Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Diskussion, Besprechung
       

BESPRECHUNG VON: MICHAEL MAUKE: DIE KLASSENTHEORIE VON MARX UND ENGELS 1)

Wenn Mauke zu Beginn seines Buches formuliert, daß Marx "keine gesonderte Abhandlung seiner Klassentheorie" /7/ geschrieben hat und er dies im Gegensatz zu Georg Lukacs 2) nicht wehmütig be- klagt, sondern betont, daß die Marxsche Klassentheorie im System der Kritik der Politischen Ökonomie enthalten ist, so ist dem zunächst voll zuzustimmen. Die Darstellung der "Klassentheorie des Kapitalismus" /8/ ist nichts andres als die Darstellung der Stellung der Klassen und Klassenabteilungen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß, aus dem sich ihre Wechselbeziehung aufeinan- der ergeben. Unabdingbare Voraussetzung ist daher die Einsicht in die Struktur des kapitalistischen Reproduktionsprozesses, welche von Marx im KAPITAL dargestellt worden ist. Die Darstellung der Klassentheorie ist daher immer bestimmt durch das Verständnis des Systems der Politischen Ökonomie. Wenn auch Mauke auf diesen Zu- sammenhang hinweist, muß gerade seine Interpretation des KAPITALS und damit der Klassentheorie kritisiert werden. An der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheinen die wirklichen Verhältnisse in völlig verdrehten Formen. Um bei der Analyse der wirklichen Bewegung nicht diesem Schein aufzusitzen, muß zuvor Klarheit geschaffen werden über den Vermittlungszusam- menhang der Verkehrung, wie er sich aus der inneren Natur des Ka- pitals ergibt. Die bestimmte historische Form der gesellschaftli- chen Arbeit selbst fordert eine bestimmte Form der Darstellung, die dialektische Methode, das stufenweise Annähern an die Ober- fläche auf Basis der je widersprüchlichen Bestimmungen, wie sie sich aus dem Gegensatz von Inhalt und bestimmter Form der Gesell- schaftlichkeit der Arbeit ergeben. Die Darstellung der allgemei- nen Bewegungsgesetze des Kapitals im KAPITAL ist eben die stufen- weise Dechiffrierung der erscheinenden Bewegung. 3) Somit muß die Nachzeichnung der Klassentheorie, die Aufdeckung der Stellung der verschiedenen Klassen und Klassenfraktionen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß, in der Stufenfolge der Entwicklung des Wert- verhältnisses vollzogen werden. Nun sind zwar diese logischen Kategorien immer auch schon histo- rische in dem Sinne, daß sie historisch gewordene und vergängli- che sind. Doch darf daraus keinesfalls der Schluß gezogen werden, daß die logische Abfolge der Kategorien notwendig der histori- schen Abfolge entspricht, denn "es wäre untubar und falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinanderfolgen zu lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren. Vielmehr ist ihre Reihenfolge bestimmt durch ihre Beziehung, die sie in der moder- nen bürgerlichen Gesellschaft aufeinander haben, und die genau die umgekehrte von dem ist, was als ihre naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung entspricht". 4) Damit ist jedoch nicht gesagt, daß die logische Abfolge der Kate- gorien nicht Punkte erreicht, wo die historische Entwicklung in die Darstellung hineinragt. Doch um daraus selbst noch Einblick in die wirkliche Geschichte der Produktionsverhältnisse gewinnen zu können, muß zunächst Klarheit bestehen über die Struktur der logischen Abfolge der Kategorien selbst. Das System der Kritik der Politischen Ökonomie ist aber gründlich mißverstanden, wenn es als h i s t o r i s c h e Darstellung des Entstehungs- und Entwicklungsprozesses der modernen Gesell- schaft interpretiert wird. Und genau dieses Mißverständnis von historischer und logischer Darstellung liegt der Maukeschen Re- konstruktion der Marxschen Klassentheorie zugrunde, wie in fol- gendem offensichtlich wird: "Marx' historische Chance bestand darin, daß er im England der Mitte des 19. Jahrhunderts den Kapi- talismus in seiner klassischen Form studieren konnte... Klassisch