Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971
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Kurzanalysen, Berichte
ZU EINIGEN ASPEKTEN DER ENTWICKLUNG DER KLASSENKÄMPFE
UND DER VOLKSWIRTSCHAFT DER TÜRKEI
In der Türkei bestimmen seit dem 12. März 1971 Hausdurchsuchun-
gen, Verhaftungen, Ausweisungen und Zeitungsverbote ohne richter-
lichen Beschluß das politische Bild. Streik- und Demonstrations-
recht sind aufgehoben. In sechs entscheidenden Provinzen urteilen
Militärtribunale über "staatsgefährdende" Delikte. 1) Seit 1968
häufen sich in wachsendem Maße die Arbeiter-, Bauern- und auch
Studentenunruhen. Sie sind der Reflex verschärfter Klassengegen-
sätze. Fast für das ganze Volk sind die Lebensverhältnisse uner-
träglich geworden. Dem Touristen zeigt sich dies, wenn er in
Istanbul beim Besuch der Hagia Sophia, des Sultanspalastes oder
des Basars mit der großen Zahl von Obdachlosen und Bettlern kon-
frontiert wird.
In den europäischen imperialistischen Metropolen äußert sich
dies, wenn die türkischen Gastarbeiter als Gruppe von Lohnarbei-
tern erscheinen, die besonders leicht verstärkt ausgebeutet wer-
den kann und die von den Unternehmern gegen ihre deutschen Kolle-
gen auszuspielen versucht wird. Der Möglichkeit der sprachlichen
Kommunikation beraubt und der zweifelhaften Obhut moderner Skla-
venhändler ausgeliefert, leben sie hier in Westberlin oft in get-
toartigen Wohnsiedlungen, eingepfercht in kleinen Zimmern zu
zwölft, so daß die Betten nie kalt werden. 2) Wenn ihnen ihre
Vermittler nur die Hälfte des "Mietbetrages", den diese Sklaven-
händler von den Industriellen erhalten, auszahlen, können sie
froh sein. Erstens weil sie hier Arbeit haben und zweitens weil
es ihnen mehrfach besser geht als daheim in der Türkei. 3)
Aber auch die besitzenden Klassen in der Türkei sind unzufrieden:
Die etablierte türkische Volkswirtschaftlerin Frau Prof. Gülten
Kazgan grübelt stellvertretend für die besitzenden Schichten
ihres Landes: "Die türkische Wirtschaft sieht aus wie ein Orche-
ster, in dem jede Saite unterschiedlich klingt; d.h. das Orche-
ster klingt wie Kakofonie. In dieser Situation eine erfolgreiche
Wirtschaft zu betreiben, ist fast unmöglich." 4) Diese Sätze
drücken die für Marxisten bekannte Tatsache aus, daß der Kapita-
lismus stets eine chaotische Wirtschaft hervorbringt. Kazgan
klagt aber nicht über diese dem Kapitalismus immanenten Schwie-
rigkeiten, vielmehr über die tiefe wirtschaftliche Krise, in der
sich die Türkei nun schon einige Jahre befindet, und aus der es
wohl auch ohne eine grundlegende Änderung der Eigentums- und
Machtverhältnisse kein Entrinnen geben wird. Doch untersuchen wir
zunächst näher die Lebensverhältnisse des türkischen Volkes und
die vorherrschende Produktionsweise.
Bereits Lenin hat in seiner Analyse des Imperialismus die Tendenz
der zunehmenden Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der Produktiv-
kräfte nachgewiesen. Hier wird deshalb nur auf einige konkrete
Formen dieser Entwicklung in der Türkei und der wachsenden Abhän-
gigkeit von den führenden imperialistischen Staaten einzugehen
sein.
