Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Hermann Ley, Thomas Müller
TECHNIK UND GESELLSCHAFTSSTRUKTUR
Der folgende Aufsatz ist dem in nächster Zeit erscheinenden Buch
von Hermann Ley und Thomas Müller: "Antigeschichte und Revolution
- Der Positivismusstreit als Ideologieersatz" entnommen, den wir
mit freundlicher Genehmigung des Pahl-Rugenstein Verlages, Köln,
abdrucken.
I Einleitung
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Die kritische Theorie der Frankfurter Schule, die anfänglich den
studentischen Protest zu artikulieren vermochte, erwies sich in-
zwischen als bundesdeutsche Ideologievariante einer spätbürgerli-
chen imperialistischen Gesellschaft, die beliebigen Protest abzu-
fangen sucht.
Die fällige Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Neoposi-
tivismen versackt im Positivismusstreit zwischen Albert und Ha-
bermas, die je für ganze Gruppierungen genannt seien, in unver-
bindliches Geplänkel, bei dem beide Kontrahenten sich aufeinan-
derzubewegen. Mit der Wiederaufnahme des Streits um die Wertfrei-
heit erfolgt der Versuch einer erneuten Destruktion von Karl
Marx. Um keinen Zweifel bestehen zu lassen, bemüht sich Habermas
um einen vollständigen Übergang zur amerikanischen Soziologie
Talcott Parsons'scher Färbung, mit der nicht mehr und nicht weni-
ger bezweckt zu sein scheint, als die Reduktion soziologischer
und gesamtgesellschaftlicher Problematik auf subjektivistische
Psychologie. Die bundesdeutsche Ideologie, um eine Invektive Hans
Alberts abzuwandeln, bescheidet sich nach hoffnungsvollen Ansät-
zen mit einem Bruchteil der bei Talcott Parsons und Robert Merton
vorhandenen Ideen.
Die Reduktion der Geschichte des Menschen und der Klassen auf die
Ontogenese des Subjekts und eine aus der Totalität der Gesell-
schaft ausgesparte Technik und Ingenieurwelt und der Soziostruk-
turen vermeidet in den Versionen von Albert und Habermas die Ana-
lyse des gesamtgesellschaftlichen Prozesses. In den Resultaten
spiegelt sich die Abneigung, die Sache selbst zum Gegenstand des
Erkenntnisprozesses werden zu lassen. Vorgewiesen werden Partial-
diagnosen, die die wechselseitige Fremdheit des naturwissen-
schaftlichen und des soziologischen Aspekts überdeutlich spie-
geln. Vereinfacht und unzutreffend wäre es, darin etwa ein Pro-
dukt gewollter Arbeitsteilung zu sehen oder eine notwendige Folge
segensreicher Beschränkung auf das Fach. Vielmehr scheint es das
Ergebnis einer mindestens halb bewußt vollzogenen Deformation zu
sein, die sich bei hinreichender Beschäftigung mit dem Prozeß der
Vergegenständlichung des Menschen, der Entfremdung und sonstiger
Alienation zur intendierten falschen Verfremdung der Wirklichkeit
herabläßt.
Albert zeigt sich von der schon vollzogenen Möglichkeit einer Ma-
thematisierung der Ökonomie fasziniert und sucht nach erkenntnis-
theoretischen Fundamenten. In der tradierten Scheu des Empirismus
vor dem Zutrauen in den eigenen und gesellschaftlichen Verstand
vereinigt sich in seinen Arbeiten unpraktische philosophische
Grundlegung mit beträchtlicher Animosität gegen das Beachten ge-
sellschaftlicher Strukturen, die ü b e r den technischen Be-
reich hinausgehen. Die Ökonomie bleibt damit zwar politisch, aber
verfehlt den bloße Technologie überschießenden Bereich, in dem
erst das wissenschaftlich-ökonomische Denken seine innere Recht-
fertigung als selbständige Disziplin gewinnt. Das echte Problem
bleibt außerhalb des Gesichtskreises. Die Selbstverwirklichung
des Menschen durch die Technik und die Arbeit ist nicht minder
Bestandteil der Kultur wie die zwischenmenschlichen Beziehungen,
zu denen neben dem Sexus mindestens so etwas wie Produktionsver-
hältnisse gehören. In die konkrete Wirklichkeit der Gesell-
schaftsformation gehen Technik und Literatur, ingenieurmäßiges
Denken und auf die Soziostrukturen bezogene Politik ein. Es gibt
nicht bloß logische Klassen, ein Tatbestand, den die Geschichte
denen einpaukt, die sich auf Kant'sche Moral beziehen, ohne die
revolutionäre Evolution jener Antagonismen zu beachten, in denen
der kopernikanische Wende ankündigende Philosoph Momente der
Selbstbewegung der Geschichte in den Begriff zu bekommen begann.
Im Werk von Kant existiert Dialektik, an die sich Hegel anlehnte.
Die erkenntnistheoretischen Positivisten benutzten von Kant aus-
schließlich Bestandteile, mit denen sich Hegel kritisch auseinan-
dersetzte, unter anderem deshalb, weil sie sich daran stießen,
daß inhaltlich verstandene allgemeine Strukturen mit dem Begriff
der Logik belegt wurden, den sie eingeengt für sich selbst zu be-
schlagnahmen suchten. Die Entwicklung endet jedoch weder mit He-
gel noch mit den logischen Positivisten. Albert und Habermas sind
bemüht, mit dem Ausklammern des von Marx eingeleiteten Prozesses,
mit der absoluten Vernachlässigung Lenins, sich das Eingehen auf
den konkreten revolutionären Ereignisstrom des 20. Jahrhunderts
zu ersparen.
Philosophisch anthropologisierend geraten die bundesdeutschen Po-
sitivismusstreiter auf die von Walter Benjamin nicht unzutreffend
skizzierte Einbahnstraße. Ihre Alternative bleibt mehr oder weni-
ger im Dunkeln. Bestenfalls sucht sie sich jeweils in ihrem an
das Vexierbild der materiellen und der ideellen Wirklichkeit fi-
xierten Blick eine Merkmalskonfiguration heraus, an dem sie haf-
ten bleibt. Dem einen Kontrahenten vergeht vor dem Insistieren
auf Technik und Naturwissenschaft das Verständnis für den weiten
Bereich, in dem sie entstehen und auf den sie wirken. Der andere
sieht vor Menschen nicht das in sich heterogene Kollektivum der
Gesellschaft und die in der materiellen und ideellen Tätigkeit
gesetzten Strukturen, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten haben,
aber ohne die reale Entsprechung der Kategorie Produktionsinstru-
mente keine Existenz besitzen würden. Gleiches gilt für die In-
stitutionen. Dem Positivisten sind Strukturen häufig nur ideelle
Produkte. In einer merkwürdigen Verschränkung entsteht daher bei
seinem Kontrahenten gelegentlich die Vorstellung, der mit dem
Entstehen des Industriekapitalismus erzeugte Schein einer total
atomisierten Gesellschaft bedeute faktisch die Möglichkeit von
Strukturlosigkeit, den Wegfall des Einflusses der materiellen
Wechselwirkungen, in denen aus dem Tier so etwas wie der homo sa-
piens entsteht, die Bedeutungslosigkeit jener gesellschaftlichen
Relationen, die Karl Marx als materiell zu verstehen vermochte.
Der von Karl Marx begründete Materialismus erweitert das bis da-
hin zugängliche Blickfeld durch das Einbeziehen objektiver Bezie-
hungen vorhandener und möglicher Sachverhalte in die Kategorie
der Materialität. Mit einer emotionellen Absage an ganze Bezirke,
die sich in der Geschichte als ständig oder meist wirksam erwie-
sen haben, lassen sich die Teilbereiche der Gesellschaft nicht
dem Verständnis zuführen. Auf sie aber schlicht zu verzichten,
bedeutet, in die Strömung eines vorwiegend idealistischen Dualis-
mus zu verfallen, der das Entgegenstehende einfach wegzudenken
sucht.
In vorliegender Arbeit soll vom Standpunkt des dialektischen und
historischen Materialismus eine fundierte Kritik einiger Aspekte
der Position gegeben werden, die an den Hintergrund des Positi-
vismusstreites heranführt. Es wird sich herausstellen, daß we-
sentliche Momente der gegenwärtig bestimmenden, spätbürgerlichen
Ideologie vorzufinden sind. Habermas nähert sich von anderer
Grundhaltung aus den gleichen Folgerungen, die Hans Albert aus
einem vorwiegend mechanistisch verfahrenden Methodologiebewußt-
sein zieht. Auf den ersten Blick erscheint es paradox, eine sol-
che Konvergenz der Kontrahenten zu behaupten. Bei näherer Be-
trachtung aber läßt sich sinnfällig vorweisen, woran es mangelt.
Anders als Habermas und Albert meinen, läßt sich Gesellschaft
nicht erschöpfend charakterisieren, wenn man als wesentlich nur
erachtet, was akzeptiert wird, nicht aber auch das andere, an dem
sich die Emotion stößt. Zu erörtern ist, welche Grenzen erkennt-
nistheoretische Reflexion besitzt, wenn sie das Vorhandensein und
die mögliche Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen unter-
schätzt. Aufgezeigt werden soll, daß sich Rationalität nicht in
Technik erschöpft. Unbedingt aber ist sichtbar zu machen, daß die
entschiedene Zurückweisung des spätbürgerlichen Antihumanismus
kein Rechtfertigen eines absoluten Verdiktes gegen Naturwissen-
schaft und Technik implizieren darf, wenn gesellschaftliches In-
teresse im Blickfeld bleiben soll. Damit entfällt praktisch auf
dem Wege der Selbstaufhebung der Gegenstand, den sich sogenannte
philosophische Anthropologie setzt. Um den Menschen zur Darstel-
lung zu bringen, bedarf es der Klassen und der Eigentumsverhält-
nisse ebenso wie der Sphäre der Produktion und der von ihr veran-
laßten genialen, aber ambivalenten Produkte von Wissenschaft und
Technik.
2 Technik und Gesellschaftsstruktur
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Findet Habermas bei Comte die "pseudowissenschaftliche Propagie-
rung des Erkenntnismonopols von Wissenschaft" (1), so kritisiert
er bei Marx eine ungenügende philosophische Grundlegung des Mate-
rialismus und verlangt, eine "vorbehaltlose phänomenologische
Selbstreflexion der Erkenntnis zu etablieren". 2) An die Stelle
der "Reduktion des Selbsterzeugungsaktes der Menschengattung auf
Arbeit" 3) will Habermas die Idee einer Erkenntnistheorie als Ge-
sellschaftstheorie setzen. 4) Darunter scheint eine als neuartig
ausgegebene Anthropologie verstanden zu sein, in der eine funda-
mentale Unterscheidung zwischen Naturwissenschaft und Wissen-
schaften vom Menschen 5) postuliert ist. Bei Marx sei der Vorgang
der Reflexion auf die Ebene instrumentalen Handelns eingeengt, 6)
damit aber der in seiner Theorie gegebene Ansatz nicht ausgemes-
sen. Reflexion sei nach dem Muster der Produktion begriffen, zwi-
schen dem logischen Status der Naturwissenschaften und dem der
Kritik nicht unterschieden. 7)
Es stellt sich heraus, daß Habermas in seiner Kontroverse mit Al-
bert, ohne dessen tatsächlichem Anliegen folgen zu können, vor-
nehmlich Marx versteht. Anlaß ist eine entscheidende Passage in
den Pariser Manuskripten. An die Stelle der von Habermas gefor-
derten erkenntnistheoretischen Rechtfertigung der Gesellschafts-
theorie habe Marx, um die Wissenschaftlichkeit seiner Analyse
darzutun, eine Analogie zu den Naturwissenschaften angenommen.
Als unkorrekte Aufhebung Hegels empfindet er jenen bekannten Pas-
sus: "Die Industrie ist das wirkliche geschichtliche Verhältnis
der Natur und daher der Naturwissenschaft zum Menschen". 8) Die
Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte sind nicht hinsichtlich
ihrer Früh-Formulierungen der Kritik unterzogen, sondern im Hin-
blick auf die zum "Kapital" hinweisenden Elemente u n d das
Verweisen auf eine Lehre vom Menschen, die eine breite Komplexi-
tät aufweist, die weit über das hinausgeht, was der Regreß auf
Psychoanalyse dagegen anzubieten hat.
2.0 Erkenntnistheoretische Gesellschaftstheorie oder:
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die Trennung der Human- von der Naturwissenschaft
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Mit seinem Angriff auf das kapitalistische Privateigentum, der
bereits in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilo-
sophie beginnt, insistiert Marx positiv auf einige der durch des-
sen Aufhebung zu erwartenden, auf den Menschen einwirkenden
Konsequenzen. Das Proletariat ist als Repräsentant des Mensch-
seins aufgefaßt, weil es fähig scheint, die vollständige Emanzi-
pation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften zu vollziehen,
in dem es die durch das kapitalistische Privateigentum gesetzte
Entmenschung beseitigt. Die Industrie erscheint Marx als "die
exoterische Enthüllung der menschlichen Wesenskräfte" 9), deren
Entfaltung den Kommunismus bedeutet. Habermas will eine
erkenntnistheoretische Gesellschaftstheorie. Das Instrumentali-
stische der Marx'schen Theorie sieht er in dem Heranziehen der
Industrie gegeben. Die Seite ihres vorgängigen geistigen
Produktionsprozesses und die Arbeit erregt das Opponieren gegen
den Materialismus u n d die Wissenschaften als Anspruch eines
Erkenntnismonopols, dem die kritische Kritik entsagen will. Im
Verständnis von Marx besteht der Mensch nicht bloß aus Arbeit und
Wissenschaft. Der Arbeiterklasse aber ist aufgegeben, mit dem
Aufheben des Privateigentums zwei Kategorien von Tätigkeiten zu
vereinigen und sich zueigen zu machen, die in der
Klassengesellschaft ihre Abhängigkeit verfestigen, indem sie als
Funktionen des Privateigentums den kapitalistischen Lohnarbeiter
zur Deformation seiner Person verurteilen und die Entwicklung der
menschlichen Wesenskräfte zu einem Sondermonopol werden lassen,
in dem sich die Klassenspaltung wiederholt.
Sieht Habermas in dem Rekurs auf die Naturwissenschaften den
Nicht-Vollzug der erkenntnistheoretischen Rechtfertigung, dann
bestätigt er den von Albert mit berechtigter Intransingenz vorge-
brachten Einwand, sie würden innerhalb der kritischen Kritik
funktionslos. Diskutiert Albert die Frage nach der Gesetzmäßig-
keit des sozialökonomischen und generell alles gesellschaftlichen
Geschehens, dann geht Habermas dem aus dem Weg. Er begnügt sich
mit dem naheliegenden, aber oberflächlichen Vermerk, es sei er-
staunlich, daß Marx von Naturwissenschaft spreche, nicht aber von
den "transzendentalen Bedingungen des Systems gesellschaftlicher
Arbeit dessen strukturellen Wandel die Ökonomie, als die Wissen-
schaft vom Menschen, doch ihrerseits reflektieren soll". 10) Es
entgeht ihm das tertium comparationis, in dem Gesellschaft und
Naturwissenschaft auf einen Nenner gelangen. In der Tatsache der
Gesetzmäßigkeit, die nachzuweisen sich Marx zur e i n e n Le-
bensaufgabe setzt, ist dieses Moment gegeben, nicht aber der
Mensch auf eine von Habermas als peripher aufgefaßte Disziplin
heruntergebracht. Unterläuft ihm die Bezeichnung "transcendental"
für das Charakterisieren der Bedingungen des Systems der gesell-
schaftlichen Arbeit, dann reflektiert Habermas schon auf einen
erkenntnistheoretischen Transcensus, der zudem noch eine Mystifi-
kation enthält. Abgesehen von dem Vermuten eines in der Ökonomie
vollzogenen Überstiegs, macht er sie außerdem zu einer Wissen-
schaft vom Menschen schlechthin, einer nicht in der Absicht des
Marxschen Dialektik enthaltenen Ausweitung.
