Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1972
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Diskussion, Besprechung
Zur Diskussion neuerer Probleme der Imperialismus-Analyse
(Teil 1)
ALLGEMEINE UNTERSUCHUNG ODER BLOSSE EMPIRISCH-HISTORISCHE
ANWENDUNG - ZUR SOGENANNTEN KRITIK DER IMPERIALISMUSTHEORIE
I
Ist es eigentlicher Gegenstand dieses Beitrages, den Diskussions-
prozeß der letzten Monate sowie seine Ergebnisse um neuere Er-
scheinungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus zusammenfas-
send darzustellen, so verlangt dies natürlicherweise die Einord-
nung dieser Diskussion in ihren historischen Kontext. Es erfor-
dert also einerseits die Erläuterung des theoretischen Zusammen-
hanges, in dem diese Diskussion geführt wird, andererseits die
Betonung der unmittelbar politischen Bedeutung dieser Auseinan-
dersetzungen, von der aus erst die untersuchten Erscheinungen ih-
ren richtigen Stellenwert erhalten. So kann die ganze Untersu-
chungsarbeit nicht losgelöst betrachtet werden von den Fragestel-
lungen und Problemen der kommunistischen Weltbewegung, wie sie
ihren Niederschlag finden in den Dokumenten der Internationalen
Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau, den
Beschlüssen des XXIV. Parteitags der KPdSU, des VIII. Parteitags
der SED sowie der Tagung der Gesellschaftswissenschaftler der DDR
im Oktober 1971 1). Es muß dies betont hervorgehoben werden, da
der Zugang zum Verständnis der einzelnen Diskussionsbeiträge
sonst enorm erschwert, ja eigentlich nicht möglich ist, will man
nicht mühselig sich darauf beschränken, weiterhin so zu tun, als
gäbe es kein sozialistisches Weltsystem, keine marxistisch-
leninistischen Parteien, und als gelte es jetzt, krampfhaft den
eigenen sogenannten "Anti-Revisionismus" zum Leitfaden seiner po-
litischen Betätigung zu machen - schlicht weitere Geschwüre und
Metastasen des Sektenwesens hervorzutreiben. Der ständige Verweis
auf diesen Zusammenhang muß auch verstanden werden angesichts der
hier eng begrenzten Zusammenfassung, die keine gründliche Dar-
stellung, sondern eben nur eine grobe Strukturierung zur Aufgabe
hat.
So betrachtet hat also ein Beitrag dieser Art zwei eng miteinan-
der verknüpfte Vermittlungen zu leisten: Einerseits den Diskussi-
onsstand, wie er in den verschiedenen Aufsätzen und Büchern der
letzten Zeit sich widerspiegelt, zusammenzufassen, andererseits
damit auch zugleich den Zugang zur richtigen Beurteilung der
Strategie und Taktik der kommunistischen Parteien zu erleichtern.
Deshalb kann sich ein solcher Beitrag, dessen spezifischer Gegen-
stand Begriffe wie "Anpassung", "Kräfteverhältnis", "internatio-
naler Klassenkampf", "allgemeine Krise des Kapitalismus" oder
"neuere Erscheinungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus"
umfaßt, nur begreifen als selbst in einem bestimmten Zusammenhang
stehender. Zwar ist dieser eng begrenzt auf Diskussionen, wie sie
innerhalb der SOPO zum Teil stattgefunden haben, andererseits
scheint uns ein gewisser allgemeiner Aspekt hier wichtig:
Abstrahiert man einmal von den Produkten des sich in den letzten
Zuckungen befindlichen antiautoritären Studentenprotests und
ihrem eigenen Amoklauf 2), so bleibt die große Mehrheit der durch
die Forderung nach realer Demokratie im Hochschul- wie in anderen
Gesellschaftsbereichen gekennzeichneten Intelligenz. Innerhalb
dieser wiederum sind weitere Differenzierungen möglich und
notwendig. So ist ein großer Teil anzusiedeln und einzuordnen im
Vorfeld der kommunistischen Parteien der BRD und Westberlins,
Gruppierungen und Einzelne, deren Weitblick einerseits bereits
ausreicht, um zu erkennen, daß eine konsequent demokratische und
sozialistische Betätigung außerhalb oder neben der realen Arbei-
terbewegung und ihren Organisationen nicht stattfinden kann, die
aber andererseits durch theoretische Bedenken bei der Beurteilung
der konkreten Politik der Parteien an weiteren politischen Ent-
scheidungen gehindert werden. Im Gegenteil, es liegt eine bestän-
dige (wenn natürlich auch in ihrem Rahmen beschränkte) Aufgabe
der Parteien darin, diese Diskussion voranzutreiben, diese Genos-
sen näher an die Arbeiterbewegung heranzuführen, die formulierte
Kritik auf ihren Inhalt hin abzuklopfen. Dies findet sowohl statt
in der täglichen konkreten Politik der Kommunisten in den ver-
schiedenen organisatorischen Ausdrucksformen des Aktionsbündnis-
ses von Demokraten und Sozialisten, als auch in der theoretischen
Auseinandersetzung in Form von Zeitschriftenaufsätzen etc.
Eine noch dezidiertere Position findet sich innerhalb dieses
Teils der Intelligenz bei denjenigen vor, die aufgrund eingehen-
der Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Sozialismus an sich
selbst bereits den Anspruch stellen, ihre Kritik sowie ihre poli-
tische Betätigung auf wissenschaftlicher Grundlage abzuleiten,
d.h. die jeweiligen Entscheidungen oder Bedenken an der realen
Bewegung zu messen. Dabei ergibt sich für viele die Schwierig-
keit, ihre erworbenen theoretischen Kenntnisse in Einklang zu
bringen mit den konkreten Erfordernissen des Klassenkampfes, so-
lange es ihnen nicht gelingt, den Bogen von Marx über Lenin bis
hin zur heute geführten Diskussion zu spannen und die theoreti-
sche Position der kommunistischen Parteien als konsequent marxi-
stisch-leninistisch anzuerkennen. Benennt man diese Schwierigkeit
in Kurzform, so handelt es sich im wesentlichen um Probleme beim
Verständnis der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus,
die größtenteils begründet sind in der Einschätzung der Lenin-
schen Imperialismuskritik, was wiederum zurückzuführen ist auf
ein letztendlich "problematisches" Marxverständnis. Auch um diese
Vermittlung also hat sich die Diskussion von Seiten der Soziali-
sten her zu bemühen. Diesen Schwierigkeiten ist ebenfalls
zunächst nichts Belastendes anzuhängen - ist der von den kommuni-
stischen Parteien erhobene Anspruch, den Ableitungszusammenhang
aufzeigen zu können, richtig, so wird es ihnen mehr und mehr ge-
lingen, diese überwinden zu helfen - auch und gerade in der täg-
lichen Politik:
"all diese Aufklärung kann nur dann erfolgreich sein, wenn der
konkrete Bezug zur studentischen Praxis hergestellt wird, wenn
die kommunistischen Studenten in den Hochschulgremien mitarbei-
ten, ... Wenn wir das vernachlässigen, dann kommt unsere Agita-
tion von außen an die Studenten heran und das ist ein großes
Handicap." 3)
Wir haben bereits betont, daß dieser Diskussionsprozeß sinnvoll
und wichtig ist, solange er in solidarischer Form geführt wird,
solange es nicht darum geht, verzweifelt seine eigene Existenz
als dogmatische Sekte in dümmlichen Traktaten zum sogenannten
"Revisionismus der traditionellen Arbeiterparteien" zu rechtfer-
tigen. Fraglich allerdings wird die Auseinandersetzung dort, wo
die formulierten Bedenken und Vorbehalte sich zu einem
K r i t i k s y s t e m zusammenzuballen drohen, das den An-
spruch erhebt, die marxistisch-leninistische Grundlage der Arbei-
terparteien selbst nicht also nur die Herleitung einzelner Pro-
bleme und Schritte zu hinterfragen, sondern den Ableitungszusam-
menhang der kommunistischen Parteien insgesamt infragezustellen.
Wenn die Kritik mit der Intention formuliert wird, den Marxismus-
Leninismus als unzertrennliche Grundlage der kommunistischen Par-
teien dahingehend infrage zu stellen, daß der Leninismus keine
theoretische Weiterentwicklung des Marxismus darstelle, sondern
lediglich eine richtige Anwendung auf die russischen Verhältnisse
ohne weiteren Allgemeinheitsanspruch sei, gewinnt die Diskussion
in der Tat einen neuen Charakter 4), auch wenn der behauptete An-
spruch dem widerspricht.
Jene Konzeptionen - soweit sie nicht nur ultralinken oder refor-
mistischen Tendenzen, sondern dem formulierten Anspruch entsprin-
gen, die Aneignung des wissenschaftlichen Sozialismus zur Grund-
lage der Kritik zu machen - gewinnen somit Bedeutung innerhalb
der theoretischen Diskussion unter Teilen der fortschrittlichen
Intelligenz und bedürfen daher einer gewissen (wenn auch wiederum
zu relativierenden) Beachtung, zumal unterstellt werden kann, daß
sie den Zugang zum Verständnis der Strategie und Taktik der Kom-
munisten beträchtlich erschweren.
Da aber, wie bereits formuliert, eine Aufgabe des hier vorliegen-
den Beitrages darin besteht, diesen Zugang zu erleichtern, haben
uns die ausgeführten Überlegungen veranlaßt, einige allgemeine
Bemerkungen zum Ansatz einer solchen Kritik vor unseren eigentli-
chen Gegenstand zu stellen. Dies auch unter dem Aspekt, die Dis-
kussion um neuere Erscheinungen des staatsmonopolistischen Kapi-
talismus leichter vermitteln zu können, wenn sie vom Leser im Zu-
sammenhang gesehen werden kann mit den eigenen theoretisch-poli-
tischen Bedenken und Problemen. Dabei geht es - und dies sei hier
nochmals betont - nicht um die generelle Zurückweisung auch um-
fassender Kritikpunkte, sondern um den methodischen und damit
letztendlich auch politischen Ansatz; denn 'gegen die Formulie-
rung von Kritik, Bedenken und Fragen spricht nichts, gegen die
Verabsolutierung im Rahmen einer "eigenen Theorie" alles'.
