Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Diskussion, Besprechung
       

BESPRECHUNG VON LAVROV: "DIE PARISER KOMMUNE"

"Ausgrabungen vergessener Dokumente aus der Geschichte der sozia- listischen Bewegung bedürfen umso mehr der Rechtfertigung, je willkürlicher neuerdings verschiedene Gruppen mit der revolutio- nären Tradition umspringen." /4/ Dieser Aussage Klaus Meschkats im Vorwort von P.L. Lavrov, "Die Pariser Kommune vom 18. März 1871", ist unbedingt zuzustimmen. Meschkat sieht die Bedeutung des Buches von Lavrov nicht nur darin, daß es als Quellenliteratur bei nachträglicher Betrachtung und Analyse der Pariser Kommune herangezogen werden kann, sondern daß Lavrov, der "die Lehren der Kommune aus ihrer realen Situa- tion ableiten" /7/ wollte, am Beispiel der Pariser Kommune die Probleme der proletarischen Revolution in einer Weise entwickelt, wie sie auch heute noch Gültigkeit besitzen. "Am Beispiel der Pa- riser Kommune entwickelt er die praktischen Probleme, an denen bis heute keine revolutionäre Gruppe vorbeikommt, die sich die Ablösung des Kapitalismus zum Ziel setzt." /13/ Ob dies zutrifft, muß sich bei einer genaueren Betrachtung des Konzepts revolutionärer Taktik erweisen, wie es bei Lavrov zu finden ist. Lavrov selbst bestimmt sein Anliegen, das Ziel seines Buches fol- gendermaßen: "Ich bin weit davon entfernt, in meinem kurzen Abriß diese Kommuneden revolutionären Sozialisten zur Anbetung zu über- geben. Ich habe bereits gesagt, daß mein Hauptziel ist, aus ihrer Entwicklung praktische Lehren zu ziehen. Deswegen werde ich mich bei der Darstellung der Ereignisse darauf beschränken, ihren Ver- lauf zu charakterisieren, und es wird unsere Aufgabe sein, daraus die Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen." /19/ Der Darstellung Lavrovs und seiner Kritik an der Pariser Kommune liegt ein bestimmtes Konzept revolutionärer Taktik zugrunde, an dem er die Fehler der Sozialisten in Frankreich mißt. Lavrov geht davon aus, daß der Erfolg der proletarischen Revolution, günstige Umstände vorausgesetzt, nur von zwei Bedingungen abhängt: "vom Grad der Vorbereitung der fortschrittlichsten sozialistischen Gruppen und von der heroischen Entschlossenheit der Teilnehmer an der revolutionären Arbeiterbewegung" /155 f/. Da die zweite Bedingung, wie die sozialistische Bewegung in allen Ländern zeigt, immer schon erfüllt ist, bleibt die gute Vorberei- tung schließlich einziges Kriterium für den Sieg des Proletari- ats. Diese Vorbereitung durch die sozialistischen Führer hat so auszusehen, daß zum Zeitpunkt der Revolution eine "fertige Orga- nisation" und ein "fertiges politisches Aktionsprogramm" /174/ vorliegen. Allein mit Hilfe dieses Programms ist es möglich, die "praktischen Maßnahmen grundsätzlich mit den Aufgaben des prole- tarischen Sozialismus in Verbindung (zu bringen), um dann ener- gisch im Namen dieser Prinzipien, als Anfang einer höheren sozia- len Gerechtigkeit, den schwankenden Massen den praktischen Weg zu zeigen, welche in ihrem ausweglosen Kampf um die Existenz in kei- ner Weise verpflichtet waren, die Entscheidungen in diesen schwierigen Fragen, die eine Anwendung der theoretischen Prinzi- pien auf die gegenwärtige historische Situation voraussetzten, selbst zu fällen." /175 f./ Angewandt auf Frankreich bedeutet dies, daß die erste Maßnahme, die die Kommune sofort und entschlossen hätte ergreifen müssen, der ökonomische Umsturz gewesen wäre. "Nur ein entschlossener Um- sturz, der die Proletarier ökonomisch sofort mit ihren früheren Herren auf eine Stufe gestellt hätte, könnte eine gesunde Basis für den Aufbau eines politischen Ganzen abgeben, das die Revolu- tion zum