Anschließend verlangt Habermas eine "Konstitutionsanalyse" des
Menschen, die die erkenntnistheoretische Selbstreflexion der Wis-
senschaft einbeziehe. 11) Wohin es dabei Habermas zieht, läßt das
Programm der "Thesen zur Theorie der Sozialisation" 12) erkennen.
Die Sozialisationshypothese sucht den Vergesellschaftungsprozeß
in der Psychologie. Marx entdeckt in der Arbeit nicht allein die
besondere Eigenschaft, die den Menschen w e r d e n läßt, son-
dern auch die Fähigkeit, die zum Gewinnen des Lebens benötigten
Produktionsinstrumente zu schaffen. In der Theorie des Histori-
schen Materialismus, deren philosophischer Einfluß auf das Ent-
stehen des Kapitals in den "Grundrissen" kenntlich geblieben ist,
hat Marx das innerweltliche Übergreifende der verschiedenen Le-
bens- und Bewußtseinsformen, die erst mit einer Steigerung der
Arbeitsproduktivität möglich werden, w e n n die gesellschaft-
lichen Bedingungen entsprechend gestaltet und verändert sind,
herausgestellt.
In der Theorie des historischen Materialismus entdeckt Marx die
Gründe der Selbstbewegung der Gesellschaft, durch die der ideali-
stische Dualismus nach zwei Seiten widerlegt ist. In der Produk-
tion seines Lebens erzeugt der als Kollektivum gefaßte Mensch
Strukturen, die seine Möglichkeiten bestimmen, für eine Epoche
begrenzen und über diese hinaustreiben. Zum anderen entsteht dar-
aus eine neue Potenz des Menschen, die sich an den Arbeitsmitteln
entfaltet, je über sie hinaus geht und zu selbständiger Reflexion
befähigt, ein Spektrum von Eigenschaften entwickelt, in denen
Selbstverständnis, phantastische und realistische Abbildung von
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in zugänglich werdenden Me-
dien ihren Niederschlag finden. Wie das Produktionsinstrument
stets zuvor im Kopf entworfen wird, bevor es in materieller Ge-
stalt, zu der auch die Organisation des Arbeitsprozesses gehört,
Gestalt annimmt, so bewirken die anderen Bewußtseinsformen einen
immanenten Stimulus der gesamten Lebenstätigkeit, dessen
Einwirkung auf den Menschen divergent und sehr vielfältig
vermittelt zum Zug kommt.
Selbstverständnis erscheint ebenso als nur eine Seite der ge-
danklichen Tätigkeit wie die Industrie. Das gegenständliche Han-
deln findet seine Entsprechung in einzelnen Aktionen, die sich zu
Klassenaktivitäten verdichten, Konfrontationen hervorrufen, in
denen sich Parteiungen ausbilden, die auf dem Niveau des jeweils
erreichten gesellschaftlichen Verständnisses zu artikulieren su-
chen, was der Fall ist oder sei n sollte. Marx faßt diesen Vor-
gang als zwiespältigen divergierenden, aber möglicherweise, unter
konstatierbaren Bedingungen, zusammenstimmenden Vorgang: "In der
Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwi-
schen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatie-
renden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und
den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder
philosophischen, kurz ideologischen Formen, worin sich die Men-
schen dieses Konfliktes b e w u ß t werden und ihn ausfechten."
13) In der Spannung zwischen den naturwissenschaftlich treu zu
konstatierenden Umwälzungen der ökonomischen Produktionsbedingun-
gen und den ideologischen Formen, um die Marxschen Termini wört-
lich aufzunehmen, vermögen sich die Menschen dieses Konfliktesbe-
wußt zu werden. Materialistische Dialektik benutzt fließende Ka-
tegorien, um den gesellschaftlichen Prozeß in seinen Umwälzungen
zu erreichen, den präsenten und den sich vorbereitenden Umwälzun-
gen folgen zu können. Die Konflikte, die die Gesamtheit der ge-
sellschaftlichen Auseinandersetzungen in der von Marx verwendeten
Sprache repräsentieren, enthalten den Klassenkampf ebenso wie die
Gruppendifferenzen, die individuellen Querelen wie die sich ex-
trovertierenden Pathologismen, die im Durchschnitt und im Extrem-
fall oder kaum sichtbar in das Geschehen der Basis und der Super-
struktur eingreifen.
Als Einheit von materiellen und ideellen Prozessen aufgefaßt,
richtet sich das Verständnis von Marx auf den wechselseitigen
Einfluß der verschiedenen Gegenstandsbereiche, die nach ihrer
Funktion bestimmt sind. Ideologie ist in der bekannten Definition
der Überbautheorie des "Vorworts" als Moment des Bewußtwerdens
aufgefaßt, als ein komplexes Geschehen, in dem die Entwicklungs-
formen der Produktivkräfte reflektiert werden. Zu dieser Art der
Reflexion gehört das wissenschaftliche Abbilden der Entwicklungs-
formen der Produktivkräfte, deren Verständnis selbst der Entwick-
lung unterliegt, mit dem Entstehen der daran interessierten Klas-
sen sich entfaltet und das Klasseninteresse auch in der Abbildung
einbezieht.
In den theoretischen Vorstellungen von Jürgen Habermas spiegelt
sich die bürgerliche Aversion, den Ursprung der jeweiligen Klas-
senverhältnisse und der in den Bewußtseinsformen bezogenen Par-
teinahme, aus den spezifischen Erscheinungen der Produktion des
Lebens zu analysieren, da das Verstellen und Verdecken der die
bürgerliche Gesellschaft konstituierenden Sachverhalte zum Ge-
schäft des Ausfechtens der Umwälzungen gehört. T h e o r i e
d e r E r k e n n t n i s a l s G e s e l l s c h a f t s-
t h e o r i e a u s z u g e b e n, v e r z i c h t e t a u f
d i e k o n k r e t e A n a l y s e d e s s e n, w o m i t
E r k e n n t n i s s i c h z u b e s c h ä f t i g e n
h a t. Aus dem Beschäftigen mit dem Schreiben von Geschichte
läßt sich erkennen, daß Klassen und Gruppen ihre in der
Entwicklung vordergründig werdenden Konflikte ausfechten, ohne zu
begreifen, welche Effekte ihre Aktivität auslöst. Soweit eine
historisch vorgefundene Ideologie ihren Zweck erfüllt, bezieht
sie sich mindestens auf das unmittelbare Klasseninteresse oder
eine davon abgeleitete Gruppenkonformität, bedeutet daher nur
partiell falsches Bewußtsein. Vom Standpunkt der
fortgeschritteneren Klasse oder Gruppe lassen sich in der Regel
Gesetze zum Vorschein bringen, die zuvor nicht zugänglich waren.
Damit aber erfolgt eine objektive Abwertung der Ideologie alt ge-
wordener herrschender Klassen, die zuvor eine progressive Funk-
tion zu erfüllen vermochten. Wie im einzelnen sich die materiel-
len und ideellen Bezugsobjekte in ihrem Bedingungsgefüge ver-
schränken und beeinflussen, erweist sich als weiteres Moment
praktischer und wissenschaftlicher Progression, bei der Albert,
Popper und Habermas auf detaillierter Erklärung glauben bestehen
zu müssen.
Die materialistische Dialektik hingegen nimmt das Beschreiben von
Sachverhalten und Wechselbeziehungen ernster als die auf Erklä-
rung erpichte positivistische Ideologie, die durch den Entwick-
lungsprozeß zum falschen Bewußtsein geworden ist. Notwendiger-
weise sucht sie sich den Anschein von Objektivität durch das In-
sistieren auf unverwechselbar scheinenden eindeutigen Beobach-
tungsdaten zu geben. Als Basissätze deklariert sind sie formell
aus der Entwicklung des Wissens ebenso herausgenommen wie die ge-
samte Gesellschaft. Mit der Atomisierung des einzelnen Datums
sanktionieren sie erkenntnistheoretisch das Ausschalten jedes be-
liebigen Effekts, der vom Standpunkt einer Umwälzung der soge-
nannten soziotechnischen Strukturen von der anderen Position
neuer Eigentumsverhältnisse oder werktätiger Mitbestimmung inter-
essant zu werden verspricht, die Nutzer anderer Eigentumsstruktu-
ren aber degoutiert. Die Funktion der kritischen Kritik erfüllt
sich unter Einbeziehung Herbert Marcuses in dem Verfestigen der
zwei Kulturen C.P. Snows, weil damit die steigende Masse von In-
genieuren und Naturwissenschaftlern seitens einer geisteswissen-
schaftlich agierenden literarischen Protestfront von vornherein
ausgegliedert ist, sie die Abqualifizierung aber als bösartig
empfinden und partiell gegen ihren Willen in engeren Kontakt zu
den bestimmenden imperialistischen Gruppen geraten. Anstatt ein
progressives moralisches Bewußtsein zu festigen, entsteht in ih-
nen die Vorstellung, tatsächlich zugehörig zu einer klassenindif-
ferenten, technokratischen Gruppe zu sein, die sie den rüstungs-
beflissenen Kapitalagglomerationen zutreibt.
Mit der Einführung des Begriffs der Interaktion meint Habermas
eine Entdeckunggemacht zu haben. Marx ist vorgeworfen, durch die
sogenannte Reduktion auf Arbeit die in diesem Fall mit Interak-
tion gemeinte symbolische Vermittlung institutionalisierter Ge-
waltverhältnisse zu überspielen und dazu noch vorökonomische Tat-
sachen für den Mechanismus der gattungsgeschichtlichen Entwick-
lung nicht in Betracht zu ziehen. 14) Marx wird der
"Verschleierung" 15) geziehen, Habermas aber erweckt den An-
schein, als wenn er keine Kenntnis der Analyse der Pariser Com-
mune von 1871 besäße, die Analyse der Funktion des Staates durch
Engels nicht existiere. Zog das ökonomische Denken als politi-
sches in die Gruppe der wissenschaftlich notwendigen Disziplinen
ein, so vermochte Marx das Kapital als gesellschaftliches Ver-
hältnis abzubilden und die Potenzen der Macht in ihrer materiel-
len und ideologischen Fundierung darzustellen.
Entdeckte Marx bereits in der "Einleitung zur Kritik der Hegel-
schen Rechtsphilosophie" die Funktion der revolutionären Gewalt,
die er aus dem von Hegel dem Staat der bürgerlichen Gesellschaft
zugeschriebenen Machtverhältnisse extrapolierte, so verwies er
gerade im Verlauf dieser Überlegung auf die Verbindung von Theo-
rie und Masse. Vom Kapitalismus ferngehalten von den Grundlagen
eines Acquirierens von Wissen, das die durch Arbeitsteilung gege-
bene Effizienz möglichst nicht überschreiten darf, setzt Marx
zunächst auf das Aneignen der wichtigsten, im Klassemkampf benö-
tigten Kenntnisse. Für die sozialistische Gesellschaft entwirft
das Konvolut der Pariser Manuskripte einen Typus von Persönlich-
keit, der in weitere Wissensgebiete eindringt, die die materielle
Produktion zu entwickeln gestatten; Im revolutionären Verständnis
von Marx bedeutet Macht eine Veränderung des Massenbewußtseins im
Hinblick auf einen Humanismus, der sich auf die doppelte Verhal-
tensweise der sittlichen Verantwortung und der Ausweitung des
Kenntnisbestandes erstreckt, die die im modernen Sinne verstan-
denen Naturwissenschaften und die technischen Disziplinen
e i n b e z i e h t. Wie die Moral nicht am Bedarf der schönen
Seele haften bleibt, sondern auf effektive Veränderung der Herr-
schaftsstrukturen gerichtet ist, so sind die sich im instrumenta-
len Handeln, wie es Habermas nennt, äußernden Aktivitäten als
ökonomisch-technische u n d geistige Machtausübung verstanden.
Zu der Weltanschauung, die von Marx und Lenin ausgeht, gehört der
ethische und in materielle Vergegenständlichung sich entäußernde
Fundus an Persönlichkeitsprofil ebenso wie die willensmäßige Kom-
ponente, die auf Veränderung der alten und Festigung der neuen
Ordnung abzielt. Im Unterschied zu voluntaristischen Aktionen,
die im Rahmen der bourgeoisen Soziostruktur zu bleiben gewillt
sind und mindestens faschistoid zu sein pflegen, gehört in das
Verständnis der an Marx orientierten Weltanschauung das willent-
liche Einfügen in die vorhandenen Möglichkeitsstrukturen der
E n t w i c k l u n g. Habermas sucht den Gattungsaspekt gegen
das instrumentale Handeln ins Spiel zu bringen. Marx hingegen
sieht eine Veränderung des Menschen als gegeben bei praktisch
gleichbleibender Artspezifität, die in die Biologie gehört.
Als Marx über die Entwicklung der Gattung seine philosophischen
Theoreme aufstellte, hatte sich die Biologie noch nicht das ra-
tionale Verständnis der Evolution der Arten und der Deszendenz
des Menschen aneignen können. Es wäre möglich, in der mit der
praktizierten Genetik gegebenen Faktizität des Veränderns der ge-
netischen Informationseinheiten eine qualitativ andere Situation
als gegeben zu sehen. Freilich erschloß sich damit ein Gebiet der
Anwendung, das sicherlich in wenigen Jahrzehnten zu den vorhan-
denen weitere, sittlich höchst folgenreiche, Techniken der Ge-
sellschaft zur Verfügung stellt. Die utopische Phantasie Aldous
Huxleys entwarf indes längst den Extremfall bestialisierter An-
wendung, in dem die kenntnismäßigen Klassenunterschiede in der
Schlafschule ihre unabänderliche Präformation erfahren und das in
den Ausbeutungsgesellschaften vorwiegend unbiologisch erzielte
gleiche Ergebnis unaufhebbar fixieren. Herrschaftsstrukturen und
internationales Bildungsgefälle aus biologischer Präformation ab-
zuleiten, repräsentiert typischen Rassismus. Marx hingegen über-
nahm die humanistische, häretische und aufklärerische Position
von 2000 Jahren Geschichte und untersuchte zum erstenmal die ob-
jektiven Gründe, die in der Gesellschaft wirksam sind, um das Ge-
falle an Persönlichkeitsstrukturen zu verfestigen, aufzulockern
und abzuwandeln. Erscheint Habermas das Betonen der Arbeit vor-
wiegend als Verzicht, so schließt Marx aus der Vergangenheit und
Gegenwart auf immanente Gesetze notwendiger Entwicklung, die in
diesem Falle über verschiedene Gesellschaftsformationen hinweg
sich durchsetzen. Es sind in Poppers Sprache Regelmäßigkeiten.