Wir haben zum Gegenstand dieser allgemeinen Überlegungen die Kon-
zeption einer Gruppierung gewählt, die an der Freien Universität
Westberlin arbeitet, und die "während der Phase der Qualifikation
der eigenen Arbeitskraft an der Hochschule zur Rekonstruktion des
wissenschaftlichen Sozialismus und seiner Anwendung auf gegenwär-
tige gesellschaftliche Verhältnisse" einen begrenzten Beitrag
liefern will 5). Die Auswahl erscheint dabei aus zweierlei Grün-
den sinnvoll: erstens, weil dieser Ansatz uns am klarsten und
entschiedensten formuliert zu sein scheint und sich bereits in
zahlreichen Arbeiten niedergeschlagen hat; zweitens, weil es ge-
rade das "Projekt Klassenanalyse" 6) war, das in dieser Zeit-
schrift einen breiten Raum der Diskussion ausfüllte und sich so-
mit auch als naheliegender 'Gegenstand' anbietet.
Allerdings muß einschränkend erklärt werden, daß bisher weder
eine umfassende Kritik des Leninismus als eigenständiger Wei-
terentwicklung des Marxismus, noch eine Kritik der Gesamtkonzep-
tion kommunistischer Parteien von dieser Gruppe vorliegt. Viel-
mehr müssen wir uns mit der unterstellten Kritik begnügen, soweit
sie sich an anderen Punkten äußert; wir meinen jedoch zeigen zu
können, daß grundlegende Züge sich bereits deutlich genug ab-
zeichnen. Dies natürlich am klarsten dort, wo der Gegenstand
selbst die Taktik von kommunistischen Parteien betrifft. Deshalb
bildet auch die Arbeit "Zu einigen Grundfragen revolutionärer
Taktik" den Ausgangspunkt unserer Überlegungen 7) . Die Kritik an
der DKP wird nur betrachtet als exemplarisch für ein bestimmtes
methodisches Vorgehen; die Beschäftigung mit den als Thesen for-
mulierten Resultaten kann und soll hier nicht hauptsächlicher Ge-
genstand der Kritik sein. Unter diesem Gesichtspunkt dienen uns
also auch die zunächst scheinbar auf die DKP beschränkten Ausfüh-
rungen nur als Ansatzpunkt allgemeinerer Bedenken zu einer theo-
retischen Konzeption, deren Ausfluß sich ebenso - wenn auch viel-
leicht nicht ganz so deutlich - an Hand anderer Veröffentlichun-
gen des "Projekts Klassenanalyse" nachzeichnen ließe.
Die Begrenztheit der hier zu machenden Ausführungen liegt klar
auf der Hand: Es geht primär nicht darum, den Leninismus inhalt-
lich in allen Punkten als konsequente Weiterentwicklung des Mar-
xismus nachzuweisen 8). Vielmehr handelt es sich um einen Ver-
such, den Ansatz der Kritik selbst methodisch zu hinterfragen und
damit, positiv gewendet, eine Überleitung zum eigentlichen Gegen-
stand zu gewährleisten. Auf die politischen Implikationen eines
solchen Ansatzes soll dann im Anschluß an die allgemeinen Überle-
gungen kurz eingegangen werden.
II
Die Frage nach dem Begründungszusammenhang zur Findung von Über-
gangsformen des Kapitalismus zum Sozialismus stellt sich einer-
seits unmittelbar aus dem eigenen Anspruch der kommunistischen
Parteien im jeweiligen Land bezüglich der Herleitung einer beson-
deren Form. Andererseits läßt sich diese Konkretion - und damit
in der Tat "das Kernstück der Gesamtstrategie der Kommunistischen
Partei im Kampf um die Revolutionierung der kapitalistischen Pro-
duktionsweise" 9) - nur losgelöst von diesem Begründungszusammen-
hang diskutieren und kritisieren, wenn man eben diesen zerreißt,
atomisiert und methodisch verdreht. So halten wir die Erklä-
rungsversuche für die Umgehungsmöglichkeit der Problematik des
staatsmonopolistischen Kapitalismus im Aufsatz von J. Bischoff
für nicht stichhaltig, eher äußerlich und willkürlich. Die Stel-
len, an denen die Argumentation jeweils abgeschnitten wird, zeu-
gen somit zumindest von methodischer 'Unsauberkeit', deren Konse-
quenz bereits ausreichend in der Replik von Gerns/Steigerwald
aufgezeigt ist 10). Jedoch gilt es hier, diese 'Einschnitte und
Widerlegungen' etwas genauer zu betrachten, will man die Ursachen
des 'Mißverständnisses' genauer herausarbeiten.
Kurz skizziert verläuft die Ableitung der Notwendigkeit des anti-
monopolistischen Kampfes etwa folgendermaßen, wobei sehr wohl auf
die korrekte Differenzierung von allgemein-möglichen und nur-hi-
storisch ableitbaren Formen zu achten ist: Grundlegend für die
Einschätzung der Entwicklung des Kapitalverhältnisses in einem
bestimmten Land (z.B. der BRD) ist die Theorie des staatsmonopo-
listischen Kapitalismus, als die dem realen Entwicklungsprozeß
adäquate a l l g e m e i n e Untersuchung der kapitalistischen
Produktionsweise. Der Anspruch und das Verständnis von allgemei-
ner Untersuchung ist dabei klar formuliert. Es handelt sich um
die - durch die Analyse der mit Notwendigkeit aus den inneren Ge-
setzen des Kapitals hervorgehende neue Qualität des Kapitalismus
in seinem imperialistischen Stadium, sowie der wiederum notwendig
aus ihm hervorgehenden Form des staatsmonopolistischen Kapitalis-
mus - bereicherte und erweiterte von Marx im "Kapital" angelegte
Untersuchung 11). So betonen Gerns/Steigerwald:
"Bei der richtigen Einschätzung des Kapitalverhältnisses in den
entwickelten kapitalistischen Ländern kommt heute jener Entwick-
lung entscheidende Bedeutung zu, die Lenin als Tendenz bereits in
der Periode des ersten Weltkrieges entdeckte - der Vereinigung
der Macht der Monopole mit der Macht des Staates zum staatsmono-
polistischen Kapitalismus." 12)
Diese allgemeine Untersuchung, und mit ihr die wissenschaftliche
Erklärung aller notwendig hervorgehenden, im Gegensatz zu den nur
mehr empirisch konstatierbaren Formen, ist überhaupt also Grund-
lage jeder historisch-spezifischen Untersuchung und stellt somit
den Ausgangspunkt jeder Analyse dar, deren Ziel in der Herausar-
beitung einer der Situation eines Landes adäquaten Taktik liegt.
Ausgehend von diesem Verständnis der Aufgaben einer allgemeinen
Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. der Er-
klärung aller notwendig hervorgehenden Formen und die Untersu-
chung ihrer gegenseitigen Beziehungen und Verschlingungen, läßt
sich auch allgemein für alle Länder kapitalistischer Entwicklung
- gleich welchen Grades - konstatieren, daß es zu den vordring-
lichsten Aufgaben der konkreten Untersuchung zur Bestimmung der
aus ihr resultierenden Taktik gehört, anzugeben, in welchen For-
men der Übergang zum Sozialismus nur stattfinden kann. Es heißt
dies doch "nur", angeben zu können, wie, in welchen konkreten
Kampfmomenten, Schritten und Zwischenschritten die schließliche
Errichtung der politischen Form der sozialen Emanzipation und da-
mit der "Ausgangspunkt" des Sozialismus als neuer Gesellschafts-
formation, vor sich geht. Auf diese Angaben verzichten zu wollen,
die konkrete Form des Übergangs, die Übergangsform nicht umfas-
send in ihrer ökonomischen, politischen und sozialen Struktur zu
beschreiben, hieße, sich eines statischen Verständnisses des
Übergangs zu bedienen - letztlich ohnmächtig einer konkreten Tak-
tikangabe - auf den qualitativen Sprung zu warten.
So läßt sich also allgemein formulieren, daß es Aufgabe jeder
konkreten Untersuchung ist, die Übergangsform zu finden und zu
analysieren, die dem konkreten Entwicklungsgrad des Kapitalver-
hältnisses in diesem Land sowie aller daraus resultierenden all-
gemeinen und nur-historischen Bedingungen adäquat ist. Es handelt
sich in der Tat um eine besondere Wechselbeziehung zwischen all-
gemeiner Aussage und historisch spezifischen Formen: Allgemein
gilt es, Übergangsformen zu finden, ihre Analyse und Beschreibung
ist nur empirisch-historisch möglich 13).
Wenn sich nun aber aus der Betrachtung der konkreten Übergangs-
formen verschiedener Länder gemeinsame Grundzüge feststellen las-
sen, so handelt es sich keineswegs um die Konstruktion allgemei-
ner Taktik, die allein aus der Untersuchung des staatsmonopoli-
stischen Kapitalismus gewonnen werden kann. Vielmehr wäre es
höchst verwunderlich, wenn, angesichts der Stellung des Imperia-
lismus im Weltmaßstab, sich keine Gemeinsamkeiten in den konkre-
ten Strategie- und Taktikangaben finden ließen 14).
Es handelt sich bei solchen gemeinsamen Grundzügen um eine im
klar begrenzten Rahmen "verallgemeinerbare Taktik", deren Mög-
lichkeit sich nicht allein aus der allgemeinen Untersuchung der
kapitalistischen Produktionsweise ableiten läßt. Wenn wichtige
gemeinsame Bestimmungen der Taktik in entwickelten kapitalisti-
schen Ländern zusammenhängen mit der Stellung des Imperialismus
im Weltmaßstab, der Spaltung der Welt in zwei Systeme, mit der
Krise und dem Zerfall des Kolonialsystems, so wäre es grundfalsch
und einseitig, die daraus resultierenden taktischen Möglichkeiten
und Schritte allein aus den inneren Gesetzen der kapitalistischen
Produktion herleiten zu wollen. Zwar müssen sich alle diese, dem
Kapitalismus selbst teilweise äußerlichen Momente, auf seine in-
nere Gesetzmäßigkeit und deren Durchsetzungsform modifizierend
und einschränkend auswirken, sich damit in jeder spezifisch-hi-
storischen Untersuchung auch in ihren konkreten Gestaltungen wie-
derfinden, jedoch liegt der Vorstellung einer lediglich aus den
inneren Gesetzen der kapitalistischen Produktion ableitbaren all-
gemeinen Taktik eine m e t h o d i s c h u n h a l t b a r e
Verkürzung zugrunde. Vielmehr geht es doch darum, herauszufinden,
welche Vermittlungsglieder sich zwischen den Entwicklungsgesetzen
des staatsmonopolistischen Kapitalismus einerseits und der sich
nicht mehr aus diesen Gesetzen erklärbaren "äußeren" Entwicklung
andererseits benennen lassen 15). Ein anderes Verständnis hat
entweder den Anspruch und damit zur Konsequenz, die Entwicklungs-
gesetze des Sozialismus im Weltmaßstab selbst aus den inneren Ge-
setzen des Kapitals ableiten zu müssen - eine Absurdität, die of-
fen ins Gesicht schlägt -, oder aber, und wir halten dies für
einen ebenso verkürzt-gefährlichen Ansatz, die Taktik der Arbei-
terbewegung in den einzelnen Ländern lediglich aus den dem Kapi-
tal immanenten Bewegungsgesetzen ableiten zu wollen.
