Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1972
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Diskussion, Besprechung
KLASSENKÄMPFE IN FRANKREICH HEUTE
Im Gegensatz zu den meisten Publikationen über die aktuellen
Klassenkämpfe in Frankreich wendet sich Lothar Peters Buch 1)
nicht vorwiegend an linke Intellektuelle und Studenten, sondern
eher an junge Arbeiter, Lehrlinge und klassenbewußte Gewerkschaf-
ter. Im Vorwort des Herausgebers heißt es dazu: "Im Zusammenhang
mit der Tatsache, daß die Widersprüche des monopolkapitalisti-
schen Systems in der BRD in letzter Zeit nicht nur breiteren Tei-
len der jüngeren Intelligenz, sondern auch der fortschrittlichen
Gewerkschafter bewußt werden, gewinnen die Erfahrungen der Klas-
senkämpfe in anderen kapitalistischen Ländern Europas an Bedeu-
tung" /5/. Wenn es auch nicht mehr ganz zutrifft, wenn dort an
anderer Stelle behauptet wird, daß "Darstellungen aus der Sicht
der Gewerkschaftsbewegung und der marxistischen Parteien, die auf
konkretem Informationsmaterial beruhen, weitgehend fehlen", so
trägt diese Arbeit gewiß mit dazu bei, die verbreitete Legende
vom Verrat der traditionellen französischen Arbeiterorganisatio-
nen, vor allem der FKP und der Gewerkschaft CGT, an der soziali-
stischen Revolution eindeutig zu widerlegen.
Entsprechend den Intentionen von Herausgeber und Verfasser ist
das Buch in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben und
vermittelt wichtige Grundinformationen über die gesellschaftliche
Entwicklung Frankreichs. Was zunächst vielleicht lediglich als
didaktisches Prinzip erscheint, erweist sich bald auch als metho-
discher Vorzug; die Klassenkämpfe in Frankreich heute werden als
Ausdruck "einer schweren sozialen und wirtschaftlichen Krise" des
französischen staatsmonopolistischen Kapitalismus seit der Macht-
übernahme de Gaulles /7/ begriffen.
Dies gilt zumindest für das erste Kapitel /7-42/, das sich mit
der gesellschaftlichen Situation Frankreichs in der V. Republik
und der Massenstreikbewegung 1968 befaßt. (Ihm geht übrigens ein
vom Herausgeber in den Anhang verwiesener summarischer Überblick
über die Geschichte der Klassenkämpfe in Frankreich von der Pari-
ser Kommune bis zur V. Republik thematisch voraus). Peter skiz-
ziert zunächst die wirtschaftliche und soziale Lage in Frankreich
seit Anfang der 60er Jahre. Er beschreibt wichtige Aspekte des
Prozesses von Konzentration und Zentralisation des Kapitals als
Ausdruck der fortschreitenden Vergesellschaftung der Produktion,
der mit der erweiterten Reproduktion des Kapitals eng verbundenen
ökonomischen Funktion des Staates und der mit beiden durch den
Klassenkampf verknüpften sozial-ökonomischen Lage der Arbeiter-
klasse 2).
Das Ergebnis wird mit den Worten des Generalsekretärs der FKP,
Waldeck-Rochet, zusammengefaßt: "Die sogenannte Gesundung der
Wirtschaft, die Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit der französi-
schen Industrie, die im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Markt
und der Öffnung der Grenzen als notwendig hingestellt wurde, wur-
den nur mit Hilfe von Maßnahmen vorbereitet, die das Tempo der
Akkumulation des Kapitals verschärfen und das Lebensniveau der
Arbeiter opfern. Die Expansion war um den Preis des Kampfes gegen
die Lebensinteressen der Volksmassen gedacht." /17/ Hervorzuheben
ist, daß Peter die Massenstreiks vom Mai-Juni 1968 nicht einfach
als "soziale Explosion" innerhalb einer ansonsten kontinuierli-
chen gesellschaftlichen Entwicklung, sondern als "Gipfelpunkt ei-
ner Periode von Klassenkämpfen" begreift, die schon etwa um das
Jahr 1965 begann /17-24/. Diese Einsicht verhindert es keines-
wegs, die Rolle der Studentenrevolte Anfang Mai 1968 korrekt ein-
zuschätzen, sie ist vielmehr die Voraussetzung dazu: "Die Barri-
kadenkämpfe der ersten Maiwoche zwischen Studenten und CRS
(Bereitschaftspolizei - W.G.) im Pariser Universitätsviertel, dem
Quartier Latin, enthüllten die ganze Brutalität des monopolisti-
schen Staates gegen alle Tendenzen der politischen Opposition.
