Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Hermann Ley, Thomas Müller
       

TECHNIK UND GESELLSCHAFTSSTRUKTUR

Der folgende Aufsatz ist dem in nächster Zeit erscheinenden Buch von Hermann Ley und Thomas Müller: "Antigeschichte und Revolution - Der Positivismusstreit als Ideologieersatz" entnommen, den wir mit freundlicher Genehmigung des Pahl-Rugenstein Verlages, Köln, abdrucken. I Einleitung ------------ Die kritische Theorie der Frankfurter Schule, die anfänglich den studentischen Protest zu artikulieren vermochte, erwies sich in- zwischen als bundesdeutsche Ideologievariante einer spätbürgerli- chen imperialistischen Gesellschaft, die beliebigen Protest abzu- fangen sucht. Die fällige Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Neoposi- tivismen versackt im Positivismusstreit zwischen Albert und Ha- bermas, die je für ganze Gruppierungen genannt seien, in unver- bindliches Geplänkel, bei dem beide Kontrahenten sich aufeinan- derzubewegen. Mit der Wiederaufnahme des Streits um die Wertfrei- heit erfolgt der Versuch einer erneuten Destruktion von Karl Marx. Um keinen Zweifel bestehen zu lassen, bemüht sich Habermas um einen vollständigen Übergang zur amerikanischen Soziologie Talcott Parsons'scher Färbung, mit der nicht mehr und nicht weni- ger bezweckt zu sein scheint, als die Reduktion soziologischer und gesamtgesellschaftlicher Problematik auf subjektivistische Psychologie. Die bundesdeutsche Ideologie, um eine Invektive Hans Alberts abzuwandeln, bescheidet sich nach hoffnungsvollen Ansät- zen mit einem Bruchteil der bei Talcott Parsons und Robert Merton vorhandenen Ideen. Die Reduktion der Geschichte des Menschen und der Klassen auf die Ontogenese des Subjekts und eine aus der Totalität der Gesell- schaft ausgesparte Technik und Ingenieurwelt und der Soziostruk- turen vermeidet in den Versionen von Albert und Habermas die Ana- lyse des gesamtgesellschaftlichen Prozesses. In den Resultaten spiegelt sich die Abneigung, die Sache selbst zum Gegenstand des Erkenntnisprozesses werden zu lassen. Vorgewiesen werden Partial- diagnosen, die die wechselseitige Fremdheit des naturwissen- schaftlichen und des soziologischen Aspekts überdeutlich spie- geln. Vereinfacht und unzutreffend wäre es, darin etwa ein Pro- dukt gewollter Arbeitsteilung zu sehen oder eine notwendige Folge segensreicher Beschränkung auf das Fach. Vielmehr scheint es das Ergebnis einer mindestens halb bewußt vollzogenen Deformation zu sein, die sich bei hinreichender Beschäftigung mit dem Prozeß der Vergegenständlichung des Menschen, der Entfremdung und sonstiger Alienation zur intendierten falschen Verfremdung der Wirklichkeit herabläßt. Albert zeigt sich von der schon vollzogenen Möglichkeit einer Ma- thematisierung der Ökonomie fasziniert und sucht nach erkenntnis- theoretischen Fundamenten. In der tradierten Scheu des Empirismus vor dem Zutrauen in den eigenen und gesellschaftlichen Verstand vereinigt sich in seinen Arbeiten unpraktische philosophische Grundlegung mit beträchtlicher Animosität gegen das Beachten ge- sellschaftlicher Strukturen, die ü b e r den technischen Be- reich hinausgehen. Die Ökonomie bleibt damit zwar politisch, aber verfehlt den bloße Technologie überschießenden Bereich, in dem erst das wissenschaftlich-ökonomische Denken seine innere Recht- fertigung als selbständige Disziplin gewinnt. Das echte Problem bleibt außerhalb des Gesichtskreises. Die Selbstverwirklichung des Menschen durch die Technik und die Arbeit ist nicht minder Bestandteil der Kultur wie die zwischenmenschlichen Beziehungen, zu denen neben dem Sexus mindestens so etwas wie Produktionsver- hältnisse gehören. In die konkrete Wirklichkeit der Gesell- schaftsformation gehen Technik und Literatur, ingenieurmäßiges Denken und auf die Soziostrukturen bezogene Politik ein. Es gibt nicht bloß logische Klassen, ein Tatbestand, den die Geschichte denen einpaukt, die sich auf Kant'sche Moral beziehen, ohne die revolutionäre Evolution jener Antagonismen zu beachten, in denen der kopernikanische Wende ankündigende Philosoph Momente der Selbstbewegung der Geschichte in den Begriff zu bekommen begann. Im Werk von Kant existiert Dialektik, an die sich Hegel anlehnte. Die erkenntnistheoretischen Positivisten benutzten von Kant aus- schließlich Bestandteile, mit denen sich Hegel kritisch auseinan- dersetzte, unter anderem deshalb, weil sie sich daran stießen, daß inhaltlich verstandene allgemeine Strukturen mit dem Begriff der Logik belegt wurden, den sie eingeengt für sich selbst zu be- schlagnahmen suchten. Die Entwicklung endet jedoch weder mit He- gel noch mit den logischen Positivisten. Albert und Habermas sind bemüht, mit dem Ausklammern des von Marx eingeleiteten Prozesses, mit der absoluten Vernachlässigung Lenins, sich das Eingehen auf den konkreten revolutionären Ereignisstrom des 20. Jahrhunderts zu ersparen. Philosophisch anthropologisierend geraten die bundesdeutschen Po- sitivismusstreiter auf die von Walter Benjamin nicht unzutreffend skizzierte Einbahnstraße. Ihre Alternative bleibt mehr oder weni- ger im Dunkeln. Bestenfalls sucht sie sich jeweils in ihrem an das Vexierbild der materiellen und der ideellen Wirklichkeit fi- xierten Blick eine Merkmalskonfiguration heraus, an dem sie haf- ten bleibt. Dem einen Kontrahenten vergeht vor dem Insistieren auf Technik und Naturwissenschaft das Verständnis für den weiten Bereich, in dem sie entstehen und auf den sie wirken. Der andere sieht vor Menschen nicht das in sich heterogene Kollektivum der Gesellschaft und die in der materiellen und ideellen Tätigkeit gesetzten Strukturen, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten haben, aber ohne die reale Entsprechung der Kategorie Produktionsinstru- mente keine Existenz besitzen würden. Gleiches gilt für die In- stitutionen. Dem Positivisten sind Strukturen häufig nur ideelle Produkte. In einer merkwürdigen Verschränkung entsteht daher bei seinem Kontrahenten gelegentlich die Vorstellung, der mit dem Entstehen des Industriekapitalismus erzeugte Schein einer total atomisierten Gesellschaft bedeute faktisch die Möglichkeit von Strukturlosigkeit, den Wegfall des Einflusses der materiellen Wechselwirkungen, in denen aus dem Tier so etwas wie der homo sa- piens entsteht, die Bedeutungslosigkeit jener gesellschaftlichen Relationen, die Karl Marx als materiell zu verstehen vermochte. Der von Karl Marx begründete Materialismus erweitert das bis da- hin zugängliche Blickfeld durch das Einbeziehen objektiver Bezie- hungen vorhandener und möglicher Sachverhalte in die Kategorie der Materialität. Mit einer emotionellen Absage an ganze Bezirke, die sich in der Geschichte als ständig oder meist wirksam erwie- sen haben, lassen sich die Teilbereiche der Gesellschaft nicht dem Verständnis zuführen. Auf sie aber schlicht zu verzichten, bedeutet, in die Strömung eines vorwiegend idealistischen Dualis- mus zu verfallen, der das Entgegenstehende einfach wegzudenken sucht. In vorliegender Arbeit soll vom Standpunkt des dialektischen und historischen Materialismus eine fundierte Kritik einiger Aspekte der Position gegeben werden, die an den Hintergrund des Positi- vismusstreites heranführt. Es wird sich herausstellen, daß we- sentliche Momente der gegenwärtig bestimmenden, spätbürgerlichen Ideologie vorzufinden sind. Habermas nähert sich von anderer Grundhaltung aus den gleichen Folgerungen, die Hans Albert aus einem vorwiegend mechanistisch verfahrenden Methodologiebewußt- sein zieht. Auf den ersten Blick erscheint es paradox, eine sol- che Konvergenz der Kontrahenten zu behaupten. Bei näherer Be- trachtung aber läßt sich sinnfällig vorweisen, woran es mangelt. Anders als Habermas und Albert meinen, läßt sich Gesellschaft nicht erschöpfend charakterisieren, wenn man als wesentlich nur erachtet, was akzeptiert wird, nicht aber auch das andere, an dem sich die Emotion stößt. Zu erörtern ist, welche Grenzen erkennt- nistheoretische Reflexion besitzt, wenn sie das Vorhandensein und die mögliche Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen unter- schätzt. Aufgezeigt werden soll, daß sich Rationalität nicht in Technik erschöpft. Unbedingt aber ist sichtbar zu machen, daß die entschiedene Zurückweisung des spätbürgerlichen Antihumanismus kein Rechtfertigen eines absoluten Verdiktes gegen Naturwissen- schaft und Technik implizieren darf, wenn gesellschaftliches In- teresse im Blickfeld bleiben soll. Damit entfällt praktisch auf dem Wege der Selbstaufhebung der Gegenstand, den sich sogenannte philosophische Anthropologie setzt. Um den Menschen zur Darstel- lung zu bringen, bedarf es der Klassen und der Eigentumsverhält- nisse ebenso wie der Sphäre der Produktion und der von ihr veran- laßten genialen, aber ambivalenten Produkte von Wissenschaft und Technik. 2 Technik und Gesellschaftsstruktur ----------------------------------- Findet Habermas bei Comte die "pseudowissenschaftliche Propagie- rung des Erkenntnismonopols von Wissenschaft" (1), so kritisiert er bei Marx eine ungenügende philosophische Grundlegung des Mate- rialismus und verlangt, eine "vorbehaltlose phänomenologische Selbstreflexion der Erkenntnis zu etablieren". 2) An die Stelle der "Reduktion des Selbsterzeugungsaktes der Menschengattung auf Arbeit" 3) will Habermas die Idee einer Erkenntnistheorie als Ge- sellschaftstheorie setzen. 4) Darunter scheint eine als neuartig ausgegebene Anthropologie verstanden zu sein, in der eine funda- mentale Unterscheidung zwischen Naturwissenschaft und Wissen- schaften vom Menschen 5) postuliert ist. Bei Marx sei der Vorgang der Reflexion auf die Ebene instrumentalen Handelns eingeengt, 6) damit aber der in seiner Theorie gegebene Ansatz nicht ausgemes- sen. Reflexion sei nach dem Muster der Produktion begriffen, zwi- schen dem logischen Status der Naturwissenschaften und dem der Kritik nicht unterschieden. 7) Es stellt sich heraus, daß Habermas in seiner Kontroverse mit Al- bert, ohne dessen tatsächlichem Anliegen folgen zu können, vor- nehmlich Marx versteht. Anlaß ist eine entscheidende Passage in den Pariser Manuskripten. An die Stelle der von Habermas gefor- derten erkenntnistheoretischen Rechtfertigung der Gesellschafts- theorie habe Marx, um die Wissenschaftlichkeit seiner Analyse darzutun, eine Analogie zu den Naturwissenschaften angenommen. Als unkorrekte Aufhebung Hegels empfindet er jenen bekannten Pas- sus: "Die Industrie ist das wirkliche geschichtliche Verhältnis der Natur und daher der Naturwissenschaft zum Menschen". 8) Die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte sind nicht hinsichtlich ihrer Früh-Formulierungen der Kritik unterzogen, sondern im Hin- blick auf die zum "Kapital" hinweisenden Elemente u n d das Verweisen auf eine Lehre vom Menschen, die eine breite Komplexi- tät aufweist, die weit über das hinausgeht, was der Regreß auf Psychoanalyse dagegen anzubieten hat. 2.0 Erkenntnistheoretische Gesellschaftstheorie oder: ------------------------------------------------------ die Trennung der Human- von der Naturwissenschaft ------------------------------------------------- Mit seinem Angriff auf das kapitalistische Privateigentum, der bereits in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilo- sophie beginnt, insistiert Marx positiv auf einige der durch des- sen Aufhebung zu erwartenden, auf den Menschen einwirkenden Konsequenzen. Das Proletariat ist als Repräsentant des Mensch- seins aufgefaßt, weil es fähig scheint, die vollständige Emanzi- pation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften zu vollziehen, in dem es die durch das kapitalistische Privateigentum gesetzte Entmenschung beseitigt. Die Industrie erscheint Marx als "die exoterische Enthüllung der menschlichen Wesenskräfte" 9), deren Entfaltung den Kommunismus bedeutet. Habermas will eine erkenntnistheoretische Gesellschaftstheorie. Das Instrumentali- stische der Marx'schen Theorie sieht er in dem Heranziehen der Industrie gegeben. Die Seite ihres vorgängigen geistigen Produktionsprozesses und die Arbeit erregt das Opponieren gegen den Materialismus u n d die Wissenschaften als Anspruch eines Erkenntnismonopols, dem die kritische Kritik entsagen will. Im Verständnis von Marx besteht der Mensch nicht bloß aus Arbeit und Wissenschaft. Der Arbeiterklasse aber ist aufgegeben, mit dem Aufheben des Privateigentums zwei Kategorien von Tätigkeiten zu vereinigen und sich zueigen zu machen, die in der Klassengesellschaft ihre Abhängigkeit verfestigen, indem sie als Funktionen des Privateigentums den kapitalistischen Lohnarbeiter zur Deformation seiner Person verurteilen und die Entwicklung der menschlichen Wesenskräfte zu einem Sondermonopol werden lassen, in dem sich die Klassenspaltung wiederholt. Sieht Habermas in dem Rekurs auf die Naturwissenschaften den Nicht-Vollzug der erkenntnistheoretischen Rechtfertigung, dann bestätigt er den von Albert mit berechtigter Intransingenz vorge- brachten Einwand, sie würden innerhalb der kritischen Kritik funktionslos. Diskutiert Albert die Frage nach der Gesetzmäßig- keit des sozialökonomischen und generell alles gesellschaftlichen Geschehens, dann geht Habermas dem aus dem Weg. Er begnügt sich mit dem naheliegenden, aber oberflächlichen Vermerk, es sei er- staunlich, daß Marx von Naturwissenschaft spreche, nicht aber von den "transzendentalen Bedingungen des Systems gesellschaftlicher Arbeit dessen strukturellen Wandel die Ökonomie, als die Wissen- schaft vom Menschen, doch ihrerseits reflektieren soll". 