Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1971


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       Diskussion und Besprechung
       Intelligenz im Klassenkampf
       

VERSUCH ZUR BESTIMMUNG DER AUFGABEN DER KOMMUNISTISCHEN INTELLEKTUELLEN

Im Verlauf der Studentenbewegung gelangten Teile der Intellektu- ellen dazu, den Gegensatz zur Arbeiterbewegung, in dem sie sich befanden, zu konstatieren und darüberhinaus zu erkennen, daß ihre Aktionen solange aussichtslos bleiben müßten, wie sie losgelöst von den Aktionen der Arbeiterklasse durchgeführt würden. Die Ein- sicht, daß die Isolation der Studentenbewegung nur aufzuheben sei durch die Aufhebung der Studentenbewegung selbst als einer auf partielle gesellschaftliche Bereiche beschränkten Bewegung, ist der letzte Schritt, der auf dem Boden der Studentenbewegung zu vollziehen ist. Es gehört nun aber zu einem der von den Intellektuellen sich selbst erschaffenen Drangsale, selbst die Aufhebung der Studen- tenbewegung und ihre Vermittlung mit der Arbeiterbewegung noch auf dem Boden der Studentenbewegung vollziehen zu wollen, indem entweder "der Intelligenz" eine für die Kämpfe der Arbeiterklasse initiierende Rolle zugesprochen wird oder pauschal "die Intelli- genz" als Bündnispartner an den Kämpfen der Arbeiterklasse betei- ligt werden soll. Wir werden dagegen zu entwickeln versuchen, daß sich die Aufgaben der kommunistischen Intellektuellen prinzipiell nicht von denen der Kommunisten überhaupt unterscheiden, daß also der Bestimmung der Aufgaben der kommunistischen Intellektuellen die Bestimmung der Aufgaben der Kommunisten vorausgesetzt ist. Wie man diese Aufgaben bestimmt, hängt von der Auffassung ab, was Kommunismus ist. I Der Kommunismus ist die aus dem Zerfallsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft hervorgehende Bewegung, die zu einer neuen Form der Gesellschaftlichkeit der Arbeit führt. Dieser Zerfallsprozeß, der in allen gesellschaftlichen Beziehungen seinen mehr oder minder vermittelten Ausdruck findet, ist in letzter Instanz bestimmt durch die Tendenzen der materiellen Produktion; er ist notwendi- ges Resultat der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produkti- onsweise. Deren bestimmendes Motiv ist die schrankenlose Verwertung des Werts. Sie beruht auf der Aneignung unbezahlter Arbeit; daraus erwächst der immanente Trieb des Kapitals, beständig die Mehrar- beit gegen die notwendige Arbeit zu verlängern, indem durch Stei- gerung der Produktivkraft der Arbeit die in die Reproduktion der Arbeitskraft eingehenden Waren verbilligt werden und dadurch der Wert der Arbeitskraft selbst gesenkt wird. Die Produktivkräfte entwickeln sich durch die Entfaltung der gesellschaftlichen Po- tenzen der Arbeit. Die Bourgeoisie ist daher gezwungen, die Ar- beiter zu vereinigen; sie muß beständig die Klasse vergrößern, der die Verwirklichungsbedingungen ihrer Arbeit und damit die Entwicklung der gesellschaftlichen Potenzen der Arbeit feindlich gegenüberstehen. Sie produziert in den Lohnarbeitern ihren eige- nen Totengräber und entwickelt durch die Vereinigung der Arbeiter die grundlegende Bedingung des Sieges der Arbeiterklasse über sie. Daß die Arbeiter diesen vom Kapital gesetzten Zusammenschluß un- mittelbar zur Vereinigung gegen die Bourgeoisie selbst wenden, dem steht entgegen, daß sie sich ihres Verhältnisses zur Bour- geoisie als eines Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisses zunächst nicht bewußt sind. Sie unterliegen vielmehr der Illusion, beim Verkauf ihrer Ar- beitskraft als gleichberechtigte Warenbesitzer in Beziehung zum Kapitalisten zu treten, woraus sich sämtliche Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft entwic- keln. Ihre ökonomische Hörigkeit ist durch den beständigen Ver- kauf ihrer Arbeitskraft zugleich vermittelt wie versteckt. Steigerung der Produktivkraft der Arbeit zur Erhöhung des Mehr- werts bedeutet vermehrte Anwendung von Maschinerie, d.h. Erset- zung von lebendiger durch tote Arbeit. In dem Maße, wie sich das Maschinensystem, die große Industrie, entwickelt, wird der Zweck des Kapitals, seine maßlose Verwertung, zunehmend unverträglich mit den Mitteln seiner Verwirklichung. Wenn die Maschinerie durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit die Mehrarbeit verlän- gert auf Kosten der notwendigen Arbeit, so kann sie das nur, in- dem die Zahl der von einem gegebenen Kapital angewandten Arbeiter verringert wird. Das Kapitalverhältnis enthält daher einen abso- luten Widerspruch zwischen dem Setzen der Arbeitszeit als einzi- gem Maß und Quelle des Reichtums einerseits und der Reduktion dieser Arbeitszeit auf ein Minimum andererseits. Dieser Wider- spruch, der ein Widerspruch ist zwischen den Produktivkräften und den bornierten Verhältnissen, in denen sie sich entwickeln, äu- ßert sich zunehmend in Konflikten und Krisen, gewaltsamen momen- tanen Lösungen des Widerspruchs zwischen dem Streben nach unbe- schränkter Entfaltung der Produktivkräfte und der beschränkten Konsumtionsfähigkeit der Massen unter kapitalistischen Produkti- onsverhältnissen. Die kapitalistische Produktion lebt daher in einem beständigen Zyklus aufeinanderfolgender Perioden mittlerer Lebendigkeit, Prosperität, Überproduktion, Krise und Stagnation, dessen Neuauflage jeweils mit der Einführung verbesserter Maschi- nerie beginnt und mit umso schnellerer Überfüllung der Märkte en- det, dessen Abfolge sich daher verkürzt. Das Proletariat ist die Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, die an den Zeiten ihrer Prosperität am wenigsten und dafür umso mehr an denen ihrer Krisen partizipiert. Die Auflösung der bürgerli- chen Gesellschaft in der Beschleunigung ihrer periodischen Zusam- menbrüche ist daher zugleich der Prozeß, in dem sich das Proleta- riat der