Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Kurzanalysen, Berichte
       

ALLGEMEINES UND BESONDERES IN DER KLASSENSTRUKTUR DER SOZIALISTISCHEN LÄNDER

Die folgende Kurzanalyse von N.A. Aitow wurde zuerst in der so- wjetischen Zeitschrift PHILOSOPHISCHE WISSENSCHAFTEN, Heft 3, 1970 veröffentlicht und erschien in der vorliegenden, geringfügig gekürzten, Fassung in SOWJETWISSENSCHAFT Gesellschaftswissen- schaftliche Beiträge, Heft 12, 1970. Die Übersetzung wurde von S. Kumpf-Korfes vorgenommen. I Mit dem Sieg des Sozialismus in verschiedenen Ländern des sozia- listischen Weltsystems und dem Beginn des Aufbaus der entwickel- ten sozialistischen Gesellschaft hat sich eine weitgehende Ähnlichkeit der Sozial Struktur der sozialistischen Länder herausgebildet, so daß wir heute die Klassenstruktur dieser Staa- ten mit der der sowjetischen Gesellschaft vergleichen und unter- suchen können, worin ihre Gemeinsamkeiten und ihre Besonderheiten bestehen. Im Prinzip ist die Sozialstruktur aller sozialistischen Länder natürlich gleich: Arbeiterklasse, Genossenschaftsbauern und werk- tätige Intelligenz. In einigen Ländern, in denen die sozialisti- schen Umgestaltungen noch nicht endgültig abgeschlossen sind, gibt es noch einen nicht sehr großen Teil der Bourgeoisie (dieser ist in der Regel mit dem staatskapitalistischen, gemischten Sek- tor verbunden) sowie einen Teil genossenschaftlich nicht organi- sierter Bauern und Handwerker. Eine Besonderheit weist in dieser Beziehung Jugoslawien auf, wo bisher die Mehrheit der Bauern- schaft noch nicht in Genossenschaften zusammengefaßt ist. In Po- len, wo der Sozialismus entscheidende Siege errungen hat, arbei- tet ein Teil der in den sozialistischen Aufbau einbezogenen Bau- ernschaft noch als Einzelbauer. Für Kuba ist charakteristisch, daß schon fast 70% des gesamten bearbeiteten Bodens zum soziali- stischen Sektor gehören, wobei allerdings dieser Boden nicht von Kollektivwirtschaften, sondern von Volksgütern genutzt wird. Die Werktätigen des sozialistischen Sektors der Landwirtschaft sind hier folglich nicht Bauern, sondern Arbeiter. Außerdem macht die genossenschaftlich nicht organisierte Bauernschaft hier vorläufig noch einen bedeutenden Teil der Bevölkerung aus. In den Städten einzelner sozialistischer Staaten (der DDR, der CSSR, Polens und Jugoslawiens) gibt es kleine private Unternehmen und zahlreiche Handwerksbetriebe. Das Allgemeine in der Klassenstruktur der Länder des Sozialismus dominiert also. Die Besonderheiten der einzelnen Länder erklären sich aus den historischen und nationalen Bedingungen. Außerdem gibt es Unterschiede zwischen den historischen Etappen. Die UdSSR errichtet bereits den Kommunismus, einige Länder befinden sich im Anfangsstadium des Aufbaus der entwickelten sozialistischen Ge- sellschaft, andere wieder im Stadium des Übergangs vom Kapitalis- mus zum Sozialismus. Diese Besonderheiten berühren jedoch nicht das Wesen, sondern die Wege des Sozialismus. Wie aus der nachstehenden Tabelle ersichtlich, ist ein sehr wich- tiges spezifisches Moment der Klassenstruktur der sozialistischen Länder das unterschiedliche quantitative Verhältnis zwischen den sozialen Hauptgruppen. Natürlich sind die Angaben dieser Tabelle nur bedingt aussagekräftig. Erstens beziehen sie sich bei einer Reihe von Ländern