Lenin spricht vom ruhigen Abbild der Erscheinungen. Sie bedeuten
in vorliegendem Bezug die qualitative Strukturänderung im Habitus
des menschlichen Bewußtseins, wobei nicht allein die einzelne
Person, sondern die gesamte Bevölkerung gemeint ist. In dialekti-
schen Kategorien läßt sich dieser Vorgang unter e i n e m der
möglichen Gesichtspunkte als Umschlag von der Qualität in die
Quantität bezeichnen, die selbst wiederum eine andere Qualität
vom gesamtgesellschaftlichen Aspekt bedeutet.
Die von Marx gesehene Entwicklung des Menschen reflektiert nicht
auf wesentliche Veränderung biologischer Merkmale der Gattung,
obwohl sie nach neuerer Erkenntnis langfristig eintreten und an
der Menschwerdung im Übergang vom homo erectus zum homo sapiens
gravierend sind. Erstreckt sich dieser Vorgang auf einen viel-
leicht zwei Millionen Jahre und mehr umfassenden Zeitraum, so
mißt die von Marx gemeinte Zeitspanne kürzere Intervalle, die ei-
nige Jahrhunderte und Jahrzehnte umfassen und in diesen Abschnit-
ten signifikante Unterschiede zu setzen geeignet sind.
In dem in der Bundesrepublik als Bildungskatastrophe bezeichneten
Prozeß äußert sich eines dieser Momente, die Marx voraussagte,
deren Negierung und positive Lösung in das Aufgabenprofil des von
ihm gemeinten Sozialismus integriert ist. Die Entwicklung des
Menschen deckt sich mit der qualitativen Evolution der Gesell-
schaft in hinreichender Annäherung; mit den Anforderungen durch
den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, die Informationsre-
volution und Automation an den gesamten gesellschaftlichen Kennt-
nisstand stellen, bestätigt sich ein ganzer Komplex der von Marx
im "Kapital" gegebenen Analyse nach der sachlich-faktischen und
der erkenntnistheoretischen Seite.
Es bestätigt sich, daß die von Marx aus den allerersten Mo-
dellanalysen gemeinsam mit Friedrich Engels gezogenen Folgerungen
hinsichtlich der Wissenschaften und ihrer Aneignung durch viele
Menschen sich exakt als innere Bedingtheit des allgemeinen Mo-
dells erweiterter Reproduktion erschließen läßt. Engels verlangt
1844, die Ökonomie solle die Aufwendungen und finanziellen Ergeb-
nisse des Einsatzes von Wissenschaft bilanzmäßig erfassen, da sie
diesen Effekt bisher nicht beachtet habe. 16) Als solche zu Buche
schlagenden Entdeckungen sind die von James Watt, Berthollet,
Davy und Justus Liebig genannt. Marx sieht darin die Möglichkeit
einer schrankenlosen Expansion der Produktion zugunsten nicht ei-
ner schmalen Schicht, sondern der gesamten Bevölkerung und sieht
in dem erweiterten Zugang zu Wissenschaft den lebenspraktischen
Effekt. Da aber nicht die Bildung, sondern das Aufheben der nega-
tiven Erscheinungen des Kapitalismus Anlaß zu der Antizipation
einer auf Gemeineigentum gegründeten Gesellschaft sind, bleibt
die Negierung jener Ordnung und ihrer Folgen im zentralen Blick-
punkt.
2.1 Irreduzibilität der Interaktion contra
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dialektischer Vermittlung zwischen Basis und Überbau
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Habermas intendiert nicht auf den von Albert überraschenderweise
gemeinten Erkenntniswert der Naturwissenschaften, die durchaus
humanistische Sinngebung besitzen können, vor allem aber die hu-
manistische Haltung von dem Naturwissenschaftler und dem techni-
schen Wissenschaftler verlangen. Es handelt sich aber nicht nur
um die Gestaltung des Weltbildes, von der Albert spricht und die
sicherlich ebenso positivistisch wie seine Methodologie gemeint
ist. Besitzen die naturwissenschaftlich orientierten Disziplinen
die Eigenschaft, das Weltbild zu prägen, soweit die Natur weltan-
schauliche Relevanz besitzt, so bleibt als Lücke der Raum der ge-
samten gesellschaftlichen Strukturen auszufüllen, ohne die das
Naturbild Fluchtzone vor der sozial relevanten Problematik wird.
Fachidiotismen vermag es von beiden Blickpunkten aus zu geben. Um
als effektive weltanschauliche Haltung gelten zu können, die sich
der Kontemplation gründlich zu entschlagen vermag, bedarf es der
g e m e i n s a m e n Bestrebungen und Verantwortung der Sach-
wissenschaftler und der Arbeiterklasse, anderer Schichten und des
gemeinsamen Zugangs zur gesellschaftlichen Problematik des histo-
rischen Prozesses.
Die entwickelten Produktivkräfte der spätbürgerlichen Gesell-
schaft steigern sich auf durch das Verwertungsbedürfnis des Kapi-
tals. Bewältigter technischer Fortschritt bedeutet gegenüber dem
Konkurrenten einen Vorsprung auf dem Markt und erweiterte innere
Reserven für Eigeninvestitionen. Benutzen die sozialistischen
Staaten die Effizienz als Maß des Einsatzes von gesellschaftli-
cher und individueller Arbeit, so liegt die Zielsetzung in dem
übergreifenden Moment der Menschenbildung die als soziales Anlie-
gen aufgefaßt ist. Die Schöpfung von disposable time außer der
notwendigen Arbeitszeit schwebt Marx als Element des Menschenwür-
digen vor. 17) Kann die Arbeitermasse sich ihre surplus-arbeit
selbst aneignen, "hört damit die disposable time auf, gegensätz-
liche Existenz zu haben." 18) Da Marx davon spricht, daß sich die
sozialökonomische Entwicklung in einer Richtung vollzieht, die
den Übergang zu einer neuen Ordnung erzwingt - nicht als Automa-
tismus, sondern als gesellschaftlicher Vollzug, - so ist es als
Bestätigung zu werten, wenn die Notwendigkeit der Erzeugung von
verfügbarer Zeit in der spätbürgerlichen Sozialstruktur zwingend
in Erscheinung tritt. Das Entfalten von Wissenschaft und Technik
wird damit zu einem zentralen Gegenstand des auf allen Gebieten
sich ausprägenden Wettbewerbs der unterschiedlichen sozialökono-
mischen Systeme, der für den Sozialismus selbstverständlich ist,
der aber auch den Kapitalismus zu einer auf Wachstum gerichteten
Anstrengung zwingt. Die Sphäre der Produktion erweist sich auch
von der qualitativen Seite her als ein Objekt der Klassenausein-
andersetzungen.
Welche Nutzung das Vorhandensein von disposable time erfährt, ist
ein in die Konfrontation einbezogenes Moment. Ist unterstellt,
daß der wirkliche Reichtum die entwickelte Produktivkraft aller
Individuen ist, dann teilt sich der gegebene Zeitfonds in solche
für Rekreation und das Wiederherstellen der Arbeitskraft - eine
auch von den Künsten und Literatur zu erfüllende Funktion - und
einen anderen, der begrifflich sich als Lerngesellschaft eta-
bliert hat. Welcher Klasse und welcher Gruppierung beide Elemente
nützen, ist zu einem ebensolchen Moment der Klassenauseinander-
setzung geworden wie der ökonomische Klassenkampf im Betrieb.
Dazu kommt noch, daß die mit der Informationsrevolution ausgeüb-
ten Elemente der kapitalistischen Regulierung weit in das öffent-
liche Bewußtsein vordringen konnten. Ihre Folgen sind nicht min-
der in den Klassenkonflikt einbezogen, bestimmen gelegentlich ac-
tio und reactio der spätbürgerlichen herrschenden Gruppierungen,
sind in die Politik als partiell vorherrschend eingegangen. In
dieser Situation es als Progreß verzeichnen zu wollen, wie Haber-
mas nahelegt, daß man die angebliche Einseitigkeit von Marx über-
winden solle, anempfiehlt den Verzicht auf genau den gleichen
Sektor der Selbstverständigung und des klassenpraktischen Han-
delns der Linken, die Albert methodologisch erzwungen zu sein
scheint.
Der general intellect der "Grundrisse", 19) auf den Habermas ge-
legentlich rekurriert, verweist auf die fundamentale Geltung der
den gesellschaftlichen Menschen betreffenden Seite im Marxschen
Konzept. Die vergegenständlichte Wissenskraft gehört zum gesell-
schaftlichen realen Lebensprozeß. In ihr existieren die unmittel-
baren Organe der gesellschaftlichen Praxis. 20) Marx und Lenin
verwahren sich gegen die kritische Kritik der Bauer und anderer
Jung- und Linkshegelianer, sich auf Wissen und Kritik zu be-
schränken, nicht den Lebensprozeß und die "Masse" als Gegenstand
der sich verwirklichenden Theorie aufzufassen. Insofern ent-
schlägt sich schon die frühe sozialistische Theorie der Ansicht,
general intellect sei etwa Herrschaft der Intellektuellen oder
der Techniker. Als Produkt der Gesellschaft verstanden, ist men-
schliche Industrie begriffen als "natürliches Material, verwan-
delt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder sei-
ner Betätigung in der Natur". 21) Dem Hirn ist noch von der Hand
oder der Überwachung von Produktionsprozessen seine Funktion zu-
gestanden. 22) Ihre Vereinigung erscheint in der Marxschen Theo-
rie als revolutionärer Prozeß, der sein Feld nicht bloß in der
Produktion, sondern in den gesellschaftlichen Beziehungen und den
Herrschaftsstrukturen besitzt. Vergegenständlichung ist als not-
wendige Durchgangsstufe menschlicher Lebenstätigkeit verstanden,
die unumgänglich von der mit dem unmittelbaren Arbeitsprozeß en-
ger verbundenen Masse als herrschaftspotentes Gebiet zu begreifen
ist, w e n n ihm der mit der Erfindung der Erbsünde gegebene
Strafcharakter genommen wird. Vor den Konsequenzen einer Diskus-
sion der mit der menschlichen, durch Arbeit vermittelten, Gesell-
schaft verbundenen Fragestellung flüchtet sich Habermas in In-
teraktion. Eine seiner Definitionen verfährt sprach-analytisch.
Die Variante der durch Symbole vermittelten Interaktion nennt
kommunikatives Handeln "ein Bezugssystem, das sich auf den Rahmen
instrumentalen Handelns nicht zurückführen" 23) lasse. Unter Ver-
lust der sonst von der erneuerten Kritik viel berufenen Dialektik
entsteht aus dem Vorkommen einer selbständigen inhaltlichen Kate-
gorie eine Aufspaltung der Bereiche. Habermas versichert eine von
den neopositivistischen und von den französischen Strukturalisten
übernommene Irreduzibilität. Außerdem, im Anschluß an Dilthey,
24) meint diese Gestalt der Interaktion einen geisteswissen-
schaftlichen gemeinsamen Boden unter den Forschenden des instru-
mentalen Handelns herstellen zu können. Aus der betrieblichen und
institutsgemäßen Gemeinschaftsarbeit abgeleitet, sieht Habermas
einen Konsensus der Intersubjektivität gegeben in einem Sprach-
gebrauch, "der nicht in die Schranken technischer Verfügung über
vergegenständlichte Naturprozesse gebannt" 25) sei. Als Problem
gegeben, ließe sich das Gleiche für die Benutzung von Symbolen
und die sonstigen Merkmale von Metasprachen wie für allgemein-
sprachliches Verhalten nachweisen. Sie sind gesellschaftliches
Produkt und gestatten gleichermaßen monologisches wie dialogi-
sches Verhalten. Nach Marx erfolgt der Übergang von einem allge-
meinen Lebensprozeß zu einem sich ausbildenden general intellect,
zu vergegenständlichten Organen der menschlichen Arbeit, die ih-
rerseits rückwirken. Infolge der wechselseitigen, nicht mechani-
stischen und gegebenenfalls auch mechanischen Determination,
durchdringen sich die ineinander verflochtenen "Räume". Dialek-
tisch voneinander abgesetzt, selbständiger Wirkung fähig, deter-
minieren sie sich gleichfalls dialektisch, ob sie sich nun
sprachlich, metasprachlich oder durch Datengebung vermittelte
Kommunikation aufeinander beziehen. Innerhalb der Interaktion der
Individuen sieht Habermas einen nicht in Schranken technischer
Verfügbarkeit gebannten Vorgang, der demnach Freiheit zu enthal-
ten scheint. Besitzt nun Vergegenständlichung das Kennzeichen der
materiellen Realisierung des Gemeinten und seiner Realisierbar-
keit, so gilt das Gleiche für ein kommunikatives Handeln, das
sich im Lebensprozeß von dem Erfordernis der Bewährung im Lebens-
prozeß nicht ausschließen kann.
Die dialektische Vermittlung zwischen den Gebieten von Basis und
Überbau erfolgt nicht allein im Überbau, obwohl es so scheinen
könnte, sondern besitzt in der materiellen und konkreteren Wech-
selbeziehung der Produktion den übergreifenden Bereich. Kann die
Idee in Mögliches und Unmögliches vordringen, so etabliert die in
der Produktion gegebene Grundbeziehung, selbst die irrationalen
Bereiche, in die sich die Idee zu versteigen vermag. Sie behält
selbst im transcensus den Stempel ihrer Abkunft. Lehnt Habermas
die Dialektik ab, dann verfestigt sich das Unverständnis des in-
strumentalen Handelns zu einem als "Geisteswissenschaft" firmie-
renden negativen Reflex auf natürliche und gesellschaftliche Ma-
terialität, die in ihrer unverstandenen Klassenbedingtheit der
umgebenden Gesellschaft außerhalb der Analyse, aber innerhalb der
erzeugten Ideologie bleibt und ständig versichert, ihr nicht zu-
zugehören.
Innerhalb der Ökonomie diskutiert Marx die Kommunikation als Pro-
zeß, der verschiedene Gestalt und Funktion besitzt. Sie schaltet
nicht das Individuum aus, sondern ist sein gemeinschaftliches
Produkt: "Es ist ebenso sicher, daß die Individuen sich ihrer ei-
genen gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht unterordnen können,
bevor sie dieselben geschaffen haben". 26) Allgemein gefaßt, ex-
emplifiziert Marx in der Form des Geldes die Versachlichung des
gesellschaftlichen Zusammenhangs als Voraussetzung. 27) Tausch-
wert ist nichts als eine Beziehung der produktiven Tätigkeit der
Personen untereinander. 28) Die Kommunikationsmittel in techni-
schem Sinne vermitteln zwischen der allseitigen Abhängigkeit in
Produktion und Konsumtion mit der Unabhängigkeit und Gleichgül-
tigkeit der Konsumierenden und Produzierenden untereinander einen
Vorgang, den Marx auf einen weiteren dialektischen Vorgang be-
zieht. Aus der mit der Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit der
Konsumierenden und Produzierenden entstehenden Entfremdung resul-
tieren durch die Kommunikation Mittel, die ihr entgegenwirken.
