Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Heinz Bierbaum, Joachim Bischoff, Michael Krätke, Michael Menard
ZUR AKTUALITÄT DER LENINSCHEN PARTEI 1)
Die politische Entwicklung der Neuen Linken zeigt ein charakteri-
stisches Phänomen: der Kotau vor der Spontaneität und die Ableh-
nung des organisierten Kampfes, denen ein unflektiertes Verhält-
nis gegenüber den Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus
korrespondierte, schlagen um in das Bekenntnis zu bolschewisti-
schen Parteiprinzipien und die bedingungslose Übernahme des Len-
inschen Parteitypus. Es haben sich eine Reihe von Parteiinitiati-
ven und Aufbauorganisationen konstituiert, deren prinzipielle
Differenzen in ihren politischen und theoretischen Auffassungen
trotz vehementer Diskussion zwischen den verschiedenen Gruppie-
rungen weder unmittelbar einsichtig noch hinreichend vermittelt
sind. 1a) Für diese Kaderorganisationen steht die Aktualität des
Leninschen Parteitypus außer Frage. Unterschiede resultieren
folglich nur aus der divergierenden Interpretation und Anwendung
der bolschewistischen Parteiprinzipien. Einwände gegen die von
den verschiedenen Parteiinitiativen gegebene Begründung der Ak-
tualität der bolschewistischen Kaderpartei und Zweifel an der hi-
storischen Berechtigung des spezifisch leninistischen Parteitypus
angesichts hochentwickelter kapitalistischer Verhältnisse verfal-
len dem Verdikt der Parteifeindlichkeit und werden umstandslos
als Seminarmarxismus abgetan oder anarchistischen Positionen zu-
geschlagen.
Dieses Abschieben der Kritik läuft notwendig auf das Abblocken
der Diskussion um die bisherigen Formen und Inhalte revolutio-
närer Tätigkeit hinaus und verhindert die Bestimmung der gegen-
wärtigen und künftigen Aufgaben revolutionärer Taktik. So wichtig
zur Lösung der anstehenden Aufgaben die gründliche Kenntnis der
Geschichte der Arbeiterbewegung ist, so wenig können doch etwa
bestimmte organisatorische Formen auf veränderte gesellschaftli-
che Verhältnisse unvermittelt übertragen werden. Eine solche
Weise der Übertragung schließt die Abstraktion von der histori-
schen Bedingtheit dieser organisatorischen Formen ein und die so
viel beschworene geschichtliche Erfahrung der Arbeiterklasse ge-
ringt zur leeren Form. Stattdessen ist die Gültigkeit sogenannter
allgemeiner Prinzipien revolutionärer Taktik für gegenwärtige ge-
sellschaftliche Verhältnisse zu zeigen. In der gegenwärtigen
Phase der Organisierung kommunistischer Intelligenz muß die sich
hier zeigende grenzenlose Sorglosigkeit in Fragen revolutionärer
Theorie bekämpft, der Dogmatismus aufgebrochen werden. Eine sol-
che Kritik kann zunächst nur am theoretischen Selbstverständnis
der verschiedenen organisatorischen Richtungen ansetzen. Gerade
weil die gegenwärtige Diskussion der Organisationsfrage durch
"Anleihen bei den Klassikern" bestimmt ist, kann versucht werden,
die Vernachlässigung bestimmter Aspekte bei der Applikation
"allgemeiner Prinzipien" revolutionärer Theorie auf die gegenwär-
tigen gesellschaftlichen Verhältnisse aufzudecken durch die Re-
konstruktion des systematischen Zusammenhangs, aus dem jene Prin-
zipien entlehnt sind. Diese Kritik bleibt beschränkt und trifft
die praktische Arbeit dieser Organisationsansätze nur vermittelt,
nämlich insofern ihr Verständnis von den Inhalten und Formen re-
volutionärer Tätigkeit der theoretische Ausdruck ihrer eigenen
Praxis ist. Es kann sich im folgenden nicht darum handeln, neue
Wege zur praktischen Lösung der Organisationsfrage zu weisen,
sondern in Anknüpfung an theoretische Begründungen politischer
Positionen den Zusammenhang zwischen Klassenanalyse und revolu-
tionärer Taktik zu problematisieren.
1. Zur Kritik an Krahls revolutionstheoretischen Überlegungen
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Krahls Kritik an der Übernahme des leninistischen Parteitypus als
für die hochentwickelte Klassengesellschaft völlig inadäquater
revolutionärer Organisationsform und an der sich in Teilen der
Bewegung abzeichnenden Tendenz der Erstarrung theoretischer Ar-
beit zur fiktiven Geschlossenheit einer marxistisch-leninisti-
schen Theorie wird in der Organisationsdebatte nicht aufgenommen.
2) Daß die Diskussion um die richtigen Prinzipien der Kaderpartei
solange gespenstisch bleiben muß wie in die Auseinandersetzung
die Fragwürdigkeit der theoretischen Begründung von der Notwen-
digkeit der Partei nicht einbezogen wird, macht Genösse Krahl zum
Ausgangspunkt seiner Kritik an derlei Organisationsversuchen.
Diese mechanistischen Organisationsvorschiäge erscheinen ihm als
totaler Verrat an den durch die antiautoritäre Bewegung reaktua-
lisierten und neubegründeten "Prinzipien der emanzipativen Ver-
nunft". Die traditionalistisch verkürzten Modelle seien Resultat
einer mangelnden Reflexion auf die kategoriale Ebene des Klassen-
bewußtseins, die am Anfang jedweder Konstruktion einer Theorie
der Revolution zu stehen hätten.
Klassenbewußtsein als parteiliches Totalitätsbewußtsein
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Konstitutiv für die Kategorie des Klassenbewußtseins ist nach
Krahl ein bestimmtes Verhältnis von Theorie und Empirie. Der Be-
griff des Klassenbewußtseins "als eine nicht empirische, gleich-
wohl daseiende Kategorie der gesellschaftlichen Totalität" 3) ist
gebunden einerseits an konkret nützliche Arbeit, also an Ge-
brauchswerte, Bedürfnisse, Interessen und andererseits an ab-
strakte Arbeit. Von den beiden Bildungselementen des Klassenbe-
wußtseins ist das eine, das theoretische, vermittelt durch die
Erkenntnis der kapitalistischen Gesellschaft als einer Herr-
schaftstotalität von Verdinglichung, das andere, das empirische,
bestimmt durch die von dem jeweiligen Stand der Produktivkräfte
abhängige Bedürfnisstruktur der Massen. Das Bewußtsein von der
Totalität der Verdinglichung wird als parteiliches gesetzt, inso-
fern es - gleich über welche Vermittlungen - in das empirische
Interessenbewußtsein der Massen hineinragt. Revolutionsstrategie
entgeht erst dann der mangelnden Reflexion auf die kategoriale
Verfassung des Klassenbewußtseins, wenn die Einsicht in den
Zwangscharakter permanenter Wertabstraktion verbunden wird mit
der historischen Reflexion "auf jene empirischen Momente der Ge-
brauchswerte, Bedürfnisse und Interessen, die im Doppelcharakter
von Ware und Kapital die durch die Allgemeinheit abstrakter Ar-
beit unterdrückte und an ihrer freien Entfaltung gehinderte Indi-
vidualität darstellen" 4). Die Entwicklung des Totalitätsbewußt-
seins zur proletarischen Parteilichkeit ist selbst an eine objek-
tive Voraussetzung gebunden: erst mit der auf einer bestimmten
Entwicklungsstufe der Produktivkräfte gegebenen hochzivilisierten
Bedürfnisbefriedigung kann sich das Interessenbewußtsein des Pro-
letariats "aus sich selbst heraus zu aufgeklärter Spontaneität
entfalten." 5) Die Bestimmtheit des Totalitätsbewußtseins als
parteilichem schließt also die Bestimmtheit des Konsumtionsbe-
wußtseins als spontan und emanzipativ produktivem ein. In frag-
würdiger Anlehnung an den Totalitätsbegriff bei Hegel und Marx
glaubt Krahl, diesen empirischen wie nicht empirischen Begriff
von Klassenbewußtsein konstruieren zu können, dessen konstituti-
ves Moment ein unauflösbarer Zusammenhang von "Totalität und Kon-
sum", Theorie und Empirie, Gebrauchswert und Tauschwert ist.
"Klassenbewußtsein ist i m m e r ein ans Durchschauen der
Wertabstraktion gebundenes, parteiliches Totalitätsbewußtsein und
an die Befriedigung von Bedürfnissen geheftetes produktives Kon-
sumtionsbewußtsein." 6)
Angesichts "einer im Rußland des 19. und beginnenden 20. Jahrhun-
derts nur formell unter das Kapital subsumierten Arbeit, die ih-
ren an sich gesellschaftlichen Charakter noch nicht preisgeben
kann, in dem der terroristische Prozeß der ursprünglichen Akkumu-
lation noch nicht abgeschlossen, bürgerlicher Tauschverkehr un-
entwickelt und die spezifisch kapitalistische Produktionsweise
nur in wenigen Industriezweigen voll ausgebildet ist" 7), konnte
Lenin Krahl zufolge von der Trennung der beiden Momente des Klas-
senbewußtseins ausgehen. Da sich das spontan entstehende ökonomi-
stische Bewußtsein der Massen nicht aus sich selbst heraus zu
aufgeklärter Spontaneität und damit Klassenbewußtsein entwickeln
kann, muß nach Lenin die bolschewistische Partei, Träger des po-
litischen Totalitätsbewußtseins, die Politisierung des Massenbe-
wußtseins von außen erwirken. Unterliegt dem Leninschen Partei-
konzept die rigide Trennung von politischem Totalitätsbewußtsein
und Massenbewußtsein im Begriff des Klassenbewußtseins, so muß
bei Projektion dieses Parteitypus auf die hochentwickelten kapi-
talistischen Länder Westeuropas jene analytische Trennung ange-
sichts hochzivilisierter Bedürfnisbefriedigung zur Verselbständi-
gung der beiden Bildungsmomente fortgehn und schließlich zur Eli-
minierung der Empirie aus der Totalitätskategorie führen. Nach
Krahl nimmt mit Lukacs diese verschwiegene Reduktion des Klassen-
bewußtseins "in einem den Metropolen unangemessenen leninisti-
schen Sinn" ihren Anfang. Jede Übertragung dieses spezifischen
Parteitypus schneidet die Reflexion auf die historische Genesis
des Klassenbewußtseins ab, denn: "Das richtige Klassenbewußtsein
existiert immer schon in Gestalt der a priori vorgegebenen rich-
tigen Partei des Proletariats, dem Leninschen Parteitypus, der
allen geschichtlichen Formbestimmungen transzendental enthoben
wird." 8)
Gegen die leninistische Reduktion im Begriff des Klassenbewußts-
eins macht Krahl geltend, daß in die Strategiediskussion die
emanzipative Bedürfnis- und Bewußtseinsstruktur der Massen wie-
deraufgenommen werden muß. In Ansehung hochzivilisierter Bedürf-
nisbefriedigung im spätkapitalistischen System wird durch die
Propagierung der Leninschen Kaderpartei implizite "eine der Pro-
duktivität gesellschaftlicher Arbeit angemessene Entfaltung von
Spontaneität rückgängig" 9) gemacht. Mehr noch als früher ist
heute in den hochkapitalistischen Ländern Westeuropas die ge-
schichtliche Voraussetzung gegeben, "den Massen wirklich emanzi-
pative Vernunftinteressen zu vermitteln" 10), rigide Vorstellun-
gen von Kader aber, die historische Berechtigung für eine Phase
unentwickelter Bedürfnisstrukturen der Massen hatten, verfehlen
notwendig die Ebenen der entfremdeten Arbeit, des verdinglichten
Bewußtseins und des verarmten Lebens. Hochzivilisierte Bedürfnis-
befriedigung auf Grundlage eines hohen Entwicklungsstandes der
Produktivkräfte geht freilich nach Krahl einher mit einer Verän-
derung in der Natur der kapitalistischen Produktionsweise.
Die staatsinterventionistisch verfestigte zweite Natur
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der kapitalistischen Gesellschaftsformation
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Krahl konstatiert für den Spätkapitalismus eine doppelte Bewe-
gung: einerseits tritt an die Stelle der Konkurrenz der Kapitale
das Monopol, womit das Kapital eine neue Vergesellschaftungsqua-
lität gewinnt. Im Verlauf dieses Prozesses gewinnt "die außeröko-
nomische Zwangsgewalt des Staates wieder direkte ökonomische Po-
tenz" 11), und mit dem Staatsinterventionismus in Permanenz wird
"die Zirkulationssphäre als legitimationsideologisches Reich der
bürgerlichen Sittlichkeit" 12) zerstört. Andererseits ist im Mo-
nopolkapitalismus die Arbeit nicht mehr nur formell, sondern auch
reell unter das Kapital subsumiert, d.h. die geistige Arbeit wird
dem Verwertungsprozeß des Kapitals unterworfen, was eine Verände-
rung im Begriff des Industrieproletariats nach sich zieht. Für
Krahl folgt aus dieser Entwicklung, daß "wenn die Wissenschaften
nach Maßgabe ihrer technischen Umsetzbarkeit und ihre Träger, die
geistigen Arbeiter, in den produktiven Gesamtarbeiter integriert
sind, dann ist nicht anzunehmen, daß Sozialrevolutionäre Strate-
gien sich in der klassischen Weise nahezu ausschließlich aufs In-
dustrieproletariat beziehen können." 13) Durch die These von der
neuen Vergesellschaftungsqualität des Kapitals will Krahl ein zu-
sätzliches Argument gegen die Proklamation traditionalistisch
verkürzter Organisationsmodelle ableiten. Bei seiner Argumenta-
tion unterläuft ihm aber ein Zirkelschluß: soll ·einerseits die
Aufhebung der Verdinglichung sozialer Lebenswelten im System der
Kritik der politischen Ökonomie nicht mehr denkbar sein, weil al-
lein im Rahmen von Lohnarbeit und Kapital das Klassenbewußtsein
nicht mehr zu bestimmen sei, so soll doch andererseits diese
These durch Rekurs auf Begriffe der Marxschen Theorie wie for-
melle und reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital begrün-
det werden. Das Herausreißen der Begriffe aus ihrem systemati-
schen Zusammenhang führt zu einer Verkehrung der inhaltlichen Be-
stimmungen: was bei Marx in der Entfaltung des Begriffs vom Kapi-
tal im Allgemeinen zur Bestimmung der Produktion von absolutem
und relativem Mehrwert einen systematischen Stellenwert hat, wird
bei Krahl zur differentia spezifica von Konkurrenz- und Monopol-
kapitalismus. 14) Die Begriffslosigkeit, wie sie in der Gleich-
setzung von formeller und reeller Subsumtion der Arbeit unter den
Verwertungsprozeß mit Konkurrenz-und Monopolkapitalismus sichtbar
wird, verweist auf eine spezifische Weise der Auseinandersetzung
mit der Marxschen Theorie, aus der ebenso die dualistische Kon-
struktion des Begriffs von Klassenbewußtsein ableitbar sein muß.
Für Krahl basiert die aktualitätsbezogene Theoriebildung auf ei-
ner spezifischen Aneignung der "genetischen Bedingungen und Vor-
aussetzungen der Marxschen und marxistischen Revolutionstheorie"
15), die daher am Anfang der Auseinandersetzung mit seiner Argu-
mentation gegen die Aktualität der leninistischen Kaderpartei
stehen muß. Um die Brüchigkeit der Krahlschen Argumentation dar-
stellen zu können, muß also auf seine Marxrezeption eingegangen
werden.
Die geschichtsphilosophische Relevanz der Marxschen Warenanalyse
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Um den Zusammenhang zwischen dem oben skizzierten Programm seiner
theoretisch-politischen Tätigkeit und einer spezifischen Inter-
pretation der Marxschen Theorie darstellen zu können, muß auf ein
älteres Referat von Krahl zurückgegriffen werden, "das auf die
Marxrezeption in Teilen der Bewegung nicht nur des Frankfurter
Raumes bis in die Gegenwart einen nachhaltigen Einfluß gehabt
hat". 17) Dieser nachhaltige Einfluß rührt nicht zuletzt daher,
daß er die aktuellen politischen Aufgaben in den Bezugsrahmen ei-
ner Selbstreflexion auf dem Boden der marxistischen Theorie
stellte und somit ein spezifisches Verhältnis von genetisch-in-
haltlicher Aneignung der klassischen Theorie und aktualitätsbezo-
gener Theoriebildung entwickelte. Dieses Verhältnis basiert dar-
auf, daß Krahl nicht die "unmittelbare Rezeption der inhaltlich
durchgeführten Kritik der politischen Ökonomie" 18) an den Anfang
der Selbstreflexion stellte, sondern sich allererst der geneti-
schen Bedingungen und Voraussetzungen der Marxschen und marxisti-
schen Revolutionstheorie versicherte. Die aktualitätsbezogene
Theoriebildung hat sich im Rahmen marxistischer Tradition auszu-
weisen, was eben nicht heißen kann, unter veränderten gesell-
schaftlichen Verhältnissen dogmatisch an den wesentlichen Aussa-
gen Marxscher Theorie festzuhalten, sondern sich zu vergewissern,
wie durch den wissenschaftlichen Sozialismus die Radikalisierung
des emanzipatorischen Vernunftinteresses der bürgerlichen Aufklä-
rung ins Werk gesetzt wurde. In dieser spezifischen Aufarbeitung
liegt der Schlüssel für die Möglichkeit, in Anknüpfung an Massen-
bedürfnisse und neue Prinzipien emanzipatorischer Vernunft gegen-
wärtig diese Radikalisierung in Angriff zu nehmen, also eine den
veränderten Verhältnissen adäquate Theorie der Revolution begrün-
den zu können. Krahl will folglich die Dialektik von Wissen-
schaftskritik und Gesellschaftstheorie in der Marxschen Theorie
entschlüsseln und so die Elemente des materialistischen Ge-
schichtsbegriffs rekonstruieren. Konstitutiv für die Struktur des
materialistischen Geschichtsbegriffs ist nach Krahl die
"historische Lehre von der gesellschaftlichen Realität des ab-
strakt Allgemeinen" 19). Angesichts der historischen Verallgemei-
nerung der Warenform gewinnt die Warenanalyse geschichtsphiloso-
phische Bedeutung dadurch, daß in ihr die Hypostasis der abstrak-
ten gesellschaftlichen Formbestimmungen beschrieben, also der Me-
chanismus der "Vergegenständlichung von an sich selbst nicht
dinghaften, gesellschaftlichen Formbestimmungen" 20) aufgedeckt
ist. In Anknüpfung an eine Intention Lukacs', "der als einer der
ersten das Verdinglichungsproblem in seiner geschichtsphilosophi-
schen Tragweite erkannt hat, ohne sich jedoch von den innerphilo-
sophischen Voraussetzungen hinreichend zu lösen" 21), will Krahl
die Frage nach der geschichtsphilosophischen Relevanz wieder auf-
nehmen. Das Herausarbeiten der geschichtsphilosophischen Implika-
tionen der Marxschen Warenanalyse, speziell der Wertformanalyse,
mündet bei Krahl in folgende zentrale These: "für den geschichts-
philosophischen Gehalt der materialistischen Darstellungsweise
ist im Sinne von Hegels Begriff einer kritisch objektivierenden
Erfahrung die erkenntniskritische Reflexion auf die gegenständli-
chen Inhalte des 'erscheinenden Wissens' konstitutiv." 22) Bei
dieser These wird folgendes Problem sichtbar; einerseits will
Krahl im Gegensatz zu Lukacs das Verdinglichungsproblem frei von
innerphilosophischen Voraussetzungen reflektieren, andererseits
soll doch das Konstituens des materialistischen Geschichtsbe-
griffs in der Hegelschen Philosophie vorweggenommen sein. Inwie-
weit Krahl sein Programm durchhalten kann, durch Aufnahme der ge-
netischen Voraussetzungen der Marxschen Theorie die Bedingungen
einer Radikalisierung emanzipatorischen Vernunftinteresses frei-
zuschälen und für die Strategiediskussion fruchtbar zu machen,
ohne dabei seinerseits den Lukacsschen Fehler zu wiederholen, muß
sich in der Bestimmung des Verhältnisses von Marx zu Hegel zei-
gen, wie sie in der Ableitung seiner zentralen These aus der Ana-
lyse der Wertform eingeschlossen ist.
Krahls "lemmatische Skizze einer 'seinslogischen Struktur'
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der Bedingungen der Möglichkeit dinglicher Wertgegenstände"
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In der materialistischen Darstellung der Warenform des Produkts
ist nach Krahl das Verhältnis von Wert zu Tauschwert als das von
Wesen und Erscheinung bestimmt. Mit dieser Distinktion knüpft
Marx an die dialektische Logik an. "Die Differenz von Wert und
Wertform erschließt sich nur der wesenslogischen Dialektik, Me-
dium der kritischen Reflexion auf die Kategorien der bürgerlichen
Ökonomie, die allererst konstitutiv ist für den von der marxisti-
schen Theorie beanspruchten Wissenschaftsbegriff". 23) Krahl faßt
das Verhältnis von Marx zu Hegel zunächst so, daß sich Marx der
dialektischen Logik bediene, um die Kategorien der bürgerlichen
Ökonomie, in denen die Herrschaftstotalität von Verdinglichung
reproduziert wird, in einen Reflexionszusammenhang zu stellen,
mittels dessen der Verdinglichungsmechanismus transparent werde.
Durch das vom objektiven Idealismus zur Verfügung gestellte Me-
dium kritischer Reflexion wird also Kapitalismuskritik erst mög-
lich. Obgleich empirisch nicht verifizierbar, fällt die Differenz
von Wesen und Erscheinung "für Marx jedoch streng in die Sphäre
endlicher Seinsbestimmungen, in die der Existenz." 24) Nach Krahl
folgt Marx nun einerseits der von Hegel gegebenen seinslogischen
Bestimmung des Daseins, nach der endliches Sein immer eines ist,
das sich auf ein anderes bezieht, geht aber andererseits über He-
gel hinaus, insofern er die Ableitung eines bestimmten Inhalts
aus der Bewegung des Begriffs als idealistische Konstruktion ver-
wirft. Während Hegel aus der reinen Bewegung der spekulativen Ab-
straktion den bestimmten Inhalt deduziert, "erkennt Marx, daß der
unstrukturierte formale Wert nicht aus e i g e n e r K r a f t
sich zu raumzeitlichen Erscheinungsformen zu organisieren ver-
mag." 25) Damit steht Marx vor dem Problem, einmal in der Ablei-
tung der versachlichenden Selbstdarstellung des Werts den Tausch-
wert als ein auf ein anderes Bezogenes darzustellen, zum anderen
jedoch entgegen Hegel dem Begriff der dinglichen Existenz die im-
manente Kraft verweigern zu müssen, durch die er seinen wesentli-
chen Grund zur Erscheinung bringen kann, also dem Wertbegriff die
Qualität, sich durch sich selbst zur Erscheinung bringen zu kön-
nen. Nach Krahl löst Marx dieses Problem, indem er "die der end-
lichen Welt immanente wesentliche Differenz" von Wert und Wert-
form "nochmals in der Sinnwelt selbst" differenziert "in eine von
konkretnützlichen Naturalformen und der ihnen widersprechenden
abstrakten Wertgegenständlichkeit". 26) Diese in der Marxschen
Theorie nicht ausgeführten Annahmen über die Struktur der dingli-
chen Gegenstandswelt erlauben die Darstellung der Erscheinungs-
form des abstrakt-allgemeinen Werts als eine von der Naturalform
der Ware unterschiedene wiewohl nur an der Naturalform mögliche.