Nutzen des Proletariats verwirklichen würde." /95/ Über- haupt hätten die Maßnahmen der Kommune vom ersten Augenblick an konsequent sozialistischen Charakter besitzen müssen, um die Wi- dersprüche, die in der Kommune auftraten, zu überwinden. "Wenn die Revolution offen als Revolution des P r o l e t a r i a t s aufgetreten wäre und sich sofort zu einer Gemeinde der Arbeiterklasse organisiert hätte, in der sie nur solche Mitglieder aufnahm, die sich zur sozialen Revolution bekannten, diejenigen Elemente jedoch, die dem arbeitenden Proletariat feindlich waren, entschlossen aus ihren Reihen verbannte, so wäre damit auch die Frage nach dem Unterschied zwischen militärischer und bürgerlicher Macht beseitigt, ebenso wie die Ansprüche der Feinde der proletarischen Kommune auf Gleichheit, die ihnen als Bürger der aus verschiedenen Schichten sich zusammensetzenden Pariser Bevölkerung abgeblich zustand." /119/ Dann wäre auch gewährleistet gewesen, daß die Kommune nur aus Vertretern der Arbeiterklasse bestand, "welche entschlossen waren, die herrschende Klasse zu zerschlagen, und dies ihren Repräsentanten auch zur ersten Aufgabe gemacht und alle übrigen Aufgaben der Organisation diesem grundlegenden Kampf der Arbeit gegen das Kapital untergeordnet hätten, so hätte es keinen Streit über die Diktatur des Rates der Kommune oder das imperative Mandat, an das sie sich halten mußte, gegeben." /120/ Ausgehend von dieser Auffassung liegt der Hauptpunkt der Lavrovschen Kritik an den Sozialisten der Kommune und der Internationale in der Uneinigkeit der sozialistischen Gruppen und ihrer mangelhaften Vorbereitung. Daß die Sozialisten kein "Programm des ökonomischen Umsturzes" aufstellten und verwirklichten, "gerade darin besteht ja die Schuld der Sozialisten der Kommune, eine Schuld, welche die ihrer Gegner bei weitem übertrifft... Sie sahen, daß das Kaiserreich seinem Untergang entgegenging und die Stunde der Revolution näherkam. Sie wußten, daß diese Revolution, wollte sie gelingen, vor allem den ökonomischen Umsturz erforderte und daß sie sich mit ihren Gegnern auf keinerlei Geschäfte einlassen durfte. Doch sie waren n i c h t v o r b e r e i t e t." /107/ Stellt Lavrov einerseits richtig fest, daß es nirgends eine Ein- heit gab, daß der Sozialismus für jeden etwas anderes bedeutete /vgl. 33/, daß die Mehrzahl der Mitglieder der Internationale in Frankreich sich noch nicht die "grundlegenden ökonomischen Prin- zipien des Sozialismus" angeeignet hatte und schließlich "die Sorge um den Krieg und die patriotischen Unruhen zur Zeit der feindlichen Invasion und zur Zeit der Belagerung von Paris... die Probleme des proletarischen Sozialismus ganz in den Hintergrund treten" /31/ ließen, so kann er andrerseits diese Mängel selbst nicht erklären, sondern seine Kritik muß moralisch bleiben. Der falschen Taktik der Kommune stellt er eine bessere Idee gegen- über. Die Probleme der proletarischen Revolution, die Frage nach dem Scheitern der Kommune reduzieren sich bei Lavrov auf die der guten Vorbereitung und der richtigen Führer, die es qua Idee, Prinzip und Programm schaffen, die Massen mitzureißen in das uto- pische Land der Freiheit und ökonomischen Gleichheit. Als materi- elle Bedingungen bleiben nur die jeweiligen, zufälligen p o l i- t i s c h e n Umstände übrig. Damit erweist sich Lavrov selbst als utopischer Sozialist, der der bestehenden eine bessere Wirklichkeit, der alten Ordnung ein- fach eine neue entgegensetzt. Sein Konzept revolutionärer Taktik zu befolgen, wäre gleichbedeutend damit gewesen, die Stellung des Proletariats entscheidend zu schwächen und die Kommune von vorn- herein dem Untergang preiszugeben; hätte die