75% der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft, 13% im
Dienstleistungssektor und nur 12% in der Industrie. Die Indu-
strialisierung des Landes, eines der großen Ziele Kemal Paschas
(Atatürk), bleibt ein Traum. Aber obwohl die Türkei ein Agrar-
staat geblieben ist, müssen jährlich Lebensmittel importiert wer-
den, weil mittelalterliche Eigentumsverhältnisse die Steigerung
der Produktivität nahezu unmöglich machen. Von 23 Mio. Hektar
landwirtschaftlicher Nutzfläche werden noch 18 Mio. ha mit einfa-
chen mittelalterlichen Holzpflügen bearbeitet. Für 18 Mio. ha
kommen Düngemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel und agrarwissen-
schaftliche Kenntnisse nicht zur Anwendung. Obwohl für ca. 8 Mio.
ha die Möglichkeit der Bewässerung leicht geschaffen werden
könnte, werden nur 1,5 Mio. ha bewässert. Die meisten Bauern sind
ökonomisch und oft auch politisch gezwungen, sich als Landarbei-
ter zu verkaufen. Ein Teil der Bauern ist landlos, ein anderer
Teil besitzt so wenig Boden bzw. so wenig andere Produktions-
hilfsmittel, daß er ebenfalls in neo-feudaler Abhängigkeit vom
Großgrundbesitz zu leben hat. Deshalb kann der größte Teil der
Bauern von den ihnen formell zustehenden Rechten keinen Gebrauch
machen. Gleichzeitig sind die Gutsbesitzer in Ost- und Mittelana-
tolien in ihrer Herrschaft praktisch unbeschränkt.
Die Rückständigkeit der türkischen Landwirtschaft machen auch die
folgenden Vergleichszahlen deutlich. Danach liegen die durch-
schnittlichen Hektarerträge für Weizen im Jahre 1968 für Holland
bei 42, für Ägypten bei 17, für Griechenland bei 16, in der Tür-
kei aber nur bei 12 Doppelzentnern. 6) Betrachtet man die letzten
drei Jahre, so weisen die amtlichen türkischen Statistiken eine
Steigerung der Erträge von nur 1% aus.
Auch die Exporte landwirtschaftlicher Produkte - und 90% der tür-
kischen Exportgüter sind landwirtschaftliche Erzeugnisse - sind
absolut zurückgegangen. 1967 exportierte die Türkei landwirt-
schaftliche Produkte für 421 Mio. US-Dollar, 1968 waren es 404
und 1969 nur noch 403 Mio. US-Dollar. 7)
Zwar stiegen die gesamten Exporte von 1947 bis 1969 um fast 150%,
demgegenüber stiegen jedoch gleichzeitig die Importe um mehr als
200%. Vergleicht man den Exportanteil im internationalen Maßstab,
so ergeben sich pro Kopf der Bevölkerung gerechnet für das Jahr
1967 folgende Exportquoten in US-Dollar:
Bulgarien 175,44
Portugal 72,55
Griechenland 56,70
Spanien 42,78
Ägypten 18,31
die Türkei aber 15,96 8)
Die seit 1947 wachsenden Handelsdefizite müssen immer wieder mit
ausländischen Krediten gedeckt werden, so daß schon heute 80% der
Neukredite für die Tilgung von Schulden und Zinsen verwendet wer-
den.
Die Länder des Türkei-Konsortiums, das sind die USA, Westdeutsch-
land und die übrigen EWG-Staaten, machten im vergangenen Jahr die
weitere Vergabe von Krediten von einer Abwertung des türkischen
Pfundes abhängig.
Obwohl die Abwertung des TL (Türk Lira = Türkisches Pfund) nur
den Reflex auf den relativen Rückgang der wirtschaftlichen Lei-
stungsfähigkeit darstellt, wurde doch gerade die Stagnation der
türkischen Wirtschaft durch die Politik und den Druck des impe-
rialistischen Kapitals hervorgerufen, das wiederum am stärksten
von dieser Abwertung profitiert. Das rechtsliberale Wochenblatt
"Deutsche Zeitung/Christ und Welt" trifft den Nagel auf dem Kopf,
wenn es feststellt: "Die Türkei scheint in dem heiklen Stadium,
in dem Hunderte von Entwicklungs-Millionen die sozialen Spannun-
gen nicht gemildert, sondern im Endeffekt gesteigert und damit
das politische Fundament unterhöhlt haben...". 9) Und das kann
auch gar nicht anders sein: Da die Investitionen dieses
"Entwicklungshilfe"-Konsortiums sich nicht an den Bedürfnissen
des türkischen Volkes orientieren, sondern ausschließlich an Kri-
terien der Gewinn-Optimierung der Kapital-Geber, verschärfen sie
nur die klägliche Situation der Türkei. Indem sie einen erhebli-
chen Teil der erzielten Profite transferieren, es wird mehr
transferiert als überhaupt investiert worden ist, verschärfen sie
relative und absolute Stagnation. Im Jahre 1965 flössen 22 Mil-
lionen US-Dollar privates Fremdkapital in die Türkei, während 17
Mio. US-Dollar Gewinne herausgezogen wurden. Im Jahre 1967 stan-
den 17 Mio. US-Dollar an Kapital-Importen eine Gewinnabführung
von 25 Millionen US-Dollar gegenüber. 1968 verschlechterten sich
die Verhältnisse für die Türkei weiter: 12,8 Mio. US-Dollar an
ausländischen privaten Kapitalimporten stand ein Profittransfer
von 28,8 Mio. US-Dollar gegenüber. 10) Obwohl also die Gewinnaus-
fuhr seit 1968 ständig die Kapitalimporte übersteigt, wächst die
Verschuldung der Türkei. Die passive Handelsbilanz ist eine der
Ursachen, und die Art der Investitionen, des "Kapitalexports",
besiegelt diese ungleichen Verhältnisse.
