Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Kurzanalysen, Berichte
KLASSENKAMPF BEI AUGUST-THYSSEN
Der größte Stahlproduzent Europas ist die August-Thyssen-Hütte
AG. Mit einer Belegschaft von 97 530 produzierte der Konzern im
Geschäftsjahr 1969/70 12,6 Millionen Tonnen Rohstahl und 11,9
Millionen Tonnen Walzstahl, womit insgesamt ein Umsatz von 10,88
Milliarden DM erreicht wurde. In der Rangliste sämtlicher kapita-
listischer Stahlproduzenten rangiert die August-Thyssen-AG an
sechster Stelle.
Im Verlauf des industriellen Zyklus, der nach der Rezession
1966/67 einsetzte, haben alle deutschen Stahlfirmen ihre Produk-
tion stark ausgedehnt. Thyssen investierte etwa im Geschäftsjahr
1969/70 allein 997 Millionen DM. Wegen dieser nicht nur auf Thys-
sen beschränkten Expansion der Kapazitäten und der notwendig mit
der Abschwächung der Prosperität einsetzenden Kontraktion der
Nachfrage auf dem Stahlmarkt war ein verschärfter Konkurrenzkampf
unter den Stahlfirmen zu erwarten. Zu Anfang des neuen Geschäfts-
jahres formulierten daher die Konzernleitungen, daß ihnen ein
"schweres Jahr" bevorstehe. Trotz Produktionseinschränkungen im
ersten Halbjahr erhöhten sich allgemein die Lagerbestände. Thys-
sen drosselte in diesem Zeitraum die Produktion von Rohstahl um 5
% und von Walzstahl um 10%. Der Vorstandsvorsitzende Sohl mußte
daher den Aktienbesitzern mitteilen, daß die Dividende, die
1969/70 14% betrug, "deshalb in diesem Jahr aller Voraussicht
nach sinken (wird), wenn nicht, so fügte Sohl hinzu, noch ein
Wunder wie etwa ein Stahlstreik in den USA geschieht" ("Wirt-
schaftswoche" 17, Jg. 1971, S. 75). Daß diese Hoffnung der Stahl-
firmen der BRD nicht so abwegig ist, sieht man daran, daß sie
sich schon jetzt "hinter vorgehaltener Hand" über "auskömmliche
Preise" freuen, d.h. an sich gegenwärtig die Stahlpreise schon
viel stärker gefallen sein müßten. "Der Grund für das Preishoch:
Zum 1. August laufen in den USA die dreijährigen Stahl-
Tarifverträge ab, und ein Streik droht. Deshalb deckt sich seit
Anfang des Jahres die US-stahlverarbeitende Industrie vor allem
in der Bundesrepublik und Japan ein. Allein in den ersten drei
Monaten wurden rund 3,8 Millionen Tonnen importiert. Geschätzter
Gesamtimport für 1971: etwa 16 Millionen Tonnen." ("Wirtschafts-
woche" 24, Jg. 1971, S. 2) Daß bei einer gesamten Stahlerzeugung
der westdeutschen Stahlfirmen im Jahre 1969 von 45,3 Millionen
Tonnen der US-Import ein relevanter Faktor ist, kann nicht
übersehen werden.
Vor diesem Hintergrund der sich verschärfenden ökonomischen Si-
tuation fand die Hauptversammlung der Thyssen-Aktiengesellschaft
zum Geschäftsjahr 1969/70 statt. Die Aktionäre klagten über die
'enormen Lohnsteigerungen' und die damit verbundenen geringeren
Gewinnerwartungen für das laufende Geschäftsjahr. Der Spezial-
dienst der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "Blick durch die Wirt-
schaft" kommentierte diese Ausfälle der Kouponschneider gegen die
Lohnpolitik der Gewerkschaften, speziell der IG Metall, fol-
gendermaßen: "Ausschweifungen in die Politik blieben nicht aus,
doch hätte man sich auch die Verhandlungsführung des Aufsichts-
ratsvorsitzenden Dr. Birrenbach weniger gereizt und ein wenig
konzilianter gewünscht." Da diese lehrreichen Ausschweifungen in
die Politik einen guten Einblick in die Mentalität der Koupon-
schneider bieten, sollen anschließend die zentralen Passagen aus
dem Stenogramm der Hauptversammlung ("Blick durch die Wirt-
schaft", Spezialdienst der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Nr.
125/126 vom 2./3.6.1971) veröffentlicht werden.
