Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


       zurück

       Lothar Peter
       

KLASSENKÄMPFE IN FRANKREICH: RENAULT 1971

Der folgende Beitrag ist Teil eines im Auftrag des "Instituts für marxistische Studien und Forschungen" (IMSF) in Frankfurt vorbe- reiteten, noch nichtveröffentlichten Buchmanuskripts zur Ge- schichte und Entwicklung der Klassenkämpfe in Frankreich. ("Klassenkämpfe in Frankreich" erscheint demnächst in der durch das IMSF vorbereiteten Serie "Klassenkämpfe im kapitalistischen Europa" im Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt/Main. Gleich- falls noch in diesem Jahr veröffentlicht das IMSF in seiner Reihe "Arbeitsmaterialien des IMSF" dokumentarisches Material über die Entwicklung der Klassenkämpfe in Frankreich.) Im Zusammenhang mit der Materialsammlung hatte der Verfasser Gelegenheit zu ausführ- lichen Diskussionen im Renault-Hauptwerk Boulogne-Billancourt. Die Einladung erfolgte durch den Betriebsratsvorsitzenden Jean Tomasi. Der Abdruck des Beitrags erfolgt mit freundlicher Geneh- migung des IMSF. I. Die "Regie Nationales des Usines Renault" -------------------------------------------- 1. Ökonomische Daten -------------------- Gemessen am Umsatz ihrer Produktion sind die Renault-Werke das mit Abstand größte Industrieunternehmen Frankreichs. Hinter Volkswagen und Fiat nehmen sie in Westeuropa den dritten Platz und in der Automobilproduktion der Welt den achten Platz ein. Fast 90.000 Menschen arbeiten in der Automobilproduktion von Ren- ault und weitere 30.000 in Zweigwerken, die unter anderem land- wirtschaftliche Traktoren, Motoren für den Schiffsbau und Werk- zeugmaschinen herstellen. Allerdings sind den Belegschaften der angeschlossenen Werke, die dem am 16. Januar 1945 unter dem Druck der französischen Arbeiterklassen verstaatlichten Unternehmen an- geschlossen wurden, die nach dem Krieg erkämpften sozialen Garan- tien im verstaatlichten Bereich bisher versagt worden. Das Unternehmen, das die Bezeichnung RNUR (Régie Nationale des Usines Renault) trägt, ist auf mehrere Städte und Regionen Nord- frankreichs verteilt. Die Betriebe befinden sich in Sandouville, Cleon, Flins, Choisy, Rueil, Le Mans, Orleans und Boulogne-Bil- lancourt, einem Vorort von Paris, wo das Hauptwerk der RNUR al- lein 40.000 Menschen beschäftigt. 1945 produzierten 24.500 Beschäftigte 1.200 Fahrzeuge, 1948 war die Produktion bereits auf das Dreifache gestiegen, um 1968 bei einer Beschäftigtenzahl von 76.000 eine Produktionsleistung von 807.000 Fahrzeugen und einen Gesamtumsatz von 6.462.000.000 NF zu erreichen. 1) 1969 wurden in den Renault-Werken 1.009.372 Autos, 1970 mehr als 1.150.000 Autos produziert. Allein im ersten Vier- teljahr des Jahres 1971 stieg die Produktion des vergleichbaren Zeitraums im Vorjahr um 6%. 2) Gegenüber dem Jahr 1958 wuchs die Arbeitsproduktivität pro Beschäftigten um 100% im Jahre 1970 3) und erreichte so ein Spitzenniveau der ohnehin enorm gestiegenen Arbeitsproduktivität im Landesdurchschnitt, der zwischen 50% und 60% für die vergangenen 12 Jahre liegt. 4) Produzierte jeder Ren- ault-Arbeiter 1958 durchschnittlich 5,7 Fahrzeuge, so waren es 1970 12. Der Steigerung der Produktivität und der Ausdehnung des Produktionsvolumens entsprechen rasch wachsende Umsätze der ver- staatlichten Unternehmensgruppe RNUR. 1970 verzeichnete die "Regie", wie die Renault-Werke in Frankreich allgemein genannt werden, einen Umsatz von 12 Milliarden NF 5). 58% der produzierten Autos werden in 26 Länder der Erde expor- tiert unter denen die Bundesrepublik zu einem der wichtigsten Ab- satzmärkte für die Renault-Produktion gehört (90.000 im Jahre 1968). Von seinen Gewinnen mußte die "Regie" 1969 800.000.000 NF als Steuern abführen, wobei die aus dem Export erhaltenen Devisen nicht mitgerechnet sind. Trotz der hohen Gewinne sank jedoch der Anteil der Löhne am Gesamtumsatz von 1956 bis 1970 von 33 auf 25%, während 1945 der Anteil der Löhne am Umsatz 40% ausgemacht hatte. 6) 2. Die Bedeutung des Nationalisierungsstatuts --------------------------------------------- Obwohl die "Regie" eine unbestreitbar positive Geschäftsbilanz aufweist und die jede Verstaatlichung verdammende und ihren bal- digen Ruin prophezeiende Propaganda der den Monopolen willfahren- den Presse widerlegte, hat das Unternehmen mit wachsenden wirt- schaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Einerseits schreitet die vom monopolistischen Staat aktiv geförderte Konzentration des Ka- pitals in der privaten Autoindustrie ständig fort und bedroht die Konkurrenzfähigkeit der 'Regie' andererseits unternimmt der Staat kaum etwas, um seine Verpflichtungen gegenüber dem nationali- sierten Unternehmen zu erfüllen. Außer einer Kapitalhilfe von 700 Mill. NF zwischen 1963 und 1970 hat der Staat der Regie keinerlei Unterstützung gewährt. Die Kapitalhilfe für 1971 soll nur 150 Mill. NF betragen, obwohl sich die Summe der Gesamtinvestitionen bereits für 1970 auf 1,2 Milliarden NF belief. 7) Der offenkundi- gen Benachteiligung des nationalisierten Sektors auf der einen Seite entspricht die Erweiterung der staatlichen Eingriffe zugun- sten der Monopole und ihrer Kapitalverwertungsbedingungen auf der anderen Seite. Das vor wenigen Jahren zwischen der "Regie" und dem Peugeot-Konzern abgeschlossene Abkommen, welches technische Zusammenarbeit und gemeinsame Grundlagenforschung vorsieht, be- vorzugt eindeutig das private Unternehmen. Obwohl die Produktionsausrüstung der Renault-Werke der des Peu- geot-Konzerns überlegen ist und die "Régie" sowohl an Produkti- onsleistung und Beschäftigtenzahl den "Partner" weit übertrifft, bestimmt das Abkommen eine paritätische Aufteilung der finanziel- len Mittel und eine paritätische Besetzung der Entscheidungsgre- mien. Daß dieses Abkommen, das der technischen Kooperation dienen soll, dem Peugeot-Konzern wesentlich günstigere Voraussetzungen der Kapitalverwertung und Profitsteigerung schafft, geht aus ei- ner lapidaren Feststellung der französischen Unternehmerzeit- schrift "L'Expansion" vom Oktober 1970 hervor: "Peugeot hätte sein Zweigwerk in Mühlhausen ohne die Unterstüt- zung durch Renault niemals mit einer ultramodernen Karosserie- schmiede ausstatten können." 8) Die ökonomischen Maßnahmen der vom Staat besorgten Kapitalmobili- sierung und Investitionserleichterungen für die Monopole richten sich gegen den nationalisierten Wirtschaftssektor, der nicht un- mittelbar dem Gesetz der Profitmaximierung unterliegt. Insofern als zwar auch im nationalisierten Bereich Lohnarbeit un- mittelbar gegen Kapital getauscht wird, die Verteilung des Mehr- werts aber bei entsprechender politischer Stärke der Arbeiter- klasse zu Gunsten der Beschäftigten verändern werden kann, finden die Beschäftigten in den verstaatlichten Industrien für ihren Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen objektiv günsti- gere Voraussetzungen als in den privatkapitalistischen Industrien vor. Die nationalisierten Unternehmen bilden zwar innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft keine sozialistischen Wirtschafts- enklaven, (was von Marxisten - im Widerspruch zu der ihnen von linksradikalen Ideologen gerne angehängten These - niemals be- hauptet haben), sie stehen jedoch im Gegensatz zu den ausschließ- lich dem Profitdiktat unterworfenen Unternehmen, was eine konse- quente Auslegung der inhaltlichen Bestimmung der Nationalisierung anbetrifft. Zwar muß sich ein verstaatlichtes Unternehmen wie die Renault-Werke den Gesetzen des kapitalistischen Marktes anpassen und vermittelt durch den Staat einen beträchtlichen Teil der Ge- winne auf die Monopole übertragen, nichts destoweniger schließt aber das Statut der Nationalisierung aus, daß die Produktion al- lein der Profitmaximierung dient. So konnten die Renault-Beschäf- tigten im Nationalisierungsvertrag nach 1945 vom Staat das Zuge- ständnis erzwingen, mindestens ein Drittel der Gewinne unter der Verfügung des Betriebsrats für soziale und kulturelle Bedürfnisse der Belegschaft aufzuwenden, ein Drittel als Löhne und Gehälter auszuzahlen und nur ein Drittel einzubehalten. 9) Obwohl der mo- nopolistische Staat unter Führung von Pompidou, Giscard d'Estaigne und Chaban-Delmas Ende 1969 erneut versuchte, durch das sogenannte "actionnariat", eine kapitalistische Form der "Gewinnbeteiligung", das im Ansatz progressive Nationalisierungs- statut weiter auszuhöhlen, haben sich die Arbeiter und Angestell- ten, durch ihre Gewerkschaften aufgeklärt, nicht über den eigent- lichen Inhalt dieser kapitalistischen Bauernfängerei täuschen lassen. 10) Nach wie vor und zumal in den Renault-Werken bleibt die Verteidigung und Ausdehnung des nationalisierten Bereichs eine der vorrangigen Aufgaben der Organisationen der französi- schen Arbeiterklasse, denn "die Nationalisierung wäre", wie die Autoren der kürzlich erschienenen Analyse "Le Capitalisme Monopo- liste d'Etat" schreiben, "das Hauptmittel, über das eine demokra- tische Regierung und die Arbeiter verfügen, um die Gesamtheit der Produktion entsprechend dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte zu organisieren und auszurichten und so fortschreitend die sozia- len Bedürfnisse zu befriedigen..." 