10) Es entgeht ihm das tertium comparationis, in dem Gesellschaft und Naturwissenschaft auf einen Nenner gelangen. In der Tatsache der Gesetzmäßigkeit, die nachzuweisen sich Marx zur e i n e n Le- bensaufgabe setzt, ist dieses Moment gegeben, nicht aber der Mensch auf eine von Habermas als peripher aufgefaßte Disziplin heruntergebracht. Unterläuft ihm die Bezeichnung "transcendental" für das Charakterisieren der Bedingungen des Systems der gesell- schaftlichen Arbeit, dann reflektiert Habermas schon auf einen erkenntnistheoretischen Transcensus, der zudem noch eine Mystifi- kation enthält. Abgesehen von dem Vermuten eines in der Ökonomie vollzogenen Überstiegs, macht er sie außerdem zu einer Wissen- schaft vom Menschen schlechthin, einer nicht in der Absicht des Marxschen Dialektik enthaltenen Ausweitung. Anschließend verlangt Habermas eine "Konstitutionsanalyse" des Menschen, die die erkenntnistheoretische Selbstreflexion der Wis- senschaft einbeziehe. 11) Wohin es dabei Habermas zieht, läßt das Programm der "Thesen zur Theorie der Sozialisation" 12) erkennen. Die Sozialisationshypothese sucht den Vergesellschaftungsprozeß in der Psychologie. Marx entdeckt in der Arbeit nicht allein die besondere Eigenschaft, die den Menschen w e r d e n läßt, son- dern auch die Fähigkeit, die zum Gewinnen des Lebens benötigten Produktionsinstrumente zu schaffen. In der Theorie des Histori- schen Materialismus, deren philosophischer Einfluß auf das Ent- stehen des Kapitals in den "Grundrissen" kenntlich geblieben ist, hat Marx das innerweltliche Übergreifende der verschiedenen Le- bens- und Bewußtseinsformen, die erst mit einer Steigerung der Arbeitsproduktivität möglich werden, w e n n die gesellschaft- lichen Bedingungen entsprechend gestaltet und verändert sind, herausgestellt. In der Theorie des historischen Materialismus entdeckt Marx die Gründe der Selbstbewegung der Gesellschaft, durch die der ideali- stische Dualismus nach zwei Seiten widerlegt ist. In der Produk- tion seines Lebens erzeugt der als Kollektivum gefaßte Mensch Strukturen, die seine Möglichkeiten bestimmen, für eine Epoche begrenzen und über diese hinaustreiben. Zum anderen entsteht dar- aus eine neue Potenz des Menschen, die sich an den Arbeitsmitteln entfaltet, je über sie hinaus geht und zu selbständiger Reflexion befähigt, ein Spektrum von Eigenschaften entwickelt, in denen Selbstverständnis, phantastische und realistische Abbildung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in zugänglich werdenden Me- dien ihren Niederschlag finden. Wie das Produktionsinstrument stets zuvor im Kopf entworfen wird, bevor es in materieller Ge- stalt, zu der auch die Organisation des Arbeitsprozesses gehört, Gestalt annimmt, so bewirken die anderen Bewußtseinsformen einen immanenten Stimulus der gesamten Lebenstätigkeit, dessen Einwirkung auf den Menschen divergent und sehr vielfältig vermittelt zum Zug kommt. Selbstverständnis erscheint ebenso als nur eine Seite der ge- danklichen Tätigkeit wie die Industrie. Das gegenständliche Han- deln findet seine Entsprechung in einzelnen Aktionen, die sich zu Klassenaktivitäten verdichten, Konfrontationen hervorrufen, in denen sich Parteiungen ausbilden, die auf dem Niveau des jeweils erreichten gesellschaftlichen Verständnisses zu artikulieren su- chen, was der Fall ist oder sei n sollte. Marx faßt diesen Vor- gang als zwiespältigen divergierenden, aber möglicherweise, unter konstatierbaren Bedingungen, zusammenstimmenden Vorgang: "In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwi- schen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatie- renden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz ideologischen Formen, worin sich die Men- schen dieses Konfliktes b e w u ß t werden und ihn ausfechten." 13) In der Spannung zwischen den naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzungen der ökonomischen Produktionsbedingun- gen und den ideologischen Formen, um die Marxschen Termini wört- lich aufzunehmen, vermögen sich die Menschen dieses Konfliktesbe- wußt zu werden. Materialistische Dialektik benutzt fließende Ka- tegorien, um den gesellschaftlichen Prozeß in seinen Umwälzungen zu erreichen, den präsenten und den sich vorbereitenden Umwälzun- gen folgen zu können. Die Konflikte, die die Gesamtheit der ge- sellschaftlichen Auseinandersetzungen in der von Marx verwendeten Sprache repräsentieren, enthalten den Klassenkampf ebenso wie die Gruppendifferenzen, die individuellen Querelen wie die sich ex- trovertierenden Pathologismen, die im Durchschnitt und im Extrem- fall oder kaum sichtbar in das Geschehen der Basis und der Super- struktur eingreifen. Als Einheit von materiellen und ideellen Prozessen aufgefaßt, richtet sich das Verständnis von Marx auf den wechselseitigen Einfluß der verschiedenen Gegenstandsbereiche, die nach ihrer Funktion bestimmt sind. Ideologie ist in der bekannten Definition der Überbautheorie des "Vorworts" als Moment des Bewußtwerdens aufgefaßt, als ein komplexes Geschehen, in dem die Entwicklungs- formen der Produktivkräfte reflektiert werden. Zu dieser Art der Reflexion gehört das wissenschaftliche Abbilden der Entwicklungs- formen der Produktivkräfte, deren Verständnis selbst der Entwick- lung unterliegt, mit dem Entstehen der daran interessierten Klas- sen sich entfaltet und das Klasseninteresse auch in der Abbildung einbezieht. In den theoretischen Vorstellungen von Jürgen Habermas spiegelt sich die bürgerliche Aversion, den Ursprung der jeweiligen Klas- senverhältnisse und der in den Bewußtseinsformen bezogenen Par- teinahme, aus den spezifischen Erscheinungen der Produktion des Lebens zu analysieren, da das Verstellen und Verdecken der die bürgerliche Gesellschaft konstituierenden Sachverhalte zum Ge- schäft des Ausfechtens der Umwälzungen gehört. T h e o r i e d e r E r k e n n t n i s a l s G e s e l l s c h a f t s- t h e o r i e a u s z u g e b e n, v e r z i c h t e t a u f d i e k o n k r e t e A n a l y s e d e s s e n, w o m i t E r k e n n t n i s s i c h z u b e s c h ä f t i g e n h a t. Aus dem Beschäftigen mit dem Schreiben von Geschichte läßt sich erkennen, daß Klassen und Gruppen ihre in der Entwicklung vordergründig werdenden Konflikte ausfechten, ohne zu begreifen, welche Effekte ihre Aktivität auslöst. Soweit eine historisch vorgefundene Ideologie ihren Zweck erfüllt, bezieht sie sich mindestens auf das unmittelbare Klasseninteresse oder eine davon abgeleitete Gruppenkonformität, bedeutet daher nur partiell falsches Bewußtsein. Vom Standpunkt der fortgeschritteneren Klasse oder Gruppe lassen sich in der Regel Gesetze zum Vorschein bringen, die zuvor nicht zugänglich waren. Damit aber erfolgt eine objektive Abwertung der Ideologie alt ge- wordener herrschender Klassen, die zuvor eine progressive Funk- tion zu erfüllen vermochten. Wie im einzelnen sich die materiel- len und ideellen Bezugsobjekte in ihrem Bedingungsgefüge ver- schränken und beeinflussen, erweist sich als weiteres Moment praktischer und wissenschaftlicher Progression, bei der Albert, Popper und Habermas auf detaillierter Erklärung glauben bestehen zu müssen. Die materialistische Dialektik hingegen nimmt das Beschreiben von Sachverhalten und Wechselbeziehungen ernster als die auf Erklä- rung erpichte positivistische Ideologie, die durch den Entwick- lungsprozeß zum falschen Bewußtsein geworden ist. Notwendiger- weise sucht sie sich den Anschein von Objektivität durch das In- sistieren auf unverwechselbar scheinenden eindeutigen Beobach- tungsdaten zu geben. Als Basissätze deklariert sind sie formell aus der Entwicklung des Wissens ebenso herausgenommen wie die ge- samte Gesellschaft. Mit der Atomisierung des einzelnen Datums sanktionieren sie erkenntnistheoretisch das Ausschalten jedes be- liebigen Effekts, der vom Standpunkt einer Umwälzung der soge- nannten soziotechnischen Strukturen von der anderen Position neuer Eigentumsverhältnisse oder werktätiger Mitbestimmung inter- essant zu werden verspricht, die Nutzer anderer Eigentumsstruktu- ren aber degoutiert. Die Funktion der kritischen Kritik erfüllt sich unter Einbeziehung Herbert Marcuses in dem Verfestigen der zwei Kulturen C.P. Snows, weil damit die steigende Masse von In- genieuren und Naturwissenschaftlern seitens einer geisteswissen- schaftlich agierenden literarischen Protestfront von vornherein ausgegliedert ist, sie die Abqualifizierung aber als bösartig empfinden und partiell gegen ihren Willen in engeren Kontakt zu den bestimmenden imperialistischen Gruppen geraten. Anstatt ein progressives moralisches Bewußtsein zu festigen, entsteht in ih- nen die Vorstellung, tatsächlich zugehörig zu einer klassenindif- ferenten, technokratischen Gruppe zu sein, die sie den rüstungs- beflissenen Kapitalagglomerationen zutreibt. Mit der Einführung des Begriffs der Interaktion meint Habermas eine Entdeckunggemacht zu haben. Marx ist vorgeworfen, durch die sogenannte Reduktion auf Arbeit die in diesem Fall mit Interak- tion gemeinte symbolische Vermittlung institutionalisierter Ge- waltverhältnisse zu überspielen und dazu noch vorökonomische Tat- sachen für den Mechanismus der gattungsgeschichtlichen Entwick- lung nicht in Betracht zu ziehen. 14) Marx wird der "Verschleierung" 15) geziehen, Habermas aber erweckt den An- schein, als wenn er keine Kenntnis der Analyse der Pariser Com- mune von 1871 besäße, die Analyse der Funktion des Staates durch Engels nicht existiere. Zog das ökonomische Denken als politi- sches in die Gruppe der wissenschaftlich notwendigen Disziplinen ein, so vermochte Marx das Kapital als gesellschaftliches Ver- hältnis abzubilden und die Potenzen der Macht in ihrer materiel- len und ideologischen Fundierung darzustellen. Entdeckte Marx bereits in der "Einleitung zur Kritik der Hegel- schen Rechtsphilosophie" die Funktion der revolutionären Gewalt, die er aus dem von Hegel dem Staat der bürgerlichen Gesellschaft zugeschriebenen Machtverhältnisse extrapolierte, so verwies er gerade im Verlauf dieser Überlegung auf die Verbindung von Theo- rie und Masse. Vom Kapitalismus ferngehalten von den Grundlagen eines Acquirierens von Wissen, das die durch Arbeitsteilung gege- bene Effizienz möglichst nicht überschreiten darf, setzt Marx zunächst auf das Aneignen der wichtigsten, im Klassemkampf benö- tigten Kenntnisse. Für die sozialistische Gesellschaft entwirft das Konvolut der Pariser Manuskripte einen Typus von Persönlich- keit, der in weitere Wissensgebiete eindringt, die die materielle Produktion zu entwickeln gestatten; Im revolutionären Verständnis von Marx bedeutet Macht eine Veränderung des Massenbewußtseins im Hinblick auf einen Humanismus, der sich auf die doppelte Verhal- tensweise der sittlichen Verantwortung und der Ausweitung des Kenntnisbestandes erstreckt, die die im modernen Sinne verstan- denen Naturwissenschaften und die technischen Disziplinen e i n b e z i e h t. Wie die Moral nicht am Bedarf der schönen Seele haften bleibt, sondern auf effektive Veränderung der Herr- schaftsstrukturen gerichtet ist, so sind die sich im instrumenta- len Handeln, wie es Habermas nennt, äußernden Aktivitäten als ökonomisch-technische u n d geistige Machtausübung verstanden. Zu der Weltanschauung, die von Marx und Lenin ausgeht, gehört der ethische und in materielle Vergegenständlichung sich entäußernde Fundus an Persönlichkeitsprofil ebenso wie die willensmäßige Kom- ponente, die auf Veränderung der alten und Festigung der neuen Ordnung abzielt. Im Unterschied zu voluntaristischen Aktionen, die im Rahmen der bourgeoisen Soziostruktur zu bleiben gewillt sind und mindestens faschistoid zu sein pflegen, gehört in das Verständnis der an Marx orientierten Weltanschauung das willent- liche Einfügen in die vorhandenen Möglichkeitsstrukturen der E n t w i c k l u n g. Habermas sucht den Gattungsaspekt gegen das instrumentale Handeln ins Spiel zu bringen. Marx hingegen sieht eine Veränderung des Menschen als gegeben bei praktisch gleichbleibender Artspezifität, die in die Biologie gehört. Als Marx über die Entwicklung der Gattung seine philosophischen Theoreme aufstellte, hatte sich die Biologie noch nicht das ra- tionale Verständnis der Evolution der Arten und der Deszendenz des Menschen aneignen können. Es wäre möglich, in der mit der praktizierten Genetik gegebenen Faktizität des Veränderns der ge- netischen Informationseinheiten eine qualitativ andere Situation als gegeben zu sehen. Freilich erschloß sich damit ein Gebiet der Anwendung, das sicherlich in wenigen Jahrzehnten zu den vorhan- denen weitere, sittlich höchst folgenreiche, Techniken der Ge- sellschaft zur Verfügung stellt. Die utopische Phantasie Aldous Huxleys entwarf indes längst den Extremfall bestialisierter An- wendung, in dem die kenntnismäßigen Klassenunterschiede in der Schlafschule ihre unabänderliche Präformation erfahren und das in den Ausbeutungsgesellschaften vorwiegend unbiologisch erzielte gleiche Ergebnis unaufhebbar fixieren. Herrschaftsstrukturen und internationales Bildungsgefälle aus biologischer Präformation ab- zuleiten, repräsentiert typischen Rassismus. Marx hingegen über- nahm die humanistische, häretische und aufklärerische Position von 2000 Jahren Geschichte und untersuchte zum erstenmal die ob- jektiven Gründe, die in der Gesellschaft wirksam sind, um das Ge- falle an Persönlichkeitsstrukturen zu verfestigen, aufzulockern und abzuwandeln. Erscheint Habermas das Betonen der Arbeit vor- wiegend als Verzicht, so schließt Marx aus der Vergangenheit und Gegenwart auf immanente Gesetze notwendiger Entwicklung, die in diesem Falle über verschiedene Gesellschaftsformationen hinweg sich durchsetzen. Es sind in Poppers Sprache