser Annahme schließe ich hier einige Bemerkungen aus Anlaß von Joachim Bi- schoffs gegen mein Buch gerichteten Aufsatz bei und stelle sie Ihnen zur Veröffentlichung in der SoPo zur Verfügung. Würden Sie mich bitte darüber verständigen, ob Sie diesen Text zur baldigen Veröffentlichung akzeptieren oder ob Sie die Veröffentlichung sei es ablehnen sei es bis "Motzen" zurückstellen. Wenn letzteres, so stelle ich den Text meinen aus Ihrer Redaktion ausgeschiedenen Freunden zur Veröffentlichung an ihrem Ort zur Verfügung, und meine Zurückziehung des eingangs erwähnten Textes würde sich also auch aus Gesichtspunkten des Inhalts als berechtigt erweisen. Yours comradely Alfred Sohn-Rethel Aus Anlaß von Joachim Bischoffs "Materielle und ----------------------------------------------- geistige Produktion, Sohn-Rethels 'Siegeszug' --------------------------------------------- durch die nichtrevisionistische Linke". --------------------------------------- Wer mein Buch gelesen hat, wird sich durch Joachim Bischoffs Kri- tik daran nicht wesentlich bestimmen lassen. Das ist es aber wohl auch nicht, worauf es dem Kritiker ankommt. Er hat es darauf ab- gesehen, so viele Anhänger im marxistischen Lager wie möglich da- von abzuhalten, daß sie mein Buch lesen, indem er ihnen einredet, die Lektüre sei erstens überflüssig, weil im Grunde alles Nötige schon bei Marx steht, und zweitens könne die auf mein Buch ver- wandte Mühe höchstens zur Konfusion des Lesers beitragen. Eine so gezielte Kritik hat natürlich Erfolgschancen darin, daß jeder, der sowieso mit seiner Lektüre nicht nachkommt (und wem von uns geht es anders), mit Erlösung hören wird, daß er eines von den Büchern auf seiner Liste nicht bloß unbeschadet sondern geradezu gewinnbringend streichen kann. Freilich mag die Erlösung sich nur als eine zeitweilige erweisen, falls sich bei einer breiteren marxistischen Leserschaft eine gegenteilige Meinung festsetzt und Folgerungen zeitigt, an denen teilzunehmen man sich gezwungen sieht. Die Herstellung einer abgewogenen Kritik wäre demzufolge eine Frage der Zeit, nachdem mein Buch die Runde gemacht hat, und der Zeit will ich sie denn auch getrost überlassen. Das ungeheure Geschirr von Repetitionen aus Marx, womit Bischoff gegen mich auffährt, verschlägt nämlich absolut nichts gegen die spezifische Leistung, mit der mein Buch aufwartet. Diese Leistung besteht in einer schlüssigen geschichtsmaterialistischen Herlei- tung der zeitlos-universellen Begriffsform, welche die von der manuellen Arbeit geschiedene intellektuelle Arbeit kennzeichnet. Das ist der harte, scharfe ziselierte Kern meines Buches, alles übrige erwächst daraus im Wege der Folgerung. Zu diesem Kern hat Bischoff nichts zu sagen; er geht darauf überhaupt nicht ein. Als ob eine wütende Hausfrau ihren Kübel voll Seifenwasser bei der Hintertür hinausschüttet, während der Gegenstand des Ärgernisses bei dem Vordereingang liegt und überdies seifenfest ist. Aber Bi- schoffs Seifenwasser ist als solches schön und stark. Was er da von der Marxschen Ökonomie resümiert, vor allem aus dem 3. Band des "Kapitals", geht ihm voll und glatt von der Feder, und er wirbelt großartigen Schaum damit auf. Doch meine Theorie steht danach so unversehrt da wie vorher. Ihre ausdrückliche methodolo- gischen Vorkehrungen wie, daß die Größenbestimmung von Wert und Preis und die Analyse der Wertform der Waren sorgfältig unter- schieden und auseinandergehalten werden müssen, oder daß die Formerklärung der exakten Wissenschaften nicht auf