auf die Gesamtzahl der Beschäftigten, bei ande- ren hingegen auf die Bevölkerungszahl. Zweitens bedient sich die Statistik dieser Länder teilweise unterschiedlicher Methoden der Gruppierung der Bevölkerung, Drittens gibt es in einer Reihe von Ländern Zwischenkategorien, die in die eine oder andere Gruppe aufgenommen wurden. Viertens gehören zur Rubrik "Bauernschaft" sowohl Genossenschaftsbauern als auch Einzelbauern. Und schließ- lich wurden zur Rubrik "Übrige" sowohl Kapitalisten als auch das städtische Kleinbürgertum gerechnet. Trotzdem lassen sich aus dieser Tabelle einige wichtige Schlußfolgerungen ableiten. Klassenzusammensetzung der Bevölkerung (in %) 1) UdSSR DDR CSSR UVR VRP MVR KVDR 2) 1959 1969 1964 1968 1962 1960 1966 1961 Arbeiter 48,2 58,2 45,0 46,8 75,2 82.,0 48,7 52,0 Angestellte 20,1 29,7 20,0 13,6 Bauern 31,4 24,6 13,5 10,5 30,0 37,8 51,3 45,7 Übrige 0,3 0,2 4,5 1,6 5,0 1,8 - 2,3 _____ 1) Quellen: SOZIALISTITSCHESKI LAGER, SPRAWOTSCHNIK, Moskau 1962, S. 182, 216-242, 302; ISWESTIJA vom 29. September 1963; SOZIALI- STITSCHES-KIJE PREOBRASOWANIJA W SELSKOM CHOSJAISTWE JEWROPEIS- KICH STRAN NARODNOI DEMOKRATII, Moskau 1963, S. 257, 276; STATI- STISCHES TASCHENBUCH DER DDR, Berlin 1965, S. 25; S. Widerszpil: TEORIA KLAS SPOLECZYCH, Warschau 1965, S. 92-119; DEMOGRAFIE, 1969, Nr. 3, S. 274. 2) UVR = Ungarische Volksrepublik; VRP = Volksrepublik Polen; MVR = Mongolische Volksrepublik; KVDR = Koreanische Volksdemokrati- sche Republik; SRR = Sozialistische Republik Rumänien; DRV = De- mokratische Republik Vietnam; VRB = Volksrepublik Bulgarien. (Red.) Die Staaten des sozialistischen Lagers kann man offensichtlich in drei Gruppen unterteilen. Zur ersten Gruppe gehören hochentwic- kelte Industriestaaten, in deren Bevölkerungsstruktur Arbeiter und Angestellte überwiegen (UdSSR, DDR, CSSR). In der zweiten Gruppe besteht ein Drittel oder die Hälfte der Bevölkerung aus Bauern (VRB, VRP, SRR, UVR, KVDR). Die dritte Gruppe bilden jene Staaten, in deren Bevölkerungsstruktur die Bauernschaft überwiegt (Kuba, MVR, DRV, Albanien). Der unterschiedliche Anteil der Bauernschaft an der Gesamtbevöl- kerung der einzelnen Länder (von 10-80%) hat natürlich bestimmte Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den Klassen. Quantität schlägt auch hier in Qualität um. In den hochentwickelten Indu- striestaaten, besonders in der CSSR und der DDR, in denen es 4- 5mal weniger Bauern als Arbeiter gibt und in denen die Landwirt- schaft nur 17% (DDR) bzw. 16% (CSSR) des Nationaleinkommens er- zeugt, kann der Staat der Bauernschaft wesentlich größere Hilfe erweisen. In diesen Ländern konnten über längere Zeit Mittel aus der Industrie in der Landwirtschaft angelegt werden, so daß sich die Landwirtschaft in schnellem Tempo entwickeln konnte und hin- sichtlich der Arbeitsproduktivität, der Hektarerträge und der technischen Ausrüstung international mit an der Spitze steht. In- folge dieses Zuflusses von Mitteln sind die Grundfonds der Genos- senschaften in jenen Ländern offensichtlich nicht rein genossen- schaftliches, sondern eine Art staatlich-genossenschaftliches Ei- gentum. Der industrielle Charakter der Wirtschaft eines Landes und die staatliche Hilfe an die Genossenschaften beschleunigen die Umwandlung des genossenschaftlichen Eigentums in Volkseigen- tum. Je niedriger