Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Joachim Bischoff
MATERIELLE UND GEISTIGE PRODUKTION
Sohn-Rethels 'Siegeszug' durch die nichtrevisionistische Linke 1)
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Die Auseinandersetzung innerhalb der SOPO mit den Thesen A. Sohn-
Rethels war seit Herbst 1970 geplant. Zum damaligen Zeitpunkt
stand ein Aufsatz Sohn-Rethels ("Grundzüge einer geschichtsmate-
rialistischen Erkenntnistheorie") zur Diskussion, den er erstmals
1965 in "Marxism Today" - dem theoretischen Organ der britischen
kommunistischen Partei - publiziert und dann für die deutsche
Übersetzung so überarbeitet hatte, daß er "in der jetzigen Form
von der Parteiredaktion nie abgenommen worden" wäre (so Sohn-Re-
thel in einer Vorbemerkung). Zu der Diskussion der Sohn-Rethel-
schen Auffassungen waren mehrere Diskussionsbeiträge u.a. von W.
Müller und F. Unger angekündigt worden. Die Konflikte im Rahmen
der ehemaligen Redaktionskonferenz verdrängten die Diskussion
über Sohn-Rethel - sie wäre zu diesem Zeitpunkt auf der theoreti-
schen Ebene offensichtlicher Ausdruck der unterschiedlichen Kon-
zeption dessen, was wissenschaftlicher Sozialismus ist, gewesen.
Der Autor selbst zog nach der Auseinandersetzung sein Manuskript
"in aller Form" zurück. Auch die Meinungen von W. Müller und F.
Unger zum Thema können wir auf Wunsch der Autoren nicht mehr pu-
blizieren. Ihnen scheint es gegenwärtig angemessener, ihre, im
Anschluß an Sohn-Rethel, vorgenommene Revision des wissenschaft-
lichen Sozialismus nicht mehr in einem Organ zu vertreten, dessen
Redaktion und Mitarbeiter ihrer Meinung nach den Übertritt ins
'revisionistische Lager' vollzogen haben. Ein Antirevisionist,
dessen Theorie auf einer Revision der Marxschen Theorie beruht,
kann seine Thesen nicht in einer 'revisionistischen Zeitschrift'
veröffentlichen, die jeder Revision der Marxschen Theorie ableh-
nend gegenübersteht und Politik auf Basis des wissenschaftlichen
Sozialismus begründen will.
I
Wenn eine Untersuchung zum Verhältnis von gesellschaftlicher Ba-
sis und geistigem Überbau, die eine grundlegende Erweiterung mar-
xistischer Theorie begründen soll, mit der Bemerkung eingeleitet
wird, daß sich "die moderne marxistische Gedankenentwicklung in
Deutschland ... in gewissem Sinne aus dem theoretischen und ideo-
logischen Überbau der ausgebliebenen deutschen Revolution herlei-
tet" und der Verfasser dieser Abhandlung darüberhinaus versi-
chert, es sei "der aufgewühlte, bis auf den Grund getroffene
Geist ..., mit dem man (also keineswegs nur Sohn-Rethel - J.B.)
damals durch die Straßen lief und an Ecken und in Versammlungs-
hallen lebte (!), der auf diesen Seiten hier nach fünfzig Jahren
(!) noch seine Nachwirkungen vorweist" /8/, dann weiß man so-
fort, mit welcher Spezie von 'Marxismus' man es hier zu tun hat.
Man ist geneigt, diese Nachwirkungen eines getroffenen Geistes,
mit dem der Autor einst in Berlin herumlief und die nicht etwa
seiner Hirntätigkeit entstammen, sondern letztlich dem Überbau
einer "unnötigerweise politisch gescheitert(en)" Revolution ge-
schuldet sind, sich selbst zu überlassen, denn ein so eingeleite-
ter Versuch "marxistisches Neuland" zu erobern, kann sich bei nä-
herem Hinsehen nur als Variante der Verballhornung des wissen-
schaftlichen Sozialismus entpuppen. Daß auf der Basis solchen
Theorieverständnisses, wie es aus der "gedankenbiographischen No-
tiz" Sohn-Rethels hervorgeht, eine marxistische Darstellung der
Probleme "ideologischer Bewußtseinsbildung" möglich sein soll,
ist von vornherein auszuschließen. Eine 'moderne Gedankenentwick-
lung' kann nur auf Veränderungen des sozial-ökonomischen Prozes-
ses gründen, nur der Ideologe behauptet, es mit einem Stoff zu
tun zu haben, der sich selbständig aus dem Denken früherer Gene-
rationen gebildet und im Gehirn dieser einander folgenden Genera-
tionen eine selbständige Entwicklungsreihe durchgemacht hat. Der
'moderne Marxismus' kann niemals auf einem Überbau gründen, schon
gar nicht auf einem Überbau eines gescheiterten Versuchs des Pro-
letariats, die politische Form seiner sozialen Emanzipation zu
etablieren. Wenn der wissenschaftliche Sozialismus der theoreti-
sche Ausdruck eines materiell-ökonomischen Prozesses, einer be-
stimmten Form der Gesellschaftlichkeit der Arbeit ist, dann kann
'moderner Marxismus' nur der theoretische Ausdruck des neuesten
Lebensabschnittes der bürgerlichen Gesellschaft sein. Selbst wenn
man erneut entwickeln wollte, daß die Verselbständigung der Ge-
danken und Ideen eine Folge der Verselbständigung der gesell-
schaftlichen Beziehungen der Individuen ist, daß mithin die Ab-
straktionen und Ideen nichts als der theoretische Ausdruck der,
gegenüber den Produktionsagenten, verselbständigten gesellschaft-
lichen Zusammenhänge sind, daß die ausschließlich systematische
Beschäftigung mit diesen Gedanken selbst ein arbeitsteilig be-
triebenes Geschäft ist, daß den Ideologen bei der Systematisie-
rung dieser Gedanken die eigentlichen Triebkräfte verborgen blei-
ben, daß ihnen alles Handeln in letzter Instanz im Denken begrün-
det scheint, nur weil es durch das Denken vermittelt ist, daß sie
daher die verknöcherten gegeneinander verselbständigten Formen
des gesellschaftlichen Lebens erneut verkehren, indem sie den
Stoff des Denkprozesses aus dem reinen Denken ableiten wollen,
und daß die Folge dieser Beschäftigung mit bloßem Gedankenmate-
rial die Verwandlung von Gedanken und Sprache als Äußerungen des
wirklichen Lebens in ein selbständiges Reich ist, selbst zur Lö-
sung dieser Aufgabe kann ein Verweis auf einen angeblich allge-
meinen Geist von Weihnachten 1918,als dessen Sprachrohr sich
Sohn-Rethel hier ausgibt, überhaupt nichts beitragen. Der einzige
Sinn, der in diesem Hinweis des Autors gesehen werden kann, liegt
darin, daß hier der Prozeß der Zerstörung von Klassenvorurteilen
beschrieben ist. Die Erfahrung von der Erschütterung seiner bis-
herigen sozialen, politischen, ideologischen Anschauungsweise
durch die "Schüsse der Berliner Spartakuskämpfe" hat Sohn-Rethel
zwar zur Einsicht in die Notwendigkeit der proletarischen Revolu-
tion verholfen, aber leider ging diese Erschütterung nicht so
weit, ihm auch inhaltlich begreiflich zu machen, daß die proleta-
rische Bewegung nur Leute aus ändern Klassen gebrauchen kann,
wenn sie keine bürgerlichen, kleinbürgerlichen etc. Vorurteile
mitbringen, sondern sich die proletarische Anschauungsweise rest-
los angeeignet haben. Allein aus der gedankenbiographischen Notiz
kann man also ersehen, daß es sich bei den Nachwirkungen um Über-
bleibsel von spezifischen Klassenvorurteilen handelt, um einen
der zahlreichen Versuche, die sozialistischen, oberflächlich an-
geeigneten Gedanken in Einklang zu bringen mit den verschieden-
sten theoretischen Standpunkten, die die Herren von der Universi-
tät oder sonstwoher mitgebracht, und von denen einer noch verwor-
rener ist als der andre, dank dem Verwesungsprozeß, in dem sich
die Reste der deutschen Philosophie befinden.
Wenn es trotz dieser Einschätzung, daß es sich bei dem von Sohn-
Rethel vorgenommenen Versuch eines "erweiterten Ansatzes marxi-
stischer Theorie" nur um eine Variante in dem Bemühen handelt,
den wissenschaftlichen Sozialismus gemäß mitgebrachten kleinbür-
gerlichen Klassenvorurteilen zurecht zu stutzen, notwendig ist,
sich detaillierter mit seinen Thesen zu befassen, dann deshalb,
weil die Nachwirkungen des aufgewühlten Geistes bei Teilen der
sozialistischen Bewegung in der BRD und Westberlin zu einem "der
bedeutendsten Werke des theoretischen Marxismus der letzten
Jahre" 2) avancierten. Nicht so sehr die von Sohn-Rethel fixier-
ten Nachwirkungen des aufgewühlten Geistes von 1918 sind von In-
teresse, als vielmehr die aufwühlende Wirkung, die sie anrichten.
II
"Von allem Anfang an war die Entwicklung der kapitalistischen
Produktionsweise einerseits ein ökonomischer, andererseits ein
intellektueller Prozeß, und beides in anscheinend zufälliger,
aber in Wahrheit notwendig bedingter geschichtlicher Gleichzei-
tigkeit." /21 f./ Ausgehend von dieser These sucht Sohn-Rethel
jene grundlegende Schwierigkeit zu beheben, "daß unser Denken
nicht marxistisch genug ist und wichtige Gebiete undurchdrungen
läßt." /12/ Darin, daß Marx an keiner Stelle auf den Kapitalismus
als intellektuellem Prozeß aufmerksam gemacht hat, liegt nach
Sohn-Rethel die Ursache für eine Zweigleisigkeit im marxistischen
Denken, für die Spaltung in zwei widersprüchliche Wahrheits-
begriffe, einen fürs Geschichtsverständnis und einen für die
Naturerkenntnis. Weil Marx die theoretische Möglichkeit der Na-
turerkenntnis, sofern von ihr überhaupt die Rede ist, mit dem An-
schein der Selbstverständlichkeit behandele, seien die Naturwis-
senschaften weder dem ideologischen Überbau noch der gesell-
schaftlichen Basis zugerechnet und somit geschichtlich außer An-
satz gelassen worden. Bei einer Aufrechterhaltung der Zweiglei-
sigkeit im marxistischen Denken sei "die Abdankung des Marxismus
als Denkstandpunkt eine bloße Frage der Zeit." /14/ Wenn weiter-
hin die naturwissenschaftlichen Denkformen und die Technologie
der geschichtsmaterialistischen Betrachtungsweise entzogen blie-
ben, könne die Gesellschaft nie von der Herrschaft der Technokra-
tie, dem Primat der Technik befreit werden. Die heutige Mensch-
heit gehe dann "nicht dem Sozialismus, sondern der Technokratie
entgegen, einer Zukunft also, in der nicht die Gesellschaft über
die Technik, sondern die Technik über die Gesellschaft herrscht."