Das Erfordernis, "daß etwa der 'Leinwandwert' um seines Ausdrucks
willen einer Gegenständlichkeit bedarf, 'welche von der Leinwand
selbst dinglich verschieden und ihr zugleich mit anderer Ware ge-
meinsam ist', läßt sich in der Marxschen Theorie nur auf Grund
einer i n d i r e k t e n m a t e r i a l i s t i s c h e n
L e h r e v o m D i n g einlösen, die jedoch an keiner Steile
systematisierbar oder zu positivieren wäre." 27)
Erst durch Anknüpfung an die Hegelsche Logik und die ontologi-
schen Implikate lassen Krahl zufolge sich die Natureigenschaften
des Geld- und Kapitalverhältnisses als rein subjektive Thesis ge-
sellschaftlicher Formbestimmungen darstellen. Mittels dieser In-
strumente wird "die reale, im Innern des kapitalistischen Produk-
tionsprozesses an den individuellen Produzenten und den konkreten
Gebrauchswerten sich vollziehende Darstellung der gesellschaftli-
chen Abstraktion analytisch erst der Kritik zugänglich". 28) Be-
griffliche Abstraktion, d.h. Hegelsche Logik und die indirekte
materialistische Lehre vom Ding, dienen nach Krahl in spezifi-
scher Weise als Medium der theoretischen Rekonstruktion einer
komplexen Verhältnisbestimmung. Es ist nicht etwa so, daß Marx,
ausgehend von dem einfachsten, wenngleich abstraktesten ökonomi-
schen Konkretum, der Ware, den Prozeß der zunehmenden Verkehrung
von Subjekt und Objekt entwickelt, und in dieser Entfaltung
zugleich eingeschlossen ist, warum stufenweise der Prozeß im Re-
sultat verschwindet, sondern mittels einer differenzierten Rezep-
tion der Hegelschen Theorie, insbesondere der Logik, klärt die
"Kritik der politischen Ökonomie... die von den individuellen
Produzenten selbst eingegangenen Produktionsverhältnisse auf, die
die allgemeine Selbstbewegung des Kapitals verdunkelt." 29) Wenn
Marx "das Verhältnis von Wert und Tauschwert i n d i e s e n
R e f l e x i o n s z u s a m m e n h a n g setzt und es als die
sich selbst verschleiernde Erscheinungsform eines ihm zu Grunde
liegenden gesellschaftlichen Wesens begreift, so enthält keines-
wegs die selbständige Darstellung des Werts in seiner entäußerten
Erscheinungsform, dem Gelde, d i e s e R e f l e x i o n, son-
dern sie verschleiert erst das gesellschaftliche Begründungsver-
hältnis." 30)
Nach Krahl bedurfte es bloß einer dem Stadium der Frühschriften
gegenüber differenzierteren Rezeption Hegelscher Theorie, der
Kritik an der Reproduktion totaler Verdinglichung in der "alles
verzehrenden mephistophelischen Rastlosigkeit des metaphysischen
Begriffs" 31), der sich ohne äußeren Stoff zu objektivieren ver-
mag, damit für Marx die wesenslogische Dialektik zum Mittel sei-
ner Kapitalismuskritik werden konnte. Über das so bestimmte Me-
dium kritischer Reflexion ist der Verdinglichungsmechanismus
zunächst bloß theoretisch aufgehoben. Die Kapitalismuskritik muß
ergänzt werden durch eine Theorie der Revolution, in der bestimmt
ist, wie diese Einsicht in die Herrschaftstotalität von Verding-
lichung mit den Bedürfnissen der Massen vermittelt werden und die
Radikalisierung der Prinzipien emanzipativer Vernunft so in Gang
gesetzt werden kann, daß die Durchschlagung praktisch wahr wird.
Im Folgenden ist zu zeigen, daß Krahl das Verhältnis von Marx zu
Hegel aufgrund einer durch bürgerliches Theorieverständnis ge-
prägten Marxrezeption falsch bestimmt und dieses die unzurei-
chende Interpretation des Prozesses der fortschreitenden Verkeh-
rung von Subjekt und Objekt begründet, womit freilich seine ak-
tualitätsbezogene Theoriebildung die Aktualität verfehlen muß.
Wert als historisch spezifische Form gesellschaftlicher Arbeit
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Für Krahl gründet sich das System der bürgerlichen Gesellschaft,
also einer historisch spezifischen Form der Aneignung der Natur,
auf den abstrakten Zusammenhang voneinander indifferent gegen-
überstehenden Individuen. "Abstrakte Arbeit, der höchst reale Or-
ganisationsmodus des kapitalistischen Produktionsprozesses, ist
die Arbeit isoliert und unabhängig voneinander privat arbeitender
Individuen." 32) Dies abstrakte gesellschaftliche Produktionsver-
hältnis ist Wert, "reine gesellschaftliche Form, an sich selbst
unbestimmt und materiell fundiert nur in der abstrakten Eigen-
schaft, 'Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologi-
schen Sinn' zu enthalten." 33) Krahl verfehlt die Wertbestimmung,
wenn er Wert als abstrakte Eigenschaft und nicht als historische
Form gesellschaftlicher Arbeit faßt. Nur in einer historisch spe-
zifischen Produktionsweise, wo sich die Menschen von der Nabel-
schnur des natürlichen Gattungszusammenhangs losgerissen haben,
und ihre Verhältnisse nicht unmittelbar als Herrschafts- und
Knechtschaftsverhältnisse erscheinen, stellt sich die in der ge-
sellschaftlichen Aneignung der Natur verausgabte Arbeit als Werte
von Dingen dar. Weil der gemeinschaftliche Charakter der Arbeit
nicht mehr naturwüchsig gegeben noch schon bewußt hergestellt
ist, stellt sich ihre Gesellschaftlichkeit her über den gesell-
schaftlichen Verkehr der Sachen. Wert als historische Form ge-
sellschaftlicher Arbeit ist von vornherein dadurch charakteri-
siert, daß sich die Gesellschaftlichkeit als gegenständlicher
Charakter von Sachen darstellt, "Das Arbeitsprodukt ist in allen
gesellschaftlichen Zuständen Gebrauchsgegenstand, aber nur eine
historisch bestimmte Entwicklungsepoche, welche die in der Pro-
duktion eines Gebrauchsdings verausgabte Arbeit als seine
'gegenständliche' Eigenschaft darstellt, d.h. als seinen Wert,
verwandelt das Arbeitsprodukt in Ware." 34) Vollzieht sich der
soziale Lebensprozeß, der Stoffwechselprozeß zwischen Mensch und
Natur sowie der gesellschaftliche Verkehr, unter der Form eines
vielgliedrigen Systems gesellschaftlicher Teilung der Arbeit,
ohne den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit unmittelbar ge-
währleisten zu können, müssen die Arbeitsprodukte Warenform an-
nehmen. In der historisch spezifischen Produktionsweise, in der
die Warenform des Arbeitsprodukts die ökonomische Zellenform ist,
die Arbeit doppelt bestimmt: einerseits ist die in der Formung
der Naturstoffe verausgabte Arbeit konkret nützliche Tätigkeit,
und als Bildnerin von Gebrauchsgegenständen ist sie eine von al-
len Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Men-
schen, andererseits, da alle Produktion Aneignung der Natur von
Seiten des Individuums innerhalb und vermittelst einer spezifi-
schen Gesellschaftsform ist, besteht die spezifische Gesell-
schaftlichkeit der Arbeit darin, daß ihr gesellschaftlicher Cha-
rakter als Eigenschaft von Dingen erscheint. Dieser in der Ware
eingeschlossene zwieschlächtige Charakter der Arbeit ist nach
Marx der Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen
Ökonomie dreht. Weil für Krahl Wert als reine gesellschaftliche
Form bloß Produkt begrifflicher Abstraktion ist, verkennt er, daß
"diese Abstraktion der Arbeit überhaupt nicht nur das geistige
Resultat einer konkreten Totalität von Arbeiten", sondern selbst
"in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des Reichtums über-
haupt" 35) geworden ist. Ihm entgeht, daß die Bestimmtheit dieser
Abstraktion selbst Produkt historischer Verhältnisse ist. Die
Tatsache, daß Arbeit aufgehört hat "als Bestimmung mit den Indi-
viduen in einer Besonderheit verwachsen zu sein" 36), ist aber
selbst Voraussetzung für die Erkenntnis und Darstellung der spe-
zifischen Form der Gesellschaftlichkeit. Wird dieser Zusammenhang
übersehen, also die historische Form der gesellschaftlichen Ar-
beit, die sich als Wert ausdrückt, nicht adäquat erfaßt, dann
kann auch der Stellenwert der doppelten Bestimmtheit der Arbeit
für die Darstellung des bürgerlichen Systems nicht begriffen wer-
den. Da Krahl den Wert zum bloßen Reflexionsprodukt erklärt, ent-
geht ihm der entscheidende Aspekt der Wertbestimmung, und folg-
lich übersieht er den zwieschlächtigen Charakter der Arbeit, was
zur Konsequenz hat, daß er die Ware, die Doppelform des Ar-
beitsprodukts, nicht als Resultat des zwieschlächtigen Charakters
der Arbeit entwickeln kann.
Da Krahl den Zusammenhang zwischen Doppelcharakter der Arbeit und
Doppelform des Arbeitsprodukts nicht sieht, kann er behaupten,
daß die Erscheinungsform des Werts nur durch Rekurs auf eine ma-
terialistische Lehre vom Ding entfaltet werden kann, womit insge-
heim die Marxsche Warenanalyse im Kern rückgängig gemacht wird.
Wird in einer historisch spezifischen Gesellschaftsformation der
gesellschaftliche Charakter der Arbeit dadurch vermittelt, daß
sich die in der Formung von Naturstoffen verausgabte Arbeitszeit
erst als gegenständliche Eigenschaft des Arbeitsprodukts ausdrüc-
ken muß, so kann die Wertgegenständlichkeit nicht unmittelbar mit
der Naturalform des Produkts zusammenfallen, sondern muß eine da-
von verschiedene Erscheinungsform gewinnen. Nach Marx versteht
sich von selbst, daß die Wertgegenständlichkeit als etwas rein
Gesellschaftliches nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware
zu Ware erscheinen kann. Der Wertcharakter einer Ware erhält also
erst seinen Ausdruck durch ihre Beziehung auf eine andere Ware.
"Vermittelst des Wertverhältnisses wird die Naturalform der Ware
B zur Wertform der Ware A oder der Körper der Ware B zum Wert-
spiegel der Ware A." 37) Der in der Ware eingeschlossene Gegen-
satz von Gebrauchswert und Wert erhält also seine einfachste Er-
scheinungsform, seine einfache Wertform, durch einen äußeren Ge-
gensatz, durch das Verhältnis zweier Waren. Aber schon im einfa-
chen Wertausdruck der Ware ist eine eigentümliche Verkehrung des
Sachverhalts eingeschlossen: Wert, etwas rein Gesellschaftliches,
erscheint als Naturaleigenschaft eines Dings. 38) "Das Geheimnis-
volle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Men-
schen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als
gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als ge-
sellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt,
daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur
Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches
Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Ar-
beitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftli-
che Dinge." 39) Im einfachen Wertausdruck, wo sich der innere Ge-
gensatz zwischen Gebrauchswert und Wert als äußerer darstellt,
ist eingeschlossen, daß die Darstellung des Produkts als Ware zur
Verdoppelung in Ware und Geld fortgehn und das so verselbstän-
digte allgemeine Äquivalent in der Warenzirkulation neue Formbe-
stimmungen erhalten muß. "Der der Ware immanente Gegensatz von
Gebrauchswert und Wert, von Privatarbeit, die sich zugleich als
unmittelbar gesellschaftliche Arbeit darstellen muß, von be-
sondrer konkreter Arbeit, die zugleich nur als abstrakt allge-
meine Arbeit gilt, von Personifizierung der Sache und Versachli-
chung der Personen - dieser immanente Widerspruch erhält in den
Gegensätzen der Warenmetamorphose seine entwickelten Bewegungs-
formen." 40) Ausgehend von der Elementarform des bürgerlichen
Reichtums, der Ware, leitet Marx die spezifische Art der Gesell-
schaftlichkeit ab, die Stufenfolge der zunehmenden Verkehrung von
Subjekt und Objekt, die die kapitalistische Produktionsweise cha-
rakterisiert. Er zeigt, daß schon in der einfachen, noch unent-
wickelten Wertform eine für die moderne Produktionsweise charak-
teristische Mystifikation enthalten ist, die Versachlichung der
Personen und Personifizierung der Sachen, und daß diese hier noch
einfache Mystifikation mit der Entfaltung der Wertformen sich
weiterentwickelt. 41) Die Entwicklung der Wertbestimmung ist
nichts anderes als die Darstellung der spezifischen Form der ge-
sellschaftlichen Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft. Aus den
Charakteren des Produkts als Ware und der Ware als kapitalistisch
produzierter Ware leitet Marx "die ganze Wertbestimmung und die
Regelung der Gesamtproduktion durch den Wert" ab: "In dieser ganz
spezifischen Form des Werts gilt Arbeit einerseits nur als ge-
sellschaftliche Arbeit, andererseits ist die Verteilung dieser
gesellschaftlichen Arbeit und die wechselseitige Ergänzung, der
Stoffwechsel ihrer Produkte, die Unterordnung unter und Einschie-
bung in das gesellschaftliche Triebwerk, dem zufälligen, sich
wechselseitig aufhebenden Treiben der einzelnen kapitalistischen
Produzenten überlassen." 42)
Krahl kann diese Gesamtstruktur der Darstellung der Anatomie der
bürgerlichen Gesellschaft nicht in den Griff bekommen, da seine
Interpretation schon am einfachsten Verhältnis vorbeigeht, dem
Zusammenhang zwischen Doppelcharakter der Arbeit und Doppelform
des Produkts; also auch die Notwendigkeit der bestimmten Erschei-
nungsform des Werts, der einfachen Wertform, aus der Wertbestim-
mung nicht begründen kann. Während Marx beweist, "daß die Wert-
form oder Wertausdruck der Ware aus der N a t u r d e s
W a r e n w e r t s entspringt, nicht umgekehrt Wert und Wert-
größe aus ihrer Ausdrucksweise als Tauschwert" 43), greift Krahl,
um die Bedingungen der Möglichkeit dinglicher Wertgegenstände
aufzeigen zu können, auf eine materialistische Lehre vom Ding zu-
rück. Er kann also nicht die Versachlichung der gesellschaftli-
chen Verhältnisse aus der spezifischen Form der gesellschaftli-
chen Arbeit entwickeln, sondern muß zur Darstellung des Verding-
lichungsprozesses selbst wiederum auf eine Lehre vom Ding zurück-
greifen. Der entscheidende Mangel der Krahlschen Interpretation
der Marxschen Warenanalyse liegt im Mißverstehen der Wertbestim-
mung. "Hätte er weiter den Wert untersucht, so hätte er... weiter
gefunden, daß hierin das Ding, der 'Gebrauchswert' als bloße
V e r g e g e n s t ä n d l i c h u n g menschlicher Arbeit als
V e r a u s g a b u n g g l e i c h e r m e n s c h l i c h e r
A r b e i t s k r a f t gilt, und daher dieser Inhalt als
g e g e n s t ä n d l i c h e r Charakter der S a c h e darge-
stellt ist, als (Charakter), der i h r s e l b s t sachlich
zukommt, obgleich diese Gegenständlichkeit in ihrer Naturalform
n i c h t erscheint, (was aber eine besondere W e r t f o r m
nötig macht). Er würde also gefunden haben, daß der 'Wert' der
Waren nur in einer historisch entwickelten Form ausdrückt, was in
allen ändern historischen Gesellschaftsformen ebenfalls exi-
stiert, wenn auch i n a n d e r e r F o r m, n ä m l i c h
g e s e l l s c h a f t l i c h e r C h a r a k t e r d e r
A r b e i t, sofern sie als V e r a u s g a b u n g 'g e-
s e l l s c h a f t l i c h e r' A r b e i t s k r a f t exi-
stiert." 44) Eine der Konsequenzen der unzureichenden Inter-
pretation der Wertbestimmung bei Krahl liegt darin, daß er den
Übergang von einfacher zu entwickelter Warenzirkulation nicht
mehr nachvollziehen kann. Der komplexe Zusammenhang, wodurch die
einfache Warenzirkulation als Moment eines übergreifenden Prozes-
ses bestimmt wird, wird bei Krahl verkürzt zum bloßen Aufgreifen
einer bisher in der Warenanalyse ausgesparten Prämisse. "Die Ver-
dinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse tritt in ein uni-
versales Stadium mit den 'historischen Existenzbedingungen des
Kapitals', der ausbeutenden Mehrwertproduktion, welche die Exi-
stenz des freien Arbeiters auf dem Warenmarkt verlangt. Davon ab-
strahiert die Warenanalyse zwar, doch gewinnt sie an geschichts-
philosophischer Bedeutung erst im Hinblick auf die historisch
schon voll entwickelte Preis- und Geldform der Ware, sowie auf
die Verallgemeinerung der Warenform des Arbeitsprodukts durch die
Arbeitskraft als einer Ware." 45) Da Krahl die Notwendigkeit
nicht erkennt, mit der sich der Tauschwert aus der Form von Ware
und Geld zur Form des Kapitals und die tauschwertsetzende Arbeit
zur Lohnarbeit fortentwickeln, daß also die Entwicklung der Wa-
renform mit der Entwicklung der Wertform zusammenfällt, muß er
die im Verwertungsprozeß eingeschlossene zunehmende Verkehrung
von Subjekt und Objekt als bloß graduelle Fortsetzung mißverste-
hen. "Der Verdinglichungsprozeß potenziert sich graduell mit der
Verwandlung von Geld in Kapital und dessen Verwertungsprozeß."
46) Im Gegensatz zu Krahls These muß im Zuge der Darstellung der
zunehmenden Verselbständigung des Werts der Übergang von der ein-
fachen zur entwickelten Warenproduktion als notwendiger selbst
aus der Wertbestimmung abgeleitet werden. Geld als verselbstän-
digtes allgemeines Äquivalent ist Resultat des Zirkulationspro-
zesses, das gleichsam naturwüchsig aus ihm hervorwächst. Diese
"Verselbständigung erscheint nicht nur in der Form, daß es als
selbständiger abstrakter Tauschwert - Geld - der Zirkulation ge-
genübersteht, sondern daß diese zugleich der Prozeß seiner Ver-
selbständigung ist; es als Verselbständigtes aus ihr wird." 47)
Diese in der Formbestimmung des Geldes als Geld ausgedrückte Ver-
selbständigung ist selbst bloßer Schein und weist auf einen än-
dern, tieferliegenden Prozeß hin. "Die Zirkulation in sich selbst
betrachtet ist d i e V e r m i t t l u n g v o r a u s g e-
s e t z t e r E x t r e m e. Aber sie setzt diese Extreme
nicht. Als Ganzes der Vermittlung, als totaler Prozeß selbst muß
sie daher vermittelt sein. I h r u n m i t t e l b a r e s
S e i n i s t d a h e r r e i n e r S c h e i n. Sie ist das
P h ä n o m e n e i n e s h i n t e r i h r e m R ü c k e n
v o r g e h n d e n P r o z e s s e s." 48) Die ursprüngliche
Operation des Austausches von Äquivalenten ist beständige Voraus-
setzung wie Resultat des Zirkulationsprozesses des industriellen
Kapitals, sie erweist sich jetzt als abstrakte Sphäre des
bürgerlichen Gesamtproduktionsprozesses und ist als solche die
reale Basis aller Gleichheit und Freiheit. "Als reine Ideen sind
sie idealisierte Ausdrücke seiner (des Tauschprozesses - d.
Verf.) verschiednen Momente; als entwickelt in juristischen,
politischen und sozialen Beziehungen, sind sie nur reproduziert
in andren Potenzen." 49) Weil die einfache Zirkulation sich durch
ihre eigenen Bestimmungen als Moment eines übergreifenden Pro-
zesses darstellt, erweist sich die Verwirklichung von Freiheit
und Gleichheit gerade als Unfreiheit und Ungleichheit, insofern
durch die einfache Warenzirkulation die Despotie des Kapitals
beständig vermittelt und versteckt wird. Krahl sitzt in seiner
Interpretation der Marxschen Warenanalyse selbst noch dem Schein
der Selbständigkeit der einfachen Warenzirkulation auf, sofern er
den Übergang in den Zirkulationsprozeß des industriellen Kapitals
und die damit zum Schein herabgesetzte Selbständigkeit der
einfachen Warenzirkulation sowie den dialektischen Umschlag im
Appropriationsgesetz nicht entwickeln kann, 50) Die Formel von
einem 'legitimationsideologischen Reich bürgerlicher Sittlich-
keit' bleibt der Darstellung der Anatomie der bürgerlichen
Gesellschaft äußerlich, was schließlich darin mündet, daß er
glaubt, im 'staatsinterventionistisch verfestigten Monopol-
kapitalismus' sei diese abstrakte Sphäre des bürgerlichen
Gesamtproduktionsprozesses sistiert und die Legitimationsbasis
bürgerlicher Herrschaft zusammengebrochen.
Hat sich gezeigt, daß Krahl auf Grund einer unzureichenden Fas-
sung der Wertbestimmung den Übergang von einfacher zu entwickel-
ter Warenzirkulation nicht nachvollziehen kann, so liegt darin
zugleich begründet, daß er die in den verschiedenen Stadien des
Zirkulationsprozesses des Kapitals eingeschlossenen Formbestim-
mungen und immanenten Widersprüche nicht entwickeln kann. Inso-
fern ist die im Zirkulations- und Produktionsprozeß des Kapitals
vorsichgehende Weiterentfaltung des Prozesses von Versachlichung
der Subjekte und Subjektivierung der Sachen bei ihm zur bloß gra-
duellen Zunahme der Verkehrung von Subjekt und Objekt herabge-
setzt. Die einzige Entwicklung ist für Krahl die zunehmende Ver-
knöcherung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ausschließ-
lich die Verfestigung des falschen Bewußtseins der Produzenten
hervorbringt. "Marx zeichnet drei in sich komplizierte Stadien im
Verselbständigungsprozeß des Kapitals, der die zunächst noch fa-
denscheinige Objektivität der gesellschaftlichen Formbestimmung
für das Bewußtsein der ökonomischen Klassen zunehmend verhärtet."
51) Weil Marx nur die Kritik an der Verdinglichung durch das Auf-
zeigen der Bedingungen der Möglichkeit dinglicher Wertgegenstände
leiste, kann in diese Kritik nach Krahl noch nicht die Angabe der
Bedingungen der Möglichkeit eingeschlossen sein, wie der be-
stimmte gesellschaftliche Charakter, das Proletariat, jenes
enorme Bewußtsein entwickeln kann, um die Herrschaftstotalität
von Verdinglichung zu durchschlagen, muß diese revolutionstheore-
tische Aufgabe in Ansehung der jeweiligen konkreten Gestalt der
Verdinglichungstotalität gelöst werden. Die in dieser verkürzten
Interpretation ausgeklammerten Momente sind jetzt kurz zu skiz-
zieren.
Das Kapital gibt dem ganzen Prozeß der sozialen Produktion einen
bestimmten Charakter, führt eine neue Entwicklung der Produktiv-
kräfte der gesellschaftlichen Arbeit herbei und revolutioniert
damit alle politischen und sozialen Verhältnisse. Für die kapita-
listische Produktionsweise wird die permanente Revolutionierung
der technischen und organisatorischen Formen gesellschaftlicher
Produktion allgemeines Gesetz. Mit der Entfaltung der Produktiv-
kräfte, der großen Industrie, entwickeln sich "einerseits die
Konflikte, die eine Umwälzung der Produktionsweise, eine Beseiti-
gung ihres kapitalistischen Charakters, zur zwingenden Notwendig-
keit erheben - Konflikte, nicht nur der von ihr erzeugten Klas-
sen, sondern auch der von ihr geschaffenen Produktivkräfte und
Austauschsformen selbst -; und sie entwickelt andrerseits in eben
diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte
zu lösen." 52) Die wahre Schranke der kapitalistischen Produkti-
onsweise ist das Kapital selbst, insofern die rastlose Entwick-
lung der Produktivkräfte, in zunehmenden Konflikt gerät mit den
spezifischen Bedingungen, worin sich das Kapital allein verwerten
kann. Die wachsende Unangemessenheit des Entwicklungsstands der
Produktivkräfte zu den bisherigen Produktionsverhältnissen drückt
sich in einer Reihe von Konflikten und Krisen aus. "Über einen
gewissen Punkt hinaus wird die Entwicklung der Produktivkräfte
eine Schranke für das Kapital, also das Kapitalverhältnis eine
Schranke für die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit ...
