Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Paul Boccara
       

I. EINFÜHRUNG IN DIE FRAGE DES STAATSMONOPOLISTISCHEN KAPITALISMUS

I. Der staatsmonopolistische Kapitalismus ----------------------------------------- als Phase der kapitalistischen Entwicklung. ------------------------------------------- 1. Die Entwicklungsstadien des Kapitalismus und der --------------------------------------------------- staatsmonopolistische Kapitalismus. ----------------------------------- Die marxistische Theorie unterscheidet drei fundamentale Stadien in der Entwicklung des Kapitalismus: 1 - das ursprüngliche oder noch manufakturelle Stadium; 2 - das klassische Stadium des Fabrikwesens oder der freien Kon- kurrenz; 3 - das imperialistische oder im allgemeinen monopolistische Sta- dium. Die innere Entwicklung eines Stadiums bereitet das folgende Sta- dium durch tiefgreifende Umwälzungen der ökonomischen Struktur des Kapitalismus vor. Man kann z.B. feststellen, wie im Verlauf des manufakturellen Stadiums die Entwicklung im Rahmen einer na- tionalen Volkswirtschaft mit zunächst noch vorherrschenden nicht- kapitalistischen Verhältnissen zur Herrschaft kapitalistischer Verhältnisse über die Gesamtheit der Volkswirtschaft voranschrei- tet. Desgleichen kennt das Stadium des Fabrikwesens eine wach- sende Konzentration und Zentralisation von Kapital: von dem stän- digen Anwachsen der Zahl der Kapitalisten als dominierender Ten- denz geht die Entwicklung zur Tendenz der "Kapitalvernichtung", der Bezeichnung von Marx folgend, weiter. So charakterisiert sich das imperialistische Stadium durch Umwälzungen, die von der freien Konkurrenz zum einfachen Monopolismus führen, und vom ein- fachen Monopolismus zum Staatsmonopolismus. Von einem gewissen Grad der Entwicklung an kann man, scheint es, eine völlig neue Phase im Inneren des imperialistischen Stadiums unterscheiden: Die Phase des staatsmonopolistischen Kapitalismus. Die chronolo- gischen Abgrenzungen sind selbstverständlich völlig relativ und können aufgrund von Definitionen vereinbart werden. 2. Die Chronologie des staatsmonopolistischen Kapitalismus ---------------------------------------------------------- Der staatsmonopolistische Kapitalismus, angekündigt bereits durch bedeutsame Umwälzungen, die seit Anfang des imperialistischen Stadiums am Ende des 19. Jahrhunderts stattfanden, erscheint wäh- rend des Krieges von 1914 - 1918 in den kriegführenden kapitali- stischen Ländern, wobei er der Gesamtheit der nationalen Volks- wirtschaft sein Gepräge gibt. Nach einer Periode relativen oder scheinbaren Rückgangs erfährt er eine bemerkenswerte Weiterentwicklung während der "Großen De- pression" der Jahre um 1930. Zu diesem Zeitpunkt stellen die Nazi-Ökonomie Hitlerdeutschlands und die Wirtschaftspolitik, die in den Vereinigten Staaten durch den New Deal Roosevelts einge- leitet wurde, zwei besonders bezeichnende Beispiele der Entwick- lung des staatsmonopolistischen Kapitalismus dar - zwei unter- schiedliche Versuche (einer von rechts, der andere von links), den sich in der Krise befindlichen Kapitalismus zu retten, dessen Wachstum blockiert ist, während die sozialistische Planung ihre ersten Erfolge davonträgt. Nach der Verallgemeinerung seiner Entwicklung während des 2. Weltkrieges entfaltet sich der staatsmonopolistische Kapitalismus in der letzten Periode in allen fortgeschrittenen kapitalisti- schen Ländern. Er bemüht sich jetzt inmitten eines sich zuspitzenden Klassen- kampfes die weitere Entwicklung der Produktivkräfte und des mate- riellen Wachstums zu ermöglichen, trotz der tödlichen Herausfor- derung an die kapitalistische Produktionsweise, die sich durch die sich augenblicklich ergebende Vergesellschaftung der Produk- tivkräfte, den Fortschritt der revolutionären Kämpfe der Arbei- terklasse - die nationalen Befreiungsbewegungen eingeschlossen - und das beschleunigte und krisenlose sozialistische Wachstum er- gibt. Dadurch verschärft er die Widersprüche des Kapitalismus und treibt diese auf ihre Schwanken zu. Seit dem Ende des 2. Welt- krieges stützt sich die demokratische und die Arbeiterbewegung auf die objektiven Prozesse, die den staatsmonopolistischen Kapi- talismus entwickeln, um den demokratischsten und fortgeschritten- sten Umwälzungen im Kampf gegen die monopolistische Oligarchie Geltung zu verschaffen. Aber die Oligarchie bemüht sich (und sie hat in der augenblicklichen Periode Erfolg damit), die Bewegung einzugrenzen, die neuen öffentlichen Formen ihres demokratischen Aspektes zu berauben, um sie zum Wiedererstarken des Kapitalismus und der Herrschaft der Monopole zu benutzen. Sie bemüht sich, im Rahmen des Möglichen die Volkswirtschaft zu "reprivatisieren". In Wirklichkeit entwickelt sie den Staatsinterventionismus nur noch mehr, aber in den indirektesten und nach außen am wenigsten durchschaubaren Formen. II. Die marxistisch-leninistische Definition des ------------------------------------------------ staatsmonopolistischen Kapitalismus als Phase des Imperialismus --------------------------------------------------------------- 1. Von Engels zu Lenin ---------------------- Engels unterstrich seit etwa 1880 im Anti-Dühring (3. Teil, Kapi- tel II) die notwendige Vergesellschaftung der Produktionsmittel unter zunächst kapitalistischer Form. Er unterschied die kapita- listische Vergesellschaftung, die einerseits durch die Trusts hervorgerufen wurde, von der, die durch den kapitalistischen Staat hervorgerufen wurde. Er erklärt in Hinsicht auf die Produk- tionsmittel diesen "steigenden Zwang zur Anerkennung ihrer ge- sellschaftlichen Natur, der die Kapitalistenklasse selbst nötigt, soweit dies innerhalb des Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche Produktivkräfte zu behandeln." (MEW 20, 258) Er zeigt, daß "die Formen der Vergesellschaftung" durch die "Aktiengesellschaft" auf einer gewissen Stufe der Entwicklung un- zureichend wird. Die Entwicklung geht zunächst zum "Trust", sagt er, und dann vom Trust zum "Staatseigentum". Er präzisiert: "In den Trusts schlägt die freie Konkurrenz um ins Monopol (...) So oder so, mit oder ohne Trusts, muß schließlich der offizielle Re- präsentant der kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, die Lei- tung der Produktion nehmen. Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst hervor bei den großen Verkehrsan- stalten..." (MEW 20, 259 und 617) Er fügt hinzu: "Denn nur in dem Falle, daß... die Verstaatlichung ökonomisch unabweisbar gewor- den, nur in diesem Falle bedeutet sie, auch wenn der heutige Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt, die Errei- chung einer neuen Vorstufe zur Besitzergreifung aller Produktiv- kräfte durch die Gesellschaft selbst." (MEW 20, 259) Und außer- dem: "Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapi- talverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das Staats- eigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Kon- flikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung." (MEW 20, 260) Und endlich: Die kapitalistische Pro- duktionsweise"... zeigt selbst den Weg an zur Vollziehung dieser Umwälzung. D a s P r o l e t a r i a t e r g r e i f t d i e S t a a t s g e w a l t u n d v e r w a n d e l t d i e P r o d u k t i o n s m i t t e l z u n ä c h s t i n S t a a t s e i g e n t u m." (MEW 20, 261) Der Ausdruck des staatsmonopolistischen Kapitalismus wird im Jahre 1917 von Lenin verwandt. Ein Jahr nachdem er seine berühmte Broschüre "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalis- mus" redigiert hat, und nur einige Monate nachdem er sie veröf- fentlicht hat, entwickelt Lenin, weit davon entfernt, seine Ana- lyse vom neuen Stadium, das etwa seit 1880 beginnt, zu wiederho- len, diese im Lichte der Umwälzungen des Kapitalismus während des Weltkrieges weiter im Hinblick darauf, durch die Kenntnisse der objektiven ökonomischen Bewegung der Gesellschaft die Kämpfe der sowjetischen Revolution zu führen. In der Broschüre "Die drohende Katastrophe und wie man sie be- kämpfen soll", die im Oktober 1917 veröffentlicht wurde, befindet sich der Leninsche Entwurf über den staatsmonopolistischen Kapi- talismus. Lenin zeigt dort die Bedeutung der neuen Umwälzungen für das Verständnis der praktischen Wege des demokratisch-revolu- tionären Kampfes. Er behandelt dort insbesondere die Nationali- sierung der Banken und der großen Monopole. Er unterstreicht dort die Tatsache, daß, ohne daß sie bereits sozialistische sind, diese demokratisch-revolutionären Maßnahmen, die sich auf objek- tive Prozesse im Kapitalismus stützen, eine Etappe in Richtung auf den Sozialismus bedeuten, genauso wie "der demokratisch-revo- lutionäre Staat" einen immensen Schritt in Richtung auf den So- zialismus konstituiert. Gewiß kann diese Leninsche Analyse nicht losgelöst werden von den konkreten Bedingungen des Zarenreiches von 1917, dem ökonomischen Debakel, das der imperialistische Krieg dort hervorgerufen hat, und vor allem den Besonderheiten der demokratischen Etappe der russischen Revolution von 1917. Aber diese Analyse hat darüberhinaus eine allgemeine Bedeutung, die Lenin in den folgenden Sätzen präzisiert: "Die Dialektik der Geschichte ist gerade die, daß der Krieg, der die Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in den staatsmonopolistischen Kapi- talismus ungeheuer beschleunigte, d a d u r c h die Menschheit dem Sozialismus außerordentlich nahe gebracht hat... Und das nicht nur deshalb, weil der Krieg mit seinen Schrecken den prole- tarischen Aufstand erzeugt - keinerlei Aufstand kann den Sozia- lismus schaffen, wenn er nicht ökonomisch herangereift ist -, sondern deshalb, weil der staatsmonopolistische Kapitalismus die vollständige m a t e r i e l l e Vorbereitung des Sozialismus, seine unmittelbare V o r s t u f e ist, denn auf der histori- schen Stufenleiter gibt es zwischen dieser Stufe und derjenigen, die Sozialismus heißt, k e i n e r l e i Z w i s c h e n s t u- f e n m e h r." (LW 25, 370) So ist für Lenin der staatsmonopolistische Kapitalismus eine wirkliche historische Phase des Kapitalismus. Und noch in "Staat und Revolution", geschrieben gegen Ende 1917, charakterisiert Le- nin den Imperialismus als die "Epoche des Bankkapitals, die Epo- che der gigantischen kapitalistischen Monopole, die Epoche des Hinüberwachsens des monopolistischen Kapitalismus in den staats- monopolistischen Kapitalismus" (LW 25, 423), ohne daß er sich auf dogmatische Art und Weise an seine Definition des Imperialismus gebunden fühlt, die er einige Monate vorher veröffentlicht hatte. 2. Von 1917 bis in unsere Tage ------------------------------ Zwischen den beiden Kriegen sind die Hinweise, die Lenin über den staatsmonopolistischen Kapitalismus gegeben hatte - weit davon entfernt, weiterentwickelt zu werden - eher vernachlässigt wor- den. Sicher beziehen sich eine bestimmte Anzahl von Studien auf die neue Rolle des Staates, besonders um das Jahr 1920. Während sich der staatsmonopolistische Kapitalismus zur Zeit der Depression Anfang der 30er Jahre entwickelt, betont indessen eine der besten marxistischen Analysen jener Zeit, betitelt "Die große Krise und ihre politischen Folgen. Wirtschaft und Politik, 1928-1934" von Eugen Varga, veröffentlicht im Jahre 1934, gerade die offenkun- dige Entwicklung der Rolle des Staates. Varga schreibt: "Das Hauptergebnis der Versuche zur künstlichen Überwindung der Krise bzw. der ganzen kapitalistischen Wirt- schaftspolitik während der Krise ist eine bis ins einzelne ge- hende Einmischung des Staates in die Wirtschaft zugunsten der herrschenden Klassen im allgemeinen, des Monopolkapitalismus und der Großagrarier im besonderen. Das Monopolkapital nützt seine Herrschaft über den Staatsapparat aus, um die Verteilung des Na- tionaleinkommens systematisch zu seinen Gunsten zu verschieben, die Staatskasse unter den verschiedensten Formen und Vorwänden zu berauben. Die "staatskapitalistischen" Tendenzen erfuhren eine starke Entwicklung: es findet in gewissem Sinne ein Übergang vom Monopolkapitalismus zu einem "staatlichen Kriegs-Monopolkapita- lismus" statt, wie Lenin den Kapitalismus in der Periode des Weltkriegs nannte." (Eugen Varga: "Die Krise des Kapitalismus und ihre politischen Folgen", Frankfurt 1969, S. 287/288). In diesem bedeutenden Text findet sich in dem Kapitel mit der Überschrift "Die erfolglosen Versuche zur künstlichen Überwindung der Krise" die Schlußfolgerung, daß alle Versuche zur Überwindung der Krise zwar vom Standpunkt der allgemeinen Krise des Kapita- lismus als Produktionsweise aus vergeblich sind, jedoch nicht vom Standpunkt