11) 3. Klassenkampf bei Renault 1945-1971 ------------------------------------- Die Renault-Werke waren und sind eine der stärksten Bastionen des französischen Proletariats im Klassenkampf. Standen die Renault- Arbeiter an der Spitze der Massenstreikbewegung im Sommer 1936 und beteiligten sich viele von ihnen aktiv am Widerstand gegen den deutschen Faschismus und die Kollaborateure des Pétain-Regi- mes in Vichy, so zählten sie auch nach dem Krieg zur Avantgarde im Kampf gegen die kapitalistische Restauration. Im Januar 1945 wurde die provisorische Regierung de Gaulle gezwungen, die Akti- engesellschaft Renault, deren Kapitalbesitzer sich der Kollabora- tion mit dem Faschismus schuldig gemacht hatten, "zum Wohle der Nation" zu verstaatlichen. 12) Die Renault-Werke wurden so zum ersten nationalisierten französischen Großunternehmen. Außer der Durchsetzung des bereits oben skizzierten Statuts gelang es dank der Kampfentschlossenheit der Belegschaft, sechs Delegierte in den fünfzehnköpfigen Verwaltungsrat der "Regie" zu entsenden. Die Jahre 1945 bis 1947, die ersten beiden Jahre nach der Befreiung, standen im Zeichen des Kampfes für die Verteidigung und den Aus- bau der errungenen Rechte (Institutionalisierung der Betriebs- räte, Wirtschaftsausschüsse, gewerkschaftliche Freiheit im Be- trieb etc. 13)) der Arbeiterklasse und des Nationalisierungssta- tuts. Die in gewaltsamen Auseinandersetzungen gipfelnden Streiks im Frühjahr 1947, die linksradikale Splittergruppen in den Ren- ault-Werken für ihre Zwecke auszunutzen gedachten, lieferten der "Régie" einen willkommenen Vorwand für ihre Gegenoffensive zur Einschränkung und Durchbrechung der Nationalisierungsbestim- mungen. In der Ausschaltung der Arbeiterdelegierten im Verwal- tungsausschuß, in der Kürzung der dem Betriebsrat gesetzlich zu- stehenden Mittel und in der Beschneidung seiner Kontrollrechte bei Renault spiegelten sich die Rückschläge nieder, welche die französische Arbeiterbewegung insgesamt nach dem Ausschluß der kommunistischen Minister aus der Regierung Ramadier (SFIO) seit dem Sommer 1947 hinnehmen mußte. 14) Am 15. September 1955 gelang es der "Regie", die sich unterdessen eng mit dem Staat und den privaten Monopolen verflochten hatte, gegen den Widerstand der CGT, aber in Übereinstimmung mit der CFTC und der FO einen be- trieblichen Tarifvertrag auszuhandeln, dessen Artikel 21 die Loh- nentwicklung an den "technischen Fortschritt" band und (ganz im Sinne von "Lohnleitlinien") die jährliche Zuwachsrate der Löhne auf 4% "einfror". Außerdem verpflichteten sich die Tarifparteien, "alle herkömmlichen Mittel des Schlichtungsverfahren auszuschöp- fen, ehe sie eine Aussperrung verhängen oder sich für den Streik entscheiden." Die CGT weigerte sich, diesen Vertrag zu unter- zeichnen, der die Gewerkschaften zur Passivität verurteilte, das Streikrecht einschränkte, ohne die Aussperrung als illegal zu er- klären und die Lohnentwicklung dem überließ, was das Kapital nach seinem Belieben unter "technischem Fortschritt" verstehen kann. Was die Beschäftigten der "Regie" von dem "Tarifvertrag" zu hal- ten hatten, teilte ihnen bald die antikommunistische Illustrierte "Paris-Match" mit. Sie feierte den Vertrag als "großen Sieg der westlichen Welt über die Sowjets, ausgefochten an der Front der Arbeit." Und Chaban-Delmas, der heutige Premierminister, glaubte in ihm sogar das Fanal für die "Beendigung der proletarischen Existenz" herauszuhören. Mit der Machtergreifung de Gaulles 1958 trat der französische Ka- pitalismus in ein neues Stadium seiner staatsmonopolistischen Entwicklung. Nach den Plänen der Monopolbourgeoisie und ihren Vertretern im Staatsapparat sollten die Renault-Werke in eine Mu- steranstalt der "nouvelle société" (neuen Gesellschaft) umfunk- tioniert werden. Aber 1961 gelang es den Gewerkschaften, vor al- lem auf Initiative der CGT, einen wichtigen Teilerfolg zu erzie- len, der in der Ideologie der "Neuen Gesellschaft", also in der friedlichen Partnerschaft von Lohnarbeit und Kapital, nicht ein- kalkuliert war. Gegen den jahrelangen Widerstand der Unterneh- mensleitung setzten die Gewerkschaften durch, daß die Facharbei- ter der Qualifikationsgruppen OP 3 und OP 2 15) nach einjähri- ger, bzw. fünfzehnjähriger Betriebszugehörigkeit und dreijähriger Berufsausübung einen monatlichen Lohn erhalten. Wenn man bedenkt, daß die monatliche Entlohnung nach dem APR-Statut die bisher den APR-Angestellten vorbehaltenen Privilegien der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, der Betriebszugehörigkeitsprämien und der Ent- schädigung bei Entlassung wenigstens teilweise aufhebt, weil die Renault-Belegschaft sich in hohem Maße aus Stammarbeitern zusam- mensetzt, tritt die Bedeutung dieses Vertrages noch klarer her- vor. Der 1961 errungene Teilerfolg war seit 1945 der erste wirk- same Schlag gegen die Strategie der Unternehmensleitung, die An- gestellten des APR-Statuts von den Stundenlöhnen in der Produk- tion zu spalten, um damit die "Gefahr" der Aktionseinheit zu ban- nen. Nach der Massenstreikbewegung 1968 konnte die Belegschaft mit ihren gewerkschaftlichen Organisationen einen neuen Teiler- folg erringen: seit 1968 erhalten alle Stundenlöhner, die älter als 55 Jahre sind, den Monatslohn. 1970 schließlich, nachdem die Gewerkschaften ihren Forderungen durch gezielte Streiks im Ok- tober 1969 Nachdruck verliehen hatten, gelang den Renault-Be- schäftigten ein entscheidender Durchbruch. Der am 27. März 1970 von der "Regie" und den Gewerkschaften unterzeichnete Betriebs- vertrag sieht vor, daß ab 1973 sämtliche Beschäftigten des Unter- nehmens das APR-Statut und den Monatslohn erhalten. 16) Während bisher der vierzehntäglich ausgezahlte Lohn, entsprechend der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden schwankte, der Produkti- onsarbeiter, wurde er krank, seinen Lohn einbüßte und zusehen mußte, wie er mit 10.50 NF Krankengeld pro Tag auskam, wird er ab 1973 im Krankheitsfall für die ersten 45 Tage die volle Höhe sei- nes Lohns und für die folgenden 30 Tage immerhin noch 75% seines Lohns erhalten. Der Vertrag vom März 1970 verbesserte die Repro- duktionsbedingungen der Arbeitskraft bei Renault wesentlich und wurde dementsprechend von der Belegschaft und Gewerkschaften be- urteilt. "Früher mußten sie warten, bis sie fünfzig waren", sagte Pierre D., 34 Jahre, Fräser in der Abteilung 37, "ehe sie es wagten, sich krank ins Bett zu legen, auch wenn sie schon dreißig Jahre im Betrieb arbeiteten. Für einen, der auch noch Kinder hatte, war es einfach unmöglich, krank zu werden." Henri S., 39 Jahre, Band- arbeiter und aktiver Gewerkschafter der CGT, hatte schon vor den Streiks im Oktober 1969 betont, daß nur massive Aktionen der Be- schäftigten, das Recht auf monatliche Entlohnung und die mit ihr verbundenen sozialen Verbesserungen durchsetzen könnten: "Wenn man sich vorstellt, daß wir auf den Monatslohn warten sollen, bis wir 55 sind ... nein, wir müssen es wie 1968 machen ... für uns gibt es nichts Wirksameres als einen guten Streik. Zunächst weigerte sich die Unternehmensleitung natürlich, die ge- werkschaftliche Forderung nach monatlicher Entlohnung zu erfül- len. Monatliche Entlohnung, so kalkulierte sie wie das privatka- pitalistische Management, bedeutet insgesamt höhere Lohnkosten, bedeutet größere Arbeitsplatzsicherheit und die Chance für höhere Qualifikation, gleichzeitig die Gefahr des Produktionsverlustes durch rapides Ansteigen der Krankmeldungen. Diese jeder privatka- pitalistischen Konzernleitung wohl anstehende Rechnung konnte die Belegschaft indessen nicht beeindrucken. Die von den Gewerkschaf- ten ausgegebene Streiklosung "Monatslohn für alle" hatte im Ok- tober 1969 eine so durchschlagende Wirkung, daß es die "Régie", die noch im Sommer 1969 Verhandlungen auf das kommende Jahr hin- ausschieben wollte, bald für klüger hielt, dem Druck der Beleg- schaft nachzugeben. Der Vertrag vom März 1970, den der "Leitfaden des CGT-Metallge- werkschafters" als den "größten Erfolg gegenüber der "Régie" seit zwanzig Jahren" 17) bezeichnete, ließ die Regierungspropaganda für den sogenannten "Arbeiteraktionär" völlig in Vergessenheit geraten. 