Die letzte Knechtsgestalt, die die menschliche Tätigkeit annimmt,
die der Lohnarbeit auf der einen, des Kapitals auf der ändern
Seite, wird damit abgehäutet, und diese Abhäutung selbst ist das
Resultat der dem Kapital entsprechenden Produktionsweise; die
m a t e r i e l l e n u n d g e i s t i g e n B e d i n-
g u n g e n der Negation der Lohnarbeit und des Kapitals, ...
sind selbst Resultate seines Produktionsprozesses." 53) In der
Darstellung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft werden
deren spezifische Produktionsbedingungen als historische
bestimmt, nämlich als sich selbst aufhebende. Die historische Be-
rechtigung der kapitalistischen Produktionsweise liegt in der
rastlosen Entwicklung der Produktivkräfte, die in letzter Instanz
auf der Entfaltung des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit
beruht, und diese immanente Tendenz muß zunehmende Konflikte zwi-
schen der materiellen Entwicklung der Produktion und ihrer ge-
sellschaftlichen Form produzieren, wobei in der Aufhebung der
Privatarbeit und der Entfaltung des gesellschaftlichen Charakters
der Arbeit einerseits die Möglichkeit für eine höhere Produkti-
onsweise liegt und andererseits in den Konflikten die zwingende
Notwendigkeit der Aufhebung dieser Produktionsweise eingeschlos-
sen ist. Wenngleich hier nicht im Einzelnen die Vermittlungen ge-
zeigt werden können, wie in der Darstellung der spezifischen Art
der Gesellschaftlichkeit der Arbeit, also des Verkehrungsprozes-
ses von Subjekt und Objekt, zugleich die Möglichkeit und Notwen-
digkeit angelegt sind, daß der eine bestimmte gesellschaftliche
Charakter, das Proletariat, sich die ihm fremden und äußerlichen
Produktionsbedingungen subsumieren kann, so ist dennoch klar, daß
die richtige Anschauung und Deduktion der historisch gewordenen
Verhältnisse zu Punkten führt, "an denen die Aufhebung der gegen-
wärtigen Gestalt der Produktionsverhältnisse - und so foresha-
dowing der Zukunft, werdende Bewegung sich andeutet." 54)
Aufgrund seiner unzureichenden Interpretation der Wertbestimmung
kann Krahl diesen Zusammenhang in der Marxschen Theorie nicht
aufnehmen. Die Darstellung der spezifischen Art der Gesellschaft-
lichkeit enthält für ihn nur die Seite der graduellen Zunahme der
Verkehrung von Subjekt und Objekt, ohne daß er sieht, wie in die-
ser Entwicklung zugleich die Bedingungen ihrer Aufhebung aufge-
zeigt sind. Die Konsequenz einer so mißverstandenen Werttheorie
ist der Zwang zur Ergänzung der Marxschen Theorie durch eine ex-
plizite Theorie der Revolution.
Wenn die historische Form gesellschaftlicher Arbeit nicht nur
durch die zunehmende Verdinglichung und Mystifikation gesell-
schaftlicher Verhältnisse charakterisiert ist, dann kann unter
Revolutionstheorie nur verstanden werden die Lösung der anstehen-
den Aufgaben revolutionärer Taktik auf Basis einer Klassenana-
lyse. Die Analyse des inneren Zusammenhangs zwischen ökonomischer
und politischer Bewegung auf einer historisch bestimmten Entwick-
lungsstufe des Kapitalverhältnisses, den Entwicklungstendenzen
sowie den verschiedenen Formen des Bewußtseins der Produktions-
agenten ist nur möglich durch Anknüpfung an das System der Kritik
der politischen Ökonomie, weil die Untersuchung der wirklichen
ökonomischen Bewegung die Dechiffrierung der verknöcherten und
verselbständigten Formen gesellschaftlicher Arbeit - wie sie an
der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheinen - unter-
stellt und diese Untersuchung der realen Bewegung der Konkurrenz
selbst wieder Voraussetzung ist, um die Reflexe der ökonomischen
Bewegung, die politischen Formen, ideologische Anschauung etc.,
in ihrer Rückwirkung auf diese Bewegung bestimmen zu können. Ist
dieser methodische Zugang aufgegeben, so muß notwendig entweder
eine der verschiedenen Nebengestalten des Klassenkampfs herausge-
griffen, in einen bloßen Reflexionszusammenhang gestellt und zum
bestimmenden Moment der sozialen Revolution erklärt werden oder
versucht werden, durch Rückgriff auf die geschichtlichen Erfah-
rungen der Arbeiterbewegung Revolutionsstrategien oder allgemeine
Prinzipien revolutionärer Taktik herauszuarbeiten. 54a)
Wie oben gezeigt, liegt die Ursache für das Krahlsche Mißver-
ständnis der Marxschen Warenanalyse und der Wertbestimmung darin,
daß er Wert bloß als begriffliche Abstraktion faßt und nicht als
historisch spezifische Form der Gesellschaftlichkeit der Arbeit.
Konsequenterweise muß bei dieser Interpretation die Unterschei-
dung von Wert und Wertform nicht eine der Sache eigentümliche
sein - weil Wert als gegenständlicher Ausdruck eines Quantums ge-
sellschaftlicher Arbeit bestimmt ist -, sondern eine, die dem
Werkzeug der Reflexion zukommt, mittels dessen der reale Zusam-
menhang erst der Kritik zugänglich wird. "Wenn die Kritik an der
Politischen Ökonomie das Verhältnis von Wert und Tauschwert in
diesen Reflexionszusammenhang (von Wesen und Erscheinung - d.
Verf.) setzt und es als die sich selbst verschleiernde Erschei-
nungsform eines ihm zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Wesens
begreift, so enthält keineswegs die selbständige Darstellung des
Werts in seiner entäußerten Erscheinungsform, dem Gelde, diese
Reflexion, sondern sie verschleiert erst das gesellschaftliche
Begründungsverhältnis." 55) Nach Krahl bedient sich Marx zur Dar-
stellung der spezifischen Art der Gesellschaftlichkeit der Arbeit
des Mediums kritischer Reflexion; durch wesenslogische Differen-
zierungen wird das Instrument dialektischer Logik zur Kapita-
lismuskritik tauglich gemacht. Hatte Marx in den Frühschriften
begriffliche Abstraktion "nomialistisch der Inhaltsleere bezich-
tigt", so korrigiert er später diese Einschätzung, "vermittelt
durch eine differenziertere Rezeption der Hegelschen Logik", und
führt neue wesenslogische Differenzierungen in den Begriff der
Abstraktion ein, die "diese als Medium der theoretischen Rekon-
struktion einer komplexen gesellschaftlichen Verhältnisbestim-
mung" gelten läßt. 56) Nach Krahl bleibt das Verhältnis von Marx
zu Hegel so bestimmt, daß Hegel - wenn auch noch nicht vollstän-
dig - vorab das Medium der ökonomiekritischen Reflexion bereitge-
stellt habe. Diese Auffassung von der Applikation einer korri-
gierten dialektischen Logik auf die Kategorien der bürgerlichen
Ökonomie ist in doppelter Weise fragwürdig. Einerseits fällt er
zurück hinter Hegels Kritik an der Auffassung, "daß der Stoff des
Erkennens als eine fertige Welt außerhalb des Denkens an und für
sich vorhanden, daß das Denken für sich leer sei, als eine Form
äußerlich zu jener Materie hinzutrete, sich damit erfülle, erst
daran einen Inhalt gewinne und dadurch ein reales Erkennen
werde." 57) Damit löst er die Logik aus dem systematischen Zusam-
menhang der Hegelschen Philosophie und reproduziert eine der He-
gelschen Position kontroverse Vorstellung von dem Erkennen als
einem Werkzeug und Medium. 58) Andererseits kann auf Grundlage
dieses unreflektierten Verhältnisses zur Hegelschen Philosophie
die Marxsche Hegelkritik nicht mehr aufgenommen werden, und die
These, daß Hegel, wenngleich in verzerrter Form, Strukturen der
bürgerlichen Gesellschaft in ihren allgemeinsten Bewegungsformen
dargestellt habe, muß Krahl vollkommen fremd bleiben.
Bei einer Auffassung, die von der dialektisch-materialistischen
Verwendung wesenslogischer Kategorien ausgeht, also die Methode
von der Bewegung des Stoffes abzieht, muß notwendigerweise an den
Anfang wissenschaftlicher Erkenntnis erkenntnistheoretische Re-
flexion gestellt werden, um sich vorab der zu applizierenden rei-
nen Form, der kategorialen Ebene, zu versichern. Konsequenz eines
solchen Methoden- und Theorieverständnisses ist die These, daß es
zunächst nicht um "die unmittelbare Rezeption der inhaltlich
durchgeführten Kritik der politischen Ökonomie" 59) gehen kann.
Stattdessen wird die Marxsche Warenanalyse, also die ersten drei
Kapitel des "Kapitals", als Grundstein der Marxschen Theorie, als
Exempel für die Anwendung der Methode des Dialektischen
Materialismus mißverstanden. Ein solches Methodenverständnis
zieht notwendig eine Interpretation der Marxschen Theorie nach
dem Muster bürgerlicher Theorie nach sich, wo dann die Kategorien
nicht mehr als theoretische Ausdrücke historischer Verhältnisse
erscheinen, sondern teilweise oder insgesamt in präexistierende
ewige Ideen umgedeutet werden. "Die Abstraktion oder Idee ist
aber nichts als der theoretische Ausdruck jener materiellen Ver-
hältnisse, die Herr über sie (die unmittelbaren Produzenten _ d.
Verf.) sind. Verhältnisse können natürlich nur in Ideen ausge-
drückt werden und so haben Philosophen als das Eigentümliche der
Neuen Zeit ihr Beherrschtsein von Ideen aufgefaßt." 60)
Krahls Programm, erstmals nach Lukacs den Begriff der Verdingli-
chung revolutionstheoretisch so zuspitzen zu wollen, ohne sich
zugleich dabei in innerphilosophischen Voraussetzungen zu ver-
stricken, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn
zunächst "auf dem diskussionsbedürftigen Boden seiner philosophi-
schen Herkunft aus dem Kantischem Dualismus und dem Hegelschen
Objektivismus ... de(r) Rahmen für eine angemessene Behandlung
der Marxschen Schriften, insbesondere des 'Kapital'" bestimmt
werden soll. 61) Revolutionsstrategische Überlegungen müssen not-
wendig in die Leere gehen, wenn nicht die inhaltliche Aufarbei-
tung des Systems der Kritik der politischen Ökonomie am Anfang
steht, sondern diese durch einleitende erkenntniskritische Refle-
xionen im Sinne bürgerlichen Theorieverständnisses präformiert
wird. Einer solchen Position ist das Marxsche Verdikt über
Lasalle entgegenzuhalten: es ist "ein ganz andres Ding..., durch
Kritik eine Wissenschaft erst auf den Punkt (zu - d. Verf.) brin-
gen, um sie dialektisch darstellen zu können, oder ein abstrak-
tes, fertiges System der Logik auf A h n u n g e n eben eines
solchen Systems anzuwenden." 62)
2. Zur Kritik an gegenwärtigen Parteikonzeptionen
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Krahl wendet sich gegen die Übernahme des leninistischen Partei-
typus. Die Brüchigkeit seiner Argumentation liegt begründet in
einer fragwürdigen Interpretation der Marxschen Theorie. Da er
die Marxsche Theorie nach dem Muster bürgerlichen Methodenver-
ständnisses mißversteht, die Entfaltung der Wertbestimmung nicht
nachvollziehen kann, folglich den Übergang von einfacher zu ent-
wickelter Warenzirkulation nicht zu bestimmen weiß, ihm der Stel-
lenwert von formeller und reeller Subsumtion der Arbeit unter das
Kapital innerhalb des Systems der Kritik der politischen Ökonomie
verborgen bleibt, muß er die Marxsche Theorie um eine übergrei-
fende Konzeption des Klassenbewußtseins und eine Theorie der Re-
volution ergänzen. Das Programm einer aktualitätsbezogenen Theo-
riebildung im Bezugsrahmen einer kritischen Selbstreflexion auf
dem Boden der marxistischen Theorie muß notwendig scheitern, wenn
die Voraussetzung, die Aneignung der Marxschen Theorie, selbst
schon fragwürdig ist. Soviel gegen die Durchführung der Krahl-
schen Kritik an der traditionalistisch verkürzten Übernahme von
Parteimodellen für die hochentwickelten kapitalistischen Länder
einzuwenden ist, sowenig kann seine Intention in Frage gestellt
werden, aktuelle politische Probleme systematisch in Beziehung
zur Marxschen Theorie zu setzen. Gegenwärtige Aufgaben politi-
scher Taktik sind nur zu lösen im Bezugsrahmen des Systems der
Kritik der politischen Ökonomie. "Es ist zum Beispiel kaum anzu-
nehmen, daß wir in unserm Krieg gegen das Kapital erfolgreich
sein könnten, wenn wir unsere Taktik - sagen wir - von der poli-
tischen Ökonomie eines Mill ableiten würden." 63) Wenngleich wir
die Thesen zum allgemeinen Verhältnis von wissenschaftlicher In-
telligenz und proletarischem Klassenbewußtsein für theoretisch
falsch und praktisch gefährlich halten, stimmen wir doch damit
überein, daß "die theoretische Auseinandersetzung mit den Grund-
kategorien der marxistischen Tradition ... weder Seminarmarxismus
noch bloße Schulung, sondern ... selber schon Moment unserer po-
litischen Praxis" 64) ist.
Wir haben versucht zu zeigen, daß die Unzulänglichkeit der Krahl-
schen Kritik an der Übernahme des Leninschen Parteitypus ihre Ur-
sache in einer fragwürdigen Rezeption des Systems der Kritik der
politischen Ökonomie hat. Es ist jetzt zu zeigen, wie ausgehend
von der oben im Gegensatz zu Krahl skizzierten Interpretation von
der Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse die bisherigen
Versuche einer theoretischen Begründung der Notwendigkeit des
leninistischen Parteitypus für die hochentwickelten kapitalisti-
schen Länder zu beurteilen sind. Solange die dem hohen Entwick-
lungsstand der Produktivkräfte entsprechenden gesellschaftlichen
Verhältnisse nicht untersucht sind, kann die Auseinandersetzung
mit den theoretischen Begründungen für die Notwendigkeit eines
bestimmten Parteitypus eine bestimmte Abstraktionsebene nicht
verlassen. Es geht also hier nicht darum, eine Frage gegenwärti-
ger revolutionärer Taktik aufzunehmen, denn dann wären die näch-
sten Schritte der Organisierung sozialistischer Intelligenz im
Hinblick auf den sich verschärfenden Klassenkampf anzugeben.
Vielmehr kann die Parteikonzeption nur insofern diskutiert wer-
den, wie sie sich der allgemeinen Bestimmung nach aus dem Auflö-
sungsprozeß des Privateigentums durch die Vergesellschaftung der
Arbeit ergibt. 64a)
Zur Plattform der KPD-AO
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In ihrer vorläufigen Plattform zieht die KPD-Aufbauorganisation
die Lehren aus den Kämpfen, Fehlern und Illusionen der Studenten-
bewegung. Sie kritisiert die Studentenbewegung dahingehend, diese
sei nacheinander verschiedenen Illusionen über sich selbst ver-
fallen, um sich der herrschenden Ideologie der parlamentarischen
Demokratie entledigen zu können, und fügt dieser Kritik die
Selbstkritik hinzu, daß es den jetzt in der KPD-AO organisierten
Genossen früher an Einheit und Entschlossenheit fehlte, um aus
ihren theoretischen Einsichten die richtigen organisatorischen
Konsequenzen ziehen zu können, und proklamiert als Resultat die-
ser Einheit von Kritik und Selbstkritik "die Aktualität der
leninistischen Partei" 65). Die theoretischen Einsichten reduzie-
ren sich darauf, unmittelbar für eine bestimmte organisatorische
Konsequenz einzutreten, d.h. vorrangig den Aufbau einer Kaderpar-
tei als höchster Form der Klassenorganisation des Proletariats zu
betreiben. 66) Hält die KPD-AO der Studentenbewegung vor, sie
habe umstandslos und unreflektiert die Leninsche Partei verwor-
fen, so verfällt sie ihrem eigenen Verdikt, wenn sie sich ebenso
umstandslos die Prinzipien der bolschewistischen Partei zu eigen
macht, ohne ihre Entschlossenheit theoretisch begründen zu kön-
nen. Weder vermag die KPD-AO die Notwendigkeit dieses bestimmten
Parteitypus als höchster Organisationsform des Proletariats aus
"der allgemeinen revolutionären Theorie des Marxismus-Leninismus"
abzuleiten, noch hat sie "vom grundlegenden Gesichtspunkt des
Marxismus aus. d.h. mit der Methode der Klassenanalyse" eine
Reihe gründlicher Untersuchungen über die Natur der spätkapitali-
stischen Verhältnisse in der BRD vorgenommen, um über diesen Zu-
sammenhang die Notwendigkeit dieser Partei zu begründen. Die Not-
wendigkeit der revolutionären Organisation als Mittel zur Verbin-
dung von ökonomischem und politischem Kampf der Arbeiterklasse,
deren Funktion es ist, an das spontane Bewußtsein der Arbeiter
anzuknüpfen und es allseitig revolutionär zu entwickeln, steht
für die KPD-AO derart außer Frage, daß sie der Notwendigkeit der
theoretischen Begründung enthoben zu sein glaubt. Zwar haben nach
der KPD-AO Kommunisten die Pflicht, "ständig die Bewegungen der
Klasse zu verfolgen, denn nur aus der konkreten Analyse einer
konkreten Situation sind sie mit Hilfe der revolutionären Theorie
des Marxismus-Leninismus fähig, die Lage der Massen einzuschät-
zen", aber vorab steht schon fest, daß die Massen der Ideen einer
handelnden Avantgarde bedürfen, daß "die Bereitschaft der Massen,
den Klassenkampf zu verschärfen, ... nur im Zusammenhang mit der
Parteiorganisation und dem Grad ihrer Verschmelzung mit den Mas-
sen gesehen" 67) werden kann und darf. Den Aufbau der Kaderpartei
als höchster Form der Klassenorganisation des Proletariats an die
erste Stelle zu setzen, heißt für die KPD-AO, das Prinzip des
Leninismus in der Organisationsfrage zu vertreten; Leninismus,
weil Lenin das Konzept des gleichzeitigen Aufbaus von Partei und
Massenorganisation des Proletariats reaktualisierte, das von Marx
und Engels in der "An-5orache der Zentralbehörde an den Bund der
Kommunisten" entwickelt worden war, während sie in der Folgezeit
aber als Opfer einer noch nicht voll ausgearbeiteten Theorie und
in Erwartung einer ökonomischen Katastrophe dieses organisatori-
sche Prinzip aufgaben und "auf eine konsequente Entlarvung von
Lasalles Staatsfetischismus und illusionär--reformistischer
Grundhaltung verzichteten." 68)
Zur Plattform der PL/PI
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Die Proletarische Linke/Parteiinitiative kritisiert an der Auf-
fassung von der Avantgardeorganisation, wie sie auch von der KPD-
AO vertreten wird, daß in ihr die Organisation der proletarischen
Massen nicht als Hauptkraft der Klassenkämpfe berücksichtigt sei,
darin die Gefahr der Verselbständigung der Kader gegenüber den
Massen liege, diese Initiativen zu Sekten verkommen zu müssen und
bei der Organisierung des Proletariats keine oder sogar eine ver-
hängnisvolle Rolle spielen werden. Sie wendet sich gegen die
schematische Gegenüberstellung von ökonomischem und politischem
Kampf des Proletariats und die darin eingeschlossene Unterstel-
lung von der Borniertheit der Massen, die bloß zu Ökonomismus fä-
hig seien. "Der Ökonomismusvorwurf gegenüber Massenkämpfen des
Proletariats entstammt denn auch meist einem mehr oder minder
verdeckten Blanquismus, der der Anfangsgründe des wissenschaftli-
chen Sozialismus nicht mächtig ist." 69) Weil die politische Re-
volution des Proletariats von ihrem sozialen Inhalt nicht abge-
löst werden kann, müssen politischer und ökonomischer Kampf eine
untrennbare Einheit bilden. Die proletarischen Massen müssen im
Kampf um die Aneignung der ihnen fremd gegenüberstehenden Produk-
tionsbedingungen, die zugleich Ursache für die Verselbständigung
aller politischen Macht sind, ihre eigenen Organisationsformen
entwickeln, die sie in die Lage versetzen, die Leitung des ge-
samtgesellschaftlichen Lebens in die Hand zu nehmen und die pro-
letarische Revolution siegreich durchzuführen, in denen also die
Trennung von ökonomischem und politischem Kampf aufgehoben ist.
Die Räte, die spezifische Organisationsform des Proletariats,
sind "Kampfeinheiten der proletarischen Massen; ihre Bildung,
ihre Form, ihr gesellschaftlicher Ort, ihre Verbreitung, die For-
men ihrer Interdependenz und ihres Zusammenschlusses etc. resul-
tieren aus den Situationen des Klassenkampfs". 70) Die materiel-
len Bedingungen für die spezifische Kampf- und Organisationsform
des Proletariats sind nicht bei einem relativ unentwickelten Sta-
dium der kapitalistischen Produktionsweise gegeben, im Gegenteil
erst mit der großen Industrie und der fortgeschrittenen Konzen-
tration und Zentralisation des Kapitals. Zwar können materielle
Bedingungen für diesen spezifischen Typ der Massenorganisation
angegeben werden, aber das Proletariat wird doch erst in revolu-
tionären Situationen seine Räteorganisation entfalten können. Für
die PL/PI hat also der Ökonomismusvorwurf nur insoweit Berechti-
gung, als er sich wendet gegen eine Auffassung von der automati-
schen Eskalation der Klassenkämpfe bis hin zur revolutionären Zu-
spitzung, also gegen eine Automatik im Umschlag von ökonomischen
in politischen Kampf. Es kann also die Ausbildung der Räteorgani-
sation nicht der spontanen Entwicklung einer revolutionären Si-
tuation überlassen werden, vielmehr muß jetzt Arbeit verausgabt
werden, "damit das Proletariat fähig wird, in einer solchen Si-
tuation das Rätesystem in seinem revolutionären Charakter voll zu
entwickeln." 71) Zugleich sieht die PL/PI, daß es für die Lösung
der gegenwärtigen Aufgaben politischer Taktik notwendig ist, her-
auszufinden, "unter welchen bestimmten Bedingungen ökonomische
Massenkämpfe stattfinden und in welcher bestimmten Weise unter
diesen Bedingungenökonomische Massenkämpfe Momente enthalten, die
über die Beschränktheit ihres ökonomischen Inhalts hinausrei-
chen". 72) Statt aber ausgehend von dieser Problematisierung über
die gründliche Rezeption der Darstellung der Anatomie der bürger-
lichen Gesellschaft die konfligierenden Tendenzen des Kapitals
abzuleiten, um seine konkreten Erscheinungsformen in der wirkli-
chen Bewegung der Konkurrenz bestimmen zu können, hält die PL/PI
es für richtiger, bei der Strategiefindung von der "sinnlichen
Stufe der Erkenntnis" auszugehen. Durch Betriebsarbeit sollen
sich die ungelösten theoretischen Fragen als Fragen der Praxis
darstellen und damit dem Stadium des reinen Problematisierens und
des Seminarmarxismus entzogen sein. Weil die PL/PI ihre Arbeit
als Schaffung von Voraussetzungen für revolutionäre Situationen
versteht, unter denen die Millionenmassen des Proletariats dem
Kapitalismus ein Ende setzen können, zugleich aber die Anfangs-
gründe des wissenschaftlichen Sozialismus zugunsten einer empiri-
stisch verkürzten Strategiefindung aufgibt, ist für sie Unter-
scheidung von Kader- und Massenorganisation eine bloß
"praktische", die nicht mehr theoretisch ausgewiesen zu werden
braucht noch kann. Es ist daher nicht verwunderlich, daß der
PL/PI die Bestimmung des Verhältnisses von Kader- und Massenorga-
nisation einerseits und Räteorganisation andererseits nicht ge-
lingt.
Zur Plattform des KB/ML
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Der Kommunistische Bund/Marxisten-Leninisten kritisiert einer-
seits die Einschätzung der PL/PI, daß die ideologischen Auseinan-
dersetzungen erst auf Grundlage einer erweiterten Praxis den bor-
nierten Boden akademischer Gefechte um die richtige Exegese der
Klassiker verlassen können. Weil die PL/PI "nicht von der beste-
henden Theorie des Marxismus-Leninismus ausgeht, sondern die
Theorie aus den Klassenkämpfen entwickeln will, kann für sie die
ideologische Auseinandersetzung keine Rolle spielen." 73) Grund-
lage dieser Theorielosigkeit ist die Auffassung, daß die Proleta-
rier in der Fabrik schon an sich im Besitz der richtigen Ideen
sind, daß daher der Intellektuelle durch Betriebsarbeit seine
kleinbürgerlichen Schranken abstreifen und der so ausgebildete
Kader durch Konfliktstrategie Klassenbewußtsein reaktualisieren
kann. Konsequenz dieser Konzeption ist, daß die Prinzipien des
organisatorischen Aufbaus der Partei nicht mehr angegeben werden
können.