prinzipiellen Unverträglichkeit seiner Interessen mit denen der Bourgeoisie bewußt wird und sich seine Vereinigung aus einem bloßen Mittel zur Verbesserung der Verkaufsbedingungen der Arbeitskraft zur bewußten Klassenorganisation gegen das System der Lohnarbeit selbst wandelt. Die Entwicklung von Klassenbewußtsein ist der Prozeß der Auflö- sung der Illusion der Gleichheit der Warenbesitzer, der in der Einsicht in den Charakter der Lohnarbeit mündet. Dieser Prozeß selbst ist vermittelt über die Bewegung des industriellen Zyklus. Die wechselnde Verteilung des Kapitals innerhalb des industriel- len Zyklus auf die verschiedenen Zweige der Produktion bringt die Unsicherheit und Unstetigkeit in der Lebenslage des Arbeiters mit sich; einerseits den fortwährenden Wechsel in der Art der Be- schäftigung selber, andererseits den Wechsel von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit überhaupt. Wenn also in der Sphäre der Zir- kulation in der bürgerlichen Gesellschaft durch die Möglichkeit des Wechsels der individuellen Lohnherren und die Oszillationen im Marktpreise der Arbeitskraft die Vorstellung der Freiheit und Unabhängigkeit bei den Arbeitern vorherrscht, so zeigt sich in der Bewegung des industriellen Zyklus, daß einer der beiden Kon- trahenten, das Kapital, selbst noch die Verkaufsbedingungen der Arbeitskraft diktiert. Je nachdem die Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals die zur Verfügung stehenden exploitablen Menschen- massen überflügeln, also die Nachfrage nach Arbeit ihr Angebot übersteigt oder umgekehrt, verändern sich die Verkaufsbedingungen der Arbeitskraft, steigen oder sinken die Arbeitslöhne und werden Teile der Arbeiterklasse gänzlich am Verkauf ihrer Arbeitskraft verhindert. Damit vollendet sich einerseits die Despotie des Ka- pitals. Andererseits ist durch die ständige Unsicherheit der Le- benslage, den ständigen Wechsel der Beschäftigung und die peri- odische Arbeitslosigkeit, die allein von der Rate des Profits ab- hängt, die materielle Grundlage für die Einsicht gegeben, daß der Arbeiter konkret nützliche Arbeit nur leisten kann, wenn er bei der Verausgabung abstrakt-menschlicher Arbeit Mehrarbeit leistet. Damit wird den Arbeitern zunehmend einsichtig, daß die Gleichgül- tigkeit gegenüber dem konkret-nützlichen Charakter ihrer Arbeit grundlegende Bestimmung der Lohnarbeit überhaupt ist. Der Arbei- ter ist in der kapitalistischen Produktionsweise an dem Ge- brauchswert seiner Arbeitskraft nur interessiert, sofern dieser Mittel zur Realisation des Werts seiner Arbeitskraft ist. Das Ka- pital ist an dem Gebrauchswert seiner Arbeitskraft nur interes- siert, sofern der Gebrauchswert seiner Arbeitskraft Quelle von Mehrwert ist. Die Einsicht in diesen Zusammenhang ist zugleich die wichtigste Voraussetzung für die tendenzielle Aufhebung der Konkurrenz unter den Arbeitern. Mit der Vollendung der Despotie des Kapitals ist also die Möglichkeit gegeben, den Austausch von Arbeit und Kapital, der als ein Verhältnis von gleichberechtigten ebenbürtigen Personen erschien, als bloßes Moment eines Herr- schafts- und Knechtschaftsverhältnisses zu durchschauen. Wie diese Einsicht, daß das System des Privateigentums nur auf dem Nichteigentum der Arbeiter beruht, damit in die Herrschaft des Kapitals über die Arbeiterklasse, sich verbreitert, verwandelt sich die Vereinigung der Arbeiter aus einem bloßen Mittel zur Aufrechterhaltung und Verbesserung des Lohnniveaus zu einer Ver- einigung gegen diese Herrschaft selbst. Die Entwicklung der Arbeiterbewegung ist vermittelter Ausdruck der unsystematischen, naturwüchsigen, planlosen Bewegung der ka- pitalistischen Produktion. Je schärfer deren Widersprüche ekla- tieren, je unsicherer die Bewegung des Kapitals, je schwankender die bürgerlichen Verhältnisse werden, desto mehr konsolidiert sich die Arbeiterbewegung. Sie wird umso geschlossener und kraft- voller, die Propaganda der neuen Form der Arbeit durch die Ver- hältnisse selbst wirkt umso nachhaltiger, je mehr die Produktiv- kräfte der alten Form über den Kopf wachsen. Die bewußte Organi- sation der Arbeiter als Klasse ist insofern selbst das Resultat eines naturwüchsigen Prozesses, weil ihre materielle Grundlage der Auflösungsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft ist. Denn ebenso wenig, wie der Prozeß der Auflösung der kapitalistischen Produktionsweise gradlinig verläuft, sich vielmehr erst in der periodischen Bewegung von Expansion und Zusammenbruch als Tendenz die Unfähigkeit des Kapitals herausstellt, weiterhin die gesell- schaftliche Arbeit zu organisieren, so vollzieht sich die Konso- lidierung der Arbeiterbewegung nur in der gegenläufigen Bewegung ihrer Stärkung und Schwächung, von allgemeiner Konkurrenz der Ar- beiter gegen das Kapital und Konkurrenz der einzelnen Arbeiter untereinander, in der erst langsam, durch alle Konfusionen, Wi- dersprüchlichkeiten, Zusammenhangslosigkeiten hindurch, in denen alles Massendenken sich zunächst notwendig bewegen muß, solange es nicht vollends von der Herrschaft der bürgerlichen Ideologie befreit ist das Bewußtsein der Arbeiterklasse von sich als dem Träger des historischen Prozesses entsteht. Das gilt einerseits in dem Sinn, daß erst auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung die kapitalistische Produktionsweise die materiellen Bedingungen einer wirklich revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse und der Einsicht in die historischen Bedingun- gen der Bewegung hervorbringt, d.h. daß historische Bedingungen bestehen für die Ablösung der sozialistischen Sekten durch eine wirkliche Kampforganisation der Arbeiterklasse. (In dieser allge- meinen Bestimmung bleibt der Zusammenhang der ungleichzeitigen Entwicklung des Kapitalismus in den einzelnen Ländern und deren Stellung auf