/14/
Die Verselbständigung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisfor-
men von der "manuellen Produktionspraxis", die "Beziehungslosig-
keit der naturwissenschaftlichen Denkform zum historischen
Gesellschaftsprozeß" /37/ ist nach Sohn-Rethel zum entscheidenden
Widerspruch sowohl in spätkapitalistischen als auch in soziali-
stischen Ländern geworden. Diesen Widerspruch zu ignorieren hieße
sich mit der Zementierung der Scheidung von Kopf- und Handarbeit
abzufinden, denn ohne Einsicht in die realen Möglichkeiten und
formellen Bedingungen der Aufhebung der Trennung von geistiger
und manueller Tätigkeit könne es keine wahrhaft klassenlose
Gesellschaft geben. "Das bedeutet aber, daß man es überhaupt bei
der gesellschaftlichen Klassenherrschaft beläßt, nehme diese auch
die Formen von sozialistischer Bürokratenherrschaft an." /37/ Es
zeige sich also, daß die Überwindung des Dualismus im
marxistischen Denken und die Entwicklung einer Theorie der
Geistes- und Handarbeit Vorbedingung für jeden ernsthaften
Versuch klassenloser Vergesellschaftung seien. Im Grunde sei da-
her die geschichtsmaterialistische Behandlung der naturwissen-
schaftlichen Erkenntnisfrage "in der jetzigen Epoche eine Lebens-
frage für die sozialistische Theorie und Praxis." /14/
Die Lösung für dieses für die künftige gesellschaftliche Entwick-
lung so entscheidenden Problems wäre dann gefunden, wenn erklärt
werden könne, warum Marx nur die ökonomische Seite des Kapital-
verhältnisses untersucht und dargestellt, die intellektuelle
Seite aber ganz außer acht gelassen habe. "Das Kapital analysiert
und beschreibt die ökonomische Seite dieser europäischen Gesamt-
entwicklung (Daß nach Sohn-Rethel Bücher analysieren können, darf
nicht weiter verwundern; unser Marxist läßt - wie später gezeigt
- auch die Kategorien losgelöst von einem Verstande denken -
J.B,), wie es im wesentlichen ausreicht für das Verständnis einer
noch ganz von der Dialektik bloßer naturwüchsiger Kausalität be-
herrschten Epoche" /22/. Jetzt, in der Epoche des Übergangs von
Kapitalismus zum Sozialismus sei die Einseitigkeit der Marxschen
Theorie unübersehbar geworden. Mit den Problemen, die jene
epochale Veränderung mit sich bringe, werde man nur fertig, wenn
die Ursache für das Marxsche Schweigen in Sachen Naturwissen-
schaft dechiffriert ist. Durch eine Durchleuchtung der Marxschen
Darstellung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft müsse der
schwache Punkt in der Argumentation gefunden, die Einseitigkeit
der Darstellung behoben und eine gründliche Geschichtstheorie der
Geistesarbeit und der Handarbeit als wesentliche Ergänzung und
Fortführung der marxistischen Erkenntnisse etabliert werden.
Wie löst Sohn-Rethel nun seine These ein, "daß in den theoreti-
schen Grundlagen des Kapital vielmehr und bedeutend Tiefergrei-
fendes in Frage steht als in der ökonomischen Auswertung zum Aus-
druck kommt" /35/? Das Forschungsziel der Marxschen Analyse sei
die Bloßlegung der Naturgesetze der kapitalistischen Produktions-
weise, "die Erkenntnis der naturwüchsigen Kausalität, die die
bürgerliche Gesellschaft formt und schüttelt und vorwärts treibt
und dabei den Menschen Ideen und Illusionen eingibt, als ob es
schon eine menschliche Gesellschaft wäre." /202/ Marx greife die-
sen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Sein und notwendig
falschem Bewußtsein auf und mache diese charakteristische Formbe-
stimmtheit des Bewußtseins - daß es Falsch ist - zum Leitfaden
der Seinskritik. Im Prozeß der Kritik verlören dann die Bewußt-
seinsformen den Schein von zeitloser, natürlicher Geltung. Nach
Sohn-Rethel zeigt sich: "erst im Verfolg der Methode, im Laufe
ihrer erfolgreichen Durchführung, konstituieren sich die marxi-
stischen Maßstäbe der Kritik, welche in steter Wechselbeziehung
das Bewußtsein zum Maßstab der Seinskritik und das gesellschaft-
liche Sein zum Maßstab der Bewußtseinskritik machen. In dieser
wechselseitigen Kritik, die man bei Marx überall am Werk findet
(!), stellt sich als methodologisches Postulat der effektiven
Kritik des Gegebenen die Einheit von Sein und Bewußtsein her, die
in einer künftigen Gesellschaft herstellbar werden soll" /205/,
Für die Ökonomiekritik bedeute dieses Verfahren von Gesell-
schaftskritik, daß Marx, bevor er sich an die Abfassung des Kapi-
tals machte, in jahrzehntelangem Studium aus der gesamten verfüg-
baren Literatur den wissenschaftlich gültigen Bestand des bürger-
lichen ökonomischen Denkens herausdestillierte. "Alles das, worin
Gewinninteressen oder politische Parteinahme die Oberhand über
die Logik gewonnen hatten, also alles das, was im vulgären Sinn
'Ideologie' heißt... schied er aus als unbrauchbar für seine me-
thodologischen Zwecke." /202/ Marx ziele zwar auf die
"Wirklichkeit des gesellschaftlichen Seins, aber auf dem indirek-
ten Wege der Kritik historisch vorgefundener und akzeptierter Be-
griffe." /200/ Ergreife also theoretisch solide Bewußtseinsdaten
auf, wie Wert, Kapital, Profit, Rente, Lohn etc., um durch Kon-
frontation dieser Begriffe mit der gesellschaftlichen Struktur
der Genesis dieser falschen Bewußtseinsformen, die Ursprungs-
gründe der Begriffe aufzudecken. Mit der formgenetischen Erklä-
rung dieser Bewußtseinserscheinungen könne dann eben das richtige
Bewußtsein etabliert werden. "Sich an den für die ganze
politische Ökonomie primären Begriff des 'Wertes' haltend,
beginnt Marx mit der Analyse der Ware als des Gegenstandes, auf
den sich dieser Begriff bezieht, und macht eben diesen Begriff
zum Maßstab und Werkzeug seiner Analyse der Ware. Und was er auf
diesem Wege entdeckt, ist - der geschichtliche Ursprung dieser
von den Ökonomen als geschichtslos, nämlich als zeitlos absolut
behandelten Kategorie. Auf diesem rein kritischen Wege, nach
Maßgabe eben dieser Begriffe, auf deren Kritik es abgesehen ist,
etabliert Marx als bekräftigte Wahrheit die Bestimmtheit einer
gegebenen Bewußtseinsform durch eine bestimmte geschichtliche
Erscheinung des gesellschaftlichen Seins." /200/ Mit dem
Nachweis, auf welche Weise ein bestimmter Begriff, z. B. der
ökonomische Wertbegriff, im gesellschaftlichen Sein erzeugt wird,
zerschlage Marx den Verblendungszusammenhang an seinen zentralen
Punkten und decke so die Springpunkte der Seinsveränderung auf,
weshalb der Kritik des ökonomischen Bewußtseins wirklich
revolutionäre Bedeutung zukomme. Die Marxsche "Seinskritik der
Ware am Leitfaden der Formbestimmtheit des Wertbegriffs oder am
Leitfaden der 'Wertform'" /205/ demontiere das falsche Bewußtsein
von der gesellschaftlichen Produktion als ewiger Naturform. "Wir
wissen, daß die Warenanalyse von Marx dazu dient, eben diese
tragende Voraussetzung der gesamten politischen Ökonomie zu
demolieren und von da aus den Blick in die wahre innere Dialektik
der bürgerlichen Gesellschaft zu eröffnen. Das ist die Sache der
marxistischen K r i t i k d e r p o l i t i s c h e n Ö k o-
n o m i e." /43/
Die Konsequenz von Sohn-Rethels Interpretation der Marxschen Me-
thode der Gesellschaftskritik ist die These, daß es sich bei dem
ersten Teil des Kapitals, der Warenanalyse um ein "von Marx ge-
setztes Lehrbeispiel seiner Methode" handele. In der Warenanalyse
sei das erstemal die formgenetische Ableitung von notwendig
falschem Bewußtsein gelungen und insofern erkennt Sohn-Rethel
"der Marxschen Warenanalyse zu Beginn des K a p i t a l und
schon in der Schrift Z u r K r i t i k d e r p o l i t i-
s c h e n Ö k o n o m i e von 1859 einzigartige Bedeutung fürs
materialistische Denken zu" /33 f./. Marx untersuche die Ware
anhand des Leitfaden 'Wert' und stoße so auf das Phänomen der
Warenabstraktion, aus dem der ökonomische Wertbegriff resultiere.
Die Waren- oder Wertabstraktion habe den Status einer
Realabstraktion. "Das Wesen der Wertabstraktion aber ist, daß sie
nicht denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der Men-
schen hat, sondern in ihrem Tun." /34/ Im Kommensurabilitätsargu-
ment habe Marx den Gedanken der Wertabstraktion im groben formu-
liert: "Um ihre Produkte auf einander als Waren zu beziehen, sind
die Menschen gezwungen, ihre verschiedenen Arbeiten abstrakt men-
schlicher Arbeit gleichzusetzen. Sie wissen das nicht, aber sie
t u n es, indem sie das materielle Ding auf die Abstraktion
W e r t reduzieren." 3)
Obwohl Marx als erster das Phänomen der Warenabstraktion entdeckt
und dargestellt habe, habe er die in ihr enthaltenen Formcharak-
tere nicht weiter untersucht. Der Grund für diese Unterlassung
liege darin, daß Marx die Wertabstraktion einfach als Moment der
Arbeit fasse. Wert werde als Bestimmung der spezifischen Form der
Arbeit gefaßt, wohingegen er doch eigentlich in der Realabstrak-
tion gründe. "Der gesellschaftliche Formcharakter des Austauschs
wird übertragen auf die Arbeit und dieser als ihr eigen vindi-
ziert. Die spezifischen Formcharaktere des Warenaustausches kom-
men als solche nicht zur Untersuchung, denn der ihnen eigentümli-
che Abstraktionscharakter wird der Arbeit und ihrer Reduktion auf
'abstrakt menschliche Arbeit' zugeschrieben. Diese Reduktion
täuscht eine Lösung als erbracht vor, die darin nicht enthalten
ist. Es ist diese Scheinlösung, wodurch in der Marxschen Waren-
analyse der Zugang zur Kritik der Erkenntnistheorie versperrt
wird." /189/
Der Grund für die stiefmütterliche Behandlung der Naturerkenntnis
im Marxschen System ist entdeckt. Die Marxsche Warenanalyse führt
nach Sohn-Rethel zu dem Ergebnis, daß die vergesellschaftende
Kraft des Warenverkehrs unterschlagen wird. Die Eigentümlichkei-
ten der Realabstraktion in der Tauschhandlung müssen ununtersucht
bleiben. Weil Marx aber mit seiner Analyse die Genesis der Verge-
sellschaftungsformen nicht erfasse, werde eine Erweiterung und
Modifikation der Warenanalyse unumgänglich, in der die vergesell-
schaftende Kraft des Warenverkehrs wieder den ihr gebührenden
Platz erhalte.