der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäf- tigten an der Gesamtbevölkerung eines Landes ist, desto schneller werden offensichtlich die Unterschiede zwischen Arbeitern und Bauern überwunden. Die quantitativen Unterschiede in der Klassenstruktur der sozia- listischen Länder wirken sich nicht nur auf das Tempo aus, in welchem die Klassenunterschiede verschwinden. Man darf nicht ver- gessen, daß in den meisten sozialistischen Ländern die Kollekti- vierung vor verhältnismäßig kurzer Zeit, vor 5 bis 9 Jahren, er- folgte und daß viele Bauern, obwohl die Bauernschaft dieser Län- der ihrer objektiven ökonomischen Lage nach eine sozialistische Klasse geworden ist, in ihrer Mentalität und Ideologie noch kleinbürgerliche Züge aufweisen. Sogar dort, wo die Übergangspe- riode schon abgeschlossen ist, bestehen recht beträchtliche Un- terschiede im Bewußtsein der Arbeiter und der Bauern. So gab es, nach Angaben von J. Oschawkow, im Jahre 1964 in Bulgarien unter den Arbeitern 24,42 % Gläubige, unter den Bauern jedoch noch 46,67%. 1) Nach Abschluß der Kollektivierung übt also die Bauern- schaft, obwohl sie ihrer Lage nach jetzt eine sozialistische Klasse ist, anfänglich noch einen gewissen kleinbürgerlichen Ein- fluß auf die Arbeiterklasse aus. Das Ausmaß dieses Einflusses hängt natürlich weitgehend vom Anteil der Arbeiter und Bauern an der Gesamtbevölkerung ab. Dies gilt es in der Politik zu berück- sichtigen. In dem Maße, wie sich die sozialistischen Länder ökonomisch ent- wickeln, wie sie sich aus Agrar- in Industrie-Agrar- bzw. Indu- striestaaten verwandeln, verringert sich selbstverständlich der Anteil der Bauernschaft. So sank der Anteil der Bauern in der UdSSR von 1939 bis 1966 von 44,61 auf 24,6 %; in Rumänien verrin- gerte sich der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten von 1950 bis 1959 von 73,8 auf 69 %. In Bulgarien ging der Anteil der Bauernschaft von 1952 bis 1958 von 53,3 auf 49,5% zurück, in Po- len betrug er 196047 % gegenüber dem Vorkriegsstand von 65%, in Ungarn verringerte er sich von 1960 bis 1963 von 35,5 auf 30%. Es wäre jedoch verfehlt, daraus abzuleiten, daß der Anteil der Bauernschaft und überhaupt der in der Landwirtschaft beschäftig- ten Bevölkerung im Endergebnis in allen sozialistischen Ländern völlig gleich sein wird. Dieser Rückgang vollzieht sich in den einzelnen Ländern in unterschiedlichem Tempo. Interessante Gedan- ken dazu äußerte der bulgarische Ökonom S. Staikow: "In dem Zeit- raum von 1952 bis 1956 gingen die Zuwachsraten der Stadtbevölke- rung zurück, und die Anzahl der in der Landwirtschaft Beschäftig- ten verringerte sich langsamer. Diese Erscheinung ist sowohl auf die Festigung der landwirtschaftlichen Genossenschaften als auch auf den Einfluß der internationalen Arbeitsteilung zurückzufüh- ren. Die allgemeinen Interessen des sozialistischen Wirtschafts- systems und die internationale sozialistische Arbeitsteilung ma- chen es erforderlich, daß sich unser Land auf du. Produktion ei- niger intensiver Agrarerzeugnisse wie Obst, Gemüse, Weintrauben, Tabak usw. spezialisiert. Daran sind auch wir selbst interes- siert. In welchem Tempo sich die verschiedenen Zweige entwickeln, hängt in starkem Maße von den Beziehungen zu anderen Ländern des sozialistischen Lagers ab. Schneller entwickeln sich jene