dem Weltmarkt sowie die internationale Solidarität der Arbeiterklasse unberücksichtigt.) Diese Partei der Arbeiter- klasse erst kann eine revolutionäre Taktik entwickeln, die die Grundlage einer erfolgreichen proletarischen Politik bildet: Auf- grund der Einsicht in die wirkliche Bewegung des materiell-ökono- mischen Prozesses bewußt die Auflösung der bürgerlichen Gesell- schaft zu beschleunigen. Indem sie das Bewußtsein der Naturwüch- sigkeit dieses Prozesses entwickelt, kann sie selbst in diesen eingreifen, ohne unmittelbar in den Phasen relativer Stabilität der kapitalistischen Produktionsweise, die die Arbeiterbewegung schwächen, dieser Schwächung unterworfen zu sein und somit den erreichten Stand ihrer Konsolidierung preiszugeben. Andererseits bleiben die Möglichkeiten ihrer Ausdehnung und der kommunisti- schen Agitation und Propaganda diesem naturwüchsigen Prozeß un- terworfen. Diese Zwiespältigkeit in die Politik aufzunehmen, heißt, in den aktuellen Auseinandersetzungen, so unentwickelt ihr Stand, so konfus ihre Zwecke sein mögen, nicht zu vergessen, daß sie notwendige Durchgangsstadien auf dem Wege zur Emanzipation des Proletariats sind; jeweils zu untersuchen, in welcher Weise - wie vermittelt auch immer - die vorgegebenen Ziele der proletari- schen Bewegung in ihnen ihren Ausdruck finden. Diese Untersuchung und die Propaganda der allgemeinen Ziele des Kampfes in jeder seiner Phase und bezogen auf diese, kurz, mit den Worten des Kom- munistischen Manifests: in der Gegenwart der Bewegung die Zukunft der Bewegung zu repräsentieren, ist Aufgabe der Kommunisten. II Der Vermittlung der Tendenz der aktuellen Kämpfe mit den allge- meinen Zielender sozialistischen Bewegung ist die Untersuchung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft und des jeweiligen Entwicklungsgrades ihrer Antagonismen vorausgesetzt. Diese kann nur geleistet werden auf Basis des Kommunismus, soweit er theore- tisch ist, des wissenschaftlichen Sozialismus. Der wissenschaftliche Sozialismus ist keine Doktrin, die von ei- nem bestimmten ideologischen Prinzip ausgeht - etwa der abstrakt ideologischen Forderung nach Aufhebung des Privateigentums - und daraus weitere Konsequenzen zieht, sondern er geht von Tatsachen aus. Er geht aus von der historisch spezifischen Form der Organi- sation gesellschaftlicher Arbeit, von dem Widerspruch der Produk- tionsverhältnisse zu den Produktivkräften gesellschaftlicher Ar- beit, die sich in ihnen entwickeln, und der damit durch die Ver- hältnisse selber gesetzten Notwendigkeit der Aufhebung des Pri- vateigentums. Der wissenschaftliche Sozialismus ist die theoretische Verarbei- tung der naturwüchsig aus den Produktionsverhältnissen selbst hervorgehenden Tendenzen des Sozialismus, die ideelle Reproduk- tion der wirklichen Bewegung. Als solche schließt er das Doppelte ein: einerseits die Dechiffrierung des inneren Zusammenhangs der erscheinenden Bewegung des Kapitals an der Oberfläche der bürger- lichen Gesellschaft, andererseits den theoretischen Ausdruck der wirklichen Entwicklung, wie sie sich in den aktuellen Klas- senkämpfen durchsetzt. Jeder Untersuchung der Stellung des Prole- tariats innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu einem bestimm- ten Zeitpunkt ist - soll sie nicht von vornherein den gegeneinan- der verselbständigten und verkehrten Formen aufsitzen, in denen die wirkliche Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung, die gesellschaftliche Arbeit, in der bürgerlichen Gesellschaft er- scheint - die Kenntnis jenes inneren Zusammenhanges vorausge- setzt. Nur in der Einheit dieser beiden Momente ist der Anspruch des wissenschaftlichen Sozialismus, ideeller Ausdruck der wirklichen Bewegung zu sein, eingelöst. Kommunistische Politik auf Basis des wissenschaftlichen Sozialismus kann also nur heißen, für jede wirklich allgemeine Bewegung der Arbeiterklasse einzutreten, de- ren faktischen Ausgangspunkt als solchen zu akzeptieren und sie schrittweise dadurch auf die theoretische Höhe zu bringen, indem nachgewiesen wird, wie jeder von Seiten der proletarischen Bewe- gung begangene Fehler eine notwendige Folge falscher theoreti- scher Ansichten war. Die Kommunisten erfinden keine politische Bewegung, sondern erklären den Arbeitern den Charakter und das Ziel der proletarischen Bewegung, und zwar Arbeitern, die in ih- rer Mehrzahl heute noch in ihren Auffassungen den Vorurteilen und Borniertheiten bürgerlicher Ideologie unterliegen. Sie setzen also nicht dem Proletariat die Bedingungen seiner Emanzipation als zu erfüllende Doktrin gegenüber, sondern erklären aus den ge- gebenen Verhältnissen den Proletariern die Notwendigkeit ihrer Unterdrückung und Ausbeutung und der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat. In einer Situation, wo die proletarischen Massen trotz der Ver- schärfung der Klassenkämpfe weitgehend unter dem Einfluß der herrschenden Klasse stehen, muß die Politik der Kommunisten in erster Linie auf das Aufrütteln der arbeitenden Klasse und auf die Konsolidierung der proletarischen Massenpartei gerichtet sein, auch um den Preis eines unzureichenden Programms, solange diese Partei eine distinkte Klassenpartei ist und am Ziel der so- zialen Emanzipation des Proletariats festhält. Daß sich die Kon- solidierung nur im Prozeß der Kritik und Korrektur der unzurei- chenden Teile des Programms vollziehen kann, gilt auch für die DKP und für die SEW. Es bedeutet, den wissenschaftlichen Sozia- lismus nicht begriffen zu haben, wenn Intellektuelle eine beson- dere Partei gegen die bestehende und in den Massen verankerte Ar- beiterpartei gründen, weil diese ihnen nicht "revolutionär" genug ist. III Wenn es eine den Intellektuellen als Kopfarbeitern gemeinsame Ei- genschaft ist, aufgrund ihrer wissenschaftlichen Qualifikation sich