Sie waren zugleich das auslösende Moment der kurz darauf einset-
zenden Massenstreikbewegung der französischen Arbeiterklasse, de-
ren Arbeits- und Lebensbedingungen durch zehn Jahre gaullisti-
scher Herrschaft unerträglich geworden waren." /24/ Peter weist
den entscheidenden Einfluß der kommunistisch-sozialistischen Mas-
sengewerkschaft CGT auf die Mobilisierung der Arbeiterklasse im
Mai-Juni 1968 detailliert nach. Er zeigt vor allem auch, wie die
heute allgemein als besonders radikal geltende ehemals katholisch
orientierte Gewerkschaft CFDT zwischen reformistischen und links-
radikalen Positionen hin und her schwankte. Eingehend wird die
Funktion gewisser ultralinker Gruppierungen erörtert, deren Phra-
sen und Aktionen zu Recht als "abenteuerlich, verantwortungslos
und arbeiterfeindlich" bezeichnet werden /33/. Es gibt unzählige
Beweise dafür, wie reaktionäre Kreise dieses Verhalten benutzt
haben, um politisch weniger bewußte Teile der Arbeiterklasse zu
irritieren und zahlreiche Angehörige der Mittelschichten mit dem
Schreckensbild anarchistischen Terrors gegen die streikenden Ar-
beiter aufzubringen. Dies trug letztlich mit dazu bei, die innere
Geschlossenheit der Arbeiterklasse und das notwendige Bündnis mit
Teilen des Kleinbürgertums zu untergraben und damit den Erfolg
dieser größten Massenstreikbewegung Frankreichs in relativ be-
scheidenen Grenzen zu halten. Es wäre freilich eine grobe Verein-
fachung und zugleich eine Überschätzung dieser Gruppen, wollte
man sie allein für die partielle Niederlage der Mai-Juni-Bewegung
verantwortlich machen.
Peter verweist, neben der schwankenden Haltung der CFDT, vor al-
lem auf die in vieler Hinsicht opportunistische Taktik der aus
Sozialisten und Liberalen damals lose zusammengefügten Linksföde-
ration FGDS, die zwar jedes konkrete Bündnis mit den Kommunisten
ablehnte, aber dennoch deren Wahlunterstützung für die von ihr
vorgeschlagenen Spitzenkandidaten Mitterand (FGDS) und Mendes-
France (damals PSU) verlangte und dadurch eine gemeinsame sozia-
listische Alternative der Linken verhinderte.
Allerdings wird man auch die Taktik der FKP nicht in jeder Hin-
sicht für fehlerfrei halten können, wie Peter es zu tun scheint.
Er zitiert den Generalsekretär der FKP, Waldeck-Rochet, der fol-
gende Einschätzung gab: "In Wirklichkeit war die mögliche Wahl im
Mai folgende: Entweder so vorzugehen, daß der Streik zur Befrie-
digung der wesentlichen Forderungen der Arbeitenden führt und
gleichzeitig auf politischer Ebene die Aktionen für demokratische
Veränderungen im Rahmen der Verfassungsmäßigkeit fortzusetzen.