Der wachsenden Verschuldung des türkischen Staates entspricht die
Produktionskrise der türkischen Industrie. Die Zeitung "Ticaet",
Organ der türkischen Industriellen, beschreibt die Lage so: "In
Kürze wird man beobachten, daß mehrere Fabriken ihre Tore schlie-
ßen müssen. Die Straßen werden mit Arbeitslosen gefüllt sein."
11) Die türkischen Industrie- und Handelskammern müssen von einem
Wachstum des Wertes von b a n k r o t t e n Industrieunterneh-
men und des Nettowerts von g e p l a t z t e n Wechseln berich-
ten. Die Zahl der Arbeitslosen wird schon heute auf 1,5 Millionen
geschätzt. Hinzu kommt eine versteckte und saisonbedingte Ar-
beitslosigkeit. Besonders in den Wintermonaten, wenn es für die
meisten Bauern keine Arbeit gibt, schwillt das Arbeitslosenheer
auf über 7,8 Millionen an. 12)
Für das Gros der Bevölkerung ist das Realeinkommen erheblich ge-
sunken. So stieg das Preisniveau in den letzten Jahren um 200%,
während die Löhne und Gehälter nur um 45 % gestiegen sind. Allein
im Jahre 1969 sind die Preise für Obst und Gemüse durchschnitt-
lich um 50% gestiegen. 13) Nach amtlichen türkischen Angaben ver-
diente ein türkischer Industriearbeiter 1968 täglich durch-
schnittlich 28 TL, 1969 dagegen nur 27,7 TL. 14) Wenn man be-
denkt, daß in den Randgebieten der Industriestädte für eine ein-
fache unmöblierte Wohnung über 500 TL Miete monatlich zu zahlen
sind, 1 kg Fleisch 15-20, 1 kg Butter 20 und ein einfaches Nylon-
hemd 30-50 TL kosten, dann kann man sich ein Bild von den elenden
Lebensbedingungen eines Industriearbeiters machen. Nach der Ab-
wertung des TL im August dieses Jahres sind die Preise bis jetzt
durchschnittlich um 15% gestiegen. 15)
Noch schlimmer ist die Lage der Bauern. Ihr Einkommen ist unvor-
stellbar niedrig. Die am besten Verdienenden unter den Bauern
sind die Tabak-, Baumwoll- und Teepflanzer. Rechnet man nun das
jährliche Einkommen eines Tabakbauern um, so ergibt sich als
durchschnittlicher Tagesverdienst die "fürstliche" Summe von 59
Kurus (ca. 15 Pfg.). Ein Tabakexporteur dagegen verdient täglich
über 2.800,- TL.
Aber nicht nur der Lebensstandard der Arbeiter und Bauern in der
Türkei ist extrem niedrig, auch der der Lehrer, der Beamten und
sogar vieler türkischer Kleinunternehmer ist nahezu unerträglich.
Ein Lehrer oder ein unterer Beamter verdient oft weniger als
durchschnittlich ein Industriearbeiter. Am 1. Lehrerstreik in der
türkischen Geschichte im Dez. 1969 gegen diese elende 16) Entloh-
nung beteiligten sich daher auch 80% der Lehrer. Im Juni 1970
protestierten zehntausende Beamte gegen ihre miserable Lage.