durch das gründliche Studium des wissenschaftlichen Sozia- lismus individuell Einsicht in die wirkliche Entwicklung ver- schaffen zu können, so ist dies noch lange keine Bestimmung, die sie als besondere Schicht von der Arbeiterklasse unterscheidet. Wenn dies dennoch zum Kriterium der Unterscheidung gemacht wird, so lassen sich daraus zwei Konzeptionen der Rolle der Intelligenz im proletarischen Klassenkampf ableiten: entweder wird der Intel- ligenz als homogener Schicht eine initiierende Rolle im proleta- rischen Klassenkampf zugesprochen oder sie wird pauschal als Bündnispartner des Proletariats behandelt. Einmal werden die Klassenkämpfe nicht aus dem wirklichen Auflösungsprozeß der bür- gerlichen Gesellschaft abgeleitet, in dem die Kommunisten nur v o r w ä r t s t r e i b e n d e Funktionen haben können, zum anderen wird nicht die Stellung im Reproduktionsprozeß als das wesentliche Moment bei der Bestimmung des Verhältnisses der Klas- sen und der daraus abgeleiteten revolutionären Taktik aufgefaßt, sondern die gemeinsame Eigenschaft der Kopfarbeit zum Charakteri- stikum der gesellschaftlichen Stellung der Intelligenz gemacht. Demgegenüber ist daran festzuhalten, daß jede wissenschaftliche Analyse der Rolle der "Intelligenz" im Klassenkampf des Proleta- riats auszugehen hat von der Bestimmung der Stellung der ver- schiedenen Fraktionen der geistigen Produzenten im gesellschaft- lichen Reproduktionsprozeß und den dieser Stellung entsprechenden oder aufgrund tradierter Klassenvorurteile zunächst noch wider- sprechenden Bewußtseins. Von der ökonomischen Formbestimmung ausgehend, also vom Verhält- nis der Produzenten zum Eigentum an den objektiven Produktionsbe- dingungen aus, lassen sich zwei wesentliche Fraktionen der "Intelligenz" bestimmen, deren weitere Analyse eine der wesentli- chen Aufgaben bei der Erarbeitung einer wissenschaftlich begrün- deten Bestimmung sozialistischer Hochschulpolitik darstellt. Hier kann zunächst nur versucht werden, diese zu umreißen und einige Probleme zu benennen, die in der weiteren Diskussion wichtig wer- den: 1. Der weitaus größte Teil der "Intelligenz" lebt vom Verkauf der Ware Arbeitskraft, ist nicht Eigentümer von Produktionsmitteln und daher objektiv eine Fraktion der Arbeiterklasse. Seine Ana- lyse ist somit Teil der Analyse der Struktur und des Bewußtseins der verschiedenen Fraktionen der Arbeiterklasse selbst. a. Direkt unters Kapital subsumierte geistige Produzenten. Tausch der Ware Arbeitskraft gegen Kapital. Weiter zu differenzieren un- ter dem Gesichtspunkt von Produktions- und Zirkulationsagenten. Die aus den immanenten Gesetzen der kapitalistischen Produktion hervorgehende Notwendigkeit der Entwicklung der Produktivkräfte, der Vergesellschaftung der Produktion drückt sich in der zuneh- menden Verwissenschaftlichung der materiellen Produktion aus, d.h. dem ständigen Wachstum von direkt in der materiellen Repro- duktion tätigen geistigen Produzenten, der "wissenschaftlich- technischen Intelligenz", die produktive Arbeiter sind. Mit der reellen Subsumtion der Wissenschaft unter das Kapital, der Verge- sellschaftung des wissenschaftlichen Forschungsprozesses, ver- schwindet zunehmend deren isolierte Arbeit. (Probleme, die bei der detaillierten Analyse und bei der Agitation zu berücksichti- gen sind: Differenzen der Lohnform, Dirigentengehalt, Doppelnatur der Leitungstätigkeit, Dequalifikation.) Vom Kapital als Zirkulationsagenten angestellte geistige Produ- zenten, die, sofern sie Mehrarbeit leisten, die negative Schranke der Verwertung des Kapitals senken. Mit der Entwicklung der kapi- talistischen Produktion gehen nicht nur die Oberaufsicht über die Produktion, sondern sämtliche Zirkulationstätigkeiten von den in- dustriellen und kommerziellen Kapitalisten in die Hände von, wenn auch teilweise hoch dotierten Lohnarbeitern über; der Kapitalist verschwindet ebenso wie der Grundeigentümer als überflüssige Per- son aus dem Produktionsprozeß und verwandelt sich in bloßen Be- sitzer von Eigentumstiteln als Anweisung auf einzustreichenden Mehrwert. (Probleme: Managergehalt; Kriterien zur Abgrenzung der Arbeiterklasse nach oben, Dequalifikation der Zirkulationsarbei- ten.) b. Im öffentlichen Dienst (Staat, gemeinnützige Verbände etc.) beschäftigte Teile der Intelligenz, die vom Verkauf ihrer Ar- beitskraft leben. Tausch des Werts der Arbeitskraft nicht gegen Kapital, sondern gegen Revenuen (wo der Staat als Kapitalist auftritt, unter a. zu behandeln), wo die Arbeiter, obgleich sie freie Lohnarbeiter sind wie alle ändern, doch ökonomisch in einem anderen Verhältnis ste- hen. Sie sind notwendige oder nützliche, dennoch unproduktive Ar- beiter. Entsprechend der Doppelnatur des bürgerlichen Staats, zum einen die Herstellung der allgemeinen Produktions- und Verkehrs- bedingungen zu übernehmen, sofern dies nicht direkt vom Kapital übernommen wird, zum ändern seine dem Klassencharakter der Ge- sellschaft geschuldete Unterdrückungsfunktion verschmelzen auch bei diesen notwendigen Arbeiten die gesellschaftlich nützlichen Tätigkeiten mit den bloßen Unterdrückungsfunktionen (z.B. gei- stige Produzenten in der Planung, im Gesundheits- und Ausbil- dungswesen etc.). (Probleme: Unterschiede der Lohn- und Versiche- rungsformen, Altersrente etc. Weil direkt dem Staat untergeord- net, Schwierigkeiten bei der Erkenntnis des Gegensatzes von Lohn- arbeit und Kapital, die nur über die Einsicht in die Funktion des Staats in der bürgerlichen Gesellschaft herzustellen ist.) Von diesen unproduktiven, aber notwendigen Arbeitern zu unter- scheiden sind die ideologischen Stände im öffentlichen Dienst, deren Tätigkeit rein den Unterdrückungsfunktionen des bürgerli- chen Staats geschuldet ist: Alle Sorten von ideologischen und po- litischen Repräsentanten der herrschenden Klasse. Die Bourgeoisie läßt diese, soweit es ihr möglich, aus den Revenuen aller gesell- schaftlichen Klassen (über Steuern) bezahlen (das gleiche bei den von Kirchen beschäftigten Ideologen). Daneben existiert noch eine kleinere Anzahl von Intellektuellen, die den Wert ihrer Arbeits- kraft direkt gegen Revenue einer bestimmten Klasse tauschen (Parteien, Industrieverbände, Gewerkschaften). 