Das war die Haltung unserer Partei. Oder direkt auf eine Kraft-
probe zuzusteuern, das heißt, zum Aufstand zu schreiten, selbst
zum bewaffneten Kampf zu greifen, um die Macht mit Gewalt zu
stürzen. Das war die abenteuerliche Haltung einiger ultralinker
Gruppierungen. Aber da sich die Streitkräfte und Unterdrückungs-
kräfte auf Seiten der etablierten Macht befanden und die riesige
Masse des Volkes solch einem Abenteuer feindselig gegenüberstand,
ist es klar, daß das Beschreiten dieses Weges einfach bedeutet
hätte, die Arbeiter auf die Schlachtbank zu führen und die Nie-
derschlagung der Arbeiterklasse und ihrer führenden Kraft, der
Kommunistischen Partei, zu bewirken". /33/ Angesichts der konkre-
ten Machtverhältnisse war es sicher richtig, alles zu vermeiden,
was der herrschenden Klasse als Vorwand für die Anwendung militä-
rischer Gewalt hätte dienen können. Andererseits geht aus dieser
Einschätzung hervor, was auch die Analyse des Wahlergebnisses vom
Ende Juni beweist: es ist der FKP nicht gelungen, die für eine
erfolgreiche Weiterführung des Kampfes erforderliche Vermittlung
von ökonomischen und politischen Forderungen zu leisten; beide
Ebenen blieben weitgehend miteinander unverbunden. Weder der CGT
noch der FKP ist es gelungen, die Dynamik der Streikbewegung für
eine wesentliche Machtveränderung innerhalb der Betriebe zu nut-
zen. Hier hätte die Forderung nach konkreten Arbeiterkontroll
rechten in den Betrieben die reale Basis für eine politische
Machtveränderung erheblich verstärken können und der Arbeiter-
klasse eine überzeugende Perspektive geboten. Die gegenüber der
isolierten Selbstverwaltungslosung der CFDT richtige Betonung der
Frage nach der Macht im Staate blieb für viele Arbeiter abstrakt,
weil sie nicht unmittelbar mit der Frage nach der Macht in den
Betrieben verknüpft war 3). So konnte die unbestreitbar politi-
sierende Wirkung der Fabrikbesetzungen weder für eine entschei-
dende politische noch für eine betriebliche Machtveränderung ge-
nutzt werden und kam vorübergehend sogar einigen ultralinken
Gruppierungen zugute 4).
Nachdem die ökonomischen Forderungen weitgehend erfüllt waren,
blieb daher ein nicht unerheblicher Teil der Arbeiter den Wahlen
fern, natürlich auch weil die Linke sich infolge der Taktik der
FGDS zu keinem gemeinsamen Programm zusammengefunden hatte. Man-
che zogen es sogar vor, gaullistisch zu wählen, weil sie glaub-
ten, allein durch die Erhaltung der etablierten Verhältnisse die
eben errungenen Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen
auch tatsächlich realisieren zu können; obwohl insgesamt die Aus-
nahme, war dies in einigen neu erschlossenen Industriezonen, de-
ren Arbeiterschaft zumeist noch unmittelbar bäuerlicher Herkunft
ist, aber keineswegs selten.
So kam es zu der deutlichen Wahlniederlage der Linken, die sich
auch nicht durch den Hinweis auf das französische Mehrheitswahl-
recht bagatellisieren läßt 5).
Im zweiten Kapitel /43-64/ geht Peter auf einige wesentliche Ak-
tionen und Probleme der französischen Arbeiterbewegung zwischen
1968 und 1971 ein. Er behandelt zunächst die Niederlage de Gaul-
les durch das Referendum zur Senats- und Gebietsreform im Früh-
jahr 1969 und verdeutlicht sehr gut, wie bei den anschließenden
Präsidentschaftswahlen die Abgrenzungstaktik des rechten Flügels
der Sozialisten gegenüber der FKP mit der deutlichen Abfuhr des
Marseiller Bürgermeisters Defferre endgültig Schiffbruch erlitt.
(Deferre erhielt 5%, der Kommunist Duclos 21,3%). Allerdings wer-
den die komplexen sozial-ökonomischen Voraussetzungen der de
Gaulle'schen Niederlage und des späteren Wahlsiegs von Pompidou
nicht hinreichend analysiert 6). Ohne diese Analyse bleiben aber
sowohl die vorübergehende Koalition zwischen Arbeiterklasse,
Kleinbürgertum und Teilen des Bürgertums gegen de Gaulle als auch
der anschließende Wahlsieg Pompidous unverständlich. So scheint
Peter auch etwas vorschnell die Niederlage de Gaulles mit der
Niederlage des Gaullismus /43/ verwechselt zu haben. Der Einwand
einer mangelnden sozial-ökonomischen Fundierung gilt dann auch
gegen die anschließende Untersuchung der Streikwellen im Herbst
1969 und im Frühjahr 1971 /49-55/. Obwohl Peter die Strategie des
Großkapitals ausführlich behandelt /46-49/, fehlt die Analyse der
konkreten Kapitalbewegung, aus der allein sich diese Strategie
des Kapitals und die massiven Abwehraktionen der Arbeiterklasse
hätten erklären lassen.