die Marxsche Ökonomie aufgepfropft werden kann sondern einer selbständigen systematischen Fundierung bedarf, sind vom Genossen Bischoff bestimmt nicht übersehen worden. Aber zu seinen Lesern und Anhängern schweigt er davon, für sie wäscht er geflissentlich darüber hinweg, damit sie nicht bemerken, daß der Großteil seiner Polemik sich auf ihren angeblichen Gegenstand gar nicht erstreckt. Diese Tatsache verrät sich freilich auch dadurch, daß seine Kritik den Leser über das Thema "materielle und geistige Produktion" ohne jeden Erkenntnisgewinn entläßt. Kritik sollte doch Erkenntniswert haben, dem Vorwande zur Erhellung und dem Leser zur gedanklichen Klärung dienen, wie sie das in so eindrucksvoller Weise bei Marx und Engels tut. Man denke nur an das "Elend der Philosophie", den Anti-Proudhon, oder den Anti- Dühring. An diesem Vorbild hätte sich Bischoff orientieren können. Aber er hat eben gar nicht die Substanz meines Buches, sondern nur seinen 'Siegeszug' im Auge. Daher die Hauptabsicht, die allgemeine marxistische Tauglichkeit des Autors zu diskreditieren und aus alle dem Kapital zu schlagen, was das Buch auf seinen knappen 212 Seiten nicht oder nur am Rande behandeln kann. Der Substanz meines Buches gegenüber bleibt Bischoffs Kritik dumm. Dadurch daß Form sich mit Material, Wertform sich mit Arbeit verbindet, hört sie noch nicht auf, Form zu sein. Die Arbeit ist nicht selbst die Ursache ihrer Abstraktifizierung. Wo also ist der Quell der Abstraktion zuletzt zu suchen? Etwa nicht in der Warenform, nicht im gesellschaftlichen Austauschprozeß? Ist es aus Konfusion, daß Marx einschärft, "der Austauschprozeß gibt den Waren, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern ihre spezifische Wertform"? Nach Bischoff führt solche Insinuation zu dem Versuch, "die wirklichen inneren Gesetze der kapitalistischen Produktion aus der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage zu entwickeln". Bei wem liegt hier wohl die Konfusion? Ich soll den Unterschied zwischen einfacher und kapitalistisch produzierter Ware ignoriert haben. Eher scheint mir Bischoff den zweiten Teil meines Buches ignoriert zu haben. Ihm zufolge erkläre ich, "die spezifische Form der Gesellschaft- lichkeit der Arbeit sei ein Marktphänomen". Ich stelle die Taylo- risierung der modernen Arbeit als ein Marktphänomen dar? Ist nicht gerade mein Argument, daß die Vergesellschaftungsform der Arbeit dem Arbeitsprozeß und gerade nicht dem Verwertungsprozeß entspringt? Weiter, ich verstände nicht, "daß die Bewegung des industriellen Kapitals eine Abstraktion in actu ist", wo doch meine ganze Theorie auf der These von der Realabstraktion im Aus- tauschprozeß basiert?! Ferner, "daß der Austausch eine wesentli- che ... Form der Vermittlung der Herrschaft der gegenständlichen Arbeit über die lebendige ist, davon ahnt unser aufgewühlter Geist nicht das geringste". Es fällt schwer, jemandem, der das behauptet angesichts der Ausführungen auf S. 120/21 meines Bu- ches, guten Glauben zuzubilligen. Dann heißt es, ich "fasse die materielle Produktion nicht historisch" - eine Behauptung, die wiederum den Tatsachen ins Gesicht schlägt - und wenige Zeilen später auf derselben Seite, ich "behandele die Naturerkenntnis als allgemeines Resultat der gesellschaftlichen Entwicklung"; soll das heißen, unabhängig von der Geschichte der materiellen Produktion? ! Und mit solchen Fehl Interpretationen und Verkeh- rungen geht es fort und fort. Bischoffs Kritik ist über mein Buch auffallend ungleich