Andererseits wird mit Recht vom KB/ML die entscheidende Schwäche
der KPD-AO, ihr Programm einer leninistischen Kaderorganisation
theoretisch nicht ableiten zu können, in den Mittelpunkt ihrer
Absetzung von dieser Aufbauorganisation gerückt. In der Plattform
der KPD-AO sei auch nicht ansatzweise eine proletarische Linie
ausgewiesen. "Diese Linie muß fehlen, da an keiner Stelle in der
Plattform die Praxis aus der revolutionären Theorie abgeleitet
wird; ein konkretes Theorie-Praxis-Verhältnis ist nirgendwo ange-
geben. Da an keiner Stelle versucht wird, die Theorie des Marxis-
mus-Leninismus auf die deutsche Wirklichkeit anzuwenden, muß die
Plattform notwendigerweise zu einem prinzipienlosen Eklektizismus
werden." 74) Für den KB folgt daraus, daß die KPD-AO es nur zu
einer Partei menschewistischen Typs bringen kann.
Der KB/ML hält daran fest, daß es das Gebot der Stunde sei, eine
Partei der Berufsrevolutionäre zu schaffen, deren Notwendigkeit
aber weder einfach dekretiert noch aus den durch Betriebsarbeit
gewonnenen Erfahrungen empiristisch begründet werden kann. Da
eine revolutionäre Bewegung nur erfolgreich sein kann, wenn sie
mit der revolutionären Theorie des Marxismus-Leninismus gewappnet
ist, muß sie vielmehr ihre eigene Organisationsform als notwen-
dige ausweisen können. Unter revolutionärer Theorie versteht der
KB/ML allerdings ein hierarchisches System von Haupt- und Neben-
widersprüchen, in das sowohl der Grundwiderspruch des Kapitalver-
hältnisses als auch die Erfahrungen von der russischen bis zur
chinesischen Revolution eingehen. Dieser Kanon muß jeweils im na-
tionalen Rahmen "konkretisiert" werden. "Das Erkennen und die
richtige Einschätzung dieser Widersprüche ist für die nationale
Organisation des Proletariats von großer Bedeutung. Nur wenn
diese Widersprüche und ihre Bewegungen in den verschiedenen Zeit-
abschnitten analysiert, wenn der Brennpunkt der gegenwärtigen
konkreten Widersprüche festgestellt ist, können die internatio-
nale und interne Lage richtig eingeschätzt und der Politik der
Organisation ein verläßliches theoretisches Fundament gegeben
werden." 75)
Die allgemeine Theorie ist dem KB zufolge die Wissenschaft von
den Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft und vom Klassenkampf.
Sie wurde von den großen Theoretikern und Praktikern des Klassen-
kampfs entwickelt und "ist das Ergebnis von Verallgemeinerungen
der Erfahrungen aus den Klassenkämpfen der verschiedenen Epochen
aller Länder und der erfolgreichen Revolutionen." 76) Zunächst
hat Marx aus dem Studium der Geschichte der Klassenkämpfe, d.h.
seinen politisch-ökonomischen Analysen die Stellung des Proleta-
riats im Gesamtreproduktionsprozeß bestimmt und es als histori-
sches Subjekt der Revolutionen erkannt. Diese von Marx ausgear-
beitete polit-ökonomische Theorie wandte Lenin auf die Situation
in Rußland an und damit auf den Kapitalismus im Stadium des Impe-
rialismus. Daraus entwickelte er "die organisatorische Form, die
für den Kampf des Proletariats u n u m g ä n g l i c h ist: die
bolschewistische Kaderpartei" 77). Insofern hat Lenin die Lehre
von der Hegemonie des Proletariats weiterentwickelt. Da für den
KB/ML der Leninsche Parteitypus Bestandteil der allgemeinen Theo-
rie ist, ergibt sich für ihn die Schlußfolgerung, daß diese Orga-
nisationsform die einzige Waffe des Proletariats im Kampf um
seine politische und soziale Emanzipation ist; die "konkrete
Klassenanalyse" dient nurmehr der Bestimmung des Programms und
des Zeitpunkts der Gründung der Partei.
Diese Ableitung der Notwendigkeit dieses bestimmten Parteitypus
ist widersprüchlich. Marxsche Theorie ist zunächst nichts anderes
als die Darstellung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft,
die Entfaltung des allgemeinen Begriffs des Kapitals, die Voraus-
setzung ist für die Untersuchung bestimmter Klassenkämpfe, d.h.
der wirklichen Bewegung der Konkurrenz. Die Ableitung des Konsti-
tutionsprozesses des Scheins ist Bedingung, um ein Stück Zeitge-
schichte aus der gegebenen ökonomischen Lage erklären zu können,
da sonst die Untersuchung dem Schein an der Oberfläche der bür-
gerlichen Gesellschaft notwendig aufsitzt. Wenn Lenin, ausgehend
von den allgemeinen Bewegungsgesetzen des Kapitals, die Verhält-
nisse in Rußland untersucht, dann ist zu fragen, ob dieser be-
stimmte Parteitypus von den empirischen Umständen bestimmt ist
oder in dieser Absolutheit als einzig mögliche Kampfform des Pro-
letariats sich aus den allgemeinen Tendenzen des Kapitals ergibt.
Wenn der KB/ML formuliert, daß Lenin die Marxsche Theorie wei-
terentwickelt habe durch die Anwendung gerade dieser Theorie auf
die russischen Verhältnisse, dann muß Lenin entweder auf eine
Konsequenz aus den Bewegungsgesetzen des Kapitals gestoßen sein,
die Marx übersehen hatte, oder er muß einer durch den Imperialis-
mus veränderten Natur der kapitalistischen Produktionsweise so-
weit Rechnung getragen haben, daß er das durch diese Entwicklung
partiell obsolet gewordene System der Kritik der politischen Öko-
nomie reformuliert hat, und gerade diese Reformulierung die Ab-
leitung von der universellen Notwendigkeit eines bestimmten Par-
teitypus für die proletarische Revolution einschließt. In jedem
Fall kann die These von der Weiterentwicklung der Lehre von der
Hegemonie des Proletariats nur aufrecht erhalten werden, wenn die
Beziehung zum System der Kritik der politischen Ökonomie nachge-
wiesen ist. Dagegen geht in die Vorstellung des KB/ML von der
Weiterentwicklung der allgemeinen Theorie die Differenz von Dar-
stellung des allgemeinen Begriffs des Kapitals und Untersuchung
konkreter Klassenverhältnisse nicht ein, da für ihn allgemeine
Theorie immer nur "das Ergebnis von Verallgemeinerungen der Er-
fahrungen aus den Klassenkämpfen der verschiedenen Epochen aller
Länder und der erfolgreichen Revolutionen" 78) ist. In dieser
Vorstellung von Verallgemeinerung verschwindet aber die methodi-
sche Differenz zwischen den allgemeinen Tendenzen des Kapitals
einerseits sowie ihren konkreten Erscheinungsformen und den rein
empirischen Umständen andererseits; das System der Kritik der po-
litischen Ökonomie und Mao Tsetungs Untersuchungsbericht über die
Bauernbewegung in Hunan werden gleichgesetzt und ihr vermittelter
Zusammenhang ausgelöscht.
Dieser Widerspruch in der Auffassung der allgemeinen Theorie des
Marxismus-Leninismus wird reproduziert in der Entfaltung des Be-
griffs des Klassenbewußtseins. Zum einen geht der KB/ML im An-
schluß an Lenin und die II. Internationale davon aus, daß das
Proletariat von sich aus kein Klassenbewußtsein entwickeln kann,
zum anderen versucht er dieselbe These aus der Marxschen Theorie
abzuleiten. Die Arbeiter "können aus dem Produktionsprozeß und
ihren spontanen Kämpfen nur partielle Einsicht in das Wesen des
Kapitalismus bekommen und von sich aus nicht die Perspektive zur
Überwindung des Kapitalismus entwickeln." 79) Da die spontanen
Kämpfe des Proletariats innerhalb des Rahmens von Lohnarbeit und
Kapital verbleiben, können sie diese Schranke in ihrem Bewußtsein
von sich aus auch nicht durchbrechen. "Deshalb ist es notwendig,
die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus durch Agitation und
Propaganda in die Arbeiterklasse hineinzutragen." 80) Die Bewe-
gung von der Klasse an sich zur Klasse für sich, d.h. die Ent-
wicklung von bloß ökonomischem Bewußtsein zum Klassenbewußtsein,
kann nur vermittelst des Eingreifens des bewußten Vortrupps der
Arbeiterklasse, der Partei, vor sich gehen. Insofern ist "sie,
die Partei, ... die b e w u ß t e T r ä g e r i n d e s
u n b e w u ß t e n P r o z e s s e s." 81) Zugleich soll die
These von der prinzipiellen Beschränktheit des Arbeiterbewußts-
eins mit der Marxschen Theorie in Übereinstimmung gebracht wer-
den. Zwar vollzieht sich die Organisierung der Proletarier durch
die Große Industrie, insofern diese die Zersplitterung innerhalb
des Produktionsprozesses aufhebt und die gesellschaftlichen Po-
tenzen der Arbeit entfaltet, weshalb es ihnen auch nicht verbor-
gen bleiben kann, "daß es nicht nur der einzelne Kapitalist ist,
der sie unterdrückt, sondern die K l a s s e der Kapitalisten,
und daß die Unterdrückung der Kapitalistenklasse nicht nur auf
die Fabriken beschränkt ist, sondern in allen Lebensbereichen
stattfindet" 82), aber die kapitalistische Gesellschaft ist eine
Warengesellschaft, und daher ist die allseitige Entwicklung des
politischen Bewußtseins des Proletariats allein aus den Kämpfen
um die Bedingungen des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft
nicht möglich. "Das Proletariat als Produkt des Kapitalismus ist
der kapitalistischen Produktionsweise unterworfen, die gekenn-
zeichnet ist durch die Warenproduktion und die damit verbundene
Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Warenpro-
duktion bewirkt eine 'Mystifikation der gesellschaftlichen Ver-
hältnisse' (Marx), mit einer Verselbständigung des Scheins gegen-
über dem Wesen, die auch das Bewußtsein des Proletariats in der
Verdinglichung gefangen hält. Das Proletariat kann demnach aus
seinen Erfahrungen aus dem Produktionsprozeß und seinen spontanen
Kämpfen nur partielle Einsicht in das Wesen des Kapitalismus be-
kommen und nicht von sich aus die Perspektive zur Überwindung des
Kapitalismus entwickeln. Erst durch die Verbindung des wissen-
schaftlichen Sozialismus mit der Arbeiterklasse kann die Arbei-
terklasse von den Erscheinungsformen der kapitalistischen Gesell-
schaft zu deren Wesen vordringen." 83)
Konsequenz dieser eigentümlichen Theorieauffassung des KB/ML ist
eine doppelte Ableitung der allgemeinen Notwendigkeit der Kader-
partei. Wenn auch der KB/ML dies den oben diskutierten Organisa-
tionsansätzen vorweg hat, die Notwendigkeit dieses bestimmten
Parteitypus selbst noch theoretisch begründen zu wollen, so hat
doch dieser Versuch die Schwäche, daß ihm wegen des Übersehens
der methodischen Differenz von der Darstellung des allgemeinen
Begriffs des Kapitals und der Darstellung der wirklichen ökonomi-
schen und politischen Bewegung die Widersprüchlichkeit seiner Ar-
gumentation unbewußt bleibt. Dem KB/ML entgeht, daß die eine Ab-
leitung, nämlich der Rekurs auf die Verkehrung von Subjekt und
Objekt, d.h. auf die der Warenproduktion eigentümliche Fetischi-
sierung gesellschaftlicher Verhältnisse, gegenüber der anderen,
durch Rekurs auf Lenin die These von der prinzipiellen Be-
schränktheit des Arbeiterbewußtseins als bloß empirischgeschicht-
liches Faktum zu behaupten, einen übergreifenden Begründungszu-
sammenhang einschließt. Das Faktum des trade-unionistischen Ver-
haltens des Proletariats wird durch Rückgriff auf das System der
Kritik der politischen Ökonomie als notwendige Konsequenz des
fortschreitenden Prozesses der Verdinglichung abgeleitet.
Selbst wenn man zunächst die These von der prinzipiellen Be-
schränktheit des Bewußtseins der Arbeiterklasse akzeptiert, so
kann diese dennoch keine Begründung für die allgemeine Notwendig-
keit der Kaderpartei darstellen, da z.B. auch Krahl mit dieser
These übereinstimmt, aber zu dem Konzept von der Kaderpartei ge-
rade entgegengesetzten Organisationsvorstellungen kommt. Wenn
also aus ein- und derselben These, der Mystifikation der gesell-
schaftlichen Verhältnisse und damit der prinzipiellen Beschränkt-
heit des Arbeiterbewußtseins, sowohl die allgemeine Notwendigkeit
der Kaderpartei abgeleitet als auch diese allgemeine Notwendig-
keit bestritten wird, dann muß die Richtigkeit und der systemati-
sche Ort dieser These im System der Kritik der politischen Ökono-
mie geklärt werden bzw. ist zu prüfen, ob diese Darstellung des
Prozesses zunehmender Verdinglichung auf einer verkürzten Rezep-
tion der Marxschen Theorie beruht.
Diese Überprüfung schließt ein die Klärung des Zusammenhangs von
Darstellung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft und Ana-
lyse realer ökonomisch-politischer Bewegungen einerseits sowie
"Theorien der Revolution" andererseits. Denn, wenn unterstellt
ist, daß die Marxsche Theorie allein auf die These der prinzi-
piellen Beschränktheit des Arbeiterbewußtseins hinausläuft, dann
muß sie durch eine wie auch immer geartete Revolutionstheorie er-
gänzt werden. 84) Diesen Theorien ist also immer gemeinsam, daß
das beschränkte Bewußtsein der proletarischen Massen in politi-
sches Bewußtsein transformiert werden muß. Diese Transformation
soll möglich sein entweder durch Radikalisierung emanzipato-
rischer Vernunftprinzipien in spontanen Massenaktionen oder durch
Agitation und Propaganda seitens der Kaderpartei als bewußte Trä-
gerin eines unbewußten Prozesses. Die konsequenteste Fassung der
These von der Beschränktheit des Arbeiterbewußtseins findet sich
bei den Anhängern der Kaderorganisation. Denn die Einsicht in die
geschichtlichen Bedingungen der Emanzipation des Proletariats ist
bis zur Revolution der Minderheit vorbehalten: "nur in der unmit-
telbaren Revolution selbst kann sich die Mehrheit der Unterdrück-
ten von der Herrschaft der bürgerlichen Ideologie befreien", nur
"wenn eine Revolution, d.h. eine plötzlich ansteigende Mas-
sen t ä t i g k e i t außerhalb des Rahmens der entfremdeten Ar-
beit, das Gefängnis dieses Betriebes sprengt, kann der mystifi-
zierende Einfluß des Gefängnisses auf das Massenbewußtsein zu-
rückgedrängt werden." 85) Dieser Auffassung unterliegt eine be-
stimmte Vorstellung vom wissenschaftlichen Sozialismus als sozia-
listischer Ideologie, deren einziger Träger die Partei ist. Die
Einsicht in die wahre Natur der kapitalistischen Produktions-
weise, die den Massen durch ihre bloß ökonomischen Erfahrungen
versagt ist, kann nur die Wissenschaft des Sozialismus vermit-
teln, "die sich letzten Endes nicht kollektiv, sondern nur indi-
viduell in ihrer Totalität aneignen läßt. ... Die Vorstellung,
diese Kenntnisse und Erkenntnisse könnten 'spontan' aus der Ar-
beit an der Drehbank oder an der Rechenmaschine hervorgehn, ist
absurd." 86) Klassenbewußtsein haben also zunächst nur Einzelne,
die Berufsrevolutionäre, dank der ihnen möglichen Aneignung der
Wissenschaft des Sozialismus, der damit nicht mehr nur der ide-
elle Ausdruck der wirklichen Bewegung ist, welche den jetzigen
Zustand aufhebt. Erst im Akt der sozialistischen Revolution sol-
len auch die Massen diese 'wissenschaftliche Einsicht' in den
Sinn und die Notwendigkeit ihres Kampfes unmittelbar erlangen
können. 87)
Die These vom wissenschaftlichen Sozialismus als dem Konstituens
für Klassenbewußtsein ist selbst nur konsequenter Ausdruck der
These von der prinzipiellen Beschränktheit des Arbeiterbewußts-
eins, die, wie oben gezeigt, auf einer bestimmten Interpretation
der der Waren produzierenden Gesellschaft eigentümlichen Verding-
lichung gesellschaftlicher Verhältnisse basiert.
3. Zur Parteikonzeption von Marx und Engels
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Die Darstellung der spezifischen Art der Gesellschaftlichkeit der
Arbeit enthält nicht nur die Stufenfolge der Verdinglichung und
Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern in ihr
sind zugleich die materiellen Bedingungen und die zwingende Not-
wendigkeit einer höheren Produktionsform aufgezeigt, damit auch
die Notwendigkeit einer weiterentwickelten Form der Gesellschaft-
lichkeit der Arbeit. Diese widersprüchlichen Tendenzen des Kapi-
tals müssen sich im Bewußtsein der Produktionsagenten ausdrücken,
und mit der Entwicklung dieser Widersprüche wird die zunehmende
Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse aufgebrochen. Die
Dechiffrierung der verknöcherten Formen der gesellschaftlichen
Arbeit und die Aufhebung der verdrehten Form, in der der gesell-
schaftliche Reproduktionsprozeß im Bewußtsein der arbeitenden
Klasse erscheint, im Konstitutionsprozeß des Klassenbewußtseins
bedeutet aber, daß die Arbeiter die Illusion aufheben, verein-
zelte Einzelne zu sein, durch die bewußte Organisation ihres bis-
her bloß vom Kapital gesetzten gesellschaftlichen Zusammenhangs
als einer notwendigen Bedingung für die gesellschaftliche Organi-
sation der Produktion. Die Konstitution der Klasse für sich oder
die bewußte Form der Assoziation der Produzenten, wie sie sich im
Prozeß der Verallgemeinerung der Warenproduktion und damit der
zunehmenden Vergesellschaftung der Arbeit, also der Entwicklung
des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital herausbildet,
muß der politischen Form nach bestimmt werden. Obwohl hier eine
bestimmte Abstraktionsebene nicht verlassen werden kann, also die
anstehenden Aufgaben revolutionärer Taktik nicht aufgegriffen
werden können, was nämlich eine Analyse einer konkreten histori-
schen Situation zur Voraussetzung hätte, so muß doch bei dieser
Bestimmung der Partei des Proletariats unterschieden werden zwi-
schen Phasen, wo die Vergesellschaftung der Arbeit noch relativ
unentwickelt ist und isolierte Arbeit vorherrscht, und wo bei
hochentwickeltem Stand der Produktivkräfte die Mehrheit der un-
mittelbaren Produzenten aus Lohnarbeitern besteht.
Die doppelte Bestimmtheit des Bewußtseins des Proletariats
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Die Agenten der kapitalistischen Produktion leben in einer ver-
zauberten Welt, in der ihnen ihre eigenen gesellschaftlichen Be-
ziehungen als Eigenschaften der Dinge erscheinen. Die gesell-
schaftlichen Formen der Produktion verselbständigen sich, nehmen
fremdartige, scheinbar unabhängige Existenzweise voneinander und
damit unmittelbar dingliche Gestalt an. Die Oberfläche der bür-
gerlichen Gesellschaft ist die Bewegung der verkehrten Welt,
insofern die Verknöcherung der gesellschaftlichen Verhältnisse,
also die Versachlichung der Personen und Versubjektivierung der
Sachen sich soweit entwickelt hat, daß sich die Produktionsagen-
ten nurmehr als bloße Repräsentanten personifizierter Dinge ge-
genübertreten. 88) "Die Vermittlungen der irrationellen Formen,
worin bestimmte ökonomische Verhältnisse erscheinen und sich
praktisch zusammenfassen, gehn die praktischen Träger dieser Ver-
hältnisse in ihrem Handel und Wandel jedoch nichts an; und da sie
gewohnt sind, sich darin zu bewegen, findet ihr Verstand nicht im
geringsten Anstoß daran... In den dem inneren Zusammenhang ent-
fremdeten und, für sich isoliert genommen, abgeschmackten Er-
scheinungsformen fühlen sie sich ebenfalls so zu Haus wie ein
Fisch im Wasser." 89)
In der Stufenfolge der Mystifikation der gesellschaftlichen Ver-
hältnisse hat die Kategorie des Lohns, in der der Wert resp.
Preis der Ware Arbeitskraft in Wert resp. Preis der Arbeit selbst
verwandelt wird, einen entscheidenden Stellenwert. Wert der Ar-
beit ist insofern irrationeller Ausdruck des kapitalistischen
Produktionsverhältnisses, als darin die Substanz des Werts, ge-
sellschaftliche Arbeit, selbst Wert erhält. In diesem Ausdruck
erscheinen nicht mehr die Reproduktionskosten der Ware Arbeits-
kraft als bezahlt, sondern die in einem bestimmten Zeitraum ver-
flüssigte Arbeit überhaupt, also erscheint alle Arbeit als be-
zahlte Arbeit. Damit verschwindet die Teilung des Arbeitstags in
notwendige und Surplusarbeit, die Aneignung der Surplusarbeit
durch den Kapitalisten wird verschleiert. Durch die Form des Ar-
beitslohns wird das die bürgerliche Produktionsweise charakteri-
sierende Produktionsverhältnis, nämlich der Austausch des vari-
ablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft und dem entspre-
chenden Ausschluß des Arbeiters vom Produkt, wird Zwangsarbeit in
freie Lohnarbeit, vermittelte Zwangsarbeit, verwandelt. An die
Stelle des Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisses tritt der
"falsche Schein eines Assoziationsverhältnisses, worin Arbeiter
und Kapitalist das Produkt nach dem Verhältnis seiner verschie-
denen Bildungsfaktoren teilen." 90) Wenn die Aneignung von Mehr-
arbeit als Quelle der Verwertung hinter dieser Form versteckt
ist, dann kann den anderen Elementen des Produktionsprozesses die
okkulte Qualität der Verwertung zugeschrieben werden. "Man be-
greift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von
Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder
in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform,
die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und gerade sein Ge-
genteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie
des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Pro-
duktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen
Flausen der Vulgärökonomie." 91)
Auch der Arbeiter bewegt sich daher in den Gestaltungen des Sch-
eins, die die Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft bilden,
und bleibt in dieser verzauberten Welt befangen. Weil der bestän-
dig erneuerte Selbstverkauf des Arbeiters durch das Kapitalver-
hältnis gesetzt ist, seine ökonomische Hörigkeit zugleich vermit-
telt wie versteckt ist, das Kapital als Herrschafts- und Knecht-
schaftsverhältnis ihm nicht mehr bewußt wird, verkehrt sich auch
für den Arbeiter diese gesellschaftliche Form zur Naturform.
Diese der Produktionsform immanente Verkehrung bildet die Voraus-
setzung dafür, daß sich im Fortgang der kapitalistischen Produk-
tion eine Arbeiterklasse entwickeln kann, "die aus Erziehung,
Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise
als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt." 92)
Die Trennung der Arbeiter von den Verwirklichungsbedingungen ih-
rer Arbeit, der Entfremdungsprozeß der Arbeit, umfaßt jedoch
nicht nur die Versachlichung der Personen und die Personifizie-
rung der Sachen, also die Mystifikation der gesellschaftlichen
Verhältnisse, sondern auch die Entwicklung der materiellen Bedin-
gungen für die Aufhebung dieser Trennung, die Entfaltung der ge-
sellschaftlichen Potenzen der Arbeit. Weil die Herrschaft des Ka-
pitalisten über den Arbeiter nur die Herrschaft der verselbstän-
digte, dem Arbeiter fremd gegenüberstehenden Arbeitsbedingungen
ist, vollzieht sich die Entfaltung der gesellschaftlichen Arbeit
innerhalb dieser bornierten Verhältnisse. Die Entwicklung der
Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit ist nicht das Werk
der assoziierten und bewußt handelnden Produzenten, sondern durch
das Kapital bestimmt. Daß die Entfaltung der Potenzen gesell-
schaftlicher Arbeit im Gegensatz zu den unmittelbaren Produzenten
auch die materiellen Bedingungen für deren Emanzipation ein-
schließt, was sich in zunehmenden Konflikten ausdrückt, ist auch
ein entscheidender Bestimmungsgrund für deren Bewußtsein.