III
Nach Sohn-Rethel ist also das "unproklamierte Gesamtthema des Ka-
pitals und seiner Fundierung in der Warenanalyse die darin aufge-
deckte Realabstraktion. Deren Reichweite geht weiter als bloß auf
die Ökonomie, ja sie betrifft die überlieferte Philosophie viel
direkter als die politische Ökonomie". /36/ Bevor die Konsequen-
zen dieser These von der Existenz der Realabstraktion weiter ver-
folgt werden können, muß zunächst Sohn-Rethels Darstellung des
Zusammenhangs von Vergesellschaftung und Arbeit genauer unter-
sucht werden. Stimmt die These, daß die vergesellschaftende Kraft
des Warenverkehrs und die Arbeit streng auseinanderzuhalten sind,
daß die gesellschaftliche Synthesis aus dem wechselseitigen An-
eignungsverhältnis resultiert? Es muß also Sohn-Rethels Frage
aufgegriffen werden, ob "die warenproduzierende Gesellschaft im
ursächlichen Sinne ein Arbeitszusammenhang oder ein Aneignungszu-
sammenhang ist". /190/
Die Versuche, der Marxschen Gesellschaftskritik die Methode des
doktrinären, utopischen Sozialismus zu unterschieben, sind Le-
gion. Statt der bürgerlichen Gesellschaft einen ausgeträumten
Idealzustand entgegen zu halten, liegt aber das Geheimnis der
kritischen Auffassung des wissenschaftlichen Sozialismus darin,
die versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zu zwingen, daß
man ihnen ihre eigene Melodie vorspielt. Die Theorie ist nur kri-
tisch und revolutionär, sofern in ihr die stetig vor unseren Au-
gen vorgehende Zersetzung der herrschenden Gesellschaftsordnung
auf den Begriff gebracht ist. Es geht nicht im mindesten um die
Verwirklichung irgendwelcher Ideale oder Prinzipien, sondern um
die Freisetzung der Elemente der neuen Gesellschaft, die sich im
Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisiegesellschaft entwickeln.
In diesem Sinne ist die Bemerkung von Marx zu verstehen, daß "an
die Stelle phantastischer Utopien die wirkliche Einsicht in die
historischen Bedingungen der Bewegung" 4) zu treten hat, "Der
Maßstab der 'Gesellschaftlichkeit' muß aus der Natur der jeder
Produktionsweise eigentümlichen Verhältnisse, nicht aus ihr frem-
den Vorstellungen entlehnt werden". 5) Sohn-Rethels Interpreta-
tion davon, wie die wirkliche Einsicht, die ideelle Reproduktion
des Zersetzungsprozesses des modernen Privateigentums möglich
wird, ist nicht minder absurd, als das übliche Interpretations-
schema der doktrinären Sozialisten.
An der These von der Analyse der Ware anhand des Leitfadens des
primären Begriffs 'Wert' und der Notwendigkeit der formgeneti-
schen Ableitung des Wertbegriff s, zeigt sich das völlige Unver-
ständnis von dem, was wissenschaftliche Einsicht in die Natur der
kapitalistischen Produktionsweise heißt. "Der Unglückliche sieht
nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den 'Wert'
stünde, die A n a l y s e d e r r e a l e n V e r h ä l t-
n i s s e, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des
wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über
die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf
vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es
sich handelt, als die Methode der Wissenschaft". 6) Statt darüber
zu rätseln, ob der Marxsche Ausgangspunkt "nicht die Wirklich-
keit, sondern die Theorie, nicht Seinsdaten, sondern Bewußtseins-
daten" /199/ sind, hätte Sohn-Rethel besser daran getan, die
These zu entschlüsseln, daß "die Analyse der Ware auf Arbeit in
Doppelform das kritische Endergebnis der mehr als an-
derthalbhundertjährigen Forschungen der klassischen politischen
Ökonomie" 7) ist. Nur für einen aufgewühlten Geist, der aus der
Naturerkenntnis ein Erkenntnisproblem nach der Kantschen Art
macht, geht die Frage vor, "wer ... nun aber Marxens Täufer
(war), Hegel oder Kant" /28/, statt zunächst zu fragen, warum
Marx betont, daß der zwieschlächtige Charakter der Arbeit "der
Springpunkt ist, um den sich das Verständnis der politischen
Ökonomie dreht" 8).
Zwar ist völlig richtig, "daß der Gegensatz gegen die politische
Ökonomie - Sozialismus und Kommunismus - seine theoretischen Vor-
aussetzungen in den Werken der klassischen Ökonomie selbst fin-
det" 9). Das in dem Sinne zu verstehen, der wissenschaftliche
gültige Bestand des bürgerlich ökonomischen Denkens sei Leitfaden
für die Seinskritik, ist nur nach äußerst oberflächlicher Be-
schäftigung mit dem "Kapital" möglich. Die wirkliche Wissenschaft
der politischen Ökonomie - nicht die Vulgärökonomie - versucht
die mannigfaltigen, scheinbar gegeneinander verselbständigten
Formen des Reichtums aufzulösen. Das Phantom der Güterwelt als
beständig verschwindende und beständig wiedererzeugte Objektivie-
rung der gesellschaftlichen Arbeit darzustellen, ist ihr Ziel. An
dieser Intention, die wirkliche Physiologie der bürgerlichen Ge-
sellschaft zu finden, zeigt sich, daß das Denken selbst noch na-
turwüchsig aus den gesellschaftlichen Verhältnissen herauswächst.
Erst wenn die bürgerlichen Produktionsverhältnisse bereits die
Festigkeit von Naturformen angenommen haben, suchen die Menschen
hinter den inneren Zusammenhang dieser Formen des gesellschaftli-
chen Lebens zu kommen. "Das Nachdenken über die Formen menschli-
chen Lebens, also auch ihre wissenschaftliche Analyse, schlägt
überhaupt einen der wirklichen Entwicklung entgegengesetzten Weg
ein. Es beginnt post festum und daher mit den fertigen Resultaten
des Entwicklungsprozesses" 10). Die klassische politische Ökono-
mie muß zunächst die äußerlich erscheinenden Lebensformen be-
schreiben, den äußerlich erscheinenden Zusammenhang darstellen
und sogar teilweise für die Erscheinungen noch die Verstandesbe-
griffe finden, sie also erst in der Sprache und im Denkprozeß re-
produzieren. Erst nach diesem Schritt kann die Zergliederung der
fixen und einander fremden Formen des Reichtums und das Aufzeigen
des inneren Zusammenhanges in der Mannigfaltigkeit der Erschei-
nungen angegangen werden. Diese Zergliederung, und Rückführung
auf die innere Einheit ist aber notwendige Voraussetzung der ge-
netischen Darstellung, des Begreifens des wirklichen Gestaltungs-
prozesses in seinen verschiedenen Phasen. Folglich hat Marx die
"historische Berechtigung dieser Verfahrensart, ihre wissen-
schaftliche Notwendigkeit in der Geschichte der Ökonomie" 11) im-
mer herausgestellt, wenngleich trotz dieser historischen Berech-
tigung die wissenschaftliche Unzulänglichkeit dieses Verfahrens
nicht übersehen werden darf. Denn um die innere Einheit der Ge-
stalten des Reichtums zu finden, versucht die klassische bürger-
liche Ökonomie oft unmittelbar, ohne die Mittelglieder, diese Re-
duktion vorzunehmen. Der entscheidende Punkt in ihrer Unzuläng-
lichkeit ist aber, daß sie zum Ausgangspunkt der Physiologie des
bürgerlichen Systems die Bestimmung des Werts durch die Arbeits-
zeit nimmt. Sie bleibt also bei der Reduktion auf die innere Ein-
heit der Formen des Reichtums bei der Arbeit sans phrase stehen,
statt den Doppelcharakter der Arbeit herauszufühlen. Erst von der
zwieschlächtigen Natur der Arbeit aus, ist die genetische Ent-
wicklung der Formen des gesellschaftlichen Lebens möglich. Erst
Marx vollzieht diesen letzten Abstraktionsschritt, formuliert das
Endergebnis der bisherigen Forschungen der wirklichen Wissen-
schaft der politischen Ökonomie und kann daher an die Darstellung
des inneren organischen Zusammenhanges und Lebensprozesses des
bürgerlichen Systems gehen. Insofern ist auch seine Aussage be-
rechtigt, daß im 'Kapital' erstmals durch den Schein hindurch das
innere Wesen und die innere Gestalt des Prozesses dargestellt und
der innere Zusammenhang des bürgerlichen Systems enthüllt ist
12).
Unser aufgewühlter Geist, dem es schließlich um Philosophie und
Erkenntnistheorie geht, übersieht natürlich diesen profanen Zu-
sammenhang vom Nachdenken über die Formen des menschlichen Lebens
als selbst noch naturwüchsigem Prozeß. Er reduziert anderthalb-
hundertjährige Forschung zur Physiologie der bürgerlichen Gesell-
schaft auf die Formel vom historischen Materialismus als methodo-
logischem Postulat: 'Bevor er sich an die Abfassung seines Haupt-
werkes begab, hatte Marx in mehr als zehnjährigen Studien im Bri-
tischen Museum neben vielen anderen (!) die gesamte verfügbare
ökonomische Literatur durchgearbeitet und darin die Spreu vom
Weizen geschieden ... Der Zweck seiner Vorarbeit war die Aus-
sonderung aller fehlerhaften, begrifflich unklaren und logischen
Inkonsequenzen, um nur das zurückzubehalten, was theoretisch so-
lide war. Einzig dieser wissenschaftlich gültige Bestand bildet
den Gegenstand seiner Kritik der politischen Ökonomie" /202/.
Sowenig Sohn-Rethel eine Ahnung von der Wichtigkeit der Entdec-
kung der doppelten Bestimmtheit der Arbeit hat, sowenig hat er
eine Vorstellung davon, was Physiologie der bürgerlichen Gesell-
schaft heißt. Daß seine Erweiterung der Marxschen Theorie darin
besteht, das an sich Zusammengehörige auseinanderzureißen und daß
er nicht ein Gran davon begriffen hat, was Marx unter dialekti-
scher Form der Darstellung versteht, soll nun anhand seiner gro-
tesken Vorstellung vom Warenverkehr, von der allgemeinen Waren-
zirkulation gezeigt werden.