verteilt. Mit der systematischen Formanalyse der Waren- bzw. Tauschabstrak- tion im ersten Teil, beschäftigt er sich, wie schon erwähnt, überhaupt nicht. Dieser Analyse kann er wohl nichts anhaben. Dann kann er aber auch meiner ganzen Theorie nichts anhaben. Denn wie gesagt, ist diese nichts als ein Netz von Schlußfolgerungen, die sich jedem, der logisch denken will, aufdrängen müssen. So z.B. die Unterscheidung von Aneigungs- und Produktionsgesellschaft nach dem Modus der gesellschaftlichen Synthesis und auch dieser letztere Begriff selbst. Bischoff aber hält sich statt dessen vorwiegend an die Außenteile meines Buches, die beiden Anhänge, die Einleitung und vor allem an das kurze Vorwort. Daß ich als 19jähriger von der revolutionären Situation zur Zeit der Sparta- kuskämpfe in Berlin "bis auf den Grund aufgewühlt", war, darüber gießt er mit immer erneutem rhetorischem Ergötzen seinen Hohn und Spott aus. Verstehe das, wer will. Macht man bei seiner eigenen Kritik vom Emotionalen Abzug, so wird ersichtlich, daß in dem, was er vorbringt, viel Richtiges und Triftiges enthalten ist, viel gut verstandener Marxismus. Bei kühlerer Besonnenheit würde aber auch Bischoff klarwerden, daß nichts davon mit meiner Theo- rie in einem unvereinbaren Widerspruch steht. Er muß erst Auffas- sungen und Äußerungen von mir mißdeuten, aus dem Zusammenhang nehmen oder geradezu entstellen, um solche Widersprüche zu kon- struieren. Es ist doch ganz unhaltbar, glauben zu wollen, daß das Marxsche Denken und die Marxsche Lehre unvereinbar sein sollten mit einer stimmigen, formgerechten Theorie der Kopf- und Handar- beit, wie es aber andererseits auch unbestreitbar ist, daß eine solche Theorie in expliziter Form bei Marx nicht vorliegt. Dem wissenschaftlichen Sozialismus, für den Bischoff davon eine "Verballhornung" zu sichten meint, kann in Wahrheit daraus nur eine weitere Stütze erwachsen. Meine Theorie steht zu Marx im Verhältnis der Erweiterung und Fortführung, aber nicht in dem des Widerspruchs. Meine Kritik an der Marxschen Warenanalyse im er- sten Anhang gilt nur der Frage, woran es liegt, daß diese Erwei- terung sich nicht Marx selbst schon ergeben hat. Wenn ich hier von stimmiger Theorie der Kopf- und Handarbeit spreche, so ist damit nicht gesagt, daß das meine sein muß. Na- türlich kann man meine Theorie für irrig halten und wesentlicher Korrekturen für bedürftig. Aber das mindeste, das von ihr gesagt werden kann, ist, daß ihre kritische Widerlegung und Ersetzung, wenn sie gelingt, unsere Erkenntnis ein beträchtliches Stück vor- anbringen würde. Daß sich davon bei der Bischoff'schen Kritik keine Spur zeigt, veranlaßt mich zu sagen, daß seine Polemik der Substanz meines Buches gegenüber dumm bleibt. Der Leser soll im Endergebnis mit dem Eindruck entlassen werden, daß mein Buch gar nicht hätte geschrieben zu werden brauchen, also auch nicht gele- sen zu werden braucht. Etwas Neues von marxistischen Wert habe ich nicht zu vermelden. Der Erkenntnis der heutigen Dinge wäre am besten damit gedient, daß im Marxismus alles beim alten bleibt. Ist Bischoff wirklich nicht imstande, den Nutzen einer formge- rechten Theorie der Hand- und Kopfarbeit für die heutigen Pro- bleme und Aufgaben zu erblicken? Dann befindet er sich in einer rapide schwindenden Minderheit. Mein Eindruck ist, daß eine wach- sende Zahl von Marxisten eine solche Theorie für ein wissen- schaftlich begründetes Verständnis der Probleme des Sozialismus und seines Aufbaus geradezu als unentbehrlich ansehen. zurück