"Insofern steht hier der Arbeiter von vornherein höher als der
Kapitalist, als der letztere in jenem Entfremdungsprozeß wurzelt
und in ihm seine absolute Befriedigung findet, während der Arbei-
ter als sein Opfer von vornherein dagegen in einem rebellischen
Verhältnis steht und ihn als Knechtungsprozeß empfindet." 93)
Abgesehn von den Formen, in welchen sich dieser Knechtungsprozeß
im Bewußtsein ausdrückt, bzw. der Bestimmung der Bedingungen, un-
ter denen sich die Knechtung verschärft und damit auch das Be-
wußtsein davon verändert - was noch zu skizzieren wäre - kann
schon jetzt festgehalten werden, daß die Darstellung der spezi-
fisch bürgerlichen Form der gesellschaftlichen Arbeit mißverstan-
den ist, wenn der Akzent ausschließlich auf die Mystifikation der
gesellschaftlichen Verhältnisse gelegt wird, die in dem Verkeh-
rungsprozeß von Subjekt und Objekt enthaltenen positiven, revolu-
tionären Momente aber ignoriert werden. Die These von der Herr-
schaftstotalität der Verdinglichung und damit von der prinzipiel-
len Beschränktheit des Arbeiterbewußtseins ist immer schon Aus-
druck der Abstraktion davon, daß die Herrschaft der Produktions-
bedingungen über die unmittelbaren Produzenten und die damit ge-
setzte rücksichtslose Entfaltung der Produktivkräfte der gesell-
schaftlichen Arbeit notwendiger Durchgangspunkt ist, wodurch al-
lein die materielle Basis einer freien menschlichen Gesellschaft
geschaffen wird. Wenn aus der Marxschen Theorie, d.h. der syste-
matischen Darstellung der historisch spezifischen Form der Ge-
sellschaftlichkeit der Arbeit, dieses wesentliche Moment ausge-
klammert wird, dann muß notwendig versucht werden, die so ver-
kürzte Theorie durch eine Theorie der Revolution zu ergänzen, in
der allererst die notwendigen Bedingungen des revolutionären Pro-
zesses und seine organisatorischen Formen benannt werden. Dagegen
wird hier daran festgehalten, daß die Bestimmungen der Bedingun-
gen, unter denen das Proletariat die Mystifikation und Verdingli-
chung der gesellschaftlichen Verhältnisse durchbrechen kann,
selbst noch in der Marxschen Theorie entwickelt sind, wenngleich
nur auf einer bestimmten Abstraktionsstufe. Insofern sich auf der
Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft ihr innerer Zusammenhang
verkehrt darstellt, muß die innere Natur des Kapitals begriffen
sein, soll nicht in der Untersuchung konkreter Klassenstrukturen
die Bewegung des Scheins reproduziert werden. "Die fertige Ge-
stalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Ober-
fläche zeigt, in ihrer realen Existenz, und daher auch in den
Vorstellungen, worin die Träger und Agenten dieser Verhältnisse
sich über dieselben klar zu werden suchen, sind sehr verschieden
von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich zu ihrer innern, we-
sentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechen-
den Begriff." 94) Die Bestimmung der allgemeinen und notwendigen
Tendenzen des Kapitals ist selbst noch Voraussetzung für die Dar-
stellung ihrer Erscheinungsformen und die Untersuchung, wie diese
durch zahllos verschiedene empirische Umstände modifiziert sind.
Daher ist die Bestimmung der Notwendigkeit wie der Bedingungen
der Aufhebung der Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse
durch das Proletariat - im Anschluß an die Marxsche Theorie -
zunächst nur im Rahmen des allgemeinen Begriffs des Kapitals mög-
lich. Die genaue Bestimmung der Formen des Bewußtseins der Klas-
sen und ihrer Fraktionen muß der Untersuchung der wirklichen Be-
wegung der Konkurrenz vorbehalten bleiben, in der der modifizie-
rende Einfluß durch die politischen Formen, ideologische Anschau-
ung, tradiertes Bewußtsein etc. auf die wirkliche ökonomische Be-
wegung aufzunehmen ist. Der Zusammenhang dieser verschiedenen Mo-
mente kann nur bestimmt werden, wenn zunächst - ausgehend vom Ka-
pital im Allgemeinen - die reale ökonomische Bewegung dargestellt
und die spezifische politische Gestalt des Gemeinwesens aus der
spezifisch ökonomischen Form, in der den unmittelbaren Produzen-
ten Mehrarbeit abgepreßt wird, abgeleitet ist, um dann durch Ana-
lyse der verschiedenen gegebenen Umstände die vielfältigen Abstu-
fungen in den Erscheinungsformen erklären zu können. Wird dieser
methodische Zusammenhang aufgegeben, müssen einzelne Momente der
komplexen historischen Situationen zur Konstruktion einer
"Theorie der Revolution" herhalten, in der dann die vorgeblich
aus der geschichtlichen Erfahrung der Arbeiterklasse gewonnenen
"allgemeinen Prinzipien" revolutionärer Taktik und die Darstel-
lung der Momente der historisch spezifischen Form gesellschaftli-
cher Arbeit auseinanderfallen.
"Das Wirken einer größeren Arbeiteranzahl zur selben Zeit, in
demselben Raum (oder, wenn man will, auf demselben Arbeitsfeld),
zur Produktion derselben Warensorte, unter dem Kommando desselben
Kapitalisten, bildet historisch und begrifflich den Ausgangspunkt
der kapitalistischen Produktion." 95) In der Entwicklung der ka-
pitalistischen Produktionsweise vollzieht sich die Entfaltung des
gesellschaftlichen Charakters der Arbeit, der jedoch den einzel-
nen Produzenten als fremde, vom Kapital gesetzte Macht gegenüber-
tritt. Die gesellschaftlichen Formen der Arbeit der so kombinier-
ten Produzenten resp. die Formen ihrer gesellschaftlichen Arbeit
erscheinen den einzelnen Arbeitern als von ihnen ganz unabhängige
Verhältnisse. "Als unabhängige Personen sind die Arbeiter Verein-
zelte, die in ein Verhältnis zu demselben Kapital, aber nicht zu-
einander treten." 96) Weil es das treibende Motiv und der bestim-
mende Zweck des Kapitals ist, sich selbst zu verwerten, ergibt
sich die allgemeine Tendenz, über eine beständige Verkürzung der
notwendigen Arbeit eine Vergrößerung der Surplusarbeit zu errei-
chen durch die Entwicklung der Produktivität der Arbeit, d.h. ih-
rer gesellschaftlichen Potenzen. Je mehr das Kapital die gesell-
schaftliche Organisation der Produktion entwickelt, desto mehr
verschärft sich der Widerspruch, daß die Arbeiter als gesell-
schaftliche produzieren, ihnen aber diese Gesellschaftlichkeit
nicht bewußt ist, sondern als Qualität des Kapitals erscheint.
"Die Vermehrung der Produktivkraft der Arbeit und die größte Ne-
gation der notwendigen Arbeit ist die notwendige Tendenz des Ka-
pitals, wie wir gesehn. Die Verwirklichung dieser Tendenz ist die
Verwandlung des Arbeitsmittels in Maschinerie." 97) In dem Maße,
wie sich das Maschinensystem, die große Industrie, entwickelt,
wird der Zweck des Kapitals, seine maßlose Verwertung, zunehmend
unverträglich mit den Mitteln seiner Verwirklichung. In demselben
Maße, wie die Arbeitszeit durch das Kapital als bestimmendes
Prinzip der Produktionsweise gesetzt wird, in demselben Maße wird
die Arbeit des einzelnen Produzenten in ihrem unmittelbaren Da-
sein zur gesellschaftlichen Arbeit und entwickelt sich der Kon-
flikt zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und ih-
rer gesellschaftlichen Form. Dieser dem Kapitalverhältnis imma-
nente Widerspruch zwischen dem Setzen der Arbeitszeit als einzi-
gem Maß und Quelle des Reichtums einerseits und der Reduktion
dieser Arbeitszeit auf ihr Minimum andererseits drückt sich als
wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Ge-
sellschaft zu ihren bisherigen Produktionsverhältnissen in Kon-
flikten und Krisen aus. "Diese widersprechende Forderung, deren
Entwicklung in verschiedenen Formen als Überproduktion, Überpopu-
lation etc. sich zeigen wird, macht sich geltend in der Form ei-
nes Prozesses, worin die widersprechenden Bestimmungen sich in
der Zeit ablösen." 98) Mit der Entwicklung der großen Industrie
erhält die Produktion eine bisher nie gekannte Elastizität, eine
sprunghafte Ausdehnungsfähigkeit, wird durch eine internationale
Teilung der Arbeit in den Weltmarkt integriert und schafft durch
die Entwicklung der Produktivität gesellschaftlicher Arbeit eine
vom absoluten Wachstum der Bevölkerung unabhängige Vermehrung des
disponiblen Menschenmaterials, womit die materielle Grundlage für
den eigentümlichen Lebenslauf der modernen Industrie gelegt ist,
der durch eine Phasenfolge von Perioden mittlerer Lebendigkeit,
Prosperität, Überproduktion, Krise und Stagnation bestimmt ist.
Weil die Akkumulation des Kapitals nicht nur Produktion auf er-
weiterter Stufenleiter ist, sondern fortwährenden qualitativen
Wechsel seiner technischen wie Wertzusammensetzung einschließt,
schlägt sich die Revolutionierung der Arbeitsmittel in einer Ver-
änderung der materiellen Grundlage der periodischen Krisen nie-
der, was schließlich auf eine stufenweise Verkürzung der Phasen-
folge bzw. der Periode des Zyklus hinausläuft. 99) Diese Bewegun-
gen, die das Kapital im Prozeß der Akkumulation begleiten, spie-
geln sich wider in der Lebenslage der Masse des Proletariats,
insofern sich die Ebb- und Flutperioden des industriellen Zyklus
als Wechsel von bequemen und liberalen sowie despotischen Formen
der Herrschaft des Kapitals darstellen.
Die große Industrie vermehrt die Masse des Proletariats und
drängt es immer mehr in den gesellschaftlichen Zentren der Pro-
duktion zusammen. 100) Das Wachstum des Proletariats vollzieht
sich nicht als kontinuierliche Entwicklung, sondern ist bedingt
durch den Periodenwechsel des industriellen Zyklus, wo die Arbei-
ter bald durch qualitativen Wechsel der Zusammensetzung des Kapi-
tals aus dem Produktionsprozeß hinausgeworfen, bald durch quanti-
tative Ausdehnung auf gegebener technischer Grundlage in ihn hin-
eingezogen werden. Wie sich die dem Kapital an und für sich ei-
gene Gleichgültigkeit gegenüber einer bestimmten Art der Produk-
tion innerhalb des industriellen Zyklus als wechselnde Verteilung
auf verschiedene Produktionszweige geltend macht, so muß auch der
Arbeiter diesen Übergang mitmachen, und wird die Variabilität der
Arbeit und die Gleichgültigkeit des Arbeiters gegen den bestimm-
ten Inhalt seiner Tätigkeit erzeugt, "Je entwickelter die kapita-
listische Produktion in einem Lande, umso größer die Forderung
der V a r i a b i l i t ä t an das Arbeitsvermögen, umso
gleichgültiger der Arbeiter gegen den b e s o n d r e n I n-
h a l t seiner Arbeit und umso flüssiger die Bewegung des
Kapitals aus einer Produktionssphäre in die andere." 101) Neben
der beständigen Erzeugung einer zunehmenden Gleichgültigkeit der
Arbeiter gegen den bestimmten Inhalt ihrer Tätigkeit durch die
beständige Bildung neuer Beschäftigungsarten, durch zunehmende
Variabilität des Arbeitsvermögens und durch wachsende Unsicher-
heit in der Lebenslage des Proletariats, schließt der Lebenslauf
der großen Industrie den beständigen Wechsel in den Bedingungen
des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft ein. Je nachdem ob
die Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals die zur Verfügung ste-
henden exploitablen Menschenmassen überflügeln, also die Nach-
frage nach Arbeit ihr Angebot übersteigt, verändern sich die Ar-
beitslöhne und die Konkurrenzbedingungen unter den Arbeitern.
Weil die Ware Arbeitskraft wie jede andere Ware im Rhythmus des
industriellen Zyklus beständigen Fluktuationen von Angebot und
Nachfrage ausgesetzt ist, aber das Gesetz der Nachfrage und Zu-
fuhr von Arbeit auf der Basis der durch den beständigen qualita-
tiven Wechsel in der Zusammensetzung des Kapitals produzierten
industriellen Reservearmee die Despotie des Kapitals vollendet,
indem so das Kapital selbst noch die Bedingungen des Kaufs und
Verkaufs der Ware Arbeitskraft setzt, müssen die Arbeiter durch
Assoziationen ihre Vereinzelung und Konkurrenz untereinander auf-
heben, die selbst vom Druck der relativen Surpluspopulation ab-
hängt. "Während der Phase sinkender Marktpreise, ebenso wie wäh-
rend der Phasen der Krise und der Stagnation, ist der Arbeiter,
falls er nicht überhaupt aufs Pflaster geworfen wird, einer Her-
absetzung des Arbeitslohns gewärtig. Um nicht der Geprellte zu
sein, muß er, selbst während eines solchen Sinkens der Markt-
preise, mit dem Kapitalisten darüber markten, in welchem propor-
tionellen Ausmaß eine Lohnsenkung notwendig geworden sei. Wenn er
nicht bereits während der Prosperitätsphase, solange Extraprofite
gemacht werden, für eine Lohnsteigerung kämpfte, so käme er im
Durchschnitt eines industriellen Zyklus nicht einmal zu seinem
D u r c h s c h n i t t s l o h n oder dem W e r t seiner Ar-
beit." 102) So gleichgültig es für die Analyse des Kapitals ist,
ob man das Niveau der Arbeiterbedürfnisse hoch oder niedrig an-
setzt, so wesentlich ist es, festzuhalten, daß die Kämpfe um den
Lohnstandard von dem ganzen Lohnsystem unzertrennliche Begleiter-
scheinungen sind, die Arbeiter nur als assoziierte mit dem Kapi-
talisten in Verhandlungen über den Verkauf ihrer Arbeitskraft
treten können, daß also in den tagtäglichen Zusammenstößen mit
dem Kapital die Notwendigkeit dieser Organisation begründet
liegt.
Einerseits werden in der kapitalistischen Produktionsweise ihre
spezifischen Produktionsverhältnisse reproduziert, die Trennung
der Arbeiter von den Verwirklichungsbedingungen ihrer Arbeit, so-
daß stets erneut der objektive Reichtum im Kapital ihnen als be-
herrschende und ausbeutende Macht gegenübertritt, und die bestän-
dige Erneuerung ihres Selbstverkaufs gesetzt ist, sowie mit der
Reproduktion dieser Verhältnisse auch die verdrehten Formen, in
denen sich der Produktionsprozeß im Bewußtsein der Produktions-
agenten widerspiegelt. Andererseits zwingt das Kapital die Arbei-
ter dazu, schrittweise in ein Verhältnis zueinander zu treten, zu
ersten Formen der Organisation im Kampf gegen die sie beherr-
schende Macht der verselbständigten Produktionsbedingungen. Indem
Maße, wie das Kapital die Gleichgültigkeit der Arbeiter gegen den
bestimmten Inhalt ihrer Arbeit erzeugt, ihnen damit zunehmend be-
wußt wird, daß sie als bloße Personifikationen von Arbeitsvermö-
gen in einem Zwangsverhältnis zu den personifizierten Funktio-
nären der verselbständigten Produktionsbedingungen stehen, in dem
Maße bilden sie Organisationen zu dem Zweck, die Konkurrenz unter
sich aufzuheben und den Kapitalisten eine allgemeine Konkurrenz
machen zu können. "Wenn der erste Zweck des Widerstandes nur die
Aufrechterhaltung der Löhne war, so formieren sich die anfangs
isolierten Koalitionen in dem Maß, wie die Kapitalisten ihrer-
seits sich behufs der Repression vereinigen zu Gruppen, und ge-
genüber dem stets vereinigten Kapital wird die Aufrechterhaltung
der Assoziationen notwendiger für sie als die des Lohnes." 103)
Aus den ökonomischen Kämpfen heraus entwickelt die Arbeiterklasse
vorläufige Organisationen, die eine Verschärfung der Klassenaus-
einandersetzungen bewirken und selbst Mittel für die Schaffung
höherentwickelter organisatorischer Formen sind. Mit der Zerstö-
rung aller Übergangsformen, wohinter sich die Herrschaft des Ka-
pitals zeitweilig versteckt, und der Etablierung seiner direkten
Herrschaft verallgemeinert sich auch der direkte Kampf gegen
diese Herrschaft, die Kollisionen nehmen zunehmend den Charakter
von Kollisionen zweier Klassen an, womit die Arbeiterassoziatio-
nen einen immer deutlicheren politischen Charakter erhalten. "Und
in dieser Weise wächst überall aus den vereinzelten ökonomischen
Bewegungen der Arbeiter eine p o l i t i s c h e Bewegung her-
vor, d.h. eine Bewegung der Klasse, um ihre Interessen durch-
zusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine, ge-
sellschaftlich zwingende Kraft besitzt. Wenn diese Bewegungen
eine gewisse previous Organisation unterstellen, sind sie ihrer-
seits ebensosehr Mittel der Entwicklung dieser Organisation."
104)
Weil die Form der Organisation abhängt von dem Grad der Bewußt-
heit vom Kapital als vermitteltem Herrschafts- und Knechtschafts-
verhältnis, dieser jedoch bestimmt ist durch das Maß, in dem
durch das Kapital die Gleichgültigkeit der Arbeiter gegen den be-
stimmten Inhalt ihrer Arbeit entwickelt ist, was wiederum abhängt
von den jeweiligen Phasen des industriellen Zyklus so wie seiner
gesamten Verlaufsform, deshalb vollzieht sich die Bewegung vom
ökonomischen zum politischen Kampf nicht kontinuierlich. Vielmehr
wird "diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit
zur politischen Partei,... jeden Augenblick wieder gesprengt
durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst." 105) In den
Phasen des industriellen Zyklus, wo sich die Despotie des Kapi-
tals in bequeme und liberale Formen kleidet, also günstige Ver-
kaufsbedingungen für die Ware Arbeitskraft gegeben sind, werden
die Assoziationen der arbeitenden Klasse geschwächt, weil durch
die Erweiterung des Konsumtionsfonds der Arbeiterklasse, durch
die Stetigkeit der Beschäftigung und relative Sicherheit der Le-
benslage, kurz, durch die Abnahme der vollkommenen Gleichgültig-
keit gegen den bestimmten Inhalt der Arbeit die Herrschaft des
Kapitals verschleiert wird. Steigender Preis der Arbeit infolge
überschäumender Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals erlaubt
zwar eine Veränderung des Lebensstandards und eine veränderte Be-
handlung des Proletariats, hebt aber das für die Lohnarbeit cha-
rakteristische Abhängigkeitsverhältnis nicht auf. "Bei dieser
allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerli-
chen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb
der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann, von
einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolu-
tion ist nur i n d e n P e r i o d e n möglich, wo diese
b e i d e n F a k t o r e n, die m o d e r n e n Produk-
tiv k r ä f t e und die b ü r g e r l i c h e n P r o d u k-
t i o n s f o r m e n, miteinander i n W i d e r s p r u c h
geraten... E i n e n e u e R e v o l u t i o n i s t n u r
m ö g l i c h i m G e f o l g e e i n e r n e u e n
K r i s i s. S i e i s t a b e r a u c h e b e n s o s i-
c h e r w i e d i e s e." 106)
Mit der Entwicklung der großen Industrie wird die Masse der Be-
völkerung in Arbeiter verwandelt, die Herrschaft des Kapitals
schafft für diese Masse eine gemeinsame Situation und Gleichheit
ihrer Lebenslagen, und damit bildet diese Masse bereits eine
Klasse gegenüber dem Kapital. Die große Industrie entwickelt in
den riesigen Produktivkräften selbst erst die Voraussetzung für
die Organisation der revolutionären Elemente als Klasse, und
diese Entwicklung schließt eine Reihe von Konflikten zwischen den
von ihr geschaffenen Produktivkräften und den gesellschaftlichen
Formen der Produktion ein, die die Beseitigung des kapitalisti-
schen Charakters der Produktion zur zwingenden Notwendigkeit er-
heben. Die Verwandlung der vereinzelten ökonomischen Bewegung in
einen Kampf von Klasse gegen Klasse als politischem Kampf hat
also ihre materielle Basis in bestimmten ökonomischen Bedingun-
gen. "In diesem Kampf, den wir nur in einigen Phasen gekennzeich-
net haben, findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie
sich als Klasse für sich selbst." 107) Das eigentliche Resultat
der ökonomischen Auseinandersetzung des Proletariats bemißt sich
daran, wieweit sie die politische Bewegung vorantreiben, liegt
also nicht in ihrem unmittelbaren Erfolg, sondern in der Auswei-
tung und Festigung der revolutionären Organisation, was einer
fortschreitenden Aufhebung der Konkurrenz unter den unmittelbaren
Produzenten gleichkommt. 108) "Die Konkurrenz isoliert die Indi-
viduen, nicht nur die Bourgeois, sondern noch mehr die Proleta-
rier gegeneinander, trotzdem daß sie sie zusammenbringt. Daher
dauert es eine lange Zeit, bis diese Individuen sich vereinigen
können, ... und daher ist jede organisierte Macht gegenüber die-
sen isolierten und in Verhältnissen, die die Isolierung täglich
reproduzieren, lebenden Individuen erst nach langen Kämpfen zu
besiegen. Das Gegenteil verlangen hieße ebensoviel wie zu verlan-
gen, daß die Konkurrenz in dieser bestimmten Geschichtsepoche
nicht existieren soll oder daß die Individuen Verhältnisse, über
die sie als Isolierte keine Kontrolle haben, sich aus dem Kopf
schlagen sollen." 109) Weil die radikale soziale Revolution
selbst noch an historische Bedingungen der ökonomischen Entwick-
lung gebunden ist, kann hier, wo nur die allgemeinen Tendenzen
des Kapitals skizziert werden konnten, der genaue Stand der Bewe-
gung von der Klasse an sich zur Klasse für sich nicht bestimmt
werden. Diese Aufgabe kann nur gelöst werden durch eine Klassen-
analyse, in der eine genaue Bestimmung der Verhältnisse der deut-
schen Industrie und ihrer Stellung auf dem Weltmarkt sowie dessen
Entwicklungstendenzen zu leisten wäre.
Läuft diese These, daß nicht der Wille, sondern die ökonomischen
Bedingungen Grundlage der sozialen Revolution sind, auf eine öko-
nomistische Position hinaus, die sich im Hinblick auf den Automa-
tismus in der revolutionären Entwicklung, der sich aus dem unver-
meidlichen Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise
ergeben soll, jeder revolutionären Betätigung enthält, und in
akademischen Scheingefechten um die richtige Exegese seminarmar-
xistisch verkommen muß? Kann eben in Ansehung des den nationalen
Grenzen längst entwachsenen Zentralisations- und Konzentrations-
grads des Kapitals "bei der Strategiebestimmung nicht auf eine
katastrophische Totalkrise" 110) gesetzt werden? Sind also Marx
und Engels "Opfer einer noch nicht voll ausgearbeiteten Theorie
der Handelskrisen (geworden), die ihnen eine ökonomische Kata-
strophe als unmittelbar bevorstehend nahelegte" 111), was zu
falschen Schlußfolgerungen für die Organisation des Proletariats
führte? Hat "die werttheoretische Grundannahme von Marx, daß die
Wertabstraktion sich naturgesetzlich durchsetzen und schließlich
den Zusammenbruch des Kapitalismus herbeiführen wird, ... bei
ihm, wie bei seinen westeuropäischen Nachfolgern, die Erarbeitung
einer expliziten Theorie der proletarischen Revolution verhin-
dert", und ist in Erwägung des Monopolkapitalismus und der spät-
kapitalistisch organisierten Produktion sowie der Verwendung von
Wissenschaft und Technik "Kritik als Wissenschaft der Krise"
obsolet geworden. 112) Um diese Einwände aufzunehmen, muß gezeigt
werden, welche organisatorischen Konsequenzen, insbesondere für
das Stadium relativ unterentwickelter Klassenkämpfe, in dieser
Interpretation der Marxschen Theorie eingeschlossen sind.