2. Die zweite Fraktion der Intelligenz sind selbständige "freischaffende" Kleinproduzenten, im Besitz ihrer Produktions- mittel: Künstler, Mediziner, Juristen, Architekten, Journalisten etc. Diese sind Teil der Zwischenklasse der Kleinproduzenten (Kleinbürger und Kleinbauern); sie werden zunehmend gegenüber der proletarischen Intelligenz gesellschaftlich und zahlenmäßig irre- levant. Sofern Mitglieder der herrschenden Klasse als Intellektuelle tä- tig sind, ist dies von ihrer Funktion als Eigentümer der Produk- tionsmittel zu unterscheiden. Auch dieser Teil der Intelligenz ist als gesellschaftlich völlig irrelevant zu vernachlässigen. Schon aus dieser knappen Skizze wird ersichtlich, daß nicht gene- rell vom "Bündnispartner" Intelligenz im Klassenkampf des Prole- tariats gesprochen werden kann. Der weitaus größte und gesell- schaftlich allein ausschlaggebende Teil der Intellektuellen ist objektiv ein Teil der Arbeiterklasse. Was ihn betrifft, gutes, die tradierten Bewußtseinsformen aufzulösen, welche die Einsicht in diesen Zusammenhang großen Teilen der proletarischen Intelli- genz noch verstellt. An Stelle der Phrase von der Bündnispolitik mit den Intellektuellen muß die Herstellung der Einheit der ver- schiedenen Fraktionen der Arbeiterklasse als adäquate revolutio- näre Taktik entwickelt werden. Die Phrase von der Bündnispolitik verstärkt nur die durch die objektive Entwicklung des Kapitalis- mus überholten, verkehrten Bewußtseinsformen dieses Teils der In- telligenz und ist daher in zunehmendem Maß ein Hindernis bei der Entwicklung proletarischen Klassenbewußtseins. (Auf die besonde- ren Probleme der Agitation dieses Teils der Arbeiterklasse kann hier nicht näher eingegangen werden.) Nur in bezug auf die ihrer objektiven Stellung nach - Besitz ihrer Produktionsmittel - kleinbürgerlichen Intellektuellen wäre die Konzeption des Bünd- nisses im Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft theoretisch einsichtig. Abgesehen von ihrer objektiven gesellschaftlichen Be- deutungslosigkeit verhindert ihre weitgehend isolierte Arbeit und das Vorherrschen des ihrer gesellschaftlichen Stellung angemesse- nen kleinbürgerlichen Bewußtseins eine wirkungsvolle, dem Kräfte- aufwand angemessene Agitation. Neben diesen Teilen der Intelli- genz, die im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß stehen und deren objektive Funktion im Klassenkampf des Proletariats ebenso wie ihre jeweiligen Bewußtseinsformen aus dieser Stellung erklärt werden müssen, ist kurz auf denjenigen Teil der Intelligenz ein- zugehen, der zu Zwecken der Qualifikation der Arbeitskraft zeit- weilig vom Zwang zur Reproduktion der Arbeitskraft freigestellt ist: die Studenten. Auch dieser Teil ist notwendigerweise, was Klassenherkunft und künftige Berufsperspektive angeht, heterogen. Während die im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß stehenden Produktionsagenten die gesellschaftlichen Widersprüche mehr oder weniger direkt erfahren, reproduzieren sich diese für die in der Ausbildung stehenden Teile der Intelligenz nur vermittelt über Konflikte an den Ausbildungsstätten, im Widerspruch zwischen Be- rufserwartung und wirklichem Studiengang etc. Abgesehen von ihrer gemeinsamen Freistellung vom Reproduktionsprozeß ist die Be- rufserwartung, die sich in den verschiedenen Studienrichtungen ausdrückt bei der Agitation von Studenten zu berücksichtigen. Aus dem oben entwickelten folgt, daß es für Kommunisten an der Hochschule folgende Aufgaben zu lösen gilt: 1. Aufbau des sozialistischen Studiums: Dieses selbst muß immer ein doppeltes beinhalten. Zum einen die Aneignung des wissen- schaftlichen Sozialismus, die die Voraussetzung bildet für die Erkenntnis der Stellung der Intelligenz im gesellschaftlichen Re- produktionsprozeß als Fraktion der Lohnarbeiterklasse und damit auch der Erkenntnis der mit der Lohnarbeit gesetzten Gleichgül- tigkeit gegenüber dem konkret-nützlichen Charakter der Arbeit; weiterhin die Vorbereitung auf den gewerkschaftlichen und politi- schen Kampf am Arbeitsplatz; Ausbildung zu Agitatoren und Propa- gandisten der Ziele der proletarischen Bewegung. Zum ändern muß immer die gründliche Qualifikation der Arbeitskraft sicherge- stellt werden. Für die sozialwissenschaftlichen Bereiche bedeutet dies, daß be- rufsqualifizierende Ausbildungsgänge von den Sozialisten über- haupt erst erkämpft und eingerichtet werden müssen. Für alle Aus- bildungsbereiche gilt, daß für die Aneignung des wissenschaftli- chen Sozialismus und darauf aufbauende Untersuchungen und Tätig- keiten umso mehr Zeit zur Verfügung steht, je effizienter (Ökonomie der Zeit) die Ausbildung für besondere Berufsqualifika- tion sein wird. 2. Beteiligung an den Auseinandersetzungen im Hochschulbereich um die Erkämpfung und Absicherung der Möglichkeiten der Aneignung des wissenschaftlichen Sozialismus, um die Erkämpfung besserer Bedingungen der Qualifikation der Arbeitskraft, und um die Erwei- terung der Aktionsbasis der Sozialisten an der Hochschule (Internationalismuskampagnen, Wahlkampfunterstützung, Solidari- tätsaktionen zur Unterstützung der Kämpfe der Arbeiterklasse). IV Für die aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Sekten, die sich "Proletarische Aufbauorganisationen" nennen, gilt - wie für alle Sekten -, daß die Bewegung des proletarischen Klassenkampfes an ihnen vorbeigeht und sie zur vollständigen Bedeutungslosigkeit