Die gesellschaftliche "Interaktion" bedarf bei Marx der Technik,
nicht bloßen Willens oder der Negation nicht vollzogener Aufhe-
bung der Entfremdung, um Fremdartigkeit, wie es Marx im speziel-
len Fall nennt, aufzuheben. Die Entwicklung der Technik gehört
neben der Grundvoraussetzung der Beseitigung des Privateigentums
an den Produktionsmitteln ebenso zu den technischen Voraussetzun-
gen, weshalb wissenschaftlicher Sozialismus folgerichtig histo-
risch das Maschinenstürmertum aufhebt, in dem sich die ersten
Klassenaktionen des entstehenden Industrieproletariats entluden.
Marx sieht in der im Kapitalismus entstehenden Kommunikations-
dichte eine der Möglichkeiten gegeben, "den alten Standpunkt auf-
zuheben", gefolgt von der weiteren "Möglichkeit allgemeiner Sta-
tistik". 29) Praxis und Entfremdung ohne bewußt betriebene Ent-
faltung der Technik zu diskutieren, verfehlt den Bezug auf Marx
auch dann vollständig, wenn irgendwelche Passagen gepreßt und aus
dem Kontext der Entwicklung des Marxschen Lebenswerkes und des
sich durchsetzenden Sozialismus herausgegriffen werden.
Das Durchsetzen von Gesellschaftlichkeit versteht Marx als ökono-
mische Erscheinung, die im Weltmarkt gipfelt. Es realisiert "die
Unabhängigkeit des Zusammenhangs vom Einzelnen" 30) und dokumen-
tiert "schon die Übergangsbedingungen aus ihm selbst". 31) Sozia-
lismus entsteht demnach aus Bedingungen, die sich von den sie er-
zeugenden Verhältnissen loslösen und eine Phase einleiten, in der
sich "die Individuen ... ihre eigenen gesellschaftlichen Zusam-
menhänge ... unterordnen". 32) Solche konkreten Erscheinungen wie
Weltmarkt und allgemeine Statistik sind im Verständnis von Marx
notwendige Ergebnisse der kapitalistischen Warenwirtschaft, die
mit gleicher Notwendigkeit die Distanz der sie erzeugenden Indi-
viduen zu ihren Geschöpfen erzeugt, die den erforderlichen Über-
gang erfahren, um sich bewußt zu machen, daß ihr Vermögen virtu-
ell nunmehr vorhanden ist, um zu beginnen, die vorhandenen Zusam-
menhänge sich unterzuordnen. Geschichtlich erweist sich die Über-
tragbarkeit solcher Erfahrung von fortgeschrittenen kapitalisti-
schen Industrieländern auf andere, die unter eigener Kontrolle
und anderen Klassenvorzeichen oder den Bedingungen eines Ablegens
des Kolonialstatus in den historischen Entwicklungsprozeß ein-
steigen.
2.2 Zwei Formen der Ideologie bei Habermas oder:
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das Problem des ideologiefreien technokratischen Bewußtseins
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Da die an Habermas und anderen sich orientierende Kritik zu ver-
gessen pflegt oder verdrängt, daß Marx stets von Gruppen und
Klassen ausgeht, die sich aus Menschen, aus Individuen gemäß den
"Grundrissen", konstituieren, wird das Resultat ihrer Arbeit und
die Rückwirkung der in der Produktion eingegangenen Beziehungen
verselbständigt. Ohne auf die von Hahn bereits weitgehend berei-
nigte Ideologiedebatte an dieser Stelle nochmals eingehen zu wol-
len, 33) bedeutet Habermas, Technokratie, Interaktion und Ideolo-
gie befänden sich in einem Verhältnis zueinander, das die Situa-
tion kompliziere. Der Einfluß der Psychoanalyse 34) veranlaßt Ha-
bermas zum Benutzen einer Ideologievariante, die deren Inhalt als
aus Verdrängung entstanden postuliert. 35) Unterschieden sind
zwei Formen der Ideologie. Die eine verdrängt die Thematisierung
gesellschaftlicher Fundamente. Die andere sei durch Reflexion we-
niger angreifbar, weil sie nicht mehr n u r Ideologie sei. 36)
Das technokratische Bewußtsein sei keine rationalisierte Wunsch-
phantasie, keine Illusion im Sinne Freuds "in der ein Zusammen-
hang von Interaktionen, sei es vorgestellt oder konstruiert und
begründet" werde.
Die eine von Habermas benutzte Variante unterschätzt die Ideolo-
gie vergangener Gesellschaftsformationen, die andere erscheint
wieder überschätzt. Angenommen, Habermas beziehe sich auf das in
einer vergangenen Epoche herrschende Bewußtsein, dann läßt sich
mit dem von Hegel übernommenen Terminus des falschen Bewußtseins
und der Freudschen Verdrängung nicht das Bewähren auch dieser al-
ten Ideologie über einen relativ langen Zeitraum in den Kontext
von Theorie bringen. Die Interessen der herrschenden Klasse sind
soweit positiv in den ihr zugehörigen Ideologien enthalten, daß
die anstehenden sozialökonomischen Aufgaben zu erledigen sind. Da
die Aufeinanderfolge der Formationen von Urgemeinschaft und asia-
tischer Produktionsweise bis zur Gegenwart progressiv Entwicklung
nicht nur enthält, sondern sie außerdem durchsetzt, muß sie je-
weils ausgesprochen oder unbeabsichtigt Bestandteile enthalten,
die entsprechende Wertorientierung zur Geltung bringt.
Die progressive Gegenideologie einer bestimmten Ordnung pflegt
selbst in radikalster Negation nicht a limine die gesamte Tradi-
tion zu degradieren. Sie übernimmt unausgesprochen den gemeinsa-
men Begründungszusammenhang, der die verschiedenen Klassen, Grup-
pen und Subkulturen in der Lebenstätigkeit aufeinander bezieht.
Das Verwerfen der materiellen Stadtkultur und seine künstlerische
und theoretische Entsprechung im frühen Christentum - die bisher
radikalste Verneinung einer durch ihre Repression oberen und un-
teren Schichten unerträglich gewordenen Ideologie - enthält die
Voraussetzungen, nicht nur auch dem buchstäblichen Bestand an
Theoremen der Häresie über anderthalb Jahrtausende Anhaltspunkte
für weiteren, inzwischen ökonomisch dringlich werdenden, Progreß
zu liefern, sondern zudem noch die sozialen Voraussetzungen für
das Übertreffen der in der Antike erreichten Arbeitsproduktivität
zu gewähren. Dazu kommt, daß die für den feudalen Status charak-
teristische Ideologie keineswegs ihre repressive Funktion ver-
schweigt, sondern unvermittelt ausspricht, also die Thematisie-
rung gesellschaftlicher Fundamente nicht verhindert. Innerhalb
der englischen und französischen Aufklärung und des dazugehörigen
Materialismus gibt Hobbes der Souveränität des Fürsten absolute
Gewalt über die ihm genehme Modifikation des öffentlichen Bewußt-
seins. In dieser von einer sichtbaren Institution abhängigen Be-
stimmung über Glauben und Handlungsspielraum ist der Übergang zu
dem weiteren progressiven Schritt gegeben, der in dem Statuieren
formaler Gleichheit gipfelt.
Zweifellos falsches Bewußtsein im Verständnis einer sich selbst
rechtfertigenden Bourgeoisie, verbindet die Aufklärung bis zurück
zu Bacon und Descartes mit dem Glorifizieren der Sachdisziplinen
erkenntnistheoretische und herrschaftsrelevante Fragen miteinan-
der.
Habermas formuliert eine Sicht, die als Begründung für den Nutzen
von Geschichte der Philosophie herangezogen werden könnte, wenn
er erläutert: "Noch (die bürgerlichen Ideologien) - ließen sich
auf eine Grundfigur gerechter und herrschaftsfreier, für beide
Seiten befriedigender Interaktion zurückführen. Gerade sie erfül-
len die Kriterien von Wunscherfüllung und Ersatzbefriedigung auf
der Grundlage einer durch Repressionen derart eingeschränkten
Kommunikation, daß das mit dem Kapitalverhältnis einst institu-
tionalisierte Gewaltverhältnis nicht beim Namen genannt werden
konnte." 37) Wie mit der Beziehung auf Freud die positive Lei-
stung der aufeinanderfolgenden Ordnungen entfällt, so übertreibt
Habermas die Repression. Die bürgerliche Ökonomie nennt das Kapi-
talverhältnis beim Namen, wenn sie es auch beschönigt. Die Daten
über die ursprüngliche Akkumulation entstammen zeitgenössischen
Berichten und der Polemik der Aufklärung, die die bürgerliche
Ordnung durchsetzt. Mit dem beginnenden 18. Jahrhundert spricht
die Philosophie in Verbindung mit philosophisch vertiefter Lite-
ratur die Ambivalenz von Technik in den Werken der Bolingbroke,
Swift, Gay und Pope aus, - ganz zu schweigen von den meist unter-
schwellig, aber um so intensiver tätigen Sozinianern und Armi-
nianern, zu denen Pierre Bayle und Locke gehören, denen Spinoza
nahesteht und die Voltaire mit äußerstem Respekt nennt, auf die
sich Fontenelle bezieht und deren Dokumente Lessing in Wolfenbüt-
tel ans Tageslicht befördert, ohne sie allerdings ihrer Funktion
nach zu würdigen. Montesquieu wie Diderot rühren an die Klassen-
strukturen. Ihre Dialektik beeinflußt die deutsche Klassik mit
Goethe und Schiller (wie "Neveu de Rameau"). Hegel kommt damit
auf das Verhältnis von Herr und Knecht. In der Progression dieser
Aufklärung, wie man sie auch zeitlich abgrenzen wolle, verweist
die in ihr ansetzende Kritik auf die dann von Hegel gleichsam ab-
gebildete Dialektik. Die Ideologiekritik Mannheims sieht Habermas
wohl als die in der bürgerlichen Ideologie erzeugte Alternative
an, in der er die "Kraft der Reflexion" aufscheinen sieht, trifft
aber damit nicht ins Schwarze. Habermas scheint Mannheim mehr
verpflichtet, als auf den ersten Blick kenntlich ist. Als Produkt
des spätbürgerlichen Denkens tradiert sich in der Frankfurter
Schule die Anregung der Wissenssoziologie, sich vorzustellen,
Wirtschaft sei möglicherweise ideologiefrei. Gemäß Mannheims Stu-
fenfolge, die sich in den Lehren von der Industriegesellschaft
und der nachindustriellen Gesellschaft forterbt, begibt sich der
Wandel wie folgt: Mit dem Eindringen der wirtschaftlichen Zwangs-
läufigkeit in das Alltagshandeln gibt die moderne Wirtschaftsge-
sellschaft die "Ideologie" (bei Mannheim in Anführungszeichen)
immer mehr frei. Die Druckverhältnisse werden rein ökonomischer
Natur. Das Handeln funktioniert besser, wenn gesinnungsentleert.
Mit dem Verschwinden der ideologischen Bindungen entfällt nach
Mannheim der Gesinnungszwang. Kumuliert auch das Ideologische im
Politischen, so erfolgt gleichzeitig ein Abbau aller ideologi-
schen Elemente im Gefüge des Wirtschaftshandelns: Völlig ideolo-
giefrei könnte im Prinzip nur eine reine Wirtschaftsgesellschaft
sein. 38)
Die Meinung, der Übergang zu technokratischem Bewußtsein sei Ab-
bau abgespaltener Symbole und unbewußter Motive sowie die davon
ausgehende Motivation, die Habermas hier Kausalität nennt, liege
dem technokratischen Bewußtsein nicht mehr in gleicher Weise zu-
grunde, erweist sich von der Geschichte her als nicht stichhalti-
ger Unterschied. Sachhaltiges Wissen enthält Ideologie in dem
Verständnis von Marx stets. Falsches Bewußtsein entbehrt seiner
nie gänzlich, weil es letztlich Funktionen der Lebenstätigkeit,
wenn auch konservierender Art, enthält. In seiner Skizze "Zur
Frage der Dialektik" gibt Lenin ein abgewogenes, den Prozeß der
Entwicklung darstellendes Votum. 39) 40) Insofern ist der philo-
sophische Idealismus eine der Schattierungen der unendlich kom-
plizierten dialektischen Erkenntnis. 41)
Glaubte Karl Mannheim an die befreiende Autonomie der Wirtschaft,
so sind dem die Äußerungen Max Webers über protestantische Wirt-
schaftsgesinnung weit überlegen. Sie versichern wohl ein Primat
der Ideologie, als die Religion eingesetzt ist, versichern aber
nicht die Entblößung kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung von
der Bindung an spezifisch für ihre Verwirklichung geeignete Ide-
enkomplexe. Habermas ist auf die Identifikation von falschem Be-
wußtsein und Ideologie fixiert, vermag deshalb nicht die Bindung
an die Klassenverhältnisse zu verstehen, schon gar nicht die ab-
zubilden, die die Technik zum Abbild ihrer sie erzeugenden Ver-
hältnisse macht. In dem Wortbestand von Technokratie ist ein be-
stimmter Herrschaftsanspruch gesetzt, der nicht hauptsächlich auf
die Technik bezogen wird, vielmehr die Gesellschaft meint. Da Ha-
bermas diesen Anspruch schon von den technischen Strukturen her
als repressiv auslegt, entfällt der Unterschied von den mit dem
Begriff Gesellschaft erfaßten Differenzen und den weiteren Merk-
malen, die erst eine genauere Standortbestimmung gestatten.
Das Abrücken des technokratischen Anspruchs von Ideologie ent-
spricht einem Selbstverständnis bundesdeutscher Ingenieure, das
Gert Hortleder dokumentiert. 42) Als Fazit vermerkt er einen
Rückgang technokratischer Vorstellungen, die in den zwanziger
Jahren nicht ohne Einfluß blieben und nun "in gefilterter Form
als technizistisches Leitbild noch vorhanden sind", 43) der in
jenen Jahren von 1933-45 mißbrauchte Idealismus sei nicht reflek-
tiert, "so daß eine idealistisch geprägte Einstellung zur gesell-
schaftlichen Umwelt ungebrochen in die Gegenwart hinübergerettet
werden konnte". 44) Habermas versichert die prinzipiell geringere
Angreifbarkeit durch Reflexion, so daß die Anmerkung Hortleders,
kritisch gemeint, vorweggenommen als unaufhebbares Moment der Be-
rufsgruppe abqualifiziert ist.