SOHL (Vorstandsvorsitzender): (...) Nun hat es in der lohnpoliti-
schen Diskussion des letzten Jahres Stimmen gegeben, die von dem
engen Zusammenhang zwischen Lohnentwicklung und Produktivität
nichts mehr wissen wollten und statt dessen das Schlagwort von
der Gewinnexplosion aufbrachten. Mit diesem Begriff geriet die
Lohnpolitik auf ein gefährliches Gleis; denn ganz abgesehen da-
von, daß von einer Gewinnexplosion jedenfalls beim Stahl nicht
die Rede sein konnte, wurde Unvergleichbares miteinander vergli-
chen. (...)
Eine solche Stillhaltevereinbarung würde die Stabilisierungsbe-
mühungen von Bundesregierung und Bundesbank entscheidend unter-
stützen und könnte auch dazu beitragen, das System der sozialen
Marktwirtschaft im Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit fester
zu verankern - als das Wirtschaftssystem das die beste materielle
Basis für den gesellschaftlichen Fortschritt bietet. Dazu gehört
aber auch, daß endlich Schluß gemacht wird mit der Verteufelung
des Unternehmensgewinns, der häufig verächtlich Unternehmerprofit
genannt wird. Der Gewinn ist ein unentbehrlicher Leistungsmaßstab
im Wettbewerb. Ohne ihn gibt es keine Sicherheit der Ar-
beitsplätze, er ist eine wesentliche Steuergrundlage für den
Staat und seine Reformprogramme, und aus ihm wird den Aktionären
eine Dividende gezahlt, die zwar einen sehr bescheidenen Umsatz-
anteil ausmacht, aber doch für die Finanzierungs- und Investiti-
onsmöglichkeiten der Unternehmen von entscheidender Bedeutung
ist.
(Beifall)
GOTTLOB (Aktionärin); Ich habe mit einer ganzen Reihe von Metall-
arbeitern aus meinem Bekanntenkreis gesprochen. Von diesen Leuten
habe ich gehört, daß ihnen viel wichtiger als eine laufende Loh-
nerhöhung eine Preisstabilität und eine Sicherheit der Ar-
beitsplätze ist,
(Beifall)
daß es aber die Gewerkschaftsfunktionäre sind, die immer wieder
neue Lohnerhöhungen fordern und den Leuten vormachen: Ihr könnt
dann mehr dafür kaufen. Die Leute glauben das, die Mehrzahl fällt
darauf 'rein, genau wie auf die Wahlversprechungen von Bundesre-
gierungen.
Unsere Sozialregierung erklärt seit der Machtübernahme,
(Heiterkeit)
mit der wirtschaftlichen Entwicklung werde es zunächst nur noch
ein klein wenig schlimmer werden, ehe es wieder besser gehe. Das
erinnert mich doch sehr an eine Notlüge, die die Ärzte einem an
seinem Zustand und an seinen Schmerzen verzweifelnden unheilbaren
Krebskranken auftischen, um eine Euphorie zu erzielen und um das
Ende zu erleichtern. Das kann man in diesem Falle zwar gutheißen,
aber doch nicht hier. Damit können wir uns nicht abspeisen las-
sen, denn wir befinden uns ja wohl nicht im Endstadium, mit uns
geht es hoffentlich noch mal bergauf.
Über 140% Prozent Lohn Steigerungen in den letzten Jahren, aber
nur zirka 35 Prozent Steigerung der Unternehmergewinne im glei-
chen Zeitraum, das muß in die Inflation führen. Was fällt den Ge-
werkschaftsvorsitzenden eigentlich ein,
(Beifall)
bei der letzten konzertierten Aktion zu erklären, sie würden sich
keine Handschellen anlegen lassen, zu deutsch: sie würden den
Lohnauftrieb weiter schüren, obgleich sie wissen, daß das
tatsächlich zur Rezession führen muß!
(Beifall)
Aber die Gewerkschaften haben die Regierung in der Hand, denn die
Sozialdemokratie steht und fällt mit den Gewerkschaften. Darum
bleibt jedoch nur der Weg, mit den Gewerkschaften in das gleiche
Horn zu blasen. Zu spät, so scheint es, hat unser Schiller die
Glocke läuten hören.
(Heiterkeit)
BIRRENBACH (Aufsichtsratsvorsitzender): Frau Gottlob, wir befin-
den uns nicht in einer politischen Versammlung, sondern in der
Hauptversammlung der Thyssen-Hütte.