der besonderen Depression Anfang der 30er Jahre. Wenn- gleich Varga sieht, daß die Bourgeoisie ihren Ausweg im Krieg sucht, so berücksichtigt er nicht, daß der Krieg den staatsmono- polistischen Kapitalismus wieder erstarken lassen kann, und somit den Bemühungen zur Überwindung der Krise einen provisorischen Er- folg erlauben kann. Er sieht vor allen Dingen nicht die neuen Waffen, die die objektiven Prozesse, die zum staatsmonopolisti- schen Kapitalismus führen, dem Kampf des Proletariats, der demo- kratisch-revolutionären Bewegung anbieten. Die Intervention des Staates wird nur vom Standpunkt der Bour- geoisie aus betrachtet, allein der Versuch, die Krise zu überwin- den, und nicht auch vom marxistisch-leninistischen Standpunkt aus als objektive Vorbereitung des Sozialismus, auf welche sich der Klassenkampf zu stützten hat. Selbst vom Standpunkt der Bour- geoisie aus wird seine relative Wirksamkeit weitestgehend unter- schätzt, genauso wie die Lebensfähigkeit des staatsmonopolisti- schen Kapitalismus außerhalb der kriegsmäßigen oder kriegsvorbe- reitenden Bedingungen. Die marxistische Literatur tendiert allgemein mehr und mehr dazu, die erste Analyse von Lenin in seiner Imperialismusschrift zu wiederholen. Während die Leninsche Analyse nicht nur den Parasi- tismus und die Fäulnis des Kapitalismus in seinem höchsten Sta- dium dialektisch unterstreicht, sondern auch den Übergang, den dieses Stadium in Richtung auf eine "höhere ökonomische und so- ziale Ordnung" darstellt, neigt man selbst dazu, einseitig die negativen Aspekte der imperialistischen Fäulnis hervorzuheben. Ein Beispiel dieser Tendenz, die Analyse von "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" zu wiederholen und einzig und allein auf dem negativen Aspekt der Fäulnis zu insistieren, wird in dem Werk von Eugen Varga und Leo Mendelson geliefert mit dem Titel "Neue Materialien zu W.I. Lenins Arbeit 'Der Imperia- lismus...'". Diese Studie, gegen 1937/38 redigiert, stützt sich auf die Phänomene der großen Depression Anfang der 30er Jahre, um hinsichtlich der Entwicklung des Imperialismus seit Lenin auf der Zersetzung und dem Parasitismus des Kapitalismus zu insistieren. Der einzige Aspekt, unter dem die neue Rolle des Staates er- scheint, ist in einigen Angaben über das Anwachsen der Bürokratie und der Rüstungsausgaben gegeben. Man neigt sogar zu einer Kon- zeption der a l l g e m e i n e n K r i s e, die in eine Vi- sion einer katastrophenartigen Entwicklung des Kapitalismus aus- mündet, anstatt im Zentrum der a l l g e m e i n e n K r i s e des Kapitalismus die Umwälzung der ökonomischen Struktur zu se- hen, die den staatsmonopolistischen Kapitalismus kennzeichnet. Nach dem zweiten Weltkrieg ist der staatsmonopolistische Kapita- lismus eine ins Auge fallende Realität geworden. Die kommunisti- schen Parteien, die in Europa insbesondere für die demokratische Verstaatlichung kämpfen, sind tagtäglich mit dem Problem des staatsmonopolistischen Kapitalismus konfrontiert. Dennoch besteht Stalin noch im Jahre 1952 in seinen "Ökonomischen Problemen des Sozialismus in der UdSSR" hartnäckig darauf, ihn totzuschweigen. Er spricht lediglich vom "aktuellen Kapitalismus", der, wie er näher bestimmt, "Monopolkapitalismus" ist. Trotzdem kann sein so- genanntes "grundlegendes ökonomisches Gesetz des augenblicklichen Kapitalismus" letztlich nur Phänomene des staatsmonopolistischen Kapitalismus berücksichtigen, obwohl es seine typischsten Er- scheinungsformen außer acht läßt. Seine Vorstellungen, die das Wachstum der kapitalistischen Produktion unter den zeitgenössi- schen Bedingungen betreffen, und die die Leninsche These über die rapide Entwicklung des Kapitalismus im Stadium des Imperialismus verwerfen, kehren der Realität den Rücken. Indem er nichts desto weniger nebenbei die offensichtliche Rolle des Staates im heuti- gen Kapitalismus beschwört, erklärt Stalin, daß man "von der Un- terordnung des Staatsapparates unter die Monopole" sprechen müsse. Er verwirft den Begriff der "Fusion" der Monopole mit dem Staatsapparat einzig und allein, weil dieser überflüssig und nur deskriptiv sei und nicht den ökonomischen Sinn der Annäherung der Monopole an den Staat zeige, welche nicht allein die Fusion mit sich brächte. Indessen ist der Leninsche Entwurf über den staatsmonopolisti- schen Kapitalismus niemals vergessen worden. Er stand jedoch in keiner Weise im Zentrum der Analyse des Kapitalismus. Er wurde lediglich im Vorübergehen verkürzt erwähnt oder nur marginal stu- diert. Besonders seit 1955 bemühen sich zahlreiche Arbeiten, ihn weiter zu entwickeln, man neigt dazu, und das mit Recht, das Kon- zept vom staatsmonopolistischen Kapitalismus ins Zentrum der Ana- lyse des zeitgenössischen Kapitalismus zu stellen. Kann man sagen, daß es augenblicklich eine gültige marxistische Theorie über den staatsmonopolistischen Kapitalismus gibt? Nein, nach unserer Erkenntnis gibt es eine solche entwickelte Theorie von allgemeiner Gültigkeit nicht. Wenn gewisse Formulierungen allgemein gültig sind, so konstituieren sie noch nicht eine Theo- rie, sondern lediglich die Abgrenzung der Fragestellungen, sie bezeichnen die ersten Bemühungen der Verallgemeinerungen der be- kannten Phänomene, die nicht schon streng ihre Notwendigkeit er- klären, die noch nicht die notwendigen Gesetze ihrer Erscheinung und ihrer Entwicklung bzw. ihrer verschiedenen Bewegungsformen hergeben. Es wäre ein schwerer Fehler, sich über die Reichweite dieser Formulierungen zu täuschen, deren große Nützlichkeit unbe- streitbar ist, aber provisorisch und relativ bleibt. Diese Nütz- lichkeit darf jedoch nicht die gebieterische Notwendigkeit der Entwicklung einer marxistischen Theorie des staatsmonopolisti- schen Kapitalismus verdecken. Drei hauptsächliche Entwürfe scheinen uns nacheinander im inter- nationalen Maßstab vorgestellt worden zu sein. Der des sowjeti- schen "Handbuch der Politischen Ökonomie" von 1955, der der "Nouvelle Revue Internationale" vom Oktober 1958 und der der Kon- ferenz der 81 kommunistischen und Arbeiterparteien von 1960. Im Handbuch von 1955 heißt es: "Der staatsmonopolistische Kapitalismus besteht in der Unterwer- fung des Staatsapparates unter die kapitalistischen Monopole, in- dem dieser dazu benutzt wird, in die Führung der Volkswirtschaf- ten