Unverständlich erscheint, wie Habermas die moderne Stufe techni-
scher Entwicklung aus der Entwicklung des gesellschaftlichen Zu-
sammenhangs herausnimmt und neutralisiert. Er bestätigt faktisch
die in VDI-Dokumenten über ein Jahrhundert feststellbare Ansicht,
Objektivität pur zu vertreten. 45) Habermas versteht das Vordrin-
gen der Technik als einen Neutralisierung fördernden Vorgang, in
dem die Kriterien der Rechtfertigung einer Organisation des Zu-
sammenlebens sich von den normativen Regelungen der Interaktion
"überhaupt" 46) lösen. Damit entstehe Entpolitisierung, die "sich
statt dessen an den Funktionen eines unterstellten Systems zweck-
rationalen Handelns festmacht". 47) Daß einige Schichten der Ge-
sellschaft relativ ungestört und unbeeinflußt gesellschaftliche
Umwälzungen durchstehen, erfordert eher Untersuchung, warum diese
Einfügung in wechselnde Herrschaftsgruppen und das herrschende
Bewußtsein stattfinden konnte. Sicherlich kann Berufstätigkeit
bestimmter Art näher an Protestsituationen heranbringen als eine
andere. Nachdem aber feststeht, daß der Ingenieur der deutschen
bürgerlichen Gesellschaft über den langen Trend einen relativ ge-
ringen Sozialstatus eingenommen hat, im faschistischen Aggressi-
onsapparat die gleiche Rückstufung zur Selbstverständlichkeit ge-
hörte, neuere Untersuchungen den niedrigen Status als nach wie
vor existent bestätigen, liegt in der sozialen Disqualifizierung
eines für das Entfalten kapitalistischer Technik und ihre Renta-
bilität unentbehrlichen Kreises von Menschen ein wesentliches ka-
pitalistisches Moment der Repression vor.
Nach Habermas sollten normative Regelungen des Zusammenlebens of-
fensichtlich nicht ihre Rechtfertigung in der Organisation des
Zusammenlebens finden und sich zu ihr in Gegensatz stellen, wenn
sie mit dem Prinzip der "Zweckrationalität" konfrontiert würden.
Darin aber entbehrt seine Position schon der Schlüssigkeit.
Mögen sittliche Normen, die in der Geschichte vorzufinden sind,
sich als sinnvoll oder als sinnleer erweisen, vielleicht eine
mittlere Haltung zu den in der Gesellschaft sich durchsetzenden
Determinanten einnehmen, so besitzen sie ihre Funktion innerhalb
eines Ordnungsbereiches, der meist auf das Stabilisieren von Ver-
haltensweisen ausgeht. Da Habermas sich von normativen Regulie-
rungen der Interaktion mehr verspricht als von Technik, ihnen
demnach die unter bürgerlichen Bedingungen und in vergangenen
Formationen meiste eingeräumte untere Stufung aus normativen
Gründen auch zukünftig zugestehen möchte, sehen sich die Ingeni-
eure als subjektive Erfahrungstatsache allseitig verkannt und
werden auf ihren perennierenden Bewußtseinsstatus verwiesen, der
sich an einer anders lautenden Selbsteinschätzung genüge sein
läßt.
Als Abwandern der Modelle der Wissenschaften in die soziokul-
turelle Lebenswelt aufgefaßt, meint Habermas darin "die Eliminie-
rung des Unterschiedes von Praxis und Technik" zu erkennen. 48)
Im Hintergrund wirkt eine Abneigung gegen technische Innovation,
die, mit dem Zusammenbruch der Antike einsetzend, sich wiederholt
erneuerte, das Entfalten von Produktivkräften indes nicht einzu-
dämmen vermochte. Untersucht man retardierende Momente von alt
werdenden oder überfällig gewordenen Ordnungen, in denen
"innovative Potentiale inaktiviert werden", 49) dann läßt sich
ebenso wie in dem entgegengesetzten Falle nicht umgehen, die Be-
ziehungen zwischen unmittelbaren Produzenten, den verschiedenen
Strata von Gruppen, den Herrschaftsstrukturen und den Gesetzmä-
ßigkeiten der Entwicklung der Gesellschaftsformation zu untersu-
chen. Eine Geschichte des Begriffs Technik könnte weitere Aspekte
vermitteln, die bis auf Aristoteles führen. Das Erstaunen vor dem
Bewältigen des noch nie vom Menschen Verwirklichten, das Erfinden
von Werkzeugen, das Erfüllen von real verstandenen Träumen, be-
gleitet die Menschheit mindestens seit dem Entstehen der Pro-
metheus-Sage. Zunächst als Fähigkeit des Gestaltens verstanden,
überträgt sich der gleiche Ausdruck erst spät auf das vergegen-
ständlichte System von produzierenden Systemen, da die Arbeitsor-
ganisation in der Manufakturperiode noch dominiert und mit damals
konventionellem Werkzeug eine beträchtliche Maximierung des Out-
puts zu erzielen war. Mit der Entwicklung von Maschinen und dem
Beginn einer unaufhörlichen Revolutionierung der Produktionsweise
wird im Kapitalismus der moralische Verschleiß von Maschinerie
ebenso zum Alptraum des schlechten Rechners oder des kleinen Ka-
pitalisten wie der kurzfristige Krisenzyklus. Der handwerkliche
Erfahrungsschatz behält außerhalb der Textilindustrie lange eine
repräsentative Geltung, bis mit der Mitte des zwanzigsten Jahr-
hunderts die Innovation die schon wieder konventionell gewordenen
Berufserfahrungen umzustürzen beginnt. Die Fähigkeit, zu begrei-
fen was in der Technik vor sich geht, nimmt objektiv ab und ver-
langt eine Aasdehnung des Kenntnisstandes auf gesellschaftliche
Erscheinungen, um der inneren Dynamik folgen zu können, die sich
keineswegs im Verborgenen abspielt, aber auch andernfalls Produkt
gesellschaftlicher und menschlicher Aktivität bleibt.
Das von Habermas viel berufene Selbstverständnis scheitert an der
Einsicht einer stets sich vollziehenden Vergegenständlichung men-
schlicher Ideen, die als solche mit Verdinglichung des Bewußts-
eins gleichzusetzen sind, innerhalb des Bewußtseins als gesell-
schaftliches Phänomen begriffen, meist auch dann Materialismus
implizieren, wenn kein Begreifen des Sozialgefüges und seiner
Dialektik vorliegt. In den Frühformen vergegenständlichter Pro-
duktionsstrukturen und den materiellen Produktionsaggregaten be-
einflußt das gesellschaftliche Lebewesen Mensch die Natur und
sich selbst. Erzeugte die Wissensoziologie periodisch die An-
nahme, Ideologiefreiheit sei nun eingetreten, so war Mannheim ge-
legentlich weitsichtiger 50) als seine Nachfolger. Mit dem einfa-
chen Klassifizieren ist es nicht getan. Stets fragt sich, welche
Ideologie welchen Klasseninhalt besitzt. Religion und Ethik sind
davon nicht ausgenommen, ebenso wie der weite Bereich des Wissen-
schaftsbetriebes und die noch wesentlich ausgedehntere Sphäre der
Produktion. Habermas hat nichts weiter auszusetzen an der neuen,
mit Technikprimat versehenen Ideologie als den Umstand, sie ver-
letze eine der beiden fundamentalen Bedingungen unserer kulturel-
len Existenz. Sie vergehe sich an der durch umgangssprachliche
Kommunikation bestimmten Form der Vergesellschaftung und Indivi-
duierung. 51) Die von Mannheim vermerkte Abwertung und Depravie-
rung gilt unter anderem als Ethos, der inzwischen wegen der fak-
tisch fast undurchschaubaren Ambivalenz produktiver Nutzung von
Erfindungen und Forschungsresultaten sich auf allen Stufen der
gesellschaftlichen Tätigkeit als erforderlich anbietet, aber ge-
rade das Begreifen der Einheit von Praxis und Technik benötigt.
Habermas nimmt an, die Technik als sogenanntes zweckrationales
Handeln entmachte den institutionellen Rahmen, 52) ein den Anti-
institutionalisten sicherlich genehmes Ereignis, falls es zutref-
fen sollte. Im Gegenteil erweist sich unbeschadet der Verständi-
gungsschwierigkeiten zwischen den auf Kommunikation angewiesenen
Disziplinen, daß sie bei der gesellschaftlichen Regelung nicht
unmittelbar technischer Sachverhalte bedürfen, mindestens soweit
die Umsetzung, Ausbildung, Erweiterung des Bildungspotentials in
Rede steht. Das spätbürgerliche Bewußtsein hat sich damit abge-
funden, obwohl es damit eine innere Umwertung zuvor als marxi-
stisch und unrealisierbar abgelehnter Themata übernehmen mußte.
Friedrich Engels konfrontierte aus persönlicher Betriebserfahrung
die innerbetriebliche Organisation mit der Anarchie der Produk-
tion, die mit den Produktivkräften unverträglich werde, 53) eine
Voraussage gesamtgesellschaftlicher Planung, die hochkapitalisti-
sche Staaten staatsmonopolistischer Prägung unbeschadet ihrer in-
neren Widersprüchlichkeit zu übernehmen gezwungen sind, obwohl
sie den Gegensatz zu ihrer Gesellschaft wahrnehmen und zu über-
spielen versuchen.
2.3 Arbeit und Freiheit oder:
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zwei dialektische Momente im Begriff der Arbeit bei Marx
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Pflegen die Animositäten gegen wachsende technische Verfügungsge-
walt sich an beliebigem Anlaß zu entzünden, so verdichtet sich
das Anliegen, "den Interessenzusammenhang einer sich selbst kon-
stituierenden Gattung freizulegen". 54) Läßt sich die Notwendig-
keit dieses Unternehmens kaum bestreiten, so befremdet die daraus
gezogene Schlußfolgerung, man müsse nun das Beachten der Produk-
tionsverhältnisse fallen lassen, den Zusammenhang mit den Produk-
tivkräften durch den abstrakteren Terminus von Arbeit und In-
teraktion ersetzen. 55) Die bekannte Grundannahme des histori-
schen Materialismus ist Habermas in jeder Hinsicht geneigt zu
verwerfen. Nachdem er in der Debatte mit ' Albert die Produktiv-
kräfte einer Erkenntnistheorie opfern wollte, die sich den Natur-
wissenschaften nicht stellt, folgt erst recht der die Gesell-
schaftsformation bezeichnende Sachverhalt. In den Produktionsver-
hältnissen sei der institutionelle Rahmen allein während der Ent-
faltung des liberalen Kapitalismus verankert gewesen. 56) Als Be-
dingung ist die Relativierung des Anwendungsbereiches für Ideolo-
giebegriff und Klassentheorie ausgegeben. Erwägt Habermas, es be-
dürfe noch der Bestätigung, ob dem so sei, so neigt er indes doch
dieser Annahme zu.
Der Eindruck moderner Technik erweist sich in einer Weise als
übermächtig, daß bescheidenere Beziehungen zwischen Produzent und
machtausübender Klasse aus dem Gesichtskreis ausscheren. Wie weit
sich Institutionen in einem Produktionsverhältnis faktisch mit
dem Produzieren zu beschäftigen haben, ist nicht der primäre Ge-
genstand einer philosophischen Reflexion. Daß in manchen natural-
wirtschaftlichen Phasen, die zeitlich weit auseinanderliegen,
keine solche Notwendigkeit bestand, ist nicht minder eine Folge
des Verhältnisses zwischen dem Produzenten und dem Besitzer der
maßgeblichen Produktionsmittel als der umgekehrte Fall. Will Ha-
bermas an Stelle von Produktivkraft nur von Arbeit sprechen, so
entläßt er die Funktion des M i t t e l s aus der Reichweite
der Theorie und degradiert das gesellschaftlich bezogene Denken
hinter den langfristigen philosophischen Ansatz, der sich der
sichtbar werdenden Erscheinungen annahm. Wenn Habermas im histo-
rischen Materialismus eine Lehre zu vernehmen meint, in der in
den Produktivkräften sich akkumulierende Lernvorgange unter allen
Umständen ein Potential der Befreiung seien, 57) dann offenbart
sich eine fehlende Dialektik, die sich mit dem Thema Rousseaus
auseinanderzusetzen hätte, um mindestens in den Gedankenkreis des
Discours von 1750 einzudringen, jener als reines Paradoxon emp-
fundenen Lösung der Preisfrage von Dijon, in der das Negativum
des "planen Fortschritts" artikuliert wurde, ohne allerdings das
in dem tatsächlich von der Gesellschaft veranstalteten Wachstum
der Produktivkräfte vorhandene Äquivalent mit den Depravationen
zu vergleichen. 58)
Dialektik beachtet das Paradoxe der Dinge und Erscheinungen, Me-
taphysik sucht es in der Idee eines nicht adäquaten Bewußtseins
aufzuheben, um sich die Vorstellung zu bewahren, die Welt ver-
möchte durch irgendwelche Umstände sich zu harmonisieren oder das
Gegensätzliche sei bloß ein Irrtum des Betrachters. Welcher Art
das Gegensätzliche sei, benötigt die Konfrontation mit dem wis-
senschaftlichen Gedanken, der seinerseits nicht der Bewährung an
der Realität entbehren kann.
In der Gesellschaft läßt sich nicht ausklammern, daß Beziehungen
sich ausbilden, die sich über das Produktionsinstrument auf die
durch Arbeit meist schon veränderte Natur auswirken, in ihrer Er-
zeugung den Menschen beeinflussen, den Menschen als Kollektivum,
als gesellschaftliches Wesen betreffen und Strukturen bedingen,
die zwischen den notwendigerweise einzelnen Individuen Relatio-
nen verfestigen, die von relativer Konstanz sind u n d sich un-
ter dem weiteren Einfluß einer Gesamtheit menschlicher Tätigkei-
ten verändern, willentlich oder unwillentlich. Dem Anschein nach
nicht mit der Würde der sozialen Traditionen behaftet, die Adel
oder besondere Formen des Besitzes in der Geschichte ausmacht,
erscheint die Arbeit als mögliches Lebenselexier, historisch als
profunde Häresie, Sie als Fluch zu kennzeichnen, die Befreiung
von Arbeit als gesellschaftliche Prämie zu setzen, als Schuld in
das Bewußtsein zu inokulieren, erscheint nachträglich als genia-
les theoretisches Mittel, um Ausbeutungsverhältnisse zu stabili-
sieren. In der scharfsinnigen Schrift von Hans Dieter Bahr, der
politische Technologie am Exempel von Habermas und Marcuse kri-
tisch aufzuheben versucht, gelingt es nicht vollständig, sich bis
zur objektiven Dialektik gesamtgesellschaftlicher Entwicklung
aufzuschwingen. Arbeit als Wesen des Menschen zu fassen, ist als
vulgärmarxistisch etikettiert. 59) Als falsche Alternative er-
kennt Bahr zum anderen, Arbeit und Interaktion als sich wechsel-
seitig ausschließend zu fassen. Konfrontiert sind das Hoffen auf
ein Obsoletwerden der Arbeit (Habermas) und Arbeit als zugehörig
zum Wesen des Menschen und ihre Unverlierbarkeit (Klaus/Buhr).
Beide Positionen faßt Bahr als "Ideologie" (genommen im Mißver-
ständnis von falschem Bewußtsein). Damit aber erhält sich der Pa-
radiese setzende Utopismus, mit dem sich fluchbehaftete Arbeit
als Korrektiv zu dem Aufbegehren gegen die Klassenrepression
durch eine Boden- und später Arbeitsinstrumente monopolisierende
Herrschaftsgruppe auszuweisen sucht. Es scheint eine dialektische
Formulierung zu sein, Arbeit als Nicht-Arbeit zu setzen und ihren
wechselseitigen Bezug als Vertiefung aufzufassen, als mögliche
Zielvorstellung anzubieten.