Es wird noch weiter unten auf die damit verknüpften Probleme ein-
zugehen sein. Hier sei jedoch nur angemerkt, daß die Notwendig-
keit und methodische Möglichkeit einer mehr als nur empirisch-hi-
storisch gekennzeichneten Übergangsform weder etwas mit einer
plumpen Schematisierung oder Übertragung taktischer Modelle noch
mit einer, für Länder mit hoch entwickeltem Kapitalverhältnis
geltenden, allgemeinen Taktik gemein hat, die sich allein aus der
Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise bestimmen
ließe 16). Im Gegenteil, es gilt hier einerseits alle auf die
allgemeine Krise des Kapitalismus einwirkenden inneren und äuße-
ren Gesetzmäßigkeiten zu erforschen und in ihrer Bedeutung für
den Klassenkampf einzuordnen; andererseits die jeweils spezifisch
historischen Modifikationen und Konkretionen der Übergangsform
klar und deutlich zu bestimmen und zum Kernstück jeder konkreten
Gesamtstrategie auszubauen.
Deutlicher: Man kann versuchen zu zeigen, daß sowohl die Theorie
des staatsmonopolistischen Kapitalismus als auch überhaupt die
Imperialismustheorie kerne qualitative Weiterentwicklung der
Marxschen Untersuchung darstelle, daher auch lediglich eine An-
wendung der nurmehr um die von Marx bereits angegebenen Schritte
(Staat, Weltmarkt, Krise) zu erweiternden allgemeinen Untersu-
chung auf die historische Situation eines Landes erheischt sei,
um die Taktik abzuleiten 17). Oder man kann die Richtigkeit der
Einschätzung sowohl der Entwicklung des Kapitalverhältnisses in
der BRD als auch der Bedeutung der weltweiten Einflüsse auf die
Taktik bestreiten - dann hätte man allerdings aufzuzeigen, in
welchen Schritten die Kommunisten aufhören wissenschaftliche Er-
klärungen liefern zu können, an welcher Stelle ihr grundsätzlich
falsches Verständnis der Marxschen Methode zu suchen sei. Oder
man hält die Einschätzung für richtig, die Ableitung für falsch,
die Taktik, obwohl aus der Einschätzung resultierend; auch für
falsch etc. ...
In all diesen Fällen hätte man also entweder die Systematik des
falschen Verständnisses aufzuzeigen, implizit die eigene methodi-
sche Ableitung zu skizzieren oder aber man muß sich - wie Bi-
schoff - mit a priori Konstruktionen behelfen, wie z.B. dem
"unvermittelten Übergang zum Sozialismus", um am Resultat Kritik
zu üben, sich aber um die im Hintergrund stehenden grundsätzli-
chen Bedenken zur Ableitung herumzudrücken.
Auch mit Bezug auf die Verschärfung der Klassenkämpfe und der da-
mit verbundenen Tendenz der Bourgeoisie, ihre Herrschaftsform zu-
gunsten der Despotie zu wechseln, betonen die kommunistischen
Parteien, wie auch Bischoff richtig referiert, die Notwendigkeit
der Ableitung aus dem staatsmonopolistischen Kapitalismus.
"'Die neue Stufe der Konzentration ökonomischer Macht in den Hän-
den des Großkapitals drängt zur politischen Reaktion, zum Abbau
demokratischer Rechte, zu autoritären und diktatorischen Herr-
schaftsformen'. 18) Diese Ableitung stützt sich auf die Theorie
des staatsmonopolistischen Kapitalismus, in der der Zwang zur
Veränderung der Form der Klassendespotie in Ländern mit hochent-
wickeltem Kapitalverhältnis so formuliert ist: 'Hier handelt es
sich um eine G e s e t z m ä ß i g k e i t (!) d e r
s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e n E n t w i c k-
l u n g: Mit der zunehmenden ökonomischen Machtkonzentration
tendiert auch die politische Entwicklung immer stärker zur Zen-
tralisation der politischen Gewalt bei weitgehender Abschirmung
gegen alle demokratischen Einflüsse.' 19)." 20)
Wenn daher versucht wird, diesen Zusammenhang zu zerreißen, indem
behauptet wird, wie diese Tendenz sich ableite, sei für das dort
zu behandelnde Problem gleichgültig, so ist überhaupt jeglicher
weiteren Kritik die methodische Grundlage entzogen:
"In diesem Zusammenhang, wo es nur um die Erörterung der Frage
geht, wie weit die DKP sich an der allgemeinen Taktik für die Me-
tropolen des Kapitals orientiert, unterbleibt die Auseinanderset-
zung mit diesem Begründungszusammenhang und folglich mit der
Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus. Hier genügt die
Bestimmung, daß die Bourgeoisklasse ihre allgemeine Herrschafts-
form, die parlamentarische Selbstherrschaft etabliert hat, daher
keine Aufgaben in bezug auf die bürgerlich-demokratische Revolu-
tion mehr anstehen kann, und daß eine Tendenz zur Veränderung
dieser Herrschaftsform in Richtung auf die personale Form des
Klassendespotismus feststellbar ist, gleich, ob die Erklärung für
diese Tendenz aus dem der parlamentarischen Herrschaftsform ei-
gentümlichen Widerspruch oder aus der Theorie des staatsmo-
nopolistischen Kapitalismus abgeleitet wird." 21) Soll heraus-
gefunden werden, wie sich diese Tendenz weiterentwickelt, wie man
ihr entgegenzutreten habe, so muß es doch elementarstes Interesse
sein, zu bestimmen, woraus sie sich entwickelt, worin genau ihre
Gesetzmäßigkeit begründet liegt. Es genügt doch hier keineswegs
einen gewissen, selbst bei Marx gar nicht systematisch entwickel-
ten Zusammenhang zwischen den einzelnen Herrschaftsformen der
Bourgeoisie zu unterstellen, 22) ohne genauestens zu untersuchen,
auf welcher Stufe der Entwicklung jeweils der Übergang stattfin-
det, was entgegenwirkende Ursachen sind, wie die einzelnen Zwi-
schenschritte und -formen der Herrschaft sich allgemein bestimmen
lassen etc. Gerade in diesem Zusammenhang sind nochmals die der
kapitalistischen Entwicklung quasi von außen entgegenwirkenden
Gesetzmäßigkeiten zu betonen, die auch mit Bezug auf die freie
Entwicklung der Herrschaftsformen der Bourgeoisie einen nicht un-
wesentlich beschränkenden Einfluß ausüben 23). Gerade also die
Frage nach der Orientierung kommunistischer Parteien in hochent-
wickelten Ländern an einer "allgemeinen Taktik für die Metropole"
stellt den Begründungszusammenhang und seine Stringenz in den
Mittelpunkt der Auseinandersetzung, ist sie doch (um es polemisch
zu formulieren), solange nicht die reale Bewegung die Richtigkeit
der Taktik widerlegt, der einzige Prüfstein. Daß die "Tendenz zur
Veränderung dieser Herrschaftsform in Richtung auf die personale
Form des Klassendespotismus feststellbar" sei, genügt bei weitem
nicht, um die Strategie und Taktik der Arbeiterbewegung bezüglich
dieser Tendenz anzugeben; vielmehr ist zu fragen, wie sich dieser
allgemeine Zusammenhang notwendig auf einer bestimmten Stufe der
kapitalistischen Entwicklung - dem staatsmonopolistischen Kapita-
lismus - durchsetzt, welches die allgemeinen Formen sind, welche
Tendenzen diesen Versuchen entgegenwirken etc. 24).
Noch deutlicher zeigt sich die Unmöglichkeit der Lostrennung des
Ableitungsresultats von der Ableitungsmethode selbst in dem sich
durchziehenden Versuch, die Theorie des staatsmonopolistischen
Kapitalismus als nicht konstitutiv für die Bestimmung der Taktik,
hier der Übergangsform als der Erkämpfung der antimonopolisti-
schen Demokratie, zu betrachten:
"Die Begründung für die These von der 'notwendig vermittelnde(n)
Rolle des Kampfes um eine antimonopolistische Demokratie' 25),
von der 'vermittelnde(n) Funktion der fortschrittlichen Demokra-
tie' 26) l i e g t a l s o a u f e i n e r g a n z a n d e-
r e n E b e n e u n d w i r d k e i n e s w e g s v o n
d e r s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e n F o r m
d e s h e u t i g e n K a p i t a l i s m u s... a b g e-
l e i t e t, s o n d e r n r e s u l t i e r t a u s e i-
n e r E i n s c h ä t z u n g d e s Z u s a m m e n h a n g s
v o n K a p i t a l i s m u s u n d S o z i a l i s m u s
ü b e r h a u p t." 27).
Wenn Gerns/Steigerwald in ihrer Replik einerseits betonen, daß
sich der heutige Kapitalismus ohne die Leninsche Theorie des Im-
perialismus und des staatsmonopolistischen Kapitalismus nicht
verstehen, die "richtige Strategie und Taktik der Arbeiterbewe-
gung für unserer Periode ... sich nur auf der Grundlage dieser
Theorie entwickeln (läßt)," 28) andererseits aber klarstellen,
daß es in der Tat um "das Problem der antimonopolistischen Demo-
kratie und ihres Verhältnisses zum Sozialismus (geht)", 29) so
liegt dem natürlich auch ein bestimmtes Verständnis des Zusammen-
hangs von Kapitalismus und Sozialismus zugrunde. Wie jedoch im
Gegensatz zu der hier beanspruchten 'Ebene', dieser Zusammenhang
"'überhaupt'... auf einer ganz anderen Ebene" eingeschätzt werden
kann, soll im folgenden problematisiert werden.