der einzelnen Länder zu intervenieren, (insbesondere durch ihre Militarisierung), um den Monopolen den Maximalprofit zu si- chern und die Allmacht des Finanzkapitals zu begründen." Der Artikel der "Nouvelle Revue Internationale" von 1958 präzi- siert: "Der staatsmonopolistische Kapitalismus ist ein komplexes System der Ausnutzung des bürgerlichen Staates durch das Monopolkapital, das in der Hauptsache das Staatseigentum, den Staatshaushalt und die Kontrolle und Regulierung durch den Staat einschließt." Diese zweite Definition ist viel weitgehender als die erste. Sie bedeutet einen erheblichen Fortschritt, indem sie einerseits auf den verschiedenen Aspekten der normalen Staatsintervention, die einen ganzen organischen Komplex bilden, insistiert, aber auch auf neue Formen. Indessen neigt man in dieser Periode von 1955-1958, obwohl man sich mehr und mehr auf die Formulierungen von Lenin bezieht, im großen und ganzen dazu, in der Denkweise der vorangegangenen Epo- che zu verbleiben. Dies ist z.B. aus den beiden vorhergehenden Formulierungen zu erkennen. Gemäß dieser Denkhaltung ist der heu- tige Kapitalismus der Monopolkapitalismus. Die Monopole unterwer- fen sich den Staat und nutzen ihn mehr und mehr zu ihren Gunsten aus. Man neigt dazu, den staatsmonopolistischen Kapitalismus als eine Art privilegiertes Instrument der Monopole zu begreifen, der le- diglich einige Aspekte des ökonomischen Lebens betrifft (öffentliche Intervention im Dienste der Monopole). Ungefähr so wie schon Kautsky den Imperialismus nicht als eine "Phase" be- greifen wollte, indem er es verwarf, den Imperialismus mit dem zeitgenössischen Kapitalismus zu identifizieren und in ihm ledig- lich eine vom Kapitalismus bevorzugte Politik sah. Obwohl Lenin schon im Jahre 1917 festgestellt hatte, daß die ganze ökonomische Struktur, der ganze Kapitalismus selbst sich umwandelt, indem er vom Monopolkapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus übergeht. (Ebenso wie nicht jeder Kapitalist Monopolist ist in der Epoche des Monopolkapitalismus und dennoch das Monopol der ganzen Volks- wirtschaft seinen Stempel aufdrückt, ebenso ist selbstverständ- lich nicht alles öffentliche Intervention in der Epoche des staatsmonopolistischen Kapitalismus.) Die Konferenz der 81 Parteien von 1960 entwickelte eine Formulie- rung, die in diesem Punkte völlig mit den vorhergehenden brach. Sie erklärte: "Die Widersprüche des Imperialismus haben die Umwandlung des Mo- nopolkapitalismus beschleunigt. Indem er den Einfluß der Monopole auf das nationale Leben erhöht, vereinigt der staatsmonopolisti- sche Kapitalismus die Macht der Monopole und die des Staates in einem einheitlichen Mechanismus, der dazu bestimmt ist, das kapi- talistische Regime zu retten und die Profite der imperialisti- schen Bourgeoisie durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse und die Ausplünderung großer Teile der Bevölkerung auf das Maximum anzu- heben." ("Nouvelle Revue Internationale", Dezember 1960, S. 159- 160) Diese letzte Formulierung setzt, indem sie vom einheitlichen Me- chanismus, der die Macht der Monopole mit der des Staates zusam- menfaßt, spricht, den Akzent auf die Existenz neuer Formen und Prozesse auf der Ebene der ganzen kapitalistischen Gesellschaft, die neu sind im Vergleich zu den Formen und Prozessen des einfa- chen Monopolkapitalismus. Im übrigen werden die neuen Formen nicht allein durch die Monopole benutzt, sie können vielmehr der revolutionären Bewegung neue Waffen in die Hand geben. 3. Der staatsmonopolistische Kapitalismus ----------------------------------------- als letzte Phase des Imperialismus ---------------------------------- Noch in unseren Tagen zögern einige Marxisten, den staatsmonopo- listischen Kapitalismus als neue Phase innerhalb des imperiali- stischen Stadiums aufzufassen und eindeutig festzustellen, daß der heutige Kapitalismus nicht mehr der einfache Monopolkapita- lismus ist, sondern der staatsmonopolistische Kapitalismus. Unter den Zögernden begegnet man zwei einander widersprechende Tendenzen. - Die einen bevorzugen Begriffe wie "aktueller Kapitalismus" oder "zeitgenössischer Kapitalismus" ohne weiteren Zusatz, wenn sie nicht überhaupt bloß vom "modernen" Kapitalismus sprechen. Sie wollen nicht einmal provisorisch die ökonomische Struktur der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder durch den Begriff des staatsmonopolistischen Kapitalismus definieren. Mit dem Ausdruck des aktuellen Kapitalismus, der ohne weitere Präzision angewandt wird, fällt man in gewisser Weise sogar hinter das Konzept des Monopolkapitalismus zurück, während, wenn man vom staatsmonopoli- stischen Kapitalismus spricht, dies sehr wohl anzeigt, daß es sich um eine Phase der monopolkapitalistischen Entwicklung im allgemeinen handelt. Manchmal wird es sogar abgelehnt, dem Staat eine zentrale Rolle im heutigen Kapitalismus zuzubilligen, trotz der offensichtlichsten Tatsachen. - Andere wiederum fürchten ganz im Gegenteil, daß mit der Verwen- dung dieses Begriffes der heutige Kapitalismus nicht mehr als Mo- nopolkapitalismus begriffen werde, (wenn nicht gar überhaupt nicht mehr als Kapitalismus begriffen wird). Sie wollen nicht, daß der staatsmonopolistische Kapitalismus als eine neue histori- sche Phase im imperialistischen Stadium bezeichnet wird. Sie be- wahren so in gewisser Weise die Haltung von 1955 und 1958. Manchmal lehnen sie es sogar ab, von einer Modifizierung der Pro- duktionsverhältnisse zu sprechen. Man darf die Tatsache, daß der Kapitalismus immer Kapitalismus bleibt, (oder die Monopole immer Monopole) nicht mit der Nicht- Modifizierbarkeit der Produktionsverhältnisse oder der Nichttransformierbarkeit der ökonomischen Struktur konfundieren. Der marxistischen Theorie zufolge sind die Produktionsverhält- nisse der Gegenstand eines unaufhörlichen Umwälzungsprozesses, wie es das "Kapital" von Marx zeigt Mit dem Übergang von einem Stadium zum anderen erfährt z.B. die organische Gesamtheit der ökonomischen Verhältnisse, die ökonomische Struktur der Gesell- schaft, eine bemerkenswerte Umwälzung. Das verhindert jedoch nicht das Weiterbestehen und die Vertiefung ihres kapitalisti- schen Wesens mit dem Fortbestehen des fundamentalen Ausbeutungs- verhältnisses zwischen Kapitalisten und Proletariern. Man trifft