Dagegen liegt der Vorzug der Darstellung zahlreicher Einzelaktio-
nen in der Hervorhebung der überragenden Rolle der betrieblichen
Gewerkschaftsorganisationen für die Organisierung des Kampfes und
für die Ausweitung der Solidarität innerhalb und außerhalb der
Betriebe. Hier hätte der folgende Abschnitt über die gewerk-
schaftlichen Organisationen im Betrieb und das französische Be-
triebsverfassungsgesetz /55-64/ wichtige, und das heißt praxis-
nahe Informationen für den deutschen Gewerkschafter bieten kön-
nen. Leider weist dieser Abschnitt aber einige bedauerliche
Unkorrektheiten auf. So werden z.B. die Personaldelegierten
(delegues du personell mit den deutschen Vertrauensleuten vergli-
chen, obwohl ihre Funktion zumindest teilweise dem deutschen Be-
triebsrat ähnelt. Darüber hinaus wird durch die Übersetzung des
Begriffes "Comite D'entreprise" (Unternehmenskomitee) mit
"Betriebsrat" ein falscher Eindruck erweckt. Die Unternehmensko-
mitees organisieren bestimmte soziale Einrichtungen (wie Kanti-
nen, Bibliotheken, Kinderhorte, Ferienheime usw.), sie haben in
ökonomischen und technischen Fragen ein gewisses Informations-
und Beratungsrecht und sind in dieser Hinsicht etwa mit dem Wirt-
schaftsausschuß des deutschen Betriebsrats vergleichbar. Den Vor-
sitz im Unternehmenskomitee führt allerdings die Unternehmenslei-
tung, und die Belegschaftsvertreter sind im Gegensatz zu Peters
Darstellung /64/ ausdrücklich auf die Kooperation mit der Direk-
tion verpflichtet. In der französischen Betriebsverfassung werden
also die konkreten Mitbestimmungsrechte der Belegschaft durch die
Personaldelegierten wahrgenommen, während die bloßen Verwal-
tungsfunktionen für Sozialeinrichtungen und die wenig effektiven
Informations- und Beratungsrechte von den Unternehmenskomitees
wahrgenommen werden. Daneben verfügen aber die einzelnen Gewerk-
schaften in den Betrieben über die sog. Gewerkschaftssektionen
(section syndicale), denen alle Mitglieder der jeweiligen Gewerk-
schaft angehören (es gibt daher häufig drei unterschiedliche Sek-
tionen in den Betrieben, wobei es bei Streiks besonders darauf
ankommt eine gemeinsame, intersyndikale Streikleitung zu wählen)
die wiederum je nach Betriebsgröße eine bestimmte Anzahl von De-
legierten (délégués syndicaux) wählen. Die Sektionen und Dele-
gierten (letztere sind vielleicht mit den Vertrauensleuten ver-
gleichbar) bestehen in einigen Großbetrieben faktisch schon seit
der Befreiung 1945; sie waren aber bis zu den Mai-Juni-Streiks
1968 nicht gesetzlich anerkannt und verfügten über keinerlei be-
sonderen Rechte. Die Anerkennung der betrieblichen Gewerkschafts-
sektionen und ihrer Delegierten gehört, wie Peter an anderer
Stelle richtig bemerkt /39/, zu den wichtigsten Errungenschaften
dieser Streikbewegung, weil sie die einzigen Organe innerhalb des
Betriebes sind, die nicht auf ein Betriebsziel verpflichtet sind
und daher reine gewerkschaftliche Kampfinstrumente an der be-
trieblichen Basis darstellen 7).
