Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Diskussion, Besprechung
       

KONKRETE ANALYSE, PRÄZISE BEGRIFFE ODER GEWÖHNLICHER ANTIKOMMUNISMUS

Und ich versichere Euch, mit mehr Sorgfalt suchen die Bettelwei- ber nicht die Lumpen aus dem Kehricht, als so ein Schelmenfabri- kant aus kleinen, schiefen, verschobnen, verrückten, verdrückten, geschloßnen, bekannten, geleugneten Anzeichen und Umständen sich endlich einen strohlumpnen Vogelscheu zusammenkünstelt. Goethe, Egmont. Besprechung von: "Philip Neumann: Der "Sozialismus als eigenstän- dige Gesellschaftsformation", Zur Kritik der Politischen Ökonomie des Sozialismus und ihrer Anwendung in der DDR" im Kursbuch 23 "Für die Kommunisten stellt sich die Aufgabe, durch konkrete Ana- lyse und präzise Begriffe die sowjetische Wirklichkeit zu analy- sieren" 1) fordert Philip Neumann in einer Kritik am angeblichen Testament Eugen Vargas. Auch an seine eigene Arbeit stellt er solche Ansprüche; es soll sich hier um "konkrete Analysen" 2) bzw. um "eine Vorarbeit für die konkrete Analyse" 3) handeln. Was soll hier präzis begriffen und konkret analysiert werden? Erstens "die Probleme, vor denen der Sozialismus als Übergang vom Kapita- lismus zum Kommunismus steht; im zweiten Teil wird die neue Theo- rie der DDR-Führung dargestellt und kritisiert; es wird gezeigt, wie die Produktionsverhältnisse unter dem neuen Wirtschaftssystem nach den Vorstellungen der SED organisiert sein sollen und zu welchen Konsequenzen das führt; im dritten Teil werden einige vorläufige Schlußfolgerungen bezüglich der Klassenverhältnisse in den revisionistischen Ländern gezogen." 4) Das Ergebnis der Zie- hung: Es hat sich "eine neue herrschende bürgerliche Klasse" ent- wickelt... "Die Lage der Arbeiterklasse verschlechtert sich, die Ausbeutung wird durchschaubarer." 5) Zurück zum Ausgangspunkt: "I. Was ist Revisionismus? " 6). Hier erklärt der Autor, daß der Leninsche Revisionismusbegriff durch Mao Tse-tung weiterentwickelt worden sei. "Er ... faßte die tra- gischen Erfahrungen der Sowjetunion zusammen zu einer Theorie, die den Revisionismus nach der Revolution, die Abweichungen einer ehemals proletarischen Partei analysiert." 7) Es folgt ein Mao- Zitat aus dem Jahre 1957 8). Mao hat also die tragischen (Tragik ist übrigens ein unabwendbares Schicksal) Erfahrungen der UdSSR bereits 1957 - in dem Jahr, in dem KPCh und KPdSU gemeinsam die "Moskauer Erklärung" unterzeichneten - zusammengefaßt. Und das in einer Schrift, die sich ausdrücklich auf innerchinesische Wider- sprüche bezieht. Somit wäre also der neue präzise Revisionismus- Begriff geklärt. Auch bei der Frage nach dem Grundinteresse der Arbeiterklasse geht Neumann von einem Zitat aus, einem Lenin-Zitat aus "Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht", in dem Lenin bestimmte Maß- nahmen während der NEP-Periode als Abweichung von den Prinzipien der proletarischen Macht charakterisiert. Diese Maßnahmen stell- ten ein "Modell des Sozialismus dar, wie die DDR-Theoretiker be- haupten" 9). Tatsächlich behaupten dies die