war diese geschichtliche Situation, weil sie als Übergangsepoche ermöglichte, den Kapitalismus in seiner Genese und in seinen Ent- wicklungstendenzen insgesamt als prozessuale Totalität zu begrei- fen. Aus der besondren geschichtlichen Konstellation erklären sich auch die kontrastierenden Aussagen über die Arbeiterklasse: der wechselvolle Inhalt der Begriffe reflektiert die Widersprüch- lichkeit und Ungleichmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwick- lung". /111/ Wenn die Darstellung im KAPITAL als historische Darstellung ver- standen wird, dann ergeben sich daraus mit Notwendigkeit zwei Konsequenzen. Zum einen kann Mauke die spezifisch historische Form der gesellschaftlichen Arbeit, das Wertverhältnis, nicht er- fassen - weil ihm die Analyse der Form überhaupt nicht zum Pro- blem wird. Damit hat er sich die Möglichkeit der Unterscheidung zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und allen andren ökonomischen Gesellschaftsformationen von vornherein verstellt. Zum andren kann Mauke behaupten, daß die Marxsche Darstellung für die Phase des sogenannten Konkurrenzkapitalismus zutreffend gewe- sen sei, jedoch dem heutigen Entwicklungsstand - dem sogenannten Monopolkapitalismus - nicht mehr entspricht; daß sich also die wirkliche Entwicklung gleichsam von ihrem Begriff entfernt hat. So kommt er konsequent zu dem Resultat, die Kritik der Politi- schen Ökonomie auf Basis der Kritik der Politischen Ökonomie selbst für obsolet zu erklären. II Mauke setzt den Begriff des Mehrprodukts an den Beginn seiner Darstellung, die von der Urgeschichte bis zum Kapitalismus reicht. Es gelingt ihm jedoch nicht, einen richtigen Zusammenhang zwischen dem Entstehen eines Mehrprodukts, der Entwicklung der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit und der gesellschaft- lichen Arbeitsteilung herzustellen. Losgelöst von jeder histo- risch spezifischen Form, die das Mehrprodukt in den einzelnen ökonomischen Epochen annimmt, und so ungeachtet aller je spezi- fisch unterschiedenen Bestimmungen, wird dieses zum Schlüsselbe- griff der Maukeschen Argumentation. "Das Mehrprodukt in der Form des Privateigentums an Arbeitsmitteln und -ergebnis der unmittel- baren Produzenten ist das widersprüchlich vorwärtstreibende Mo- ment der Geschichte antagonistischer Vergesellschaftung". /14/ Weil für Mauke die bestimmte Form der gesellschaftlichen Arbeit, die differentia specifica der einzelnen Produktionsweisen, und damit die je unterschiedliche Art und Weise der Schaffung des Mehrprodukts, überhaupt aus der Darstellung herausfällt, macht sich der Klassengegensatz als der zwischen Mehrprodukt Hervor- bringenden und privaten Aneignern des Mehrprodukts allein fest an der Verwendung des eh schon produzierten Mehrprodukts: Das Mehr- produkt wird zum "Kampfobjekt zwischen den Produzenten und priva- ten Inhabern der sachlichen Produktionsbedingungen und zur um- strittenen Beute zwischen herrschenden Privateigentümern selbst". /11/12/ Wird so Privateigentum an Produktionsmitteln als sich durch die Geschichte sämtlicher ökonomischer Formationen hindurchziehende Bestimmung unterstellt und der Klassenkampf reduziert auf ein Ringen um das Mehrprodukt, dann bereitet es Mauke keine Schwie- rigkeit mehr, beide Momente 'zusammenzufassen zum Widerspruch' von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung als im- mer wiederkehrendes Grundmuster der Klassengesellschaft: "In der Entfaltung der widersprüchlichen Verhältnisse zwischen der ge- sellschaftlichen Arbeit und der partikulären Aneignung des Mehr- produkts liegt für Marx der Schlüssel zur Erklärung einer mehr- tausendjährigen Entwicklung der Gesellschaft; von Aufstieg, Nie- dergang und Umwälzung verschiedener nebeneinander bestehenderund aufeinanderfolgender Klassengesellschaften". /12/ Hier wird nun deutlich, worauf derartige Argumentation mit Not- wendigkeit hinausläuft. Weil Mauke nicht begreift, daß auf