Regelmäßigkeiten. Lenin spricht vom ruhigen Abbild der Erscheinungen. Sie bedeuten in vorliegendem Bezug die qualitative Strukturänderung im Habitus des menschlichen Bewußtseins, wobei nicht allein die einzelne Person, sondern die gesamte Bevölkerung gemeint ist. In dialekti- schen Kategorien läßt sich dieser Vorgang unter e i n e m der möglichen Gesichtspunkte als Umschlag von der Qualität in die Quantität bezeichnen, die selbst wiederum eine andere Qualität vom gesamtgesellschaftlichen Aspekt bedeutet. Die von Marx gesehene Entwicklung des Menschen reflektiert nicht auf wesentliche Veränderung biologischer Merkmale der Gattung, obwohl sie nach neuerer Erkenntnis langfristig eintreten und an der Menschwerdung im Übergang vom homo erectus zum homo sapiens gravierend sind. Erstreckt sich dieser Vorgang auf einen viel- leicht zwei Millionen Jahre und mehr umfassenden Zeitraum, so mißt die von Marx gemeinte Zeitspanne kürzere Intervalle, die ei- nige Jahrhunderte und Jahrzehnte umfassen und in diesen Abschnit- ten signifikante Unterschiede zu setzen geeignet sind. In dem in der Bundesrepublik als Bildungskatastrophe bezeichneten Prozeß äußert sich eines dieser Momente, die Marx voraussagte, deren Negierung und positive Lösung in das Aufgabenprofil des von ihm gemeinten Sozialismus integriert ist. Die Entwicklung des Menschen deckt sich mit der qualitativen Evolution der Gesell- schaft in hinreichender Annäherung; mit den Anforderungen durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, die Informationsre- volution und Automation an den gesamten gesellschaftlichen Kennt- nisstand stellen, bestätigt sich ein ganzer Komplex der von Marx im "Kapital" gegebenen Analyse nach der sachlich-faktischen und der erkenntnistheoretischen Seite. Es bestätigt sich, daß die von Marx aus den allerersten Mo- dellanalysen gemeinsam mit Friedrich Engels gezogenen Folgerungen hinsichtlich der Wissenschaften und ihrer Aneignung durch viele Menschen sich exakt als innere Bedingtheit des allgemeinen Mo- dells erweiterter Reproduktion erschließen läßt. Engels verlangt 1844, die Ökonomie solle die Aufwendungen und finanziellen Ergeb- nisse des Einsatzes von Wissenschaft bilanzmäßig erfassen, da sie diesen Effekt bisher nicht beachtet habe. 16) Als solche zu Buche schlagenden Entdeckungen sind die von James Watt, Berthollet, Davy und Justus Liebig genannt. Marx sieht darin die Möglichkeit einer schrankenlosen Expansion der Produktion zugunsten nicht ei- ner schmalen Schicht, sondern der gesamten Bevölkerung und sieht in dem erweiterten Zugang zu Wissenschaft den lebenspraktischen Effekt. Da aber nicht die Bildung, sondern das Aufheben der nega- tiven Erscheinungen des Kapitalismus Anlaß zu der Antizipation einer auf Gemeineigentum gegründeten Gesellschaft sind, bleibt die Negierung jener Ordnung und ihrer Folgen im zentralen Blick- punkt. 2.1 Irreduzibilität der Interaktion contra ------------------------------------------ dialektischer Vermittlung zwischen Basis und Überbau ---------------------------------------------------- Habermas intendiert nicht auf den von Albert überraschenderweise gemeinten Erkenntniswert der Naturwissenschaften, die durchaus humanistische Sinngebung besitzen können, vor allem aber die hu- manistische Haltung von dem Naturwissenschaftler und dem techni- schen Wissenschaftler verlangen. Es handelt sich aber nicht nur um die Gestaltung des Weltbildes, von der Albert spricht und die sicherlich ebenso positivistisch wie seine Methodologie gemeint ist. Besitzen die naturwissenschaftlich orientierten Disziplinen die Eigenschaft, das Weltbild zu prägen, soweit die Natur weltan- schauliche Relevanz besitzt, so bleibt als Lücke der Raum der ge- samten gesellschaftlichen Strukturen auszufüllen, ohne die das Naturbild Fluchtzone vor der sozial relevanten Problematik wird. Fachidiotismen vermag es von beiden Blickpunkten aus zu geben. Um als effektive weltanschauliche Haltung gelten zu können, die sich der Kontemplation gründlich zu entschlagen vermag, bedarf es der g e m e i n s a m e n Bestrebungen und Verantwortung der Sach- wissenschaftler und der Arbeiterklasse, anderer Schichten und des gemeinsamen Zugangs zur gesellschaftlichen Problematik des histo- rischen Prozesses. Die entwickelten Produktivkräfte der spätbürgerlichen Gesell- schaft steigern sich auf durch das Verwertungsbedürfnis des Kapi- tals. Bewältigter technischer Fortschritt bedeutet gegenüber dem Konkurrenten einen Vorsprung auf dem Markt und erweiterte innere Reserven für Eigeninvestitionen. Benutzen die sozialistischen Staaten die Effizienz als Maß des Einsatzes von gesellschaftli- cher und individueller Arbeit, so liegt die Zielsetzung in dem übergreifenden Moment der Menschenbildung die als soziales Anlie- gen aufgefaßt ist. Die Schöpfung von disposable time außer der notwendigen Arbeitszeit schwebt Marx als Element des Menschenwür- digen vor. 17) Kann die Arbeitermasse sich ihre surplus-arbeit selbst aneignen, "hört damit die disposable time auf, gegensätz- liche Existenz zu haben." 18) Da Marx davon spricht, daß sich die sozialökonomische Entwicklung in einer Richtung vollzieht, die den Übergang zu einer neuen Ordnung erzwingt - nicht als Automa- tismus, sondern als gesellschaftlicher Vollzug, - so ist es als Bestätigung zu werten, wenn die Notwendigkeit der Erzeugung von verfügbarer Zeit in der spätbürgerlichen Sozialstruktur zwingend in Erscheinung tritt. Das Entfalten von Wissenschaft und Technik wird damit zu einem zentralen Gegenstand des auf allen Gebieten sich ausprägenden Wettbewerbs der unterschiedlichen sozialökono- mischen Systeme, der für den Sozialismus selbstverständlich ist, der aber auch den Kapitalismus zu einer auf Wachstum gerichteten Anstrengung zwingt. Die Sphäre der Produktion erweist sich auch von der qualitativen Seite her als ein Objekt der Klassenausein- andersetzungen. Welche Nutzung das Vorhandensein von disposable time erfährt, ist ein in die Konfrontation einbezogenes Moment. Ist unterstellt, daß der wirkliche Reichtum die entwickelte Produktivkraft aller Individuen ist, dann teilt sich der gegebene Zeitfonds in solche für Rekreation und das Wiederherstellen der Arbeitskraft - eine auch von den Künsten und Literatur zu erfüllende Funktion - und einen anderen, der begrifflich sich als Lerngesellschaft eta- bliert hat. Welcher Klasse und welcher Gruppierung beide Elemente nützen, ist zu einem ebensolchen Moment der Klassenauseinander- setzung geworden wie der ökonomische Klassenkampf im Betrieb. Dazu kommt noch, daß die mit der Informationsrevolution ausgeüb- ten Elemente der kapitalistischen Regulierung weit in das öffent- liche Bewußtsein vordringen konnten. Ihre Folgen sind nicht min- der in den Klassenkonflikt einbezogen, bestimmen gelegentlich ac- tio und reactio der spätbürgerlichen herrschenden Gruppierungen, sind in die Politik als partiell vorherrschend eingegangen. In dieser Situation es als Progreß verzeichnen zu wollen, wie Haber- mas nahelegt, daß man die angebliche Einseitigkeit von Marx über- winden solle, anempfiehlt den Verzicht auf genau den gleichen Sektor der Selbstverständigung und des klassenpraktischen Han- delns der Linken, die Albert methodologisch erzwungen zu sein scheint. Der general intellect der "Grundrisse", 19) auf den Habermas ge- legentlich rekurriert, verweist auf die fundamentale Geltung der den gesellschaftlichen Menschen betreffenden Seite im Marxschen Konzept. Die vergegenständlichte Wissenskraft gehört zum gesell- schaftlichen realen Lebensprozeß. In ihr existieren die unmittel- baren Organe der gesellschaftlichen Praxis. 20) Marx und Lenin verwahren sich gegen die kritische Kritik der Bauer und anderer Jung- und Linkshegelianer, sich auf Wissen und Kritik zu be- schränken, nicht den Lebensprozeß und die "Masse" als Gegenstand der sich verwirklichenden Theorie aufzufassen. Insofern ent- schlägt sich schon die frühe sozialistische Theorie der Ansicht, general intellect sei etwa Herrschaft der Intellektuellen oder der Techniker. Als Produkt der Gesellschaft verstanden, ist men- schliche Industrie begriffen als "natürliches Material, verwan- delt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder sei- ner Betätigung in der Natur". 21) Dem Hirn ist noch von der Hand oder der Überwachung von Produktionsprozessen seine Funktion zu- gestanden. 22) Ihre Vereinigung erscheint in der Marxschen Theo- rie als revolutionärer Prozeß, der sein Feld nicht bloß in der Produktion, sondern in den gesellschaftlichen Beziehungen und den Herrschaftsstrukturen besitzt. Vergegenständlichung ist als not- wendige Durchgangsstufe menschlicher Lebenstätigkeit verstanden, die unumgänglich von der mit dem unmittelbaren Arbeitsprozeß en- ger verbundenen Masse als herrschaftspotentes Gebiet zu begreifen ist, w e n n ihm der mit der Erfindung der Erbsünde gegebene Strafcharakter genommen wird. Vor den Konsequenzen einer Diskus- sion der mit der menschlichen, durch Arbeit vermittelten, Gesell- schaft verbundenen Fragestellung flüchtet sich Habermas in In- teraktion. Eine seiner Definitionen verfährt sprach-analytisch. Die Variante der durch Symbole vermittelten Interaktion nennt kommunikatives Handeln "ein Bezugssystem, das sich auf den Rahmen instrumentalen Handelns nicht zurückführen" 23) lasse. Unter Ver- lust der sonst von der erneuerten Kritik viel berufenen Dialektik entsteht aus dem Vorkommen einer selbständigen inhaltlichen Kate- gorie eine Aufspaltung der Bereiche. Habermas versichert eine von den neopositivistischen und von den französischen Strukturalisten übernommene Irreduzibilität. Außerdem, im Anschluß an Dilthey, 24) meint diese Gestalt der Interaktion einen geisteswissen- schaftlichen gemeinsamen Boden unter den Forschenden des instru- mentalen Handelns herstellen zu können. Aus der betrieblichen und institutsgemäßen Gemeinschaftsarbeit abgeleitet, sieht Habermas einen Konsensus der Intersubjektivität gegeben in einem Sprach- gebrauch, "der nicht in die Schranken technischer Verfügung über vergegenständlichte Naturprozesse gebannt" 25) sei. Als Problem gegeben, ließe sich das Gleiche für die Benutzung von Symbolen und die sonstigen Merkmale von Metasprachen wie für allgemein- sprachliches Verhalten nachweisen. Sie sind gesellschaftliches Produkt und gestatten gleichermaßen monologisches wie dialogi- sches Verhalten. Nach Marx erfolgt der Übergang von einem allge- meinen Lebensprozeß zu einem sich ausbildenden general intellect, zu vergegenständlichten Organen der menschlichen Arbeit, die ih- rerseits rückwirken. Infolge der wechselseitigen, nicht mechani- stischen und gegebenenfalls auch mechanischen Determination, durchdringen sich die ineinander verflochtenen "Räume". Dialek- tisch voneinander abgesetzt, selbständiger Wirkung fähig, deter- minieren sie sich gleichfalls dialektisch, ob sie sich nun sprachlich, metasprachlich oder durch Datengebung vermittelte Kommunikation aufeinander beziehen. Innerhalb der Interaktion der Individuen sieht Habermas einen nicht in Schranken technischer Verfügbarkeit gebannten Vorgang, der demnach Freiheit zu enthal- ten scheint. Besitzt nun Vergegenständlichung das Kennzeichen der materiellen Realisierung des Gemeinten und seiner Realisierbar- keit, so gilt das Gleiche für ein kommunikatives Handeln, das sich im Lebensprozeß von dem Erfordernis der Bewährung im Lebens- prozeß nicht ausschließen kann. Die dialektische Vermittlung zwischen den Gebieten von Basis und Überbau erfolgt nicht allein im Überbau, obwohl es so scheinen könnte, sondern besitzt in der materiellen und konkreteren Wech- selbeziehung der Produktion den übergreifenden Bereich. Kann die Idee in Mögliches und Unmögliches vordringen, so etabliert die in der Produktion gegebene Grundbeziehung, selbst die irrationalen Bereiche, in die sich die Idee zu versteigen vermag. Sie behält selbst im transcensus den Stempel ihrer Abkunft. Lehnt Habermas die Dialektik ab, dann verfestigt sich das Unverständnis des in- strumentalen Handelns zu einem als "Geisteswissenschaft" firmie- renden negativen Reflex auf natürliche und gesellschaftliche Ma- terialität, die in ihrer unverstandenen Klassenbedingtheit der umgebenden Gesellschaft außerhalb der Analyse, aber innerhalb der erzeugten Ideologie bleibt und ständig versichert, ihr nicht zu- zugehören. Innerhalb der Ökonomie diskutiert Marx die Kommunikation als Pro- zeß, der verschiedene Gestalt und Funktion besitzt. Sie schaltet nicht das Individuum aus, sondern ist sein gemeinschaftliches Produkt: "Es ist ebenso sicher, daß die Individuen sich ihrer ei- genen gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht unterordnen können, bevor sie dieselben geschaffen haben". 26) Allgemein gefaßt, ex- emplifiziert Marx in der Form des Geldes die Versachlichung des gesellschaftlichen Zusammenhangs als Voraussetzung. 27) Tausch- wert ist nichts als eine Beziehung der produktiven Tätigkeit der Personen untereinander. 