2.3.0 Arbeit als Betätigung der Freiheit
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Habermas und Bahr beziehen sich im Kontext auf eine wenig beach-
tete Bemerkung von Marx in den "Grundrissen". 60) Dort ist als
dialektisches Moment der Arbeit erwähnt, die zum Erreichen von
Zweck und die zu überwindenden Hindernisse benötigte Arbeit sei
zugleich als Arbeit Betätigung der Freiheit. (60a) Bahr setzt als
andere Alternative an Stelle der Beziehung von Arbeit und In-
teraktion das Aufheben der Arbeitsteilung. In der Anmerkung zu
Adam Smith beschäftigt Marx indes ein anderer Gesichtspunkt.
Smith behält die Vorstellung bei, Arbeit sei Fluch. Marx reflek-
tiert einen normalen Zustand des Individuums von Gesundheit,
Kraft, Tätigkeit, Geschicklichkeit, Gewandtheit mit dem Bedürfnis
nach einer "normalen Portion von Arbeit" als Gegensatz und Aufhe-
bung der Ruhe. Insofern k a n n Arbeit zur Selbstverwirklichung
des Subjekts und zu dessen Vergegenständlichung werden. Sie sind
"reale Freiheit, deren Aktion die Arbeit ist". 61) Dieses Moment
verwirklicht sich auch in der Repression antagonistischer Klas-
sengesellschaften, worauf die Möglichkeit von Entwicklung beruht.
Als Einheit von Freiheit und Zwang gehört es in den Prozeß der
Menschwerdung, die sich als unaufhörlicher Vorgang realisiert,
nicht einmalig geschieht oder biologischer Umwälzung bedarf, um
anderen Anforderungen zu genügen. Da der Mensch als einziges Le-
bewesen auch gegenüber den gesellschaftlich lebenden und Staaten
bildenden Tieren sich extrovertierte Organe schafft, in denen
sich eine Seite seiner Entwicklung ablesen läßt, gehört das Set-
zen von Zwecken und das Vergegenständlichen zu den das gesell-
schaftliche, menschliche Individuum kennzeichnenden Merkmalen,
ohne die er nicht die ihn in diesem Sinne auszeichnende Existenz
durchzustehen vermag. Soweit es Zwecke gibt, besteht Arbeit.
W i e sie auf die Gesellschaft und das Individuum wirkt, wie sie
in die Zwecksetzung eingeht und welchen Nutzen, Schaden, Effekt
sie bringt und welchen Aufwand sie an menschlicher und sonstiger
Substanz mit sich bringt, steht weiter zur Erörterung an.
Marx sieht in den historischen Formen der Arbeit einen Charakter
von Zwangsarbeit als gegeben an, der notwendig die Nichtarbeit
als Freiheit und Glück erscheinen läßt. Gerade deshalb gewinnt
das Produktionsverhältnis für das Verständnis des Prozesses den
Rahmen, in dem sich die Ablösung des Zwangscharakters durchsetzt.
62) Als travail attractif subsumiert Marx jede, auch die künstle-
rische Tätigkeit, unter den Begriff der Arbeit. Die Fähigkeit zu
künstlerischer Aussage ist Lebensäußerung des gesellschaftlichen
Menschen, nicht kuriose Abseitigkeit, sondern sinnvoll und unter
anderem gesellschaftlicher Zweck. Sie erhält ihre Funktion als
Äußerung der Naturkraft, die nicht bloß auf Dressate abgestellt
ist. Selbstverwirklichung des Individuums entfaltet alle in der
Gesellschaft sich ausbildenden Eigenschaften. Angemerkt sei, daß
das Übertragen der in einem langen historischen Prozeß entstan-
denen Fähigkeit, zu komponieren und die Resultate wiederzugeben,
nicht unbeträchtliche Exerzitien verlangt, in denen sich der
Stand der manuellen und ideellen Techniken auf den künftig selb-
ständig Kunst Produzierenden überträgt. Klassifikatorisch ist von
dieser Art Arbeit, von Marx als notwendig aufgefaßt, die ma-
terielle Produktion zu unterscheiden. Der von Marx als erster er-
wähnte Punkt verweist auf das gesellschaftliche Moment. Dialek-
tisch setzt es sich wieder doppelt als gesellschaftlicher Zusam-
menhang der Tätigkeiten und als das bewußte S e t z e n des ge-
sellschaftlichen Charakters, mit dem eben die Veränderung der
Produktionsverhältnisse gemeint ist, in denen sich die Produzen-
ten als Herrschaftsstruktur ihrer eigenen Gesellschaft einrich-
ten, damit auch die Zwecke ihnen gemäß werden. Da Marx mit der
bis dahin vorhandenen Gewohnheit bricht, die ganze Menschheit be-
freien zu wollen, und die Arbeiterklasse in ihrer potentiellen
Fähigkeit zu einer Revolutionierung der Gesellschaft versteht,
ist sie der Träger der sich ermöglichenden Umwälzung. Selbstver-
wirklichung und Vergegenständlichung entsprechen sich in der dia-
lektischen Analyse des gegensätzlichen Charakters der Arbeit und
der Gesellschaft.
2.3.1 Arbeit als Einheit von spezieller und allgemeiner Arbeit
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Das zweite von Marx hervorgehobene Moment ist die Einheit von
spezieller und allgemeiner Arbeit. Soweit sie unwissenschaftlich
ist, bleibt sie auf der Stufe bestimmter dressierter Naturkraft,
in die die bürgerliche Gesellschaft möglichst auch Wissenschaft-
ler zu bannen sucht. Nicht zu vergessen ist, daß Marx die Betäti-
gung der Freiheit in jeder Arbeit, der speziellen und der allge-
meinen vorweg konstatierte, Selbstverwirklichung und Vergegen-
ständlichung mit Zwecksetzung ebenso als grundlegende Gemeinsam-
keit von Eigenschaften auffaßt, deren spezifische Sinngebung aus
der veränderten Position des Gesamtarbeiters sich ergibt. Gegen
die Vermutung, es handle sich dabei etwa um ein Anspielen auf au-
tonom wirtschaftende, kleine Produktionseinheiten, ist der ge-
samtgesellschaftliche Prozeß angesprochen, für den die alle Na-
turkräfte regelnde Tätigkeit als Modell künftiger Realisierung
dient.
Regelung setzt Grenzen, die ungleich denen sind, die als Natur-
schranke den tierischen Lebewesen und der Gesellschaft entgegen
stehen. Zwischen Natur und Tier bilden sich autonome Regelungen
aus, die in Wachstumskurven faßbar sind und von der Dialektik
zwischen mutierenden Informationseinheiten und Selektion über-
sprungen, sich ausweiten oder die Populationen zusammenbrechen
lassen. Das Überleben des Passendsten und die genetische Erinne-
rung gestatteten das Ausnutzen der für das organische Leben gün-
stigen Bedingungen, und als Nebenbefund gehen die Relikte des Le-
bens in die geologische Geschichte ein, ein innerhalb der men-
schlichen Historie anhaltender Vorgang. Insofern bedeutet Rege-
lung bloße Determination. Jedes Moment der Natur äußert sich als
determiniert und determinierend. In der vom Menschen gesetzten
bewußten Regelung scheiden die natürlichen Determinantenkomplexe
nicht aus. Sie werden abgefangen, soweit es sich als möglich er-
weist, und beeinflußt, soweit es gelingt. Da die Sozialstrukturen
gleiche materielle Wirksamkeit ausüben wie die natürlichen Bedin-
gungen, gilt für sie Ähnliches wie für die natürlichen Determi-
nanten. Sie sind bedingt und bedingend zugleich, nicht ausschalt-
bar, aber zu beeinflussen, soweit es die Organisation der Bezie-
hungen zwischen den Menschen gestatten.
2.4 Hans Dieter Bahrs verfehlte Kritik
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der Politischen Technologie
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Da Hans Dieter Bahr in seinem Disput mit Habermas naiver die Kon-
sequenzen unausgesprochener Prämissen erörtert, verfällt er in
eine ähnliche Atomisierung der Kategorien wie Habermas selbst.
Der absoluten Negativität Adornos verbunden, setzt er die theore-
tische Destruktion fort oder verdeutlicht sie in Positionen, die
vielleicht verschiedenartige Deutung zulassen. In der These von
der notwendigen Fesselung von Produktivkräften im Kapitalismus
scheint ihm schon eine Rechtfertigung des Kapitalismus gegeben,
da in ihr eine planende und nicht mehr anarchisch-konkurrierende
Tendenz mitgedacht sei. Bahr etikettiert mit der Signatur
"Schellin'scher Romantizismus". Revolutionäre Masse gilt als bloß
ästhetisch-erhabene Erscheinung einer sich in gesellschaftlicher
Kunstproduktion entfesselnden Natur. Ein sprengender Effekt, der
von den Produktivkräften auf die Produktionsverhältnisse ausgeübt
werde, sei mystisch. 63) Da Marx die revolutionäre Klasse als die
größte Produktivkraft auffaßt, resultiert daraus bereits die in-
tersubjektive Beschränktheit, mit der das theoretische Isolieren
einer Kategorie als Aufhebung rationaler Determination genommen
ist. Das Unterspielen empirischer Fakten und verwirklichter Mög-
lichkeit, diffamiert in einem als Produkt der Kunst, depraviert
als "künstlich", was menschliches Ingenium aus sich herausstellt.
Die erste These, die Bahr aufstellt, stößt sich an dem dialek-
tisch-geschehenden Prozeß der Selbsterzeugung der Geschichte, in
der nicht einfach das Gleiche reproduziert wird, sondern in dem
Regelmäßigkeiten und in ihrer Kontinuität Elemente erscheinen,
die nicht mehr der alten Form angemessen sind und trotzdem sich
zu adaptieren suchen, - in alten Ordnungen nicht anders als im
Kapitalismus.
Das kritische Kriterium bleibt die Isolierung der Technik vom
Menschen und von der Gesellschaft.
Anscheinend gilt manchem die Unkenntnis der sich in zahlreiche
Gebiete auseinanderlegenden Geschichte als Nachweis ihrer Nicht-
existenz. Habermas gesteht der Vergangenheit zu, Produktionsver-
hältnisse gehabt zu haben und läßt sie sich erst künftig aufhe-
ben. Bahr nimmt die Geschichte als unverbundenen Vorgang, dem er
durch das Präzisieren "politisch-emanzipativer Strategien" 64)
ausweicht. Diese Vorstellung entzündet sich an der Annahme, die
spezifischen Erscheinungen der Entfremdung der kapitalistischen
Warenwirtschaft, der Mannheim gerade ebenso unreflektiert das Ab-
schaffen ideologischer Fehlsicht zuschrieb, hafte an experimen-
teller Naturwissenschaft und technischer Rationalität, einem di-
rekten Bezugspunkt zu Habermas. Freilich gehört der Terminus
"Entfremdung" zu den besonders leicht gehandhabten Begriffen, die
oft unpräzise Benutzung finden. Fremdartigkeit und Entfremdung
besitzt bei Marx einen gelegentlich sich deckenden Sinn, in dem
nicht auf die Verdeckung von Strukturen reflektiert ist, sondern
umgekehrt auf ein Moment des Prozesses zunehmender Durchschaubar-
keit reagiert ist, die sich aus technischen Erfindungen, dem Be-
reitstellen entwickelter mathematischer Instrumente und ihrem Be-
nutzen in der Gesellschaft, auch im Kapitalismus, ergeben kann.
Die effektive Kluft zwischen Naturwissenschaftlern und anderen
Disziplinen Zugehörigen hat sich durch die anspruchsvolle Polemik
der kritischen Kritiker noch mehr vertieft, als sie schon ohnehin
im Ergebnis der gestiegenen Arbeitsteilung vorhanden war.
Insofern liquidiert Bahr die Produktionsverhältnisse faktisch
durch die Zuweisung der Entfremdung an den Fortschritt der Natur-
wissenschaften und an den Komplex der Vergegenständlichung. 65)
Für Marx ist das Fortschreiten des Erkennens in die Entfaltung
der Produktivkräfte integriert, die in entfremdeter Gestalt auch
schon Wesenskräfte des Menschen repräsentieren. 66) Bahr verdeckt
mit einer gewissen Vorliebe für Schopenhauer und undeutlicher
Diktion den erkenntnistheoretischen Idealismus, der sich gegen
die Naturwissenschaften auswirkt. Sie werden zum Muster für die
Folgen, die sich aus einer subjektivistischen Position ergeben,
der jede objektive Struktur zuwider ist, ebenso aber alles und
jedes Aversion erzeugend scheint, das die Spur menschlichen Ein-
flusses nicht von sich weisen kann.
Operationelle und experimentelle Naturwissenschaft gilt als Ent-
fremdung setzend, weil die in ihr vorhandene Dialektik das zu un-
tersuchende Objekt isoliert und den Anschein erweckt, "als ob das
Subjekt nie mittels seiner instrumentellen Operationsmittel einen
Eingriff getan hätte; als sei das erkennende Subjekt von vornher-
ein in der Natur, die es sich zum Erkenntnisobjekt machte, mit
dieser identisch". 67) Als Besonderheit enthält dieses Argument
eine seltene Modifikation von abgewandeltem Positivismus, - Kenn-
zeichen der reichhaltigen Abwandlungen, die eine ideologische Va-
riante zu nehmen vermag. Gedacht als Beleg für den Ausschließ-
lichkeitsanspruch naturwissenschaftlichen Denkens, entsteht dar-
aus umgekehrt der Versuch, dieses zu perhorreszieren. Unvermit-
telt ist antimaterialistisch die Selbständigkeit der Natur mit
der Begründung verneint, daß technisch angewendete und experimen-
telle Wissenschaft stets vom Menschen in Gang gesetzt werde. Da-
mit verstelle er gleichsam die Natur, erblicke sich in den Resul-
taten nur selbst, entwerfe aber das Bild einer selbständigen Na-
tur und täusche damit zweifach. Bahr meint, wie es scheint, einer
Dialektik auf die Sprünge zu kommen, in der sich der Mensch not-
wendigerweise verfange, der er nur durch das Aufheben der Verge-
genständlichung zu entgehen vermöge. 68) Die behauptete Identität
technischer Rationalität mit der erkannten Natur sei objektiv
"ebensosehr Schein wie Wirklichkeit der technischen Entwicklung".
69) Ohne daß hier die Frage nach der philosophischen, nicht for-
malen, Wahrheit ins Spiel kommt, erweist sich die Objektivität
des Fortschreitens in den Produktivkräften als nicht bewältigt.
Technik dokumentiert in ihren produzierenden Systemen und in den
damit vergegenständlichten Produkten nach Quantität und Qualität,
auf welchem Stand sie sich befindet. Im Rückblick belegen gefun-
dene Naturgesetze ein Moment des Progresses, in dem die Kenntnis
von der Natur sich verändert. Technik aber ist identisch mit An-
wendung und bezieht erfahrungsmäßige Kenntnis des unmittelbaren
Arbeitsprozesses wie entdeckte und vergegenständlichte Gesetzmä-
ßigkeit ein. Beide sind stets Dokumentation der sie hervorbrin-
genden Individuen, der unmittelbaren Produzenten und der ingeni-
eurmäßigen Arbeit, repräsentierend zugleich die sie hervorbrin-
gende Formation. 70) Die Abkehr von Produkten des menschlichen
Geistes und der verschiedenen Formen der Arbeit entsteht aus den
Widersprüchen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhält-
nissen, die Bahr mystisch vorkommen. Die in einer ganzen Genera-
tion explosiv sich manifestierende Abneigung ist gerade jene von
Marx entdeckte dialektische Spannung, deren Vorhandensein Marcuse
für einige Staaten bestritt, andere anderweitig negieren, aber
nicht reflektieren. An der intensiven Abneigung gegen Erscheinun-
gen einer Ordnung, in denen sich ihr historisch vorübergehender
Charakter äußert, vermögen revolutionäre Prozesse anzusetzen.