(Beifall)
GOTTLOB: Ich muß aber noch etwas hierzu sagen. Was hat diese Re-
gierung, der zum erstenmal nicht die Partei angehört, die die
meisten Stimmen auf sich vereinigen konnte, bisher erreicht? Zu-
geständnisse und Verzichte, für die es keine langfristige Gegen-
leistung gibt!
BIRRENBACH: Ich muß Sie ein zweites Mal daran erinnern: es geht
hier nicht um Politik, sondern um die Erörterung des Geschäftsbe-
richtes der August-Thyssen-Hütte.
(Beifall)
GOTTLOB: Das wirkt sich aber auch gleichzeitig auf ATH aus.
(Lachen)
Was glauben Sie, wie sich der Osten - das ist nur noch ein Satz
über die Politik
(Lachen)
über unsere nicht einlösbaren Reformversprechungen freut, über
die Lohnkämpfe, den Preisauftrieb und den Ruf nach Eigentum für
alle. Das ist doch der Nährboden für den Kommunismus, den die Ge-
werkschaften uns bereiten.
BIRRENBACH: Ich bitte um Entschuldigung. Ich muß Ihnen jetzt das
Wort entziehen oder Sie bitten, daß Sie nur Fragen zur Sache
stellen und nichts anderes sonst.
GOTTLOB: Thyssen, mach du als erster Stahlkonzern den Anfang und
bring die Gewerkschaften zur Vernunft, wenn du willst, daß deine
Aktionäre dir treu bleiben.
(Beifall)
FIEBICH (Aktionär): (...) Ich halte das, was Herr Dr. Sohl gesagt
hat, für eine Tatsachenschilderung, für eine außerordentlich re-
alistische und ungefühlvolle Tatsachenschilderung. Ich habe mich
auch über die klare Stellungnahme gegen die Verteufelung der Un-
ternehmergewinne gefreut. Man muß einmal hören, was speziell die
Jungsozialisten und Jungdemokraten - die Jungdemokraten haben die
Jungsozialisten inzwischen links überholt - und was die jungen
Gewerkschaftler zu unserem System der freien Marktwirtschaft, zu
unserer Gesellschaftsordnung und zu all den Dingen sagen, mit
denen wir uns hier natürlich befassen, Herr Dr. Birrenbach. Frau
Gottlob hat natürlich ein bißchen zu viel politisiert. Aber im
Grunde kann man das Wohlergehen der Wirtschaft, auch der Thyssen-
Hütte, nicht aus der ganzen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung
herauslösen. Das ist alles ganz eng verzahnt. Letzten Endes kann
man auch die Wirtschaftler, die Kaufleute, den Vorstand und Auf-
sichtsrat, soweit er sich für das Thyssen-Unternehmen verantwort-
lich fühlt - die Hälfte wahrscheinlich nicht -,
(Beifall)
nicht aus dem allgemeinen Geschehen herauslösen.
Alles, was hier gesagt worden ist, ist gut und richtig. Ich
finde, den Gewerkschaftsführern geht es überhaupt nicht mehr um
den gerechten Anteil am Sozialprodukt, sondern ihnen geht es um
eine mehr oder weniger brutale Durchsetzung des Umverteilungs-
prinzips. Das ist Klassenkampf mit modernen Mitteln, weiter gar
nichts.
(Beifall)
Herr Dr. Birrenbach, Sie als alter Politiker müßten doch wissen,
daß Ideologen Vernunftgründen überhaupt gar nicht zugänglich sind
Die schütteln das ab. Das hören die gar nicht. Das geht rechts
rein, eckt in der Mitte an - möglicherweise - und geht links wie-
der raus.
(Beifall)
Das ist das Problem.
BIRRENBACH: Herr Fiebich, darf ich darauf aufmerksam machen, daß
hier nicht der Platz ist, um ideologische Probleme auszudiskutie-
ren. Auf der anderen Seite möchte ich Sie bitten, davon Abstand
zu nehmen, einzelne Mitglieder des Aufsichtsrates persönlich hier
anzugreifen. Sehen Sie zu, daß Sie konkrete Fragen zum Geschäfts-
bericht stellen und zur Entwicklung der Gesellschaft sprechen.
Damit ist allen Teilnehmern dieser Hauptversammlung gedient.
FIEBICH: Ich bin sehr konkret, Herr Dr. Birrenbach. Es geht näm-
lich um mein Geld; offenbar haben Sie keine Thyssen-Aktien.