selbst in unseren eigenen Reihen Auffassungen, die, obwohl sie anerkennen, daß es neue Formen gibt, es ablehnen, von der Transformation der Produktionsverhältnisse zu sprechen, indem sie auf diese Weise ihre Formen mit ihrem Wesen verwechseln, oder die, obwohl sie von der Phase des Niedergangs des Kapitalismus sprechen, es ablehnen, von einer neuen Phase der Entwicklung zu sprechen. Ausgehend von dem richtigen Ausdruck der Formulierung von 1960, der die Verstärkung des Einflusses der Monopole auf das nationale Leben feststellt, sagen einige: es gibt lediglich eine Verstär- kung der Hegemonie der Monopole über die Gesellschaft. Aber gibt es lediglich eine Verstärkung der Hegemonie der Monopole oder ist diese Verstärkung nicht ebenfalls gezwungen, originäre Prozesse zu entwickeln, die die Widersprüchlichkeit des Kapitalismus ver- tiefen und ihn auf dialektische Weise dem Sozialismus näher brin- gen? Diese Prozesse liefern dem Kapitalismus ökonomische Waffen völlig neuen Typs, aber auch der demokratischen und revolutio- nären Bewegung. Und diese kann sie entscheidend gegen die Mono- pole wenden, wenn sie die Kontrolle des Staates übernimmt. Sie kann sie in den Dienst des Volkes stellen und zur Erbauung einer neuen Gesellschaft nutzen, zum revolutionären Übergang zum Sozia- lismus auf friedlichen Wegen. Der staatsmonopolistische Kapitalismus ist die letzte Phase des Imperialismus. Wenn die demokratische und die Arbeiterbewegung dahin gelangt, die Kontrolle über den Staat, die politische Herr- schaft, der monopolistischen Oligarchie zu entreißen, wird sie sich bemühen, das ökonomische Leben tiefgreifend zu demokratisie- ren. Durch die Nationalisierung und demokratische Planung können die neuen öffentlichen Formen in einem antimonopolistischen Sinne und im Dienste der Nation beträchtlich entwickelt werden. Unter diesen Bedingungen wird sich die revolutionär-demokratische Bewe- gung bemühen, fortschreitend die Monopole zu isolieren und zu zerstören. Der staatsmonopolistische Kapitalismus und der Impe- rialismus werden dann eine Krise des Verfalls erfahren und können zerstört werden. Aber wenn in dieser Hypothese der Kapitalismus noch erhalten bleibt, so kann er, die neue entscheidende Rolle des demokratischen Staates vorausgesetzt, charakterisiert werden als ein demokratischer Staatskapitalismus, der eine revolutionäre Epoche des direkten, friedlichen Übergangs zum Sozialismus eröff- net. Wenn der staatsmonopolistische Kapitalismus eine neue Phase dar- stellt, die von dem einfachen Monopolkapitalismus unterschieden ist, macht er eine neue originäre Erklärung notwendig, (die je- doch auf der Theorie des Kapitalismus im allgemeinen basieren muß). Von der Umreißung der Fragestellung Ln der Geschichte des Kapitalismus und der marxistischen Lehre gehen wir jetzt über zu der Umreißung der Fragestellung unter dem Aspekt der augenblick- lichen Forschungen. III. Der staatsmonopolistische Kapitalismus ------------------------------------------- als ökonomische Totalität ------------------------- Als Phase des Imperialismus umfaßt der staatsmonopolistische Ka- pitalismus offensichtlich nicht nur eine soziale und ökonomische Totalität, sondern zugleich auch Aspekte politischer, ideologi- scher Natur etc. ... In diesem Abschnitt jedoch wird die Frage- stellung im wesentlichen unter dem Aspekt der marxistischen öko- nomischen Analyse betrachtet. 1. Organisch-dialektische Einheit der verschiedenen --------------------------------------------------- Prozesse des staatsmonopolistischen Kapitalismus ------------------------------------------------ Wenn in der Hypothese der staatsmonopolistische Kapitalismus als eine Phase des Imperialismus betrachtet wird, so resultiert dar- aus, daß er eine organische Totalität bildet. Unserer Ansicht nach gibt es zwei entgegengesetzte Weisen, diese Totalität auf undialektische Weise zu betrachten. Auf der einen Seite kann man irrtümlicherweise den Prozeß, der den staatsmonopolistischen Kapitalismus entwickelt, als einen li- nearen und nicht (oder nicht genügend) als einen widersprüchli- chen Prozeß betrachten. In Wirklichkeit handelt es sich nicht um eine einfache Fortset- zung der Umwälzungen, die der Monopolkapitalismus erfuhr, welcher seinerseits eine einfache Progression der Transformation, die den vormonopolistischen Kapitalismus bewegten, erfahren haben würde. Von einem gewissen Grad der Entwicklung an erscheinen qualitativ neue Formen, die sich (relativ) den vorhergehenden Formen e n t- g e g e n s t e l l e n. Man kann z.B. nicht davon ausgehen, daß es sich im wesentlichen um die Entwicklung eines kapitalistischen Konzentrationsprozesses handelt, der einerseits in die Monopole münden würde und die Mo- nopole wiederum in das öffentliche Monopol. Schon wo er die Ent- wicklung des Monopols studiert, zeigt Lenin, daß es nicht allein ein Resultat vorhergehender Tendenzen ist, (welche sich übrigens auch nicht einzig auf die Konzentration zurückführen lassen), sondern daß es dieser, dialektisch widerspricht, ohne sie indes zu eliminieren. "Der Imperialismus", sagt Lenin, "erwuchs als Weiterentwicklung und direkte Fortsetzung der Grundeigenschaften des Kapitalismus überhaupt. Zum kapitalistischen Imperialismus aber wurde der Ka- pitalismus erst auf einer bestimmten, sehr hohen Entwicklungs- stufe, als einige seiner Grundeigenschaften in ihr Gegenteil um- zuschlagen begannen, als sich auf der ganzen Linie die Züge einer Übergangsperiode vom Kapitalismus zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation herausbildeten und sichtbar wurden. Ökono- misch ist das Grundlegende in diesem Prozeß die Ablösung der ka- pitalistischen freien Konkurrenz durch die kapitalistischen Mono- pole. Die freie Konkurrenz ist die Grundeigenschaft des Kapitalismus und der Warenproduktion überhaupt. Das Monopol ist der direkte Gegensatz zur freien Konkurrenz... Zugleich beseitigen aber die Monopole nicht die freie Konkurrenz, aus der sie erwachsen, son- dern bestehen über oder neben ihr und erzeugen dadurch eine Reihe besonders krasser und schroffer Widersprüche, Reibungen und Kon- flikte." (LW 22, 269 f) Wenn die kapitalistische Konzentration auch eine sehr bedeutende und offensichtliche Rolle spielt, so bedeutet das nicht, daß das Monopol einzig und allein aus einem hohen