verurteilt. Ihr gegenwärtiger Einfluß an der Hochschule, der darin besteht, Verwirrung unter den Studenten zu stiften, macht es jedoch notwendig, auf ihre zentralen Vorstellungen einzugehen. Die KPD-AO: ----------- War die Studentenbewegung in der Möglichkeit ihres Kampfes gegen den "autoritären bürgerlichen Staat" und unmittelbar gegen den Staatsapparat bald an ihre Schranken gestoßen, so erkannten viele Studenten, unter ihnen auch die Gründer der AO, daß die einzig revolutionäre Kraft das Proletariat ist: "Wir (die westdeutschen und Westberliner Studenten) wehrten uns ebenfalls noch gegen die Einsicht, daß einzig und allein das Proletariat unter Führung der KP zusammen mit den verbündeten Schichten die Herrschaft der Bourgeoisie vernichten, eine revolutionäre Diktatur errichten und den sozialistischen Aufbau durchführen kann... Wir begannen in- tensiv die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zu studieren..." (Erkämpft das sozialistische Studium, "Rotzeg Nr. 1", S. 8). "Von den Ausführungen der Klassiker lernen wir, daß die Revolution zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie nicht unter der Führung der Arbeiterklasse voranschreitet. Gerade die westeu- ropäischen Klassenkämpfe, besonders in Italien, beweisen, daß die Arbeiterklasse am konsequentesten revolutionär ist; nur die Ar- beiterklasse ist in der Lage, die Führung in der Revolution zu übernehmen. Aber die kämpfende Klasse wird immer wieder von den Agenten der staatlichen Bürokratie, der Monopole, ... und den re- visionistischen Parteien gespalten..., wenn sie sich nicht ein Instrument schafft, das ... die Arbeiterklasse siegreich zur Dik- tatur des Proletariats führen kann. Nur die Partei ist dieses In- strument in den Händen der Arbeiterklasse." (Semler, Horlemann u.a., "RPK" 43/44/45, S. 10). Galt es also jetzt den K a m p f d e s P r o l e t a r i a t s zu fördern und kann dieser die Diktatur des Proletariats nur erreichen unter der F ü h r u n g d e r P a r t e i, so war die Frage nach den bestehenden prole- tarischen Organisationen gestellt. Diese aber, das schienen Er- fahrungen zu zeigen, sind revisionistisch, führen den Kampf gegen die Bourgeoisie nicht e n t s c h i e d e n genug, sind über- haupt keine wahren Kommunisten. Aus diesen Momenten, das taten- lose P r o l e t a r i a t für seine eigentliche Aufgabe, den Sturz der Bourgeoisie durch die Anleitung durch die Partei zu ge- winnen und andererseits des Verrats am Kommunismus durch den "modernen Revisionismus" der KPdSU samt Anhang gewahr, schien sich nur die Konsequenz zu ergeben, s e l b s t d i e I n i t i a t i v e z u e r g r e i f e n und eine eigene Par- tei zu gründen. Allerdings waren die Gründer der AO weder in der Lage, die revo- lutionäre Rolle des Proletariats und den Inhalt der modernen Re- volution aus der Analyse des notwendigen Zerfallsprozesses der bürgerlichen Gesellschaft, den damit gesetzten gesellschaftlichen Antagonismus und der mit der Emanzipation des Proletariats mögli- chen Entfaltung der gesellschaftlichen Potenzen der Arbeit abzu- leiten, vielmehr begriffen sie die Beschleunigung des notwendigen Zerfallsprozesses in b l o ß p o l i t i s c h e n K a t e- g o r i e n (Kampf gegen den Staatsapparat, "RPK" 43/45), noch waren sie in der Lage, aus einer Analyse des in der BRD gegebenen Entwicklungsstandes der gesellschaftlichen Antagonismen eine taktische Konzeption zu entwickeln und eine fundierte Kritik an der Taktik der bestehenden kommunistischen Parteien zu leisten und damit die Notwendigkeit und Form der eigenen Parteigründung zu begründen. Entscheidend waren allein der W i l l e und der Glaube, daß die konvertierten bürgerlichen Intellektuellen jetzt praktische Schritte zur Organisierung und Mobilisierung des Proletariats unternehmen müßten (vgl. "Vorläufige Plattform..."). Und bis heute hat die AO weder eine fundierte Revisio- nismuskritik, noch eine Klassenanalyse, noch eine Begründung ih- rer Gründung vorgelegt. "Gründend auf der marxistisch-leninisti- schen Erkenntnis, daß es ohne revolutionäre Theorie keine revolu- tionäre Bewegung geben kann" ("Kommunique", S. 15),hat die AO durch die Einrichtung theoretischer Kommissionen die "Ausarbeitung der politischen Linie der KPD-AUFBAUORGANISATION vorangetrieben". Bloß, was die Genossen nach der Gründung unter T h e o r i e verstanden, war nichts als eine zur Legitimation ihrer praktischen Schritte gezogene Blütenlese der sogenannten marxistischen Klassiker. Die chinesische Kritik am "Sowjet- revisionismus", der plötzlich mit dem Staatsstreich der Chruschtschow-Clique auftauchte (vgl. "Kommunique", S. 7), wird genauso herangezogen wie die Stalinsche Konzeption der "Prin- zipien des ML" und der Leninsche Parteityp, wie Namen und Kostüme der alten KPD. "Die Bolschewisierung der Kommunistischen Partei ist die r i c h t i g e L e h r e aus der Geschichte der KPD, ihre erneute t h e o r e t i s c h e B e g r ü n d u n g sowie ihre konsequente organisatorische Umsetzung sind n o t w e n- d i g ..." ("RPK" 108, S. 3; Hervorhebungen d. Verf.) Der Zusammenhalt dieser verschiedenen Theoriefragmente wird dann unter dem Titel "Erfahrungen der Arbeiterbewegung" gedacht und diese werden schlicht zur "Substanz des wissenschaftlichen Sozia- lismus" ernannt ("RPK" 108, S. 3; 113/4, S. 27; "Kommunique", S. 12). So kommt es nur noch darauf an, die Bewegungen und Revolu- tionen von 1848 bis heute zu studieren (vgl. "Rotzeg", "Erkämpft...", Nr. 1, S. 8), deren Erfahrungen zu verallgemeinern und zu sehen, was sich heute damit anfangen läßt; man muß die Tradition, in die man sich mit der Einnahme des proletarischen Standpunkts gestellt hat, fruchtbar machen durch die Interpreta- tion des akkumulierten Erfahrungsschatzes (zu dem auch das "Kapital" gehört - das scheint