(Beifall)
Man muß letzten Endes einiges sagen dürfen. Man kann die Wirt-
schaft einfach nicht herauslösen aus dem gesamten Geschehen im
Staat und in der Politik; das ist doch ganz klar.
(Beifall)
Wenn man das versucht, bewegt man sich im Vakuum, im luftleeren
Raum.
BIRRENBACH: Davon ist ja gar keine Rede.
FIEBICH: Unterbrechen Sie mich nicht laufend! Ich möchte meine
Ausführungen zu Ende führen!
BIRRENBACH: Ich habe Ihnen gesagt, daß wir von ideologischen Dis-
kussionen hier Abstand nehmen sollten. Das habe ich gesagt, nicht
mehr. Aber das möchte ich betonen.
FIEBICH: Herr Dr. Birrenbach, ich führe keine ideologischen Dis-
kussionen. Ich möchte nur die Dinge nach der Seite hin etwas er-
gänzen. Denn wenn wir uns über die Ertragsverschlechterung unter-
halten, müssen wir doch versuchen, gründlich und vollständig die
Ursachen festzustellen. Das war der Sinn meiner Ausführungen.
(Beifall)
Es sind nicht wir, Herr Dr. Birrenbach, die Ideologie predigen
und vertreten, es sind die anderen; die sitzen zur Hälfte in Ih-
rem Aufsichtsrat,
(Beifall)
persönlich ehrenwerte Männer, einige davon sogar sehr sympa-
thisch. Das ist eine andere Sache.
(Heiterkeit)
Einer meiner Vorredner sagte: Wenn Thyssen schon vor solchen
Schwierigkeiten steht, wie sieht es dann bei den anderen aus?
Wenn man bei der Kostenlawine an deren Situation denkt, kann man
als Aktionär auch dieser Gesellschaften Angst bekommen. Dann
fragt man sich, ob man nicht morgen schon oder heute noch - jetzt
sofort - deren Aktien verkaufen soll. Hier sind einfach Kosten
entstanden, die man nicht verkraften kann.
Stimmt die Befürchtung, daß man eigentlich im ersten halben Jahr
kaum noch verdient hat, und wie sieht es im zweiten Halbjahr aus?
Mit welchen Investitionen tritt Thyssen kürzer? Wir haben zu un-
serem Erschrecken bei der Großchemie gehört, daß eine ganze Reihe
von gerade fertigen Anlagen eingemottet werden müssen Ist bei
Thyssen solches auch zu befürchten, wenn ja, was und wo? Oder ist
das, was Sie mit Investitionskürzungen von ungefähr 600 Millionen
ankündigen, besser geplant als anderswo? Müssen Sie vielleicht
hier und da auch Baustellen stillegen, was ungeheuer viel Geld
kostet? Dann der Beschluß über zwei Stahlwerke in Brasilien! Hat
die Thyssen-Verwaltung nicht Angst, daß das jetzige System Brasi-
liens, das ich für faschistisch, für außerordentlich übel halte,
von irgendeiner, wie auch immer gearteten revolutionären Bewegung
gestürzt wird und daß anschließend unser Geld futsch ist, daß
dann sozialisiert wird oder daß das gemacht wird, was man dafür
hält, wie das seinerzeit in Kuba war oder wie es zur Zeit in
Chile ist? Ich bin außerordentlich skeptisch bei Investitionen im
südamerikanischen Raum.
Ich kann mix die Bemerkung nicht verkneifen, daß die Aufsichts-
ratsvergütung von 852 000 DM stark überhöht ist; das sind 40 000
DM pro Kopf. Wenn ich mich recht entsinne, haben die Herren von
der SPD und von der Gewerkschaft vor der letzten Bundestagswahl
eine Aufsichtsratsvergütung von 6 000 DM für angemessen und völ-
lig ausreichend gehalten. Herr Rosenberg nickt zu. Warum haben
Sie nicht inzwischen die Aufsichtsratsvergütung auf 6000 DM redu-
ziert? Es wäre doch Gelegenheit dazu gewesen. Das gehört auch zu
den inneren Reformen. (Beifall)
Das ist einfach ein Mißverhältnis. Da müßte sich jedes Gewerk-
schaftsherz geradezu empören.
(Heiterkeit und Beifall)
Da müßten ja die Gewerkschaftshände zittern, wenn man den Scheck
in Händen hält; den müßte man gar nicht halten können.