Marx geht es um eine geschichtlich bestimmte Form des gesell-
schaftlichen Produktionsprozesses, um die Darstellung der be-
stimmten gesellschaftlichen Verhältnisse, welche die Individuen
im Prozeß ihrer Lebensreproduktion eingehen. "Das Ganze dieser
Beziehungen, worin sich die Träger dieser Produktion zur Natur
und zueinander befinden, worin sie produzieren, dies Ganze ist
eben die Gesellschaft, nach ihrer ökonomischen Struktur betrach-
tet." 13) Die genetische Darstellung der ökonomischen Struktur
eines historisch bestimmten Lebensgewinnungsprozesses hat über-
haupt nichts gemein mit einer Untersuchung der Ware anhand des
primären Begriffs 'Wert', was uns Sohn-Rethel weismachen will.
Sohn-Rethel muß indes auf solch unsinnige Konstruktionen zurück-
greifen, weil er die Begründung, warum die Analyse des einfach-
sten ökonomischen Konkretums, der Ware, der Ausgangspunkt für die
Darstellung des Gesamtsystems ist, überhaupt nicht verstanden hat
und weil ihm überhaupt der Zusammenhang von erscheinender Bewe-
gung an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft und Waren-
analyse vollkommen schleierhaft ist. An der Oberfläche der bür-
gerlichen Gesellschaft tritt das Kapital sozusagen aus seinem in-
neren organischen Leben in auswärtige Lebensverhältnisse. In der
Aktion der vielen Kapitale aufeinander scheint kein regelnder Zu-
sammenhang der gesellschaftlichen Reproduktion mehr zu existie-
ren; insofern in dieser Sphäre ausschließlich der Zufall zu domi-
nieren scheint. Für die Produktionsagenten ist hier auf den er-
sten Blick kein inneres Gesetz mehr sichtbar, das sich in diesen
Zufällen durchsetzt und sie letzlich reguliert. Der Versuch, die
wirklich inneren Gesetze der kapitalistischen Produktion aus der
Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage abzuleiten, muß schei-
tern, weil dadurch nur die Abweichungen von den Gesetzen, nicht
diese Gesetze selbst erklärt werden können, also diese Gesetze
nur dann rein verwirklicht scheinen, sobald ein Gleichgewicht der
beiden entgegengesetzten Kräfte angenommen wird. Es zeigt sich,
daß mit der Wirkung von Angebot und Nachfrage nichts erklärt wer-
den kann, bevor nicht die Basis bestimmt ist, auf dem dieses Ver-
hältnis wirkt. "Nachfrage und Zufuhr, bei weiterer Analyse, un-
terstellen die Existenz der verschiedenen Klassen und Klassenab-
teilungen, welche die Gesamtrevenue der Gesellschaft unter sich
verteilen und als Revenue unter sich konsumieren, die also die
von der Revenue gebildete Nachfrage bilden; während sie anderer-
seits, zum Verständnis der durch die Produzenten als solche unter
sich gebildeten Nachfrage und Zufuhr, Einsicht in die Gesamtge-
staltung des kapitalistischen Produktionsprozesses erheischen."
14) Wissenschaftliche Analyse des Gesamtprozesses ist aber erst
dann gegeben, wenn abgeleitet werden kann, warum die Zersetzung
des Werts der Waren, nach Abzug der in ihrer Produktion ver-
brauchten Produktionsmittel, in scheinbar selbständige und von-
einander unabhängige Revenueformen, Lohn, Profit und Rente, auf
der Oberfläche der bürgerlichen Produktionsweise die verdrehte
Form annehmen kann, durch die die Bestandteile des Werts ihrer-
seits jetzt als Quellen des Werts erscheinen. Zur Darstellung
dieses Prozesses der Verknöcherungen der Formen des Werts bis zu
dem Punkt, wo diese Formen sich für die Produktionsagenten in die
Substanzen des Werts verwandeln, muß aber zuvor der Zirkulations-
prozeß des Kapitals, rsp. der kapitalistisch produzierten Ware
entwickelt werden. Da die kapitalistisch produzierte Ware ihrer-
seits Resultat des kapitalistischen Produktionsprozesses ist, muß
zunächst dieser analysiert werden, also auch der in ihm einge-
schlossene Verwertungs- und Wertbildungsprozeß. Da dessen Voraus-
setzungen aber selbst wieder die Warenzirkulation ist, so
erheischt seine Darstellung auch eine davon unabhängige und vor-
hergehende Analyse der Ware.
Um also zu zeigen, welche weitergehenden Bestimmungen in der Zir-
kulation der kapitalistisch produzierten Waren eingeschlossen
sind, müssen zunächst jene Formwandlungen abgehandelt werden, die
der einfachen Metamorphose der Waren, der Warenzirkulation als
solcher eigentümlich sind. Der Zirkellauf der Darstellung von
einfacher zu kapitalistisch produzierter Ware ist notwendig, weil
in den Gesellschaften mit entwickelter kapitalistischer Produk-
tion die Ware eben sowohl als beständig elementarische Vorausset-
zung wie andererseits als unmittelbares Resultat des kapitalisti-
schen Produktionsprozesses erscheint. Nur wenn diese Struktur in
der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigt wird,
kann gezeigt werden, wie die Selbständigkeit der Warenzirkulation
als solcher bloßer Schein ist und sie im Gang der Darstellung zum
bloßen Moment der Kapitalzirkulation, zur abstrakten Sphäre des
bürgerlichen Gesamtreproduktionsprozesses herabgesetzt wird. An-
dererseits können die die Ware als Produkt des Kapitals kenn-
zeichnenden Unterschiede, die Modifikation der Preisbestimmung
etc. nur adäquat bestimmt werden, wenn zuvor die Ware als solche,
als Resultat und direktes Produkt eines bestimmten Quantums Ar-
beit, und somit auch die einfache Warenzirkulation entwickelt
sind. Marx faßt dieses Verhältnis zwischen einfacher Ware und
Ware als Träger von Kapital, sowie die hierin eingeschlossenen
Bestimmungen der Gesamtheit der modernen Produktionsverhältnisse
folgendermaßen zusammen: "Der Charakter 1. des Produkts als Ware,
und 2. der Ware als Produkt des Kapitals, schließt schon die
sämtlichen Zirkulationsverhältnisse ein, d. h. einen bestimmten
gesellschaftlichen Prozeß, den die Produkte durchmachen müssen,
und worin sie bestimmte gesellschaftliche Charaktere annehmen; er
schließt ein ebenso bestimmte Verhältnisse der Produktionsagen-
ten, von denen die Verwertung ihres Produkts und seine Rückver-
wandlung sei es in Lebensmittel, sei es in Produktionsmittel, be-
stimmt ist. Aber auch abgesehen hiervon, ergibt sich aus den bei-
den obigen Charakteren des Produkts als Ware, oder der Ware als
kapitalistisch produzierter Ware, die ganze Wertbestimmung und
die Regelung der Gesamtproduktion durch den Wert." 15)
Bei Sohn-Rethel bleibt dieser Zusammenhang vollkommen ausgeblen-
det. Wer den Unterschied von einfacher und kapitalistisch produ-
zierter Ware völlig ignoriert, daher hilflos vor der dialekti-
schen Form der Darstellung, der Entfaltung der Bestimmungen in
der Weise eines immanenten Übersichhinausgehens steht, kann von
dem ersten Abschnitt des Kapitals als einem unantastbaren
Grundpfeiler der Marxschen Theorie, als von einem von Marx selbst
gesetzten Lehrbeispiel seiner Methode sprechen. Wenn nicht
begriffen ist, daß die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit
selbst noch über die Preisbewegung, und damit den Warenverkehr,
vermittelt ist, daß das Zerfallen des Warenwerts in besondere
Bestandteile und die Fortentwicklung dieser Wertbestandteile zu
Revenueformen, ihre Verwandlung in Verhältnisse der verschiednen
Besitzer der verschiedenen Produktionsagenten zu diesen einzelnen
Wertbestandteilen, ihre Verteilung unter die Besitzer nach
bestimmten Kategorien und Titeln, an der Wertbestimmung und ihrem
Gesetz nichts ändert, daß sich die Wertbestimmung nur vermittels
des wechselseitigen Drucks der Kapitale aufeinander durchsetzt,
dann ist es nur konsequent, Zirkulation und Produktion
auseinanderzureißen und dem Warenverkehr eine vergesellschaftende
Kraft zu vindizieren. Durch den Austausch, vielmehr durch die
Abweichungen der Marktpreise vom Marktproduktionspreis, erfolgt
zwar die Verteilung der Quanta gesellschaftlicher Arbeit auf die
entsprechenden Produktionszweige, aber deshalb kann dem Austausch
noch keine 'vergesellschaftende Kraft' zugeschrieben werden. Die
Marktlage, das Verhältnis der Aggregatkräfte von Angebot und
Nachfrage wird umgekehrt durch den Marktproduktionspreis be-
stimmt, der das die Schwankungen beherrschende Zentrum darstellt.
Der Zirkel, daß "die Produktion den Markt und der Markt die
Produktion" 16) bestimmt, kann nur durch einen Prozeß wohlfeiler
Abstraktion darauf reduziert werden, die spezifische Form der
Gesellschaftlichkeit der Arbeit sei ein Marktphänomen. Daß Sohn-
Rethel nach diesem Prinzip verfährt, zeigt sich noch an anderer
Stelle.