aber noch nicht mal ein Problem zu sein) unter der gegebenen praktischen Fragestellung. - Die Struk- turen bürgerlichen Theorieverständnisses werden in dieser Konzep- tion nur zu deutlich: Der Charakter der "revolutionären Theorie als parteilicher Waffe" ("RPK" 108, S 2), durch den die "bürgerliche Distanz zur lebendigen Geschichte" aufgehoben ist, offenbart sich am meisten in der Konzeption der Klassenanalyse, die "von den Klassikern niemals als Schreibtischarbeit verstanden worden" (ebd) ist; vielmehr gelingt es "der Partei der Arbeiter- klasse", durch sie, als "lebendige Dialektik von Theorie und Pra- xis", die "Verhältnisse der Klassen untereinander in eine andere Form der Bewegung zu bringen, als dies die Kapitale und ihre Staatsmaschine vermögen". Voraussetzung aller Theorie ist also die P a r t e i l i c h- k e i t, der proletarische S t a n d p u n k t; erst aus der Verbindung von Praxis und Tradition (auf die sich die Theorie schon vorweg reduziert hat) ergibt sich die richtige politische Linie. Nicht die u n v e r s t e l l t e E i n s i c h t in den Prozeß der materiell-ökonomischen Bewegung, die wissenschaft- liche Dechiffrierung gerade der Verkehrungen und Mystifikationen, die aus dem Kapitalverhältnis entspringen und die parteiliche Erkenntnis der Bourgeoistheoretiker erst konstituieren, nicht die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft ist Ausgangspunkt der Theorie; es wird gerade die a u s d e r n o t w e n d i g e n b ü r g e r l i c h e n V o r e i n g e n o m m e n h e i t r e s u l t i e r e n d e s u b j e k t i v i s t i s c h e T h e o r i e k o n z e p t i o n u n d S t a n d p u n k t- l o g i k übernommen - zur Legitimation des eigenen Eklektizis- mus - und als reinster Marxismus verkauft. Dieser Eklektizismus hat zur Folge, daß große Teile der takti- schen Konzeption der traditionellen kommunistischen Parteien ein- fach unter der Hand übernommen werden (z.B. in der Konzeption der 'B ü n d n i s p o l i t i k' der Arbeiter mit den Kleinbürgern und Bauern ("Kommunique", S. 8), dem Kampf gegen das M o n o- p o l k a p i t a l ("RPK" 92), dem Kampf gegen den F a- s c h i s m u s ("RPK" 116, S. 9: "Faschistentreffen verhindert" etc.). Die Struktur ist immer dieselbe: in der Phrase gebärdet man sich 'antirevisionistisch', obwohl keine eigenen theo- retischen Klärungen der "Revisionismusfrage" angeboten werden können. Die eigenen theoretischen Grundlagen leiht man sich dann wieder bei den 'Revisionisten', meist noch zum Abklatsch verwäs- sert. Der Unterschied zu jenen reduziert sich damit auf ein noch dünneres voluntaristisches Abstraktum: die größere Entschlossen- heit zum Kampf gegen die Bourgeoisie... Spiegelbild der subjektivistischen Theoriekonzeption ist die idealistisch-voluntaristische Form der Praxis, selbst wieder Folge mangelnder und mangelhafter Theorie. Dem Willen, das Prole- tariat zu mobilisieren, ist die Leninsche Parteikonzeption zu Hilfe - was nicht so sehr an der Leninschen Parteikonzeption als an deren unreflektierter Übernahme liegt - geht sie doch aus von der These der prinzipiellen Beschränktheit des Arbeiterbewußts- eins. Wenn im einfachen Anschluß an Lenin die Entstehung von Klassenbewußtsein, das Durchschlagen der vom Kapital selbst pro- duzierten Mystifikationen seiner Verhältnisse, nicht noch als ein in der Bewegung der materiell-ökonomischen Basis angelegter Pro- zeß begriffen wird, dann ist es natürlich prinzipiell gleichgül- tig, wann die sogenannten Kommunisten mit der Propaganda ihrer Idealvorstellungen beginnen, je eher, umso besser. Ist das Theorieverständnis s u b j e k t i v i s t i s c h, die Begründung und der Inhalt der Praxis v o l u n t a r i- s t i s c h, so wird der Ersatz für die Kenntnis der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft für die Klassenanalyse für die fundierte Konzeption der Taktik die m o r a l i s c h e P h r a s e: es gilt, den "s c h l i m m s t e n" oder "H a u p t f e i n d der Menschheit, den Imperialismus", zu bekämpfen ("RPK", 117, S. 4 f), sich in den "Dienst des Volkes" zu stellen ("RPK" 113, S. 2 f); wer prinzipiell die AO kritisiert, zeigt sich schon "unsolidarisch mit der Arbeiter- bewegung" (Protokoll eines Teach-in), denn sie sind schließlich diejenigen, "die sich konsequent und ehrlich auf den Standpunkt des Kommunismus stellen" ("RPK" 88, S. 6). Als was sich bei näherem Hinsehen dieser "ehrliche Kommunismus" der AO-Genossen allerdings herausstellt, ist in der Tat nichts anderes als die eben zusammengefaßte Dreieinigkeit nicht überwundener bürgerlicher Klassenvorurteile: Subjektivismus, Voluntarismus, Moralismus. Wenn sich im Gang der Entwicklung des Klassenkampfs Teile der herrschenden Klasse oder der Zwischenschichten dem Proletariat anschließen wollen so müssen "diese Leute, um der proletarischen Bewegung zu nutzen, auch wirkliche Bildungselemente mitbringen. Dies ist aber bei der Mehrzahl der deutschen bürgerlichen Konver- titen nicht der Fall... An wirklichem, tatsächlichem oder theore- tischem Bildungsstoff ist da absoluter Mangel. Statt dessen Ver- suche, die sozialistischen, oberflächlich angeeigneten Gedanken in Einklang zu bringen mit den verschiedensten theoretischen Standpunkten... statt die neue Wissenschaft vorerst selbst gründ- lich zu studieren" und damit die eigenen mitgebrachten bürgerli- chen Klassenvorurteile abzubauen, "stutzte sie jeder sich viel- mehr nach dem mitgebrachten Standpunkt zurecht... und trat gleich mit der Prätention auf, sie lehren zu wollen. Solche Bildungsele- mente, deren erstes Prinzip ist, zu lehren, was sie nicht gelernt haben, kann die Partei gut entbehren." ("Zirkularbrief...", MEW 34, S. 406 f) Die PL/PI --------- "In der PL/PI wird es nur Kommunisten geben." "Die Genossen der Intelligenz, die den Kampf gegen