Es läßt sich neben der von kommunistischen Parteien formulierten
Methode der Ableitung eine alternative Position benennen, deren
Brauchbarkeit es zu überprüfen gilt. Wenn es möglich ist, die
Frage nach dem Verhältnis von Kapitalismus und Sozialismus
'überhaupt' zu diskutieren, unter Ausschluß der allgemeinen Un-
tersuchung der kapitalistischen Produktionsweise in ihrer realen
Entwicklung, so lassen sich allgemeinste Aussagen treffen, deren
Gültigkeit einerseits unbestreitbar bleibt, deren Beschränktheit
andererseits sie "nur" als methodischen Leitfaden aller weiteren
Untersuchungen bestimmen läßt. Ist es auf dieser Ebene möglich,
gesetzmäßig die Notwendigkeit des Übergangs vom Kapitalismus zum
Sozialismus abzuleiten, so lassen sich die dazu notwendigen Mo-
mente in allgemeinster Weise ausdrücken: das In-Widerspruch-Tre-
ten der kapitalistischen Produktionsverhältnisse mit dem Entwick-
lungsstand der Produktivkräfte, der Kapitalismus muß aufgehört
haben, historische transitorische Notwendigkeit zu besitzen; ein
bestimmter Grad der Vergesellschaftung der Arbeit; die Konstitu-
tion des Proletariats von der Klasse an sich zur Klasse für sich
etc. bis hin zur schließlichen Erringung der politischen Macht
durch die Arbeiterklasse. Es läßt sich dieser Zusammenhang eben-
sogut resümieren in der Aussage:
"Der Kommunismus ist die aus dem Zerfallsprozeß der bürgerlichen
Gesellschaft hervorgehende Bewegung, die zu einer neuen Form der
Gesellschaftlichkeit der Arbeit führt. Dieser Zerfallsprozeß, der
in allen gesellschaftlichen Beziehungen seinen mehr oder minder
vermittelten Ausdruck findet, ist in letzter Instanz bestimmt
durch die Tendenzen der materiellen Produktion; er ist notwendi-
ges Resultat der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produkti-
onsweise." 30)
Soweit also - notwendigerweise hier nur angedeutet - der Zusam-
menhang zwischen Kapitalismus und Sozialismus 'überhaupt'. Je-
doch, und hierin scheint uns die wirkliche Problematik begründet
zu sein, liegt der Abgrenzung der 'ganz anderen Ebene' von der
Ableitung des Zusammenhanges aus der Theorie des staatsmonopoli-
stischen Kapitalismus ein bestimmtes Verständnis von allgemeiner
(überhaupt) im Gegensatz zu der von den kommunistischen Parteien
beanspruchten Erklärungsebene zugrunde. Es ist dies in der Tat
ein im Hintergrund stehendes (zum Teil krampfhaft im Hintergrund
gehaltenes) Verständnis von Marxscher Theorie, das zwar explizit
in seinen Konsequenzen, hauptsächlich bezüglich des Allgemein-
heitsanspruchs der Leninschen Imperialismustheorie und der nach-
folgenden marxistisch-leninistischen Literatur, noch nicht formu-
liert vorliegt, dessen unterstellte Richtigkeit aber gerade in
der dargestellten Kritik am Entwurf der Thesen der DKP sich deut-
lich widerspiegelt. Wie ließe sich auch sonst erklären, daß ei-
nerseits das Verhältnis von Kapitalismus und Sozialismus zunächst
losgetrennt wird von der Einschätzung des heutigen Entwicklungs-
standes des Kapitalismus, im Nachhinein aber durch einen methodi-
schen Schlenker die Taktik einer kommunistischen Partei gemessen
wird an einer den Metropolen des Kapitals adäquaten, d.h. an der
einer bestimmten r e a l e n Entwicklungsstufe des Kapitalver-
hältnisses a l l g e m e i n entsprechenden Taktikkonzeption?
III
Die Schwierigkeiten, um die es im folgenden also geht, sind:
a) Welches Verständnis von 'allgemeiner Untersuchung der kapita-
listischen Produktionsweise' liegt hier vor; b) wie ist die Ab-
grenzung gegen empirische Untersuchungen verstanden; c) wie ist
daher der Übergang der beiden Ebenen - "der Umschlag von Theorie
in Methode" - vorzustellen; d) welche Konsequenzen ergeben sich
aus diesem Verständnis bezüglich der Leninschen Imperialismus-
theorie und der gesamten marxistisch-leninistischen Wissen-
schaftsentwicklung bis auf den heutigen Tag?
Selbstverständlich erheben wir in keiner Weise den Anspruch, die
damit aufgeworfenen Probleme umfassend klären zu können. Vielmehr
liegt die Betonung - der vorliegenden Arbeit entsprechend - auf
der mit dieser Problematik eng verknüpften Frage nach der mögli-
chen Weiterentwicklung und schöpferischen Anwendung der Marxschen
Theorie und Methode durch Lenin, nach dem Erklärungs- und Allge-
meinheitsanspruch der Imperialismustheorie und ihrer Weiterent-
wicklung in der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus.
Und selbst dies nur unter dem sehr begrenzten Aspekt der Frage-
stellung, inwieweit überhaupt über den von Marx im "Kapital" ab-
gesteckten Rahmen (einschließlich der in den Aufbauplänen ange-
deuteten weiteren Untersuchung von Staat, Weltmarkt, Krise) hin-
aus noch eine nicht nur quantitative Weiterentwicklung der
a l l g e m e i n e n Untersuchung der kapitalistischen Produk-
tionsweise möglich und notwendig ist.
Wir glauben zeigen zu können, daß in der hier von uns zu kriti-
sierenden Konzeption ein zum Teil verkürztes Begreifen der allge-
meinen Ebene des "Kapitals" hinsichtlich der Begrenzung vorliegt,
das letztendlich der von Marx vorgenommenen Untersuchung einen
tendenziell ahistorischen Charakter verleiht. Sowohl die damit
verbundenen Konsequenzen bezüglich der Einschätzung der Theorie-
entwicklung seit Marx als auch die direkten Einflüsse auf die
praktisch-politische Betätigung sollen kurz angedeutet werden.
Dabei gilt es nochmals zu betonen, daß die hier formulierten Be-
denken hauptsächlich den Versuch darstellen, bestimmte Vermitt-
lungsschritte - die als grundlegende jedoch weiterreichende Kon-
sequenzen haben - in einer sachlichen Diskussion als problema-
tisch oder unausgewiesen aufzudecken. Ist der eigene und ohne
Zweifel in der theoretischen Auseinandersetzung 31) bereits be-
währte Anspruch der hier kritisierten theoretischen Position, die
Aneignung der Marxschen Methode zur Grundlage der eigenen theore-
tisch-politischen Betätigung gemacht zu haben, so kann ihnen
selbst nur jeder Versuch, sie an eben diesem Anspruch zu messen,
willkommene Gelegenheit zur Überprüfung sein.
Versucht man eine Linie durch die verschiedenen Arbeiten des
"Projekts Klassenanalyse" zu ziehen, so fallen zunächst einmal
durchgehende Begriffsbestimmungen auf, die in problematischer und
widersprüchlicher Form ihre Anwendung finden. Bevor jedoch auf
diese selbst eingegangen werden kann, bedarf es hier einiger Klä-
rungen: Geht es um die Bestimmung dessen, was die Grenzen der
allgemeinen Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise
sind, und inwieweit hierin selbst der Möglichkeit nach die Unter-
scheidung qualitativ verschiedener Stadien der kapitalistischen
Entwicklung angelegt ist, so gilt es zunächst, begrifflich prä-
zise den Gegenstand dieser Untersuchung zu bestimmen, letztend-
lich auch klar abzustecken, was d e n i n s i c h d i f-
f e r e n z i e r t e n Gegenstand des Marxschen "Kapital"
ausmacht. Formuliert Marx selbst "Was ich in diesem Werk zu er-
forschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die
ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse." 32)
"... und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische
Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen ..." 33)
so ist klar, welche Implikationen hierin liegen: Es geht um die
Enthüllung der inneren Struktur eines bestimmten Abschnitts der
Menschheitsgeschichte, um die Darstellung einer spezifischen Form
der gesellschaftlichen Produktion, die in letzter Instanz bestim-
mend ist für alle sich aus dieser Form ableitenden gesellschaft-
lichen Zusammenhänge - es geht also um die Darstellung einer be-
stimmten Produktionsweise. Zwar wäre es einerseits höchst mißver-
ständlich - und hierauf weist das "Projekt Klassenanalyse" zu
recht wiederholt hin - die Darstellung der ökonomischen Struktur
und ihrer Gesetzmäßigkeiten für eine lediglich historische in dem
Sinne zu halten, daß sie die historische Entwicklung der kapita-
listischen Produktionsweise nachzeichnet: 34)
"Wird das 'Kapital' nicht als Darstellung der verselbständigten
Formen gesellschaftlicher Arbeit begriffen, sondern zugleich zur
Nachzeichnung der historischen Genesis des Kapitalverhältnisses
umgedeutet, so wird damit die Marxsche Theorie und Methode völlig
zum Mysterium." 35)
Andererseits - und es scheint uns trotz des zunächst tautologi-
schen Charakters dieser Feststellung wichtig, in diesem Zusammen-
hang darauf hinzuweisen - handelt es sich letztendlich um 'nichts
anderes' als die logisch-genetische Darstellung, um die, nach der
dem Gegenstand adäquaten notwendigen Reihenfolge, geordneten Ge-
setzmäßigkeiten, eines bestimmten historischen Abschnitts der
Menschheitsgeschichte, um die Darstellung einer Gesellschaftsfor-
mation in ihrer grundlegenden Struktur. Nur in diesem Sinne ist
auch zu verstehen, was von Marx und Engels bezeichnet wird mit
wissenschaftlicher "Einsicht in den n o t w e n d i g e n hi-
storischen Zusammenhang". 36)
Die Betonung dieses Sachverhalts ist aus dreierlei Gründen hier
notwendig:
a) Es sind historische Voraussetzungen - nicht gesetzmäßige, sich
notwendig entwickelnde Momente - die die Bedingungen der kapita-
listischen Produktionsweise bilden. Es sind in der Tat die zur
Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise notwendigen
"logischen Kategorien immer auch schon historische in dem Sinne,
daß sie historisch gewordene und vergängliche sind " 37). Das Ka-
pitalverhältnis selbst ist Resultat nicht eines naturgesetzlichen
Prozesses, vielmehr entsteht es nur "wo der Besitzer von Produk-
tions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner
Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische
Bedingung umschließt eine Weltgeschichte." 38) Ebenso stellt
seine Ablösung durch eine höhere Gesellschaftsformation nicht
einen naturnotwendigen Sachverhalt - wenn auch sein letztlicher
Untergang den eigenen Gesetzen geschuldet ist: "...die kapitali-
stische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturpro-
zesses ihre eigne Negation." 39) - sondern eine bewußte histori-
sche Tat ihres Totengräbers, des Proletariats dar, die gleichzei-
tig damit den 'Anfangspunkt' der von Menschen bewußt gemachten
Geschichte setzt.