18) Das von der Nationalversammlung am 17. Dezember 1969 verabschie- dete Gesetz des "actionnariat", das mit großem ideologischen Pomp von der UDR vorbereitet worden war, enthüllte sich rasch als läp- pisches Allmosen, den vornehmlich diejenigen Belegschaftsmitglie- der erhielten, die ohnehin relativ hohe Löhne bekommen. Im Dezem- ber 1970 wurden 542.000 Aktien zu 100 NF (das sind 4% des "Betriebskapitals") auf 45.600 Beschäftigte der "Régie" verteilt, die länger als 5 Jahre im Unternehmen gearbeitet haben. Wenn man berücksichtigt, daß fast 50% der Belegschaft und 60% der Stunden- löhner (die allein in Billancourt nahezu 80% der Betriebsbeleg- schaft ausmachen) diese 5-Jahres-Klausel nicht erfüllen, bleibt vom "actionnariat" nicht viel mehr übrig als die ernüchternde Feststellung, daß in erster Linie die Techniker, Ingenieure und leitenden Angestellten zu "Aktionären" wurden. Auf die Ankündi- gung der "Gewinnbeteiligung", die vom Regime Pompidou und dem re- aktionären Block der UDR als non plus ultra sozialer Gerechtig- keit und Ende des Klassenkampfes angepriesen wurde, hatten die Arbeiter und Angestellten in der Regel nur mit sarkastischen Wit- zen reagiert. Nachdem das Gesetz im "Journal officiel" am 2. Ja- nuar 1970 19) veröffentlicht worden war, begrüßten sie sich am Werkstor mit den Worten: "Guten Morgen, Genossen Aktionär!" Außerdem ließen sie keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie in Zukunft genau so entschlossen für ihre Interessen eintreten wür- den wie in den vergangenen Jahren und vor allem wie 1968 als sie der "Régie" nach mehrwöchigem Besetzungsstreik Zugeständnisse ab- trotzen konnten, die ihrer Avantgarde-Position in der Massen- streikbewegung entsprachen. "Wenn ihr uns die Gewinnbeteiligung gebt, nehmen wir sie", war die einhellige Meinung der Beleg- schaft, "aber glaubt nicht, daß sich in Zukunft auch nur irgend etwas an unseren Forderungen ändern wird." Die Erkämpfung des Monatslohns im März 1970 für alle Beschäftig- ten des Unternehmens erbrachte den Beweis dafür, daß sich in der Tat an der Kampfbereitschaft der Renault-Arbeiter und ihrer Immu- nität gegen integrationistische Ideologien nichts geändert hatte. 4. Struktur der Belegschaft, Gewerkschaften ------------------------------------------- und politischen Positionen -------------------------- Der Vertrag vom März 1970 fiel nicht vom Himmel gaullistischer "Participation", sondern war das Ergebnis eines geduldigen und entschlossen geführten Kampfes vor allem der Gewerkschaft CGT für die Aktionseinheit der Belegschaft: "Die CGT kämpft gegen alles, was die lohnabhängigen Schichten spalten kann. Die unabdingbare Erhöhung der niedrigen Lohneinkommen und die Beseitigung der mit ihnen verbundenen Nachteile dürfen sich nicht zuungunsten der hö- her bezahlten Schichten auswirken, sondern müssen auf Kosten der Unternehmergewinne durchgesetzt werden. Alle Organisationen der CGT werden deshalb zur gewerkschaftlichen Aktionseinheit in den Betrieben und auf allen anderen gesellschaftlichen Ebenen aktiv beitragen. Weil die Gesamtheit der Arbeiter unseres Landes die Einheit wünscht, rufen wir alle Arbeiter auf, diese Aktionsein- heit zu ermöglichen." 20) Das Problem der Aktionseinheit der Arbeiterklasse stellt sich zunächst im Hinblick auf die innere Differenzierung der Beleg- schaften vor allem nach Höhe des Lohneinkommens und Qualifikati- onsgrad; denn die Vereinheitlichung der Forderungen, die Vermei- dung konkurrierender Forderungen einzelner Gruppen und die (von den Gewerkschaften durch Aufklärung und Agitation vorzuberei- tende) Erkenntnis der fundamental identischen Interessen aller Lohnabhängigen sind die unabdingbare Voraussetzung gemeinsamer Aktionen, gewerkschaftlicher Organisierung und der gewerkschaft- lichen Einheit. Um die Schwierigkeit dieser Aufgabe zu illustrieren, erscheint es zweckmäßig, die Qualifikationsstruktur der für die gesamte RNUR repräsentativen Belegschaft des Hauptwerks in Billancourt wieder- zugeben: Qualifikationsstruktur der Belegschaft in Billancourt am 1. Sep- tember 1969: 21) OP und junge Facharbeiter 4.260 APR 4.370 junge OS 205 OS 15.900 monatlich entlohnte OS 2.292 Hilfsarbeiter und Wachpersonal 170 Lehrlinge 208 Kaufmännische Angestellte 3.512 technische Zeichner 723 Techniker 2.912 Leitungspersonal 711 sonstige technische Angestellte, Vorarbeiter, Meister, Werkmeister 2.011 ------ 36.383 Die aufgeführten Berufs- und Qualifikationsgruppen untergliedern sich noch einmal gemäß ihrem Lohn, ihrem Alter, ihren Arbeitsbe- dingungen etc. in zahlreiche Untergruppen, was die Vereinheitli- chung konkreter Teilforderungen zu gemeinsamen Kampflosungen durch die Gewerkschaften beträchtlich erschwert. Hinzu kommt das Problem der Organisierung der Gastarbeiter. Insgesamt sind in den Renault-Werken 20.000 "Gastarbeiter" beschäftigt. Nur eine ver- schwindende Minderheit von ihnen übt einen qualifizierten Beruf aus. Meistens arbeiten sie als OS am Fließband. Ebenso schwer wie ihre Arbeitsbedingungen sind ihre Lebensbedingungen außerhalb der Produktion. Ihre Wohnverhältnisse erinnern allgemein an die Zu- stände bei der Philipp Holzmann AG in der Bundesrepublik, ihre Kinder können oft wegen "Lehrermangel" nicht die Schule besuchen, und häufige Schichtarbeit und unumgängliche Überstunden zerstören das Familienleben. Außerhalb der Ghettos, in die sie zusammengep- fercht werden, sind sie häufig Opfer rassistischer Diskriminie- rung und Vorurteile, die in Frankreich - entgegen optimistischer Vermutungen - im Bürgertum, im Kleinbürgertum und sogar in rück- ständigeren Schichten der Arbeiterklasse weit verbreitet sind. Da die Gastarbeiter zu einem großen Teil aus Nordafrika. Spanien, Portugal und Zentralafrika kommen und deshalb oft keine Erfahrung in der Praxis des organisierten Klassenkampfes haben, stößt ihre gewerkschaftliche Organisierung auf mannigfache Widerstände. Nicht selten tendieren die "Gastarbeiter" bei Renault entweder zur Unterwerfung unter den Paternalismus der Unternehmensleitung oder zeigen sich empfänglich für die Propaganda ultralinker Grup- pen und lassen sich von ihnen zu unüberlegten Aktionen hinreißen. 22) Aber das Problem der gewerkschaftlichen Organisierung und Kampfeinheit betrifft nicht allein die "Gastarbeiter". Nur 9.000 der Arbeiter und unteren Angestellten von 30.000 im Hauptwerk Boulogne-Billancourt sind gewerkschaftlich organisiert. Da aber im Durchschnitt der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Frankreich mit ungefähr 20 % weit hinter anderen westeuropäischen kapitalistischen Ländern und den USA zurückbleibt, die französi- sche Arbeiterklasse jedoch mit an der Spitze der westeuropäischen Klassenkämpfe steht, zeigt die Mitgliedschaft in einer französi- schen Gewerkschaft allgemein ein hohes Maß an Klassenbewußtsein und Kampfbereitschaft an. Von den 9.000 mittleren und höheren An- gestellten, Technikern und Ingenieuren in Billancourt sind höchstens 1.000 gewerkschaftlich organisiert, also nicht mehr als etwa 11%. Viele von ihnen haben sich der CGC angeschlossen, die der ULA vergleichbar ist. Bei den Gastarbeitern liegt die Zahl noch weit niedriger. Nicht mehr als höchstens 1.500 von 12.000 Gastarbeitern in Billancourt waren 1969 Mitglied einer Gewerk- schaft. Daß die Renault-Belegschaft dennoch an der vordersten Front der Klassenkampfbewegung in Frankreich stellt, beweist den Einfluß der Gewerkschaften auf die Klasseninitiative und das Be- wußtsein der Mehrheit der Beschäftigten. Die mit Abstand stärkste Gewerkschaft ist die CGT mit ungefähr 8.500 Mitgliedern, gefolgt von der CFDT mit mehr als 1.000 Mitgliedern. Die der sozialdemo- kratischen Partei (Parti Socialiste de France) nahestehende FO, die sich 1947 als Minderheit von der CGT abspaltete, 23) hat ver- mutlich ungefähr 500 Mitglieder. Während vor allem die CGT, aber auch die CFDT in den vergangenen Jahren ständig stärker geworden sind, hat die FO an Einfluß verloren. Die von der Unternehmens- leitung protegierten Betriebsgewerkschaften SIR, die der reaktio- nären "Conféderation Française du Travail" (CFT) angeschlossen ist und deren Sekretär in Billancourt, Rizotto, unverhohlen ras- sistische Auffassungen vertritt, ist zur völligen Bedeutungslo- sigkeit herabgesunken. Konnte die CGT seit Mai 1968 in Billan- court 2.000 neue Mitglieder gewinnen und wies auch die CFDT in dieser Zeitspanne beträchtliche Erfolge auf, so stagnierte die FO, die in Billancourt nur über eine schwache Organisation ver- fügt, seit Frühjahr 1968 und die für die Wahrung des "Betriebsfriedens" zuständige SIR hat sich inzwischen durch ihre progaullistische Haltung und arbeiterfeindlichen Manöver immer mehr von der Basis isoliert. Die einzige spektakuläre Tat, die sie in der letzten Zeit zuwege brachte, bestand in der Anfechtung der Betriebsratswahlen von 1970 - mit dem Erfolg, daß sie bei den Wiederholungswahlen vom Januar 1971 statt 3,76% nun 4,25% der Stimmen erhielt. Die Betriebsratswahlen, bei denen in Frankreich Arbeiter und untere Angestellte zum einen und Techniker, Ingeni- eure und leitende Angestellte zum anderen getrennt wählen *), brachten 1970 in allen Betrieben der "Regie" folgende Ergebnisse (in %): 24) CGT CFDT FO CGC 1er 2e 1er 2e 1er 2e 1er 2e collège collège Billancourt 75,35 43,26 13,77 24,62 7,12 7,16 24,96 Rueil 71,37 42,01 28,63 31,24 26,75 Choisy 67,68 40,62 32,32 59,37 Le Mans 70,54 46,76 29,46 53,24 Flins 62,03 36,67 37,97 25,42 37,91 Cléon 57,52 18,83 28,39 32,10 3,37 13,26 Sandouville 59,82 21,72 18,46 Orléans 58,71 61,54 41,29 38,46 _____ *) 1er collège: Arbeiter und untere Angestellte 2e collège: Techniker, Ingenieure, leitendes Personal Bei den Wiederholungswahlen zum Betriebsrat Januar 1971 in Bil- lancourt erhielt die CGT 74,92%, die CFDT 13,91%, die FO 6,92% und die SIR 4,25%. 