die Ausbeutung in der Fabrik für sich selbst verbindlich gemacht haben, wie ihn das Proletariat als einzige Lebensperspektive kennt, die ihre bürgerliche Perspektive aufgegeben haben und damit ihre eigene Klasse hinter sich gelassen haben, diese Genossen sind Kommuni- sten." ("Zentralorgan" Nr. 2) "Der Politisierungsvorsprung der Intelligenz ist als Hebel zur Entfaltung der proletarischen Klassenkämpfe zu begreifen und zu benutzen. Die sozialistische Intelligenz muß in der gegenwärtigen wie in allen Etappen des proletarischen Klassenkampfes an der Hauptaufgabe dieses Kampfes praktisch teilnehmen, d.h. sie muß für längere Zeit - wir meinen nicht unter einem Jahr - unter An- leitung einer Kaderorganisation, die solche Arbeit betreibt, die politische Arbeit in einem Betrieb aufnehmen und dort dem Prole- tariat helfen, die Grundlagen seiner Kampf Organisation zu schaf- fen." ("RPK" 74/75) Die PL/PI versteht ihre Arbeit als "Schaffung von Voraussetzungen von revolutionären Situationen", geht also explizit von der in- itiierenden Rolle der Intelligenz aus. Die Aufgaben der Kommuni- sten leiten sich hier nicht aus einer Analyse der Bedingungen des Auflösungsprozesses der bürgerlichen Gesellschaft ab, sondern re- sultieren aus einem subjektiven Willensakt, dem voluntaristischen Entschluß, endlich "die Revolution vorzubereiten, die Kämpfe zu entfachen und das Proletariat zu organisieren." Es ist dies die moralische Willenshandlung des konvertierten bürgerlichen Sub- jekts, das seine Ideen von einer freien Gesellschaft verwirkli- chen will. Hier ist Kommunismus nicht der Ausdruck der wirklichen Bewegung, sondern ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, nach dem sich die Wirklichkeit zu richten hat. Anstatt aus der Darstellung der Anatomie der bürgerlichen Gesell- schaft die widersprüchlichen Tendenzen des Kapitals abzuleiten, um seine konkreten Erscheinungsformen in der wirklichen Bewegung der Konkurrenz bestimmen zu können, glaubt die PL/PI, es sei "auszugehen von der sinnlichen Stufe der Erkenntnis", von den "konkreten Erfahrungen im Betrieb", wo die "Erscheinungsformen des Ausbeutungsverhältnisses am deutlichsten zutage treten." ("RPK" 74/75) Sie hält sich daran, die bloßen Oberflächenerschei- nungen "zu verallgemeinern und zu systematisieren" und gibt damit die Methode des wissenschaftlichen Sozialismus zugunsten empiri- scher Sozialforschung auf. Wird die Analyse der gegebenen histo- risch-empirischen Bewegung der kapitalistischen Produktionsweise, der selbst noch die gründliche Aufarbeitung der inneren Natur des Kapitals vorausgesetzt sein muß, aber ersetzt durch die sinnliche Erfahrung im Betrieb muß die Praxis zur prinzipienlosen Hand- werklerei werden und auch die Taktik notwendig auswechselbar bleiben. Mit nichts anderem, als dem Willen zur Revolution, der Fähigkeit zur sinnlichen Erfahrung und einem gesunden "Maß an Pragmatismus" ausgestattet, erklärt die PL/PI zur Massenlinie der Intelligenz Betriebsarbeit, damit diese dort "die proletarischen Massen ken- nenlernen" und sich von ihnen "umerziehen" lassen. Erst durch die Arbeit im Betrieb, im hautnahen Kontakt zum Proletariat können die ehemals kleinbürgerlichen Studenten zu wahren Kommunisten heranreifen. "Während der Arbeit aber bekamen sie einen Begriff davon, was es heißt, das Proletariat, die Hauptkraft des Klassen- kampfes zu organisieren. Sie gaben darauf ihre bürgerlichen Kar- rierevorstellungen auf (leider aber nicht ihre sozialistischen Karrierevorstellungen - ihr Leninspielenwollen), bleiben im Be- trieb und sehen ihre Aufgabe in der revolutionären Arbeit im Pro- letariat." ("ZO" Nr. 2) Im übrigen verfällt die PL/PI damit der irrigen Auffassung, daß das Proletariat in der Fabrik schon das richtige Bewußtsein besitzt und die in den Betrieben arbeitende Intelligenz qua "Konfliktstrategie" Klassenbewußtsein reaktuali- sieren kann. Daß einerseits der innere Zusammenhang der kapitali- stischen Produktionsweise an der Oberfläche und damit auch im Be- wußtsein der Produktionsagenten notwendig sich in verkehrter Form reflektieren muß, andererseits die Bewegungsgesetze des Kapitals selbst wieder die materiellen Bedingungen zur Aufbrechung des falschen Bewußtseins hervorbringen, muß der PL/PI, die dem Stu- dium des wissenschaftlichen Sozialismus mit verächtlicher Igno- ranz begegnet, natürlich verborgen bleiben. Daß die Revolution selbst noch an historisch-ökonomische Bedingungen gebunden ist, die vor jeder revolutionären Praxis zu analysieren sind, zu die- ser Einsicht kann die PL/PI nicht gelangen, da sie nicht "im Pro- blematisieren stecken bleiben will". An statt aus dem Konflikt zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und ihrer ge- sellschaftlichen Form die Bedingungen für die Emanzipation abzu- leiten, schafft die PL/PI sie schlicht qua Kaderbildung. Wie wenig es dem "Antirevisionismus" der studentischen Sekten um inhaltliche Auseinandersetzung mit der SEW / DKP zu tun ist, zeigt sich am schlagendsten darin, daß sie sich in den theoreti- schen Grundlagen ihrer Kritik fast ausschließlich auf die theore- tischen Positionen der von ihnen kritisierten "Revisionisten" stützen. Ihr 'Antirevisionismus' entspringt aus ganz anderer Quelle, nämlich der für jede Sekte charakteristischen Notwendig- keit, ihre eigene Existenz der wirklichen Arbeiterbewegung gegen- über rechtfertigen zu müssen. Dieses ihnen allen gemeinsame Legi- timationsproblem erklärt wohl auch die - angesichts der Verbis- senheit, mit der sie sich untereinander bekämpfen - verblüffende Einmütigkeit, mit der alle Sekten in 'Antirevisionismus' machen. Hinter der Gegenüberstellung von 'Revisionismus' und 'Antirevisionismus' verbirgt sich nichts als ihr sektiererisches Verhältnis zur wirklichen Arbeiterbewegung. Projekt Klassenanalyse zurück