b) Handelt es sich um die Enthüllung des allgemeinen ökonomischen
Bewegungsgesetzes einer Gesellschaftsformation, so ist klar, daß
diese nicht gebunden sein kann, im Gegenteil, zu abstrahieren hat
von allen zufälligen, sich bloß empirisch ergebenden Formen, von
der bloß erscheinenden Bewegung. Sie hat diese vielmehr auf den
sich dahinter verbergenden inneren Zusammenhang zurückzuführen
und sie damit als eben bloß erscheinende zu erklären.
c) Aus beiden vorangegangenen Bestimmungen ergibt sich aber: Wenn
die allgemeine Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise
einerseits die Untersuchung einer historischen Epoche der Mensch-
heit ihrer Grundlage nach darstellt, andererseits aber nicht die
bloß erscheinende empirisch-historische Bewegung zum Gegenstand
hat, so muß sie dennoch beinhalten, a l l e Formen und Zusam-
menhänge, die sich notwendig, gesetzmäßig innerhalb dieser Pro-
duktionsweise entwickeln, alle Formen, deren Existenz nicht dem
empirischen Zufall, sondern der inneren Struktur geschuldet sind,
zu erklären.
Es bleibt die hierin ausgedrückte Wechselbeziehung äußerlich,
wird der damit ausgedrückte Zusammenhang nicht auf seine Konse-
quenzen hin untersucht. Worum es geht, ist, zu zeigen, daß die
allgemeine Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise
nicht zum alleinigen Gegenstand die begriffliche Bestimmung der
spezifischen Form der Gesellschaftlichkeit der Arbeit hat, son-
dern darüber hinaus alle sich aus dieser Form notwendig ergeben-
den Beziehungen und abgeleiteten Verhältnisse beinhaltet, ja gar
nicht von der begrifflichen Bestimmung selbst getrennt werden
kann, zumal diese nicht ohne jene existiert. Es geht also darum,
zwei Ebenen innerhalb der allgemeinen Untersuchung zu unterschei-
den, die begrifflich nicht zusammenfallen, im Gegenteil, zunächst
strikt zu trennen sind, will man ihre innere Unzertrennlichkeit,
ihre gegenseitige Bedingtheit begreifen und sich so zum richtigen
Verständnis 'emporarbeiten'. 'Dem mit der Marxschen Theorie ver-
trauten Leser wird auffallen', worum es sich hierbei handelt: Es
geht um die Trennung der Darstellung des 'allgemeinen Begriffs
des Kapitals' von der über sie hinausgehenden 'allgemeinen Unter-
suchung der kapitalistischen Produktionsweise', deren innersten
und in der Darstellung ersten Gegenstand jene zwar bildet, mit
dem letztere aber nicht aufhört und nicht gleichzusetzen ist.
Was den Begriff des Kapitals konstituiert, was es möglich und
notwendig macht, vom Kapitalismus als eigenständiger Gesell-
schaftsformation zu sprechen, was die spezifische Differenz die-
ser Formation gegenüber anderen ausmacht, kann nicht identisch
sein mit der allgemeinen Untersuchung dieser Produktionsweise
selbst. Mag auch die begriffliche Bestimmung des Kapitals im all-
gemeinen letztes Resultat der Erforschung der verschiedenen Ent-
wicklungsformen sein, es gilt gerade deshalb sie in der Darstel-
lung zu trennen von der Untersuchung und Bestimmung dieser Formen
selbst, soweit sie notwendig aus dem gewonnenen Resultat erwach-
sen. Es ist diese Unterscheidung auch das letztlich bestimmende
Moment der Differenz von Forschungs- und Darstellungsweise im
"Kapital":
"Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der For-
schungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im
Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu ana-
lysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese
Arbeit vollbracht, kann die w i r k l i c h e B e w e g u n g
entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich
nun das Leben des Stoffs ideel wider, so mag es aussehen, als
habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun." 40)
IV
Soll also zunächst das 'Kapital im allgemeinen' abgegrenzt werden
gegen die darüber hinausgehende 'allgemeine Untersuchung der ka-
pitalistischen Produktionsweise', so fällt in die erste Ebene die
Bestimmung des Kapitals als gesellschaftlichem Verhältnis, als
prozessierendem Wert, als eine durch Bildung von Mehrwert, durch
eine endlose, maßlose Bewegung gekennzeichnete und sich damit in
Kapital verwandelnde Wertsumme. Dabei ist jedoch diese Gesamtbe-
wegung zu unterteilen in zwei Lebensabschnitte, deren spezifische
Unterschiede zwar in der kontinuierlichen Bewegung als Einheit -
in dem "B e w e g u n g s p r o z e ß d e s K a p i t a l s,
a l s G a n z e s b e t r a c h t e t" 41) - verschwinden, de-
ren Erkenntnis aber erst die "Durchbrechung" der aus diesem
Kreislauf notwendig hervorgehenden Verkehrungen ermöglicht und
damit erst die Voraussetzungen einer Darstellung der gesetzmäßi-
gen inneren Organisation bietet. So ist also die Bestimmung des
unmittelbaren Produktionsprozesses als der inneren Lebenssphäre
des Kapitals, als der Sphäre seines inneren organischen
"gesellschaftlichen Verhältnis(ses) zur Arbeit, worin es eben Ka-
pital ist" 42), zu unterscheiden von äußeren Lebensverhältnissen
in welche das Kapital mit seinem Austritt aus der Produktion in
der Warenform eintritt, vom Zirkulationsprozeß des Kapitals. Zwar
erfüllt das Kapital seine Bestimmung, sich selbst verwertender
Wert zu sein, nur durch die vollendete Beschreibung seiner spezi-
fischen Kreislaufform, daher also 1. durch den abgeschlossenen
Durchlauf seiner beiden Lebensabschnitte, 2. aber in der kontinu-
ierlichen beständigen Wiederholung dieses Durchlaufs. Erst so be-
trachtet, ist der "kapitalistische Produktionsprozeß, im ganzen
betrachtet, Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozeß" 43).
Fällt somit in die Analyse des 'Kapital im allgemeinen' die Be-
trachtung beider sich gegenseitig vermittelnden und bedingenden
Abschnitte, deren Einheit erst den Lebensprozeß des Kapitals,
seine Bewegung als sich selbst verwertender Wert konstituiert,
44) so ist klar, daß die Darstellung dieses Gegenstandes erst
"vollendet" ist mit der abschließenden Aufnahme der Bestimmungen,
soweit sie sich aus dem Gesamtprozeß ergeben - Kapital und Pro-
fit. Hingegen umfaßt die allgemeine Analyse der kapitalistischen
Produktionsweise mehr, wobei vorher noch zu erwähnen bleibt, daß
wir die Ansicht teilen, erster Schritt jeglicher Untersuchung
wirklicher Verhältnisse sei die gründliche Aneignung der Darstel-
lung des allgemeinen Begriffs des Kapitals, wie sie von Marx vor-
gelegt wurde. Darüber hinaus jedoch ist sowohl die Aneignung der
von Marx selbst weitergetriebenen Untersuchung als auch ihre
Fortsetzung unabdingbare Voraussetzung jeglicher konkret-empiri-
schen Anwendung. Kennzeichnet man nicht den spezifischen
"Umschwung" innerhalb des "Kapitals" von der Darstellung des Ka-
pitals im allgemeinen zu weitergehenden Bestimmungen, die nicht
mehr unmittelbar in seinen Rahmen fallen, so dürfte man kaum zu
einem richtigen Verständnis der Marxschen Untersuchung gelangen.
Daß in diesem "Umschwung" in der Tat eine enge Wechselbeziehung
enthalten ist, wurde bereits angedeutet, sie selbst wird noch nä-
her zu bestimmen sein. Zunächst jedoch gilt es mit Marx zu zei-
gen, daß die Trennung der Ebenen eine notwendige Voraussetzung
des Verständnisses der allgemeinen Untersuchung bildet. So findet
sich in fast allen Aufbauplänen für das Gesamtwerk eine klare
Trennung der Gegenstände: 45)
"Folgendes ist short outline of the first part. Die ganze Scheiße
soll zerfallen in 6 Bücher: 1. Vom Kapital. 2. Grundeigentum. 3.
Lohnarbeit. 4. Staat. 5. Internationaler Handel. 6. Weltmarkt.