Im besonderen die besitzlosen Klassen spüren, daß 1/3 des türki-
schen Budgets für militärische Zwecke verwendet wird. Die Türkei
unterhält 560 000 Soldaten. Gemessen an der Bevölkerungsgröße ist
das die größte Armee innerhalb der NATO und man kann sich ausma-
len, wie schwer das türkische Volk unter dieser zusätzlichen
Bürde zu tragen hat. Für eine Sache außerdem, die gerichtet ist
gegen das Land, von dem das türkische Volk am ehesten wirkliche
Hilfe erwarten könnte, der Sowjetunion.
Bei dem allgemeinen Lebensniveau und der unentwickelten Industrie
bleibt für viele Türken nur die zweifelhafte Hoffnung auf die
Möglichkeit einmal in Westdeutschland oder in Westberlin einen
Arbeitsplatz zu finden. Zur Zeit sind über 300 000 türkische Ar-
beiter in der Bundesrepublik beschäftigt, 900 000 warten auf ihr
"Glück".
Natürlich ist in der Türkei nicht nur der Lebensstandard der
breiten Volksschichten extrem hoffnungslos, ist nicht nur die In-
dustrie unentwickelt. Auch die Infrastruktur ist entsprechend
entmutigend: 55% der Bevölkerung können weder schreiben noch le-
sen. Von 40 000 Dörfern warten über 15 000 noch immer auf den Bau
von Schulen, von Verbindungswegen und Straßen und Trinkwasserauf-
bereitungs- oder Versorgungsmöglichkeiten. Der Ausbruch der Cho-
lera im Oktober 1970 illustriert diese Tatsachen in makabrer
Weise (vgl. FAZ 19. Oktober 1970).
Von 78.695 Hochschulbewerbern werden nur 20 bis 25 000 einen Stu-
dienplatz bekommen, wenn auch nicht den gewünschten Platz. Unter-
suchungen des amerikanischen Professors Fray (USA) haben ergeben,
daß 34% der Landbevölkerung den Namen keiner einzigen politischen
Partei kennen, daß dieser Prozentsatz bei nicht "nichtalphabe-
tisierten" Frauen sogar bei 54% liegt. In den Dörfern, in denen
die regierende "Gerechtigkeitspartei" die Wahlen mit absoluter
Mehrheit gewonnen hat, kennen z.B. nur 45% der Wahlberechtigten
den Namen dieser Partei. 17)
Seit 1968 verstärkt das türkische Volk seinen Kampf gegen seine
in- und ausländischen Ausbeuter und Unterdrücker. In den meisten
Fällen werden die Forderungen der Arbeiter auf dem Verhandlungs-
wege zunächst abgelehnt. Es häufen sich daher die spontanen
Streiks und Fabrikbesetzungen. Auch auf dem Lande verschärfen
sich die Klassenkämpfe. Industrie-und Landarbeiter führten Lan-
dinbesitznahmen durch. Obwohl die Großgrundbesitzer den Boden
sich sogar formal widerrechtlich angeeignet haben, ging die Poli-
zei grausam und mit blutigem Terror gegen das Volk vor. Die tür-
kischen Studenten verstärkten ihren antiimperialistischen Kampf.
Ihr Kampf gilt der in der Türkei deutlich spürbaren Präsens des
US-Imperialismus und der NATO, er richtet sich gegen die Armut
und das Elend des Volkes, aber auch gegen die schlechten Lebens-
bedingungen der Studenten selbst und für Studien- und Hochschul-
reform.
Die Antwort der türkischen Regierung besteht in der Verschärfung
des wirtschaftlichen Druckes, im Einsatz von faschistischen Kom-
mandogruppen und im Erlaß von Ausnahmegesetzen. Auf die wachsende
Schuldenlast und die passive Handelsbilanz reagiert die Regierung
mit Steuererhöhungen. 1969 wurden übrigens 54,5 % der Staatsein-
nahmen über indirekte Steuern aufgebracht.