Die Partei des Proletariats
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Bisher hat sich gezeigt, daß auf Grundlage der zentralisierten
Produktionsmittel, die auf großer Stufenleiter organisierte Ar-
beit die materielle Basis der Bewegung des Proletariats ist. "Was
das Proletariat zu tun hat, ist den gegenwärtigen kapitalisti-
schen Charakter dieser organisierten Arbeit und dieser zentrali-
sierten Arbeitsmittel umzuwandeln, sie aus Werkzeugen der Klas-
senherrschaft und Klassenausbeutung in Formen der freien assozi-
ierten Arbeit und in gesellschaftliche Produktionsmittel zu ver-
wandeln." 112a) In dem Maße, wie sich die wirkliche Einsicht in
die historischen Bedingungen dieser sozialen Bewegung unter der
arbeitenden Klasse verbreitet, und sich somit die Kräfte für die
Kampforganisation der arbeitenden Klasse sammeln, in demselben
Maße verändern sich mit Verschärfung des Klassenkampfs die poli-
tischen Formen dieser sozialen Bewegung der Arbeiterklasse. Auf
einem bestimmten Punkt der Entwicklung der kapitalistischen Wi-
dersprüche wird die letztmögliche politische Form der Bourgeois-
gesellschaft ersetzt werden durch die politische Form der sozia-
len Emanzipation der Arbeiterklasse, wodurch die Befreiung der
gesellschaftlichen Formen in der gegenwärtigen organisierten Ar-
beit von den Fesseln der Lohnsklaverei eingeleitet wird. Wenn
sich die Formen des proletarischen Klassenkampfs verändern mit
der Entwicklung des Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital und
mit den in einer konkreten historischen Situation eingeschlosse-
nen spezifischen Umständen, jene indes wie oben angedeutet, nur
auf Grund einer Analyse dieser gegebenen historischen Situation
zu bestimmen sind, so können doch bei der allgemeinen Betrachtung
dieser Verlaufsform des proletarischen Klassenkampfs zwei Phasen
unterschieden werden bezogen auf den Grad der Entwicklung der
Vergesellschaftung der Arbeit. Einerseits nehmen bei relativ un-
entwickeltem Kapitalverhältnis, wo zwar das Kapital die gesamte
Produktion dominiert, die Mehrheit der unmittelbaren Produzenten
aber unter Bedingungen isolierter und nicht kombinierter Arbeit
produziert, vorkapitalistische Produktionsweisen und Übergangs-
oder Zwischenformen einen relativ breiten Raum ein (etwa freies
Parzelleneigentum) und ist damit ein Gegensatz zwischen städti-
schen und ländlichen Produzenten vorhanden. Andererseits schließt
ein hochentwickelter Stand der Produktivkräfte die Auflösung die-
ses Gegensatzes ein, nimmt die landwirtschaftliche Produktion
selbst industriellen Charakter an, lösen sich die Zwischenschich-
ten auf, und wird die Mehrheit der unmittelbaren Produzenten zu
Lohnarbeitern. Aus der Ungleichzeitigkeit der kapitalistischen
Entwicklung auf dem Weltmarkt resultiert die Gleichzeitigkeit
dieser möglichen Situationen. Bei der Bestimmung der Parteikon-
zeption muß eben berücksichtigt werden, ob isolierte oder kombi-
nierte Arbeit - und die damit gegebenen verschiedenen politischen
Formen sowie sozialen und politischen Ansichten - die gesell-
schaftliche Produktion dominieren. Zunächst muß entwickelt wer-
den, welche organisatorischen Konsequenzen sich bei hochentwic-
keltem Stand der Produktivkräfte, aber relativ unentwickeltem
Stand des Klassenkampfs für die Kommunisten ergeben.
Wenngleich für die Auflösung der widersprüchlichen Verfassung des
Bewußtseins des Proletariats und damit für die Verwandlung der
ökonomischen in eine politische Bewegung materielle Bedingungen
in dem Sinne ausschlaggebend sind, daß die Konflikte zwischen den
gesellschaftlichen Verhältnissen und den Produktivkräften erst
die Veränderung des kapitalistischen Charakters der Produktion
zur zwingenden Notwendigkeit erheben, so folgt daraus nicht, daß
das Proletariat als Ganzes gleichförmig diesen Prozeß der Verän-
derung des Bewußtseins durchmacht. Weil die verschiedenen Frak-
tionen des produktiven Gesamtarbeiters unterschiedlichen Bedin-
gungen unterliegen, das Proletariat nicht gleichmäßig ökonomi-
schen Konflikten und Krisen ausgesetzt ist und dieselbe ökonomi-
sche Basis durch mannigfaltige Umstände zahllose Abstufungen in
der Erscheinung zeigt, was sich notwendig im Bewußtsein der Pro-
duktionsagenten widerspiegelt, und die nur durch Analyse dieser
empirisch gegebenen Modifikationen zu begreifen sind, ergibt sich
innerhalb der arbeitenden Klasse eine Differenzierung nach dem
Grad der Bewußtheit von der wirklichen Natur der kapitalistischen
Produktionsweise. 113) Aufgrund der Erfahrung tagtäglicher sozi-
aler Konflikte, ihrer Arbeits- und Lebenserfahrungen, vereinigen
sich zunächst nur die im Hinblick auf die Entwicklung dieser Be-
wußtheit fortgeschrittensten Teile des Proletariats zu kommuni-
stischen Organisationen. "Die allgemeinen Bestrebungen und Ten-
denzen der Arbeiterklasse entspringen den realen Bedingungen, in
denen sie sich vorfindet. Deshalb sind die Bestrebungen und Ten-
denzen in der ganzen Klasse vorhanden, obwohl sich die Bewegung
in ihren Köpfen in den unterschiedlichsten Formen widerspiegelt,
mehr oder weniger phantastisch, mehr oder weniger den Bedingungen
entsprechend. Diejenigen, die den verborgenen Sinn des sich vor
unseren Augen abspielenden Klassenkampfes am besten deuten - die
Kommunisten - sind die letzten, den Fehler zu begehen, Sektierer-
tum zu billigen oder zu fördern." 114) Selbst wenn die Avantgar-
deorganisation der bewußten Minderheit notwendiges Moment im Kon-
stitutionsprozeß der Klasse für sich ist, so ist doch ihr Charak-
ter dadurch bestimmt, daß sie sich in diesem Prozeß als Avantgar-
deorganisation aufhebt. Die proletarische Revolution kann nicht
durch die Aktion einer kleinen, aber wohl organisierten Minder-
heit eingeleitet werden, die zwar gegenüber den bisherigen Min-
derheitsrevolutionen in der Geschichte das vorweg hat, daß sie im
Grunde doch als Vorhut die Interessen der arbeitenden Klasse und
damit der Majorität der Bevölkerung vertritt, und daß notwendig
der Umschlag der Revolution der Minorität in die Revolution der
Majorität erfolgen muß, sondern die grundlegende soziale Umge-
staltung der Produktionsverhältnisse kann nur das bewußte Werk
der Mehrheit sein, die nicht durch die Avantgarde überrumpelt und
zum Handeln gedrängt werden kann. Statt die Massen überlisten zu
wollen, indem dem revolutionären Entwicklungsprozeß vorgegriffen
werden soll, hat die Avantgarde die Aufgabe, durch fortwährende
Agitation die intellektuelle Entwicklung des Proletariats zu för-
dern. Nicht die Revolution kann die Bedingung für die Einsicht
der Massen in ihr Handeln sein, sondern umgekehrt ist diese Ein-
sicht selbst Bedingung für die proletarische Revolution. "Die
Zeit der Überrumpelung, der von kleinen bewußten Minoritäten an
der Spitze bewußtloser Massen durchgeführten Revolutionen ist
vorbei. Wo es sich um eine vollständige Umgestaltung der gesell-
schaftlichen Organisation handelt, da müssen die Massen selbst
mit dabeisein, selbst schon begriffen haben, worum es sich han-
delt, für was sie mit Leib und Leben eintreten... Damit aber die
Massen verstehen, was zu tun ist, dazu bedarf es langer ausdau-
ernder Arbeit." 115)
Diese Auffassung, daß die proletarische Revolution nur bewußte
Aktion der Mehrheit sein kann, und sich das Proletariat orientie-
ren muß an den wahren Bedingungen seiner Emanzipation, ist selbst
erst möglich auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der bürgerli-
chen Gesellschaft. In den Anfängen der kapitalistischen Produkti-
onsweise hat das Proletariat noch unentwickelte Gestalt, ist zu
keiner selbständigen geschichtlichen Bewegung fähig und sucht
nach einer sozialen Wissenschaft, nach sozialen Gesetzen, um von
deren Erkenntnis ausgehend die fehlenden materiellen Bedingungen
schaffen zu können. An die Stelle der allmählich vor sich gehen-
den Organisation des Proletariats zur Klasse treten in dieser hi-
storischen Phase Sekten, die sich auf persönlich erfinderische
Tätigkeit werfen, um phantastisch utopische Gesellschaftsideale
auszuhecken, deren Verwirklichung durch allerlei Allerweltsheil-
mittel bewerkstelligt werden soll. Die ersten Versuche des Prole-
tariats, sein Klasseninteresse durchzusetzen, sind einmal be-
stimmt durch notwendig falsche Vorstellungen von der wirklichen
Bewegung in die höhere Produktionsform, zum ändern durch Erneu-
ten, ausgelöst von geheimen Gesellschaften, verschwörerischen Or-
ganisationen einer Minorität. Diese Geheimgesellschaften als
wichtigste Form des sozialistischen Sektenwesens, deren histori-
sche Berechtigung in einem noch relativ unentwickelten Stand der
Produktivkräfte liegt, beschränkten sich nicht darauf, das Prole-
tariat zu organisieren. "Ihr Geschäft besteht gerade darin, dem
revolutionären Entwicklungsprozeß vorzugreifen, ihn künstlich zur
Krise zu treiben, eine Revolution aus dem Stegreif, ohne die Be-
dingungen einer Revolution zu machen. Die einzige Bedingung der
Revolution ist für sie die hinreichende Organisation ihrer Ver-
schwörung... Sie werfen sich auf Erfindungen, die revolutionäre
Wunder verrichten sollen: Brandbomben, Zerstörungsmaschinen von
magischer Wirkung, Erneuten, die um so wundertätiger und überra-
schender wirken sollen, je weniger sie einen rationellen Grund
haben. Mit solcher Projektmacherei beschäftigt, haben sie keinen
ändern Zweck als den nächsten des Umsturzes der bestehenden Re-
gierung und verachten aufs tiefste die mehr theoretische Aufklä-
rung der Arbeiter über ihre Klasseninteressen. Daher ihr nicht
proletarischer, sondern ihr plebejischer Ärger über die habits
noirs, die mehr oder minder gebildeten Leute, die diese Seite der
Bewegung vertreten, von denen sie aber ... sich nie ganz unabhän-
gig machen können." 116) Das sozialistische Sektenwesen stößt
notwendig an eine Schranke: alle Sekten sind wesentlich reaktio-
när, sobald die wirkliche Arbeiterbewegung zu einer selbständig
geschichtlichen Rolle fähig ist. Marx und Engels bekämpften die
utopischen Sozialisten und die Konzeption der geheimen Gesell-
schaften, weil schon bei dem damals erreichten Stadium der Ent-
wicklung der kapitalistischen Produktionsweise Kommunismus nicht
mehr heißen konnte: "Ausheckung, vermittelst der Phantasie, eines
möglichst vollkommenen Gesellschaftsideals, sondern: Einsicht in
die Natur der Bedingungen und die sich daraus ergebenden allge-
meinen Ziele des vom Proletariat geführten Kampfes." 117) Aus dem
Auflösungsprozeß des Privateigentums folgt notwendig, daß das We-
sen einer Assoziation, die sich mit der Arbeiterklasse selbst
identifiziert, jede Organisation nach der Form der geheimen Ge-
sellschaft verbietet. "Wenn die Arbeiterklasse konspiriert, die
die große Masse jeder Nation bildet, die allen Reichtum erzeugt
und in deren Namen selbst die u s u r p i e r e n d e n Gewal-
ten vorgeben zu regieren, so konspiriert sie öffentlich, wie die
Sonne gegen die Finsternis konspiriert, in dem vollen Bewußtsein,
daß außerhalb ihres Bereiches keine legitime Macht besteht." 118)
Diese Auffassung, die sich notwendig aus den Bewegungsgesetzen
der kapitalistischen Produktion ergibt, hat sich in den Statuten
der Internationalen Arbeiterassoziation niedergeschlagen. Dar-
überhinaus setzt Marx auf der Londoner Konferenz der IAA im Sep-
tember 1871 folgenden Antrag durch: "Alle geheimen Gesellschaften
im eigentlichen Sinne des Wortes sind förmlich verboten... Im üb-
rigen steht dieser Organisationstyp im Widerspruch zu der Ent-
wicklung der proletarischen Bewegung, weil diese Gesellschaften,
statt die Arbeiter zu erziehen, sie autoritären und mystischen
Gesetzen unterwerfen, die ihre Selbständigkeit behindern und ihr
Bewußtsein in eine falsche Richtung lenken." 119) Die Ablehnung
der geheimen Gesellschaft richtet sich nicht prinzipiell gegen
geheime Organisationen, insofern unter bestimmten Bedingungen das
Proletariat sich nicht öffentlich zu organisieren vermag, was
freilich immer nur Durchgangsstadium sein kann, bis das Proleta-
riat die legalen Mittel für seine Organisation und seinen Kampf
zurückerobert hat. Die Phase der Illegalität kann nur die Form
der Organisierung des revolutionären Proletariats betreffen,
nicht aber ihren Inhalt in dem Sinne, daß eine bewußte Minderheit
stellvertretend für die noch nicht bewußten Massen handelt.
Die Veränderung der kapitalistischen Produktionsweise wird zur
zwingenden Notwendigkeit dadurch, daß auf einem bestimmtem Punkt
ihrer Entwicklung die weitere Entfaltung der gesellschaftlichen
Potenzen der Arbeit mit den bornierten Produktionsverhältnissen
unverträglich werden; die grundlegende Umwälzung der ökonomischen
Struktur - die politische Form der sozialen Emanzipation - kann
nur das Werk der Organisation der Masse der unmittelbaren Produ-
zenten sein, nicht aber einer Organisation einer Minderzahl von
Verschwörern, die selbst noch die Spuren der bürgerlichen Gesell-
schaft trägt. Zwar haben die Kommunisten theoretisch die Einsicht
in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der
proletarischen Bewegung voraus, aber sie sind dennoch nicht das
allein ausschlaggebende Moment in der sozialistischen Revolution,
die treibende Kraft, die in den unbewußten Massen nur ihr Mate-
rial findet, sondern sie müssen in den Kämpfen des Proletariats
als praktisch entschiedenste Kämpfer zugleich die Einsicht in die
Natur der kapitalistischen Produktionsweise vermitteln, um so den
Bewußtwerdungsprozeß der Massen zu unterstützen. Insofern kann
Engels formulieren, daß Marx sich "einzig und allein auf die in-
tellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse (verließ), wie sie
aus der vereinigten Aktion und der Diskussion notwendig hervor-
gehn mußte. Die Ereignisse und Wechselfälle im Kampf gegen das
Kapital, die Niederlagen noch mehr als die Erfolge, konnten nicht
umhin, den Kämpfenden die Unzulänglichkeit ihrer bisherigen Al-
lerweltsheilmittel klarzulegen und ihre Köpfe empfänglicher zu
machen für eine gründliche Einsicht in die wahren Bedingungen der
Arbeiteremanzipation." 120)
Aus der Diskrepanz zwischen den fortgeschrittensten Teilen der
Arbeiterklasse und den noch unbewußten Massen im Stadium relativ
unentwickelter Klassenkämpfe ergibt sich für diese bewußte Mino-
rität eine bestimmte Aufgabenstellung: "Wo die Arbeiterklasse
noch nicht weit genug in ihrer Organisation fortgeschritten ist,
um gegen die Kollektivgewalt, i.e. die politische Gewalt, der
herrschenden Klassen einen entscheidenden Feldzug (zu) unterneh-
men, muß sie jedenfalls dazu geschult werden durch fortwährende
Agitation gegen die (und feindselige Haltung zur) Politik der
herrschenden Klassen." 121) Der Inhalt und der organisatorische
Rahmen der theoretischen Aufklärung des Proletariats sind be-
stimmt durch den wissenschaftlichen Sozialismus. Insofern der
wissenschaftliche Sozialismus nicht Schlußfolgerung aus irgend-
welchen Ideen oder Prinzipien ist wie etwa der "Einsicht", daß
das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. wi-
derspricht, sondern ideelles Produkt eines materiell-ökonomischen
Prozesses ist, muß die reelle Basis der Agitation in den wirkli-
chen Elementen der Klassenbewegung gesucht werden, kann die Agi-
tation nicht nach einem doktrinären Rezept ausgerichtet werden.
Wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist, kann die Organisation der
Minderheit nie Ausgangspunkt der sich aus der Entwicklung der
Klassenkämpfe ergebenden künftigen Massenorganisation, der Partei
des Proletariats, sein, sondern wird über das Stadium der Sekte
nicht hinausgelangen. Denn "die Sekte sucht ihre raison d'etre
und ihren point d'honneur nicht in dem, was sie mit der Klassen-
bewegung gemein hat, sondern in dem besonderen Schibboleth, das
sie von ihr unterscheidet." 122) Wenn dieser Zusammenhang berück-
sichtigt ist, ist die Teilung der Gesellschaft in Erzieher und
Erzogene, von denen der eine über den anderen erhaben ist, aufge-
hoben, und die Veränderung des kapitalistischen Charakters der
Produktionsweise als revolutionäre Praxis begriffen: "Das Zusam-
menfallen des Ändern(s) der Umstände und der menschlichen Tätig-
keit oder der Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis
gefaßt und rationell verstanden werden." 123)
Wenn auch die grundlegende Umwälzung der ökonomischen Struktur
der bürgerlichen Gesellschaft an die Entfaltung der gesellschaft-
lichen Potenzen der Arbeit gebunden ist, so heißt das doch nicht,
daß sich die Kommunisten in Situationen, wo die kapitalistische
Produktionsweise zwar den Weltmarkt beherrscht, aber die kapita-
listische Warenproduktion im nationalen Rahmen noch nicht verall-
gemeinert, also die gesellschaftliche Kombination der Arbeit re-
lativ unentwickelt ist, jeder revolutionären Betätigung enthalten
könnten. Gerade weil die proletarische Revolution sich beständig
selbst unterbricht und fortwährend auf das scheinbar Vollbrachte
zurückkommt, beständig ihre ersten Versuche als Halbheiten kriti-
siert, haben sie unter solchen Bedingungen die Organisation auf-
zubauen, was erst die Selbständigkeit der Klasse in den kommenden
Auseinandersetzungen gewährleistet. Wenn die Mehrheit der Nation,
Kaufleute, Bauern etc. sind, so hat die Bourgeoisgesellschaft
noch die aus ihrer inneren Natur hervorgehenden ökonomischen Ver-
änderungen - die Auflösung der Zwischenschichten - und die damit
verbundenen verschiedenen politischen Formen und Konflikte zu
durchlaufen, in denen die Leitung der Staatsmaschinerie von einer
Gruppe der herrschenden Klasse auf andere übergeht, womit
zugleich der unterdrückende Charakter der Staatsmacht entwickelt
und diese rücksichtsloser gebraucht wird, weil die vor jeder
Volksrevolution gegebenen Versprechungen nur durch Anwendung von
Gewalt gebrochen werden können. Diese Aufeinanderfolge von Revo-
lutionen drückt nur die soziale Tatsache der wachsenden Macht des
Kapitals aus. Die politischen Auseinandersetzungen, in die die
Mehrheit der Bevölkerung hineingezogen wird, sind nur Erschei-
nungsform des Verfallsprozesses der materiellen Basis dieser Zwi-
schenschichten. Diese erstreben keine grundlegende Änderung der
gesellschaftlichen Zustände, sondern sind nur an den günstigsten
Bedingungen für die Fortexistenz überlebter Eigentumsverhältnisse
interessiert. Das Proletariat kann diesen verschiedenen Fraktio-
nen der bürgerlichen Demokraten nicht als beifallklatschender
Chor dienen, es muß vielmehr eigene Forderungen aufstellen, sich
selbständig organisieren und den kleinbürgerlichen Demokraten er-
schwerende Bedingungen für ihre augenblicklich unvermeidliche
Herrschaft diktieren. Je mehr das Proletariat die Unterstützung
von Fraktionen anderer Klassen findet, insbesondere sich mit Tei-
len der Bauernschaft - dem Landproletariat - verbindet, desto er-
folgreicher wird es im Kampf um die politische Macht gegen alle
mehr oder minder besitzenden Klassen sein. Die Möglichkeit, den
Übergang von der demokratischen zur proletarischen Revolution zu
verkürzen, also ein rationelles Stadium der Klassenkämpfe zu
schaffen, ist gegeben, insofern das historische Milieu, die
Gleichzeitigkeit mit der entfalteten kapitalistischen Produktion,
alle fertigen Bedingungen der gemeinsamen Arbeit auf großem Maß-
stab bietet, die positiven Errungenschaften des kapitalistischen
Systems anzueignen, ohne durch dessen "kaudinisches Joch" gehen
zu müssen. Insofern formuliert Marx für die politische Situation
Frankreichs Mitte des 19. Jahrhunderts: "Obgleich die revolutio-
näre I n i t i a t i v e wahrscheinlich von Frankreich ausgehen
wird (wo die Mehrzahl der Bevölkerung unter den Bedingungen iso-
lierter Arbeit produzierte - d. Verf.) kann allein England als
Hebel für eine ernsthafte ö k o n o m i s c h e Revolution die-
nen. Es ist das einzige Land, wo es keine Bauern mehr gibt und wo
der Grundbesitz in wenigen Händen konzentriert ist. Es ist das
einzige Land, wo die k a p i t a l i s t i s c h e F o r m -
d.h. die auf großer Stufenleiter kombinierte Arbeit unter kapita-
listischen Unternehmern - sich fast der gesamten Produktion be-
mächtigt hat. Es ist das einzige Land, w o d i e g r o ß e
M e h r h e i t d e r B e v ö l k e r u n g a u s L o h n-
a r b e i t e r n (wages labourers) besteht. Es ist das einzige
Land, wo der Klassenkampf und die Organisation der Arbeiterklasse
durch die t r a d e u n i o n s einen gewissen Grad der Reife
und der Universalität erlangt haben. Dank seiner Herrschaft auf
dem Weltmarkt ist England das einzige Land, wo jede Revolution in
den ökonomischen Verhältnissen unmittelbar auf die ganze Welt
zurückwirken muß." 124) Dieser prinzipielle Zusammenhang gilt
auch für die soziale und politische Situation Deutschlands dieser
Zeit. "The whole thing in Germany wird abhängen von der
Möglichkeit, to back the proletarian revolution by some second
edition of the Peasants war. Dann wird die Sache vorzüglich."
125)
Lenin hat diesen entscheidenden Aspekt der Marxschen Theorie auf-
genommen. Auch er forderte, solange in Rußland wie zuvor in
Deutschland die demokratische Revolution nicht vollendet sei, "in
der Taktik des sozialistischen Proletariats die ganze Aufmerksam-
keit auf die Entfaltung der demokratischen Energie der Bauern-
schaft" 126) zu legen. Die Analyse der sozialökonomischen Ordnung
und somit auch der Klassenstruktur Rußlands zeigte ihm, daß mit
dem Entwicklungsprozeß in Rußland die objektive Voraussetzung für
eine solche Politik, nämlich der Differenzierungsprozeß innerhalb
der Bauernschaft, gegeben war. Um die günstigsten Bedingungen
schaffen zu können, unter denen die Arbeiterklasse ihre wahre und
grundlegende Aufgabe, die sozialistische Umgestaltung, verwirkli-
chen kann, mußte die revolutionäre Potenz der armen Bauernschaft
und des Landproletariats mit der des Proletariats verbunden wer-
den. "Auf dieser ökonomischen Grundlage ist natürlich die Revolu-
tion in Rußland unausbleiblich eine bürgerliche Revolution. Diese
These des Marxismus ist völlig unanfechtbar. Man darf sie niemals
vergessen. Sie muß stets auf alle ökonomischen und politischen
Fragen der russischen Revolution angewandt werden. Aber man muß
sie anzuwenden verstehen. Es bedarf einer konkreten Analyse der
Lage und der Interessen der verschiedenen Klassen, um die genaue
Bedeutung dieser Erkenntnis bei ihrer Anwendung auf diese oder
jene Frage zu bestimmen. Das umgekehrte Verfahren aber, ... d.h.
das Streben, die Antwort auf konkrete Fragen in einer rein logi-
schen Entwicklung der allgemeinen Erkenntnis vom Grundcharakter
unserer Revolution zu suchen, ist eine Vulgarisierung des Marxis-
mus und ein einziger Hohn auf den dialektischen Materialismus."