gewis- ser Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte die gesellschaftli- che Arbeit bestimmte Form annimmt und der Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Entwicklung der Produktivkräfte sich deshalb auch nur in b e s t i m m t e r F o r m, als Wider- spruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater An- eignung, als v e r m i t t e l t e s H e r r s c h a f t s- u n d K n e c h t s c h a f t s v e r h ä l t n i s geltend ma- chen kann, verwechselt er die bürgerliche Form des Widerspruchs mit dem Widerspruch der bisherigen Geschichte, nämlich die Herr- schaft der Produktions-Bedingungen über die Produzenten. Das hat zur Folge, daß er alle bisherige Geschichte als die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft darstellen muß. Entgegen Maukes Darstellung muß festgehalten werden, daß erst in der bürgerlichen Gesellschaft der Widerspruch zwischen den Pro- duktivkräften und den Produktionsverhältnissen derartige Prägnanz erhält, daß er bestimmend wird für die Entwicklung der Gesell- schaft, indem er seine Bewegungsform nur findet in der pausenlo- sen Revolutionierung der Produktivkräfte. Es ist der innere Me- chanismus der kapitalistischen Produktionsweise selbst, der sich mit Naturgewalt, in Gestalt der Konkurrenz der vielen Einzelkapi- tale, dem einzelnen Kapitalisten gegenüber geltend macht, ihm die nächsten Schritte seines Tuns diktiert und zu permanenter Umwäl- zung der Produktivkräfte, zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik zwingt. Allein in der modernen Gesellschaft wird die Produktion des Mehr- produkts, weil stofflicher Träger des Mehrwerts, zwingende Not- wendigkeit und Selbstzweck. Demgegenüber sind alle vorkapitali- stischen Produktionsweisen wesentlich auf die Reproduktion tradi- tioneller und beschränkter Verhältnisse gerichtet. Das Mehrpro- dukt ist überhaupt nur bestimmt durch seine stoffliche Existenz- form, bildet Vorrat oder wird für unproduktive Aufgaben verwandt: "Aber die Alten dachten auch nicht daran, das surplus produce in Kapital zu verwandeln. Wenigstens nur in geringem Grade. (Das ausgedehnte Vorkommen der eigentlichen Schatzbildung bei ihnen zeigt, wieviel surplus produce ganz brach lag.) Einen großen Teil des surplus produce verwandelten sie in unproduktive Ausgaben für Kunstwerke, religiöse Werke, travaux publics. Noch weniger war ihre Produktion auf Entfesselung und Entfaltung der materiellen Produktivkräfte - Teilung der Arbeit, Maschinerie, Anwendung von Naturkräften und Wissenschaft auf die Privatproduktion - gerich- tet". 5) III Wie Mauke alle bisherige Geschichte unter der Hand nur als Ge- schichte der bürgerlichen Gesellschaft fassen kann, ohne selbst eine Vorstellung von der bürgerlichen Form der gesellschaftlichen Arbeit zu haben, vermag er auch die Darstellung der Klassenver- hältnisse im Kapitalismus nicht zu leisten. Einerseits wird ihm der "Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist", 6) überhaupt nicht zum Problem; er kommt nicht über die höchst schwammige Bezeichnung von Wert "als dem universellen Medium des gesellschaftlichen Pro- duktionsprozesses" /22/ Weil der Fetischismus gerade nicht aus dem Inhalt der Wertbestim- mung, sondern aus der bestimmten gesellschaftlichen Form der Ar- beit entspringt, die als gegenständliche Eigenschaft der Ar- beitsprodukte erscheint, bleibt die bloße Feststellung, daß "abstrakte Arbeit im Wert ihren praktischen Ausdruck erhält" /22/ flach und verkürzt. Die Verkehrung von Subjekt und Objekt ist da- mit überhaupt nicht gefaßt. Erst die Entwicklung aus den je wi- dersprüchlichen Bestimmungen zeigt die Zusammenhänge, aus welchen sich für die Produktionsagenten ein notwendig verdrehtes Bewußt- sein ergibt. Andrerseits muß ihm durch den unbegriffnen Zusammenhang alles als verdinglicht erscheinen. Da er den Fetischismus gerade nicht aus der bestimmten gesellschaftlichen Form der Verausgabung von Ar- beit