Das dritte Kapitel /65-94/ behandelt die Kampfbewegung bei Ren-
ault 1971. Es kann als Schwerpunkt des ganzen Buches betrachtet
werden und ist wegen seiner thematischen und formalen Geschlos-
senheit auch als der gelungenste Teil anzusehen 8). In einem er-
sten Abschnitt skizziert Peter die ökonomische Situation dieses
größten französischen Industrieunternehmens, die Besonderheiten,
die sich aus dem Nationalisierungsstatut von 1945 für die Lage
der Renault-Arbeiter ergeben, sowie eine Reihe wichtiger Kampfak-
tionen im Unternehmen seit 1945, die vor allem dem Hauptbetrieb
in Billancourt bei Paris den Ruf einer "Arbeiterfestung"
(forteresse ouvriere) eingebracht haben, und endlich die aktuelle
Struktur der Belegschaft, die Rolle und Stärke der Gewerkschaf-
ten, der politischen Parteien und Gruppierungen. Dadurch wurden
die objektiven und subjektiven Faktoren der Kampfaktionen im
Frühjahr 1971 beispielgebend herausgearbeitet und somit die Vor-
aussetzungen geschaffen, um die komplizierte Bewegung der Streiks
zwischen den einzelnen Betrieben, den verschiedenen Arbeitergrup-
pen und den unterschiedlichen gewerkschaftlichen und politischen
Organisationen nachzuvollziehen 9).
Besonders hervorzuheben ist, daß es Peter gelingt, die allgemeine
Streikstrategie der CGT am Beispiel der Aktionen bei Renault
deutlich zu machen. Einen wesentlichen Grundzug dieser Strategie
beschreibt der CGT-Sekretär Henri Krasucki: "Die CGT kämpft gegen
alles, was die lohnabhängigen Schichten spalten kann. Die unab-
dingbare Erhöhung der niedrigen Lohneinkommen und die Beseitigung
der mit ihnen verbundenen Nachteile dürfen sich nicht zuungunsten
der höher bezahlten Schichten auswirken, sondern müssen auf Ko-
sten der Unternehmergewinne durchgesetzt werden. Alle Organisa-
tionen der CGT werden deshalb zur gewerkschaftlichen Aktionsein-
heit in den Betrieben und auf allen anderen gesellschaftlichen
Ebenen aktiv beitragen. Weil die Gesamtheit der Arbeiter unseres
Landes die Einheit wünscht, rufen wir alle Arbeiter auf, diese
Aktionseinheit zu ermöglichen". 773 f./
Das Problem der Aktionseinheit aller Arbeitergruppen, das im Mit-
telpunkt jeder korrekten Analyse des Renault-Streiks 1971 stehen
muß, läßt sich eben nicht, wie es gewisse ultralinke Sektierer
aber auch einige CFDT-Gewerkschafter versucht haben, durch die
abstrakte Forderung nach dem "gleichen Lohn für alle" herstellen.
Peter verweist auf Marx' "Lohn, Preis und Profit" wo es heißt:
"Der Ruf nach Gleichheit der Löhne beruht daher auf einem Irrtum,
ist ein unerfüllbarer törichter Wunsch. Er ist die Frucht jenes
falschen und platten Radikalismus, der die Voraussetzungen an-
nimmt, die Schlußfolgerungen aber umgehen möchte. Auf der Basis
des Lohnsystems wird der Wert der Arbeitskraft in derselben Weise
festgesetzt wie der jeder anderen Ware; und da verschiedene Arten
Arbeitskraft verschiedene Werte haben oder verschiedene Arbeits-
quanta zu ihrer Produktion erheischen, so müssen sie auf dem Ar-
beitsmarkt verschiedene Preise erzielen". (MEW 16, 131 f.) Das
bedeutet weder, daß der Lohn eine fixe Größe ist (Marx weist
vielmehr in der selben Schrift nach, daß er in gewissen Grenzen
variabel ist, und zwar je nach besonderen historisch-gesell-
schaftlichen Bedingungen, zu denen vor allem die allgemeine
Produktivkraft der Arbeit, die konjunkturelle Situation und die
Kampfkraft der Arbeiterklasse zählen) noch, daß die tatsächlich
bestehenden Lohndifferenzen sich ausschließlich aus dem
unterschiedlichen Wert der Arbeitskraft ergeben. Insofern hat die
Forderung nach Abbau der zumeist willkürlichen Lohnhierarchie
durchaus ihre Berechtigung.