Grad der Konzentration resultiert, genausowenig wie das öffentliche Monopol oder die öf- fentliche Intervention zugunsten der Monopole Prozesse darstel- len, deren Wesen darin besteht, diese Konzentration auf ein noch höheres Niveau anzuheben. Z.B. sind die Regeln der Geschäftsfüh- rung in öffentlichen Unternehmen kategorisch den Regeln der Ge- schäftsführung in privaten Unternehmen entgegengestellt, i n g e w i s s e r H i n s i c h t w e n i g s t e n s, und bil- den mit diesen Regeln eine gewisse Antinomie. Die öffentlichen ökonomischen Formen konstituieren qualitativ neue Formen der k a p i t a l i s t i s c h e n V e r g e s e l l s c h a f- t u n g. In gleicher Weise behauptet man hin und wieder, daß die anwach- sende Konzentrationsbewegung in der F u s i o n der Monopole mit dem Staat kulminiere. Wir glauben nicht, daß dieser Begriff von F u s i o n glücklich ist (obwohl wir ihn nicht aus den gleichen Gründen wie Stalin kritisieren). Die Formulierung von 1960 spricht mit viel größerer Berechtigung von der Zusammenfas- sung in einem einheitlichen Mechanismus. Der Begriff der Fusion verdeckt die Dialektik des Prozesses. Wenn es eine Fusion gibt, so will das heißen, daß die beiden vorhergehenden Elemente (z.B. die Monopole) verschwunden sind und daß sie in einer neuen Reali- tät begründet sind. W ä h r e n d d i e M o n o p o l e n i c h t v e r s c h w u n d e n s i n d, e l i m i n i e r t n i c h t u n d k a n n d e r s t a a t s m o n o p o l i- s t i s c h e K a p i t a l i s m u s d i e p r i v a t e n M o n o p o l e n i c h t e l i m i n i e r e n. I n d e n n e u e n F o r m e n v e r e i n i g t s i c h d i e ö k o n o m i s c h e A k t i o n d e r M o n o p o l e u n d d e s k a p i t a l i s t i s c h e n S t a a t s i n e i- n e r e i n z i g e n e i n h e i t l i c h e n o r g a n i- s c h e n T o t a l i t ä t, d i e g e m ä ß e i g e n e r M o d a l i t ä t e n f u n k t i o n i e r t. Aber wenn es daher eine Verbindung, eine gegenseitige Durchdringung, Kombina- tion gibt, so gibt es doch keine Fusion, sondern im Gegenteil immer noch Reibung, Widersprüche und Konflikte im Inneren dieses einheitlichen Organismus. Vielmehr können die öffentlichen Formen, die von der monopolisti- schen Oligarchie benutzt werden, endgültig gegen sie selbst ge- wendet werden, wenn die Bewegung der Arbeiter und Demokraten sich der Kontrolle des Staates bemächtigt. Die neuen öffentlichen For- men des staatsmonopolistischen Kapitalismus negieren zwar die private kapitalistische Form der Volkswirtschaft, aber um ver- zweifelt zu versuchen, sie in ihrer Gesamtheit zu erhalten. Ganz allgemein muß die Analyse des staatsmonopolistischen Kapita- lismus zeigen, wie sehr er die Widersprüche des Kapitalismus ver- tieft, indem er vorgibt, sie zu lösen, insbesondere den Wider- spruch zwischen der privaten Form der Produktionsverhältnisse und dem gesellschaftlichen Charakter der Produktivkräfte. Unserer Meinung nach besteht eine weitere Art, den staatsmonopo- listischen Kapitalismus undialektisch zu betrachten, darin, daß man nicht genügend die Einheit des Funktionierens des Ganzen sieht und man versucht, die widersprüchlichen Elemente voneinan- der zu trennen. Dies stellt einen Irrtum dar, der dem vorherge- henden genau entgegengesetzt ist. Wenn es Widersprüche zwischen den neuen öffentlichen Formen gibt und den vorhergehenden monopolistischen Formen, die sich weiter erhalten, so sind es nicht wesentlich unterschiedene Gesetze, die die privatökonomische Aktion und öffentlich-ökonomische Aktion im Rahmen des staatsmonopolistischen Kapitalismus erklären. Die Ge- samtheit konstituiert sich in einem organischen Ganzen, das be- strebt ist, den Kapitalismus zu retten, aber nichts desto weniger eine höhere Stufe der Produktion vorbereitet. Man kann nicht, wie man es verschiedentlich getan hat, im Rahmen des staatsmonopoli- stischen Kapitalismus, wenn man auf das Wesen abzielt, die Aktio- nen des Staates im eigentlichen öffentlichen Sektor, die den "Staatskapitalismus" bilden würden, den Aktionen des Staates in der Privatwirtschaft gegenüberstellen, die die öffentliche Inter- vention zugunsten der Monopole im "heutigen Kapitalismus" dar- stellen würden. Selbst wenn man den wesentlichen Gegensatz bloß potentiell faßt als eventuelle M ö g l i c h k e i t des "Staatskapitalismus im eigentlichen Sinne des Wortes", der auf öffentlichem Eigentum be- gründet ist, nicht dem Profitgesetz zu gehorchen und daher im an- timonopolistischen Sinne zu agieren, so scheint uns diese These nicht korrekt. Das will nicht sagen, daß sie nicht, etwa wie die vorhergehende These, einen Teil der Realität reflektiere. Sie re- flektiert gerade besonders den wesentlichen Widerspruch zwischen den öffentlichen Formen und ihre Indienststellung durch die Oligarchie. Es erscheint uns dennoch, daß alle öffentlichen Interventionen des Staates (und nicht allein jene, die an das Staatseigentum an öffentlichen Unternehmungen gebunden sind) vom Steuerwesen bis zum öffentlichen Verbrauch, über die Kreditregelung usw. ..., ob- wohl sie versuchen, den kapitalistischen Profit zu erhöhen und zu garantieren, w e s e n t l i c h begründet sind in derselben Besonderheit wie die öffentlichen Unternehmungen: zu handeln, ohne dem Gesetz des Profits Rechnung tragen zu müssen. Und das, seit es den staatsmonopolistischen Kapitalismus gibt, zum Vorteil der Monopole. In der Tat resultiert der vorteilhafte Charakter der Staatsintervention für den Profit der Monopole aus der Tatsa- che, daß der Staat nicht den Profit für sich selber sucht, son- dern für die Kapitalisten, für die Monopolisten, für die Finanzo- ligarchie. Vom Standpunkt des Profitgesetzes aus führt man z.B. die "Subventionen" unter jenen Elementen an, in denen es eine "wesentliche Differenz" mit dem "eigentlichen Kapitalismus" gäbe, der auf dem öffentlichen Eigentum an den Produktionsmitteln be- gründet sei. Aber was ist denn eine Subvention, wenn nicht ein potentielles Kapital, das Staatseigentum ist und das dieser be- nutzen kann, ohne daß er daraus einen Profit ziehen muß, außer- halb der Regeln des Profits also, selbst wenn es darum geht, die Profite eines subventionierten Unternehmens anzuheben in dem Falle, wo die Subventionen einem kapitalistischen Unternehmen zu- kommen? Die