(Erneute Heiterkeit und Beifall)
STEVERMANN (Aktionär): (...) Daß das, was wir bisher bekommen ha-
ben, für die Anteilseigner, für die Besitzer, für die Eigentümer
ein gerechter Anteil war, finde ich nicht. (...) Tatsache ist
doch, daß wir ein Almosen bekommen. Wir sind praktisch nur ganz
dumme, lächerliche Almosenempfänger der Gewerkschaft.
(Beifall)
Obwohl es Herrn Birrenbach vielleicht nicht paßt, möchte ich dazu
doch noch einiges sagen. Ich bin Jahrgang 1912, also in einem Al-
ter, wo man zum Arbeiten nicht mehr so gesucht ist. Wir haben da-
mals 40 Stunden unter Tage gearbeitet. Damit haben wir dann all
das aufgebaut, und für uns persönlich wollten wir später etwas
davon haben, wenn wir nicht mehr aktiv arbeiten können. Wir haben
Groschen und Marken zurückgelegt und unter anderem auch Aktien
von Thyssen gekauft. Wir haben lange Jahre stillgehalten. Jetzt,
wo wir nicht mehr können, hoffen wir, einen angemessenen Ertrag
zu bekommen. Das ist doch der Anteil für unsere früher geleistete
Arbeit. Ich meine, die früher geleistete Arbeit ist doch minde-
stens genausoviel wert wie die heute geleistete Arbeit. (Beifall)
Jetzt bekommen wir alle zusammen insgesamt 140 Millionen DM. Wenn
man damit die über 2 Milliarden vergleicht, mit denen die jetzt
geleistete Arbeit bezahlt wird, dann erkennt man ein derart kras-
ses Mißverhältnis, daß es wirklich zum Himmel schreit.
(Beifall)
Die jetzige Dividende ist nicht einmal ein Almosen.
Meine Herren - weniger die Herren vom Vorstand, aber mehr die
Herren vom Aufsichtsrat, besonders die angegriffenen Herren -,
ich war jahrzehntelang Mitglied der Gewerkschaft. Aber als ich
diesen verdammten Betrug gesehen habe, daß mein damals sauer er-
spartes Geld auf weniger als ein Zehntel gesunken ist -
BIRRENBACH: Ich bitte Sie, sich in Ihren Ausführungen zu mäßigen.
STEVERMANN: Ich denke nicht daran!
BIRRENBACH: Sie haben sich zu mäßigen.
STEVERMANN: Bitte schön, das muß einmal hart gesagt werden. Ich
fühle mich belogen, betrogen und bestohlen.
BIRRENBACH: Ich sage Ihnen noch einmal: Sachliche Kritik können
Sie anbringen. Ich kann aber Beleidigungen von Organisationen ei-
nerseits und andererseits von einigen Persönlichkeiten des Auf-
sichtsrates nicht zulassen. Das ist einfach nicht statthaft.
STEVERMANN: Ich habe keine Persönlichkeit angegriffen. Ich möchte
das gern unter vier Augen tun und den Herren das belegen. Aber
durch diesen ganzen Trend fühle ich mich belogen, bestohlen und
betrogen.
BIRRENBACH: Wenn Sie diese Worte wiederholen, muß ich Ihnen lei-
der das Wort entziehen. Wir sind in der Hauptversammlung der
Thyssen-Hütte nicht gewohnt, daß Ausdrücke dieser Art fallen.
Jede sachliche Kritik ist möglich, aber nicht beleidigende Aus-
drücke dieser Art.
FIEBICH: Auch wenn die Ausdrücke stimmen?
BIRRENBACH: Nehmen Sie das zur Kenntnis. Ich wiederhole es.
(Zuruf: Das ist Diktatur!)
Wenn Sachlichkeit Diktatur ist, dann verstehen Sie offenbar von
Diktatur wenig.
SOHL: (...) Sie haben dann weiter gefragt, warum wir in Brasilien
zwei kleine Projekte statt eines großen machten. Dazu darf ich
folgendes sagen. (...)
Wir haben natürlich auch das politische Risiko gesehen. Aber es
ist sehr schwer, in der Welt Plätze zu finden, die jedes politi-
sche Risiko ausschließen. Nach allen Erfahrungen, die gerade
deutsche große Industrieunternehmen in Brasilien gemacht haben,
gilt Brasilien bei ihnen als eines der relativ sichersten Länder
in diesem Bereich.
FIEBICH: (...) Ich gebe Herrn Dr. Birrenbach recht: man soll sich
möglichst bemühen, nicht so zu polemisieren und keine Schärfen
'reinzubringen. Aber diese Feststellung ist für mich nur eine Un-
terstreichung dessen, was Frau Gottlob und andere gesagt haben.