25) Auf der politischen Ebene ist der PCF die stärkste Kraft in Bou- logne-Billancourt. Seine Parteisektion umfaßt 1.500 Mitglieder, ohne deren Aktivität keine Kampf- und Streikaktion der Beleg- schaft in Billancourt denkbar wäre. Allerdings muß sich die Part- eisektion ständig der Polemik ultralinker Gruppen erwehren, deren Spektrum von der sogenannten "Gauche Proletarienne" ("Proletarische Linke") im Kielwasser des Maoismus bis zu den verschiedenen trotzkistischen Grüppchen von "Rouge", "Tribune Ou- vrière" und "Lutte ouvrière" und schließlich den "Anars", den An- archisten reicht. Obwohl all diese Gruppen, oft spöttisch "groupuscules" genannt, keine erwähnenswerte Basis im Betrieb ha- ben, können sie doch in Kampfsituationen auf schwankende, uner- fahrene und resignierte Arbeiter ideologisch Einfluß nehmen und den geduldig und entschlossen zu führenden Kampf um Aktionsein- heit hemmen und verzögern. 26) Wo auch das nicht mehr gelingt, scheuen sie vor dem Mittel des "individuellen Terrors" gegen klassenbewußte Arbeiter nicht zurück. Im Juni 1971 beispielsweise wurde ein spanischer Genosse des PCF beim Plakatkleben für seine Partei von einem ultralinken Rollkommando so zusammengeschlagen, daß er mit erheblichen Verletzungen ins Hospital eingeliefert werden mußte. 27) Da die linksradikalen Gruppen es oft nicht wagen können, als selbständige Organisation in der Belegschaft aufzutreten, versu- chen sie, in die CFDT einzusickern, in der zwar einerseits durch- aus zur Aktionseinheit mit der CGT bereite Arbeiter und Ange- stellte organisiert sind, die aber andererseits aufgrund linksra- dikaler Infiltration nicht selten unklare Positionen bezieht, in- dem sie sowohl pseudo-revolutionäre Parolen übernimmt als refor- mistischen Taktiken huldigt. Neben der Parteisektion des PCF exi- stiert in Billancourt auch eine Betriebsgruppe des PSU mit unge- fähr 40 Mitgliedern, die überwiegend in der CFDT gewerkschaftlich aktiv sind. Der Vorsitzende der PSU-Betriebsgruppe, André Cha- stel, ist zugleich der leitende Funktionär der Betriebssektion der CFDT. Innerhalb ihrer Partei rechnen sich die Mitglieder der PSU-Betriebsgruppe zu dem Flügel, der erkannt hat, daß sich eine sozialistische Partei, in der nicht die Arbeiterschaft die Linie bestimmt, notwendig ad absurdum führen wird. 28) II. Die Kampfbewegung in den Renault-Werken im Frühjahr 1971 ------------------------------------------------------------ 1. Die Situation der "OS" ------------------------- Im Frühjahr 1971 kam es in den Renault-Werken zu einer Kampfsi- tuation, die mit der Arbeitsniederlegung von 82 Fließbandarbei- tern im Zweigwerk Le Mans (Sarthe) begann und sich zu einer Klas- senauseinandersetzung von nationaler Tragweite verschärfte. Bereits in den ersten Monaten von 1971 hatten Arbeitergruppen der Qualifikationsstufe OS versucht, die Unternehmensleitung zu zwin- gen, ihre Lohneinstufung zu verbessern. Jeder Zweifel an der Be- rechtigung dieser Forderung wird ausgeräumt, wenn man das System der Entlohnung und Arbeitsplatzbewertung nach einer Art "REFA"- Verfahren betrachtet, dem die OS bei Renault unterworfen sind. Für die unqualifizierten oder angelernten Renault-Arbeiter, die OS, gibt es 21 (!) unterschiedliche Lohngruppen. Dieses ausgeklü- gelte System, das nur ein Ziel verfolgt, nämlich Konkurrenzver- halten unter den Betroffenen hervorzurufen und Solidarität zu verhindern, basiert auf einer Arbeitsplatzbewertung, die mit Hilfe von Arbeitsplatzkoeffizienten der Zeitgrößen errechnet wird. Die Gesamtheit der angelernten Arbeiter (OS 2) unterglie- dert sich zunächst in sieben verschiedene Lohngruppen. Jede die- ser sieben Lohngruppen unterteilt sich dann noch einmal in drei Untergruppen, bezogen auf einen Minimal-, einen Durchschnittslohn und einen etwas höheren Lohn. Das Entlohnungssystem der OS 2 läßt sich durch die folgende Tabelle veranschaulichen: 29) Lohn- Qualifi- Koeff. Minimallohn Durchschnitt höhere stufe kation Löhne 5 OSZ 130 6,046 6,101 6,268 1045,92 1069,355 1084,113 ----------------------------------- 6 OSZ 135 6,208 6,340 6,426 1073,778 1096,953 1111,680 ----------------------------------- 7 OSZ 140 6,366 6,500 6,586 11101,092 1124,437 1139,351 ----------------------------------- 8 OSZ 145 6,521 6,666 6,755 1128,505 1153,100 1168,632 ----------------------------------- 9 OSZ 150 6,681 6,853 6,927 1156,019 1182,289 1198,221 ----------------------------------- 10 OSZ 155 6,850 7,005 7,105 1185,136 1211,781 1229,402 ----------------------------------- 11 OSZ 160 7,032 7,196 7,300 1216,704 1244,799 1262,813 Lohnarbeiter zu sein, ist, wie Karl Marx schrieb, kein Glück, sondern ein Pech. Und besonders großes, wenn man OS bei Renault ist. Die Arbeit der OS ist nicht nur äußerst schwer und gesund- heitsschädlich (Fließband, Lackierung, Großpressen etc.), die OS sind darüber hinaus der Willkür der nach kapitalistischen Renta- bilitätsvorstellungen handelnden Unternehmensleitung in noch hö- herem Maße ausgeliefert als die anderen Beschäftigten. Claude B., einundzwanzig Jahre alt, Sohn eines fünfundfünfzigjäh- rigen OS, der ebenfalls bei Renault arbeitet, kam nach seiner Fachausbildung (CAP) als Kupferschmied zu Renault. Er wurde aber nicht als hochqualifizierter Facharbeiter eingesetzt, sondern als Hilfsschweißer in der Karosserieschweiß-Abteilung. Dort mußte er mit einem veralteten Schweißgerät arbeiten. Den Hinweis auf sei- nen Facharbeiterbrief erwiderten die Vertreter der Direktion mit einem Achselzucken. Als Kupferschmied könne man ihn im Augenblick nicht gebrauchen, vielleicht würde sich später etwas finden. Als Claude B. nach einem Krankheitsurlaub in den Betrieb zurück- kehrte, wurde er versetzt. Obwohl er jetzt Schicht arbeitete, stieg er von der Lohnstufe OS 7 in die Lohnstufe OS 5 ab. Joel-le-Bagarreur, Mitglied der CGT kann ähnliches wie Claude B. berichten: "Ich kenne mindestens fünfzehn Kollegen, die eine ab- geschlossene Lehre haben, aber trotzdem als OS arbeiten müssen. Selbst wenn ein OS sich qualifiziert, bleibt er meist OS. Er ko- stet die Unternehmensleitung weniger als ein Facharbeiter. Braucht man Facharbeiter, dann holt man sie von draußen ... Ich arbeite augenblicklich an drei Schleifmaschinen gleichzeitig. Selbständig stelle ich die Maschinen ein und wechsele die Bänder aus. Trotzdem bin ich nur in der Lohngruppe OS 6 mit 135 Punkten. Und das auch nur, weil ich wie ein Verrückter arbeite. Neben mir arbeitet ein Kumpel als Dreher. Eigentlich ist er gelernter Me- chaniker. Aber er bleibt OS, weil man ihn nicht als Facharbeiter einstufen will. Das geht nicht mehr lange so bei diesen Zustän- den. Bis jetzt haben wir das mitgemacht ..." Claude B. und Joel-le-Bagarreur sind zwei von den 60.000 unquali- fizierten oder angelernten Arbeitern bei Renault. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen sind noch schlechter als die anderer Be- legschaftsgruppen. Der Produktionsrhythmus, der sich im letzten Jahrzehnt enorm beschleunigt hat, kostet immer mehr Kraft und Nerven. Gleichzeitig wächst der Schwierigkeitsgrad der Tätigkeit, ohne jedoch ihren repetetiven Charakter zu verlieren. In wesent- lich kürzerer Zeit als früher müssen die OS immer mehr Handgriffe verrichten. Das Ausmaß organischer und physiologischer Schäden ebenso wie der psychischen Strapazen ist unübersehbar. Dagegen stagnieren die Löhne und Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeits- platzbedingungen. Das raffinierte Lohnsystem verhindert spürbare Erhöhungen der Löhne, sofern es nicht durch massive Kampfaktionen erschüttert wird. Da aber gleichzeitig die Preise für Lebensmit- tel und Dauerkonsumgüter rapid nach oben schnellen, die Mieten steigen und die Wohnungsnot immer drückender wird, sind die OS auch in der Reproduktionssphäre besonders hart von der verschärf- ten Ausbeutung aller Lohnabhängigen betroffen. Die konkrete mate- rielle Ausbeutung setzt sich als Entfremdung in ihren Beziehungen zur Familie fort. Schichtarbeit zerstört die Kommunikation mit Frau und Kindern, Verwandten und Freunden, schneidet die OS von konkreten Möglichkeiten gesellschaftlicher Interessenentfaltung ab. Um die primären materiellen Voraussetzungen für eine ihren Klasseninteressen entsprechende Lebensaktivität und Bildung zu schaffen, müssen sie ihre Arbeitsbedingungen, ihre Arbeitszeit und ihren Lohn verändern. Ihre gesellschaftliche Emanzipation bleibt so gebunden an die nur durch Klassenaktion erzwingbare Veränderung ihrer unmittelbaren Ausbeutungssituation. 2. Die Positionen der Gewerkschaften ------------------------------------ Die 1968 von der CGT vertretene Forderung "Kein Lohn unter 1.000 Francs" ist durch eine wahre Flut von Preiserhöhungen längst überholt worden. 30) Um eine wirkliche Verbesserung der Löhne für die OS zu erreichen, muß vor allem das hierarchische Lohnsystem durchbrochen werden. (Seine völlige Aufhebung von ultralinken Gruppen und Teilen der CFDT gefordert, ist jedoch utopistisch, weil der Wert der Arbeitskraft wie der jeder anderen Ware be- stimmt ist durch das zu ihrer Produktion und Reproduktion notwen- dige Arbeitsquantum.) 