Der in der kapitalistisch produzierten Ware eingeschlossene Pro-
fit, vielmehr das Verhältnis dieses Profits zum angewandten Kapi-
tal, bestimmt die Stufenleiter der Produktion, nicht etwa das
Verhältnis der Produktion zu den Bedürfnissen gesellschaftlich
entwickelter Menschen. Die Profitrate, selbst Ausdruck von auf
dem Markt realisierten Verwertungsverhältnissen, bewirkt ihrer-
seits ein bestimmtes Verhältnis von Angebot und Nachfrage, löst
ein beständiges Ein- und Auswandern von Kapitalmassen aus und re-
gelt somit die Verteilung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit auf
die verschiedenen Branchen gemäß den zahlungsfähigen Bedürfnis-
sen. Die Flüssigkeit des Kapitals drückt nur die Gleichgültigkeit
gegen den bestimmten Gebrauchswert, gegen die Besonderheit der
Ware aus. Diese Variabilität des Kapitals als Gleichgültigkeit
gegen den besonderen Charakter des Arbeitsprozesses erzeugt not-
wendig eine Gleichgültigkeit und Abstraktheit des Arbeiters gegen
den bestimmten Inhalt der Tätigkeit. Es liegt "in der Natur der
dem Kapital unterworfenen Lohnarbeit, daß sie gleichgültig ist
gegen den spezifischen Charakter ihrer Arbeit, sich nach den Be-
dürfnissen des Kapitals umwandeln und von einer Produktionssphäre
in die andere werfen lassen muß." 17) In der kapitalistischen
Produktionsweise wird die Arbeit notwendig immer mehr zu etwas
Abstraktem, Gleichgültigem, sie erscheint zunehmend als rein ab-
strakte Tätigkeit. "Je entwickelter die kapitalistische Produkti-
onsweise in einem Lande, um so größer die Forderung der
V a r i a b i l i t ä t an das Arbeitsvermögen, um so gleichgül-
tiger der Arbeiter gegen den b e s o n d e r e n I n h a l t
seiner Arbeit und um so flüssiger die Bewegung des Kapitals aus
einer Produktionssphäre in die andere." 18) Sohn-Rethel sieht
zwar richtig, daß es sich beim Wert nicht bloß um bloß begriffli-
che Abstraktion handelt, was es aber heißt, wenn Marx von histo-
rischer Abstraktion spricht, die eben nur auf Grundlage einer be-
stimmten ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft vorgenommen
werden konnte, vermag er nicht zu interpretieren. Die Bestimmung,
daß "dieser Abstraktion der Arbeit nicht nur das g e i s t i g e
R e s u l t a t einer konkreten Totalität von Arbeitern" 19)
ist, nimmt er auf, und erkennt der Marxschen Theorie insofern
"einzigartige Bedeutung zu aus dem Grunde, daß hier von einer Ab-
straktion in einem ändern Sinn als dem der Denkabstraktion die
Rede ist." /34/ Aber da er nicht entwickeln kann, daß der ver-
selbständigte Wert einen Kreislauf beschreibt, das Kapital daher
nur als Bewegung und nicht als ruhendes Ding begriffen werden
kann, versteht er nicht, "daß die Bewegung des industriellen Ka-
pitals diese Abstraktion in actu ist" 20) und daß der Warentausch
nur ein Moment in dieser Bewegung und durch den Gesamtprozeß be-
stimmt ist. Das Beispiel der Abstraktion der Kategorie 'Arbeit
sans phrase' hat ihm nicht gezeigt, daß selbst "die abstraktesten
Kategorien, trotz ihrer Gültigkeit - eben wegen dieser Abstrak-
tion - für alle Epochen, doch in der Bestimmtheit dieser Abstrak-
tion selbst ebensosehr das Produkt historischer Verhältnisse sind
und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse
besitzen." (21) Verweist Marx darauf, daß man noch nichts über
die differencia specifica der verschiedenen Produktionsweisen
weiß, "wenn man nur die ihnen gemeinschaftlichen, abstrakten Ka-
tegorien der Warenzirkulation kennt" 22), und zeigt er daher, daß
die einfache Warenzirkulation bloßes Moment der Kapitalzirkula-
tion und damit ein Teil der allgemeinen Warenzirkulation ist, be-
hauptet Sohn-Rethel kühn, daß "alle in den warenproduzierenden
Gesellschaften herrschenden und direktiven Begriff ... solche
(sind), die dem Austauschmechanismus der Aneignung entspringen."
/58/
Nach Sohn-Rethels Auffassung ist in der Warenzirkulation als sol-
cher eine Abstraktion enthalten. "Der Sitz der Abstraktion liegt
außerhalb der Arbeit in der bestimmten gesellschaftlichen Ver-
kehrsform des Austauschverhältnisses" /38 f./; die Abstraktion
ist das Ergebnis der "Tatsache des Nichtgeschehens von Gebrauchs-
handlungen" während der Zeit und an dem Ort, wo der Austausch
stattfindet. "Diese Abstraktion ist im Warenverkehr als solchem
enthalten unabhängig von seinem Entwicklungsgrad, ökonomischen
Hintergrund, geschichtlichem Zeitpunkt etc." /70/ Sohn-Rethel
lehnt daher "die Wesenreduktion des Austauschverhältnisses von
Ware gegen Ware auf Arbeitsreduktion" entschieden ab, "anders ge-
sagt, die Warenabstraktion ist Tauschabstraktion, nicht Arbeits-
abstraktion." /59/ Zwar ist richtig, daß die Menschen gezwungen
sind, um ihre Produkte aufeinander als Waren zu beziehen ihre
verschiedenen Arbeiten als abstrakt menschliche Arbeit gleich-
zusetzen. "Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im
Austausch als Wert gleichsetzen, setzen sie ihre verschiedenen
Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das
nicht, aber sie tun es." 23) Es ist aber völlig grotesk daraus zu
schließen, die Reduktion auf gleiche menschliche Arbeit sei das
Ergebnis einer Tauschabstraktion. Nur gesellschaftlich notwendige
Arbeit zählt auf dem Markt als gleichgeltende. Gesellschaftlich
notwendige Arbeit sowohl in dem Sinne, daß ein Gebrauchswert mit
den gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem ge-
sellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität
der Arbeit hergestellt wurde, als auch in dem Sinne, daß die zur
Produktion einer spezifischen Warensorte verausgabte Quanta ge-
sellschaftlicher Arbeit ins Maß gesetzt sind zu den Quanta zah-
lungsfähiger Bedürfnisse, wird aber vermittels des Warenverkehrs
den Warenproduzenten gegen ihren Willen als Bestimmungsgröße für
die Produktion aufgezwungen. Es bedarf weiterer Bestimmung des
Werts, um zu verstehen, warum sich trotz scheinbarer Zufälligkeit
im Warenverkehr gesellschaftlich notwendige Arbeit als regulie-
rendes Gesetz durchsetzt. Nur durch die Entwicklung des Zusammen-
hanges von einfacher zu kapitalistisch produzierter Ware läßt
sich zeigen, daß der Wert der Waren der Gravitationspunkt ist, um
den ihre Preise sich drehen und zu dem ihre beständigen Schwan-
kungen sich ausgleichen. "Es bedarf vollständig entwickelter Wa-
renproduktion, bevor aus der Erfahrung selbst die wissenschaftli-
che Einsicht herauswächst, daß die unabhängig voneinander betrie-
benen, aber als naturwüchsige Glieder der gesellschaftlichen Tei-
lung der Arbeit allseitig von einander abhängigen Privatarbeiten
fortwährend auf ihr gesellschaftlich proportionelles Maß redu-
ziert werden, weil sich in den zufälligen und stets schwankenden
Austauschverhältnissen ihrer Produkte die zu deren Produktion ge-
sellschaftlich notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz
gewaltsam durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem
das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt." 24) Aber davon, daß der
Austausch eine wesentliche und durch das kapitalistische Produk-
tionsverhältnis selbst stets von neuem produzierte F o r m
d e r V e r m i t t l u n g der Herrschaft der gegenständlichen
Arbeit über die lebendige ist, davon ahnt unser aufgewühlter
Geist nicht das Geringste.
IV
Sohn-Rethels Modifikation der Warenanalyse gründet auf einer to-
talen Unkenntnis der elementarsten Grundzüge der Darstellung der
Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn er formuliert,
"diese Auffassungsweise der Dinge mag man für begründet halten
oder nicht, jedenfalls liegt hier aber eine Verschiedenheit von
der Marxschen Darstellungsweise im K a p i t a l vor" /114/,
dann muß dieser Bemerkung vorbehaltlos zugestimmt werden. Es ist
wahrlich faszinierend zu sehen, was man in einem jahrzehntelangen
Studium "mit einem irrsinnigen Konzentrationsaufwand" /9/ auf der
Suche nach dem Transzendentalsubjekt im Innersten der Formstruk-
tur der Ware an Verballhornung des Systems der Kritik der politi-
schen Ökonomie erreichen kann. Abschließend muß auf die Konse-
quenzen dieses Versuchs, die "Heimatlosigkeit der Wahrheitsfrage
im marxistischen Denken" zu beheben, eingegangen werden, denn
hier müssen die Gründe für die Wirkung der Sohn-Rethelschen Marx-
erweiterung liegen.
Hatte Marx die Warenabstraktion nur nach der Seite ihrer ökonomi-
schen Implikationen ausgeschlachtet, so will Sohn-Rethel jetzt
den erkenntnistheoretischen Implikationen nachgehen und den Zu-
sammenhang von Tauschabstraktion und Denkform enthüllen. Er will
zeigen, daß die Realabstraktion der Tauschhandlung, rsp. deren
Formelemente, sich im Denken widerspiegeln und eine neue Dimen-
sion der theoretischen Naturaneignung eröffnen. "Die Elemente der
Tauschabstraktion reflektieren sich - zureichende geschichtliche
Bedingungen vorausgesetzt - im Bewußtsein der Geldbesitzer als
reine Begriffe, weil sie reine im gesellschaftlichen Sein enthal-
tene Formabstraktionen sind." /76/ Zugleich falle aber durch die
Tauschabstraktion in der Begriffsweise Natur und Geschichte aus-
einander. Eröffnen die Kategorien, die reine Vergesellschaftungs-
formen des Denkens sind, die Möglichkeit, "sich eines begrifflich
(!) unabhängigen (!) Intellektes oder Verstandes zu bedienen, der
für die Gesellschaft denkt (!)" /18/, so liege darin zugleich die
Verschleierung des Ursprungs dieser Kategorien begründet. Erlaube
der reine Intellekt die theoretische Naturerkenntnis durch Anwen-
dung dieser Kategorien auf die Natur, und zwar eine Naturerkennt-
nis, die unabhängig und getrennt ist von der körperlichen Arbeit
und der direkten Produktionserfahrung, so müsse doch diese Mög-
lichkeit der Naturerkenntnis unabhängig von der Produktionstech-
nik sich zu Trennung in Hand- und Kopfarbeit verdichten und
letztlich zur Herrschaft der Technik über die Gesellschaft, zur
Technokratie führen. "Das Erstaunliche war möglich geworden, Na-
turvorgänge aus völlig anderen Quellen als den praktischen Erfah-
rungsmitteln der Handarbeit zu bestimmen, und zwar nach Begriffen
universell vergesellschafteten, den individuellen Dimensionen ma-
nueller Einzelarbeit ganz und gar überhobenen Denkens." /125/
Dies ist eine wahrhaft geschichtsmaterialistisch fundierte Theo-
rie der Geistesarbeit. Mit dem Warenverkehr - gleich ob die Zir-
kulation nur auf die Surplusprodukte beschränkt ist oder die ge-
samte Produktion erfaßt hat, sofern die Gesellschaften es nur zur
Entwicklung des Geldes bringen - sind jene Abstraktionsformen
oder Erkenntnisprinzipien gegeben, die ein von Produktionsprozeß
unabhängiges wissenschaftliches Denken erlauben. Für Sohn-Rethel
gibt es also "eine Erkenntnis aus geistiger Arbeit, unabhängig
und getrennt von der körperlichen Arbeit und der direkten Produk-
tionserfahrung. Die Möglichkeit solcher theoretischen Erkenntnis
ergibt sich aus dem Gebrauch von Besitz von Geld (!), von dem
Zeitpunkt an, wo Warenverkehr zum Träger des gesellschaftlichen
Nexus geworden ist" /81 f./. Der Hinweis auf den Besitz des
Geldes ist etwa nicht so zu verstehen, daß es zum Verständnis des
Stellenwerts der geistigen Produktion im Gesamtreproduktionspro-
zeß notwendig ist zu erklären, wie es zur Vereinseitigung der
geistigen Arbeit als sozialer Funktion kommt und ob diese Tätig-
keit als Berufstätigkeit und Geschäft betrieben wird oder bloß
Luxusartikel der herrschenden Klasse bleibt. Daß die geistige Ar-
beit nur im Zusammenhang mit der bestimmten historischen Gliede-
rung der Produktionsverhältnisse bestimmt werden kann, ist dem
Erkenntnistheoretiker wiederum ein zu profaner Gesichtspunkt. Ihn
interessieren schließlich die Denkformen, die begrifflichen Mög-
lichkeiten der Naturerkenntnis; daß man zum Denken Zeit braucht,
daher von der materiellen Produktion freigestellt sein muß und
folglich an der direkten Aneignung der Surplusarbeitszeit durch
die herrschende Klasse beteiligt sein oder seine Hirntätigkeit
zur Berufstätigkeit machen muß ist ihm nebensächlich. Überlegen
präsentiert Sohn-Rethel eine geschichtsmaterialistische Theorie
der Hand- und Kopfarbeit, die nur den Vorzug hat, daß in ihr da-
von abstrahiert ist, daß die materielle Teilung der Arbeit die
Voraussetzung der Teilung der geistigen Arbeit ist. Aus der modi-
fizierten Warenanalyse ergibt sich das grandiose Resultat, daß
unter dem Deckmantel eines geschichtsmaterialistischen Verständ-
nisses spezifischer Bewußtseinsbildung der wirkliche Zusammenhang
von materieller und geistiger Produktion auf den Kopf gestellt
wird. Indes die These, daß sich aus der bestimmten Form der mate-
riellen Produktion sowohl eine bestimmte Gliederung der Gesell-
schaft als auch ein bestimmtes Verhältnis der Menschen zur Natur
ergibt, daß die politische Form des Gemeinwesens und die geisti-
gen Anschauungen von daher bestimmt sind, also auch die Art der
geistigen Produktion, speziell die theoretische Aneignung der Na-
tur, läßt sich natürlich auch nicht aus einer auf den ersten Ab-
schnitt des 'Kapitals' reduzierten Warenanalyse ableiten. "Um den
Zusammenhang zwischen der geistigen Produktion und der materiel-
len zu betrachten, (ist es) vor allem nötig, die letzere selbst
nicht als a l l g e m e i n e K a t e g o r i e, sondern in
b e s t i m m t e r h i s t o r i s c h e n Form zu fassen ...