Allerdings ergibt sich aus der notwendigen Unterschiedlichkeit
der Löhne stets, daß die Herstellung der Aktionseinheit aller Ar-
beiter, gerade bei der Verteidigung scheinbar gruppenspezifischer
Interessen, erst auf der Basis der Einsicht in die prinzipielle
Interessenidentität gegenüber dem Unternehmer wirklich gelingen
kann. Hierfür bietet Peters Analyse des Renault-Streiks 1971 aus-
gezeichnetes Anschauungsmaterial.
Die Streikaktionen begannen Anfang April mit dem Kampf von 82
O.S. (angelernten Arbeitern) einer Montage-Abteilung des Renault-
Zweigwerks in Le Mans gegen das komplizierte System der Arbeits-
platzbewertung, das neben dem Hauptziel der Mehrwertauspressung
noch zusätzlich versucht, ein spezifisches Konkurrenzverhalten
unter den Arbeitern hervorzurufen und die Solidarität zu verhin-
dern /79/. Es wird gezeigt, wie sich die anfänglich von den übri-
gen Arbeitern lediglich gebilligten Aktionen der 82 O.S. zunächst
auf alle 5.000 in Le Mans beschäftigten O.S. ausgedehnten und
allmählich von den übrigen Arbeitergruppen in Le Mans und den üb-
rigen Zweigwerken unterstützt wurden. Durch die kontinuierliche
Bewußtseinsbildung der CGT verwandelte sich das bloß abstrakte
Verständnis, vor allem der qualifizierten Arbeiter, der Ange-
stellten und Techniker, für die Probleme der O.S. in Le Mans in
wachsende Sympathie. Dies erst schuf die Voraussetzungen dazu,
die vielfältigen Spaltungsmanöver der Unternehmensleitung zum
Scheitern zu bringen und angesichts der späteren Aussperrung der
O.S. zur aktiven Solidarisierung aller Arbeitergruppen überzuge-
hen. "Während die CFDT zunächst auf den totalen unbefristeten Be-
setzungsstreik drängte und eine von der Direktion sehnlichst er-
wartete Zersplitterung der Belegschaft riskierte, arbeitete die
CGT konsequent auf den Punkt der Kampfentwicklung hin, an dem
auch die Facharbeiter und sogar große Teile der Angestellten und
technischen Kader sich aktiv mit den unqualifizierten und ange-
lernten Produktionsarbeitern solidarisieren konnten." /87/
Deutlich wird auch, wie Unternehmensleitung und Regierung ver-
suchten, den vermeintlichen Einfluß ultralinker Gruppen für eine
Desolidarisierung der Masse der Arbeiter zu benutzen. Gezielt
setzten sie die paramilitärische Bereitschaftspolizei CRS im
Zweigwerk Flins ein, um wie im Juni 1968 mit den dort vermuteten
anarchistischen, maoistischen oder trotzkistischen Arbeitergrup-
pen blutige Auseinandersetzungen zu provozieren. Freilich war die
Bourgeoisie dabei der falschen Propaganda ihrer eigenen Söhne auf
den Leim gegangen. Die radikalisierten "Arbeiter"gruppen erwiesen
sich im wahrsten Sinne des Wortes als Papiertiger. Vor allem die
wortgewaltigen Maoisten der "Proletarischen Linken" (Gauche
prolétarienne) oder der in Flins angeblich so stark vertretenen
"Arbeiterbasis" (Base ouvrière) erwiesen sich als einflußlos 10)
und das zum Nutzen der Streikenden. So stießen die Provokations-
versuche der CRS ins Leere. Erst als diese gescheitert waren und
die geschlossene Solidarität aller Renault-Betriebe unübersehbar
wurde, fand sich die Unternehmensleitung zu Verhandlungen mit den
Gewerkschaften bereit. Das Verhandlungsergebnis, das zunächst von
den Arbeitern in Le Mans abgelehnt, später aber nach einigen
wichtigen Verbesserungen mit überwältigender Mehrheit angenommen
wurde, blieb zwar hinter den ursprünglichen Forderungen nach
grundlegender Modifizierung des Systems der Arbeitsplatzbewertung
deutlich zurück, dennoch brachte es einen Einbruch in das starre
Prinzip dieses Pseudo-wissenschaftlichen Lohnfindungsverfahrens
/Ergebnisse im einzelnen 92 f/.