Zweige der Landwirtschaft und Industrie, die in die internationale Ar- beitsteilung einbezogen sind... In unserem Land sind also die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Stadt und Dorf, zwischen Industrie und Landwirtschaft, und die Arbeitsteilung zwischen ih- nen eng mit der internationalen sozialistischen Arbeitsteilung verbunden und befinden sich in Anhängigkeit von ihr." 2) Es ist also zu erwarten, daß in den Ländern, wo für bestimmte Zweige der Landwirtschaft günstige Bedingungen vorhanden sind (die oben er- wähnten Zweige in Bulgarien, die Viehzucht in der Mongolei, der Zuckerrohranbau in Kuba usw.), der Anteil der Landbevölkerung, vor allem der Bauernschaft, etwas höher sein wird als in der ent- sprechenden historischen Periode in den anderen sozialistischen Ländern und daß hier die Arbeitskräfte langsamer in die Stadt ab- wandern werden. Alle sozialistischen Länder entwickeln sich zu Industrie- oder Industrie-Agrar-Staaten, in denen die Zahl der Arbeiter und Angestellten höher sein wird als die Zahl der Bau- ern, doch bleiben bestimmte Unterschiede im Verhältnis zwischen Arbeitern und Bauern erhalten. II Ein entscheidender Aspekt des Problems des Allgemeinen und Beson- deren in der Klassenstruktur der sozialistischen Länder ist die Frage, welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede es zwischen den sozialen Hauptgruppen dieser Länder gibt. Die führende Kraft der sozialistischen Gesellschaft ist die Ar- beiterklasse. Die spezifischen Merkmale der Arbeiterklasse resul- tieren daraus, daß sie mit dem sozialistischen Volkseigentum an den Produktionsmitteln verbunden ist, daß sie bei der Organisa- tion der gesellschaftlichen Arbeit im ganzen Land die führende Rolle spielt und daß sie ihr Arbeitseinkommen in der Form von Lohn und zu einem großen Teil aus den gesellschaftlichen Konsum- tionsfonds erhält. Diese Merkmale kennzeichnen die Arbeiterklasse in allen sozialistischen Ländern. Charakteristisch für die Arbei- terklasse aller sozialistischen Länder ist auch ihr schnelles quantitatives Wachstum sowie die ständige Erhöhung ihres kul- turell-technischen Niveaus und ihres Bewußtseinsstandes. Auch verbessert sich in allen Ländern des Sozialismus der Lebensstandard der Arbeiterin raschem Tempo. Im Vergleich zu 1950 stieg das Realeinkommen der Arbeiter und Angestellten bis zum Jahre 1967 in der CSSR auf mehr als das Anderthalbfache, in der DDR auf das 3,5fache, in Ungarn fast auf das Doppelte, in Bulgarien auf das 2,6fache, in Rumänien etwa auf das 3,5fache und in der UdSSR auf das 2,5fache. Die Unterschiede in der Arbeiterklasse der verschiedenen soziali- stischen Länder berühren nicht die Lage der Arbeiterklasse, son- dern ihre innere Struktur, ihre verschiedenen Schichten. Eine besondere Schicht innerhalb der Arbeiterklasse bilden bei- spielsweise in allen sozialistischen Ländern die Landarbeiter, die in den Sowchosen, den Staatsgütern, den Volksgütern, den Ma- schinen-Traktoren-Stationen und in anderen staatlichen Landwirt- schaftsbetrieben beschäftigt sind. Ihr Anteil an der gesamten Ar- beiterschaft machte 1959 in der UdSSR 10,8 und in Rumänien 11,2% aus. In den übrigen sozialistischen Ländern (mit Ausnahme von Kuba) sind 5-12% aller Arbeiter Landarbeiter. In Kuba ist diese Schicht bedeutend größer, hier ist fast die