31) Die CGT, bzw. ihre Metallarbeiterge- werkschaft F.S.M. vertritt dagegen die Forderung alle Löhne der OS auf der Basis der Koeffizienten 150 neu festzusetzen. 3. Entwicklung und Festigung der Kampffront ------------------------------------------- Im April 1971 waren die OS in Le Mans nicht mehr bereit, die oben beschriebene Ausbeutung widerstandslos hinzunehmen. 82 Fließband- arbeiter der Abteilung FF in Le Mans machten den Anfang. Nach mehreren Arbeitsniederlegungen in den vorangegangenen Monaten forderten sie, unterstützt von ihren Gewerkschaften (CGT 70,5%, CFDT 29,5% der Stimmen zur Betriebsratswahl 1970), die Einstufung der Lohngruppe OS 6 in die Lohngruppe OS 7. Sie forderten damit nicht mehr als das, was ihren Kollegen in anderen Fertigungsab- teilungen und in anderen Zweigwerken teilweise schon früher zuge- standen worden war. Das Entlohnungssystem der OS bei Renault wird durch zahlreiche Schikanen ergänzt. Durch völlig willkürliche Ab- weichungen von der ohnehin willkürlichen und raffiniert geglie- derten Lohnstaffelung der OS zahlt die "Régie" bestimmten Arbei- tern mehr und anderen weniger als es durch die Kriterien der Ar- beitsplatzbewertung vorgesehen ist. Durch dieses Spaltungsmanöver hoffte die Unternehmensleitung, die am 2. April in den unbefri- steten Streik getretenen 82 Fließbandarbeiter sowohl von den an- deren OS als auch von den sonstigen Belegschaftsgruppen isolieren zu können. Deshalb reagierte sie überhaupt nicht auf die Forde- rung der Streikenden. Die entschlossene Haltung der 82 OS konnte sie nicht zu einer Änderung ihrer starren Position bewegen. Aber die Hoffnung der "Régie" auf eine Isolierung und Erschöpfung der Streikenden erfüllte sich ebensowenig. Am 29. April entschloß sich eine überwältigende Mehrheit der über 5.000 OS in Le Mans, dem Aufruf der CGT und CFDT zu folgen und durch eine einstündige Arbeitsniederlegung sowohl ihre Solidari- tät mit den streikenden Kollegen zu manifestieren als auch gleichzeitig deren Forderungen selbst zu übernehmen. Am 30. April beschloß die große Mehrheit der 5.000 OS in Le Mans den unbefri- steten Besetzungsstreik, um die auf ihrem bisherigen Standpunkt beharrende Unternehmensleitung zum Nachgeben zu zwingen. Mit die- ser Entscheidung der OS trat der Kampf in eine neue Phase: wie würden sich die Facharbeiter, die Angestellten und die Ingenieure verhalten? Würden sie sich mit den OS solidarisieren oder durch die Strategie der RNUR-Direktion täuschen lassen. Die CGT berief deshalb ihre Mitglieder und Anhänger bei den Facharbeitern (OP) zu einer Gruppenversammlung ein, in der das weitere Vorgehen dis- kutiert und entschieden werden sollte. (Die einzige Reaktion der Unternehmensleitung bestand zu diesem Zeitpunkt darin, die Lega- lität des Abstimmungsverfahren anzuzweifeln!) In der Gruppenver- sammlung der Facharbeiter zeigte sich, daß die OP zwar zur Unter- stützung der von den unqualifizierten und angelernten Arbeitern erhobenen Forderungen bereit waren, nicht jedoch selbst in den Streik treten wollten, weil sie nicht unmittelbar von den Forde- rungen, bzw. deren Gründen konkret betroffen waren. Im Gegensatz zur CFDT, die sofort zum allgemeinen unbefristeten Besetzungs- streik für Le Mans aufrufen wollte, 32) ohne zu prüfen, ob die Mehrheit der gesamten Belegschaft zu einer so wichtigen gemeinsa- men Aktion bereit sei und ob der Besetzungsstreik über die unbe- dingt notwendige Massenbasis zumindest im Betrieb verfügte, trug die CGT der schwierigen Situation Rechnung. Sie wandte sich dage- gen, daß die Streikposten der OS die Facharbeiter am Betreten des Werksgeländes hindern sollten, - wie ultralinke Sprecher und CFDT-Funktionäre verlangt hatten -, da die Facharbeiter selbst noch nicht am Besetzungsstreik teilzunehmen gewillt waren. Durch Flugblätter und mündliche Agitation machte die CGT klar, daß ei- nerseits sich die Facharbeiter mit den OS solidarisch erklärten, daß aber andererseits jede Auseinandersetzung zwischen OS und Facharbeitern objektiv im Interesse der Direktion läge. Die be- sonnene Haltung der CGT, die genau die konkreten Probleme der Ak- tionseinheit und die Erkenntnis widerspiegelte, daß Aktionsein- heit nicht gegen große Teile der Belegschaft (oder auf höherer gesellschaftlicher Ebene der Arbeiterklasse insgesamt) übers Knie gebrochen werden kann, trug ihr - wie nicht anders zu erwarten - von den Linksradikalen den Vorwurf des Verrats an den OS ein. In einem Flugblatt vom 30. April behauptete beispielsweise die trotzkistische "Ligue communiste", die CGT bezwecke nichts an- deres, als die OS zur Wiederaufnahme der Arbeit zu überreden. 33) Die Linksradikalen, die schon wieder von Revolution träumten, in ihrer konfusen Praxis aber die solidarische Einheit der Beleg- schaft bedenkenlos aufs Spiel setzten, erlitten eine Niederlage. Auch die CFDT, von ultralinken Gruppen gerne als "Sprungbrett" ihrer Ideologie benutzt, akzeptierte schließlich die Position der CGT. Der drohende Bruch an der Basis und die Gefährdung der ge- werkschaftlichen Aktionseinheit - er wäre notwendig hervorgerufen worden durch einen Besetzungsstreik der OS gegen die OP und an- dere Belegschaftsgruppen -, konnte so abgewendet werden. Der "konzertierten Aktion" von Unternehmensleitung und Linksradika- len, deren subjektive Lauterkeit in zahlreichen Fällen von keinem klassenbewußten Renault-Arbeiter bestritten wird, geriet Sand ins Getriebe. Mit Nachdruck betonten die Gewerkschaften, jedes Provo- kationsmanöver von außerhalb des Betriebs agierenden Gruppen, gleichgültig welcher politischen Schattierung, im Keim zu erstic- ken. In CIéon warfen kurz darauf klassenbewußte Arbeiter werks- fremde Elemente aus dem Betrieb. Nach wie vor weigerte sich die Direktion hartnäckig, Delegationen der Gewerkschaften zu empfangen, geschweige denn über konkrete Vorschläge zu verhandeln. Die Forderungen der Gewerkschaften aber waren sehr präzise und basierten auf unmißverständlichen Fakten. Im Auftrag der CGT wies das Betriebsratsmitglied J.L. Pavlovitch (Billancourt) nach, daß der Gewinn der "Régie" pro Beschäftigtem 20.000 NF betrug. Er widerlegte auch die von der Unternehmenslei- tung aufgetischte Hiobsbotschaft, daß die Erfüllung der von den OS erhobenen Forderungen die "Régie" jährlich zusätzlich 30.000.000 NF kosten würde, da eine genaue Berechnung statt der von der Direktion erfundenen Summe einen Lohnzuwachs der OS von allenfalls insgesamt 3.000.000 NF ergebe. 34) Nachdem alle Versuche der Unternehmensleitung, durch Verhand- lungsboykott, Spaltungstaktik, gezielte Provokationen, Verdrehung der Tatsachen und Pressekampagnen die Renault-Belegschaft und be- sonders die Zehntausenden von OS zu demoralisieren, fehlgeschla- gen waren, griff sie zu den harten Mitteln der Repression. Wäh- rend auf dem "Place Nationale" in Boulogne-Billancourt eine Mas- senkundgebung der Belegschaft des Hauptwerks, organisiert von den Gewerkschaften, stattfand, gab die Direktion die Aussperrung, den "lock-out" der OS in Le Mans bekannt. Zur gleichen Zeit, als die von CGT und CFDT einberufene und von 20.000 Beschäftigten be- folgte Massenversammlung in Billancourt stattfand, protestierten die Beschäftigten der Werke Sandouville und Flins durch Arbeits- niederlegungen gegen den sich verschärfenden Druck der Unterneh- mensleitung, deren erster Generaldirektor (PDG) Pierre Dreyfus zum Inbegriff staatsmonopolistischer Demagogie geworden ist. Die Direktion verbrämte ihre brutale Entscheidung des "lock-out" mit dem wohltönenden Begriff der "technischen Arbeitslosigkeit". Am 6. Mai verhängte die Direktion, ohne auch nur mit einem Wort das zentrale Komitee der Renault-Betriebsräte zu unterrichten, die Aussperrung über die OS aller Werke, von der in Flins 12.000, in Billancourt 18.000, in Sandouville 5.000, in Cléon 4.000, in Choisy 700 und in Orléans 5.000 Arbeiter betroffen waren. 