Peter faßte die Lehre des Renault-Streiks wie folgt zusammen:
"Für die Belegschaft brachte ... die Streikbewegung nicht nur
entscheidende materielle Verbesserungen, sondern trug auch zur
Entwicklung der Aktionseinheit bei, die alle lohnabhängigen und
nicht an der Macht beteiligten Schichten der Belegschaft auf der
Ebene des Betriebs und der gesamten Arbeiterklasse auf nationaler
Ebene umfassen muß, nicht aber zur Isolierung einzelner Arbeiter-
schichten führen darf". /94/
Mit diesem kurzen Fazit, das noch durch ein etwa gleichlautendes
Zitat aus der Betriebszeitung der Sektion der FKP des Werks Bil-
lancourt bestärkt wird, endet nun aber nicht nur die Darstellung
dieser gewiß wichtigen Einzelaktion, sondern zugleich auch Peters
Gesamtanalyse der Klassenkämpfe in Frankreich heute 11).
Ein abschließendes Kapitel über die Perspektiven der gegenwärti-
gen Klassenauseinandersetzungen in Frankreich wäre daher unbe-
dingt erforderlich gewesen. Man vermißt in dem Buch die hierzu
notwendigen Informationen über Stärke und Einfluß der einzelnen
Arbeiterorganisationen, ihre jeweilige Strategie und Bündnispoli-
tik, ihr Verhältnis zueinander und zu den verschiedenen ultralin-
ken Gruppierungen. Daß diese Fragen die Hauptprobleme der gegen-
wärtigen Arbeiterbewegung in Frankreich sind, beweisen die Dis-
kussionen innerhalb und zwischen den Gewerkschaften und Parteien
über konkrete Einzelaktionen ebenso wie über die mittelfristige
Strategie und die zukünftige Errichtung des Sozialismus in
Frankreich; und zwar nicht nur an der Spitze, sondern in wachsen-
dem Maße auch an der Basis in den Betrieben und Wohnvierteln, was
z.B. durch den Massenerfolg des Regierungsprogramms der FKP für
eine antimonopolistische Demokratie (bisher fast 1 Million ver-
kaufter Exemplare eines immerhin rund 250 Seiten umfassenden Ta-
schenbuches!) eindeutig belegt wird.
Werner Goldschmidt
_____
1) Besprechung von Lothar Peter: KLASSENKÄMPFE IN FRANKREICH
HEUTE, Band 1 der Serie "Klassenkämpfe im kapitalistischen Eu-
ropa" herausgegeben vom Institut für Marxistische Studien und
Forschungen (IMSF), Frankfurt/Main, 1972. Im folgenden werden Zi-
tate durch einfache Seitenangaben in Querstrichen nachgewiesen.
2) Kritisch zu betrachten bleiben hier allerdings die wenig zu-
verlässigen Quellenangaben, die auch in einer nicht in erster Li-
nie für wissenschaftliche Zwecke geschriebenen Arbeit hätten prä-
ziser und zutreffender sein müssen.
3) In dieser Hinsicht erscheint die Strategie der DKP mit ihrer
bewußten Anknüpfung an die gewerkschaftlichen Mitbestimmungsfor-
derungen und deren Ausweitung zu wirksamen Kontrollrechten (vgl.
MITBESTIMMUNG ALS KAMPFAUFGABE, herausgegeben vom IMSF) realisti-
scher als die Haltung der FKP die in fast allen Mitbestimmungs-,
Partizipations- oder Kontrollforderungen eher den integrationi-
stischen als den mobilisierenden und bewußtseinsbildenden Effekt
sieht.
4) Hierbei ist auf den Stimmenzuwachs der PSU bei den Parlaments-
wahlen im Juni und auf die leichten Verluste der CGT bei den Be-
triebs- und Personalratswahlen im Herbst 1968 hinzuweisen.