Der Druck der Massen wird durch Aktionen faschistischer Schläger-
truppen beantwortet. Sie unterstehen dem Vorsitzenden der
"republikanischen Bauern" und der Nationalpartei. Die Regierung
duldet und unterstützt die Tätigkeit dieser türkischen SA. In
Trainingslagern werden sie ausgebildet, Kommandounternehmen gegen
fortschrittliche Gruppen und Organisationen durchzuführen. Be-
reits 12 Studenten wurden innerhalb der letzten 18 Monate ermor-
det. Ergänzt werden diese Kommandogruppen des Obersten Türkesch
durch die von angloamerikanischen Firmen ausgehaltenen Gruppen
von Religionsfanatikern. In ihren Presseorganen sind Ausführungen
wie die folgende nicht selten:
"Rührt euch nur, versucht euch aufzurichten. Wir werden euch um-
legen wie nasse Ratten. Wir werden euch zermalmen wie Wanzen.
Niemand wird euch aus unserer Hand retten können... Die Flüsse
Indonesien flössen tagelang rot durch das Blut der Kommunisten.
Die Hyänen im Wald, die Haie im Meer sind satt von Menschen-
fleisch. Genau 500 000 Kommunisten haben die indonesischen Mus-
lims geschlachtet. Ihre Hände mögen keine Sorge mehr kennen.
Meine schlitzäugigen muslimischen Brüder, sie mögen lang le-
ben..." 18)
Zugleich hat die Regierung Gesetze erlassen, die an die reaktio-
närsten Menderes-Zeiten anknüpfen. Neben der illegal kämpfenden
Kommunistischen Partei der Türkei gibt es eine legale Arbeiter-
partei, die sich als Folge der demokratischen Kämpfe konstituie-
ren konnte und der es auch gelungen ist, im Parlament vertreten
zu sein. Der Arbeiterklasse und ihren politischen und ökonomi-
schen Organisationen gelten die Hauptschläge des Demirel-Regimes.
So wurde vor einem Jahr im Parlament ein Arbeitergesetz durchge-
peitscht. Die Arbeiterklasse hatte sich mit Massenaktionen, an
denen sich über 180 000 Arbeiter beteiligten, gegen dieses anti-
demokratische Machwerk gewandt. Nach diesem Gesetz werden Streiks
erschwert und unter Strafe gestellt. In verschiedenen Verklausu-
lierungen wird der Austritt aus den bestehenden gelben Gewerk-
schaften erschwert und die Legalität der demokratischen Gewerk-
schaften eingeschränkt. Dennoch muß man erwarten, daß sich die
Zahlen, die Yakub Demir in seiner Schilderung der augenblickli-
chen Klassenkräfte und Klassenkämpfe in der Türkei während der
Moskauer Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien 1969
über den Organisationsgrad der Arbeiterschaft angab, weiter ver-
bessert haben. Danach sind mehr als 350 000 Werktätige in fort-
schrittlichen Gewerkschaften organisiert. 19) Eine große Zahl,
wenn man bedenkt, daß nur ca. 3 Millionen in Industrie und
Dienstleistungssektor beschäftigt sind und daß es außerdem noch
die gelben Gewerkschaften aus der Menderes-Zeit gibt.
Ein neues Vereinsgesetz untersagt nicht im Parlament vertretenden
oppositionellen politischen Vereinen jede Betätigung. Es ist
klar, daß Organisatoren von Demonstrationen zum Militärdienst
eingezogen werden.
Die Klassendiktatur in der Türkei wird getragen durch ein Bündnis
der US-amerikanischen Monopole mit der türkischen Kompradoren-
schicht, wobei letztere in besonderem Maße durch Gutsbesitzer und
anderen feudalistisch und reaktionär orientierten Schichten ge-
prägt ist. Für diese herrschende Klasse bildet ein besonderes
Problem der Kemalismus, eine national-kapitalistische Bewegung,
die auch heute noch in der Türkei über großes Ansehen verfügt.