Hälfte aller Arbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt. Diese Schicht der Arbeiter un- terscheidet sich von den städtischen Arbeitern dadurch, daß sie eine individuelle Nebenwirtschaft besitzt. Dadurch steht sie der Bauernschaft nahe. In einigen Ländern (DDR, CSSR und Polen) bilden die auf dem Dorf wohnenden Industriearbeiter eine besondere Gruppe. Ein Teil von ihnen ist Mitglied der Produktionsgenossenschaften. Häufig arbei- tet die Frau in der Produktionsgenossenschaft und der Mann im Be- trieb, oder die Eltern sind Mitglied der Produktionsgenossen- schaft, während die erwachsenen Kinder im Betrieb arbeiten. Ein anderer Teil der Industriearbeiter, die auf dem Lande wohnen, be- sitzt kleine Grundstücke. Diese Landstücke sind derartig winzig und verstreut, daß es sinnlos wäre, sie zu vergesellschaften, 1962 besaßen in der CSSR 540 000 Einwohner Parzellen unter 0,5 ha (im Durchschnitt 0,28 ha pro Familie). 13% der polnischen Arbei- terschaft sind sogenannte "Chlopy-Arbeiter". 3) Diese Arbeiter, die Einzelbauernfamilien angehören, verbinden ihre Arbeit in Betrieben, also im sozialistischen Sektor, mit der Tätigkeit in der Privatwirtschaft. Solche kleinen Privatwirt- schaften wirken sich natürlich auf die ganze Lebensweise und Men- talität der Arbeiterklasse aus. In der CSSR, wo es ebenfalls derartige Schichten und Gruppen gibt, stellt sich das Problem des Verhältnisses zwischen Stadt und Land etwas anders dar. 1964 machte der Anteil der Arbeiter an der Stadtbevölkerung 53,9%, ihr Anteil an der Landbevölkerung 55,9% aus, d.h., im Dorf war der "Arbeitercharakter" stärker aus- geprägt als in der Stadt. Nur 24,6% der Landbevölkerung waren in der Landwirtschaft beschäftigt. 4) Daher stellt sich hier im Ver- gleich zu den übrigen sozialistischen Ländern das Problem von Stadt und Land in sozialer Beziehung etwas anders dar: Es ist we- niger das Problem des Verhältnisses zwischen Arbeitern und Bauern als das Problem der Beziehungen zwischen städtischen Arbeitern einerseits und den auf dem Dorf lebenden Industriearbeitern sowie den Landarbeitern und Bauern anderseits. Das Zusammenleben von Arbeitern und Bauern auf dem Dorf hatte in der CSSR ziemlich unerwartete Resultate. Unter diesen Bedingungen fallen die Unterschiede im Leben der Arbeiter und Bauern stärker auf als in anderen Ländern. Außerdem führt die Errichtung von In- dustriebetrieben in den Dörfern dazu, daß die Abwanderung aus der Landwirtschaft in die Industrie nicht mit Wohnungsproblemen ver- bunden ist, die es bei der Übersiedlung in die Stadt gibt. Infol- gedessen ging ein bedeutender Teil der Jugend in die Industrie. 1960 waren 57,8% aller Mitglieder von Produktionsgenossenschaften älter als 46 Jahre. Die Abwanderung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft in die Industrie, die in der ganzen Welt vor sich geht, nahm hier, wie tschechoslowakische Wissenschaftler schrei- ben, besonders krasse Formen an und gefährdete die Entwicklung der Landwirtschaft. Infolgedessen mußte die Beseitigung der Un- terschiede zwischen Stadt und Land forciert werden. So macht sich in der Politik und in den Klassenbeziehungen die Besonderheit der Tschechoslowakei - der industrielle Charakter des Dorfes - be- merkbar. Ein weiteres wichtiges Merkmal der Arbeiterklasse, in dem sich die einzelnen