Wird die materielle Produktion selbst nicht in ihrer s p e z i-
f i s c h e n h i s t o r i s c h e n Form gefaßt, so ist es
unmöglich, das Bestimmte an der ihr entsprechenden geistigen
Produktion und die Wechselwirkung beider aufzufassen." 25) Sohn-
Rethel, der die Warenporduktion als solche - eine Kategorie, die
den verschiedensten Produktionsweisen angehört - in den Mit-
telpunkt seiner Untersuchung rückt, versucht also gerade die Be-
stimmtheit der geistigen Produktion aus einer abstrakten Katego-
rie, in der die differencia specifica der bürgerlichen Produkti-
onsweise nicht ausgedrückt ist, abzuleiten. Die Konsequenz einer
solchen Ergänzung der marxistischen Theorie liegt auf der Hand:
In dem Sohn-Rethel "die materielle Produktion selbst nicht
h i s t o r i s c h faßt - sie als Produktion von materiellen
Gütern überhaupt faßt, nicht als eine bestimmte historisch ent-
wickelte und spezifische Form dieser Produktion -, zieht er sich
selbst den Boden unter den Füßen weg, auf dem allein teils die
ideologischen Bestandteile der herrschenden Klasse, teils die
freie geistige Produktion dieser gegebenen Gesellschaftsformation
begriffen werden kann. Er kann nicht über allgemeine schlechte
Redensarten hinauskommen." 26) In der Tat schlechte Redensarten
finden sich in Sohn-Rethels Buch in Hülle und Fülle: Der Fort-
schritt der geistigen Produktion hat für ihn nicht das Geringste
mit der Entwicklung des gesellschaftlichen Charakters der in Tä-
tigkeit gesetzten Arbeit zu tun; er läßt den autonomen Intellekt
oder Verstand, unabhängig von den Individuen, für die Gesell-
schaft denken; für ihn "wäre es nicht einmal falsch zu sagen, daß
es die Gesellschaft ist, ihre Synthesis, welche in den Funktionen
des bloßen Intellektes denkt" /85/.
Sohn-Rethel behandelt die Naturerkenntnis als allgemeines geisti-
ges Resultat der gesellschaftlichen Entwicklung, als allgemeines
Produkt der menschlichen Geschichte, ohne zu sehen, daß die Akku-
mulation des Wissens und des Geschicks, der allgemeinen Produk-
tivkräfte des gesellschaftlichen Hirns selbst im engen Verhältnis
zur praktischen Aneignung der Natur durch die Individuen inner-
halb und vermittels einer bestimmten Gesellschaftsform steht. Nur
bei Betrachtung der differencia specifica des bürgerlichen Sy-
stems zeigt sich, daß das Kapitalverhältnis "einerseits eine be-
stimmte gegebene historische Entwicklung der Produktivkräfte vor-
aussetzt - unter diesen Produktivkräften auch Wissenschaft -, an-
dererseits sie vorantreibt und forciert." 27) Weil die kapitali-
stische Produktionsweise durch die Notwendigkeit der rastlosen
Entwicklung der Produktivkräfte charakterisiert ist, muß in ihr
auch die Entwicklung der Wissenschaft von daher bestimmt sein. In
ihr ist mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Potenzen der
Arbeit zugleich die Tendenz zur Entwicklung der geistigen Arbeit
sowie zur Herabsetzung der unmittelbaren Arbeit zu einem bloßen
Moment des Produktionsprozesses gesetzt. Wie einerseits die Na-
turwissenschaften sowohl ihren Zweck wie ihr Material erst durch
die sinnliche Tätigkeit der Menschen, die gesellschaftliche Pra-
xis erhalten - sie aus der gesellschaftlichen Erfahrung und Beob-
achtung entspringen, welche die Produktion des auf großer Stufen-
leiter kombinierten Gesamtarbeiters gewährt -, ist andererseits
die Verbindung von Arbeit mit Naturwissenschaft, die Anwendung
der Wissenschaft auf den unmittelbaren Produktionsprozeß nur
durch vergesellschaftete Arbeit möglich. Diese Darstellung der
Entwicklung der Wissenschaften sowohl als Produkt wie als Ursache
für die Entfaltung der sozialen Produktivkräfte der Arbeit ist
aber völlig verschieden von einem Versuch, die Warenanalyse nach
der Seite ihrer erkenntnistheoretischen Implikationen auszu-
schlachten. Bei Sohn-Rethels Reflexionen findet sich folglich
nicht der geringste Ansatz von der These, daß "die Entwicklung
dieser Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft, und mit ihr
aller andren ... selbst wieder im Verhältnis zur Entwicklung der
materiellen Produktion" 28) steht. Alle weitergehenden Momente
wie z.B., daß die allgemeine wissenschaftliche Arbeit nicht als
Produktivkraft der sozialen Arbeit sondern des Kapitals er-
scheint, daß also in der kapitalistischen Produktionsweise die
gegensätzlichen Formen des Reichtums einen Gegensatz des Wissens
einschließen, eine Trennung in Arbeit und Wissen, kann Sohn-
Rethel nicht mehr als notwendige Bestimmungen des Kapitalver-
hältnisses ableiten.
War bei der Vervollständigung der Warenanalyse noch insofern ein
Zusammenhang mit der Marxschen Theorie gegeben, als Sohn-Rethels
Konfusion auf der Darstellung der Bewegungsgesetze des Kapitals
basierte, so ist bei seiner Bestimmung der geistigen Arbeit nicht
mehr die geringste Spur einer solchen Beziehung vorhanden. Es
kann an diesem Punkt auch nicht mehr von Verballhornung des wis-
senschaftlichen Sozialismus gesprochen werden, denn das setzte
voraus, daß wenigstens noch ein Problembewußtsein vom Zusammen-
hang von materieller und geistiger Produktion vorhanden ist. Die
geschichts-materialistische Theorie von Kopf- und Handarbeit ist
indes nicht die einzige Konsequenz der modifizierten Warenana-
lyse. Da Sohn-Rethel den Zusammenhang zwischen Surplusarbeit der
Massen und Entwicklung des allgemeinen Reichtums, wie der Ent-
wicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes nicht be-
greift, muß er notwendig eine falsche Darstellung vom Auflösungs-
prozeß der bürgerlichen Gesellschaft geben und den Kommunisten
eine neue Taktik zur Beschleunigung dieses Prozesses vorschlagen.
IV
Durch den Nachweis der gesellschaftlich-synthetischen Genesis der
naturwissenschaftlichen Denkform, will Sohn-Rethel die technokra-
tische Denkweise aus den Angeln gehoben haben. Da Marx die volle
Bedeutung der Warenabstraktion nicht erfaßt habe, müsse er not-
wendig die erkenntnistheoretische Seite vernachlässigen, und die-
ser Mangel wirke sich schließlich aus als Mangel an einer Theorie
vom Verhältnis der Kopf- zur Handarbeit, "d. h. als theoretische
Vernachlässigung einer von Marx selbst als wesentlich erkannten
Vorbedingung klassenloser Vergesellschaftung." /37/ Die Konse-
quenz des Verzichts auf die Darstellung der kapitalistischen Ent-
wicklung als intellektuellem Prozeß müsse daher notwendig eine
unzureichende Bestimmung der Momente der proletarischen Revolu-
tion sein.