127)
Zur Rolle der "revolutionären Intelligenz"
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Mit den zunehmenden Konflikten zwischen der materiellen Entwick-
lung der Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Form der Pro-
duktion werden die Zwischenschichten in einen Auflösungsprozeß
hineingezogen und Teile des Kleinbürgertums und der Bauern
schließen sich der Bewegung des Proletariats an. So sehr dieser
Anschluß Kennzeichen für den Fortschritt in der Entwicklung des
Klassenkampfs ist, so liegt doch darin eine Gefahr für die Partei
des Proletariats, insofern sich diese Teile nicht unumwunden die
proletarische Anschauungsweise aneignen, sondern Reste von bür-
gerlichen und kleinbürgerlichen Vorurteilen und Vorstellungen in
die Bewegung einbringen. Im besonderen Maße gilt die Möglichkeit
des Übergangs in die proletarische Bewegung für den Teil der
Bourgeoisie, der sich aufgrund seiner Stellung im Reproduktions-
prozeß und seiner Qualifikation zum theoretischen Verständnis der
ganzen geschichtlichen Bewegung emporarbeiten kann. Diese im Gang
der Entwicklung des Klassenkampfs begründete unvermeidliche Er-
scheinung, daß sich Teile der herrschenden Klasse und der Zwi-
schenschichten (sog. Intelligenz) dem kämpfenden Proletariat an-
schließen, stellt nur dann einen wirklichen Fortschritt für die
Bewegung dar, wenn ihr durch diesen Übergang Bildungselemente zu-
geführt werden. "Diese Leute (müssen), um der proletarischen Be-
wegung zu nutzen, auch wirkliche Bildungselemente mitbringen.
Dies ist aber bei der großen Mehrzahl der deutschen bürgerlichen
Konvertiten nicht der Fall... An wirklichem, tatsächlichem oder
theoretischem Bildungsstoff ist da absoluter Mangel. Statt dessen
Versuche, die sozialistischen, oberflächlichen angeeigneten Ge-
danken in Einklang zu bringen mit den verschiedensten theoreti-
schen Standpunkten, die die Herren von der Universität oder
sonstwoher mitgebracht haben und von denen einer noch verworrener
war als der andre, dank dem Verwesungsprozeß, in dem sich die Re-
ste der deutschen Philosophie heute befinden. S t a t t d i e
n e u e W i s s e n s c h a f t v o r e r s t s e l b s t
g r ü n d l i c h z u s t u d i e r e n, stutzte sich jeder
sie vielmehr nach dem mitgebrachten Standpunkt zurecht, machte
sich kurzerhand eine eigene Privatwissenschaft und trat gleich
mit der Prätention auf, sie lehren zu wollen. Daher gibt es unter
diesen Herren ungefähr soviel Standpunkte wie Köpfe; s t a t t
i n i r g e n d e t w a s K l a r h e i t z u b r i n g e n,
h a b e n s i e n u r e i n e a r g e K o n f u s i o n
a n g e r i c h t e t - g l ü c k l i c h e r w e i s e
f a s t n u r u n t e r s i c h s e l b s t. Solche Bil-
dungselemente, deren erstes Prinzip ist, zu lehren, was sie nicht
gelernt haben, kann die Partei gut entbehren." 128) "Intelligenz"
hat sich als revolutionäre erst zu erweisen, indem sie wirklich
zur intellektuellen Entwicklung des Proletariats beiträgt. Sie
muß sich vollkommen von ihren bisherigen bürgerlichen Vorstellun-
gen befreien und sich restlos die proletarische Anschauungsweise
aneignen auf die ihr mögliche Weise, des gründlichen Studiums der
neuen Wissenschaft. Unter dieser Voraussetzung kann dann die In-
telligenz zur Verbreitung der Einsicht in die historischen Bedin-
gungen des sozialen Prozesses im Proletariat beitragen, also die
Entwicklung des Bewußtseins des Proletariats vom Gegensatz von
toter und lebendiger Arbeit, von der Verkehrung seiner eigenen
gesellschaftlichen Arbeit in eine es beherrschende Macht, be-
schleunigen, indem sie als Kommunisten in dieser Agitation an die
wirklichen Elemente der Klassenbewegung anknüpfen. 129)
Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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Gegen den oben skizzierten Begründungszusammenhang wird einge-
wandt, Marx und Engels hätten in ihrer praktisch politischen Tä-
tigkeit die Notwendigkeit anderer Organisationsformen zugestehen
müssen. Dieses zu ihren theoretischen Überlegungen in Widerspruch
stehende Verhalten habe sich in ihrer "Ansprache der Zentralbe-
hörde an den Bund (der Kommunisten - d. Verf.) vom März 1850"
ausgedrückt, wo sie den Entwurf einer Klassenpartei entwickelten,
die auf der strikten Trennung von Kader- und Massenorganisation
basierte. Denn sie forderten in der "Ansprache" "eine selbstän-
dige geheime und öffentliche Organisation der Arbeiterpartei her-
zustellen und jede Gemeinde (Grundeinheit des Bundes - d. Verf.)
zum Mittelpunkt und Kern von Arbeitervereinen zu machen, in denen
die Stellung und Interessen des Proletariats unabhängig von bür-
gerlichen Einflüssen diskutiert werden" 130) sollten. In dieser
Trennung führender Kerne von den Arbeitervereinen hätten Marx und
Engels die These von der prinzipiellen Beschränktheit des Arbei-
terbewußtseins vorweg genommen, die erst von Lenin in der Reak-
tualisierung der Lehren vom Parteiaufbau in ihrer systematischen
Bedeutung erkannt wurde. Die Unhaltbarkeit dieses Einwands zeigt
schon ein oberflächlicher Blick auf die Geschichte des Bundes der
Kommunisten.
Die eigentliche Geschichte des Bundes beginnt 1936 in Paris mit
der Gründung des geheimen "Bundes der Gerechten" durch deutsche
Flüchtlinge, der als deutsche Sektion der blanquistischen
"Societe des Saisons" angehörte. Dieser Bund stand unter dem Ein-
fluß der blanquistischen Konzeption, daß eine verhältnismäßig
kleine Zahl fest organisierter entschlossener Männer imstande
sei, sich in einem günstigen Augenblick des Staatsapparats zu be-
mächtigen und sich solange zu behaupten, bis es ihr gelungen ist,
die Masse des Volkes in die Revolution hineinzureißen. Mit dem
gescheiterten Putsch von 1839 löste sich die "Societe des Sai-
sons" und damit die deutsche Sektion auf, deren Mitglieder in der
Emigration sich im "Bund der Kommunisten" eine neue Organisation
schufen, die halb konspirativen, halb propagandistischen Charak-
ter hatte. "Und wenn man auch fortfuhr, jedes Ereignis sich als
Anzeichen des hereinbrechenden Sturms auszulegen, wenn man die
alten, halb konspiratorischen Statuten im ganzen aufrecht er-
hielt, so war das mehr die Schuld des alten revolutionären Trot-
zes, der schon anfing, mit der sich aufdringenden besseren Ein-
sicht in Kollision zu kommen." 131) Diese stille Umwälzung wurde
entscheidend beeinflußt von Marx und Engels, die auf der Basis
ihrer materialistischen Geschichtsauffassung den Kampf gegen die
im Bund noch vorherrschenden kleinbürgerlich-utopischen
Auffassungen vom Kommunismus aufnahmen. Obwohl nicht Mitglieder
des Bundes, konnten sie über ihre Tätigkeit im "Deutschen
Arbeiterverein" zu Brüssel und über die "Deutsche-Brüsseler-
Zeitung" die theoretisch politische Entwicklung des Bundes
mitbestimmen. "Wir waren nun keineswegs der Absicht, die neuen
wissenschaftlichen Resultate in dicken Büchern ausschließlich der
'gelehrten' Welt zuzuflüstern. Im Gegenteil. Wir saßen beide
schon tief in der politischen Bewegung, hatten unter der
gebildeten Welt, namentlich Westdeutschlands, einen gewissen
Anhang und reichliche Fühlung mit dem organisierten Proletariat.
Wir waren verpflichtet, unsre Ansicht wissenschaftlich zu
begründen; ebenso wichtig aber war es auch für uns, das
europäische und zunächst das deutsche Proletariat für unsere
Überzeugung zu gewinnen." 132) Die Veränderung innerhalb des
Bundes resultierte darin, daß die Zentralbehörde 1847 Marx und
Engels zum Eintritt aufforderte. Sie begründete diesen Schritt,
die Mitglieder der Zentralbehörde "seien von der allgemeinen
Richtigkeit unserer (der von Marx und Engels - d. Verf.)
Auffassungsweise ebenso sehr überzeugt wie von der Notwendigkeit,
den Bund von den alten konspiratorischen Traditionen und Formen
zu befreien." 133) Die Reorganisation drückt sich etwa aus in der
Verabschiedung des "Manifests der Kommunistischen Partei". Im
Verlauf der kontinentalen Revolutionen von 1848, wo überall
Bundesmitglieder an der Spitze der extrem demokratischen Bewegung
standen, löste sich die Organisation auf. Durch die Niederlage
der demokratischen Bewegung und den Sieg der Reaktion war die öf-
fentliche Organisation des Proletariats wieder unmöglich und die
Reorganisation der zersprengten revolutionären Kräfte in der Form
einer geheimen Organisation notwendig. "In dem Maß, als die erste
Nachwirkung der erlittenen Niederlagen allmählich aufhörte, trat
überall das Bedürfnis nach einer starken geheimen Organisation
der revolutionären Partei über ganz Deutschland hervor." 134) Als
Aufruf zur Reorganisation des Bundes unter den veränderten Bedin-
gungen muß die "Ansprache" vom März 1850 begriffen werden. Die
Wenigen, die zur Erkenntnis der geschichtlichen Rolle des Prole-
tariats sich durchgerungen hatten, konnten sich unter den herr-
schenden Bedingungen nur im geheimen organisieren. "Der 'Bund der
Kommunisten' war daher keine konspiratorische Gesellschaft, son-
dern eine Gesellschaft, die die Organisation der proletarischen
Partei im geheimen bewerkstelligte, weil das deutsche Proletariat
igni et aqua, von Schrift, Rede und Assoziation öffentlich inter-
diziert ist." 135) Wenngleich der Entwicklungsstand der Produk-
tivkräfte die noch unentwickelte Gestalt des Proletariats be-
dingte und die nächste Revolution durch die Mehrheit der Bevölke-
rung, das demokratische Kleinbürgertum bestimmt sein würde, so
fordern Marx und Engels doch eine selbständige Organisation des
Proletariats, um zu verhindern, daß die Arbeiter in eine Par-
teiorganisation verwickelt würden, in der allgemein sozialdemo-
kratische Phrasen vorherrschend wären. Die selbständige Organisa-
tion des Proletariats ist Garantie dafür, daß es nicht zum Spiel-
ball der Politik der herrschenden Klassen wird, und ist die ein-
zige Möglichkeit, dem Kleinbürgertum selbst noch solche Bedingun-
gen zu diktieren, "daß die Herrschaft der bürgerlichen Demokraten
von vornherein den Keim des Untergangs in sich trägt und ihre
spätere Verdrängung durch die Herrschaft des Proletariats bedeu-
tend erleichtert wird." 136) Weil das demokratische Kleinbürger-
tum eben an der Veränderung der gesellschaftlichen Zustände nur
insofern interessiert ist, als es dadurch tradierte kleinbürger-
liche Eigentumsformen vor den kapitalistischen Entwicklungsten-
denzen abschirmen zu können glaubt, an einer grundlegenden Verän-
derung der ökonomischen Struktur aber kein Interesse hat, muß die
Durchsetzung möglichst erschwerender Bedingungen für die augen-
blicklich unvermeidliche Herrschaft des Kleinbürgertums das
Hauptinteresse des kämpfenden Proletariats sein. "Während die
demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch ... zum
Abschluß bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere
Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle
mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft
verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die
Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in
allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit
fortgeschritten ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in diesen
Ländern aufgehört hat und daß wenigstens die entscheidenden
produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert
sind." 137) Die selbständige Organisation des Proletariats, die
je nach den Bedingungen öffentlich oder geheim ist, befähigt
allein die arbeitende Klasse, unter der Herrschaft der
kleinbürgerlichen Demokraten ihre revolutionäre Stellung geltend
zu machen und den Übergang von der bürgerlichen zur
proletarischen Revolution vorzubereiten. Das deutsche Proletariat
konnte nach Marx und Engels nicht zur Herrschaft gelangen, ohne
eine längere revolutionäre Entwicklung durchzumachen. "Während
wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkrieg
durchzumachen, um die Verhältnisse zu ändern, um euch selbst zur
Herrschaft zu befähigen, ist statt dessen gesagt worden: Wir
müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können uns schlafen
legen." 138)
Die gegenwärtigen Aufgaben revolutionärer Taktik können nur ge-
löst werden durch Berücksichtigung der Wechselbeziehungen aller
Klassen einer Gesellschaft und damit der Berücksichtigung der ob-
jektiven Entwicklungsstufe dieser Gesellschaft. Gerade für die
proletarische Revolution gilt, daß sie zur Lösung ihrer politi-
schen Aufgaben nicht irgendwelche Muster aus ihrer eigenen Ver-
gangenheit ausborgen kann, die in vergangenen Situationen wegen
der gegebenen spezifischen Umstände ihre historische Berechtigung
hatten. "Die früheren Revolutionen bedurften der weltgeschichtli-
chen Rückerinnerungen, um sich über ihren eigenen Inhalt zu be-
täuben. Die Revolution des neunzehnten Jahrhunderts (die soziale
Revolution - d. Verf.) muß die Toten ihre Toten begraben lassen,
um bei ihrem eigenen Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase über
den Inhalt, hier geht der Inhalt über die Phrase hinaus." 139)
Auch Lenin kritisiert jene weltgeschichtlichen Totenbeschwörun-
gen, weil "durch den 'bestrickenden' Ausdruck aus einer
ü b e r l e b t e n V e r g a n g e n h e i t die Aufgaben der
Zukunft verdeckt werden. Das Bestrickende des Ausdrucks, der
seine Rolle in der Geschichte ausgespielt hat, verwandelt sich in
solchen Fällen in unnützes und schädliches Flitterwerk, in Wort-
geklingel." 140) Insofern wendet er sich etwa gegen die Phrase
von "revolutionären Kommunen" in der Situation Rußlands von 1905,
weil dadurch der Blick für die anstehenden revolutionären Aufga-
ben bloß vernebelt werde. "Das Wort 'Kommune' aber gibt gar keine
Antwort, es verwirrt nur die Köpfe mit irgendeinem fernen
Klang... oder mit leerem Geklingel. Je teurer uns, sagen wir, die
Pariser Kommune von 1871 ist, um so weniger dürfen wir uns auf
sie berufen, ohne ihre Fehler und ihre besonderen Bedingungen zu
analysieren." 141) Je teurer den Kommunisten die Oktoberrevolu-
tion und die bolschewistische Partei ist, desto weniger dürften
sie sich zur Lösung der aktuell politischen Aufgaben auf sie be-
rufen, ohne ihre besonderen Bedingungen untersucht zu haben. Die
Bestimmung der Taktik der arbeitenden Klasse kann auch heute nur
geleistet werden durch die Untersuchung der gegebenen 'spätkapi-
talistischen' Verhältnisse im besonderen nationalen Rahmen,
ausgehend von der Marxschen Theorie. "Wir betrachten die Theorie
von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares;
wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament
der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen
Richtungen hin weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem
Leben zurückbleiben wollen." 142)
_____
1) Die folgenden Thesen beruhen auf Diskussionen der Projekt-
gruppe 'Klassenanalyse' und in der Roten Zelle Soziologie.
1a) Die einzelnen Aufbauorganisationen wie KPD-AO, PL/PI und
KB/ML sowie ihre Absetzungen voneinander werden an einer späteren
Stelle diskutiert.
2) Vgl. Hans-Jürgen Krahl: "Zum allgemeinen Verhältnis von wis-
senschaftlicher Intelligenz und proletarischem Klassenbewußt-
sein", SDS-INFO 26/27, Dezember 1969.
3) Ebda., S. 9.
4) Ebda., S. 13.
5) Ebda., S. 13.
6) Ebda., S. 14 (Hervorhebung - d. Verf.; soweit nicht anders
vermerkt, Hervorhebung im Original).
7) Ebda., S. 12.
8) Ebda., S. 12.
9) Ebda., S. 9.
10) Ebda., S. 14.
11) Ebda., S. 10.
12) Ebda., S. 10.
13) Ebda., S. 11.
14) Die Kritik wird hier nicht näher ausgeführt; vgl. hierzu
auch: Bischoff, Ganßmann, Kümmel, Löhlein: "Produktive und unpro-
duktive Arbeit als Kategorien der Klassenanalyse", in: SOPO 6/7.
Der Krahlschen Argumentation schließt sich das MARXISMUS-Kollek-
tiv an in dem Aufsatz: "Die ML-Kritik am Intellektuellen ist eine
logische Unmöglichkeit.", in: Max Horkheimer: KRITISCHE THEORIE
DER GESELLSCHAFT, Bd. III, Raubdruck, Frankfurt 1968, S. I ff.
Auch für es ist jeder Versuch, unter den gegenwärtigen Verhält-
nissen in Westeuropa eine Kaderpartei aufzubauen, gekennzeichnet
"durch den Verrat am emanzipatorischen Potential, welches so müh-
selig, nur kraft der Erfahrung brutaler Gewalt, von der antiauto-
ritären Bewegung reaktualisiert wurde." (S. VII) Die Entmytholo-
gisierung der leninistischen Parteiorganisation wird seiner An-
sicht nach rückgängig gemacht, wenn die kraft ihrer klassenspezi-
fischen Privilegien intellektuell sensibilisierten Subjekte ihre
Einsicht in die Herrschaftstotalität der Verdinglichung nicht in
eine materialistische Theorie umsetzen "im Bezugsrahmen reformu-
lierter, emanzipativer Massenbedürfnisse und neuer Prinzipien der
Vernunft im kapitalistischen Verwertungsprozeß" (S. III f),
sondern ihre theoretische Unsicherheit durch Anlehnung an tradi-
tionelle Organisationsmodelle zu kompensieren suchen. Erst die
Vermittlung von theoretischer Einsicht und empirischen Massenbe-
dürfnissen konstituiere den Begriff des Klassenbewußtseins als
"nicht empirische gleichwohl daseiende Kategorie" und bilde die
Garantie, der verdinglichten Blindheit der kapitalistischen Pro-
duktionsgeschichte zu entgehen. Die so bestimmte Reorganisation
der Revolutionstheorie hat sich zu vollziehen in Ansehung "der
aktienstrukturellen Vergesellschaftung des Kapitals", des
"Prozess(es) der Monopolkapitalisierung", der "Destruktion der
Zirkulationssphäre" und der mit der Verwertung der instrumentel-
len Vernunft "veränderten Lage der arbeitenden Klasse" (vgl. S. X
und XXXVI). Wie bei Krahl läuft dies Programm auf eine Neubestim-
mung der Marxschen Kategorien hinaus, ohne diese verraten zu wol-
len. Die Emanzipation von der Entfremdung und Verdinglichung so-
zialer Lebenswelten ist für das MARXISMUS-Kollektiv "im Rahmen
von Lohnarbeit und Kapital g a n z b e s t i m m t nicht mehr
heimzuholen" (S. V), obgleich das eben sistierte System der Kri-
tik der politischen Ökonomie ihm allererst die Begriffe zur Ver-
fügung stellt, um einer Ontologisierung revolutionärer Theorie zu
entgehen. Überhaupt argumentiert das MARXISMUS-Kollektiv mit
einer gewissen Nonchalance, wo es systematisch zu begründen
gälte. Die "sogenannten Grundwidersprüche von Lohnarbeit und Ka-
pital, und Produktivkräften und Produktionsverhältnissen - d i e
n u n s c h o n b a l d a n d i e 4 0 0 J a h r e e x i-
s t i e r e n" (S. V), warum sollten gerade die "alles ent-
scheiden"? Vielmehr gelangt es zu der Ansicht, daß "objektiv ...
kaum noch die Bedingungen der bestimmten Negation gegeben" sind
(S. VI). (Hervorhebung - d. Verf.).
15) Bernd Leineweber: "Vorwort zu Hans-Jürgen Krahl 'Zur Wesens-
logik der Marxschen Warenanalyse' ", in: NEUE KRITIK Nr. 55/56
1970, S. 9.
16) entfällt.
17) Ebda., S. 10.
18) Ebda., S. 9.
19) Hans-Jürgen Krahl: "Zur Wesenslogik der Marx'schen Warenana-
lyse", in: NEUE KRITIK Nr. 55/56, S. 18.
20) Ebda., S. 21.
21) Ebda., S. 21.
Zum Einfluß von Lukacs vgl. auch: Detlev Claussen, "Zum emanzipa-
tiven Gehalt der materialistischen Dialektik in Horkheimers Kon-
zeption der kritischen Theorie", in: NEUE KRITIK 55/56 1970, S.
47. "Lukacs hat in Geschichte und Klassenbewußtsein den Ideolo-
giebegriff des jungen Marx im Kapital hinter den Kategorien von
Fetischismus und Verdinglichung, und damit den Entfremdungsbe-
griff der Pariser Manuskripte als gesellschaftliche, verselbstän-
digte Macht über den Individuen, die diese produzieren, einge-
holt." Wegen dieser Bedeutung müßte die Lukacssche Marxinterpre-
tation einer gründlichen Kritik unterzogen werden.
22) Ebda., S. 33.
23) Ebda., S. 22.
24) Ebda., S. 23.
25) Ebda., S. 25 (Hervorhebung - d. Verf.)
26) Ebda., S. 23.
27) Ebda., S. 24 (Hervorhebung - d. Verf.)
28) Ebda., S. 26.
29) Ebda., S. 32.
30) Ebda., S. 31 (Hervorhebung- d. Verf.).
31) Ebda., S. 43.
32) Ebda., S. 20. In dieser Formulierung ist das ganze Mißver-
ständnis der Krahlschen Argumentation angelegt. Daß "den Ökonomen
ohne Ausnahme das Einfache entging, daß, wenn die Ware das Dop-
pelte von Gebrauchswert und Tauschwert, auch die in der Ware dar-
gestellte Arbeit Doppelcharakter besitzen muß, während die bloße
Analyse auf Arbeit sans phrase wie bei Smith. Ricardo etc. über-
all auf Unerklärliches stoßen muß. E s i s t d i e s i n
d e r T a t d a s g a n z e G e h e i m n i s d e r k r i-
t i s c h e n A u f f a s s u n g." (Brief von Marx an Engels
vom 8. Jan. 1868, MEW 32, S. 11 - Hervorhebung - d. Verf.) Wenn
Krahl die doppelte Bestimmtheit der Arbeit ignoriert und von
Arbeit sans phrase als Systembegriff redet, liegt darin die ganze
Unkritik seiner Auffassung begründet.
33) Ebda., S. 25.
34) KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 76.
Daß der gesellschaftliche Charakter der Privatarbeiten, ihre
Gleichheit als menschliche Arbeit, eine Abstraktion von ihrer re-
alen Ungleichheit ist und in der einzig möglichen Erscheinungs-
form von Arbeit, ihrer zweckbestimmten Verausgabung, nicht sicht-
bar wird, ändert nichts an der "physiologischen Wahrheit", daß in
jeder gesellschaftlich bestimmten Arbeit in gleicher Weise men-
schliches Hirn, Nerv, Muskel etc. verausgabt werden.
35) GRUNDRISSE, S. 25.
36) Ebda., S. 25.
"Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gül-
tigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit
überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff
der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volks-
vorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesell-
schaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitspro-
dukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Wa-
renbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist."
(KAPITAL, Bd. 1, S. 74).
37) KAPITAL, Bd. 1, S. 67.
38) Auf die Differenz von relativer Wertform und Äquivalentform
wird hier nicht eingegangen.
39) KAPITAL, Bd. 1, S. 86.