ableitet, wird ihm auch die spezifische Form der Verdingli- chung im Kapitalismus nicht mehr klar, degenerieren ihm unter seiner Feder alle gesellschaftlichen Zusammenhänge derart zu ver- dinglichten, daß es der Konstruktion eines deus ex machine be- dürfte, die unterdrückten Massen zu befreien. So sitzt Mauke selbst noch der Verkehrung von Subjekt und Objekt auf, wenn ihm die Klassenherrschaft der Kapitalisten "als ein System 'technischer' Sachzwänge von dämonischer Funktionalität" /103/ erscheint. Es ist nicht mehr verwunderlich, wenn Mauke im weiteren Verlauf seiner Darstellung das Konstituens des Kapitalismus, den Wert, das Wertverhältnis für unhaltbar erklärt. Auf dem Wege zur Automation werden immer mehr Menschen aus dem unmittelbaren Produktionsprozeß verdrängt; einfache Arbeit wird zunehmend durch komplexe Arbeit ersetzt, "so daß am Ende ihre (der einfachen Arbeit) Aufhebung steht" /33/. Komplexe Arbeit, das ist geistige, technische und wissenschaftliche Arbeit, die mehrwertproduzierend , ist /vgl. 40/41/ und die einfache Arbeit, d.h. gesellschaftliche Durchschnittsarbeit und damit die quanti- tative Substanz des Werts soweit verdrängt, "daß die Wertform und damit Warenproduktion und Kapitalismus nicht mehr aufrechterhal- ten werden können". /33/ In einer solchen Gesellschaft "wird das Wertgesetz unhaltbar" und ist "kein adäquates Regulativ mehr", denn die Verteilung des Überflusses läßt sich nicht weiter am Wert messen. Der so decouvrierte Kapitalismus kann nur noch mit Gewalt aufrechterhalten werden, /vgl. 40/41/ Hierzu ist nun zu bemerken, daß, solange die Form der Produktion kapitalistisch ist, solange die bürgerliche Gesellschaft noch existiert, das einzige Maß des Reichtums der Wert ist und bleibt, so wider- sprüchlich das auch angesichts von "Überflußproduktion" scheinen mag. Anstatt seine These von der Unhaltbarkeit des Wertgesetzes aufzustellen, hätte Mauke besser daran getan, die Wertformen zu analysieren und die Widersprüchlichkeit, die diese Formen auf den verschiedenen Ebenen annehmen, zu entwickeln. Zwar handelt Marx in den GRUNDRISSEN von der letzten Zuspitzung des Widerspruchs der auf der Werteproduktion basierenden kapita- listischen Gesellschaft, doch ist es bei Marx das Kapital als prozessierender Widerspruch, der hindrängt zum schließlichen Zu- sammenbruch dieser Produktionsweise: "Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch (dadurch), daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren stört, während es andrerseits die Ar- beitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung - question de vie et de mort - für die notwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, ... um die Schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffenen Wert als Wert zu erhalten." 7) Während aber bei Marx der Wert die stoffliche Seite des Produkti- onsprozesses modifiziert und revolutioniert, geht Mauke eben von der stofflichen Seite aus, der Maschine und der komplexen Arbeit und revolutioniert das Wertverhältnis. Es wird hier deutlich, daß Mauke einerseits die Weiterentwicklung des Kapitalismus noch unter Wertaspekten sieht, an einer verkürz- ten Werttheorie festhält, andrerseits aber die letzte Entwick- lungsphase vor dem Hintergrund des Obsolet-Geworden-Seins des Wertverhältnisses neu interpretieren muß, und zwar als Phase to- taler Verdinglichung, als Herrschaft des von Bürokraten verwalte- ten Staatsapparats über die Massen. An die Marxsche Unterschei- dung von Kapital als Funktion und Kapital als Eigentum knüpft Mauke dann an, um die Klassenkategorie (der Kapitalisten) "als spezifisch soziologische Kategorie für hinfällig" /103/ erklären zu können: "Mit dem Verschwinden des klassischen Kapitalisten (Eigentümer und Funktionär) tritt das Kapital den Lohntätigen, (zu denen grundsätzlich auch die Angestellten und wenigstens for- mell, die Manager gehören, wo also fast die gesamte Gesellschaft zum Lohnarbeiter