I. Kapital zerfällt in 4 Abschnitte, a) Kapital en général.
(D i e s i s t d e r S t o f f d e s e r s t e n
H e f t s.) b) Die K o n k u r r e n z oder die Aktion der
vielen Kapitalien aufeinander, c) K r e d i t, wo das Kapital
den einzelnen Kapitalien gegenüber als allgemeines Element er-
scheint, d) Das A k t i e n k a p i t a l als die vollendetste
Form..." 46)
Hier also ist das Kapital im allgemeinen klar getrennt von der
Darstellung der Konkurrenz, des Kredits und des Aktienkapitals,
deren Zugehörigkeit jedoch zur allgemeinen Untersuchung der kapi-
talistischen Produktionsweise niemand ernsthaft wird bestreiten
wollen. Ebenso ist die Unterscheidung in den mehr als vier Jahre
später gemachten Bemerkungen zum Aufbau wiederzufinden, die die
Absurdität einer Gleichsetzung des allgemeinen Begriffs des Kapi-
tals und der allgemeinen Untersuchung der kapitalistischen Pro-
duktion noch deutlicher erkennen läßt:
"Der zweite Teil ist nun endlich fertig, d.h. bis zum Reinschrei-
ben und der letzten Feilung für den Druck.... Es ist die Fortset-
zung von Heft I, erscheint aber selbständig unter dem Titel
"D a s K a p i t a l" und "Zur Kritik der Politischen Ökonomie"
nur als Untertitel. Es umfaßt in der Tat nur, was das dritte Ka-
pitel der ersten Abteilung bilden sollte, nämlich "Das Kapital im
allgemeinen". E s i s t a l s o n i c h t d a r i n e i n-
g e s c h l o s s e n d i e K o n k u r r e n z d e r K a-
p i t a l i e n u n d d a s K r e d i t w e s e n." 47)
Auch aus den Formulierungen Marxens über den Gegenstand der Dar-
stellung des dritten Bandes fällt unmittelbar auf, was die ge-
nannte Unterscheidung beinhaltet:
"In solcher allgemeinen Untersuchung wird überhaupt immer voraus-
gesetzt, daß die wirklichen Verhältnisse ihrem Begriff entspre-
chen, oder was dasselbe, werden die wirklichen Verhältnisse nur
dargestellt, soweit sie ihren eignen allgemeinen Typus ausdrüc-
ken." 48)
Ebenso in anderem Zusammenhang:
"In der politischen Ökonomie wird aber unterstellt, daß sie
(Nachfrage und Zufuhr, - d. Verf.) sich decken, warum? Um die Er-
scheinungen in ihrer gesetzmäßigen, ihrem Begriff entsprechenden
Gestalt zu betrachten..." 49)
Sollen also die wirklichen Verhältnisse ihrem Begriff entspre-
chen, bzw. werden sie als Ausdruck ihres allgemeinen Typus darge-
stellt, so ist unmißverständlich klar, daß die "Begrifflichkeit"
selbst bereits entwickelt sein muß. Der Unterschied im Gegenstand
der Darstellung ist vielleicht am deutlichsten sichtbar aus fol-
gendem Zitat:
"Wenn, wie der Leser zu seinem Leidwesen erkannt hat, die Analyse
der wirklichen, innern Zusammenhänge des kapitalistischen Produk-
tionsprozesses ein sehr verwickeltes Ding und eine sehr ausführ-
liche Arbeit ist; wenn es ein Werk der Wissenschaft ist, die
sichtbare, bloß erscheinende Bewegung auf die innere wirkliche
Bewegung zu reduzieren, so versteht es sich ganz von selbst..."
50)
Das Resultat des Forschungsprozesses, die Reduktion der erschei-
nenden Bewegung auf den inneren Zusammenhang, das in der Darstel-
lung den notwendigen Ausgangspunkt bildet, muß also ergänzt wer-
den durch die stufenweise Annäherung an die Formen der Oberflä-
che. Was sich im Forschungsprozeß als Absteigen vom Konkreten zum
Abstrakten zusammenfassen ließ, muß in der Darstellung als Auf-
steigen vom Abstrakten zum Konkreten sich geltend machen. Und
dieses Aufsteigen kann - um es kurz, daher leider schematisch -
auszudrücken, erst dort ansetzen, wo die Darstellung des Abstrak-
ten, Allgemeinen abgeschlossen ist. Dagegen ist klar, daß, so-
lange das Kapital im allgemeinen selbst noch Gegenstand der Un-
tersuchung ist, formuliert werden muß:
"Die Art und Weise wie die immanenten Gesetze der kapitalisti-
schen Produktion in der äußern Bewegung der Kapitale erscheinen,
sich als Zwangsgesetze der Konkurrenz geltend machen und daher
als treibende Motive dem individuellen Kapitalisten zum Bewußt-
sein kommen, ist jetzt nicht zu betrachten, aber soviel erhellt
von vornherein: Wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz ist nur
möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ..."
51)
Wir haben den Zusammenhang in dieser Ausführlichkeit deshalb hier
aufgenommen, weil wir meinen, daß ein verkürztes Verständnis der
von Marx im Kapital angelegten Untersuchung notwendigerweise
schwerwiegende Folgen hat, auch und gerade für die Einschätzung
der Theorieentwicklung im 20. Jahrhundert, sowie auch für das
Verständnis der Ableitungsfolge der Strategie und Taktik der kom-
munistischen Parteien heute.
V
Bevor auf diese jedoch selbst eingegangen werden kann, muß noch
die Vermittlung der beiden hier gekennzeichneten Ebenen klar
sein. Der Übergangsschritt muß verstanden werden als notwendiger,
er ergibt sich bereits innerhalb der Bestimmungen des Kapitals im
allgemeinen. Schon dort ist die Notwendigkeit der Besonderungen
unterstellt, das Verhältnis von gesellschaftlichem Gesamtkapital
und individuellem Kapital, ja das "Kapital im Allgemeinen ...
selbst (als) eine r e e l l e Existenz" angelegt 52). Wo daher
der Übergang zur Betrachtung der Besonderungen anzusiedeln ist -
und damit auch das Hinausgehen über das "Kapital im allgemeinen"
- ergibt sich bei Marx daher klar:
"Die dritte Form des Geldes als selbständiger, negativ gegen die
Zirkulation sich verhaltender Wert, ist das Kapital, das nicht
als Ware aus dem Produktionsprozeß heraus wieder in den Austausch
tritt, um Geld zu werden. Sondern das Kapital, das in der Form
des auf sich selbst beziehenden Werts Ware wird, in die Zirkula-
tion tritt. (K a p i t a l u n d Z i n s.) Diese dritte Form
unterstellt das Kapital in den frühern und bildet zugleich den
Übergang aus dem K a p i t a l in die b e s o n d r e n
K a p i t a l i e n, die realen Kapitalien; da jetzt, in dieser
letzten Form, das Kapital seinem Begriff nach sich schon in zwei
Kapitalien von selbständigem Bestehn scheidet. Mit der Zweiheit
ist dann die Mehrheit überhaupt gegeben. Such is the march of
this development." 53)
Dabei ist aber bereits in der Betrachtung des Ausgleichs zur
Durchschnittsprofitrate die Existenz der vielen Kapitalien Vor-
aussetzung und somit auch das Verhältnis von Konkurrenz und inne-
ren Gesetzen der kapitalistischen Produktion ein spezifisches.
Wir werden im Folgenden etwas näher auf dieses Verhältnis einge-
hen um zu zeigen,
a) wie mit der Darstellung der "konkreten Formen ... welche aus
dem B e w e g u n g s p r o z e ß d e s K a p i t a l s,
a l s G a n z e s b e t r a c h t e t, hervorwachsen" 54) und
der damit angelegten schrittweisen Annäherung an die Formen der
Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, die kapitalistische
Produktionsweise als real existierende - nicht in ihrer empirisch
zufälligen, sondern historisch notwendigen Dasein - selbst Gegen-
stand der Untersuchung wird, ohne damit den Allgemeinheitsgrad
der Bestimmungen einzuschränken oder die analysierten Grundformen
als lediglich einer bestimmten Stufe der kapitalistischen Produk-
tionsweise angehörenden zu 'degradieren';
b) daß auch bei zunächst ausgeschlossener Analyse der wirklichen
Bewegung der Konkurrenz die Marxsche Untersuchung über die Dar-
stellung des "Kapital im allgemeinen" hinausgeht;
c) daß aus diesem Verhältnis selbst zu entwickeln ist, was unter
allgemeiner Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise zu
verstehen ist;
d) wie in diesem Verhältnis die bereits angesprochene Möglichkeit
und Notwendigkeit einer qualitativen Unterscheidung von Stadien
innerhalb der realen historischen Entwicklung der kapitalisti-
schen Produktionsweise selbst angelegt ist.
"Die freie Konkurrenz ist n o c h n i e entwickelt worden von
den Ökonomen... Sie ist nur negativ verstanden worden: d.h. als
Negation von Monopolen, Korporation, gesetzlichen Regulationen
etc. ... Begrifflich ist die K o n k u r r e n z nichts als die
innre N a t u r d e s K a p i t a l s, seine wesentliche Be-
stimmung, erscheinend und realisiert als Wechselwirkung der
vielen Kapitalien aufeinander, die innre Tendenz als äußerliche
Notwendigkeit.) (Kapital existiert und kann nur existieren als
viele Kapitalien und seine Selbstbestimmung erscheint daher als
Wechselwirkungen derselben aufeinander.)" 55)
Wenn also begrifflich die Konkurrenz die erscheinende und reali-
sierte innere Natur des Kapitals ist, so ist klar, daß der Ver-
zicht auf eine allgemeine Untersuchung ihrer eigenen Bewegung als
aus den inneren Gesetzen notwendig hervorgehenden nur mehr das
'Kapital im allgemeinen' als fade Abstraktion übrigläßt. Dabei
gilt natürlich festzuhalten:
"Die Konkurrenz überhaupt, dieser wesentliche Lokomotor der bür-
gerlichen Ökonomie, etabliert nicht ihre Gesetze, sondern ist de-
ren Exekutor. Illimited competition ist darum nicht die Voraus-
setzung für die Wahrheit der ökonomischen Gesetze, sondern die
Folge - die Erscheinungsform, worin sich ihre Notwendigkeit re-
alisiert. ... Die Konkurrenz e r k l ä r t daher nicht diese
Gesetze; sondern sie läßt sie s e h n, produziert sie aber
nicht." 56)
Aber der Sachverhalt entgleitet völlig, wenn nicht gleichzeitig
die Wechselwirkung beachtet wird, in der die Durchsetzungsform
zur inneren Natur steht. Gilt für das nicht-erscheinende Wesen,
daß es nur mehr erklärbar ist als ein 'Un-Wesen', so ist das Ka-
pital im allgemeinen ohne seine reelle Entwicklung bloßes Hirnge-
spinst.
"Die f r e i e K o n k u r r e n z ist die Beziehung des Kapi-
tals auf sich selbst als ein andres Kapital, d.h. das reelle Ver-
halten des Kapitals als Kapital. Die innern Gesetze des Kapitals
- die nur als Tendenzen in den historischen Vorstufen seiner Ent-
wicklung erscheinen - werden erst als Gesetze gesetzt; die auf
das Kapital gegründete Produktion setzt sich nur in ihren adäqua-
ten Formen, sofern und soweit sich die freie Konkurrenz entwic-
kelt, denn sie ist die freie Entwicklung der auf das Kapital ge-
gründeten Produktionsweise; die freie Entwicklung seiner Bedin-
gungen und seiner als diese Bedingungen beständig reproduzieren-
den Prozesses. ... das Kapital ist frei gesetzt ... Die freie
Konkurrenz ist die reelle Entwicklung des Kapitals. Durch sie
wird als äußerliche Notwendigkeit für das einzelne Kapital ge-
setzt, was der Natur des Kapitals entspricht, (der) auf das Kapi-
tal gegründeten Produktionsweise, was dem Begriff des Kapitals
entspricht. Der wechselseitige Zwang, den in ihr die Kapitalien
aufeinander, auf die Arbeit etc. ausüben ... ist die f r e i e,
zugleich r e a l e Entwicklung des Reichtums als Kapital." 57)
Weiterhin ist klar, daß wenn in der wirklichen Konkurrenz alle
inneren Gesetze verkehrt erscheinen, diese Gesetze selbst in der
Darstellung bereits entwickelt sein müssen, bevor überhaupt auf
die Betrachtung des notwendigen Zusammenhangs von Erscheinung und
innerer Gesetzmäßigkeit übergegangen werden kann.