Kommune tatsächlich den ökonomischen Umsturz durchgeführt (die Frage wäre dabei noch: wie ? ), was die Enteignung nicht nur der Kapitalisten, sondern auch der Kleinbürger und Bauern bedeutet hätte, so wäre sie in kürzester Zeit völlig isoliert gewesen; die Masse der Bevölke- rung, die durch die politischen Umstände, Krieg, Kapitulation, kurz durch die konterrevolutionäre Aktion, erst die revolutionäre Errichtung der Kommune ermöglicht hatte, hätte sich gegen die Diktatur des Proletariats aufgelehnt, das in Frankreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur eine Minderheit bildete. Da Lavrov vollkommen von der ökonomischen Struktur Frankreichs abstrahiert, Bestimmungen einer Klassenanalyse in keiner Weise in seine Dar- stellung bzw. in seine Konzeption der Taktik eingehen, kann für ihn auch die Frage der Bündnispolitik des Proletariats nicht zum Problem werden. Wenn aber der Kommunismus nichts ist als die wirkliche Bewegung und der wissenschaftliche Sozialismus der ide- elle Ausdruck dieser Bewegung, des Zerfallsprozesses der bürger- lichen Gesellschaft, so kann sich die Taktik der Kommunisten, die die Beschleunigung dieses Zerfallsprozesses zum Inhalt hat, nur aus dieser Bewegung selbst ableiten. In einem Land wie Frankreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in dem die kapitalistische Produktionsweise zwar dominiert, das Kapitalverhältnis aber noch relativ schwach entwickelt ist, zwei Drittel der Bevölkerung aus Bauern bestehen, also die Mehrheit der Bevölkerung unter Bedin- gungen isolierter Arbeit produziert, das Proletariat selbst noch wenig entwickelt und kaum organisiert ist, stellen sich für die Kommunisten zwei Aufgaben; zum einen die Organisation des Prole- tariats voranzutreiben, den Desillusionierungsprozeß zu beschleu- nigen und zum anderen die Bauern als Bündnispartner zu gewinnen, die große Masse der Bevölkerung auf die Seite der Arbeiterklasse zu ziehen. Dies letztere kann aber nur geschehen, indem die demo- kratischen Forderungen der Bauern aufgenommen werden, um dann schrittweise unter der Führung des Proletariats die Emanzipation der Arbeit zu beginnen. Es gilt nicht qua Umsturz den Sozialismus einzuführen, sondern die politische Form des Gemeinwesens zu schaffen, in dem die Befreiung der Arbeit und damit auch des Pro- letariats sich vollziehen kann. Gerade weil zur Zeit der Kommune die materiellen Bedingungen der Emanzipation des Proletariats noch fehlten, konnte es bei der Pa- riser Kommune von 1871 nicht darum gehen, einfach eine neue Ord- nung an die Stelle der alten einzuführen durch einen quasi hand- streichartigen ökonomischen Umsturz, sondern um die Entwicklung der materiellen Bedingungen der Befreiung der Arbeiterklasse. So schreibt Marx im "Bürgerkrieg in Frankreich": die Arbeiterklasse "weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr jene höhre Le- bensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigne ökonomische Entwicklung entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtli- cher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbre- chenden Bourgeoisiegesellschaft entwickelt haben." (MEW 17, 343) Insofern ist die Kommune "die politische Form, unter der die öko- nomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte... Die Kom- mune sollte daher als Hebel dienen, um die ökonomischen Grundla- gen umzustürzen, auf denen der Bestand der Klassen und damit der Klassenherrschaft beruht." (MEW 17, 342) Lavrov kehrt dieses Ver- hältnis von Politik und Ökonomie um. Ist auf Grundlage der Klassenanalyse Frankreichs noch die Erklä- rung für das Vorhandensein sozialistischer und halbsozialisti- scher Sekten in Frankreich zu finden, so