Da Sohn-Rethel dem Warenverkehr als solchem eine vergesellschaf-
tende Kraft zubilligt, woraus sich letztlich die Scheidung von
Kopf- und Handarbeit herleitet, kann für ihn selbstverständlich
die materielle Basis der Bewegung des Proletariats keineswegs nur
die im großen Rahmen organisierte Arbeit sein. Die Behauptung,
daß die materiellen und geistigen Bedingungen der Negation der
Lohnarbeit und des Kapitals selbst Resultat der kapitalistischen
Produktionsweise seien, läuft für ihn auf puren Revisionismus
hinaus. Wenn unter der Entwicklung der sozialen Produktivkräfte
nicht sowohl die Verwandlung der isolierten Arbeit in kombi-
nierte, gesellschaftliche Tätigkeit als auch die Transformation
des unmittelbaren Charakters der Arbeit in zunehmend allgemeine,
wissenschaftliche Arbeit verstanden wird, sondern geistige Arbeit
vollständig unabhängig vom Produktionsprozeß ist, dann ist die
proletarische Revolution als Freisetzung der gesellschaftlichen
Formen der Produktion von ihrem Klassencharakter unzureichend be-
stimmt. Durch die Befreiung der gesellschaftlichen Potenzen der
Arbeit von ihren Klassenschranken wäre der Klassengegensatz noch
längst nicht aufgehoben, denn die Verselbständigung der theoreti-
schen Naturaneignung wäre dadurch nicht aufgehoben. Die Liquida-
tion der Scheidung von Kopf- und Handarbeit ist ein viel langwie-
rigerer Prozeß als die Herstellung des unmittelbaren gesell-
schaftlichen Charakters der Arbeit durch die freie Assoziation
der unmittelbaren Produzenten. Das Hauptproblem der bewußten Re-
konstitution der menschlichen Gesellschaft besteht nicht darin
eine neue Organisation der Produktion "oder die Befreiung ... der
gesellschaftlichen Formen der Produktion in der gegenwärtigen or-
ganisierten Arbeit ... von den Fesseln der Sklaverei, von ihrem
Klassencharakter, und ihre harmonische nationale und internatio-
nale Koordinierung" 29) durchzusetzen, sondern eine neue Denk-
weise und damit den Primat der Gesellschaft über die Technik zu
etablieren. Die zu lösende Aufgabe besteht nicht darin, daß die
Arbeiterklasse "die Wissenschaft aus einem Werkzeug der Klassen-
herrschaft in eine Kraft des Volkes verwandeln, die Männer der
Wissenschaft selbst aus Kupplern des Klassenvorurteils, stellen-
jagenden Staatsparasiten und Bundesgenossen des Kapitals in freie
Vertreter des Geistes verwandeln" 30) muß, weil der Entwicklung
der Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit durch die Ver-
wissenschaftlichung der Produktion zum Zwecke der Verminderung
der Arbeitszeit für die materielle Produktion überhaupt eine ent-
scheidende Bedeutung zukommt, sondern darin, daß durch die Unter-
ordnung der Naturerkenntnis unter die Gesellschaft die Herrschaft
der geistigen Produzenten abgeschafft wird.
Aus dieser Differenz in der Einschätzung der Aufgaben der prole-
tarischen Revolution leitet sich eine unterschiedliche Bestimmung
für die Politik des Proletariats ab. Für Sohn-Rethel kann es
nicht mehr darum gehen, die materielle Produktion so zu organi-
sieren, daß keine Klasse die Naturnotwendigkeit der Arbeit von
sich selbst ab- und anderen Klassen zuwälzen kann, die Arbeit
also gleichmäßig unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft
verteilt, die Arbeit als bestimmt dressierte Naturkraft durch
Entwicklung der verwissenschaftlichten Produktion zunehmend über-
flüssig und folglich die disponible Zeit der Gesellschaft, der
für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Indivi-
duen eroberte Zeitteil zunehmend größer wird, sondern darum,
durch bewußtes Handeln die Änderung des Überbaus und die prakti-
sche Liquidierung der technokratischen Denkweise in Angriff zu
nehmen. Die Politik des Proletariats darauf abzustellen, die für
die Entwicklung der Produktivkräfte innerhalb der kapitalisti-
schen Produktionsweise gesetzten Schranken zu beseitigen, heißt
für Sohn-Rethel revisionistische Politik zu machen. Was dagegen
not tut, ist die "große Initiative", "um die direkten Produzenten
zum aktiven Subjekt der gesellschaftlichen Synthesis einer sozia-
listischen Ordnung zu machen." /174/ Zwar räumt Sohn-Rethel ein,
daß "die Abschaffung der kapitalistischen Eigentumsrechte nach
wie vor die unerläßlich notwendige Bedingung zur Lösung der Pro-
bleme der modernen Gesellschaft bleibt", doch ist sie "für eine
sozialistische Lösung in keiner Weise zureichend." /170/ "An der
Entwicklung mancher der heutigen sozialistischen Länder läßt sich
die Wahrheit ablesen, daß man das kapitalistische Eigentum ab-
schaffen kann und doch den Klassengegensatz noch nicht los ist."
/45/ Wird die Verselbständigung der geistigen Arbeit nicht rück-
gängig gemacht, so wird nach Sohn-Rethel die Verfügung über die
Organisation der Produktion bloß von den Kapitalisten auf die
Usurpatorenbürokratie übertragen, die Träger der geistigen Arbeit
unterjochen weiterhin die Arbeiterklasse. "Das ist die Einsicht,
die der chinesischen Kritik am Sowjetregime zugrunde liegt."
/170/ Diese Entwicklung läßt sich nur vermeiden, wenn sich die
Menschen "aus kapitalistischen Heloten zu sozialistischen Men-
schen verwandeln, ... (sie) in die Rolle des Subjekts der neuen
gesellschaftlichen Synthesis durch Selbsterziehung in schrittwei-
ser Entwicklung aufwachsen. Dieser Prozeß ist der Hauptinhalt
(!!) der sozialistischen Phase auf eine klassenlose Vergesell-
schaftung hin. ... Diese Wahrheit läßt sich von den Chinesen ler-
nen." /178/
Hier wird das Geheimnis des Erfolges des Sohn-Rethelschen Buches
offenkundig. Sohn-Rethel hat in der bei Marx verkürzten Fassung
der Warenanalyse endlich den Grund für die weltweite Tendenz zum
Revisionismus innerhalb der internationalen proletarischen Bewe-
gung gefunden: denn bekanntlich ist die Theorie der Produktiv-
kräfte der Kern aller revisionistischen Theorien. 31)
Durch Sohn-Rethel ist nachgewiesen, daß der Revisionsimus seine
Ursache in der bisherigen Fassung des wissenschaftlichen Sozia-
lismus hat. Was bisher nur bei Engels eindeutig nachgewiesen wer-
den konnte, der sich durch seine These von der Benutzung des all-
gemeinen Stimmrechts als notwendiger Kampfweise des Proletariat
als Revisionist entlarvt hat, gilt auch für Marx: Letzlich war
Marx der erste revisionistische Arbeiterführer, weil er die er-
kenntnistheoretischen Implikationen der Warenanalyse übersah. Von
ihm stammt die verhängnisvolle Theorie von der Entwicklung der
Produktivkräfte; er hat das grundfalsche Dogma formuliert, daß es
in der Diktatur des Proletariats, der politischen Form der sozia-
len Emanzipation des Proletariats, in erster Linie darauf an-
kommt, die ökonomischen Bedingungen der Sklaverei der Arbeit
durch die Bedingungen der freien und assoziierten Arbeit zu er-
setzen. "Die Menschen bauen sich eine neue Welt, nicht aus den
'Erdgütern', wie der grobianische Aberglauben wähnt, sondern aus
den geschichtlichen Errungenschaften ihrer untergehenden Welt.
Sie müssen im Laufe ihrer Entwicklung die m a t e r i e l l e n
B e d i n g u n g e n einer neue Gesellschaft selber erst
p r o d u z i e r e n, und keine Kraftanstrengung der Gesinnung
oder des W i l l e n s kann sie von diesem Schicksal befreien."
32) Daß Marx dem revolutionären Willen überhaupt keine Funktion
einräumte, ist also bloße Konsequenz einer unzureichenden Waren-
analyse. Von dieser verkürzten Auffassung ausgehend, konnte er
keine Theorie der Trennung von Kopf- und Handarbeit entwickeln
und mußte notwendig die Bedeutung übersehen, die dem revolu-
tionären Willen im Kampf gegen die technokratische Denkweise
zukommt. In seiner Auseinandersetzung mit Bakunin ging Marx daher
auch zu weit, wenn er diesem vorwarf: Der W i l l e, nicht die
ökonomischen Bedingungen, ist die Grundlage seiner sozialen
Revolution." 33) Nach der Modifizierung und Ergänzung der
Warenanalyse ist dieser entscheidende Fehler behoben. Zwar bleibt
die Entwicklung der Produktivkräfte wichtig, aber der Hauptinhalt
der proletarischen Revolution muß der Kampf gegen die alte
Denkweise auf Basis des entschlossenen revolutionären Willens der
Massen sein.
Nun versteht Sohn-Rethel seine Theorie über Hand- und Kopfarbeit
als Beitrag zum Aufbau des Sozialismus nach der Revolution und
nicht als Theorie der Revolution selbst /vgl. 181/, aber er räumt
ein, daß sich aus dieser Theorie doch "partielle Hinweise auch
auf die Formen der Revolution" (ib.) ergeben. Zunächst versteht
sich von selbst, warum in den kapitalistischen Ländern unter dem
parteipolitischen Marxistischen Denken - so nennt Sohn-Rethel die
kommunistischen Parteien - "oder revolutionäre W i l l e selbst
zu verwelken tendiert" /210 - Hervorhebung J.B./, da diese Par-
teien schließlich ihre Taktik aus einer bisher unzureichenden
marxistischen Theorie ableiteten. Bei solch revisionistischem An-
satz muß der revolutionäre Wille verkümmern. Aber da im hochtech-
nisierten Produktionsprozeß die Zahl der Handarbeiter fortschrei-
tend in der Abnahme, die der Studenten in der Zunahme begriffen
ist, und beide Fraktionen zunehmend zur "qualifizierten und dif-
ferenzierten Klasse der direkten Produzenten zusammen(wachsen)"
/209/ - daß die Studenten normalerweise sich in der Ausbildung
befinden und daher vom Produktionsprozeß freigestellt sind, in-
teressiert den Erkenntnistheoretiker nicht weiter - ist ein-
leuchtend, daß die Studenten zunächst der Träger der militanten
Initiativen gegen Kapitalisten, Management und Gewerkschaften als
"die allesbeherrschende autoritäre Dreieinigkeit" /182/ sind. Den
Studenten kommt in der nächsten Zeit die Aufgabe des Vorantrei-
bens der innerbetrieblichen Initiativkraft der Produzenten, die
Entfaltung des revolutionären Willens zu. "Vor allem in Gedanken
an sie (die Studenten - J.B.) ist die Abfassung dieser Schrift
erfolgt. Sie stehen genau auf der Schwelle, wo das notwendig
falsche Bewußtsein durchsichtig wird, wo darum die revolutionären
Implikationen seiner Kritik voll begriffen werden können und die
keinem elitären Mißverständnis ausgesetzt sind." /211/
Sohn-Rethels Kalkül, sein Buch in Gedanken an die Studenten zu
schreiben, ist aufgegangen. Sein Buch hat in den studentischen
Gruppen und kommunistischen Zirkeln "begeisterte Aufnahme" 34)
gefunden. Der relative Fortschritt gegenüber den bisherigen in-
nerhalb der Studentenbewegung kurzfristig in Mode gekommenen
'Theorien', kann auch nicht bestritten werden. Die zentralen Dog-
men der Bewegung, Kritik am Sowjetrevisionismus, Kritik an der
revisionistischen Gesamtstrategie der traditionellen kommunisti-
schen Parteien und die initiierende Rolle der revolutionären In-
telligenz, in einer Theorie vereint, das hat es bisher noch nicht
gegeben. Daß indes eine solch miserable Theorie, die nicht nur
"in der Sprache und zum Teil auch in ihren Begriffen von der ver-
trauten Stilart und der Terminologie des Marxismus erheblich ab-
weicht" /7/, zu solchem Ruhm und Ehren gelangen kann - sei auch
der Triumphzug noch so kurzlebig -, spricht nur für die miserable
Verfassung dieser Bewegung der Intelligenz. Wenn ein solches Buch
innerhalb der 'Intelligenz', die von sich selbst behauptet, für
die Sache des Proletariats zu kämpfen, begeisterte Aufnahme fin-
det, so kann das nur bedeuten, daß sie genausowenig wie Sohn-Re-
thel begriffen hat, was es heißt, wirkliche Bildungselemente in
die proletarische Bewegung einzubringen. Statt restloser Aneig-
nung der proletarischen Anschauungsweise, dominiert hier das
Prinzip aller bürgerlicher und kleinbürgerlicher Konvertiten, zu
lehren, was sie nicht gelernt haben 35). Gegenüber diesen Versu-
chen, den wissenschaftlichen Sozialismus mit kleinbürgerlichen
und bürgerlichen Vorstellungen in Einklang bringen zu wollen, muß
erneut betont werden, daß die neue Wissenschaft vorerst gründlich
zu studieren ist. Für Sohn-Rethel und seine Anhänger, denen die
marxistische Theorie doch so sehr am Herzen liegt, gilt daher:
"Wenn also die theoretischen Vertreter der Proletarier irgend et-
was durch ihre literarische Tätigkeit ausrichten wollen, so müs-
sen sie vor allem darauf dringen, daß alle Phrasen entfernt wer-
den, die das Bewußtsein in der Schärfe dieses Gegensatzes (von
Reichtum und Armut - J.B.) schwächen, alle Phrasen, die diesen
Gegensatz vertuschen und wohl gar den Bourgeois Gelegenheit bie-
ten, sich kraft ihrer philanthropischen Schwärmereien der Sicher-
heit halber den Kommunisten zu nähern. ... Wir wissen sehr gut,
daß die kommunistische Bewegung nicht durch ein paar deutsche
Phrasenmacher verdorben werden kann. Aber es ist dennoch nötig,
in einem Lande wie Deutschland, wo die philosophischen Phrasen
seit Jahrhunderten eine gewisse Macht hatten ... allen Phrasen
entgegenzutreten" 36).