Verneinung des Profits existiert, seit es den staatsmonopoli- stischen Kapitalismus gibt und in allen öffentlichen Interventio- nen, aber zugunsten des kapitalistischen Profits. Die gesamte Entwicklung des Kapitalismus besteht in seiner Selbstverneinung, verbunden mit der Entwicklung seiner inneren Widersprüche. Wie schreitet die Zentralisation des Kapitals fort wenn nicht durch die Enteignung der Kleinkapitalisten durch die Großen? Und das Monopol - ist es nicht die Negation der Konkurrenz, obwohl es nichtsdestoweniger die kapitalistische Konkurrenz beibehält? Das kapitalistische Staatseigentum entwickelt diese Negation, aber sie wird dazu benutzt, das privatkapitalistische Privateigentum in anderen Sektoren zu retten. Daß man uns nicht falsch verstehen möge! Wir denken, daß es wirk- lich einen sehr bedeutenden Unterschied zwischen dem öffentlichen Unternehmen und den anderen öffentlichen Formen gibt. (Dies ist eine der realen Grundlagen desjenigen Standpunktes, den wir kri- tisieren). Das öffentliche Unternehmen widersetzt sich nicht we- sentlich als Begründer des Staatskapitalismus den ändern öffent- lichen Formen des heutigen Kapitalismus, aber die Gesamtheit bil- det eine öffentliche Intervention im staatsmonopolistischen Kapi- talismus, charakterisiert durch ein einheitliches organisches Funktionieren und durch die gleichen dialektischen Gesetze. In- dessen bilden die öffentlichen Unternehmungen den Scheitelpunkt d i e s e r g l e i c h e n wesentlichen Entwicklung, die am weitesten fortgeschrittene Negation der Formen des einfachen Mo- nopol Ismus durch die Formen der öffentlichen Monopole. Sie stel- len eine Herausforderung für die Grundlagen des Kapitals selber dar, die höchste Form des staatsmonopolistischen Kapitalismus, die sich gegen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse der materiellen Produktion selber wendet. Daher spielen sie eine vor- rangige Rolle im Klassenkampf im staatsmonopolistischen Kapita- lismus. So gibt das Projekt des demokratischen Programms unserer Partei den Nationalisierungen einen privilegierten Platz, ohne sie den anderen Aspekten der öffentlichen Interventionen entge- genzustellen, denen allen ein hohes antimonopolistisches Poten- tial eigen ist. Am anderen Pol der Gesellschaft und auf die gleiche Weise bemerkt man das tiefgehende Mißtrauen der monopolistischen Bourgeoisie, was das öffentliche Unternehmen betrifft und, zumindest so weit wie möglich, die Suche nach indirekten oder gemischten Wegen der Staatsintervention, Kontrollmaßnahmen, die möglichst das gering- ste Ausmaß haben und sich nur auf Umwegen ergeben sollen. Das hindert die Oligarchie übrigens nicht, die öffentlichen Unterneh- men systematisch auszunutzen. 2. Beschreibungen, partielle theoretische ----------------------------------------- Untersuchungen und Synthese --------------------------- Wenn der staatsmonopolistische Kapitalismus eine organische Tota- lität bildet, so scheint die deskriptive Methode der Untersuchung unzureichender denn je. Dabei ist die Beschreibung der wesentli- chen Aspekte des staatsmonopolistischen Kapitalismus nicht nur nützlich, sondern sogar notwendig. Dies ist übrigens der Weg, den historisch die akademische nicht-marxistische Forschung beschrit- ten hat, und auf den auch wir nicht verzichten können. Dies ist es auch, worum unsere ökonomische Literatur am meisten bemüht ist, welche die deskriptive Analyse mit einigen theoretischen Re- flexionen und kritischen Anmerkungen oder normativen Vorschlägen ausstattet. Aber die vollständigsten Beschreibungen (und sie können niemals vollständig werden), mögen sie auch zehn Bände und mehr umfassen und selbst die erschöpfendsten Klassifizierungen der Phänomene vornehmen, können, wenn man der Formel von 1958 folgen will, nie- mals aus sich heraus zu einer wirklichen Erklärung gelangen. Das was wir brauchen, ist eine Theorie, die sich bemüht, die ver- schiedenen in der Ausdehnung befindlichen Phänomene untereinander zu verbinden, nicht durch irgendeine allgemeine Idee, sondern durch ihr eigenes Wesen und die Entdeckung ihrer notwendigen Be- wegung, die auf die gleiche Weise auch die neuen Phänomene mit den alten und ihre Erklärung mit der angewandten Theorie des Ka- pitalismus verbindet; und die schließlich die Gesetze des Funk- tionierens und der Entwicklung der verschiedenen Phänomene bis zu dem Punkt liefert, an dem ihr weiterer Ablauf vorhersehbar wird. Das ist es gerade, was Marx im "Kapital" gemacht hat in bezug auf den Kapitalismus im ailgemeinen und sein klassisches Stadium im besonderen. Die theoretische Erklärung geht aus der vorhergehenden Theorie hervor, um sie auf deren Niveau zu überholen im Lichte der neuen Praxis, um sie anzuwenden und sie gleichzeitig zu verneinen, in- dem sie sie in eine neue weitere Gesamtheit integriert. Um das vorher Erreichte wirklich zu überwinden, obwohl man es ausnutzt, darf man es jedoch nicht als eine Zusammenfassung von abgeschlossenen Resultaten betrachten, sondern als einen Prozeß, eine unvollendete Bewegung. In unserer Epoche zwingt sich mehr denn je die Notwendigkeit auf, zu verstehen, daß das ökonomische Werk von Marx so grandios es auch immer sein mag, doppelt be- schränkt und begrenzt ist. Nicht nur, weil es die Epoche des Marxschen Lebens reflektiert, sondern auch, weil es einen Unter- suchungsprozeß darstellt, der durch den Tod von Marx unterbrochen worden ist. Es ist im übrigen auch bewußt eingeschränkt und es ist dieser Punkt, der seine größte Stärke darstellt. Man kennt den Plan von Marx am Anfang von "Zur Kritik der politischen Öko- nomie". Man weiß, daß das "Kapital" nur einen begrenzten Teil des ur- sprünglichen Plans repräsentieren sollte, selbst wenn dies der grundlegende Teil ist. Marx spricht sehr oft im "Kapital" von Problemen, die er dort nicht behandeln kann, weil sie außerhalb seines Plans sind, und Bestandteil der Fortsetzung, die er ihnen nach Bedarf geben würde, wie z.B. den Phänomenen der Konkurrenz. Es handelt sich dabei oft um die aktuellsten Probleme, wie jene, die, um in den Begriffen des ersten Marxschen Planentwurfs zu sprechen, die unproduktive Klasse oder den Staat betreffen. Es ist kein Zufall, denn die Entwicklung der Theorie und der Gesell- schaft war sicherlich noch nicht reif genug, um diese Probleme dann