28) Die Kommunikationsmittel in techni- schem Sinne vermitteln zwischen der allseitigen Abhängigkeit in Produktion und Konsumtion mit der Unabhängigkeit und Gleichgül- tigkeit der Konsumierenden und Produzierenden untereinander einen Vorgang, den Marx auf einen weiteren dialektischen Vorgang be- zieht. Aus der mit der Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit der Konsumierenden und Produzierenden entstehenden Entfremdung resul- tieren durch die Kommunikation Mittel, die ihr entgegenwirken. Die gesellschaftliche "Interaktion" bedarf bei Marx der Technik, nicht bloßen Willens oder der Negation nicht vollzogener Aufhe- bung der Entfremdung, um Fremdartigkeit, wie es Marx im speziel- len Fall nennt, aufzuheben. Die Entwicklung der Technik gehört neben der Grundvoraussetzung der Beseitigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln ebenso zu den technischen Voraussetzun- gen, weshalb wissenschaftlicher Sozialismus folgerichtig histo- risch das Maschinenstürmertum aufhebt, in dem sich die ersten Klassenaktionen des entstehenden Industrieproletariats entluden. Marx sieht in der im Kapitalismus entstehenden Kommunikations- dichte eine der Möglichkeiten gegeben, "den alten Standpunkt auf- zuheben", gefolgt von der weiteren "Möglichkeit allgemeiner Sta- tistik". 29) Praxis und Entfremdung ohne bewußt betriebene Ent- faltung der Technik zu diskutieren, verfehlt den Bezug auf Marx auch dann vollständig, wenn irgendwelche Passagen gepreßt und aus dem Kontext der Entwicklung des Marxschen Lebenswerkes und des sich durchsetzenden Sozialismus herausgegriffen werden. Das Durchsetzen von Gesellschaftlichkeit versteht Marx als ökono- mische Erscheinung, die im Weltmarkt gipfelt. Es realisiert "die Unabhängigkeit des Zusammenhangs vom Einzelnen" 30) und dokumen- tiert "schon die Übergangsbedingungen aus ihm selbst". 31) Sozia- lismus entsteht demnach aus Bedingungen, die sich von den sie er- zeugenden Verhältnissen loslösen und eine Phase einleiten, in der sich "die Individuen ... ihre eigenen gesellschaftlichen Zusam- menhänge ... unterordnen". 32) Solche konkreten Erscheinungen wie Weltmarkt und allgemeine Statistik sind im Verständnis von Marx notwendige Ergebnisse der kapitalistischen Warenwirtschaft, die mit gleicher Notwendigkeit die Distanz der sie erzeugenden Indi- viduen zu ihren Geschöpfen erzeugt, die den erforderlichen Über- gang erfahren, um sich bewußt zu machen, daß ihr Vermögen virtu- ell nunmehr vorhanden ist, um zu beginnen, die vorhandenen Zusam- menhänge sich unterzuordnen. Geschichtlich erweist sich die Über- tragbarkeit solcher Erfahrung von fortgeschrittenen kapitalisti- schen Industrieländern auf andere, die unter eigener Kontrolle und anderen Klassenvorzeichen oder den Bedingungen eines Ablegens des Kolonialstatus in den historischen Entwicklungsprozeß ein- steigen. 2.2 Zwei Formen der Ideologie bei Habermas oder: ------------------------------------------------ das Problem des ideologiefreien technokratischen Bewußtseins ------------------------------------------------------------ Da die an Habermas und anderen sich orientierende Kritik zu ver- gessen pflegt oder verdrängt, daß Marx stets von Gruppen und Klassen ausgeht, die sich aus Menschen, aus Individuen gemäß den "Grundrissen", konstituieren, wird das Resultat ihrer Arbeit und die Rückwirkung der in der Produktion eingegangenen Beziehungen verselbständigt. Ohne auf die von Hahn bereits weitgehend berei- nigte Ideologiedebatte an dieser Stelle nochmals eingehen zu wol- len, 33) bedeutet Habermas, Technokratie, Interaktion und Ideolo- gie befänden sich in einem Verhältnis zueinander, das die Situa- tion kompliziere. Der Einfluß der Psychoanalyse 34) veranlaßt Ha- bermas zum Benutzen einer Ideologievariante, die deren Inhalt als aus Verdrängung entstanden postuliert. 35) Unterschieden sind zwei Formen der Ideologie. Die eine verdrängt die Thematisierung gesellschaftlicher Fundamente. Die andere sei durch Reflexion we- niger angreifbar, weil sie nicht mehr n u r Ideologie sei. 36) Das technokratische Bewußtsein sei keine rationalisierte Wunsch- phantasie, keine Illusion im Sinne Freuds "in der ein Zusammen- hang von Interaktionen, sei es vorgestellt oder konstruiert und begründet" werde. Die eine von Habermas benutzte Variante unterschätzt die Ideolo- gie vergangener Gesellschaftsformationen, die andere erscheint wieder überschätzt. Angenommen, Habermas beziehe sich auf das in einer vergangenen Epoche herrschende Bewußtsein, dann läßt sich mit dem von Hegel übernommenen Terminus des falschen Bewußtseins und der Freudschen Verdrängung nicht das Bewähren auch dieser al- ten Ideologie über einen relativ langen Zeitraum in den Kontext von Theorie bringen. Die Interessen der herrschenden Klasse sind soweit positiv in den ihr zugehörigen Ideologien enthalten, daß die anstehenden sozialökonomischen Aufgaben zu erledigen sind. Da die Aufeinanderfolge der Formationen von Urgemeinschaft und asia- tischer Produktionsweise bis zur Gegenwart progressiv Entwicklung nicht nur enthält, sondern sie außerdem durchsetzt, muß sie je- weils ausgesprochen oder unbeabsichtigt Bestandteile enthalten, die entsprechende Wertorientierung zur Geltung bringt. Die progressive Gegenideologie einer bestimmten Ordnung pflegt selbst in radikalster Negation nicht a limine die gesamte Tradi- tion zu degradieren. Sie übernimmt unausgesprochen den gemeinsa- men Begründungszusammenhang, der die verschiedenen Klassen, Grup- pen und Subkulturen in der Lebenstätigkeit aufeinander bezieht. Das Verwerfen der materiellen Stadtkultur und seine künstlerische und theoretische Entsprechung im frühen Christentum - die bisher radikalste Verneinung einer durch ihre Repression oberen und un- teren Schichten unerträglich gewordenen Ideologie - enthält die Voraussetzungen, nicht nur auch dem buchstäblichen Bestand an Theoremen der Häresie über anderthalb Jahrtausende Anhaltspunkte für weiteren, inzwischen ökonomisch dringlich werdenden, Progreß zu liefern, sondern zudem noch die sozialen Voraussetzungen für das Übertreffen der in der Antike erreichten Arbeitsproduktivität zu gewähren. Dazu kommt, daß die für den feudalen Status charak- teristische Ideologie keineswegs ihre repressive Funktion ver- schweigt, sondern unvermittelt ausspricht, also die Thematisie- rung gesellschaftlicher Fundamente nicht verhindert. Innerhalb der englischen und französischen Aufklärung und des dazugehörigen Materialismus gibt Hobbes der Souveränität des Fürsten absolute Gewalt über die ihm genehme Modifikation des öffentlichen Bewußt- seins. In dieser von einer sichtbaren Institution abhängigen Be- stimmung über Glauben und Handlungsspielraum ist der Übergang zu dem weiteren progressiven Schritt gegeben, der in dem Statuieren formaler Gleichheit gipfelt. Zweifellos falsches Bewußtsein im Verständnis einer sich selbst rechtfertigenden Bourgeoisie, verbindet die Aufklärung bis zurück zu Bacon und Descartes mit dem Glorifizieren der Sachdisziplinen erkenntnistheoretische und herrschaftsrelevante Fragen miteinan- der. Habermas formuliert eine Sicht, die als Begründung für den Nutzen von Geschichte der Philosophie herangezogen werden könnte, wenn er erläutert: "Noch (die bürgerlichen Ideologien) - ließen sich auf eine Grundfigur gerechter und herrschaftsfreier, für beide Seiten befriedigender Interaktion zurückführen. Gerade sie erfül- len die Kriterien von Wunscherfüllung und Ersatzbefriedigung auf der Grundlage einer durch Repressionen derart eingeschränkten Kommunikation, daß das mit dem Kapitalverhältnis einst institu- tionalisierte Gewaltverhältnis nicht beim Namen genannt werden konnte." 37) Wie mit der Beziehung auf Freud die positive Lei- stung der aufeinanderfolgenden Ordnungen entfällt, so übertreibt Habermas die Repression. Die bürgerliche Ökonomie nennt das Kapi- talverhältnis beim Namen, wenn sie es auch beschönigt. Die Daten über die ursprüngliche Akkumulation entstammen zeitgenössischen Berichten und der Polemik der Aufklärung, die die bürgerliche Ordnung durchsetzt. Mit dem beginnenden 18. Jahrhundert spricht die Philosophie in Verbindung mit philosophisch vertiefter Lite- ratur die Ambivalenz von Technik in den Werken der Bolingbroke, Swift, Gay und Pope aus, - ganz zu schweigen von den meist unter- schwellig, aber um so intensiver tätigen Sozinianern und Armi- nianern, zu denen Pierre Bayle und Locke gehören, denen Spinoza nahesteht und die Voltaire mit äußerstem Respekt nennt, auf die sich Fontenelle bezieht und deren Dokumente Lessing in Wolfenbüt- tel ans Tageslicht befördert, ohne sie allerdings ihrer Funktion nach zu würdigen. Montesquieu wie Diderot rühren an die Klassen- strukturen. Ihre Dialektik beeinflußt die deutsche Klassik mit Goethe und Schiller (wie "Neveu de Rameau"). Hegel kommt damit auf das Verhältnis von Herr und Knecht. In der Progression dieser Aufklärung, wie man sie auch zeitlich abgrenzen wolle, verweist die in ihr ansetzende Kritik auf die dann von Hegel gleichsam ab- gebildete Dialektik. Die Ideologiekritik Mannheims sieht Habermas wohl als die in der bürgerlichen Ideologie erzeugte Alternative an, in der er die "Kraft der Reflexion" aufscheinen sieht, trifft aber damit nicht ins Schwarze. Habermas scheint Mannheim mehr verpflichtet, als auf den ersten Blick kenntlich ist. Als Produkt des spätbürgerlichen Denkens tradiert sich in der Frankfurter Schule die Anregung der Wissenssoziologie, sich vorzustellen, Wirtschaft sei möglicherweise ideologiefrei. Gemäß Mannheims Stu- fenfolge, die sich in den Lehren von der Industriegesellschaft und der nachindustriellen Gesellschaft forterbt, begibt sich der Wandel wie folgt: Mit dem Eindringen der wirtschaftlichen Zwangs- läufigkeit in das Alltagshandeln gibt die moderne Wirtschaftsge- sellschaft die "Ideologie" (bei Mannheim in Anführungszeichen) immer mehr frei. Die Druckverhältnisse werden rein ökonomischer Natur. Das Handeln funktioniert besser, wenn gesinnungsentleert. Mit dem Verschwinden der ideologischen Bindungen entfällt nach Mannheim der Gesinnungszwang. Kumuliert auch das Ideologische im Politischen, so erfolgt gleichzeitig ein Abbau aller ideologi- schen Elemente im Gefüge des Wirtschaftshandelns: Völlig ideolo- giefrei könnte im Prinzip nur eine reine Wirtschaftsgesellschaft sein. 38) Die Meinung, der Übergang zu technokratischem Bewußtsein sei Ab- bau abgespaltener Symbole und unbewußter Motive sowie die davon ausgehende Motivation, die Habermas hier Kausalität nennt, liege dem technokratischen Bewußtsein nicht mehr in gleicher Weise zu- grunde, erweist sich von der Geschichte her als nicht stichhalti- ger Unterschied. Sachhaltiges Wissen enthält Ideologie in dem Verständnis von Marx stets. Falsches Bewußtsein entbehrt seiner nie gänzlich, weil es letztlich Funktionen der Lebenstätigkeit, wenn auch konservierender Art, enthält. In seiner Skizze "Zur Frage der Dialektik" gibt Lenin ein abgewogenes, den Prozeß der Entwicklung darstellendes Votum. 39) 40) Insofern ist der philo- sophische Idealismus eine der Schattierungen der unendlich kom- plizierten dialektischen Erkenntnis. 41) Glaubte Karl Mannheim an die befreiende Autonomie der Wirtschaft, so sind dem die Äußerungen Max Webers über protestantische Wirt- schaftsgesinnung weit überlegen. Sie versichern wohl ein Primat der Ideologie, als die Religion eingesetzt ist, versichern aber nicht die Entblößung kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung von der Bindung an spezifisch für ihre Verwirklichung geeignete Ide- enkomplexe. Habermas ist auf die Identifikation von falschem Be- wußtsein und Ideologie fixiert, vermag deshalb nicht die Bindung an die Klassenverhältnisse zu verstehen, schon gar nicht die ab- zubilden, die die Technik zum Abbild ihrer sie erzeugenden Ver- hältnisse macht. In dem Wortbestand von Technokratie ist ein be- stimmter Herrschaftsanspruch gesetzt, der nicht hauptsächlich auf die Technik bezogen wird, vielmehr die Gesellschaft meint. Da Ha- bermas diesen Anspruch schon von den technischen Strukturen her als repressiv auslegt, entfällt der Unterschied von den mit dem Begriff Gesellschaft erfaßten Differenzen und den weiteren Merk- malen, die erst eine genauere Standortbestimmung gestatten. Das Abrücken des technokratischen Anspruchs von Ideologie ent- spricht einem Selbstverständnis bundesdeutscher Ingenieure, das Gert Hortleder dokumentiert. 42) Als Fazit vermerkt er einen Rückgang technokratischer Vorstellungen, die in den zwanziger Jahren nicht ohne Einfluß blieben und nun "in gefilterter Form als technizistisches Leitbild noch vorhanden sind", 43) der in jenen Jahren von 1933-45 mißbrauchte Idealismus sei nicht reflek- tiert, "so daß eine idealistisch geprägte Einstellung zur gesell- schaftlichen Umwelt ungebrochen in die Gegenwart hinübergerettet werden konnte". 44) Habermas versichert die prinzipiell geringere Angreifbarkeit durch Reflexion, so daß die Anmerkung Hortleders, kritisch gemeint, vorweggenommen als unaufhebbares Moment der Be- rufsgruppe abqualifiziert ist. Unverständlich erscheint, wie Habermas die moderne Stufe techni- scher Entwicklung aus der Entwicklung des gesellschaftlichen Zu- sammenhangs herausnimmt und neutralisiert. Er bestätigt faktisch die in VDI-Dokumenten über ein Jahrhundert feststellbare Ansicht, Objektivität pur zu vertreten. 45) Habermas versteht das Vordrin- gen der Technik als einen Neutralisierung fördernden Vorgang, in dem die Kriterien der Rechtfertigung einer Organisation des Zu- sammenlebens sich von den normativen Regelungen der Interaktion "überhaupt" 46) lösen. Damit entstehe Entpolitisierung, die "sich statt dessen an den Funktionen eines unterstellten Systems zweck- rationalen Handelns festmacht". 