geworden ist) - als unmittelbare Macht der Dinge über die Menschen gegenüber." /103/ So ist es bei Mauke nicht mehr die Klasse der Kapitalisten, sondern das kapitalistische "Lager", das alle "besitzenden, privilegierten und überhaupt am Bestand der kapitalistischen Ordnung interessierten und engagier- ten 'Klassen', Gruppen und Individuen" /104/ umfaßt. Dementsprechend wird auch für die Arbeiterklasse die Kategorie der Klasse unzulänglich und durch den Begriff des 'Lagers' er- setzt. "Als einziges Synonym für die Kategorie findet sich bei Marx der Begriff des 'Lagers', der brauchbar zu sein scheint zur Analyse jener abschließenden Entwicklungsphase des kapitalisti- schen Systems, in welcher der Klassenbegriff als solcher unzu- länglich wird". /110/ Mauke begründet seine These damit, daß es sich im hochentwickel- ten Kapitalismus um die Herausbildung einer "neuen Arbeiter- klasse" handle, deren herausragendes Moment es sei, nicht mehr einfache, sondern vielmehr komplexe Arbeit zu verrichten. "Mit dieser neuen Arbeitsqualität zeichnen sich zugleich die Umrisse einer neuen Lohnarbeiterklasse ab, die sich von dem Aggregatzu- stand der Fabrikarbeiterschaft ebenso abzuheben scheint, wie diese von der Manufakturarbeiterschaft zu unterscheiden ist." /131/ Nach Mauke ist durch die zunehmende Verwissenschaftlichung der Produktion eine neue Qualität der Arbeit erreicht, so daß durch "die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals die pro- duktiven Arbeiter vollends durch Maschinen ersetzt" /163/ werden und der durch die Mehrwertproduktion bestimmte Begriff der pro- duktiven Arbeit hinfällig wird. Auch hier kann Mauke die Entwick- lung der verborgnen Potenzen der gesellschaftlichen Arbeit nicht verstehen: er begreift Verwissenschaftlichung der Produktion und Automation nicht als Ausdruck der Entwicklung der konfligierenden Momente der kapitalistischen Produktion, kann nicht entwickeln, daß Wissenschaft Bedingung wie Resultat dieser Produktionsweise ist und damit der Entwicklung der Produktivkräfte unter der Regie des Kapitals selbst. Wenn Mauke den wissenschaftlichen Sozialis- mus aufgibt, damit auch gleichzeitig die einzige Möglichkeit, den wirklichen Prozeß der Auflösung des modernen Privateigentums zu formulieren und auf dieser Grundlage eine Konzeption revolutio- närer Taktik zu entwickeln, folgt daraus die Notwendigkeit, eine neue Revolutionstheorie auszuhecken. Hier knüpft nun Meschkat in seinem Nachwort an. Getreu dem Dogma der antiautoritären Revolte - ich kämpfe, also bin ich - und im Garn des studentischen Sendungsbewußtseins gefangen, fordert er die Ausbreitung des antiautoritären Bewußtseins durch "mehr und mehr" Aktionen der "Intellektuellen, Studenten und Schüler", "zunächst durch Angriffe auf Institutionen wie Schulen und Uni- versitäten, von deren Funktionieren die Fortexistenz des Gesamt- systems entscheidend abhängt." /173/174/ Diese grandiose Wei- terentwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus in Form der neuen Revolutionstheorie hat sich gerade in den letzten Wochen wieder zu einem neuen Glaubensgebot emporgewuchtet: "Wenn du wis- sen willst, was ein Kommunist denkt, dann sieh auf seine Hände und nicht auf seinen Mund" (aus einem Aufruf zur Demonstration am 21.5.71 in Westberlin). Projekt 'Klassenanalyse' _____ 1) M. Mauke: DIE KLASSEXTHEORIE VON MARX UND ENGELS, EVA, Frank- furt/Main 1970. (Die Seitenzahlen in Querstrichen beziehen sich auf diesen Text.) 2) Vgl. Georg Lukacs: GESCHICHTE UND KLASSENBEWUSSTSEIN, Neuwied- Berlin 1968, S. 218. 3) Dieser Zusammenhang ist näher entwickelt in der Besprechung des Buches von Helmut Reichelt in diesem Heft S. 4) K. Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, Ber- lin 1953, S. 28. 5) K. Marx: THEORIEN ÜBER DEN MEHRWERT, MEW 26.2, S. 528/29. 6) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. I, MEW 23, S. 87. 7) K. Marx: GRUNDRISSE..., a.a.O., S. 593. zurück