4. Die Aktion im Hauptwerk Billancourt -------------------------------------- Am 7. Mai riefen die Gewerkschaften CGT und CFDT, aber auch die "section syndicale d'entreprise" die betriebliche Gewerkschafts- organisation der FO, deren Bundesleitung bis heute Gespräche mit der von ihr als "kommunistisch" verketzerten CGT zur Konsolidie- rung der gewerkschaftlichen Einheit ablehnt, die 18.000 ausge- sperrten Arbeiter des Hauptwerks in Boulogne-Billancourt zur Be- setzung ihrer Arbeitsplätze auf. Indem die CGT nicht den Streik ausrief, demonstrierte sie den Defensivcharakter der Besetzungs- aktion, die den Arbeitern durch die Unterdrückungsmaßnahmen der Aussperrung aufgezwungen wurde. Im Streik standen nur die OS von Le Mans, aber indem die Generaldirektion sich weigerte, ihre For- derungen zu erfüllen und stattdessen, den "lock-out" verhängte, wurde offensichtlich, daß jeder Schlag der Monopole oder ihres Staates gegen eine bestimmte Schicht der Arbeiterklasse ein Schlag gegen die ganze Arbeiterklasse ist. Die OS der anderen Renault-Betriebe hatten nicht beschlossen, in den Streik zu treten, obwohl sie sich mit den OS in Le Mans soli- darisierten Durch die Aussperrung wurde indessen eine unmittel- bare materielle Interessenidentität zwischen den Streikenden in Le Mans und der großen Mehrheit der OS und OP in den anderen Be- trieben hergestellt, deren Arbeitsplätze jetzt bedroht waren. Insofern entsprach die Entscheidung der CGT nicht nur der Situa- tion und Interessenstruktur der Belegschaft, sondern ermöglichte darüber hinaus die konkrete Einsicht derjenigen Belegschaftsgrup- pen, die sich zunächst nicht vom Streik in Le Mans berührt glaub- ten, in den Zusammenhang von spezifischer Aktion und Klassenkampf als kollektiver gesellschaftlicher Bewegung. Hatten sich die Facharbeiter bisher nicht aktiv den Aktionen der OS angeschlossen, weil deren Forderungen nicht unmittelbar die Lage der OP ausdrückten, so erreichte die Generaldirektion mit ihrem Versuch, die OS zum Sündenbock zu stempeln und gegen die Facharbeiter, Angestellten und technischen Kader auszuspielen, genau das Gegenteil der ursprünglichen Absicht: das Spaltungsma- növer wurde zum Stabilisator der Aktionseinheit. Bedingt durch die Arbeitsorganisation und technische Abhängigkeit der einzelnen Abteilungen und Arbeitsabläufe, also durch die ag- gregathafte Funktionsweise des hochentwickelten Produktionspro- zesses, erfuhren die Facharbeiter, die die Arbeit nicht mehr fortsetzen konnten, daß sich die Aussperrung der OS auch real ge- gen sie richtete. Deshalb traf der von den drei Gewerkschaften CGT, CFDT und FO unterzeichnete Aufruf 35) zur aktiven Verteidi- gung der Arbeitsplätze zu diesem Zeitpunkt nicht nur auf die Ak- tionsbereitschaft der OS, sondern auch der Facharbeiter, techni- schen und kaufmännischen Angestellten. Anstatt in schlechter Spontaneität den "unbefristeten Besetzungsstreik" für alle Be- schäftigtengruppen zu propagieren und damit Gefahr zu laufen, die spezifischen Teil Interessen und Bewußtseinsformen der einzelnen Qualifikationsund Berufsgruppen leichtfertig zu übergehen, schuf die CGT durch ihre zutreffende Analyse und differenzierte Taktik erst die unabdingbaren konkreten Voraussetzungen für die Aktions- einheit von OS, OP, Angestellten und Teilen der Gruppe der Inge- nieure. Während die CFDT zunächst auf den totalen unbefristeten Besetzungsstreik drängte und eine von der Direktion sehnlichst erwartete Zersplitterung der Belegschaft riskierte, arbeitete die CGT konsequent auf den Punkt der Kampfentwicklung hin, an dem auch die Facharbeiter und sogar große Teile der Angestellten und technischen Kader sich aktiv mit denunqualifizierten und ange- lernten Produktionsarbeitern solidarisieren konnten. Jacques Gueno, Generalsekretär der CGT-ETDA, des Verbandes der Angestell- ten in der CGT, beschrieb das konkrete Ziel seiner Gewerkschaft, die Isolierung der OS von den Angestellten und dem Leitungsperso- nal (agents de maîtrise) zu verhindern: "Unsere Bemühungen rich- teten sich vor allem darauf, jede Spaltung und jede Zersplitte- rung zu vermeiden und die Masse der Arbeiter in Aktionsformen zu vereinigen, die dem Willen der Mehrheit entsprachen. Diese Orien- tierung hat alle Versuche, die verschiedenen Kategorien voneinan- der zu trennen, und in sich zu spalten, zum Scheitern verurteilt. Deshalb können wir sagen, daß die Aktion der EDTA eine ausschlag- gebende Rolle für das Ergebnis der Auseinandersetzungen gespielt hat." Am Beginn der folgenden Woche waren die Werke Billancourt und Or- leans von den ausgesperrten Arbeitern besetzt. In Flins, wo schon im Juni 1968 die CRS, die Bürgerkriegstruppe der monopolistischen Staatsmacht blutige Auseinandersetzungen provozierte, 36) schloß erneut ein großes Polizeiaufgebot das Werksgelände ein, um die Arbeiter in Nervosität zu versetzen und Konflikte vom Zaune zu brechen, die dann den willkommenen Vorwand zur brutalen Zerschla- gung der Kampfbewegung geliefert hätten. Auch in Sandouville ver- suchte es die Unternehmensleitung mit Provokationen. Den verant- wortlichen Gewerkschaftsdelegierten gelang es aber rasch, die Ausdehnung einiger Schlägereien wirksam zu unterbinden. Die Entscheidung von mehr als 60% der an der Abstimmung in Bil- lancourt beteiligten Arbeiter, ihre Arbeitsplätze zu besetzen, verlieh den Aktionen in den Zweigwerken neue Impulse. In Sandou- ville antworteten 1.500 Beschäftigte, die noch gearbeitet hatten, mit wiederholten Arbeitsniederlegungen auf die Aussperrung ihrer Kollegen. Erneut zeigte sich, daß die gezielte, gut organisierte Arbeitsniederlegung und der Schwerpunktstreik zu immer wirksame- ren Mitteln des Kampfes der Arbeiterklasse in den spätkapitali- stischen Ländern werden. Die Arbeitsniederlegung und der punktu- elle Streik können den Kapitalbesitzern in kurzer Zeit empfindli- che Profiteinbußen zufügen, ohne daß die Streikenden (etwa hin- sichtlich von "Anwesenheitsprämien" wie bei der RNUR) entspre- chende Lohnnachteile hinnehmen müßten. Darüber hinaus können diese Kampfformen aufgrund der engen produktionstechnischen Ab- hängigkeit den gesamten Produktionsprozeß binnen kürzester Zeit vollständig zum Erliegen bringen. Die objektive Vergesellschaf- tung der Produktion und die Entwicklung der Produktivkräfte er- schließt damit der Arbeiterklasse Aktionsmöglichkeiten, die sie, wie Streiks in Italien (z.B. bei FIAT und Pirelli) oder in der westdeutschen Chemieindustrie zeigen, immer konsequenter auszu- nutzen beginnt. Aber auch hier bleiben starke Massenbasis, Akti- onseinheit, kampferfahrene Organisationen und klare Ziele die un- ersetzbare Grundlage des Erfolges. Die Besetzung der Arbeitsplätze durch die vom "lock-out" betrof- fenen Arbeiter in Billancourt wurde zum Höhe- und Wendepunkt der Kampfbewegung der Renault-Beschäftigten im Frühjahr 1971. Zunächst sah sich die Direktion durch die Entscheidung der ausge- sperrten Arbeiter gezwungen, ihr Wachpersonal von den Werkstoren zurückzuziehen und die Kontrolle über den Zutritt zum Betrieb den vom betrieblichen Gewerkschaftskomitee (comité intersyndicale), bestehend aus Delegierten der CGT, CFDT und FO organisierten Si- cherheitsposten zu überlassen. Ehe er das Werksgelände betreten durfte, mußte sich jeder Beschäftigte bei den Sicherheitsposten ausweisen. Dieser wichtige Vorgang veranschaulichte zweierlei: zum einen schützten die das Vertrauen der Arbeiter und Angestellten besit- zenden Sicherheitsposten das Werk nach außen gegen Provokateure, Spitzel und politische Abenteurer, zum anderen befanden sich die- jenigen Belegschaftsmitglieder, die noch arbeiteten in diesem be- sonderen Fall aber nicht von vornherein als "Streikbrecher" abzu- stempeln waren, in einem unter der Kontrolle der Arbeiterklasse und ihrer demokratischen gewählten Organe stehenden Betrieb. Au- ßerdem konnten diejenigen, die noch arbeiteten, ständig an den Versammlungen der ausgesperrten Arbeiter teilnehmen, sich Infor- mationen verschaffen und die Ergebnisse der Diskussionen in die Reihen ihrer Kollegen hineintragen. Nicht zuletzt dadurch erklärt es sich, daß binnen 48 Stunden 3.000 Angestellte und Ingenieure einen Solidaritätsaufruf unterschrieben und 20.000 NF für ihre zur Arbeitslosigkeit verurteilten Kollegen sammelten, die - wie die französische Arbeiterklasse allgemein - nicht über Streikkas- sen verfügten. 37) Neben der Kontrolle über das Werk organisierte das betriebliche Gewerkschaftskomitee die Aufrechterhaltung tech- nischer Funktionen, die für die Fortsetzung der Produktion, den Unfallschutz, die hygienischen Bedingungen und die ärztliche Ver- sorgung unerläßlich sind. Dabei wurde das Comité Intersyndicale vom Betriebsrat solidarisch unterstützt. Wieder einmal wurde an der beispielhaften Aktivität des Werksbetriebsrats (comité d'étblissement) von Billancourt klar, daß Betriebsräte demokrati- sche Organe der Arbeiterklasse und keine Einrichtungen zur Inte- gration der Belegschaften in das kapitalistische Ausbeutungs- und Profitsystem sind. Nachdem das Personal des Werksbetriebsrats in den Streik getreten war, aber im Interesse der ausgesperrten, ihre Arbeitsplätze be- setzenden Arbeiter unbezahlt weiterarbeitete, entwickelte sich der Werksbetriebsrat zum Zentrum sozialer und kultureller Initia- tiven, die zwar mit den "kulturrevolutionären" Phantastereien ökonomisch und ideologisch ins Hintertreffen geratener bürgerli- cher Schriftsteller kaum etwas gemein hatten, dafür aber umso mehr den konkreten Interessen der Arbeiter entsprachen. Weil die ausgesperrten, durch die Besetzung des Werks sich verteidigenden Arbeiter mit Essen versorgt werden mußten, organisierte der Be- triebsrat die regelmäßige Ausgabe von Mahlzeiten, das Abendessen kostenlos und das Mittagessen zu 2 NF, also für einen Preis, für den man sonst in ganz Paris keine warme Mahlzeit bekommt. Der Be- triebsrat schaffte auch Betten ins Werk, aber das waren keine Betten für Streikbrecher, sondern für diejenigen, die Tag und Nacht das Werk besetzt hielten. Weil die Betriebsbesetzung zwar eine Kampfform der Arbeiterklasse ist, die ein