in all ihrer Bedeutung behandeln zu können. Indessen haben wir im "Kapital", was das behandelte Gebiet be- trifft, eine vollkommen entwickelte Theorie. Was Lenin betrifft, der seinen ökonomischen Untersuchungen nur sehr viel weniger Zeit widmen konnte als Marx, betrifft die Unentwickeltheit unserer Meinung nach die theoretische Erklärung des I m p e r i a l i s- m u s selbst. In seinem "Gemeinverständlichen Abriß" (wie er "Der Imperialismus..." selbst ohne falsche Bescheidenheit be- zeichnet), verbleibt er weitgehend noch auf dem Niveau der synthetischen Klassifizierung der beschreibenden Materialien, welche er im übrigen einige Monate später verändert, indem er die Transformation in den staatsmonopolistischen Kapitalismus betont. Die theoretische Erklärung ist durch Lenin nur roh entworfen worden und wir müssen sie beherzt weiter verfolgen. Man muß jenseits des Stadiums der Beschreibung der verschiedenen Aspekte des staatsmonopolistischen Kapitalismus von theoretischen Hypothesen ausgehen und sie begrifflich weiterentwickeln durch ihre Anwendung auf die praktische ökonomische Realität. So sagt Lenin z.B. in "Wer sind die Volksfreunde...?", indem er über die materialistische Geschichtsauffassung spricht, so wie sie z.B. im Vorwort von "Zur Kritik der politischen Ökonomie" ausgedrückt ist: "Heute - seit dem Erscheinen des 'Kapital' - ist die mate- rialistische Geschichtsauffassung schon keine Hypothese mehr, sondern eine wissenschaftlich bewiesene These." (LW 1, 133) Diese theoretischen Hypothesen können auf den verschiedensten Ni- veaus der ökonomischen Realität angesiedelt sein. Man kann zunächst Hypothesen ins Auge fassen (und man hat das tatsächlich getan) auf dem Niveau der Entwicklung der ökonomischen Struktur, auf dem Niveau der Modifizierung der ökonomischen kapitalisti- schen Verhältnisse der Produktion, der Zirkulation, der Vertei- lung und der Konsumtion in Verbindung mit dem Fortschritt der ma- teriellen Produktivkräfte. In diesem Bereich scheinen zwei Fragen besonders erwägenswert. Die erste betrifft die Entwicklung der Produktivkräfte. So sind in diesem Zusammenhang z.B. die Hypothesen entwickelt worden, über den Übergang vom Stadium des Handwerksbetriebs zum Stadium des Fabrikwesens am Ende des 19. Jahrhunderts (die die zweite Etappe der industriellen Revolution bildete), schließlich von der Fabrik zur technologischen Revolution der Gesamtheit der Automa- tion. Die zweite Frage, die mit der ersten sehr eng verknüpft ist, bezieht sich auf die Modifizierung der Klassen und der so- zialen Schichten. Sie wird beherrscht von dem Problem der Ausweitung der Dienstlei- stungen - außerhalb der eigentlichen materiellen Produktion - und von der Verallgemeinerung des Lohnverhältnisses auf alle gesell- schaftlichen Aktivitäten. Diese Verallgemeinerung ist von ent- scheidender strategischer Bedeutung wegen der wachsenden ökonomi- schen Interessengleichheit der Masse der Lohnempfänger, in deren Mitte das Industrieproletariat situiert ist. Die Ausplünderung aller Schichten der werktätigen Bevölkerung (im besonderen durch die Steuer und noch mehr durch die Inflation usw.) macht aus dem Staat des staatsmonopolistischen Kapitalismus einen kollektiven Ausbeuter, der stets die grundsätzliche kapitalistische Ausbeu- tung verstärkt. Die Polarisierung der Gesellschaft in die monopo- listische Oligarchie und die große Mehrheit der Bevölkerung ten- diert dazu, auf die Spitze getrieben zu werden, während gleich- zeitig das Proletariat immer mehr das Symbol der allgemeinen Un- terdrückung und das Herz der allgemeinen Emanzipation wird. Diese Annäherung an die Struktur ist notwendig. Sie liefert den Rahmen der Analyse der neuen ökonomischen Formen. Aber soweit sie begrenzt bleibt auf die sozioökonomischen Verhältnisse, ohne die funktionellen ökonomischen Formen ihrer Bewegung zu betrachten (wie es Marx im "Kapital" macht), enthüllt sie ihre Unzulänglich- keiten. Andere Hypothesen können auf anderen Niveaus ins Auge gefaßt wer- den, z.B. auf der Ebene der Widersprüche der wesentlichen Wir- kungsweise des Kapitalismus, wie etwa der Widerspruch zwischen der kapitalistischen Form der Produktion, wie sie sich z.B. in den zyklischen Krisen manifestiert und in der Überproduktion des Kapitals. Viele andere Hypothesen sind möglich und notwendig, z.B. über das Problem der Umwandlung der warentauschenden Volkswirtschaft durch die Verallgemeinerung der Kreditwirtschaft oder desgleichen über die Beziehungen zwischen den neuen öffentlich Ökonomie sehen For- men und den Umwälzungen innerhalb der Weltwirtschaft. Allgemein betrachtet betreffen diese Hypothesen die neue Vertie- fung der Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise. Die private Form des Eigentums an den Produktionsmitteln tritt in einen zugespitzten und direkten Konflikt mit der Vergesellschaf- tung der materiellen Produktivkräfte, nicht mehr bloß auf peri- odische Art und Weise, sondern schon auf chronische. Des weiteren ist es nicht nur die bürgerliche Leitung der Volkswirtschaft, sondern die Wurzel der kapitalistischen Verhältnisse selbst, die Bedingungen der Existenz des Proletariats, ausgebeutet und von der Beherrschung der Produktionsbedingungen ausgeschlossen, wel- che in Konflikt gerät mit der augenblicklichen Vergesellschaftung der gegenständlichen Bedingungen der Arbeit. Diese Vergesell- schaftung wird immer mehr die Entfaltung der Fähigkeiten aller Individuen als freier Produzenten notwendig machen, d.h. den So- zialismus und den Kommunismus. Man muß ebenfalls die Möglichkeit einer theoretischen Synthese der Gesamtheit in Betracht ziehen, welche die Ebenen der Struk- tur, des Funktionierens und der konkreten gesellschaftlichen Kämpfe, die die Verbindung zwischen den Beziehungen und den öko- nomischen Formen herstellen, vereinigen. Aber es wäre keinesfalls vernünftig, die Erarbeitung dieser Synthese in einem Ansatz zu beanspruchen. Sie macht zahlreiche individuelle und kollektive nationale und internationale Untersuchungen notwendig. (In seinen abschließenden Bemerkungen betont P. Boccara - indem er sich unmittelbar an die Teilnehmer der Konferenz wendet - die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit, was die Ent- wicklung einer Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus betrifft.) zurück