Voraussetzung für eine tatsächliche Überwindung ist indes nach
wie vor der Zugang zu jenem von Marx entdeckten Gesetz einer hö-
heren Entwicklung der Produktivkräfte. Während des Mittelalters
zunächst unsichtbar und nur retrospektiv zu erschließen, war eine
derartige Einsicht zunächst unmöglich. Inzwischen erkenntlich ge-
worden an der beschleunigten Wachstumsdynamik und den eruptiven,
international ablesbaren Spannungen der spätbürgerlichen Gesell-
schaft, versucht eine nicht oder kaum auf die Arbeiterklasse ein-
gestellte Kritik, gerade das Wachstum der Produktivkräfte als un-
interessant beiseite zu stellen, wie die spätbürgerliche Ideolo-
gie, die den dialektischen Umschlag der Ordnung von sich weist
und am sichersten zu fahren meint, wenn sie deren Existenz voll-
ständig verleugnet.
Konsequent resultiert aus der undialektischen, mit Blindheit ge-
schlagenen Negierung gesellschaftlicher Strukturen gelegentlich
wieder die Verneinung der objektiven Natur. Die Fremdheit zu Na-
turobjekten und Technik reproduziert sich in geisteswissenschaft-
lichem Antimaterialismus als Folge theoretisch nicht verarbeite-
ter Arbeitsteilung. Ihre Überwindung geschieht nach dem gegenwär-
tigen Stand wissenschaftlich-technischer Entwicklung über das
Aufheben der Fremdheit der beiden Snowschen Kulturen durch Ge-
meinschaftsarbeit. Zwischen den sich weiter differenzierenden,
aufspaltenden und sich vereinigenden Disziplinen erfolgt eine An-
näherung im Arbeitsprozeß und verlangt die Aufnahme der gesell-
schaftlichen Verantwortung antiimperialistischer Art in den Be-
wußtseinshorizont, mindestens, um den sogar von Karl Jaspers als
bürgerlichem Theoretiker erkannten, sich vorbereitenden, Faschis-
mus zu diagnostizieren. Im Interesse der spätbürgerlichen herr-
schenden Klasse ist es, die kastenmäßige Verfestigung unter-
schiedlicher Berufsfunktionen oder angelernter Tätigkeit in der
Arbeiterklasse, in den Mittelschichten und in den wissenschaftso-
rientierten Gruppen zu vertiefen, da sich das Ausbilden gemeinsa-
men antiimperialistischen Interesses damit erheblich kompliziert.
Erkenntnistheoretischer Antimaterialismus, soweit er sich links
gibt, erst recht jener der sich von den Protestgruppen trennenden
Ideologievarianten, versteinert die Arbeitsteilung innerhalb des
Bewußtseins und kommt dem Interesse des repressiven Apparates
entgegen. Erstaunlich genug, gelangte der späte Jaspers o h n e
spezifisch idealistische Marxrezeption zu der Einsicht, daß "wir"
im Vergleich zu der im Christentum einsetzenden Technikverwerfung
nicht von jener Welt seien, mit und durch die Technik leben, 71)
sie also nicht nur praktisch sondern auch theoretisch zu inte-
grieren haben, um die tradierte und neu angeheizte Aversion
gründlich in spontan und überlegt progressives Bewußtsein, in re-
volutionierendes Gesellschaftsverständnis, aufzuheben.
Eine Kritik an politischer Technologie verfehlt ihren Ansatz,
wenn sie der falschen Prämisse des herrschaftsfreien sogenannten
zweckrationalen Handelns die Alternative entgegensetzt, mit Tech-
nik sei immer Herrschaft verbunden, Bürokratie und Sachzwang,
dann aber pauschal fast die Gesamtheit der in Basis und Überbau
klassifizierbaren Erscheinungen verwirft. Mit dem restierenden
Bestand von Eigenschaften der Gesellschaft und der Individuen
läßt sich weder Sozialstruktur noch Mensch beschreiben, bezie-
hungsweise noch weniger erklären. Die ideelle Destruktion allein
überträgt nicht die Gesamtheit der bisherigen Arbeitserfahrung,
die sich in allgemeiner und spezieller Arbeit herausbildet, auf
revolutionierte Klassenstrukturen, obwohl sie eine der Bedingun-
gen des umwälzenden Prozesses darstellt.
Daraus folgt ein Gleichsetzen kapitalistischer und sozialisti-
scher Produktionsverhältnisse, da aus der gemeinsamen Kategorie,
daß es sich nämlich um Beziehungen der Menschen in der Produktion
handle, auf die Identität der Sachbezüge u n d Zwecksetzungen
geschlossen ist. 72) Ist die sich in dem Wettbewerb der verschie-
denen sozialökonomischen Systeme ergebende Priorität der Produk-
tionssteigerung als blind aufgefaßt, dann pointiert sich der Ein-
wand als Fremdheit vor in der Geschichte vorhandener dialekti-
scher Dynamik. Die Revolutionierung von Entwicklungsländern stößt
auf das Moment der ökonomischen Entfaltung, wenn einige Gruppie-
rungen es auch nicht wahrhaben wollen. Der unterschiedliche
Zweck, der vom Ausgangspunkt der verschiedenen Klassen her be-
stimmt ist, kann die Anforderungen der Arbeit nicht umgehen und
damit die Orientierung auf die Träger der unmittelbaren Arbeit,
die nur der Vorstellung nach durch Wissenschaft vollständig aus
dem Arbeitsprozeß herausgedrängt werden. Das blinde Extrapolieren
von Daten, die sich aus dem Ansteigen der Anzahl des ingenieur-
technischen Personals und der Naturwissenschaftler ergeben, zu
denen hier auch die Mathematiker gezählt werden sollen, auf li-
neare Progression wird im Kreis der Frankfurter Schule kaum dis-
kutiert. Inzwischen hat sich hinreichend ergeben, daß es sich
wahrscheinlich um eine S-Kurve handelt, in der die gegenwärtig
und noch längere Zeit anhaltende Steilheit des Anstiegs von einer
Abflachung abgelöst werden wird. In der sich in einer bestimmten
Ordnung vollziehenden Entwicklung der Technik ist die Beziehung
auf die bestimmenden Klassen stets existent, ebenso die damit
verbundene Herrschaft. Es fragt sich nur, die Repräsentanten wel-
cher Klasse sie ausüben und welche Klassen und Schichten von
Werktätigen sich mit ihnen identifizieren und entsprechendes
Klassenbewußtsein erworben haben. Die gegenwärtigen internationa-
len Machtfragen m ü s s e n sich letztlich oder vorgängig in
der technisch-ökonomischen Sphäre realisieren, wobei sich als hi-
storisches Problem ergibt, in den imperialistischen Staaten, un-
beschadet des Vorhandenseins von Arbeiteraristokratie, Arbeiter-
klasse u n d die Gesamtheit der Intelligenz, im besonderen aber
die naturwissenschaftlich-technische Intelligenz g e g e n die
imperialistischen Herrschaftsapparate zu stellen.
Welche Wege die merkwürdige Dämonisierung der Technik nimmt, das
ist fast so wandelbar wie der Entwicklungsprozeß der Technik
selbst. In der Regel bietet sie nicht einen solchen theoretischen
Apparat auf, wie in der Frankfurter Schule und ihren Annexen üb-
lich wurde. Da aber gemeinsam als Folgerung, mehr oder minder
verklausuliert, den sozialistischen Ländern empfohlen wird, nicht
auf Produktionssteigerung zu bestehen, resultiert die Verfloch-
tenheit mit der zweckrationalen Position des Imperialismus in den
internationalen Klassenauseinandersetzungen, ein ebenso paradoxer
wie betrüblicher Sachverhalt, der revolutionierendes Potential
lahmlegt.
2.5 Technik und Wissenschaft als Ersatzobjekte
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für Exploitation und Eigentumsverhältnisse
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Anders als Hans Albert meint und Bahr vereinfachend aus Habermas
ableitet, hat letzterer keine rein instrumentalistische Deutung
der Technik als durchgehende Bestimmung, soweit er die Kategorien
von Arbeit und Interaktion behandelt. Aus der "Arbeit" ist re-
stringierend die instrumentale Produktivkraft ausgeklammert. De-
finiert Habermas, es handle sich um Sub-Systeme zweckrationalen
Handelns, im weiteren Sinne von instrumentalem und strategischem
Handeln, 73) dann überwiegt bei ihm die Kategorie der als solche
falsch moralisierend verworfenen Zwecksetzung. Sie nimmt die Cha-
raktermaske der Repression an. Wissenschaft und Technik werden zu
Ersatzobjekten für die Eigentumsverhältnisse und die Exploita-
tion. Der Zweck an sich erscheint als das Böse, wird verteufelt.
Die Verwissenschaftlichung der Produktion erscheint als der Gip-
fel der Repression des Menschen durch das Produkt. Habermas arti-
kuliert die Vorstellung, es gebe in irgendeiner Weise eine Eman-
zipation der Arbeit, unter der in diesem Falle die Produktion
verstanden ist. Dominant sei inzwischen eine "gläserne Hinter-
grundideologie, welche die Wissenschaft zum Fetisch" 74) mache.
Damit sei das emanzipatorische Gattungsinteresse als solches ge-
troffen. 75) Die unterscheidungslose Absage wiederholt sich not-
wendig in dem Verhalten zu dem Studentenprotest, den Habermas
verwarf, als er aus dem Reich der Idee herabstieg und konkret
wurde.
In den Erörterungen über Technik und Wissenschaft sieht sich Ha-
bermas in dem Dilemma zwischen Objektivität und einer als
falsches Bewußtsein verstandenen Ideologie. Meint er in beiden
gesellschaftlichen Manifestationen eine schwerer angreifbare Hin-
tergrundideologie zu sehen, so nimmt er sie aus dem Gattungs- und
Gesellschaftszusammenhang. Sie gelten nicht selbst als Momente
der Emanzipation, weil sie dazu geeignet seien, eine bestimmte
Klasse zu rechtfertigen und eine andere Klasse zu unterdrücken.
76) Ist damit auf die unbedingte Einordnung in die Gesamtheit der
gesellschaftlichen Erscheinungen richtig reflektiert, dann vermag
dieses faktische Erreichen der Problemsituation nicht fruchtbar
zu werden, weil gerade dieses Moment in den Bereich eines
frustrierten Weltverständnisses fällt. Irrtümlich vermutet Haber-
mas außerdem, es handle sich um eine total neue Erscheinung. Erst
neuerdings sei eingetreten, daß Technik und Wissenschaft institu-
tionelle Funktionen ausübten und die Organisation der Gesell-
schaft wenigstens partiell zu garantieren geeignet seien. Kaum
nötig möchte es scheinen, daran zu erinnern, in welchem Umfang
asiatische Produktionsweise und im Mittelalter bestimmtes Wissen
sich in speziellen Institutionen monopolisierten. Das alte Prie-
stertum oder die auf dem Boden der Antike sich ausbildende Kirche
des Katholizismus verwirklichten innerhalb eines institutionellen
Rahmens in verselbständigten Systemen ein zweckrationales Han-
deln. 77) Verselbständigt als Institution, bleibt indes der Zu-
sammenhang mit anderen Institutionen bestehen. Wie in der Mo-
derne, resultiert hieraus ein Muster von Arbeitsteilung der Herr-
schaft, indem die expressive Gestalt, die sich jene Ordnungen in
Einklang mit ihren sozialökonomischen Bedingungen gaben, um den
Grundbesitz als das entscheidende Produktionsmittel gruppiert
ist. Innerhalb der Priesterschaften und der Kirchen wiederholt
sich der in der Gesellschaft gegebene Klassengegensatz in der
Konfrontation der verschiedenen Stufungen der Hierarchie, wobei
die mögliche Progression sich nicht auf die unteren Schichten al-
lein zu erstrecken braucht. Aus der repräsentativen Vertretung
der Klassenherrschaft vermögen sich einige ihrer Mitglieder auf
die sich künftig als herrschende etablierte Klasse zu orientie-
ren, d.h. sich auf künftige Machtstrukturen einzustellen, in
denen sich historischer Progreß verwirklicht.
Habermas hat die Vorstellung, Wissenschaft und Technik hätten
sich innerhalb des institutionellen Rahmens so etwas wie Unan-
greifbarkeit gesichert und damit sei das Moderne gekennzeichnet.
Ohne unhistorisch zu werden, ist darauf hinzuweisen, daß in einer
Gesellschaftsformation mit Arbeitsteilung nicht ohne weiteres die
eine gesellschaftliche Funktion durch die andere ersetzt werden
kann. Soweit sich die spezielle Verfügung über Kenntnisse im all-
gemeinsten Sinne ausgebildet hat, funktioniert die Gesellschaft,
indem die vereinzelten Fähigkeiten mit erhöhtem Wirkungsgrad zur
Ausführung gelangen, was der gesamten Ordnung nützt. Progression
in den Ordnungen versteht sich selbst und gerade unter den Bedin-
gungen verschärfter Klassenauseinandersetzungen als Erweitern der
Möglichkeiten gesellschaftlicher und individueller Arbeit, die
sich nicht oft in der Vergangenheit so explizit ausgedrückt fand
wie bei den Beguinen und Begharden oder im Protestantismus in
seiner kalvinistischen Variante. Das Integrieren von Wissenschaft
und Technik in die Gesamtheit der Gesellschaft besitzt zweifellos
seine qualitativ eruptiven Momente. Sie liegen aber kaum in den
von Habermas angenommenen Bezügen.
Zu unterscheiden wären demnach die aus der technischen und natur-
wissenschaftlichen Entwicklung entstehenden Momente von den in
der sozialistischen Gesellschaft im Unterschied zu kapitalisti-
schen Produktionsverhältnissen sich abzeichnenden qualitativen
Besonderheiten. Vorweg unterscheidet die bestimmende Klasse als
übergreifendes Moment ohne Rücksicht auf die Entwicklungsstufe
der materiellen Produktivkräfte, für wessen Zweck produziert
wird. Gegen Habermas und andere könnte geschrieben sein, was Marx
über das Unterschlagen der vergegenständlichten Wesenskräfte des
Menschen als jenes großen T e i l s der menschlichen Arbeit äu-
ßert beziehungsweise über das schon damals vorhandene Unverständ-
nis zwischen industriellen Disziplinen und Philosophie. 78) Im
Historischen Materialismus ist das damals vorhandene Mißverhält-
nis kategorial aufgearbeitet. Der in sozialistischen Ländern
praktizierende Marxismus setzt die geänderte Position in Handlung
um und hat eine fast 2000-jährige Summe von Vorbehalten auszuräu-
men, die vergangene progressive Epochen aus immanenten Gründen,
die in der Klassenstruktur zu suchen sind, nur thematisieren,
nicht aber vollziehen konnten. Das Moment des qualitativen Wan-
dels liegt in der Umstellung des Bewußtseins, eines neuen Eigen-
tümerstandpunktes der Masse und des Entfaltens der ideellen We-
senskräfte des Gesamtarbeiters, durch die der Mitvollzug von
Herrschaft ins Detail zu gehen vermag u n d eine Zerfaserung in
subjektivistische Fehlbestimmung zugunsten gesamtgesellschaftlich
gesetzter Zwecke und Ziele ausscheidet.