"(In der Konkurrenz ist das Grundgesetz, das entwickelt wird im
Unterschied zu dem über den Wert und Surpluswert aufgestellten,
daß er bestimmt ist nicht durch die in ihm enthaltene Arbeit,
oder die Arbeitszeit, worin er produziert ist, sondern die Ar-
beitszeit, worin er produziert werden kann, oder die zur Repro-
duktion notwendige Arbeitszeit. Dadurch wird das einzelne Kapital
realiter erst in die Bedingungen des Kapitals überhaupt gestellt,
obgleich es den Schein hat, als ob das ursprüngliche Gesetz umge-
worfen. Die n o t w e n d i g e Arbeitszeit als durch die Bewe-
gung des Kapitals selbst bestimmt, ist aber so erst gesetzt. Dies
ist das Grundgesetz der Konkurrenz. Nachfrage, Zufuhr, Preis
(Produktionskosten) sind weitere Formbestimmungen (!!); der Preis
als Marktpreis; oder der allgemeine Preis... Kurz, hier erschei-
nen alle Bestimmungen u m g e k e h r t wie in dem Kapital im
Allgemeinen ... Wirkung der einzelnen Kapitalien aufeinander be-
wirkt eben, daß sie als K a p i t a l sich verhalten müssen;
das scheinbar unabhängige Wirken der Einzelnen und ihr regelloses
Zusammenstoßen ist grade das Setzen ihres allgemeinen Gesetzes.
Markt erhält hier noch andere Bedeutung. Das Wirken der Kapita-
lien als einzelner aufeinander wird so grade ihr Setzen als all-
gemeiner und Aufheben der scheinbaren Unabhängigkeit und selb-
ständigen Bestehns der Einzelnen. Noch mehr findet diese Aufhe-
bung statt im Kredit. Und die äußerste Form, wozu die Aufhebung
geht, die aber zugleich das u l t i m a t e S e t z e n des
Kapitals in seiner ihm adäquaten Form - das Aktienkapital.)" 58)
Also: Wird das Kapital als allgemeines erst gesetzt durch das
Wirken der Kapitalien als einzelner aufeinander, so bedeutet doch
der Verzicht auf die Darstellung dieser Wirkungsweise selbst in-
nerhalb der allgemeinen Untersuchung (Der Verzicht auf die Unter-
suchung von Formbestimmungen!!) nur: Das Kapital im allgemeinen
findet in der Darstellung nicht seine Einlösung, es bleibt un-ge-
setzt - was sich in der so reduzierten "allgemeinen Untersuchung"
ideell widerspiegelt ist nicht das Leben des Stoffs, sondern die
Leere einer nichteingelösten, eben faden Abstraktion. Um das Ver-
hältnis der beiden Untersuchungsebenen in knapper Weise zu umrei-
ßen, genügen hier bereits folgende beiden Bestimmungen:
"Indessen ist es 1) seine notwendige Tendenz, sich in allen Punk-
ten die Produktionsweise zu unterwerfen, sie unter die Herrschaft
des Kapitals zu bringen. Innerhalb einer bestimmten nationalen
Gesellschaft ergibt sich das schon notwendig durch Verwandlung,
vermittelst desselben, aller Arbeit in Lohnarbeit; 2) in bezug
auf auswärtige Märkte erzwingt das Kapital diese Propaganda sei-
ner Produktionsweise durch die internationale Konkurrenz. Die
Konkurrenz ist überhaupt die Weise, worin das Kapital seine Pro-
duktionsweise durchsetzt." 59)
Es "setzt sich das innere Gesetz nur durch vermittelst ihrer Kon-
kurrenz, ihres wechselseitigen Drucks aufeinander, wodurch sich
die Abweichungen gegenseitig aufheben. Nur als inneres Gesetz,
den einzelnen Agenten gegenüber als blindes Naturgesetz, wirkt
hier das Gesetz des Werts und setzt das gesellschaftliche Gleich-
gewicht der Produktion inmitten ihrer zufälligen Fluktuationen
durch." 60)
Damit ist aber auch unmißverständlich ausgedrückt, daß alle For-
men und Gestaltungen, soweit sie sich aus dieser realen Entwick-
lung des Reichtums als Kapital notwendig ergeben auch Gegenstand
der allgemeinen Untersuchung der kapitalistischen Produktions-
weise zu sein haben. Und zwar gilt dies unabhängig von den ein-
zelnen Entwicklungsstadien; denn solange die bürgerliche Gesell-
schaft überhaupt noch als ein Abschnitt der Menschheitsgeschichte
real existiert - wenn auch nicht mehr als fortschrittlichste und
damit nicht mehr als im Weltmaßstab mögliche - treibt sie mit
Notwendigkeit neue Formen aus sich heraus, deren Bestimmung
selbst in die allgemeine, deren jeweilige Modifikationen und Be-
grenzungen durch 'zahllos verschiedene empirische Umstände, Na-
turbedingungen, Racenverhältnisse, von außen wirkende geschicht-
liche Einflüsse' etc. dagegen in die konkrete empirisch-histori-
sche Untersuchung eines Landes fallen. 61)
VI
Es ist hier der Punkt erreicht, an dem zurückgegangen werden kann
zur Frage, worin sich nun das von uns hier zu kritisierende Ver-
ständnis vom Übergang der Untersuchungsschritte äußert - soweit
dies nicht bereits in vorangegangenen Erläuterungen geklärt ist.
Dabei macht sich als eine besondere Schwierigkeit geltend, daß in
den verstreuten Äußerungen zum Gesamtverständnis der Marxschen
Theorie und Methode sich widersprüchliche Bestimmungen finden. So
wird im Zusammenhang einer Besprechung von H. Reichelts Buch "Zur
logischen Struktur des Kapital begriff s bei Karl Marx" richtig
festgehalten:
"Als der Hauptvorzug dieser Arbeit muß hervorgehoben werden, daß
die methodische Differenz zwischen der Darstellung des allgemei-
nen Begriffs des Kapitals und der Darstellung des Kapitals in
seiner historischen Realität prägnanter herausgearbeitet wird,
als dies bei anderen Autoren bisher der Fall war ... Es gelingt
ihm zu zeigen, in welcher Weise solche methodischen Prinzipien
wie 'Wesen und Erscheinung', 'Begriff und historische Wirklich-
keit' und 'immanentes Übersichhinausgehen' von der eigentümlichen
Struktur des Gegenstandes - der bürgerlichen Gesellschaft -
selbst gefordert werden; in ihm selbst vorhanden sind." 62)
Auch in der daraus sich ergebenden begrifflichen Konsequenz wird
betont:
"Es muß also - wie Reichelt ausdrücklich hervorhebt - unterschie-
den werden zwischen zwei Aspekten im Begriff der Konkurrenz: 'das
Kapital als es selbst und seine eigene Oberfläche, als prozessie-
rende Einheit von Wesen und Erscheinung, die selber noch in der
begrifflichen Darstellung zum Ausdruck kommt, und dann das Kapi-
tal in der historischen Realität.' 63)" 64)
Wo es aber dagegen darum geht, die in dieser Unterscheidung ange-
legten methodischen Schritte der Untersuchung selbst anzugeben,
bzw. die systematische Abfolge der Ebenen sowohl im "Kapital" als
auch in der notwendigen Weiterentwicklung zu skizzieren, verwi-
schen sich die Differenzen zu einem verkürzten Begreifen. So wird
an anderer Stelle, wo es um die Frage geht, welche Bedeutung die
Differenzierung zwischen produktiven und unproduktiven Arbeitern
für die Entstehung von Klassenbewußtsein hat, die Klärung an eine
andere Stelle verwiesen mit der Begründung:
"Eine Darstellung des Problems, die über bloße Andeutungen hin-
ausgeht, unterstellt die Aufarbeitung einer Reihe von Zwischen-
gliedern im System der Kritik der politischen Ökonomie, die bis
jetzt nicht geleistet ist. Das impliziert nicht nur die Aufarbei-
tung der Marx'schen Theorie, sondern auch die Untersuchung gegen-
wärtiger empirischer Verhältnisse." 65)
Uns scheint hier bereits die verkürzte Beschreibung deutlich zu
sein: Der Aufarbeitung der Marxschen Theorie folgt unmittelbar
die Untersuchung der empirischen Verhältnisse, ohne die systema-
tisch notwendige Weiterentwicklung der Theorie selbst zu erwäh-
nen. Zwar wird an anderer Stelle das Problem nebenbei erwähnt,
aber auch dort folgt dem Studium des "Kapital" unmittelbar die
Anwendung auf empirisch-historische Situationen:
"Wenn also von Anwendung der Marxschen Theorie oder der Marxschen
Methode gesprochen werden kann, dann nur in dem Sinne, "ein Stück
Zeitgeschichte vermittelst der materialistischen Geschichtsauf-
fassung aus der gegebenen ökonomischen Lage zu erklären, d.h. den
inneren Zusammenhang zwischen politischen Begebenheiten und öko-
nomischen Tatsachen nachzuweisen (vom Problem der Vollendung (!!)