sozialistischen Länder voneinander unterscheiden, sind die Quellen, aus denen sich die Arbeiterklasse formiert. Wie soziologische Untersuchungen in verschiedenen Gebieten der UdSSR ergeben haben, stammen in der UdSSR etwa die Hälfte (45-60%) al- ler Arbeiter aus der Bauernschaft, 5-10% aus Angestelltenfami- lien, der übrige Teil kommt aus der Arbeiterklasse. Unter den Ar- beitern im Alter bis zu 20 Jahren beträgt der Anteil der Bauern- kinder jedoch nur etwa 20%. Folglich hört in der UdSSR die Bau- ernschaft jetzt auf, Hauptquelle für die Bildung der Arbeiter- klasse zu sein. In den Ländern der Volksdemokratie waren in der Übergangsperiode ehemalige Angehörige der Ausbeuterklassen eine der Quellen für die Auffüllung der Arbeiterklasse. Von 1948 bis 1959 "entfiel etwa ein Viertel des Zuwachses der Arbeiterklasse auf ehemalige Kapitalisten". 5) In Polen waren 1962 44,5% aller Industriearbeiter Kinder von Ar- beitern und 32,8 % ehemalige Angehörige bürgerlicher und klein- bürgerlicher Schichten. 6) Daher gibt es auch jetzt noch unter den Arbeitern volksdemokratischer Länder viele ehemalige Angehö- rige der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums, und längst nicht alle diese Arbeiter haben sich sozialistisches Bewußtsein ange- eignet. Der Anteil dieser Personen unter den Arbeitern ist in den einzel- nen sozialistischen Ländern unterschiedlich. Erhängt vor allem von dem Tempo ab, in welchem sich die Arbeiterklasse in der Über- gangsperiode erweitert hat: Dort, wo auch früher die Industrie entwickelt war (in der DDR und der CSSR), ist der Anteil der Ar- beiterkader größer; dort, wo sich die Industrie faktisch erst in der Periode der Volksherrschaft zu entwickeln begann, stammen na- türlich wesentlich mehr Arbeiter aus nichtproletarischen Schich- ten. III Die zweite soziale Hauptgruppe der sozialistischen Gesellschaft ist die Bauernschaft. Die Grundmerkmale der Genossenschaftsbauern sind in den einzelnen Ländern gleich: das Verhältnis der Bauern zum genossenschaftlichen Gruppeneigentum und zum persönlichen Ei- gentum an den Produktionsmitteln. Doch während es zwischen der Arbeiterklasse der verschiedenen sozialistischen Länder keinerlei Unterschiede in der Sphäre der Produktionsverhältnisse gibt, ist das bei der Bauernschaft nicht der Fall. In dieser Beziehung be- stehen einige Unterschiede, die damit zusammenhängen, daß sich das genossenschaftliche Eigentum in diesen Ländern auf verschie- denen Entwicklungsstufen befindet. Dies betrifft insbesondere die Bodenbesitzverhältnisse. In der UdSSR und der MVR ist der Boden Volkseigentum, in der KVDR und der SRR ist er genossenschaftli- ches Eigentum, in einer Reihe anderer sozialistischer Länder gilt er als Privateigentum der Bauern. In dieser zuletzt genannten Ländergruppe kann man zwei Untergruppen unterscheiden. Zur ersten gehören die Länder, in denen das juristische Eigentum der Bauern an Grund und Boden faktisch noch durch die Rente wirksam wird, die für das in die Kollektivwirtschaft eingebrachte Land gezahlt wird. So werden in Ungarn 25% und in der DDR mindestens 20% der zu verteilenden Geldeinkünfte für die Bodenanteile ausgezahlt. In den ungarischen Genossenschaften zum Beispiel erhält ein ehemali- ger Kleinbauer von 100 Forint Einkünften 37,5 Forint für Arbeits- leistungen und 8 Forint für den