Ist Wissenschaft als solche fetischisiert und als gläserne, nach
Habermas, böse Hintergrundideologie abgeschrieben, dann erschei-
nen unwissenschaftliche Verhaltensweisen als Alternative, zeigen
aber keineswegs eine der Humanisierung zugängliche Dimension an.
Als Aufheben der negativen Folgen von Arbeitsteilung gehört die
Kommunikation der Disziplinen in die Gruppe der zu verwirklichen-
den Praktiken, die sich kaum nur durch die allgemeinsprachliche
Kommunikation formulieren lassen, da ihr Inhalt sich selbst umge-
staltet, allgemein sprachliche Kommunikation sich durchaus meta-
sprachlich anzureichern im Begriff ist. Integration und Differen-
zierung der Disziplinen betrifft auch den Sprachgebrauch, der in-
des nicht sich bereits darin erschöpft, das als verständlich zu
deklarieren, was dem Anschein nach plausibel mehr ins Gemüt als
in den Verstand geht. Materialistische Dialektik verweist auf Un-
terschied und Zusammenhang von Erscheinung und Struktur. Die
Oberfläche ist nicht das Ganze. Unter den Kautelen einer gegen-
wärtig als einfacher betrachteten altmodischen Wissenschaften wa-
ren Welt und Gesellschaft, Individuum und Gruppe weniger zugäng-
lich, als jetzt konventioneller Kenntnis sich erschließt. Die
Herstellung einer die Gesellschaft einbeziehenden Kommunikation
verlangt eine Entwicklung auch in dem allgemeinsprachlichen Kon-
sensus, der von Evolution nicht ausgeschlossen ist.
Indem sich die kapitalistische Klasse mit der Möglichkeit ihres
Unterganges konfrontiert sieht, entsteht als Prädilektionsstelle
der ihr zugemessenen Ideologie die These, man könne sich keine
andere Formation vorstellen, die mit Verwissenschaftlichung so
gut auszukommen vermöge wie sie. Das Vordringen von Wissenschaft
sei zwar nicht aufzuhalten, aber das Unmenschlichere sei, wenn
sich die Strukturen beherrschen lassen - eine als Massenschreck
gedachte Warnung, die sich neben Biologismen, die den Aggressi-
onstrieb als Erklärungsschlüssel vorschlagen, dazu eignet, aus
der Nichtbeherrschbarkeit von Strukturen als kleineres Übel noch
den Krieg zu rechtfertigen.
_____
1) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, Frankfurt/Main
1968, S. 92.
2) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 58.
3) ebenda.
4) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 59.
5) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 60.
6) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 60.
7) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 61.
8) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 60; vgl.
hierzu Marx/Engels: WERKE (MEW), Ergänzungsband Erster Teil, Ber-
lin 1968, S. 543.
9) "Die Industrie ist das wirkliche geschichtliche Verhältnis der
Natur und daher der Naturwissenschaft zum Menschen; wird sie da-
her als exoterische Enthüllung der menschlichen Wesenskräfte ge-
faßt, so wird auch das menschliche Wesen der Natur oder das na-
türliche Wesen des Menschen verstanden, daher die Naturwissen-
schaft ihre abstrakt materielle oder vielmehr idealistische Rich-
tung verlieren und die Basis der menschlichen Wissenschaft wer-
den, wie sie jetzt schon - obgleich in entfremdeter Gestalt - zur
Basis des wirklich menschlichen Lebens geworden ist..." in: MEW,
Ergänzungsband, a.a.O., S. 543.
10) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 63.
11) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 64.
12) Jürgen Habermas: THESEN ZUR THEORIE DER SOZIALISATION
(Stichworte und Literatur zur Vorlesung im SS 1969, ohne weitere
Angaben).
13) Karl Marx: ZUR KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, in: MEW,
Band 13, Berlin 1961, S. 9.
14) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 75; An-
merkung.
15) ebenda.
16) Friedrich Engels: UMRISSE ZU EINER KRITIK DER NATIONALÖKONO-
MIE, in MEW, Band 1, S. 499 ff.
17) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE,
Berlin 1953, S. 595 f.
Der Text lautet: "Die Schöpfung von viel disposable time außer
der notwendigen Arbeitszeit für die Gesellschaft überhaupt und
jedes Glied derselben (d.h. Raum für die Entwicklung der vollen
Produktivkräfte des Einzelnen, daher auch der Gesellschaft),
diese Schöpfung von Nicht-Arbeitszeit erscheint auf dem Stand-
punkt des Kapitals, wie aller früheren Stufen, als Nicht-Arbeits-
zeit, freie Zeit für einige. Das Kapital fügt hinzu, daß es die
Surplusarbeitszeit der Masse durch alle Mittel der Kunst und Wis-
senschaft vermehrt, weil sein Reichtum direkt in der Aneignung
von Surplusarbeitszeit besteht; da sein Zweck direkt der Wert,
nicht der Gebrauchswert. Es ist so, malgre lui, instrumental in
creating the means of social disposable time, um die Arbeitszeit
für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzie-
ren, und so die Zeit aller frei für ihre eigne Entwicklung zu ma-
chen... Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produk-
tivkraft aller Individuen."
18) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE,
a.a.O., S. 596.
19) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE,
a.a.O., S. 594.
20) ebenda.
21) ebenda.
22) ebenda. Der Text lautet: "Die Natur baut keine Maschinen.
Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des men-
schlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft. Die Entwick-
lung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allge-
meine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Pro-
duktivkraft geworden ist, und daher die Bedingungen des gesell-
schaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des gene-
ral intellect gekommen, und ihm gemäß umgeschaffen sind."
23) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 176.
24) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., II. 7, S.
178 ff.
25) Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, a.a.O., S. 176.
26) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE,
a.a.O., S. 79.
27) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE,
a.a.O., S. 78.
28) ebenda. Der Text lautet: "Tauschwert ist nichts als eine Be-
ziehung der produktiven Tätigkeit der Personen untereinander."
29) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE,
a.a.O., S. 79. ebenda.
30) ebenda.
31) ebenda.
32) ebenda.
33) Vgl. hierzu Erich Hahn: IDEOLOGIE, Berlin 1969.
34) Vgl. hierzu Jürgen Habermas: ERKENNTNIS UND INTERESSE, Vor-
wort S. 10 und die THESEN ZUR THEORIE DER SOZIALISATION, z.B. S.
33.
35) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
Frankfurt/Main 1968, S. 89.
36) ebenda.
37) ebenda.
38) Karl Mannheim: WISSENSSOZIOLOGIE, Westberlin/Neuwied 1964, S.
648.
39) W.I. Lenin: WERKE, Band 38, S. 344. Der Text lautet: "Der
philosophische Idealismus ist nur Unsinn vom Standpunkt des gro-
ben einfachen, metaphysischen Materialismus. Dagegen ist der phi-
losophische Idealismus vom Standpunkt des dialektischen Materia-
lismus eine einseitige, übertriebene, überschwengliche (Dietz-
gen) Entwicklung (Aufbauschen, Aufblähen) eines der Züge, einer
der Seiten, der Grenzen der Erkenntnis zu einem von der Materie,
von der Natur losgelösten, vergotteten Absolutum."
40) W.I. Lenin: WERKE, Band 39, S. 156.
41) W.I. Lenin: WERKE, Band 39, S. 344. Der Text lautet: "Doch
ist der philosophische Idealismus ('richtiger' und 'außerdem')
ein Weg zum Pfaffentum über einer der Schattierungen der unend-
lich komplizierten (dialektischen) menschlichen Erkenntnis."
42) Gerd Hortleder: DAS GESELLSCHAFTSBILD DES INGENIEURS. ZUM PO-
LITISCHEN VERHALTEN DER TECHNISCHEN INTELLIGENZ IN DEUTSCHLAND,
Frankfurt/Main 1970, S. 150 ff.
43) Gerd Hortleder: DAS GESELLSCHAFTSBILD DES INGENIEURS ...,
a.a.O., S. 168.
44) ebenda.
45) Das Buch von Hortleder dokumentiert dies durchgehend.
46) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 90.
47) ebenda.
48) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 91.
49) H. Klages: SOZIOLOGIE ZWISCHEN WIRKLICHKEIT UND MÖGLICHKEIT.
Plädoyer für eine projektive Soziologie, Köln/Opladen 1968, S.
47.
50) Karl Mannheim: WISSENSSOZIOLOGIE, a.a.O., S. 649. Der Text
lautet: "Weil aber in diesem modernen Vergesellschaftungszentrum
des wirtschaftlichen Handelns das Ideologische entbehrlich wird,
neigt der moderne Mensch dazu, alles 'Religiöse', 'Ethische' als
'bloß ideologisch' zu bezeichnen. In dieser Entwertung und Depra-
vierung spricht sich also unbewußt die neue Strukturtatsache aus,
daß der moderne Prozeß in weiten Feldern Geistiges freizugeben in
der Lage ist und de facto auch freigibt. Der Mensch, der dies
ohne soziologische Orientierung an sich erfährt, meint dann
einzig und allein dieses interdependente Realitätsreagieren als
'Realität' ansprechen zu müssen, und es erscheint ihm dann alles
'Geistige' als 'bloße Ideologie'. Dies ist das Geheimnis der mo-
dernen Ontologie der kapitalistischen Lebensorientierung."
51) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 91.
52) ebenda.
53) Friedrich Engels: HERRN EUGEN DÜHRINGS UMWÄLZUNG DER WIS-
SENSCHAFT (Anti-Dühring), in: MEW, Band 20, S. 255.
54) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 91.
55) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 92.
56) ebenda.
57) ebenda.
58) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE'. Eine
Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse und Jürgen Habermas,
Frankfurt/Main 1970, S. 67.
59) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE',
a.a.O., S. 104.
60) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 92 in dem erwähnten Passus über das im zweckrationalen
Handeln unter allen Umständen vorhandene Potential der Befrei-
ung. Bahr zitiert den Text aus den GRUNDRISSEN DER KRITIK DER
POLITISCHEN ÖKONOMIE, S. 505.
60a) In das Buch von Hans Dieter Bahr hat sich in der Wiedergabe
der Marxstelle ein Druckfehler eingeschlichen. Marx spricht von
Freiheit, gedruckt steht 'Freizeit'. Vgl. Hans Dieter Bahr: KRI-
TIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE', a.a.O., S. 104. Ein interes-
santer Fall von Fehlleistung.
61) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE,
a.a.O., S. 505.
62) ebenda. Der Text lautet: "Es gilt doppelt: von dieser gegen-
sätzlichen Arbeit; und, was damit zusammenhängt, der Arbeit, die
sich noch nicht die Bedingungen, subjektive und objektive ge-
schaffen hat (oder auch gegen den Hirten- etc. Zustand, die sie
verloren hat), damit die Arbeit travail attractif, Selbstverwirk-
lichung des Individuums sei, was keineswegs meint, daß sie bloßer
Spaß sei, bloßes amusement, wie Fourier es sehr grisettenmäßig
naiv auffaßt. Wirklich freie Arbeiten, z.B. Komponieren ist ge-
rade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung. Die
Arbeit der materiellen Produktion kann diesen Charakter nur er-
halten, dadurch daß 1) ihr gesellschaftlicher Charakter gesetzt
ist. 2) daß sie wissenschaftlichen Charakters, zugleich allge-
meine Arbeit ist, nicht Anstrengung des Menschen als bestimmt
dressierter Naturkraft, sondern als Subjekt, das in dem Produkti-
onsprozeß nicht in bloß natürlicher naturwüchsiger Form, sondern
als alle Naturkräfte regelnde Tätigkeit erscheint."
63) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE',
a.a.O., S. 88, Anm. 19.
64) ebenda.
65) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE',
a.a.O., S. 92 f.
66) Karl Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, S.
543.
67) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE',
a.a.O., S. 92.
68) ebenda.
69) ebenda.
70) Karl Marx: ZUR KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, in: MEW, Band
13, S. 14. Der Text lautet: "Eine Gesellschaftsformation geht nie
unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie
weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten
nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen der-
selben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden
sind."
Der gesellschaftliche Charakter der Produktivkräfte bringt auch
in der Vergangenheit wie in der Gegenwart die anstehenden neuen
Produktionsverhältnisse hervor, die die gegebenen Entwicklungs-
möglichkeiten ausnützen und Bedingungen erzeugen, die die alte
Formation für das Entfalten der Produktivkräfte nicht ausnutzen
und anwenden, meist auch nicht entdecken konnte.
71) Karl Jaspers: WOHIN TREIBT DIE BUNDESREPUBLIK? , München
1966, S. 222. Der Text lautet: "Die Selbstzerstörung der Mensch-
heit darf nicht geschehen: Vielleicht ist dies eine menschliche
Beschränktheit. Jesus und manche Philosophen waren dem Weltsein
gegenüber gleichgültig oder sahen es als Qual, als nichtig, als
böse. Sie waren anderswo zu Hause, zu dem sie keine Welt und kein
Leben in der Welt brauchten. Wir sind, es durch unsere faktische
Lebenspraxis bezeugend, entschieden nicht von dieser Existenz-
weise. Wer heute so spricht, scheint sich selbst zu belügen."
72) Hans Dieter Bahr: KRITIK DER 'POLITISCHEN TECHNOLOGIE',
a.a.O., S. 86.
73) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 92 f.
74) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 88 f und S. 98.
75) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 89.
76) ebenda.
77) Jürgen Habermas: TECHNIK UND WISSENSCHAFT ALS 'IDEOLOGIE',
a.a.O., S. 91.
78) Karl Marx: "ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem
Jahre 1844", in: MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 542 f. Der
Text lautet: "In der gewöhnlichen materiellen Industrie (- die
man ebensowohl als einen Teil jener allgemeinen Bewegung fassen,
wie man sie selbst als einen besondern Teil der Industrie fassen
kann, da alle menschliche Tätigkeit bisher Arbeit, also Indu-
strie, sich selbst entfremdete Tätigkeit war -) haben wir unter
der Form sinnlicher, fremder, nützlicher Gegenstände, unter der
Form der Entfremdung, die vergegenständlichten Wesenskräfte des
Menschen vor uns. Eine Psychologie, für welche dies Buch, also
gerade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Ge-
schichte zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklichen inhaltvollen
und reellen Wissenschaft werden. Was soll man überhaupt von einer
Wissenschaft denken, die von diesem großen Teil der menschlichen
Arbeit vornehm abstrahiert und nicht in sich selbst ihre Unvoll-
ständigkeit fühlt, solange ein so ausgebreiteter Reichtum des
menschlichen Wirkens ihr nichts sagt, als etwa, was man in einem
Wort sagen kann: "Bedürfnis", "gemeines Bedürfnis"? - Die Natur-
wissenschaften haben eine enorme Tätigkeit entwickelt und sich
ein stets wachsendes Material angeeignet. Die Philosophie ist ih-
nen indessen ebenso fremd geblieben, wie sie der der Philosophie
fremd blieben."
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