Autoren des Buches "Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR" 10) allerdings nicht. Sie berufen sich am von Neumann ange- gebenen Ort vielmehr auf eine andere Stelle aus den "nächsten Aufgaben": "In jeder sozialistischen Revolution ... tritt... in den Vordergrund ... die Steigerung der Arbeitsproduktivität" 11). Im anschließenden Teil "II. Die neue DDR-Theorie über den Sozia- lismus" verkürzt P. Neumann Ulbrichts Definition, daß der Sozia- lismus "eine relativ selbständige sozialökonomische Formation in der historischen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommu- nismus" 12) sei, zu einer Erklärung des Sozialismus als "eigenständige Sozialökonomische. Formation" 13). Danach stellt der Verfasser kurz die Entwicklung der DDR dar, wie sie seiner Meinung nach die SED sieht. Nachdem er zunächst "Sieg der sozia- listischen Produktionsverhältnisse" mit "Sieg des Sozialismus" verwechselt hat 15), meint er hier, daß auf dem VII. Parteitag der SED das "Neue Ökonomische System (NÖS)" lediglich in "Ökonomisches System des Sozialismus (ÖSS)" "umbenannt" 16) wor- den sei. Es entgeht ihm, daß sich das ÖSS vom NÖS zum einen da- durch unterscheidet, daß es nicht eine ganze Reihe von einzelnen Reformmaßnahmen umfaßt, sondern komplexen Charakter trägt 16a), und daß zum anderen mit dem ÖSS dem Dezentralisierungsprozeß der Wirtschaft entgegengewirkt wurde, z.B.. auf dem Gebiet von Struk- tur- und Objektplanung. 17) Entsprechend ungenau ist dann die folgende Darstellung des ÖSS. Alternativ zur DDR diskutiert Neumann bestimmte Leitungsformen in der VR China, meint dann allerdings, daß es nicht darum ginge, die Erfahrungen Chinas zu kopieren, sondern vielmehr darum, daß kapitalistische Organisationsstrukturen nicht als Errungenschaf- ten des Sozialismus ausgegeben werden dürften 16b). Hierzu sei z.B. nur auf den in China gebräuchlichen Begriff des "einheitlichen sozialistischen Marktes" verwiesen. 16c) Amüsant ist nebenbei, daß Neumann meint, man könne "auf die Idee kommen, daß Ulbricht hier (bei der Diskussion des Verhältnisses Zentralisierung-Dezentralisierung - V.G.) mit Mao Tse-tung über- einstimmt und eventuell doch eine Ähnlichkeit zwischen den Ideen Mao Tse-tungs und denen Ulbrichts besteht." 18) Zum allgemeinen Verhältnis von Ulbricht- und Mao-Ideen äußerte sich Ulbricht sei- nerzeit so: "Es geht ... bei uns in der Hauptsache nicht darum 'alle Blumen erblühen zu lassen', sondern um die richtige Zucht- wahl der Blumen, um die Auswahl des wirklich Neuen und Nützli- chen, ohne daß man dabei das Wuchern schädlichen Unkrauts als an- gebliche 'Blume' duldet." 19) Neumann kritisiert die Tatsache, daß in der DDR Stücklohn ange- wandt wird, anhand von Schulungsmaterialien der KPD aus der Wei- marer Republik 20); hier ist ihm wieder entgangen, daß das Pro- blem, die Arbeiter zu veranlassen, daß sie ggf. "Dinge bejahen und erstreben, die sie vorher verneinten und bekämpften" 21) ge- rade am Beispiel Stücklohn schon seit mehr als 20 Jahren disku- tiert wird. Ausgehend von der Feststellung, daß bei vollautomati- sierten Prozessen der höchste Basislohn gezahlt wird, führt Neu- mann einen neuen Begriff in den wissenschaftlichen Sozialismus ein: Die Ahnung. Man kann "ahnen, welche gesellschaftlichen Kräfte ein Interesse an der Revision der Marxschen Aussagen... haben: die ... Intelligenz, die die ... Basis der neuen Bour- geoisie zu sein scheint." 