besonders hohes Maß an Verantwortungsbewußtsein, Ausdauer und Disziplin verlangt, aber wiederum auch nicht mit einer Beerdigungszeremonie verwech- selt werden darf, traf der Betriebsrat Vorbereitungen für zahl- reiche kulturelle und sportliche Aktivitäten. Hunderte von denen, die sich durch den "lock-out" ihrer Arbeit beraubt sahen, nahmen an Meisterschaftsrunden im Tischtennis und Boule (einem Kugelspiel) teil, andere entspannten sich beim Fuß- und Volley- ball-Spiel Meisterschaften waren wegen der fehlenden Fläche nicht möglich) und besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Judo- und Karateturniere. Die sportlichen Aktivitäten wurden durch kul- turelle ergänzt: an mehreren Werkstoren wurden Filme vorgeführt, in den Werkshallen installierte man Plattenspieler und Tonbandge- räte oder las Bücher aus der vom Betriebsrat vorbildlich ausgerü- steten und verwalteten Werksbibliothek. Sänger und Rezitations- künstler, die sich mit den ausgesperrten Arbeitern solidarisier- ten, kamen ins Werk und aktivierten mit Chansons und Kampfgedich- ten das Widerstandsbewußtsein der Arbeiter sowohl gegen den Druck der Direktion als auch gegen die Trostlosigkeit der riesigen Pro- duktionsstätte. Während der Betriebsrat innerhalb des besetzten Werks für die Bedürfnisse der Arbeiter Sorge trug, führte das be- triebliche Gewerkschaftskomitee außerhalb der Fabrik Solida- ritäts- und Sammelaktionen durch. Außerdem beschloß das be- triebliche Gewerkschaftskomitee Vertreter der Presse und des Fernsehens (ORTF) zu allen Versammlungen der ausgesperrten Arbei- ter zuzulassen, wenn sie gültige Presseausweise vorlegen konnten; denn im Gegensatz und Unterschied zu den hinter verschlossenen Türen tagenden Repräsentanten der Monopole und ihres Staates hat die Arbeiterklasse nichts zu verbergen. 5. Die Verhandlungsergebnisse der Gewerkschaften ------------------------------------------------ Mit dem Beginn der folgenden Woche (Montag, den 10.5.) zerschlu- gen sich die Illusionen der Unternehmensleitung endgültig. Hatte sie bislang gehofft, durch sture Weigerung vor Verhandlungen, of- fenen und versteckten Zwang und das illegale Mittel der Aussper- rung die Aktionseinheit der Renault-Beschäftigten zu unterminie- ren, so traf sie am Montag, den 10. Mai auf eine gefestigte Kampffront. Die Werke Billancourt und Orleans waren noch immer besetzt, in Sandouville schwächten nach wie vor Arbeitsniederle- gungen die Machtposition der lokalen Direktion, Flins war noch immer von CRS-Truppen umstellt und in Cleon riefen die Gewerk- schaften die ausgesperrten und sich außerhalb des Betriebes be- findlichen Arbeiter dazu auf, den Willkürmaßnahmen der "Regie" Widerstand zu leisten und ihre Arbeitsplätze zu besetzen (natürlich ohne die Arbeit aufzunehmen). 38) Angesichts dieser Situation blieb der Generaldirektion nichts anderes mehr übrig, als ihre Boykott-Haltung aufzugeben. Hatte sich die lokale Direktion von Le Mans am Wochenende (8./9. Mai) entschlossen, gewerkschaftliche Belegschaftsdelegierte zu empfan- gen (ohne Erfolg allerdings für die Streikenden), so förderten zwei Massenversammlungen in Billancourt, auf denen die Fortset- zung der Besetzungsaktion bis Mittwoch beschlossen wurde, den un- freiwilligen Gesinnungswandel der Unternehmensleitung. Während sich die Angestellten nach einem Aufruf der CGT, CFDT und FO vor den Gebäuden der Generaldirektion auf der Ile Seguin versam- melten, begaben sich die nichtausgesperrten Facharbeiter an ihre Arbeitsplätze, ohne jedoch die Arbeit aufzunehmen, sondern um vielmehr die Irrationalität des von der Direktion unternommenen Spaltungsmanövers zu entlarven. Die ersten Verhandlungen zwischen Gewerkschaftsvertretern und der Generaldirektion am 11. Mai verliefen ergebnislos. In neuen Verhandlungen, die am 14., 15. und 16. Mai stattfanden, versuchte die "Regie" durch eine "Austrocknungstaktik" Erfolge zu erzielen und die Gewerkschafts- vertreter von ihrer Basis zu trennen. Der einzige konkrete Vor- schlag, den die Direktion zustande brachte, ging dahin, den streikenden OS die monatliche "Anwesenheitsprämie" (= Antistreik- prämie) für Juli - vorzuenthalten. Was die im Streik stehenden Arbeiter in Le Mans von diesem "Vorschlag" hielten, war nicht schwer vorauszusehen. Durch offene Abstimmung mit erhobener Hand wiesen sie das zynische Ansinnen der Unternehmensleitung einmütig zurück, worauf deren Vertreter den "Vorschlag" notgedrungen für null und nichtig erklären mußten. In einer neunstündigen Verhand- lung gelang es der gewerkschaftlichen Delegation am 21. Mai, die Generaldirektion zur Annahme eines Forderungspakets zu zwingen, über dessen Inhalt allerdings in Frankreich die Streikenden selbst autonom zu entscheiden haben. Am Samstag, den 22. Mai ver- öffentlichten die drei Gewerkschaften CGT, CFDT und FO sowie de- ren Metallarbeiterverbände (Federations de la metallurgie) eine gemeinsame Erklärung, in der sie die Belegschaft aufforderten, ihre Verhandlungspositionen massiv zu unterstützen und durch de- mokratische Entscheidung zu legitimieren. Die im Hauptwerk Bil- lancourt unterzeichnete Erklärung hatte folgenden Wortlaut: "Die Gewerkschaften CGT, CFDT und FO sind gemeinsam der Auffas- sung, daß der Entschluß der Beschäftigten von Le Mans, den Streik fortzusetzen, die Direktion zu wichtigen Zugeständnissen gezwun- gen hat. Die letzten Verhandlungsergebnisse, die sich an die der beiden vergangenen Wochen anschließen, stellen ein für die Be- schäftigten positives Übereinkommen dar. Die Gewerkschaften CGT, CFDT und FO fordern die Beschäftigten von Le Mans auf, die Auf- fassung der gewerkschaftlichen Organisationen zu bestätigen." "Die Metallarbeiter-Verbände der CGT, CFDT und FO stellen mit Ge- nugtuung fest, daß in den mit dem 21. Mai erneut begonnenen Ver- handlungen infolge der Initiative der Gewerkschaften wesentliche Fortschritte erzielt werden konnten. Sie befürworten die von den Arbeiterorganisationen bei Renault gemeinsam eingenommene Hal- tung. In Anbetracht der die Beschäftigten von Renault, besonders die OS betreffenden wichtigen positiven Resultate, rufen sie dazu auf, weitaus gründlicher als zuvor das Lohnsystem zu diskutieren, um die Qualifikationsprobleme der gesamten Metallindustrie lösen zu können. (Billancourt, den 22.5.1971)" 39) Am 25. Mai 1971 sprachen sich die Streikenden von Le Mans zu fast 80 % in einer geheimen Abstimmung für die Wiederaufnahme der Ar- beit aus und bestätigten so unmißverständlich die Verhandlungser- gebnisse ihrer Gewerkschaften. 40) Die in Verhandlungen vorbereiteten, durch ebenso massive wie dif- ferenzierte Aktionen durchgesetzten und durch demokratische Ent- scheidung angenommenen Ergebnisse enthielten die folgenden Ver- einbarungen: 41) 1. Die Koeffizienten der Arbeitsplatzbewertung werden für 60.000 ouvriers specialisés (OS) stufenweise um 12 Punkte für die unter- ste OS-Lohngruppe (5) und um 5 Punkte für die höchste Lohngruppe (11) heraufgesetzt. Diese Heraufsetzung hat keine unmittelbare Wirkung auf den Grundlohn, aber verbessert die Betriebsprämien und Zuschläge für Überstunden, (wobei festzuhalten ist, daß die Prämien einen wichtigen Bestandteil des gesamten Monatslohns bil- den). Sie bezieht sich auf alle unqualifizierten und angelernten Stundenlöhner sowie auf Angestellte mit einer den OS vergleichba- ren Lohnhöhe. 2. Nach drei Jahren Betriebszugehörigkeit steigen vom 1. Juni 1971 an alle Beschäftigten der untersten Lohngruppe 4 und 5 in die nächsthöhere Lohngruppe auf. 3. Nach achtjähriger Betriebszugehörigkeit erhalten alle 90.000 Beschäftigten der Renault-Werke eine volle Lohngarantie, d.h. eine Garantie gegen Lohnverlust im Falle de Arbeitsplatzverände- rung oder Dequalifizierung innerhalb des Betriebs. 4. Die Zeitdauer der Aussperrung (von der Unternehmensleitung als "technische Arbeitslosigkeit" bezeichnet) wird zu 47% des Nor- mallohns entschädigt. Zusätzlich wird für jeden Aussperrungstag den Betroffenen ein Satz von 10 NF gezahlt. Der Gesamtbetrag ist in zwei Teilen im Oktober und November 1971 zu erstatten. Die Streikenden des Werks Le Mans erhalten eine Urlaubsprämie von 200 NF für den Monat Juli-Des weiteren erhalten sie eine Entschädi- gung von 500 NF, die vom September 1971 an in zwei Teilen auszu- zahlen ist. (Diese Vereinbarungen stellen die erfolgreiche Über- windung des Systems der Antistreik-Prämien dar.) 5. Alle an den Aktionen der Belegschaft und ihrer Organisationen Beteiligten sind keinerlei Sanktionen seitens der Unternehmens- leitung ausgesetzt. (Mit dieser Feststellung werden sowohl die Versuche der Generaldirektion vereitelt, die OS von Le Mans als die "Hauptschuldigen" zu diskriminieren als auch allgemein die Angriffe der Monopole und ihres Staates auf das Streikrecht und die ungehinderte Ausübung der gewerkschaftlichen Rechte abge- wehrt.) 