muß von da aus auch die Frage nach dem Scheitern der Kommune gestellt werden. Die Führer des Proletariats, jene "Persönlichkeiten", die sich auf dem "Niveau der wirklich führenden Ideen" /150/ befanden, waren selbst noch Vertreter des doktrinären Sozialismus. Erst die Ent- wicklung bis hin zur Kommune hatte den Proudhonismus als Sozia- lismus des Kleinbürgertums, die Idee der gleichen Verteilung als bürgerliche Illusion entlarvt. Bildeten demgegenüber die blanqui- stischen Geheimgesellschaften die Avantgarde des Proletariats und konnte bis hin zur Kommune der Blanquismus als "theoretischer Ausdruck" des Proletariats bezeichnet werden, so mußten auch sie mit Errichtung der Kommune hinter die geschichtliche Bewegung zurückfallen. Der Blanquismus, der allein die Eroberung der poli- tischen Macht zum Ziel hatte, konnte zur Lösung der wirklichen Aufgaben der Kommune nichts mehr beitragen. Er wurde durch die Bewegung selbst überholt. Die blanquistischen Verschwörerzirkel verloren ihren fortschrittlichen Charakter in dem Moment, als die proletarischen Massen selbst an die Spitze der Revolution traten und damit die Kluft zwischen Avantgarde und Masse des Proletari- ats aufgehoben war. Die Kommune mußte scheitern, nicht weil sie keine konsequent sozialistische Politik betrieb und nicht durch einen sofortigen ökonomischen Umsturz die Befreiung des Proleta- riats erzwang - wie hätte das auch möglich sein sollen? -, auch nicht allein durch die bürgerlichen Elemente der Kommune selbst, die eine solche Politik sabotierten, sondern weil sie selbst noch von Sekten und keineswegs von S o z i a l i s t e n, die sich durch die Einsicht in die wirkliche Bewegung auszeichnen, be- stimmt war aufgrund der noch unentwickelten kapitalistischen Pro- duktion. Diese Sekten waren nicht mehr in der Lage, die dringend- ste Aufgabe zu erkennen und zu bewältigen, nämlich Zeit zu gewin- nen durch die Befestigung der politischen Herrschaft, was Voraus- setzung für die zu beginnende Befreiung der Arbeit gewesen wäre. Dies hätten n u r S o z i a l i s t e n leisten können. Lav- rovs Konzept revolutionärer Taktik unterscheidet sich nun von dem blanquistischer nur dadurch, daß er an Stelle des putschistischen politischen Umsturzes den ökonomischen Umsturz setzt. Wenn er die Aufgaben der Kommune nicht aufgrund einer Analyse der hi- storischen Situation Frankreichs bestimmt, sondern aufgrund von Dogmen, die zu befolgen gewesen waren, so ist es offensichtlich, daß es sich bei ihm um einen Vertreter des utopischen, doktri- nären Sozialismus handelt, der selbst schon hinter die geschicht- liche Bewegung zurückgefallen war. Hat sich gezeigt, daß das Konzept revolutionärer Taktik bei Lavrov als idealistisches Konzept zu bezeichnen ist, er selbst als doktrinärer Sozialist damit schon nicht mehr in der Lage ist, die wirklichen Aufgaben der Kommune zu bestimmen, so ist es über- flüssig, auf die von Lavrov aufgeworfenen Fragen, die, wie Mesch- kat im Vorwort formuliert, "immer noch im Mittelpunkt der Diskus- sion um eine sozialistische Strategie stehen: das Verhältnis von ökonomischer und politischer Umwälzung, die Rolle der revolutio- nären Partei, das Verständnis der Diktatur des Proletariats" /10/ explizit einzugehen, soweit sie nicht schon implizit behandelt sind. Es erweist sich also, daß sehr wohl jede "revolutionäre Gruppe, die sich die Ablösung des Kapitalismus zum Ziel setzt" /13/, an diesem Buch von P.L. Lavrov vorbeikommt. Projekt Klassenanalyse _____ 1) Die Zahlen zwischen Querstrichen beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf die Seitenzahlen von P.L. Lavrov: DIE PARI- SER KOMMUNE VOM 18. MÄRZ 1871, Berlin 1971. zurück