22) Also: Man a h n t, daß eine Schicht die Basis einer neuen Klasse zu sein s c h e i n t! Präzise Begriffe, konkrete Analyse... So gerüstet, untersucht Neumann dann "III. Die Klassenverhält- nisse". Da er sich in Teil II mit der DDR-Theorie befaßte, erwar- tet der Leser nun, daß Neumann jetzt die Autoren dieser Theorie behandelt. Weit gefehlt! Nach einer kurzen Diskussion des Klas- senbegriffs der Klassiker setzt er sich hauptsächlich mit (zugegebenermaßen interessanten) Fragen der Kultur der SU ausein- ander. Zum Klassenbegriff zitiert er hier eine Äußerung von Marx aus der "Deutschen Ideologie" zum Verhältnis von Lebensbedingun- gen, Reproduktionsprozeß und Sitten bei der Entstehung der Bür- gerklasse. Nun äußern sich die Klassiker öfter zum Wesen der Bourgeoisie, auch zur Frage des (für Neumann nur juristischen) Besitzes an den Produktionsmitteln. Darum sei ihm zur Ergänzung seiner Ahnungen eine Anmerkung von Engels zum "Kommunistischen Manifest" genannt: "Unter Bourgeoisie wird die Klasse der modernen Kapitalisten ver- standen, die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind und Lohnarbeit ausnutzen." 23) "Konkret" beweist Neumann sodann die Bildung der neuen Bour- geoisie - diesmal nicht per Ahnung, sondern mit einer Methode, die an die Inquisition 24) erinnert: Die Reformen "dienen den In- teressen der Staatsbourgeoisie, aber die Tatsache, daß sie einge- führt werden konnten, bedeutet, daß es vor den Reformen Verschie- bungen in den Klassenverhältnissen gegeben haben muß" 25). Neumann krönte sein Werk mit der Behauptung "Die Lage der Arbei- terklasse verschlechtert sich." 26) Das ist - was UdSSR und DDR betrifft - einfach falsch. Neumanns fataler Aufsatz, der an die Stelle des Begriffs den Affekt setzt und eine konkrete Analyse weder vorbereitet noch leistet, läßt seinen Titel "Zur Kritik der Politischen Ökonomie des Sozialismus und ihrer Anwendung in der DDR" (Keine Kritik des Lehrbuchs, sondern eine der Politischen Ökonomie!) zur groben Anmaßung werden. Die wirkliche theoretische Auseinandersetzung - mit der Neumann nichts zu schaffen hat - muß sich zum einen der Frage nach der Entfaltung marxistischer Kategorien für die Übergangsgesellschaft widmen und muß zum anderen - und das ist damit untrennbar verbun- den - um die Wirtschaftsreformen in den sozialistischen Ländern geführt werden. Volker Gransow _____ 1) Philip Neumann: "Welcher Klassenstandpunkt bestimmt Vargas Analyse", in: KURSBUCH 23, S. 77. 2) ders.: "Der "Sozialismus als eigenständige Gesellschaftsforma- tion". Zur Kritik der Politischen Ökonomie des Sozialismus und ihrer Anwendung in der DDR", in: KURSBUCH 23, S. 96-142, hier: S. 99 (i.f. zitiert als Neumann, Kritik). 