47) Daß einige Schichten der Ge- sellschaft relativ ungestört und unbeeinflußt gesellschaftliche Umwälzungen durchstehen, erfordert eher Untersuchung, warum diese Einfügung in wechselnde Herrschaftsgruppen und das herrschende Bewußtsein stattfinden konnte. Sicherlich kann Berufstätigkeit bestimmter Art näher an Protestsituationen heranbringen als eine andere. Nachdem aber feststeht, daß der Ingenieur der deutschen bürgerlichen Gesellschaft über den langen Trend einen relativ ge- ringen Sozialstatus eingenommen hat, im faschistischen Aggressi- onsapparat die gleiche Rückstufung zur Selbstverständlichkeit ge- hörte, neuere Untersuchungen den niedrigen Status als nach wie vor existent bestätigen, liegt in der sozialen Disqualifizierung eines für das Entfalten kapitalistischer Technik und ihre Renta- bilität unentbehrlichen Kreises von Menschen ein wesentliches ka- pitalistisches Moment der Repression vor. Nach Habermas sollten normative Regelungen des Zusammenlebens of- fensichtlich nicht ihre Rechtfertigung in der Organisation des Zusammenlebens finden und sich zu ihr in Gegensatz stellen, wenn sie mit dem Prinzip der "Zweckrationalität" konfrontiert würden. Darin aber entbehrt seine Position schon der Schlüssigkeit. Mögen sittliche Normen, die in der Geschichte vorzufinden sind, sich als sinnvoll oder als sinnleer erweisen, vielleicht eine mittlere Haltung zu den in der Gesellschaft sich durchsetzenden Determinanten einnehmen, so besitzen sie ihre Funktion innerhalb eines Ordnungsbereiches, der meist auf das Stabilisieren von Ver- haltensweisen ausgeht. Da Habermas sich von normativen Regulie- rungen der Interaktion mehr verspricht als von Technik, ihnen demnach die unter bürgerlichen Bedingungen und in vergangenen Formationen meiste eingeräumte untere Stufung aus normativen Gründen auch zukünftig zugestehen möchte, sehen sich die Ingeni- eure als subjektive Erfahrungstatsache allseitig verkannt und werden auf ihren perennierenden Bewußtseinsstatus verwiesen, der sich an einer anders lautenden Selbsteinschätzung genüge sein läßt. Als Abwandern der Modelle der Wissenschaften in die soziokul- turelle Lebenswelt aufgefaßt, meint Habermas darin "die Eliminie- rung des Unterschiedes von Praxis und Technik" zu erkennen. 48) Im Hintergrund wirkt eine Abneigung gegen technische Innovation, die, mit dem Zusammenbruch der Antike einsetzend, sich wiederholt erneuerte, das Entfalten von Produktivkräften indes nicht einzu- dämmen vermochte. Untersucht man retardierende Momente von alt werdenden oder überfällig gewordenen Ordnungen, in denen "innovative Potentiale inaktiviert werden", 49) dann läßt sich ebenso wie in dem entgegengesetzten Falle nicht umgehen, die Be- ziehungen zwischen unmittelbaren Produzenten, den verschiedenen Strata von Gruppen, den Herrschaftsstrukturen und den Gesetzmä- ßigkeiten der Entwicklung der Gesellschaftsformation zu untersu- chen. Eine Geschichte des Begriffs Technik könnte weitere Aspekte vermitteln, die bis auf Aristoteles führen. Das Erstaunen vor dem Bewältigen des noch nie vom Menschen Verwirklichten, das Erfinden von Werkzeugen, das Erfüllen von real verstandenen Träumen, be- gleitet die Menschheit mindestens seit dem Entstehen der Pro- metheus-Sage. Zunächst als Fähigkeit des Gestaltens verstanden, überträgt sich der gleiche Ausdruck erst spät auf das vergegen- ständlichte System von produzierenden Systemen, da die Arbeitsor- ganisation in der Manufakturperiode noch dominiert und mit damals konventionellem Werkzeug eine beträchtliche Maximierung des Out- puts zu erzielen war. Mit der Entwicklung von Maschinen und dem Beginn einer unaufhörlichen Revolutionierung der Produktionsweise wird im Kapitalismus der moralische Verschleiß von Maschinerie ebenso zum Alptraum des schlechten Rechners oder des kleinen Ka- pitalisten wie der kurzfristige Krisenzyklus. Der handwerkliche Erfahrungsschatz behält außerhalb der Textilindustrie lange eine repräsentative Geltung, bis mit der Mitte des zwanzigsten Jahr- hunderts die Innovation die schon wieder konventionell gewordenen Berufserfahrungen umzustürzen beginnt. Die Fähigkeit, zu begrei- fen was in der Technik vor sich geht, nimmt objektiv ab und ver- langt eine Aasdehnung des Kenntnisstandes auf gesellschaftliche Erscheinungen, um der inneren Dynamik folgen zu können, die sich keineswegs im Verborgenen abspielt, aber auch andernfalls Produkt gesellschaftlicher und menschlicher Aktivität bleibt. Das von Habermas viel berufene Selbstverständnis scheitert an der Einsicht einer stets sich vollziehenden Vergegenständlichung men- schlicher Ideen, die als solche mit Verdinglichung des Bewußts- eins gleichzusetzen sind, innerhalb des Bewußtseins als gesell- schaftliches Phänomen begriffen, meist auch dann Materialismus implizieren, wenn kein Begreifen des Sozialgefüges und seiner Dialektik vorliegt. In den Frühformen vergegenständlichter Pro- duktionsstrukturen und den materiellen Produktionsaggregaten be- einflußt das gesellschaftliche Lebewesen Mensch die Natur und sich selbst. Erzeugte die Wissensoziologie periodisch die An- nahme, Ideologiefreiheit sei nun eingetreten, so war Mannheim ge- legentlich weitsichtiger 50) als seine Nachfolger. Mit dem einfa- chen Klassifizieren ist es nicht getan. Stets fragt sich, welche Ideologie welchen Klasseninhalt besitzt. Religion und Ethik sind davon nicht ausgenommen, ebenso wie der weite Bereich des Wissen- schaftsbetriebes und die noch wesentlich ausgedehntere Sphäre der Produktion. Habermas hat nichts weiter auszusetzen an der neuen, mit Technikprimat versehenen Ideologie als den Umstand, sie ver- letze eine der beiden fundamentalen Bedingungen unserer kulturel- len Existenz. Sie vergehe sich an der durch umgangssprachliche Kommunikation bestimmten Form der Vergesellschaftung und Indivi- duierung. 51) Die von Mannheim vermerkte Abwertung und Depravie- rung gilt unter anderem als Ethos, der inzwischen wegen der fak- tisch fast undurchschaubaren Ambivalenz produktiver Nutzung von Erfindungen und Forschungsresultaten sich auf allen Stufen der gesellschaftlichen Tätigkeit als erforderlich anbietet, aber ge- rade das Begreifen der Einheit von Praxis und Technik benötigt. Habermas nimmt an, die Technik als sogenanntes zweckrationales Handeln entmachte den institutionellen Rahmen, 52) ein den Anti- institutionalisten sicherlich genehmes Ereignis, falls es zutref- fen sollte. Im Gegenteil erweist sich unbeschadet der Verständi- gungsschwierigkeiten zwischen den auf Kommunikation angewiesenen Disziplinen, daß sie bei der gesellschaftlichen Regelung nicht unmittelbar technischer Sachverhalte bedürfen, mindestens soweit die Umsetzung, Ausbildung, Erweiterung des Bildungspotentials in Rede steht. Das spätbürgerliche Bewußtsein hat sich damit abge- funden, obwohl es damit eine innere Umwertung zuvor als marxi- stisch und unrealisierbar abgelehnter Themata übernehmen mußte. Friedrich Engels konfrontierte aus persönlicher Betriebserfahrung die innerbetriebliche Organisation mit der Anarchie der Produk- tion, die mit den Produktivkräften unverträglich werde, 53) eine Voraussage gesamtgesellschaftlicher Planung, die hochkapitalisti- sche Staaten staatsmonopolistischer Prägung unbeschadet ihrer in- neren Widersprüchlichkeit zu übernehmen gezwungen sind, obwohl sie den Gegensatz zu ihrer Gesellschaft wahrnehmen und zu über- spielen versuchen. 2.3 Arbeit und Freiheit oder: ----------------------------- zwei dialektische Momente im Begriff der Arbeit bei Marx -------------------------------------------------------- Pflegen die Animositäten gegen wachsende technische Verfügungsge- walt sich an beliebigem Anlaß zu entzünden, so verdichtet sich das Anliegen, "den Interessenzusammenhang einer sich selbst kon- stituierenden Gattung freizulegen". 54) Läßt sich die Notwendig- keit dieses Unternehmens kaum bestreiten, so befremdet die daraus gezogene Schlußfolgerung, man müsse nun das Beachten der Produk- tionsverhältnisse fallen lassen, den Zusammenhang mit den Produk- tivkräften durch den abstrakteren Terminus von Arbeit und In- teraktion ersetzen. 55) Die bekannte Grundannahme des histori- schen Materialismus ist Habermas in jeder Hinsicht geneigt zu verwerfen. Nachdem er in der Debatte mit ' Albert die Produktiv- kräfte einer Erkenntnistheorie opfern wollte, die sich den Natur- wissenschaften nicht stellt, folgt erst recht der die Gesell- schaftsformation bezeichnende Sachverhalt. In den Produktionsver- hältnissen sei der institutionelle Rahmen allein während der Ent- faltung des liberalen Kapitalismus verankert gewesen. 56) Als Be- dingung ist die Relativierung des Anwendungsbereiches für Ideolo- giebegriff und Klassentheorie ausgegeben. Erwägt Habermas, es be- dürfe noch der Bestätigung, ob dem so sei, so neigt er indes doch dieser Annahme zu. Der Eindruck moderner Technik erweist sich in einer Weise als übermächtig, daß bescheidenere Beziehungen zwischen Produzent und machtausübender Klasse aus dem Gesichtskreis ausscheren. Wie weit sich Institutionen in einem Produktionsverhältnis faktisch mit dem Produzieren zu beschäftigen haben, ist nicht der primäre Ge- genstand einer philosophischen Reflexion. Daß in manchen natural- wirtschaftlichen Phasen, die zeitlich weit auseinanderliegen, keine solche Notwendigkeit bestand, ist nicht minder eine Folge des Verhältnisses zwischen dem Produzenten und dem Besitzer der maßgeblichen Produktionsmittel als der umgekehrte Fall. Will Ha- bermas an Stelle von Produktivkraft nur von Arbeit sprechen, so entläßt er die Funktion des M i t t e l s aus der Reichweite der Theorie und degradiert das gesellschaftlich bezogene Denken hinter den langfristigen philosophischen Ansatz, der sich der sichtbar werdenden Erscheinungen annahm. Wenn Habermas im histo- rischen Materialismus eine Lehre zu vernehmen meint, in der in den Produktivkräften sich akkumulierende Lernvorgange unter allen Umständen ein Potential der Befreiung seien, 57) dann offenbart sich eine fehlende Dialektik, die sich mit dem Thema Rousseaus auseinanderzusetzen hätte, um mindestens in den Gedankenkreis des Discours von 1750 einzudringen, jener als reines Paradoxon emp- fundenen Lösung der Preisfrage von Dijon, in der das Negativum des "planen Fortschritts" artikuliert wurde, ohne allerdings das in dem tatsächlich von der Gesellschaft veranstalteten Wachstum der Produktivkräfte vorhandene Äquivalent mit den Depravationen zu vergleichen. 58) Dialektik beachtet das Paradoxe der Dinge und Erscheinungen, Me- taphysik sucht es in der Idee eines nicht adäquaten Bewußtseins aufzuheben, um sich die Vorstellung zu bewahren, die Welt ver- möchte durch irgendwelche Umstände sich zu harmonisieren oder das Gegensätzliche sei bloß ein Irrtum des Betrachters. Welcher Art das Gegensätzliche sei, benötigt die Konfrontation mit dem wis- senschaftlichen Gedanken, der seinerseits nicht der Bewährung an der Realität entbehren kann. In der Gesellschaft läßt sich nicht ausklammern, daß Beziehungen sich ausbilden, die sich über das Produktionsinstrument auf die durch Arbeit meist schon veränderte Natur auswirken, in ihrer Er- zeugung den Menschen beeinflussen, den Menschen als Kollektivum, als gesellschaftliches Wesen betreffen und Strukturen bedingen, die zwischen den notwendigerweise einzelnen Individuen Relatio- nen verfestigen, die von relativer Konstanz sind u n d sich un- ter dem weiteren Einfluß einer Gesamtheit menschlicher Tätigkei- ten verändern, willentlich oder unwillentlich. Dem Anschein nach nicht mit der Würde der sozialen Traditionen behaftet, die Adel oder besondere Formen des Besitzes in der Geschichte ausmacht, erscheint die Arbeit als mögliches Lebenselexier, historisch als profunde Häresie, Sie als Fluch zu kennzeichnen, die Befreiung von Arbeit als gesellschaftliche Prämie zu setzen, als Schuld in das Bewußtsein zu inokulieren, erscheint nachträglich als genia- les theoretisches Mittel, um Ausbeutungsverhältnisse zu stabili- sieren. In der scharfsinnigen Schrift von Hans Dieter Bahr, der politische Technologie am Exempel von Habermas und Marcuse kri- tisch aufzuheben versucht, gelingt es nicht vollständig, sich bis zur objektiven Dialektik gesamtgesellschaftlicher Entwicklung aufzuschwingen. Arbeit als Wesen des Menschen zu fassen, ist als vulgärmarxistisch etikettiert. 59) Als falsche Alternative er- kennt Bahr zum anderen, Arbeit und Interaktion als sich wechsel- seitig ausschließend zu fassen. Konfrontiert sind das Hoffen auf ein Obsoletwerden der Arbeit (Habermas) und Arbeit als zugehörig zum Wesen des Menschen und ihre Unverlierbarkeit (Klaus/Buhr). Beide Positionen faßt Bahr als "Ideologie" (genommen im Mißver- ständnis von falschem Bewußtsein). Damit aber erhält sich der Pa- radiese setzende Utopismus, mit dem sich fluchbehaftete Arbeit als Korrektiv zu dem Aufbegehren gegen die Klassenrepression durch eine Boden- und später Arbeitsinstrumente monopolisierende Herrschaftsgruppe auszuweisen sucht. Es scheint eine dialektische Formulierung zu sein, Arbeit als Nicht-Arbeit zu setzen und ihren wechselseitigen Bezug als Vertiefung aufzufassen, als mögliche Zielvorstellung anzubieten. 2.3.0 Arbeit als Betätigung der Freiheit ---------------------------------------- Habermas und Bahr beziehen sich im Kontext auf eine wenig beach- tete Bemerkung von Marx in den "Grundrissen". 60) Dort ist als dialektisches Moment der Arbeit erwähnt, die zum Erreichen von Zweck und die zu überwindenden Hindernisse benötigte Arbeit sei zugleich als Arbeit Betätigung der Freiheit. (60a) Bahr setzt als andere Alternative an Stelle der Beziehung von Arbeit und In- teraktion das Aufheben der Arbeitsteilung. In der Anmerkung zu Adam Smith beschäftigt Marx indes ein anderer Gesichtspunkt. Smith behält die Vorstellung bei, Arbeit sei Fluch. Marx reflek- tiert einen normalen Zustand des Individuums von Gesundheit, Kraft, Tätigkeit, Geschicklichkeit, Gewandtheit mit dem Bedürfnis nach einer "normalen Portion von Arbeit" als Gegensatz und Aufhe- bung der Ruhe. Insofern k a n n Arbeit zur Selbstverwirklichung des Subjekts und zu dessen Vergegenständlichung werden. Sie sind "reale Freiheit, deren Aktion die Arbeit ist". 