_____
1) Alfred Sohn-Rethel: GEISTIGE UND KÖRPERLICHE ARBEIT, Frankfurt
1970; Alle Seitenangaben zwischen Querstrichen im Text beziehen
sich auf dieses Buch. Drs.: "Die soziale Rekonsolidierung des Ka-
pitalismus (September 1932) - Ein Kommentar nach 38 Jahren," in:
KURSBUCH 21, September 1970, S. 17 ff. Durch diesen Artikel
wollte Sohn-Rethel im September 1932 "der kommunistischen Partei
ins Gewissen reiben, wie notwendig es war, die proletarische Re-
volution auf die Tagesordnung zu setzen als einzig mögliche prak-
tische Alternative zur faschistischen Diktatur." Denn "mit dieser
Einsicht stand es bei der Parteiführung sehr faul." (ib., p. 33)
Drs.: "Die technische Intelligenz zwischen Kapitalismus und So-
zialismus," in: NEUES ROTES FORUM, Nr. 3, 1971, p. 58 ff.
Im gleichen Heft des NRF sind zwei kurze Stellungnahmen zum Vor-
trag von Alfred Sohn-Rethel veröffentlicht. In der redaktionellen
Vorbemerkung wird beklagt, daß verschiedene Gruppen versuchen,
"Sohn-Rethel zum Schutzpatron eines bornierten Anti-Leninismus zu
machen." /55/. Aber es sei schließlich nicht Sohn-Rethel anzula-
sten, wenn er zum Aushängeschild "eines theorie- und praxislosen
Sammelsuriums von Eklektikern" gemacht würde. "Es würde auch
einen schweren Schaden für die kommunistischen Gruppen in der BRD
bedeuten (!!), wenn sie diese Auseinandersetzung (mit den Sohn-
Rethelschen Thesen - J.B.) einfach deshalb vernachlässigen wür-
den, weil mit den Schriften Sohn-Rethels ... in der BRD entschie-
den Schindluder getrieben wird." (ib.) Die ungerechte Behandlung,
die Sohn-Rethel von bestimmten studentischen Zirkeln erfährt, ist
für Sohn-Rethel selbst kein neuartiges Phänomen, war er doch von
der kommunistischen Partei Englands, die sich weigerte sein Buch
im Parteiverlag herauszubringen, und von der Frankfurter Schule
der kritischen Theorie, zu der er sich selbst rechnet, gleicher-
maßen schnöde behandelt worden. So stellt Helmut Reinicke fest:
"Sohn-Rethel hat neue Ansätze geliefert, die Dialektik des
'wissenschaftlichen Erkennens' materialistisch aus der Dialektik
von Wertform und Denkform nachzuweisen und hat damit wohl eines
der bedeutendsten Werke des theoretischen Marxismus der letzten
Jahre vorgelegt. Daß diese erste größere Veröffentlichung erst
heute einen Verlag fand, hat sicherlich mit dem durch die Emigra-
tion liquidierten Diskussionszusammenhang zu tun; erst die späte-
ren Editionen der Briefe des Kreises um die 'Zeitschrift für So-
zialforschung', die Max Horkheimer herausgab, könnten etwas Licht
auf die bedauernswerte Tatsache werfen, daß Sohn-Rethel (geb.
1899) nicht im Rahmen der Schriftenreihe des Frankfurter Insti-
tuts hat publizieren können." Helmut Reinicke: "Ware und Dialek-
tik" in: POLITIKON, Nr. 36, 1971, S. 24 Zur Diskussion siehe wei-
ter: Frank Unger "Bemerkungen zu Alfred Sohn-Rethel: Geistige und
körperliche Arbeit", in: RC-Bulletin, Nr. l, 1971, p. 8 ff.
2) Reinicke, l.c., p. 24.
3) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, erste Auflage, 1867, erstes Ka-
pitel, in: MARX-ENGELS-STUDIEN-AUSGABE, Bd. 2, hrsg. von Iring
Fetscher, Frankfurt 1966, p. 242.
4) Karl Marx: "Der Bürgerkrieg in Frankreich", erster Entwurf,
MEW Bd. 17, p. 557.
5) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, erste Auflage ... l.c., p.
238.
6) Karl Marx: "Brief an Ludwig Kugelmann vom 11.7.1867", in: MEW
Bd. 32, p. 552 (Sperrung - J. B.).
7) Karl Marx: ZUR KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, in: MEW, Bd.
13, p. 37.
8) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, in: MEW Bd. 23, p. 56.
9) Karl Marx: DIE GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONO-
MIE, Berlin 1953, p. 844.
10) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, in MEW Bd. 23, p. 89.
11) Karl Marx: THEORIEN ÜBER DEN MEHRWERT, in: MEW Bd. 26.2, p.
161.
12) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, in: MEW Bd. 25, p. 178.
13) ib., p. 826 f.
14) ib., p. 205.
15) ib., p. 887.
16) ib., p. 201
17) ib., p. 205.
18) Karl Marx: "Resultate des unmittelbaren Produktionsprozes-
ses", Frankfurt 1969, p. 40.
19) Karl Marx: DIE GRUNDRISSE... l.c., p. 25 (Sperrung - J.B.).
20) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 2, in: MEW Bd. 24, p. 109.
21) Karl Marx: DIE GRUNDRISSE ... l.c., p. 25.
22) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, ... l.c., p. 128.
23) ib., p. 88.
24) ib., p. 89.
25) Karl Marx: THEORIEN ÜBER DEN MEHRWERT, in: MEW 26.1, p. 257
(Sperrung - J.B.).
26) ib., p. 257.
27) Karl Marx: DIE GRUNDRISSE ... l.c., p. 587.
28) ib., p. 592.
29) Karl Marx: "Der Bürgerkrieg in Frankreich, erster Entwurf",
in: MEW Bd. 17, p. 546.
30) ib., p. 554.
31) Vgl. dazu etwa KURSBUCH Nr. 23, 1971, p. 107.
32) Karl Marx: "Die moralisierende Kritik und die kritisierende
Moral", in: MEW Bd. 4, p. 4 (Sperrung - J.B.).
33) Karl Marx: "Konspekt von Bakunins Buch 'Staatlichkeit und An-
archie'," in: MEW 18, p. 639.
34) NEUES ROTES FORUM, l.c.,p. 55. Welche oberflächliche Ein-
schätzung dem Sohn-Rethelschen Triumphzug zugrunde liegt, kann
man aus folgender Bemerkung im NRF ersehen: "Wenn sich Sohn-Re-
thel in seiner Theorie auf die Praxis des chinesischen Weges zum
Sozialismus beruft, so spricht das (!!!) für das revolutionäre
Interesse der philosophischen Arbeit Sohn-Rethels" (58) Freilich
sind Sohn-Rethels Adepten, die anderen Zirkeln vorwerfen, sie
trieben Schindluder mit dem seit Jahren originellsten Beitrag des
theoretischen Marxismus, nicht völlig ohne kritische Distanz. So
heißt es in dem NRF: "Sohn Rethel scheint trotz aller Sympathien
für die chinesische Revolution, diese grundsätzliche Differenz
(zwischen konkreter und abstrakter Arbeit - J.B.) nicht beachtet
zu haben." Aber trotz des Faktums, daß Sohn-Rethel den Doppelcha-
rakter der Arbeit "vernachlässigt" hat, muß festgestellt werden,
daß er "sich um die theoretische Auseinandersetzung unter den
Marxisten zweifellos verdient" (55) gemacht hat. Auch Reinicke
stellt fest: "Es steckt ein idealistischer Zug in Sohn-Rethels
Begriff der gesellschaftlichen Synthesis, der von der Gesell-
schaft als einem 'organischen Ganzen' abstrahiert, in dem doch
Produktion, Distribution, Austausch und Konsumtion Glieder einer
Totalität bilden". (29) Er fährt fort: "Unbeschadet der angeführ-
ten Unklarheiten gebührt Sohn-Rethel das Verdienst, der bei Marx
nach der Seite der Subjektivität unvollständigen Warenanalyse
nachgegangen zu sein." (30) Es stellt sich jetzt notwendig die
Frage, wer eklektizistischer ist. eine Gruppierung, die - wie das
NRF meint - "ihre offen konterrevolutionären Intentionen immer
weniger (!!!) hinter ouvrieristischen und linkskommunistischen
Phrasen verdeckt" (55) oder die Gruppierungen, die jene Ver-
schleierung bisher noch ganz gut zuwege bringen und sich das
Ediket "Helden der Phrase" wirklich verdient haben?
35) Karl Marx und Friedrich Engels: "Zirkularbrief an Bebel,
Liebknecht, Brache u.a. vom 17./18. September 1879", in: MEW 34,
p. 406 f.; ferner: Bierbaum u.a.: "Zur Aktualität der Leninschen
Partei", in: SOP 10, p. 77 f.
36) Karl Marx und Friedrich Engels: DIE DEUTSCHE IDEOLOGIE, in:
MEW Bd. 3, p. 457.
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