40) Ebda., S. 128.
41) Vgl. Bischoff, Ganßmann, Kümmel, Löhlein: "Mystifikation und
Klassenbewußtsein", in: SOPO 8, S. 15 ff.
42) KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 887.
43) KAPITAL, Bd. 1, S. 75 (Hervorhebung - d. Verf.).
44) RANDGLOSSEN ZU ADOLPH WAGNERS "LEHRBUCH DER POLITISCHEN ÖKO-
NOMIE", MEW 19, S. 375.
45) Hans-Jürgen Krahl: "Zur Wesenslogik der Marx'schen Warenana-
lyse", a.a.O., S. 30.
46) Ebda., S. 30 (Hervorhebung - d. Verf.).
47) GRUNDRISSE, S. 937.
48) Ebda., S. 920.
49) Ebda., S. 915.
50) Weil er diesen Umschlag im Appropriationsgesetz nicht entwic-
keln kann, muß ihm notwendig der Gegensatz zwischen der realen
und der idealen Gestalt der bürgerlicher. Gesellschaft entgehen.
Er muß daher das überflüssige Geschäft übernehmen, den idealen
Ausdruck, das verklärte und von der Wirklichkeit selbst als sol-
ches aus sich geworfene Lichtbild, selbst wieder verwirklichen zu
wollen. Daher formuliert er: "Die kommunistische Organisation des
politischen Kampfes löst die Emanzipationsversprechen des bürger-
lichen Tauschverkehrs überhaupt erst ein." (Hans-Jürgen Krahl:
"ANGABEN ZUR PERSON", in: "Georg Lukacs zum 13. April 1970", Neu-
wied und Berlin 1970, S. 190 f) und: "Auch wir kämpfen um die
politische Macht im Staat, aber wir haben eine Legitimation, denn
unser Machtkampf ist begleitet von einem permanenten Kommunikati-
onsprozeß, in dem sich die Kategorien der Emanzipation, die erst
im abstrakten Prinzip existieren, realisieren und entfalten, wo
sie zum praktischen Dasein werden." (Hans-Jürgen Krahl: "Angaben
zur Person", a.a.O., S. 192).
51) Hans-Jürgen Krahl: "Zur Wesenslogik der Marx'schen Warenana-
lyse", a.a.O., S. 35.
52) "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissen-
schaft", MEW 19, S. 193.
53) GRUNDRISSE, S. 635 (Hervorhebung - d. Verf.).
54) Ebda., S. 365.
54a) Vgl. zu diesem gesamten Zusammenhang die Bemerkung von En-
gels: "Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in
letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produk-
tion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx
noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das
ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er
jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die
ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente
des Überbaus - politischer Formen des Klassenkampfs und seine Re-
sultate - Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die sie-
gende Klasse festgestellt usw. - Rechtsformen, und nun gar die
Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten,
politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse An-
schauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben
auch ihre Einwirkungen auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe
aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es
ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich
durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (...) als
Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt. Sonst
wäre die Anwendung der Theorie auf eine beliebige Geschichtsepo-
che ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten
Grades." (Brief an Joseph Bloch vom 21./22.9.1890, MEW 37, S.
463)
Wenn Engels von der Anwendung der Marxschen Theorie oder der
Marxschen Methode spricht, so bezieht er sich auf die Notwendig-
keit, ein Stück Zeitgeschichte vermittelst der materialistischen
Geschichtsauffassung aus der gegebenen ökonomischen Lage zu er-
klären, d.h. den inneren Zusammenhang zwischen politischen Bege-
benheiten und ökonomischen Tatsachen nachzuweisen (vom Problem
der Vollendung der "Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft" ein-
mal ganz abgesehen). "Aber sowie es zur Darstellung eines
historischen Abschnitts, also zur praktischen Anwendung kam,
änderte sich die Sache, und da war kein Irrtum möglich. Es ist
aber leider nur zu häufig, daß man glaubt, eine neue Theorie
vollkommen verstanden zu haben und ohne weiteres handhaben zu
können, sobald man die Hauptsätze sich angeeignet hat, und das
auch nicht immer richtig. Und diesen Vorwurf kann ich manchem der
neueren 'Marxisten' nicht ersparen, und es ist da dann auch
wunderbares Zeug geleistet worden." (Ebda., S. 465)
Vgl. dazu auch Lenin: "Mit anderen Worten, die Marxsche Theorie
besteht in der Untersuchung und Erklärung der Entwicklung der
wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmter Länder, und ihre
'Anwendung' auf Rußland kann nur darin bestehen, u n t e r
A u s n u t z u n g der erarbeiteten Mittel der m a t e r i a-
l i s t i s c h e n Methode und der T h e o r e t i s c h e n
politischen Ökonomie die russischen Produktionsverhältnisse und
ihre Entwicklung zu u n t e r s u c h e n." (Was sind die
'Volksfreunde' und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?
in: WERKE, Bd. 1, S. 267.) Das hier unterliegende Methoden- und
Theorieverständnis müßte freilich genauer untersucht werden.
55) Hans-Jürgen Krahl: "Zur Wesenslogik der Marx'schen Warenana-
lyse", a.a.O., S. 31.
56) Ebda., S. 18 f. Von daher erklärt sich auch, warum Krahl sei-
nen Ausführungen das Motto aus der Hegelschen Geschichte der Phi-
losophie: "... und Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend ma-
chen, heißt Wirklichkeit zerstören" vorwegstellt.
57) G.W.F. Hegel: WISSENSCHAFT DER LOGIK, Bd. 1, Hamburg 1967,
S. 24.
58) G.W.F. Hegel: PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES, Berlin 1964, S. 65.
"Sie setzt nämlich V o r s t e l l u n g e n von dem
E r k e n n e n als einem W e r k z e u g e und M e d i u m,
auch einem U n t e r s c h i e d u n s e r e r s e l b s t
v o n d i e s e m E r k e n n e n voraus; vorzüglich aber
dies, daß das Absolute a u f e i n e r S e i t e s t e h e
und d a s E r k e n n e n a u f d e r a n d r e n S e i t e
für sich und getrennt von dem Absoluten doch Reelles, oder hier
mit daß das Erkennen, welches indem es außer dem Absoluten, wohl
auch außer der Wahrheit ist, doch wahrhaft sei, eine Annahme, wo-
durch das, was sich Furcht vor dem Irrtum nennt, sich eher als
Furcht vor der Wahrheit zu erkennen gibt."
59) Bernd Leineweber: "Vorwort zu Hans-Jürgen Krahl 'Zur Wesens-
logik der Marxschen Warenanalyse'", a.a.O., S. 9.
60) GRUNDRISSE, S. 82.
61) Bernd Leineweber: "Vorwort zu Hans-Jürgen Krahl 'Zur Wesens-
logik der Marxschen Warenanalyse' ", a.a.O., S. 13.
62) Brief von Marx an Engels vom 1. Februar 1858, MEW 29, S. 275
(Hervorhebung - d. Verf.).
63) Aufzeichnungen eines Interviews, das Karl Marx einem Korre-
spondenten der Zeitung "The World" gewährte, MEW 17, S. 643.
64) Claussen, Leineweber, Negt: "Rede zur Beerdigung des Genossen
Hans-Jürgen Krahl", in: NEUE KRITIK Nr. 55/56 1970, S. 7.
Selbstredend kann hier nur die Auseinandersetzung mit dem System
der Kritik der politischen Ökonomie gemeint sein.
64a) Bei der Darstellung und Kritik der theoretischen Begründun-
gen für die Notwendigkeit des Leninschen Parteitypus beschränken
wir uns auf die KPD-AO, die PL/PI und den KB/ML.
Auf die KPD/ML und ihre verschiedenen Linien, deren Bedeutung -
gerade in Westdeutschland - nicht vorab bestritten werden soll,
wird hier nicht eingegangen, da aus ihren Publikationen keine
über die dargestellten Begründungsversuche hinausgehende einheit-
liche theoretische Linie abzulesen ist.
In diesem Zusammenhang müßte ausführlich auf die Parteikonzeption
von KPD, DKP und SEW eingegangen werden. Denn diese Parteien ge-
hen auch davon aus, daß die Leninsche Lehre von der Partei neuen
Typus nicht nur den spezifischen russischen Bedingungen entspro-
chen habe, sondern auch für hochentwickelte kapitalistische Ver-
hältnisse tauge. Die Konsequenz dieser Auffassung, daß die Stel-
lung und Funktion der proletarischen Partei unabhängig von den
konkreten historischen Bedingungen, unter denen sie zuerst formu-
liert wurden, allgemeingültige proletarische Organisationsprinzi-
pien darstellten, ist die These, daß mit zunehmender kapitalisti-
scher Entwicklung sich der Widerspruch zwischen der kleinen
Schicht der Monopolbourgeoisie und der Masse des Volkes ver-
schärfe, und daß das Proletariat, resp. seine Partei, sich an die
Spitze aller oppositionellen Kräfte zu stellen habe, um die Füh-
rung im Kampf um die demokratische Republik zu übernehmen und da-
mit die Massen zielgerichtet an die proletarische Revolution
heranzuführen. Die Auseinandersetzung mit dieser Auffassung, aus-
gehend von den hier entwickelten Thesen, muß einer späteren Ar-
beit vorbehalten bleiben, nicht zuletzt weil bisher der meist
pauschale Revisionismusvorwurf genauere und differenziertere Ana-
lysen ersetzte.
65) Hochschulthesen der KPD-AO, in: ROTE PRESSE KORRESPONDENZ,
Nr. 63, S. 3.
66) In der Formulierung "Aktualität der Revolution" zeigt sich
wiederum der Einfluß Lukacs' auf die gegenwärtige politische Dis-
kussion. Lukacs interpretierte die Leninsche Theorie unter dem
Aspekt der Aktualität der Revolution.
Georg Lukacs: Lenin, in: Lukacs: WERKE, Bd. 2, Neuwied und Berlin
1968, S. 524 f: "Er (Lenin - d. Verf.) hat bloß das Weiterschrei-
ten des geschichtlichen Prozesses seit dem Tode von Marx in die
Lehre hineingearbeitet. Und dies bedeutet, daß die Aktualität der
proletarischen Revolution nun mehr nicht nur als weltgeschichtli-
cher Horizont über die sich befreiende Arbeiterklasse gespannt
ist, sondern, d a ß d i e R e v o l u t i o n b e r e i t s
z u r T a g e s f r a g e d e r A r b e i t e r b e w e-
g u n g g e w o r d e n i s t."
Die Unbewußtheit diesem Einfluß gegenüber äußert sich sowohl in
dem Fehlen einer Kritik an Lukacs' Marx- und Lenin-Interpreta-
tion, als auch darin, daß die Frage nach der Aktualität der Revo-
lution hinter dem Dogma von der Aktualität der Leninschen Partei
verschwindet.
67) Vorläufige Plattform der Aufbauorganisation für eine Kommuni-
stische Partei Deutschlands, in: RPK, Nr. 56/57, S. 3.
68) DIE BOLSCHEWISIERUNG DER KPD, 1. Teil, Schriftenreihe 1 der
KPD-Aufbauorganisation, Berlin 1970, S. 302.
Die These, "daß es das Verdienst Lenins ist, d e n v o l l e n
U m f a n g der Lehren von Marx und Engels zum Parteiaufbau in
der Revolution von 1905 wiederhergestellt und aktualisiert zu ha-
ben" (S. 301 - Hervorhebung - d. Verf.), läßt keinen anderen
Schluß zu, als daß Marx und Engels die ersten Leninisten der Ar-
beiterbewegung waren, Ob das Abgehen von dem 1850 entwickelten
Prinzip bloße Inkonsequenz, Mangel einer grundsätzlichen Entlar-
vung kleinbürgerlichen-politischen Denkens ist, und nicht viel-
mehr notwendiges Resultat der umfassenden Darstellung der Anato-
mie der bürgerlichen Gesellschaft, wird später aufgenommen. Wenn
die Kaderorganisation höchste Form der Klassenorganisation des
Proletariats ist, muß sie aus dem ökonomischen Bewegungsgesetz
der modernen Gesellschaft, das Marx im "Kapital" darstellte, ab-
geleitet werden können.
69) Plattform der PL/PI, in RPK Nr. 74/75, S. 5.
70) Ebda., S. 4.
71) Ebda., S. 5.
72) Ebda., S. 4.
73) Plattform des Kommunistischen Bundes/ML, in: KOMMUNIST - Or-
gan des Kommunistischen Bundes/ML, Mai 1970, S. 57.
74) Ebda., S. 53.
75) Ebda., S. 24.
76) Ebda., S. 19.
77) Ebda., S. 9 (Hervorhebung - d. Verf.).
78) Ebda., S. 19.
79) Ebda., S. 15.
80) Ebda., S. 15.
81) Ebda., S. 15 (Hervorhebung - d. Verf.)
82) Ebda., S. 11 (Hervorhebung - d. Verf.)
83) KB/ML: ZUR GESCHICHTE UND KRITIK UND SELBSTKRITIK DER MARXI-
STEN-LENINISTEN WESTBERLINS, hekt. Manuskript, Berlin 1970.
84) So schreibt z.B. Leineweber: "Vorwort zu Hans-Jürgen Krahl
'Zur Wesenslogik der Marxschen Warenanalyse'", NEUE KRITIK 55/56,
1970, S. 15: "Die werttheoretische Grundannahme von Marx, daß die
Wertabstraktion sich naturgesetzlich durchsetzen und schließlich
den Zusammenbruch des Kapitalismus herbeiführen wird, hat bei
ihm, wie bei seinen westeuropäischen Nachfolgern, die Erarbeitung
einer expliziten Theorie der proletarischen Revolution verhin-
dert." Die Suche nach "organisationsfähigen Kategorien" muß daher
an die erste Stelle der theoretischen Arbeit gesetzt werden.
85) Ernest Mandel: "Lenin und das Problem des proletarischen
Klassenbewußtseins", in: LENIN, REVOLUTION UND POLITIK, edition
Suhrkamp 338, S. 155 f.
86) Ebda., S. 159. Vgl. dagegen Engels: "Vorrede zur deutschen
Ausgabe des 'Kommunistischen Manifests'", 1890, MEW 4, S.
584/585.
87) Diese These von der relativen Autonomie des wissenschaftli-
chen Sozialismus liefert die wesentliche Begründung für die offi-
zielle These der II. Internationale von der prinzipiellen Be-
schränktheit des Arbeiterbewußtseins. Lenin übernimmt diese These
von Kautsky zur Begründung seiner Konzeption der Partei der Be-
rufsrevolutionäre. "Ebenso entstand auch in Rußland die theoreti-
sche Lehre der Sozialdemokratie ganz unabhängig von dem spontanen
Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand als natürliches und un-
vermeidliches Ergebnis der ideologischen Entwicklung der revolu-
tionären sozialistischen Intelligenz." Lenin: WAS TUN, Werke Bd.
5, S. 386.
88) Der krasseste Ausdruck dieser Verkehrung ist, daß die verknö-
cherten Formen, in die sich der Wert als historisch spezifische
Form der gesellschaftlichen Arbeit auflöst, schließlich selbst
als Substanz, Quellen des Werts erscheinen.
89) KAPITAL, Bd. 3, S. 787. Der hier skizzierte Zusammenhang der
Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse ist im Aufsatz
"Mystifikation und Klassenbewußtsein", SOPO 8, S. 15 ff, näher
ausgeführt.
90) KAPITAL, Bd. 1, S. 555. Ebenso Marx, Brief an Friedrich En-
gels vom 30.4.1868, MEW 32, S. 71: "Da durch die Form des Ar-
beitslohns die ganze Arbeit als bezahlt erscheint, scheint der
unbezahlte Teil derselben notwendig als nicht aus der Arbeit,
sondern aus dem Kapital, und nicht aus dem variablen Teil dessel-
ben, sondern aus dem Gesamtkapital entspringend."
91) KAPITAL, Bd. 1, S. 562.
92) KAPITAL, Bd. 1, S. 765.
93) RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, Frankfurt
1969, S. 18.
94) KAPITAL, Bd. 3, S. 219.
95) KAPITAL, Bd. 1, S. 341.
96) KAPITAL, Bd. 1, S. 352.
97) GRUNDRISSE, S. 585.
98) GRUNDRISSE, S. 656.
99) Auf die Probleme, die bei der Untersuchung der gegenwärtigen
Verlaufsform des Zyklus auftreten, kann hier nicht eingegangen
werden. Sie hätte als entscheidendes Problem zu klären, warum
etwa in der BRD die Abschwungsphase des industriellen Zyklus sich
bisher nicht immer als Depression und spürbare Krise ausgedrückt
hat. Vgl. dazu Altvater: "Zur Konjunkturlage der BRD Anfang
1970", SOPO 5, 1970, und Diskussion in SOPO 6/7.
100) Obgleich die Bourgeoisie sehr sparsam ist, macht sie bei
wachsender Produktivität der Arbeit die Retainerschaft der Feuda-
len nach. Mit der Veränderung der organischen Zusammensetzung und
dem Wachstum der Revenue vermehren sich die nicht direkt von der
Arbeit lebenden Klassen und Unterklassen, "leben besser als frü-
her, und ebenso vermehrt sich die Zahl der unproduktiven Arbei-
ter." Marx: THEORIEN ÜBER DEN MEHRWERT, MEW 26, 2, S. 564.
101) RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, S. 40. In
diesem Zusammenhang muß nicht nur die ständige Veränderung der
Berufsstruktur gesehen werden, sondern auch die Veränderung der
Qualifikation der Arbeitskraft.
102) Marx: "Lohn, Preis und Profit", MEW 16, S. 146.
103) ders.: "Elend der Philosophie", MEW 4, S. 180.
104) Marx, Brief an Bolte vom 23.11.1871, MEW 33, S. 332 f.
105) Marx/Engels: MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI, MEW 4, S.
471.
106) Marx: "Klassenkämpfe in Frankreich", MEW 7, S. 98 ("in den
Perioden" von uns hervorgehoben).
107) ders.: "Elend der Philosophie", MEW 4, S. 181. In diesem Zu-
sammenhang muß auch die von Mandel angeführte Stelle aus der
"Heiligen Familie" gesehen werden. Vgl. Mandel, a.a.O., S. 159 f;
Marx/Engels: "Die heilige Familie", MEW 2, S. 38.
108) ders.: "Lohn, Preis und Profit", MEW 16, S. 152.
"Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands
gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum
Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch ma-
chen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf
beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden
Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern,
statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur
schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen
Abschaffung des Lohnsystems."
109) Marx/Engels: "Die deutsche Ideologie", MEW 3, S. 61, Fußnote
(Hervorhebungen - d. Verf.).
110) "Plattform der PL/PI", a.a.O., S. 3.
111) DIE BOLSCHEWISIERUNG DER KPD, a.a.O., S. 301.
112) Leineweber, a.a.O., S. 15.
112a) Marx: "Erster Entwurf zum Bürgerkrieg in Frankreich", MEW
17, S. 551.
113) Dieser Zusammenhang kann auf Basis der bisherigen Überlegun-
gen nicht weiter ausgeführt werden.
114) Marx, Brief an Paul und Laura Lafargue vom 18.4.1870, MEW
32, S. 671 (Hervorhebung - d. Verf.).
115) Engels: "Einleitung zu 'Die Klassenkämpfe in Frankreich'",
1895, MEW 7, S. 523. Dies ist nicht nur eine Formulierung von En-
gels, vielmehr äußert sich Marx in derselben Sinn in einem Inter-
views mit der "Tribune" vom 18.12.1878 (MEW 34, S. 514): "Man
braucht kein Sozialist zu sein, um vorauszusehen, daß es in Ruß-
land, Deutschland, Österreich und möglicherweise in Italien, wenn
die Italiener auf dem bisherigen Weg fortschreiten, zu blutigen
Revolutionen kommen wird. Die Ereignisse der französischen Revo-
lution können sich in diesen Ländern noch einmal abspielen. Das
ist jedem Kenner der politischen Verhältnisse deutlich, aber
diese Revolutionen werden von der Mehrheit gemacht werden. Revo-
lutionen werden nicht von einer Partei gemacht, sondern von einer
ganzen Nation."
116) Marx/Engels: "Rezensionen aus der 'N.Rh.Ztg. Polit.-Ökonom.
Revue'", MEW 7, S. 273 f.
117) Engels: "Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten", MEW 21,
S. 212.
118) Marx: "Proklamation des Generalrates der Internationalen Ar-
beiterassoziation über die Verfolgungen der Mitglieder der fran-
zösischen Sektionen", MEW 16, S. 422.
119) Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die geheimen Ge-
sellschaften, MEW 17, S. 655 f.
120) Engels: "Vorwort zum 'Manifest der Kommunistischen Partei'",
1890, MEW 4, S. 585.
Zur Ansicht von Marx und Engels, daß die Arbeiterklasse erst
dann, wenn sie zur Einsicht in die wahren Bedingungen ihrer Eman-
zipation gelangt ist, die proletarische Revolution durchführen
kann, vgl. auch: Marx/Engels, "Rezensionen aus der 'N.Rh.Ztg. Po-
lit.-Ökonom. Revue'", a.a.O., S. 46 I: "Das Volk soll nicht für
den folgenden Tag sorgen und sich alle Gedanken aus dem Kopf
schlagen; kommt der große Tag der Entscheidung, so wird es durch
die bloße Berührung elektrisiert und das Rätsel der Zukunft wird
sich ihm durch ein Wunder lösen. Dieser Aufruf zur Gedankenlosig-
keit ist ein direkter Versuch zu Prellerei gerade der unterdrück-
testen Klassen des Volks."
121) Marx, Brief an Bolte vom 23.11.1871,, MEW 333, S. 333.
122) Marx, Brief an Johann Babtist von Schweitzer vom 13.10.1868,
MKW 32, S. 569.
123) Marx: "Thesen über Feuerbach", MEW 3, S. 6.
124) Marx: Der Generalrat an den Föderalrat der romanischen
Schweiz, MEW 16, S. 386.
125) Marx: Brief an Friedrich Engels vom 16.4.1856, MEW 29, S.
47.
126) Lenin: "Karl Marx", WERKE, Bd. 21, S. 67.
127) Lenin: "Entwicklung des Kapitalismus in Rußland", Vorwort
von 1907, WERKE Bd. 3. S. 18.
128) Zirkularbrief von Marx an Bebel, Liebknecht, Bracke u.a. vom
17./18. Sept. 1879, MEW 34, S. 406 f. (Hervorhebung - d. Verf.).
129) Das Mittel der Aktion, die organisatorischen Formen, kann
nur bestimmt werden unter Berücksichtigung der spezifischen Um-
stände der je gegebenen historischen Situation.
130) Marx/Engels: "Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom
März 1850", MEW 7, S. 248 f.
Vgl. DIE BOLSCHEWISIERUNG DER KPD, I. Teil, a.a.O., S. 301 f.
131) Engels: "Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten", MEW 21,
S. 210. (vgl. auch ders.: "Der Kommunistenprozeß zu Köln", MEW 8,
S. 398 ff; Marx: "Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu
Köln", MEW 8, S. 405 ff; HERR VOGT, MEW 14, S. 381 ff.).
132) Ebda., S. 212.
133) Ebda., S. 214 f: Vgl. dazu Marx, Brief an Wilhelm Blos vom
10.11.1877, MEW 34, S. 308 "Der erste Eintritt von Engels und mir
in die geheime Kommunistengesellschaft geschah nur unter der Be-
dingung, daß alles aus den Statuten entfernt würde, was dem Auto-
ritätsglauben förderlich."
134) Marx/Engels: "Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom
Juni 1850", MEW 7, S. 306.
135) "Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln", a.a.O.,
S. 461.
136) "Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850",
a.a.O., S. 249.
137) Ebda., S. 247 f;
138) "Sitzung der Zentralbehörde vom 15. September 1850", MEW 8,
S. 598. Vgl. dazu Friedrich Engels: "Zur Geschichte des Bundes
der Kommunisten", a.a.O., S. 221 f. "Diese kühle Auffassung der
Lage war aber für viele Leute eine Ketzerei... Genug, die von uns
verteidigte Zurückhaltung war nicht nach dem Sinn dieser Leute;
es sollte in die Revolutionsmacherei eingetreten werden; wir wei-
gerten uns aufs entschiedenste."
139) Marx: "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte", a.a.O., S.
117.
140) Lenin: Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokrati-
schen Revolution, WERKE, Bd. 9, S. 69.
141) Lenin, ebda., S. 69 f.
142) Lenin: "Unser Programm", WERKE, Bd. 4, S. 205 f.
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