Das ist ein Tatbestand. Herr Dr. Birrenbach, Sie haben gesagt,
daß nur der Aufsichtsratsvorsitzende und der Vorstand sprechen.
Ich bin der Meinung, es müßte Übung werden, daß profilierte Auf-
sichtsratsmitglieder Gelegenheit haben, ihre Stellungnahme abzu-
geben. Ich würde sehr, sehr gern etwas von Herrn Hesselbach und
von Herrn Rosenberg hören.
(Beifall und Zurufe)
Es ist im Aktiengesetz nicht verboten, Herr Dr. Birrenbach. Ich
frage mich nur: Haben Sie das möglicherweise den Herren verboten,
die reden wollen oder wollen sie nicht reden? Die Frage möchte
ich ganz konkret beantwortet haben. Also dürfen sie nicht spre-
chen oder wollen sie nicht sprechen?
(Zurufe)
Es geht hier keinesfalls um Angriffe gegen irgendwelche Herren.
Herr Hesselbach und Herr Rosenberg wissen, wie sehr ich sie
schätze; das habe ich oft genug gesagt.
(Lachen)
Pardon, das meine ich ganz ernst. Wir wollen ja differenzieren.
Herr Hesselbach ist nicht Herr Loderer, zum Beispiel. Da ist ein
Unterschied. Herr Loderer - wenn Sie den kennen -, das ist der
Scharfmacher, der Herr Kollege Scharfmacher von der IG Metall.
Das ist ein Mann, der die Gewerkschaften aufputscht.
BIRRENBACH: Herr Fiebich, ich mache Sie noch einmal darauf auf-
merksam, daß Sie sich in der Wahl Ihrer Worte zu mäßigen haben.
FIEBICH: Herr Dr. Birrenbach, uns trennt eben doch eine ganze
Menge in bezug auf Wägung von Formulierungen. Sie sind doch seit
ewiger Zeit Bundestagsmitglied. Haben Sie noch nie dazwischenge-
rufen, haben Sie im Bundestag noch nie scharf formuliert?
BIRRENBACH: Wahrscheinlich, Herr Fiebich, mehr als Sie. Aber weil
ich Erfahrung damit habe, möchte ich hier die Praxis einführen,
daß wir in dieser Hauptversammlung uns in der Wahl der Ausdrücke
so mäßigen, wie es nur eben möglich ist.
FIEBICH: Herr Dr. Birrenbach, sagen Sie bitte, welcher Ausdruck
Ihnen mißfallen hat: Das "Kollege Scharfmacher"? Das ist doch ein
Tatbestand, und das darf man doch auch aussprechen.
BIRRENBACH: Das können Sie auch anders umschreiben.
FIEBICH: Ja nun, das ist doch sehr milde.
(Beifall)
Herr Dr. Birrenbach, ich werde zur nächsten Thyssen-Hauptversamm-
lung eine Auswahl von Zwischenrufen Ihres Kollegen Franz Josef
mitbringen. (Heiterkeit)
Da werden Sie - bei einem Vergleich mit meinen Ausführungen - sa-
gen: Was ist mit Fiebich los, ist der inzwischen alt geworden?
(Heiterkeit)
Zu diesen klaren Ausführungen über die 'moderne Unternehmermoral'
ist jeder Kommentar überflüssig. Hingewiesen werden muß aller-
dings noch darauf, daß der Konzernchef der Thyssen-AG Hans-Gün-
ther Sohl aus dem Geschäftsleben ausscheidet und künftig den Bun-
desverband der Deutschen Industrie (BDI) leitet. Diese Organisa-
tion, die im Gegensatz zur Bundesvereinigung der Deutschen Ar-
beitgeberverbände nur die Interessen der Industrieunternehmen
vertritt, war bisher von dem mittelständischen Unternehmer Fritz
Berg vertreten worden. Nach dem Krieg - der BDI wurde 1949 als
Nachfolger des Reichsverbandes der Deutschen Industrie gegründet
- schien es den westdeutschen Kapitalisten wenig opportun, den
Verband sofort durch Repräsentanten der Montanindustrie oder
Großchemie führen zu lassen, wie es im Reichsverband der Deut-
schen Industrie üblich war. Mit Sohl, der drei Jahrzehnte als
leitender Mann in großen Konzernen tätig war, übernimmt die Groß-
industrie wieder offen die Führung der Dachorganisation der Deut-
schen Industrie.
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