Seinem Wesen nach ist der Kemalismus bürgerlich-demokratisch und
national-revolutionär. Seiner sozialen Basis und Ideologie nach
stützte sich der Kemalismus auf das fortgeschrittene Bürgertum
und die Bauernklasse. Getragen wurde der Kemalismus in der
Hauptsache durch das Militär, und besonders unter den jüngeren
und mittleren Offizieren gibt es auch heute noch viele fort-
schrittlich denkende links eingestellte Kemalisten. 20) Diese
stellen für die reaktionäre herrschende Klasse ein großes Problem
dar. Da die Versuche, die Offiziere der Armee zu korrumpieren,
nur zum Teilerfolgreich verlaufen, muß die reaktionäre herr-
schende Klasse versuchen, durch harmonische Übergabe der Macht an
das Militär die kemalistisch orientierten Teile der Armee zu
überspielen und auszuschalten.
In der Tat hatte sich in der Armee eine fortschrittliche Gruppe
gebildet. In den ersten Entwürfen für ein Ultimatum sollten als
Forderungen präsentiert werden: Demokratisierung des Staates, ri-
gorose Bekämpfung der Korruption 21), Durchsetzung der Bodenre-
form, Ausschaltung des militärisch-imperialistischen US-amerika-
nischen Einflusses. 22)
Diesem Unternehmen kamen Demirel und rechtsgerichtete Armeekreise
zuvor. Unter dem Vorwand eines drohenden kurdischen Aufstandes,
der notwendigen Bekämpfung der rechtsradikalen faschistischen
Gruppen sowie unter Hochspielung von anarchistischen Gruppen als
Gefahr für Volk und Staat gelang es zunächst, die fortschrittli-
che Offiziersgruppe zum Stillhalten zu bewegen und dann zu zer-
schlagen. Da die Proklamierung des Kriegsrechts unter dem Vorwand
der Bekämpfung rechter und anarchistischer Kräfte erfolgte, ge-
lang es den reaktionären Kräften zunächst auch größere Teile der
Arbeiterklasse und der übrigen fortschrittlichen Kräfte irrezu-
führen und zum Abwarten zu veranlassen. Insbesondere die Republi-
kanische Volkspartei der mittleren Bourgeoisie, von Kemal Pa-
scha's Kampfgefährten Inönü geführt, deckte dieses Manöver ab.
23) Im Grunde genommen kam es zur Spaltung der Volkspartei, da
der fortschrittlichere Generalsekretär Bülent Ecevit abgelöst
wurde und von Anfang an die Manöver richtig eingeschätzt hat.
Da ein Ende der ökonomischen Krise nicht absehbar ist und sich
ein immer größerer Teil der Arbeiterklasse, der Bauern und der
übrigen Werktätigen der demokratischen Bewegung anschließt, ver-
sucht die herrschende Klasse weiter Kurs auf die offene faschi-
stische Diktatur zu nehmen. Schon im Rahmen des gültigen Strafge-
setzbuches kann sich die herrschende Klasse in der Türkei auf fa-
schistische Gesetze stützen: So enthält das türkische StGB als §
141 die im faschistischen Italien 1926 geborene "Rechtsvor-
schrift": "... wer Vereine gründet, die bezwecken, nationale
Gefühle zu vernichten oder zu schwächen, oder wer versucht,
solche zu gründen, oder wer solche leitet oder Anweisungen gibt,
wird mit Zuchthaus bis zu drei Jahren bestraft." Gestützt auf
solche Gummiparagraphen sind in der Türkei schon unter "normalen"
Verhältnissen, also vor dem Ausnahmezustand, Zuchthausurteile von
mehr als 6 Jahren gesprochen worden, wenn nur utopisch-
sozialistische Modelle für die Türkei dargestellt wurden. 24)
Aber für die herrschende Klasse sind diese Bestimmungen zu wenig.
Ihr neuer Regierungschef Erim fordert eine Verfassungsänderung,
die den Ausnahmezustand verewigt und Streik- und Demon-
strationsrecht ein für alle mal verbietet. Denn die geltende Ver-
fassung sei liberaler als die Italiens, Frankreichs und der BRD.
Und: "In der Türkei können wir uns einen solchen Luxus nicht lei-
sten." 25)
Noch ist der volle Faschismus in der Türkei nicht Wirklichkeit
geworden. Für die antiimperialistischen Kräfte wird es darauf an-
kommen, ihre Kräfte zusammenzufassen. Allerdings sind die Kampf-
möglichkeiten mit der Abschaffung des Streikrechtes schon jetzt
sehr eingeschränkt. Die besondere Schwierigkeit besteht zum Teil
aber gerade darin, daß jede Inaktivität den Faschismus zur Si-
cherheit werden läßt, andererseits bei den Aktionen und den Mas-
senaktionen jede Verbindung mit den anarchistischen und terrori-
stisch operierenden Banden ausgeschlossen werden muß.