eingebrachten Boden, ein ehemali- ger Mittelbauer 37,5 Forint für Arbeitsleistungen und 17 Forint für das Land, d.h., bei gleicher Leistung macht das Einkommen des ersten 45,5 Forint und des zweiten 54,5 Forint aus. 7) Es gibt hier also noch bestimmte soziale Unterschiede zwischen den ehema- ligen Mittelbauern und Kleinbauern, und die juristischen Unter- schiede im Bodenbesitz wirken sich ökonomisch aus. In anderen Ländern (beispielsweise in Bulgarien nach dem Abschaf- fen der Rente im Jahre 1963) wird das Privateigentum an Land praktisch schon nicht mehr wirksam. Trotzdem sind die bulgari- schen Genossenschaften und die sowjetischen Kolchosen noch nicht ein und dasselbe. Der bulgarische Soziologe N. Stefanow schreibt hierzu: "Mit der Abschaffung der Rente hat sich bei uns der Boden faktisch in gesellschaftliches, in Kollektiveigentum verwandelt, obwohl er juristisch noch Eigentum der Bauern ist. Dieser Umstand bewirkt in unserem Land eine gewisse Modifizierung in der Ent- wicklung der Kollektivwirtschaften, besonders unter den Bedingun- gen des Übergangs vom Sozialismus zum Kommunismus. Vor allem der Umstand, daß sich der Boden bei uns in den Genossenschaften in kooperatives und nicht in Volkseigentum verwandelt hat, läßt er- kennen, daß man in der gegenwärtigen Entwicklungsetappe die bul- garischen Genossenschaften nicht mit den Kolchosen identifizieren darf." 8) Eine weitere wichtige soziale Gruppe der sozialistischen Gesell- schaft ist die Intelligenz. Im Sozialismus ist die überwiegende Mehrheit der Intelligenz ebenso wie die Arbeiterklasse mit dem Volkseigentum verbunden. In keiner Gesellschaft bildet die Intel- ligenz eine eigene Klasse, denn das Verhältnis ihrer verschie- denen Gruppen zu den Produktionsmitteln entspricht dem Verhältnis der einzelnen Klassen zu den Produktionsmitteln. Hinsichtlich der kapitalistischen Gesellschaft wurde dies in jener Diskussion überzeugend nachgewiesen, die in den Jahren 1960 und 1961 in der Zeitschrift "Probleme des Friedens und des Sozialismus" geführt wurde. Wir sind der Auffassung, daß es sich in der szialistischen Gesellschaft analog verhält. Die Intelligenz der sozialistischen Länder besteht überwiegend aus Spezialisten, die in den Jahren der Volksmacht aufgewachsen sind. In Polen waren es 1963 90% aller Hochschulkader, in Bulga- rien 86,6%. Unter sozialistischen Bedingungen wird besonderes Au- genmerk darauf gerichtet, Kinder aus Arbeiter- und Bauernfamilien zum Studium zu delegieren (in Bulgarien sind 64% der Studenten Kinder von Arbeitern und Bauern, in der UdSSR 60%). Aber das heißt nicht, daß es hier schon keinerlei Probleme mehr gibt. Nur in der UdSSR existiert das Problem der neuen und der alten Intelligenz faktisch nicht mehr. In den anderen Ländern ist noch ein Teil der alten bürgerlichen Intelligenz vorhanden; viele ehemalige Bourgeois wurden zu-Spezialisten, und nicht alle von ihnen haben sich mit dem Verlust ihrer Privilegien abgefunden. Außerdem wird durch die Hochschulen in bestimmtem Maße die alte Intelligenz "reproduziert". In der CSSR gab es 1964 unter den Studenten nur 46,2% Kinder von Arbeitern und Bauern und in Polen ungefähr 50%. Die übrigen Studenten sind also in der Regel Kinder ehemaliger Bourgeois und der alten bürgerlichen Intelligenz. Die antisozialistische Einstellung dieser