3) ebenda, S. 98. 4) ebenda. 5) ebenda, S. 140. 6) ebenda, S. 98. 7) ebenda, S. 99. 8) Dies von Neumann angegebene Zitat aus den "Worten" besteht in Wirklichkeit aus zwei Zitaten aus verschiedenen Schriften. ("Rede auf der Landeskonferenz der KPCh über Propagandaarbeit" v. 12.3.57 und "Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk"). 9) Neumann, Kritik, S. 102. 10) POLITISCHE ÖKONOMIE DES SOZIALISMUS UND IHRE ANWENDUNG IN DER DDR, Berlin 1969. 11) ebenda, S. 37. Vgl. Lenin: WERKE, Bd. 27, S. 247. 12) Walter Ulbricht: ZUM ÖKONOMISCHEN SYSTEM DES SOZIALISMUS IN DER DDR, Bd. 2, Berlin 1968, S. 530. Hervorhebungen von mir. V.G. 13) Neumann, Kritik, S. 104. 14) ebenda, S. 98. 15) ebenda, S. 105. Eine ausführliche Darstellung der Etappen der DDR-Entwicklung findet sich bei: Stefan Doernberg: KURZE GE- SCHICHTE DER DDR, Berlin 1969. 16) Neumann, Kritik, S. 105. 16a) Dieser erscheint ihm verzerrt darin, daß über eine pragmati- sche Entscheidung ein "Überbau gebastelt" wurde. (S. 121) 16b) Neumann, Kritik, S. 119. 16c) Hsüä Mu-Tjiao/Su Hsing/Lin Dsi-li: DIE SOZIALISTISCHE UMGE- STALTUNG DER CHINESISCHEN VOLKSWIRTSCHAFT, Peking 1964, S. 261. 17) Vgl. hierzu direkt: THEORETISCHE UND METHODISCHE PROBLEME DER PROGNOSTISCHEN PLANUNG UNTER DEN BEDINGUNGEN DER TECHNISCHEN RE- VOLUTION, Berlin 1968; Jürgen Kuczynski: "Prognose und Planung für die Sozialistische Wirtschaft", in: PROPHETEN DER WIRTSCHAFT, Berlin 1970, S.' 147-192. Zum allgemeinen Problem vergl,: Walter Lindner: "Aufbau des-Sozialismus oder kapitalistische Restaura- tion", Erlangen 1971, besonders S, 31-33, 34-54. 18) Neumann, Kritik, S. 110. 19) Walter Ulbricht: ZUR GESCHICHTE DER DEUTSCHEN ARBEITERBEWE- GUNG, Bd. VI, Berlin 1962, S. 329. 20) Neumann, Kritik, S. 113. Er zitiert hier aus der MASCH, Poli- tische Ökonomie, Berlin/ Wien 1930. Leider scheint er hier z.B. Abschnitt 5/VIII (Der Arbeitslohn und die Lage der Arbeiterklasse in der SU) nicht gelesen zu haben. 21) Wolfgang Harich: "Zum Problem der neuen Arbeitsmoral", in: EINHEIT 7/1949, S. 629. ; Ferner wird dieses Problem u.a. aus- führlich diskutiert: Günter Grahmann: "Über einige Einflüsse der bürgerlichen Ideologie im Bewußtsein der Arbeiter in der DDR", in: PROBLEME DES HISTORISCHEN MATERIALISMUS UND DER MARXISTI- SCHEN SOZIALFORSCHUNG, Berlin 1958, S. 54-113 und in: ÖKONOMI- SCHES SYSTEM UND INTERESSENVERTRETUNG, 2 Bände, Berlin-Treptow 1968. 22) Neumann, Kritik, S. 114 f. 23) Marx/Engels: AUSGEWÄHLTE WERKE, Bd. l, Berlin 1964, S. 26. 24) Im "Egmont" läßt Goethe den Vansen über die Inquisition sa- gen: Wo nichts herauszuverhören ist, da verhört man hinein... 25) Neumann, Kritik, S. 135. 26) ebenda, S. 140. Kurz vorher gebraucht er noch einmal expressis verbis den Begriff "neue Klasse". Selbst die "Polemik über die Generallinie", auf der Neumann doch "fußt" (S. 97) benutzt im ähnlichen Sinnzusam- menhang nicht den Begriff "Klasse", sondern spricht von einer "Schicht" von Entarteten. Vgl. DIE POLEMIK ÜBER DIE GENERALLINIE DER INTERNATIONALEN KOMMUNISTISCHEN BEWEGUNG, Berlin 1970, S. 487. zurück