61) Dieses Moment verwirklicht sich auch in der Repression antagonistischer Klas- sengesellschaften, worauf die Möglichkeit von Entwicklung beruht. Als Einheit von Freiheit und Zwang gehört es in den Prozeß der Menschwerdung, die sich als unaufhörlicher Vorgang realisiert, nicht einmalig geschieht oder biologischer Umwälzung bedarf, um anderen Anforderungen zu genügen. Da der Mensch als einziges Le- bewesen auch gegenüber den gesellschaftlich lebenden und Staaten bildenden Tieren sich extrovertierte Organe schafft, in denen sich eine Seite seiner Entwicklung ablesen läßt, gehört das Set- zen von Zwecken und das Vergegenständlichen zu den das gesell- schaftliche, menschliche Individuum kennzeichnenden Merkmalen, ohne die er nicht die ihn in diesem Sinne auszeichnende Existenz durchzustehen vermag. Soweit es Zwecke gibt, besteht Arbeit. W i e sie auf die Gesellschaft und das Individuum wirkt, wie sie in die Zwecksetzung eingeht und welchen Nutzen, Schaden, Effekt sie bringt und welchen Aufwand sie an menschlicher und sonstiger Substanz mit sich bringt, steht weiter zur Erörterung an. Marx sieht in den historischen Formen der Arbeit einen Charakter von Zwangsarbeit als gegeben an, der notwendig die Nichtarbeit als Freiheit und Glück erscheinen läßt. Gerade deshalb gewinnt das Produktionsverhältnis für das Verständnis des Prozesses den Rahmen, in dem sich die Ablösung des Zwangscharakters durchsetzt. 62) Als travail attractif subsumiert Marx jede, auch die künstle- rische Tätigkeit, unter den Begriff der Arbeit. Die Fähigkeit zu künstlerischer Aussage ist Lebensäußerung des gesellschaftlichen Menschen, nicht kuriose Abseitigkeit, sondern sinnvoll und unter anderem gesellschaftlicher Zweck. Sie erhält ihre Funktion als Äußerung der Naturkraft, die nicht bloß auf Dressate abgestellt ist. Selbstverwirklichung des Individuums entfaltet alle in der Gesellschaft sich ausbildenden Eigenschaften. Angemerkt sei, daß das Übertragen der in einem langen historischen Prozeß entstan- denen Fähigkeit, zu komponieren und die Resultate wiederzugeben, nicht unbeträchtliche Exerzitien verlangt, in denen sich der Stand der manuellen und ideellen Techniken auf den künftig selb- ständig Kunst Produzierenden überträgt. Klassifikatorisch ist von dieser Art Arbeit, von Marx als notwendig aufgefaßt, die ma- terielle Produktion zu unterscheiden. Der von Marx als erster er- wähnte Punkt verweist auf das gesellschaftliche Moment. Dialek- tisch setzt es sich wieder doppelt als gesellschaftlicher Zusam- menhang der Tätigkeiten und als das bewußte S e t z e n des ge- sellschaftlichen Charakters, mit dem eben die Veränderung der Produktionsverhältnisse gemeint ist, in denen sich die Produzen- ten als Herrschaftsstruktur ihrer eigenen Gesellschaft einrich- ten, damit auch die Zwecke ihnen gemäß werden. Da Marx mit der bis dahin vorhandenen Gewohnheit bricht, die ganze Menschheit be- freien zu wollen, und die Arbeiterklasse in ihrer potentiellen Fähigkeit zu einer Revolutionierung der Gesellschaft versteht, ist sie der Träger der sich ermöglichenden Umwälzung. Selbstver- wirklichung und Vergegenständlichung entsprechen sich in der dia- lektischen Analyse des gegensätzlichen Charakters der Arbeit und der Gesellschaft. 2.3.1 Arbeit als Einheit von spezieller und allgemeiner Arbeit -------------------------------------------------------------- Das zweite von Marx hervorgehobene Moment ist die Einheit von spezieller und allgemeiner Arbeit. Soweit sie unwissenschaftlich ist, bleibt sie auf der Stufe bestimmter dressierter Naturkraft, in die die bürgerliche Gesellschaft möglichst auch Wissenschaft- ler zu bannen sucht. Nicht zu vergessen ist, daß Marx die Betäti- gung der Freiheit in jeder Arbeit, der speziellen und der allge- meinen vorweg konstatierte, Selbstverwirklichung und Vergegen- ständlichung mit Zwecksetzung ebenso als grundlegende Gemeinsam- keit von Eigenschaften auffaßt, deren spezifische Sinngebung aus der veränderten Position des Gesamtarbeiters sich ergibt. Gegen die Vermutung, es handle sich dabei etwa um ein Anspielen auf au- tonom wirtschaftende, kleine Produktionseinheiten, ist der ge- samtgesellschaftliche Prozeß angesprochen, für den die alle Na- turkräfte regelnde Tätigkeit als Modell künftiger Realisierung dient. Regelung setzt Grenzen, die ungleich denen sind, die als Natur- schranke den tierischen Lebewesen und der Gesellschaft entgegen stehen. Zwischen Natur und Tier bilden sich autonome Regelungen aus, die in Wachstumskurven faßbar sind und von der Dialektik zwischen mutierenden Informationseinheiten und Selektion über- sprungen, sich ausweiten oder die Populationen zusammenbrechen lassen. Das Überleben des Passendsten und die genetische Erinne- rung gestatteten das Ausnutzen der für das organische Leben gün- stigen Bedingungen, und als Nebenbefund gehen die Relikte des Le- bens in die geologische Geschichte ein, ein innerhalb der men- schlichen Historie anhaltender Vorgang. Insofern bedeutet Rege- lung bloße Determination. Jedes Moment der Natur äußert sich als determiniert und determinierend. In der vom Menschen gesetzten bewußten Regelung scheiden die natürlichen Determinantenkomplexe nicht aus. Sie werden abgefangen, soweit es sich als möglich er- weist, und beeinflußt, soweit es gelingt. Da die Sozialstrukturen gleiche materielle Wirksamkeit ausüben wie die natürlichen Bedin- gungen, gilt für sie Ähnliches wie für die natürlichen Determi- nanten. Sie sind bedingt und bedingend zugleich, nicht ausschalt- bar, aber zu beeinflussen, soweit es die Organisation der Bezie- hungen zwischen den Menschen gestatten. 2.4 Hans Dieter Bahrs verfehlte Kritik -------------------------------------- der Politischen Technologie --------------------------- Da Hans Dieter Bahr in seinem Disput mit Habermas naiver die Kon- sequenzen unausgesprochener Prämissen erörtert, verfällt er in eine ähnliche Atomisierung der Kategorien wie Habermas selbst. Der absoluten Negativität Adornos verbunden, setzt er die theore- tische Destruktion fort oder verdeutlicht sie in Positionen, die vielleicht verschiedenartige Deutung zulassen. In der These von der notwendigen Fesselung von Produktivkräften im Kapitalismus scheint ihm schon eine Rechtfertigung des Kapitalismus gegeben, da in ihr eine planende und nicht mehr anarchisch-konkurrierende Tendenz mitgedacht sei. Bahr etikettiert mit der Signatur "Schellin'scher Romantizismus". Revolutionäre Masse gilt als bloß ästhetisch-erhabene Erscheinung einer sich in gesellschaftlicher Kunstproduktion entfesselnden Natur. Ein sprengender Effekt, der von den Produktivkräften auf die Produktionsverhältnisse ausgeübt werde, sei mystisch. 63) Da Marx die revolutionäre Klasse als die größte Produktivkraft auffaßt, resultiert daraus bereits die in- tersubjektive Beschränktheit, mit der das theoretische Isolieren einer Kategorie als Aufhebung rationaler Determination genommen ist. Das Unterspielen empirischer Fakten und verwirklichter Mög- lichkeit, diffamiert in einem als Produkt der Kunst, depraviert als "künstlich", was menschliches Ingenium aus sich herausstellt. Die erste These, die Bahr aufstellt, stößt sich an dem dialek- tisch-geschehenden Prozeß der Selbsterzeugung der Geschichte, in der nicht einfach das Gleiche reproduziert wird, sondern in dem Regelmäßigkeiten und in ihrer Kontinuität Elemente erscheinen, die nicht mehr der alten Form angemessen sind und trotzdem sich zu adaptieren suchen, - in alten Ordnungen nicht anders als im Kapitalismus. Das kritische Kriterium bleibt die Isolierung der Technik vom Menschen und von der Gesellschaft. Anscheinend gilt manchem die Unkenntnis der sich in zahlreiche Gebiete auseinanderlegenden Geschichte als Nachweis ihrer Nicht- existenz. Habermas gesteht der Vergangenheit zu, Produktionsver- hältnisse gehabt zu haben und läßt sie sich erst künftig aufhe- ben. Bahr nimmt die Geschichte als unverbundenen Vorgang, dem er durch das Präzisieren "politisch-emanzipativer Strategien" 64) ausweicht. Diese Vorstellung entzündet sich an der Annahme, die spezifischen Erscheinungen der Entfremdung der kapitalistischen Warenwirtschaft, der Mannheim gerade ebenso unreflektiert das Ab- schaffen ideologischer Fehlsicht zuschrieb, hafte an experimen- teller Naturwissenschaft und technischer Rationalität, einem di- rekten Bezugspunkt zu Habermas. Freilich gehört der Terminus "Entfremdung" zu den besonders leicht gehandhabten Begriffen, die oft unpräzise Benutzung finden. Fremdartigkeit und Entfremdung besitzt bei Marx einen gelegentlich sich deckenden Sinn, in dem nicht auf die Verdeckung von Strukturen reflektiert ist, sondern umgekehrt auf ein Moment des Prozesses zunehmender Durchschaubar- keit reagiert ist, die sich aus technischen Erfindungen, dem Be- reitstellen entwickelter mathematischer Instrumente und ihrem Be- nutzen in der Gesellschaft, auch im Kapitalismus, ergeben kann. Die effektive Kluft zwischen Naturwissenschaftlern und anderen Disziplinen Zugehörigen hat sich durch die anspruchsvolle Polemik der kritischen Kritiker noch mehr vertieft, als sie schon ohnehin im Ergebnis der gestiegenen Arbeitsteilung vorhanden war. Insofern liquidiert Bahr die Produktionsverhältnisse faktisch durch die Zuweisung der Entfremdung an den Fortschritt der Natur- wissenschaften und an den Komplex der Vergegenständlichung. 65) Für Marx ist das Fortschreiten des Erkennens in die Entfaltung der Produktivkräfte integriert, die in entfremdeter Gestalt auch schon Wesenskräfte des Menschen repräsentieren. 66) Bahr verdeckt mit einer gewissen Vorliebe für Schopenhauer und undeutlicher Diktion den erkenntnistheoretischen Idealismus, der sich gegen die Naturwissenschaften auswirkt. Sie werden zum Muster für die Folgen, die sich aus einer subjektivistischen Position ergeben, der jede objektive Struktur zuwider ist, ebenso aber alles und jedes Aversion erzeugend scheint, das die Spur menschlichen Ein- flusses nicht von sich weisen kann. Operationelle und experimentelle Naturwissenschaft gilt als Ent- fremdung setzend, weil die in ihr vorhandene Dialektik das zu un- tersuchende Objekt isoliert und den Anschein erweckt, "als ob das Subjekt nie mittels seiner instrumentellen Operationsmittel einen Eingriff getan hätte; als sei das erkennende Subjekt von vornher- ein in der Natur, die es sich zum Erkenntnisobjekt machte, mit dieser identisch". 67) Als Besonderheit enthält dieses Argument eine seltene Modifikation von abgewandeltem Positivismus, - Kenn- zeichen der reichhaltigen Abwandlungen, die eine ideologische Va- riante zu nehmen vermag. Gedacht als Beleg für den Ausschließ- lichkeitsanspruch naturwissenschaftlichen Denkens, entsteht dar- aus umgekehrt der Versuch, dieses zu perhorreszieren. Unvermit- telt ist antimaterialistisch die Selbständigkeit der Natur mit der Begründung verneint, daß technisch angewendete und experimen- telle Wissenschaft stets vom Menschen in Gang gesetzt werde. Da- mit verstelle er gleichsam die Natur, erblicke sich in den Resul- taten nur selbst, entwerfe aber das Bild einer selbständigen Na- tur und täusche damit zweifach. Bahr meint, wie es scheint, einer Dialektik auf die Sprünge zu kommen, in der sich der Mensch not- wendigerweise verfange, der er nur durch das Aufheben der Verge- genständlichung zu entgehen vermöge. 68) Die behauptete Identität technischer Rationalität mit der erkannten Natur sei objektiv "ebensosehr Schein wie Wirklichkeit der technischen Entwicklung". 69) Ohne daß hier die Frage nach der philosophischen, nicht for- malen, Wahrheit ins Spiel kommt, erweist sich die Objektivität des Fortschreitens in den Produktivkräften als nicht bewältigt. Technik dokumentiert in ihren produzierenden Systemen und in den damit vergegenständlichten Produkten nach Quantität und Qualität, auf welchem Stand sie sich befindet. Im Rückblick belegen gefun- dene Naturgesetze ein Moment des Progresses, in dem die Kenntnis von der Natur sich verändert. Technik aber ist identisch mit An- wendung und bezieht erfahrungsmäßige Kenntnis des unmittelbaren Arbeitsprozesses wie entdeckte und vergegenständlichte Gesetzmä- ßigkeit ein. Beide sind stets Dokumentation der sie hervorbrin- genden Individuen, der unmittelbaren Produzenten und der ingeni- eurmäßigen Arbeit, repräsentierend zugleich die sie hervorbrin- gende Formation. 