Gesellschaftsschichten wird durch die imperialistische Propaganda sowie durch die äußere und "innere" Emigration genährt und spiegelt sich bisweilen im Be- wußtsein und in der Verhaltensweise eines bestimmten Teils der Intelligenz und der Studenten wider. Es war daher kein Zufall, daß im Jahre 1968 in einzelnen sozialistischen Ländern ein Teil der Intellektuellen und Studenten an antisozialistischen Aktionen teilnahm. Ein dringendes Erfordernis des sozialistischen Aufbaus besteht folglich darin, die soziale Zusammensetzung der Studen- tenschaft zu regulieren sowie die politische und ideologische Ar- beit unter der Intelligenz zu verstärken. Ihrem Wesen nach ist also die Sozial Struktur der sozialistischen Länder einheitlich. Auch die Tendenzen ihrer Veränderungen sind gleich. Die Unterschiede in der Klassenstruktur betreffen nur Zweitrangiges und Details; die Unterschiede in den Entwicklungs- tendenzen beziehen sich lediglich auf das Tempo, die Formen und die Methoden der Durchführung der sozialökonomischen Maßnahmen sowie auf die Besonderheiten der Entwicklungsstufe des betreffen- den Landes. Diese Unterschiede können sich allerdings mitunter ziemlich lange erhalten und den Aufbau des Sozialismus und Kommunismus beträcht- lich beeinflussen. Die Erfahrung lehrt, daß der Klassenkampf innerhalb eines Landes mit dem Beginn des Aufbaus der entwickelten sozialistischen Ge- sellschaft nicht vollständig verschwindet. Obwohl es in dieser Zeit schon fast keine oder überhaupt keine Ausbeuterklassen und in den meisten sozialistischen Ländern auch kein Kleinbürgertum mehr gibt, versucht die imperialistische Reaktion mit allen Mit- teln, die bürgerliche Ideologie der ehemaligen Kapitalisten und eines Teils der alten Intelligenz sowie kleinbürgerliche Vorur- teile der heutigen oder ehemaligen Kleinbürger auszunutzen und einen Klassenkampf zum Sturz der Volksmacht künstlich zu entfa- chen. Außerdem führen die recht komplizierte soziale Struktur der Bevölkerung sowie die heterogene soziale Herkunft der Arbeiter- klasse und der Intelligenz dazu, daß bürgerliche und kleinbürger- liche Theorien in die Arbeiterklasse und sogar in ihre Partei eindringen und opportunistische Abweichungen hervorbringen, die in den meisten Fällen die Form des Nationalismus annehmen. Der Abschluß der Übergangsperiode in diesem oder jenem Land darf da- her keine Sorglosigkeit aufkommen lassen. Bei der Festlegung der Politik der kommunistischen Parteien müssen alle Besonderheiten der Sozialstruktur jedes Landes berücksichtigt werden. N.A. Aitow _____ 1) NOWO WREMJE, 1964, Heft 5, S. 63 (bulgar.). 2) S. Staikow: GESELLSCHAFTLICHE ARBEITSTEILUNG UND ARBEITSKRÄF- TEWANDERUNG IN DER VRB, Sofia 1962, S. 70/71 (bulgar.). 3) Vgl. S. Widerszpil: TEORIA KLAS SPOLECZNYCH, Warschau 1965, S. 95. 4) STATISTICKA KOCENKA CSSR, Prag 1964, S. 74. 5) "Zakladni teoreticke otazky vystavby socialismu a komunismu ve svete vysledku spolecenskych ved", Prag 1962, NCAN, S. 355. 6) Vgl. A. Sarapata: STUDIA NAD UWARSTWIENIEM I RUCHLIWOSCIA SPOLECZNA W POLSCE, Warschau 1965, S. 68. 7) Vgl. SOZIALISTITSCHESKIJE PREOBRASOWANIJA W SELSKOM CHOS- JAISTWE JEWROPEISKICH STRAN NARODNOI DEMOKRATII, Moskau 1963, S. 217. 8) DER AUFBAU UND DIE ENTWICKLUNG DER SOZIALISTISCHEN GESELL- SCHAFT IN BULGARIEN, Sofia 1962, S. 101 (bulgar.). zurück