6. Aktionseinheit ----------------- Zwar haben die Aktionen der Renault-Beschäftigten und vor allem der OS im Frühjahr 1971 nicht die volle Verwirklichung der kon- kreten Forderungen gebracht, aber die von den Beschäftigten selbst demokratisch legitimierten Verhandlungsergebnisse vom 21./22. Mai waren nichtsdestoweniger ein großer Erfolg der Kampf- bereitschaft, Organisierung und Realisierung der Aktionseinheit. An keinem Punkt der Klassenauseinandersetzung gelang es der RNUR- Unternehmensleitung, obwohl sie sich aller Mittel der Repression - von der Pressekampagne bis zum Polizeiaufgebot und zur Aussper- rung - bediente, die Streikbewegung zum Zurückweichen zu zwingen. Stattdessen mußte sie selbst mittelbar das Scheitern ihrer Stra- tegie gestehen, indem sie nach Beendigung der Streikaktionen mit- teilte, daß der (- nur durch sie verschuldete -) Produktionsaus- fall die RNUR 67.000 Fahrzeuge gekostet habe, also einen Verlust verursachte, der weit über den geforderten Lohnerhöhungen lag. Für die Belegschaft brachte dagegen die Streikbewegung nicht nur entscheidende materielle Verbesserungen, sondern trug auch zur Entwicklung der Aktionseinheit bei, die alle lohnabhängigen und nicht an der Macht beteiligten Schichten der Belegschaft auf der Ebene des Betriebs und der gesamten Arbeiterklasse auf nationaler Ebene umfassen muß, nicht aber zur Isolierung einzelner Arbeiter- schichten führen darf: "Es kommt für die Arbeiter aber auch darauf an, ... wenn sie die Einheit verwirklichen wollen, die demokratische Entscheidung der Arbeiter anzuerkennen; es kommt darauf an, den Grad der Kampfbe- reitschaft jeder Kategorie zu berücksichtigen, die zu einer brei- ten Einheit beitragen kann. Die Analyse der Kampfformen, die dem Bewußtsein der einzelnen Schichten entsprechen, die Erfahrungen und Erfolge von gestern weisen den Weg für die Kämpfe von mor- gen." 42) _____ ABKÜRZUNGEN: SFIO = Section Française de l'Internationale Ouvrière (Französi- sche Sektion der Arbeiterinternationalen, ehemalige sozialdemo- kratische Partei Frankreichs). PCF = Parti communiste français (Französische Kommunistische Par- tei) CGT = Confédération Generale du Travail (Allgemeiner Bund der Ar- beit) CFTC = Confédération Française des Travailleurs Chrétiens (Französischer Bund der christlichen Arbeiter. CFDT = Confederation Frangaise Democratique du Travail (Französischer demokratischer Bund der Arbeit). SIR = Syndicat Indépendent de Renault (Unabhängige Gewerkschaft der Renault-Werke. PSU = Parti Socialiste Unifié (Vereinigte Sozialistische Partei). CRS = Compagnies Républicaines de Sûreté (Republikanische Sicher- heitskompagnien). CFT = Confédération Française du Travail (Französischer Bund der Arbeit) FO = Force Ouvrière ("Arbeiterkraft", 1947 als Abspaltung von der CGT entstanden). 1) ITC (Ingenieurs, Techniciens et Cadres), REVUE MENSUELLE DU PARTI COMMUNISTE FRANÇAISE, Nr. 3/März 1971, S. 28. 2) CONTACT (Zeitschrift, hrsg. vom Betriebsrat des Hauptwerks Billancourt), Nr. 93, Juni 1971, Sonderheft, S. 8. 3) LA VIE OUVRIERE, Wochenzeitschrift der CGT, Nr. 1394 vom 19.5.1971 (62. Jg), S. 21. 4) Jacques Servant: "Salaires, productivitfi competivite, con- trôle democratique", in: ECONOMIE ET POLITIQUE (revue marxiste d'economie), Nr. 168/169, Juli/August 1968, S. 37. 5) CONTACT, a.a.O., S. 8. 6) ITC, a.a.O., S. 29. 7) ITC, a.a.O., Nr. 13, März 1971: "Renault ou les embûches fai- tes à une régie nationale", S. 47. 8) L'EXPANSION, Nr. 10, Oktober 1970. 9) ITC, a.a.O., Nr. 3, S. 29. Zur Verstaatlichung in Frankreich vgl. außerdem Bernard Chenot: LES ENTERPRISES NATIONALISEES, Pa- ris 1967. 10) Vgl. den Artikel: "Une apparence de participation", in: CON- TACT, a.a.O., Nr. 83, Juni-Juli 1970, S. 27 ff. 11) TRAITE MARXISTE D'ECONOMIC POLITIQUE: LE CAPITALISME MONOPO- LISTE D'ETAT, Bd. 2, hrsg. von einem Autorenkollektiv der Zeit- schrift ECONOMIE ET POLITIQUE, Paris 1971, S. 368. 12) Jacques Fremontier: LA FORTERESSE OUVRIERE: RENAULT, Paris 1971, S. 24. 13) Vgl. hierzu: DIE ENTWICKLUNG DER ARBEITSBEDINGUNGEN IN FRANKREICH, hrsg. von der Hohen Behörde der Europäischen Ge- meinschaft für Kohle und Stahl, Luxemburg 1959, insbesondere die S. 12 ff. 14) Vgl. hierzu: HISTOIRE DU PARTI COMMUNISTE FRANCAIS (manuel), hrsg. von einem Autorenkollektiv, Paris 1964, S. 488 ff. 15) Man unterscheidet in Frankreich zwischen OS (ouvrier specia- lise = unqualifizierter Arbeiter) und OP (ouvrier professionel = gelernter oder qualifizierter Arbeiter). 16) Frémontier, a.a.O., S. 24. 17) LE GUIDE DU MILITANT DE LA METALLURGIE CGT, Nr. 51 vom Mai 1970. 18) Zum Problem der "participation" vgl. Jaques Kahn: LA PARTICI- PATION (Ce que de Gaulle cache), Paris 1969. 19) JOURNAL OFFICIEL (Staatsgesetzblatt) vom 2. Januar 1970. 20) Henri Krasucki: "De l'unite d'action des syndicats, du ras- semblement des forces de gauche", Bericht des Comité Confédéral National der CGT, in: LE PEUPLE (Organ der CGT), Nr. 847, 30. Juni 1970, S. 6. 21) Frémontier, a.a.O., S. 47. 22) Zur Situation der "Gastarbeiter" in Frankreich vgl. Charles Barontini: "Immigration, quelques aspects de la lutte idéologi- que", in: CAHIERS DU COMMUNISME, hrsg. vom ZK des PCF, Nr. 2, Fe- bruar 1971, S. 93 ff. In Frankreich gibt es gegenwärtig 3.500.000 "Gastarbeiter", davon 2 Mill. Arbeiter. Obwohl 500.000 Franzosen von Arbeitslosigkeit betroffen sind, sieht der IV. Plan zur Vergrößerung der "industriellen Reservear- mee" die Anwerbung von 600.000 neuen ausländischen Arbeitern vor (a.a.O.). 23) Zur Abspaltung der "Force ouvrière", vgl. Georges Lefrance: LE MOUVEMENT SYNDICAL (de la libération oux événements de mai- juin 1968), Paris 1969, S. 77 ff. 24) CONTACT, No. 93/1971, S. 8. 25) Frémontier, a.a.O., S. 307. 26) Eine Übersicht über die ultralinken Gruppen in Frankreich gibt Claude Prévost: LES ETUDIANTS ET LE GAUCHISME, Paris 1969. 27) Der Verfasser nahm an der anläßlich dieses Vorfalls von der CGT in Billancourt durchgeführten Kundgebung teil. 28) Zur Entwicklung, Struktur und Programmatik des PSU vgl. Mi- chel Rocard: LE PSU ET L'AVENIR SOCIALISTE DE LA FRANCE, Paris 1969. 29) "Les OS pourquoi?", in: LA VIE OUVRIERE, a.a.O., Nr. 1393 vom 12. Mai 1971, S. 4. 30 31 Vgl. zur Lohn- und Preisentwicklung in Frankreich seit 1968 Henri Xolleau: "Donnees sur l'evolution du pouvoir d'achat des ouvrier depuis 1968", in: ECONOMIE ET POLITIQUE, Nr. 196/197, November- Dezember 1970, S. 141 ff. Vgl. Karl Marx: "Lohn, Preis und Pro- fit", in: Marx/Engel: AUSGEWÄHLTE SCHRIFTEN, Bd. I, Berlin 1968, S. 398: "Der Ruf nach Gleichheit der Löhne beruht auf einem Irr- tum, ist ein unerfüllbarer törichter Wunsch. Er ist die Frucht jenes falschen und platten Radikalismus, der die Voraussetzungen annimmt, die Schlußfolgerungen aber umgehen möchte. Auf der Basis des Lohnsystems wird der Wert der Arbeitskraft in derselben Weise festgesetzt wie der jeder ändern Ware; und da verschiedene Arten Arbeitskraft verschiedene Werte haben oder verschiedene Arbeits- quanta zu ihrer Produktion erheischen, so müssen sie auf dem Ar- beitsmarkt verschiedene Preise erzielen." 30) Vgl. zur Lohn- und Preisentwicklung in Frankreich seit 1968 Henri Nolleau: "Données sur l'évolution du pouvoir d'achat des ouvrier dépuis 1968", in: ECONOMIE ET POLITIQUE, Nr. 196/197, No- vember-Dezember 1970, S. 141 ff. 31) Vgl. Karl Marx: "Lohn, Preis und Profit", in: Marx/Engel: AUSGEWÄHLTE SCHRIFTEN, Bd. I, Berlin 1968, S. 398: "Der Ruf nach Gleichheit der Löhne beruht auf einem Irrtum, ist ein unerfüllba- rer törichter Wunsch. Er ist die Frucht jenes falschen und plat- ten Radikalismus, der die Voraussetzungen annimmt, die Schlußfol- gerungen aber umgehen möchte. Auf der Basis des Lohnsystems wird der Wert der Arbeitskraft in derselben Weise festgesetzt wie der jeder ändern Ware; und da verschiedene Arten Arbeitskraft ver- schiedene Werte haben oder verschiedene Arbeitsquanta zu ihrer Produktion erheischen, so müssen sie auf dem Arbeitsmarkt ver- schiedene Preise erzielen." 32) Vgl. die Erklärung der CFDT vom 6.5.1971 im Hauptwerk Billan- court. 33) Flugblatt der "ligue communiste" vom 30. April 1971. 34) J.L. Pavlovitch: "Faisant fi de la loi"; in: CONTACT, Nr. 93, Juni 1971, S. 10. 35) Die Bundesleitung der FO lehnt alle Gespräche mit der CGT auf nationaler Ebene ab. Unter diesen Bedingungen sind gemeinsame Ak- tionen von CGT und FO auf betrieblicher und lokaler Ebene bis zur Bezirksebene als besonders wichtige Fortschritte der gewerk- schaftlichen Aktionseinheit zu betrachten. 36) Vgl. J. Ph. Talbo: LE GREVE A FLINS, Paris 1968. 37) Vgl. CONTACT, a.a.O., S. 7 und Lioul Planchou: "Face au bar- rage du pouvoir", in: LA VIE OUVRIERE, Nr. 1394, 19.5.1971, S. 11. 38) Vgl. LA VIE OUVRIERE, Nr. 1329, 2.6.1971, S. 2. 39) Gemeinsame Erklärung der CGT und CFDT vom 22.5.1971. 40) Das genaue Abstimmungsergebnis der geheimen Abstimmung am 25.5.1971 in Le Mans: 3769 Stimmen für Wiederaufnahme der Arbeit (79%) 952 Stimmen gegen Wiederaufnahme der Arbeit (20,5%) 24 Stimmen ungültig (0,5%). 41) Vgl. LA VIE OUVRIERE, Nr. 1396, 2.6.1971, S. 3. 42) Bernard Le Merlin: "L'expériences et le succès d'hier éclai- rent le combats de demain", in: L'ECHO DES METALLOS, Betriebszei- tung der Sektion des PCF in Billancourt, Nr. 179, 1971. zurück