Wilhelm Erdmann
_____
1) SPIEGEL Nr. 20/1971, Hamburg.
2) Vgl. z.B. DIE WAHRHEIT 10.10.1970, 15.10.1970, vgl. auch FAZ
vom 20.10.1970. Der türkische Staatspräsident über die 350 000
Gastarbeiter in der BRD: er begebe sich mit dem guten Bewußtsein
nach Bonn, daß es dort "keine Probleme zu lösen gibt".
3) Vgl. auch: L. Eisner: FREMDARBEITERPOLITIK IN WESTDEUTSCHLAND,
Berlin 1970 und DWI-BERICHTE 16/1964, p. 294-298 und DWI-BERICHT
7/66.
4) Prof. Dr. Gülten Kazgan: "Iktisadi Durgunluk, vergiler ve yeni
zamlar", CUMHURIYET, 16. Juli 1970.
5) Entfällt.
6) Doc. Dr. Suat Aksoy: TÜRKIYE DE TOPRAK MESELESI, Januar 1969,
S. 88.
7) Gülten Kazgan, e.d. 15. Juli 1970.
8) Ziya Kaya: "Merkez Bankasi Eski Genel Baskani, Dis ticaret Po-
litikamiz", CUMHURIYET, 17. Juni 1970.
9) Jürgen Tern: 'Ankara am Rande der Diktatur, Türkei - Heikles
Stadium", in: DEUTSCHE ZEITUNG/CHRIST UND WELT, 7. Mai 1971, S.
7.
10) "Ecvet Güresin, Arttiriyorlar", CUMHURIYET, 9. Juni 1969.
11) Gülten Kazgan, e.d.
12) Halük Ulman: "Türk Ulusal Savunmasi üzerine düsünceler", SBF
DERGISI, November 1966, S. 212.
13) CUMHURIYET, 20. Juni, 14. Juli 1969.
14) Gülten Kazgan, e.d.; vgl. dazu auch die Zeitung der IG Che-
mie, P.K. Juli 1969: Löhne bei Türk-Hoechst DM 1,10 in der
Stunde, vor dem Streik DM 0,80.
15) CUMHURIYET, 11.-13. August 1970.
16) "Lehrerstreik in der Türkei", SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 16. Dezem-
ber 1969.
17) Ilhan Selcuk, CUMHURIYET, 16. Oktober 1969.
18) Mehmed Sevki Eygi, in: BUGÜN, 7.4.1967; zitiert nach: Türki-
scher Studentenverein in Berlin: DER SCHLEICHENDE FASCHISMUS IN
DER TÜRKEI, Westberlin 21.9.1970, (Dokumentation im Umdruck).
19) INTERNATIONALE BERATUNG DER KOMMUNISTISCHEN UND ARBEITERPAR-
TEIEN, Moskau 1969, S. 765.
20) Über die Erfahrungen mit dem türkischen Kemalismus berichtet
ausführlich G. Barthel in seiner Analyse "Der industrielle Aufbau
in der Türkei zwischen 1923 und 1966", in: JAHRBUCH DER WIRT-
SCHAFTSGESCHICHTE, Teil III, Berlin 1968.
21) Rudolph Chimelli: "Zwischen grünem Turban und roten Köpfen",
in: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, Februar 1971: "... nur durch die Abset-
zung von Beamten des Rechnungshofes und anderer taktischer Manö-
ver konnte Demirel verhindern, daß ihm nicht selber eine Verwick-
lung in die Familiengeschäfte nachgewiesen wurde."
22) ANT, 13. Mai 1971, sosyalist teorie ve eylem dergisi, S. 7.
23) FAZ, 5., 6. und 12. Januar 1971, Auch Inönü ruft nach der Ar-
mee, etc.
24) Zit. nach: DER SCHLEICHENDE FASCHISMUS, a.a.O.
25) SPIEGEL Nr. 20/1971, Hamburg.
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