70) Die Abkehr von Produkten des menschlichen Geistes und der verschiedenen Formen der Arbeit entsteht aus den Widersprüchen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhält- nissen, die Bahr mystisch vorkommen. Die in einer ganzen Genera- tion explosiv sich manifestierende Abneigung ist gerade jene von Marx entdeckte dialektische Spannung, deren Vorhandensein Marcuse für einige Staaten bestritt, andere anderweitig negieren, aber nicht reflektieren. An der intensiven Abneigung gegen Erscheinun- gen einer Ordnung, in denen sich ihr historisch vorübergehender Charakter äußert, vermögen revolutionäre Prozesse anzusetzen. Voraussetzung für eine tatsächliche Überwindung ist indes nach wie vor der Zugang zu jenem von Marx entdeckten Gesetz einer hö- heren Entwicklung der Produktivkräfte. Während des Mittelalters zunächst unsichtbar und nur retrospektiv zu erschließen, war eine derartige Einsicht zunächst unmöglich. Inzwischen erkenntlich ge- worden an der beschleunigten Wachstumsdynamik und den eruptiven, international ablesbaren Spannungen der spätbürgerlichen Gesell- schaft, versucht eine nicht oder kaum auf die Arbeiterklasse ein- gestellte Kritik, gerade das Wachstum der Produktivkräfte als un- interessant beiseite zu stellen, wie die spätbürgerliche Ideolo- gie, die den dialektischen Umschlag der Ordnung von sich weist und am sichersten zu fahren meint, wenn sie deren Existenz voll- ständig verleugnet. Konsequent resultiert aus der undialektischen, mit Blindheit ge- schlagenen Negierung gesellschaftlicher Strukturen gelegentlich wieder die Verneinung der objektiven Natur. Die Fremdheit zu Na- turobjekten und Technik reproduziert sich in geisteswissenschaft- lichem Antimaterialismus als Folge theoretisch nicht verarbeite- ter Arbeitsteilung. Ihre Überwindung geschieht nach dem gegenwär- tigen Stand wissenschaftlich-technischer Entwicklung über das Aufheben der Fremdheit der beiden Snowschen Kulturen durch Ge- meinschaftsarbeit. Zwischen den sich weiter differenzierenden, aufspaltenden und sich vereinigenden Disziplinen erfolgt eine An- näherung im Arbeitsprozeß und verlangt die Aufnahme der gesell- schaftlichen Verantwortung antiimperialistischer Art in den Be- wußtseinshorizont, mindestens, um den sogar von Karl Jaspers als bürgerlichem Theoretiker erkannten, sich vorbereitenden, Faschis- mus zu diagnostizieren. Im Interesse der spätbürgerlichen herr- schenden Klasse ist es, die kastenmäßige Verfestigung unter- schiedlicher Berufsfunktionen oder angelernter Tätigkeit in der Arbeiterklasse, in den Mittelschichten und in den wissenschaftso- rientierten Gruppen zu vertiefen, da sich das Ausbilden gemeinsa- men antiimperialistischen Interesses damit erheblich kompliziert. Erkenntnistheoretischer Antimaterialismus, soweit er sich links gibt, erst recht jener der sich von den Protestgruppen trennenden Ideologievarianten, versteinert die Arbeitsteilung innerhalb des Bewußtseins und kommt dem Interesse des repressiven Apparates entgegen. Erstaunlich genug, gelangte der späte Jaspers o h n e spezifisch idealistische Marxrezeption zu der Einsicht, daß "wir" im Vergleich zu der im Christentum einsetzenden Technikverwerfung nicht von jener Welt seien, mit und durch die Technik leben, 71) sie also nicht nur praktisch sondern auch theoretisch zu inte- grieren haben, um die tradierte und neu angeheizte Aversion gründlich in spontan und überlegt progressives Bewußtsein, in re- volutionierendes Gesellschaftsverständnis, aufzuheben. Eine Kritik an politischer Technologie verfehlt ihren Ansatz, wenn sie der falschen Prämisse des herrschaftsfreien sogenannten zweckrationalen Handelns die Alternative entgegensetzt, mit Tech- nik sei immer Herrschaft verbunden, Bürokratie und Sachzwang, dann aber pauschal fast die Gesamtheit der in Basis und Überbau klassifizierbaren Erscheinungen verwirft. Mit dem restierenden Bestand von Eigenschaften der Gesellschaft und der Individuen läßt sich weder Sozialstruktur noch Mensch beschreiben, bezie- hungsweise noch weniger erklären. Die ideelle Destruktion allein überträgt nicht die Gesamtheit der bisherigen Arbeitserfahrung, die sich in allgemeiner und spezieller Arbeit herausbildet, auf revolutionierte Klassenstrukturen, obwohl sie eine der Bedingun- gen des umwälzenden Prozesses darstellt. Daraus folgt ein Gleichsetzen kapitalistischer und sozialisti- scher Produktionsverhältnisse, da aus der gemeinsamen Kategorie, daß es sich nämlich um Beziehungen der Menschen in der Produktion handle, auf die Identität der Sachbezüge u n d Zwecksetzungen geschlossen ist. 72) Ist die sich in dem Wettbewerb der verschie- denen sozialökonomischen Systeme ergebende Priorität der Produk- tionssteigerung als blind aufgefaßt, dann pointiert sich der Ein- wand als Fremdheit vor in der Geschichte vorhandener dialekti- scher Dynamik. Die Revolutionierung von Entwicklungsländern stößt auf das Moment der ökonomischen Entfaltung, wenn einige Gruppie- rungen es auch nicht wahrhaben wollen. Der unterschiedliche Zweck, der vom Ausgangspunkt der verschiedenen Klassen her be- stimmt ist, kann die Anforderungen der Arbeit nicht umgehen und damit die Orientierung auf die Träger der unmittelbaren Arbeit, die nur der Vorstellung nach durch Wissenschaft vollständig aus dem Arbeitsprozeß herausgedrängt werden. Das blinde Extrapolieren von Daten, die sich aus dem Ansteigen der Anzahl des ingenieur- technischen Personals und der Naturwissenschaftler ergeben, zu denen hier auch die Mathematiker gezählt werden sollen, auf li- neare Progression wird im Kreis der Frankfurter Schule kaum dis- kutiert. Inzwischen hat sich hinreichend ergeben, daß es sich wahrscheinlich um eine S-Kurve handelt, in der die gegenwärtig und noch längere Zeit anhaltende Steilheit des Anstiegs von einer Abflachung abgelöst werden wird. In der sich in einer bestimmten Ordnung vollziehenden Entwicklung der Technik ist die Beziehung auf die bestimmenden Klassen stets existent, ebenso die damit verbundene Herrschaft. Es fragt sich nur, die Repräsentanten wel- cher Klasse sie ausüben und welche Klassen und Schichten von Werktätigen sich mit ihnen identifizieren und entsprechendes Klassenbewußtsein erworben haben. Die gegenwärtigen internationa- len Machtfragen m ü s s e n sich letztlich oder vorgängig in der technisch-ökonomischen Sphäre realisieren, wobei sich als hi- storisches Problem ergibt, in den imperialistischen Staaten, un- beschadet des Vorhandenseins von Arbeiteraristokratie, Arbeiter- klasse u n d die Gesamtheit der Intelligenz, im besonderen aber die naturwissenschaftlich-technische Intelligenz g e g e n die imperialistischen Herrschaftsapparate zu stellen. Welche Wege die merkwürdige Dämonisierung der Technik nimmt, das ist fast so wandelbar wie der Entwicklungsprozeß der Technik selbst. In der Regel bietet sie nicht einen solchen theoretischen Apparat auf, wie in der Frankfurter Schule und ihren Annexen üb- lich wurde. Da aber gemeinsam als Folgerung, mehr oder minder verklausuliert, den sozialistischen Ländern empfohlen wird, nicht auf Produktionssteigerung zu bestehen, resultiert die Verfloch- tenheit mit der zweckrationalen Position des Imperialismus in den internationalen Klassenauseinandersetzungen, ein ebenso paradoxer wie betrüblicher Sachverhalt, der revolutionierendes Potential lahmlegt. 2.5 Technik und Wissenschaft als Ersatzobjekte ---------------------------------------------- für Exploitation und Eigentumsverhältnisse ------------------------------------------ Anders als Hans Albert meint und Bahr vereinfachend aus Habermas ableitet, hat letzterer keine rein instrumentalistische Deutung der Technik als durchgehende Bestimmung, soweit er die Kategorien von Arbeit und Interaktion behandelt. Aus der "Arbeit" ist re- stringierend die instrumentale Produktivkraft ausgeklammert. De- finiert Habermas, es handle sich um Sub-Systeme zweckrationalen Handelns, im weiteren Sinne von instrumentalem und strategischem Handeln, 73) dann überwiegt bei ihm die Kategorie der als solche falsch moralisierend verworfenen Zwecksetzung. Sie nimmt die Cha- raktermaske der Repression an. Wissenschaft und Technik werden zu Ersatzobjekten für die Eigentumsverhältnisse und die Exploita- tion. Der Zweck an sich erscheint als das Böse, wird verteufelt. Die Verwissenschaftlichung der Produktion erscheint als der Gip- fel der Repression des Menschen durch das Produkt. Habermas arti- kuliert die Vorstellung, es gebe in irgendeiner Weise eine Eman- zipation der Arbeit, unter der in diesem Falle die Produktion verstanden ist. Dominant sei inzwischen eine "gläserne Hinter- grundideologie, welche die Wissenschaft zum Fetisch" 74) mache. Damit sei das emanzipatorische Gattungsinteresse als solches ge- troffen. 75) Die unterscheidungslose Absage wiederholt sich not- wendig in dem Verhalten zu dem Studentenprotest, den Habermas verwarf, als er aus dem Reich der Idee herabstieg und konkret wurde. In den Erörterungen über Technik und Wissenschaft sieht sich Ha- bermas in dem Dilemma zwischen Objektivität und einer als falsches Bewußtsein verstandenen Ideologie. Meint er in beiden gesellschaftlichen Manifestationen eine schwerer angreifbare Hin- tergrundideologie zu sehen, so nimmt er sie aus dem Gattungs- und Gesellschaftszusammenhang. Sie gelten nicht selbst als Momente der Emanzipation, weil sie dazu geeignet seien, eine bestimmte Klasse zu rechtfertigen und eine andere Klasse zu unterdrücken. 76) Ist damit auf die unbedingte Einordnung in die Gesamtheit der gesellschaftlichen Erscheinungen richtig reflektiert, dann vermag dieses faktische Erreichen der Problemsituation nicht fruchtbar zu werden, weil gerade dieses Moment in den Bereich eines frustrierten Weltverständnisses fällt. Irrtümlich vermutet Haber- mas außerdem, es handle sich um eine total neue Erscheinung. Erst neuerdings sei eingetreten, daß Technik und Wissenschaft institu- tionelle Funktionen ausübten und die Organisation der Gesell- schaft wenigstens partiell zu garantieren geeignet seien. Kaum nötig möchte es scheinen, daran zu erinnern, in welchem Umfang asiatische Produktionsweise und im Mittelalter bestimmtes Wissen sich in speziellen Institutionen monopolisierten. Das alte Prie- stertum oder die auf dem Boden der Antike sich ausbildende Kirche des Katholizismus verwirklichten innerhalb eines institutionellen Rahmens in verselbständigten Systemen ein zweckrationales Han- deln. 77) Verselbständigt als Institution, bleibt indes der Zu- sammenhang mit anderen Institutionen bestehen. Wie in der Mo- derne, resultiert hieraus ein Muster von Arbeitsteilung der Herr- schaft, indem die expressive Gestalt, die sich jene Ordnungen in Einklang mit ihren sozialökonomischen Bedingungen gaben, um den Grundbesitz als das entscheidende Produktionsmittel gruppiert ist. Innerhalb der Priesterschaften und der Kirchen wiederholt sich der in der Gesellschaft gegebene Klassengegensatz in der Konfrontation der verschiedenen Stufungen der Hierarchie, wobei die mögliche Progression sich nicht auf die unteren Schichten al- lein zu erstrecken braucht. Aus der repräsentativen Vertretung der Klassenherrschaft vermögen sich einige ihrer Mitglieder auf die sich künftig als herrschende etablierte Klasse zu orientie- ren, d.h. sich auf künftige Machtstrukturen einzustellen, in denen sich historischer Progreß verwirklicht. Habermas hat die Vorstellung, Wissenschaft und Technik hätten sich innerhalb des institutionellen Rahmens so etwas wie Unan- greifbarkeit gesichert und damit sei das Moderne gekennzeichnet. Ohne unhistorisch zu werden, ist darauf hinzuweisen, daß in einer Gesellschaftsformation mit Arbeitsteilung nicht ohne weiteres die eine gesellschaftliche Funktion durch die andere ersetzt werden kann. Soweit sich die spezielle Verfügung über Kenntnisse im all- gemeinsten Sinne ausgebildet hat, funktioniert die Gesellschaft, indem die vereinzelten Fähigkeiten mit erhöhtem Wirkungsgrad zur Ausführung gelangen, was der gesamten Ordnung nützt. Progression in den Ordnungen versteht sich selbst und gerade unter den Bedin- gungen verschärfter Klassenauseinandersetzungen als Erweitern der Möglichkeiten gesellschaftlicher und individueller Arbeit, die sich nicht oft in der Vergangenheit so explizit ausgedrückt fand wie bei den Beguinen und Begharden oder im Protestantismus in seiner kalvinistischen Variante. Das Integrieren von Wissenschaft und Technik in die Gesamtheit der Gesellschaft besitzt zweifellos seine qualitativ eruptiven Momente. Sie liegen aber kaum in den von Habermas angenommenen Bezügen. Zu unterscheiden wären demnach die aus der technischen und natur- wissenschaftlichen Entwicklung entstehenden Momente von den in der sozialistischen Gesellschaft im Unterschied zu kapitalisti- schen Produktionsverhältnissen sich abzeichnenden qualitativen Besonderheiten. Vorweg unterscheidet die bestimmende Klasse als übergreifendes Moment ohne Rücksicht auf die Entwicklungsstufe der materiellen Produktivkräfte, für wessen Zweck produziert wird. Gegen Habermas und andere könnte geschrieben sein, was Marx über das Unterschlagen der vergegenständlichten Wesenskräfte des Menschen als jenes großen T e i l s der menschlichen Arbeit äu- ßert beziehungsweise über das schon damals vorhandene Unverständ- nis zwischen industriellen Disziplinen und Philosophie. 78) Im Historischen Materialismus ist das damals vorhandene Mißverhält- nis kategorial aufgearbeitet. Der in sozialistischen Ländern praktizierende Marxismus setzt die geänderte Position in Handlung um und hat eine fast 2000-jährige Summe von Vorbehalten auszuräu- men, die vergangene progressive Epochen aus immanenten Gründen, die in der Klassenstruktur zu suchen sind, nur thematisieren, nicht aber vollziehen konnten. Das Moment des qualitativen Wan- dels liegt in der Umstellung des Bewußtseins, eines neuen Eigen- tümerstandpunktes der Masse und des Entfaltens der ideellen We- senskräfte des Gesamtarbeiters, durch die der Mitvollzug von Herrschaft ins Detail zu gehen vermag u n d eine Zerfaserung in subjektivistische Fehlbestimmung zugunsten gesamtgesellschaftlich gesetzter Zwecke und Ziele ausscheidet. Ist Wissenschaft als solche fetischisiert und als gläserne, nach Habermas, böse Hintergrundideologie abgeschrieben, dann erschei- nen unwissenschaftliche Verhaltensweisen als Alternative, zeigen aber keineswegs eine der Humanisierung zugängliche Dimension an. Als Aufheben der negativen Folgen von Arbeitsteilung gehört die Kommunikation der Disziplinen in die Gruppe der zu verwirklichen- den Praktiken, die sich kaum nur durch die allgemeinsprachliche Kommunikation formulieren lassen, da ihr Inhalt sich selbst umge- staltet, allgemein sprachliche Kommunikation sich durchaus meta- sprachlich anzureichern im Begriff ist. Integration und Differen- zierung der Disziplinen betrifft auch den Sprachgebrauch, der in- des nicht sich bereits darin erschöpft, das als verständlich zu deklarieren, was dem Anschein nach plausibel mehr ins Gemüt als in den Verstand geht. Materialistische Dialektik verweist auf Un- terschied und Zusammenhang von Erscheinung und Struktur. Die Oberfläche ist nicht das Ganze. Unter den Kautelen einer gegen- wärtig als einfacher betrachteten altmodischen Wissenschaften wa- ren Welt und Gesellschaft, Individuum und Gruppe weniger zugäng- lich, als jetzt konventioneller Kenntnis sich erschließt. Die Herstellung einer die Gesellschaft einbeziehenden Kommunikation verlangt eine Entwicklung auch in dem allgemeinsprachlichen Kon- sensus, der von Evolution nicht ausgeschlossen ist. Indem sich die kapitalistische Klasse mit der Möglichkeit ihres Unterganges konfrontiert sieht, entsteht als Prädilektionsstelle der ihr zugemessenen Ideologie die These, man könne sich keine andere Formation vorstellen, die mit Verwissenschaftlichung so gut auszukommen vermöge wie sie. Das Vordringen von Wissenschaft sei zwar nicht aufzuhalten, aber das Unmenschlichere sei, wenn sich die Strukturen beherrschen lassen - eine als Massenschreck gedachte Warnung, die sich neben Biologismen, die den Aggressi- onstrieb als Erklärungsschlüssel vorschlagen, dazu eignet, aus der Nichtbeherrschbarkeit von Strukturen als kleineres Übel noch den Krieg zu rechtfertigen. _____ 1) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, Frankfurt/Main 1968, S. 92. 2) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 58. 3) ebenda. 4) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 59. 5) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 60. 6) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 60. 7) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 61. 8) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 60; vgl. hierzu Marx/Engels: WERKE (MEW), Ergänzungsband Erster Teil, Ber- lin 1968, S. 543. 9) "Die Industrie ist das wirkliche geschichtliche Verhältnis der Natur und daher der Naturwissenschaft zum Menschen; wird sie da- her als exoterische Enthüllung der menschlichen Wesenskräfte ge- faßt, so wird auch das menschliche Wesen der Natur oder das na- türliche Wesen des Menschen verstanden, daher die Naturwissen- schaft ihre abstrakt materielle oder vielmehr idealistische Rich- tung verlieren und die Basis der menschlichen Wissenschaft wer- den, wie sie jetzt schon - obgleich in entfremdeter Gestalt - zur Basis des wirklich menschlichen Lebens geworden ist..." in: MEW, Ergänzungsband, a.a.O., S. 543. 10) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 63. 11) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 64. 12) Jürgen Habermas: THESEN ZUR THEORIE DER SOZIALISATION (Stichworte und Literatur zur Vorlesung im SS 1969, ohne weitere Angaben). 13) Karl Marx: ZUR KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, in: MEW, Band 13, Berlin 1961, S. 9. 14) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 75; An- merkung. 15) ebenda. 16) Friedrich Engels: UMRISSE ZU EINER KRITIK DER NATIONALÖKONO- MIE, in MEW, Band 1, S. 499 ff. 17) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, Berlin 1953, S. 595 f. Der Text lautet: "Die Schöpfung von viel disposable time außer der notwendigen Arbeitszeit für die Gesellschaft überhaupt und jedes Glied derselben (d.h. Raum für die Entwicklung der vollen Produktivkräfte des Einzelnen, daher auch der Gesellschaft), diese Schöpfung von Nicht-Arbeitszeit erscheint auf dem Stand- punkt des Kapitals, wie aller früheren Stufen, als Nicht-Arbeits- zeit, freie Zeit für einige. Das Kapital fügt hinzu, daß es die Surplusarbeitszeit der Masse durch alle Mittel der Kunst und Wis- senschaft vermehrt, weil sein Reichtum direkt in der Aneignung von Surplusarbeitszeit besteht; da sein Zweck direkt der Wert, nicht der Gebrauchswert. Es ist so, malgre lui, instrumental in creating the means of social disposable time, um die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzie- ren, und so die Zeit aller frei für ihre eigne Entwicklung zu ma- chen... Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produk- tivkraft aller Individuen." 18) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, a.a.O., S. 596. 19) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, a.a.O., S. 594. 20) ebenda. 21) ebenda. 22) ebenda. Der Text lautet: "Die Natur baut keine Maschinen. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des men- schlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft. Die Entwick- lung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allge- meine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Pro- duktivkraft geworden ist, und daher die Bedingungen des gesell- schaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des gene- ral intellect gekommen, und ihm gemäß umgeschaffen sind." 23) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 176. 24) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., II. 7, S. 178 ff. 25) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 176. 26) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, a.a.O., S. 79. 27) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, a.a.O., S. 78. 28) ebenda. Der Text lautet: "Tauschwert ist nichts als eine Be- ziehung der produktiven Tätigkeit der Personen untereinander." 29) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, a.a.O., S. 79. ebenda. 30) ebenda. 31) ebenda. 32) ebenda. 33) Vgl. hierzu Erich Hahn: IDEOLOGIE, Berlin 1969. 34) Vgl. hierzu Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, Vor- wort S. 10 und die THESEN ZUR THEORIE DER SOZIALISATION, z.B. S. 33. 35) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', Frankfurt/Main 1968, S. 89. 36) ebenda. 37) ebenda. 38) Karl Mannheim: WISSENSSOZIOLOGIE, Westberlin/Neuwied 1964, S. 648. 39) W.I. Lenin: WERKE, Band 38, S. 344. Der Text lautet: "Der philosophische Idealismus ist nur Unsinn vom Standpunkt des gro- ben einfachen, metaphysischen Materialismus. Dagegen ist der phi- losophische Idealismus vom Standpunkt des dialektischen Materia- lismus eine einseitige, übertriebene, überschwengliche (Dietz- gen) Entwicklung (Aufbauschen, Aufblähen) eines der Züge, einer der Seiten, der Grenzen der Erkenntnis zu einem von der Materie, von der Natur losgelösten, vergotteten Absolutum." 40) W.I. Lenin: WERKE, Band 39, S. 156. 41) W.I. Lenin: WERKE, Band 39, S. 344. Der Text lautet: "Doch ist der philosophische Idealismus ('richtiger' und 'außerdem') ein Weg zum Pfaffentum über einer der Schattierungen der unend- lich komplizierten (dialektischen) menschlichen Erkenntnis." 42) Gerd Hortleder: DAS GESELLSCHAFTSBILD DES INGENIEURS. ZUM PO- LITISCHEN VERHALTEN DER TECHNISCHEN INTELLIGENZ IN DEUTSCHLAND, Frankfurt/Main 1970, S. 150 ff. 43) Gerd Hortleder: DAS GESELLSCHAFTSBILD DES INGENIEURS ..., a.a.O., S. 168. 44) ebenda. 45) Das Buch von Hortleder dokumentiert dies durchgehend. 46) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 90. 47) ebenda. 48) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 91. 49) H. Klages: SOZIOLOGIE ZWISCHEN WIRKLICHKEIT UND MÖGLICHKEIT. Plädoyer für eine projektive Soziologie, Köln/Opladen 1968, S. 47. 50) Karl Mannheim: WISSENSSOZIOLOGIE, a.a.O., S. 649. Der Text lautet: "Weil aber in diesem modernen Vergesellschaftungszentrum des wirtschaftlichen Handelns das Ideologische entbehrlich wird, neigt der moderne Mensch dazu, alles 'Religiöse', 'Ethische' als 'bloß ideologisch' zu bezeichnen. In dieser Entwertung und Depra- vierung spricht sich also unbewußt die neue Strukturtatsache aus, daß der moderne Prozeß in weiten Feldern Geistiges freizugeben in der Lage ist und de facto auch freigibt. Der Mensch, der dies ohne soziologische Orientierung an sich erfährt, meint dann einzig und allein dieses interdependente Realitätsreagieren als 'Realität' ansprechen zu müssen, und es erscheint ihm dann alles 'Geistige' als 'bloße Ideologie'. Dies ist das Geheimnis der mo- dernen Ontologie der kapitalistischen Lebensorientierung." 51) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 91. 52) ebenda. 53) Friedrich Engels: HERRN EUGEN DÜHRINGS UMWÄLZUNG DER WIS- SENSCHAFT (Anti-Dühring), in: MEW, Band 20, S. 255. 54) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 91. 55) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 92. 56) ebenda. 57) ebenda. 58) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE'. Eine Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse und Jürgen Habermas, Frankfurt/Main 1970, S. 67. 59) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE', a.a.O., S. 104. 60) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 92 in dem erwähnten Passus über das im zweckrationalen Handeln unter allen Umständen vorhandene Potential der Befrei- ung. Bahr zitiert den Text aus den GRUNDRISSEN DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, S. 505. 60a) In das Buch von Hans Dieter Bahr hat sich in der Wiedergabe der Marxstelle ein Druckfehler eingeschlichen. Marx spricht von Freiheit, gedruckt steht 'Freizeit'. Vgl. Hans Dieter Bahr: KRI- TIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE', a.a.O., S. 104. Ein interes- santer Fall von Fehlleistung. 61) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, a.a.O., S. 505. 62) ebenda. Der Text lautet: "Es gilt doppelt: von dieser gegen- sätzlichen Arbeit; und, was damit zusammenhängt, der Arbeit, die sich noch nicht die Bedingungen, subjektive und objektive ge- schaffen hat (oder auch gegen den Hirten- etc. Zustand, die sie verloren hat), damit die Arbeit travail attractif, Selbstverwirk- lichung des Individuums sei, was keineswegs meint, daß sie bloßer Spaß sei, bloßes amusement, wie Fourier es sehr grisettenmäßig naiv auffaßt. Wirklich freie Arbeiten, z.B. Komponieren ist ge- rade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung. Die Arbeit der materiellen Produktion kann diesen Charakter nur er- halten, dadurch daß 1) ihr gesellschaftlicher Charakter gesetzt ist. 2) daß sie wissenschaftlichen Charakters, zugleich allge- meine Arbeit ist, nicht Anstrengung des Menschen als bestimmt dressierter Naturkraft, sondern als Subjekt, das in dem Produkti- onsprozeß nicht in bloß natürlicher naturwüchsiger Form, sondern als alle Naturkräfte regelnde Tätigkeit erscheint." 63) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE', a.a.O., S. 88, Anm. 19. 64) ebenda. 65) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE', a.a.O., S. 92 f. 66) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, S. 543. 67) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE', a.a.O., S. 92. 68) ebenda. 69) ebenda. 70) Karl Marx: ZUR KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, in: MEW, Band 13, S. 14. Der Text lautet: "Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen der- selben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind." Der gesellschaftliche Charakter der Produktivkräfte bringt auch in der Vergangenheit wie in der Gegenwart die anstehenden neuen Produktionsverhältnisse hervor, die die gegebenen Entwicklungs- möglichkeiten ausnützen und Bedingungen erzeugen, die die alte Formation für das Entfalten der Produktivkräfte nicht ausnutzen und anwenden, meist auch nicht entdecken konnte. 71) Karl Jaspers: WOHIN TREIBT DIE BUNDESREPUBLIK? , München 1966, S. 222. Der Text lautet: "Die Selbstzerstörung der Mensch- heit darf nicht geschehen: Vielleicht ist dies eine menschliche Beschränktheit. Jesus und manche Philosophen waren dem Weltsein gegenüber gleichgültig oder sahen es als Qual, als nichtig, als böse. Sie waren anderswo zu Hause, zu dem sie keine Welt und kein Leben in der Welt brauchten. Wir sind, es durch unsere faktische Lebenspraxis bezeugend, entschieden nicht von dieser Existenz- weise. Wer heute so spricht, scheint sich selbst zu belügen." 72) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE', a.a.O., S. 86. 73) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 92 f. 74) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 88 f und S. 98. 75) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 89. 76) ebenda. 77) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE', a.a.O., S. 91. 78) Karl Marx: "ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844", in: MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 542 f. Der Text lautet: "In der gewöhnlichen materiellen Industrie (- die man ebensowohl als einen Teil jener allgemeinen Bewegung fassen, wie man sie selbst als einen besondern Teil der Industrie fassen kann, da alle menschliche Tätigkeit bisher Arbeit, also Indu- strie, sich selbst entfremdete Tätigkeit war -) haben wir unter der Form sinnlicher, fremder, nützlicher Gegenstände, unter der Form der Entfremdung, die vergegenständlichten Wesenskräfte des Menschen vor uns. Eine Psychologie, für welche dies Buch, also gerade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Ge- schichte zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklichen inhaltvollen und reellen Wissenschaft werden. Was soll man überhaupt von einer Wissenschaft denken, die von diesem großen Teil der menschlichen Arbeit vornehm abstrahiert und nicht in sich selbst ihre Unvoll- ständigkeit fühlt, solange ein so ausgebreiteter Reichtum des menschlichen Wirkens ihr nichts sagt, als etwa, was man in einem Wort sagen kann: "Bedürfnis", "gemeines Bedürfnis"? - Die Natur- wissenschaften haben eine enorme Tätigkeit entwickelt und sich ein stets wachsendes Material angeeignet. Die Philosophie ist ih- nen indessen ebenso fremd geblieben, wie sie der der Philosophie fremd blieben." zurück