5) Peter interpretiert das Wahlergebnis der FKP gewiß etwas zu
optimistisch, wenn er behauptet: "Trotz einiger Verluste konnte
die Kommunistische Partei ihre Positionen mit 4,5 Millionen
Stimmen und 20,2 Prozent der insgesamt abgegebenen Stimmen hal-
ten" /41/, denn 1967 hatte sie immerhin mehr als 5 Millionen (=
22,5%) Stimmen erhalten /vgl. 19/.
6) Hier hätten vor allem die nach dem Mai einsetzende Kapital-
flucht, die daraus hervorgehende Franckrise und das "Sparpro-
gramm" der Regierung im November sowie die Streikaktionen der
Arbeiter im Februar und März 1969 und der Handwerker, Einzel-
händler usw. im April erwähnt werden müssen.
7) Da die Gewerkschaften im ersten Wahlgang zu den Personaldele-
gierten ein ausschließliches Vorschlagsrecht haben, kann man sie
durch Peters Darstellung leicht mit den Gewerkschaftsdelegierten
verwechseln /vgl. 55/57/, eine Neufassung dieses Abschnitts wäre
bei einer zweiten Auflage gewiß erforderlich.
8) Vgl. dazu Lothar Peter: "Klassenkämpfe in Frankreich: Renault
1971", in: SOPO 13, 1971, S. 33-52.
9) Vergleicht man dagegen die Darstellungen dieser Aktionen in
der Westberliner "Roten Presse Korrespondenz" oder dem Göttinger
"Politikon", so wird der Unterschied von marxistischer Wissen-
schaft und linksopportunistischem Eklektizismus unübersehbar.
10) Über das theoretische und praktische Niveau der GAUCHE PROLE-
TARIENNE informiert das kürzlich bei Wagenbach erschienene Buch
mit dem gleichen Titel und dem Zusatz "Volkskrieg in Frankreich?
", wo es z.B. auf S. 14 unter der Zwischenüberschrift "über den
Sozialfaschismus" heißt: "Eine wirklich gefährliche faschistische
Partei ist die PCF. ... Ob es der CGT gelingen könnte, eine fa-
schistische Massenbasis zu schaffen, ist für uns eine wichtige
Frage. Der faschistische Führungsapparat der PCF und der CGT un-
terdrückt die breiten Massen durch die Gewerkschaftspolizei."
usw. Natürlich wurden in Westberlin auch die Texte der BASE OU-
VRIERE veröffentlicht (bei Merve). Dort wird auf den Seiten 75-85
über den Renault-Streik 71 berichtet. Hier eine Textprobe: "Die
Gewerkschaften haben nichts getan, um die Arbeiter zu mobilisie-
ren und verzapfen den üblichen Quatsch. In den meisten der Abtei-
lungen, die nicht von der Aussperrung betroffen sind, wird wei-
tergestreikt. Die Kollegen erwarten, daß neue Vorschläge für Ak-
tionen gemacht werden. Rousselin von der CFDT ergreift das Wort
und sagt, daß man heute nichts machen könne... "Sau!" ... äh, daß
man die Fabrik besetzen müsse ... "Bravo" .... und zwar am Montag
... "Sau!" Alle wollen die Besetzung, obwohl man nicht sehr zahl-
reich ist. Die BO (Base ouvrière - W.G.) ergreift das Wort: "Wir
müssen uns organisieren, um die Chefs, die Krawattenärsche, raus-
zuschmeißen. Wir müssen die Fabrik besetzen, um sie dann in der
Hand zu behalten; wir müssen ihre Verteidigung organisieren, ge-
gen die Bullen und die Chefs, die dann versuchen werden, sie zu-
rückzuerobern. Wir sind hier nicht zahlreich genug, um es durch-
zuführen. Wir schlagen den Kollegen vor, sich in Propaganda-Bri-
gaden zu organisieren, um dann in alle Siedlungen und Häuser zu
gehen und von heute ab massiv die Leute zu mobilisieren, damit
wir am Montag den Chefs die Fabrik wieder abnehmen und sie halten
können." Diesen Vorschlägen der BO stimmt nur eine Minderheit der
anwesenden Kollegen zu (!); die Mehrheit (!!) will sofort etwas
tun, will sich schlagen" (!!!). Und so geht das weiter.
11) Der sich im Buch anschließende Anhang gehört, wie bereits er-
wähnt, thematisch an den Anfang.
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