der 'Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft' einmal ganz abgese-
hen)" 66). Daher kann der erste Schritt in der Anwendung der
Marxschen Methode - Theorie - zur Untersuchung der realen Klas-
senkampfbewegung nur im gründlichen Studium der Anatomie der bür-
gerlichen Gesellschaft bestehen, d.h. also in der systematischen
Aneignung der von Marx im "Kapital" dargelegten inneren Organisa-
tion der kapitalistischen Produktionsweise." 67)
Das Verständnis ist hier klar: die Anatomie der bürgerlichen Ge-
sellschaft ist nur mehr um einige Punkte zu erweitern, von denen
jedoch zunächst abgesehen werden kann, dann ist die allgemeine
Untersuchung beendet und kann nur mehr empirisch auf die Untersu-
chung eines Landes zu einem Zeitpunkt angewandt werden. Wir hal-
ten in der Tat diese Auffassung für n i c h t i d e n t i s c h
mit der Marxschen Theorie und Methode. Noch deutlicher tritt
diese Verkürzung zutage, wo explizit auf das Verhältnis von Theo-
rie und Empirie eingegangen wird:
"Marx gibt im 'Kapital' nur die Darstellung der kapitalistischen
Produktionsweise, die die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft
bildet, der ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhält-
nisse im allgemeinen. Bei dieser allgemeinen Untersuchung ist im-
mer vorausgesetzt, daß die wirklichen Verhältnisse ihrem Begriff
entsprechen 68), denn es handelt sich nicht um die empirisch re-
alen Verhältnisse, um den höheren oder niederen Entwicklungsgrad
der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen
der kapitalistischen Produktion entspringen, 'es handelt sich um
diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirken-
den und sich durchsetzenden Tendenzen' 69). Es ist klar, daß
diese Gesetze in ihrer Verwirklichung durch mannigfache Umstände
modifiziert werden, daher auch nur als Tendenzen zu formulieren
sind, deren Analyse aber nicht in die allgemeine Untersuchung
fällt." 70)
Wo ist hier die bei Reichelt gelobte Unterscheidung zweier
Aspekte im Begriff der Konkurrenz noch zu erkennen? Wenn hier un-
ter Verwirklichung der inneren Gesetze nur verstanden wird die
durch empirische Umstände modifizierte, dagegen aber die dem Be-
griff entsprechende Verwirklichungsweise, "das Kapital als es
selbst und seine eigene Oberfläche, als prozessierende Einheit
von Wesen und Erscheinung, die selber noch in der begrifflichen
Darstellung zum Ausdruck kommt," 71) nicht mehr in die allgemeine
Untersuchung gehört, dann bleibt in der Tat die Darstellung des
Kapitals im allgemeinen eine bloße a priori Konstruktion. Fassen
wir die hier zitierten Aussagen zusammen, so ist klar die Identi-
tät der 'allgemeinen Untersuchung der kapitalistischen Produkti-
onsweise' und der Darstellung des 'allgemeinen Begriffs des Kapi-
tals' impliziert: Die Analyse der notwendigen Formen, in denen
sich die inneren Gesetze durchsetzen, die Formen, die aus diesen
Gesetzen selbst, aus dem Bewegungsprozeß des Kapitals hervorge-
hen, fielen demnach nicht mehr in die allgemeine Untersuchung.
Wir haben dagegen versucht zu zeigen, daß unter die allgemeine
Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise sowohl die in-
neren Gesetze des Kapitals als auch die mit Notwendigkeit aus
diesen Gesetzen hervorgehenden Durchsetzungsformen zu subsumieren
sind. Dabei ist das Kapital schon in seiner realen Entwicklung
gesetzt, nicht als empirisch zufälliges, nicht als höherer oder
niederer Entwicklungsgrad, sondern eben in seiner realen Existenz
als viele Kapitalien, in seinen dem Begriff entsprechenden Ver-
hältnissen. Erst unter diesem Aspekt wird doch überhaupt ver-
ständlich, was die von Marx angelegte Untersuchung z.B. des Akti-
enkapitals oder des Kreditwesens für einen Stellenwert haben.
Will man dagegen an dem hier vorliegenden Verständnis ansetzen,
so bleibt der Zusammenhang innerhalb des "Kapitals" völlig ver-
borgen - man kommt letztlich zu der Aussage, es handle sich ab
dem Übergang zu den Besonderungen des Kapitals nur mehr um be-
stimmte Entwicklungsstadien, die allerdings dann nur noch empi-
risch-historisch konstatierbar seien. Daß hier ein Widerspruch
aufklafft, wird noch durch die dann folgenden Ausführungen be-
stärkt:
"Denn die Aufgabe der allgemeinen Untersuchung und der begriff-
lich-genetischen Darstellung ist es, 'die sichtbare, bloß er-
scheinende Bewegung auf die innere wirkliche Bewegung zu reduzie-
ren' 72), d.h. aber die Gesetze dieser bestimmten Produktions-
form, die zugleich die Gesetze ihrer Erscheinung sind, zu finden.
Marx will in dieser allgemeinen Untersuchung n i c h t n u r
'den inneren Zusammenhang im Unterschied von der Mannigfaltigkeit
der Erscheinungsformen begreifen' 73), also das innere Band auf-
finden, was die empirischen Phänomene des materiellen Lebenser-
zeugungsprozesses in der bürgerlichen Gesellschaft verbindet,
sondern auch in genetischer Darstellung den Zusammenhang zwischen
innerer Organisation der historisch bestimmten Form des gesell-
schaftlichen Reproduktionsprozesses und seinen bestimmten Er-
scheinungsformen entwickeln." 74)
Wir müssen aus diesem Zitat entnehmen, Marx habe selbst die Auf-
gabe der allgemeinen Untersuchung nicht verstanden, sonst hätte
er diese nach der Darstellung der inneren Gesetze abzubrechen ge-
habt. Wie er aber den Zusammenhang zwischen innerer Organisation
der h i s t o r i s c h b e s t i m m t e n Form des gesell-
schaftlichen Reproduktionsprozesses mit seinen bestimmten Er-
scheinungsformen entwickeln kann, o h n e das Kapital in seiner
realen Entwicklung selbst zum Gegenstand zu machen, bleibt rät-
selhaft.
Einerseits ist es also Aufgabe, von allem Konkreten zu abstrahie-
ren, um die innere Natur des Kapitals offenzulegen. Andererseits
soll auch der Zusammenhang zwischen innerer Organisation und den
bestimmten Erscheinungsformen unter Abstraktion von aller Ver-
wirklichungsform dieser Gesetze selbst aufgedeckt werden. Der
Kreis schließt sich: Der Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten
findet statt im ständigen Abstieg vom Konkreten zum Abstrakten -
findet hier also gar nicht mehr statt. So ist dann auch die Un-
tersuchung der wirklichen Bewegung der Konkurrenz identisch mit
der empirisch-zufälligen Bewegung, so lassen sich sämtliche Ent-
wicklungsformen und Verhältnisse, die die kapitalistische Produk-
tionsweise in ihrer historischen Realität durchlaufen muß, so-
lange sie ihrem Begriff entspricht, nur mehr konkret für ein
Land, empirisch-historisch untersuchen etc.
"Das Resultat der Marxschen Untersuchung des Kapitals im Allge-
meinen ist die Bestimmung der ökonomischen Struktur der bürgerli-
chen Gesellschaft." 75)
Somit ist also die allgemeine Untersuchung der kapitalistischen
Produktionsweise mit Marx abgeschlossen, was noch folgen kann,
sind bestenfalls quantitative Erweiterungen und Konkretisierungen
der bereits analysierten Grundformen, wo aber die von Marx selbst
angedeuteten Untersuchungen bzw. "etwaige Fortsetzung ... unsers
Werks" 76) anzusiedeln wären, bleibt völlig im 'Dunkel des High-
gate-Friedhofs', wenn mit der Analyse des Kapitals im Allgemeinen
die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft bereits fertig un-
tersucht ist.
Man muß dann wiederum annehmen, Marx habe sich selbst nicht rich-
tig verstanden, wenn er an einigen zentralen Problemen auf wei-
tere notwendige Untersuchungen hingewiesen habe, ohne die über-
haupt nicht geklärt werden könne, wie dann tatsächlich in der em-
pirisch-historischen Situation bestimmte Phänomene einzuordnen
wären. Zur Verdeutlichung:
"Dies wird hier nur empirisch angeführt (Herunterdrücken des Ar-
beitslohnes unter seinen Wert als eine dem tendenziellen Fall
entgegen wirkende Ursache, d. Verf.), da es in der Tat, wie man-
ches andre, was h i e r a u s z u f ü h r e n w ä r e, mit
der allgemeinen Analyse des Kapitals nichts zu tun hat, sondern
in die, in diesem Werk
nicht behandelte, Darstellung der Konkurrenz gehört. Doch ist es
eine der bedeutendsten Ursachen, die die Tendenz zum Fall der
Profitrate aufhalten." 77)
In der Tat gehört diese Untersuchung nicht in die Analyse des Ka-
pitals, inwieweit man sie aber damit aus der allgemeinen Untersu-
chung der kapitalistischen Produktionsweise (z.B. im Zusammenhang
mit der Betrachtung des zyklischen Verlaufs des Reproduktionspro-
zesses) überhaupt entfernen kann, bleibt schleierhaft. Gleiches
gilt für die "Lehre von der Konkurrenz" 78), die als Lehre also
gar nicht existieren kann, sondern lediglich für einen bestimmten
Zeitpunkt in einem Land feststellbar sei etc. Daß den Autoren an
anderer Stelle die Notwendigkeit der allgemeinen Untersuchung be-
stimmter Phänomene und Formbestimmungen sich aufdrängt, sei nur
nebenbei erwähnt, denn die Frage stellt sich hier nach dem Zugang
zur Erklärung selbst:
"Zwar wird keine ernstzunehmende Kritik spätkapitalistischer Ver-
hältnisse die Bedeutung solcher Phänomene wie monopolistische
Preisbildung, Staatsinterventionismus, Expansion unproduktiver
Arbeit etc. bestreiten, jedoch dürfen diese Phänomene nicht aus
dem Konnex des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhanges
herausgelöst und in ihrer Bedeutung verabsolutiert werden." 79)
Uns scheint eine Ursache für skizziertes Mißverständnis in fol-
gendem Problem zu liegen: Trennt man nicht genaustens alle Hin-
und Verweise, die im "Kapital" gemacht werden nach ihrem jeweili-
gen Bestimmungsort, geht man nicht der von Marx aufgebauten
Grundstruktur einer allgemeinen Untersuchung stringent nach, so
kann man leicht in die Schwierigkeit geraten, a l l e hier nur
angedeuteten und herausgelassenen Fragestellungen als der empi-
risch-historischen Untersuchung angehörig zu verstehen. Indessen
lassen sich sehr genau mehrere Ebenen der Verweise trennen, die
sich ungefähr so schematisieren ließen:
a) Verweise von Problemen und Gegenständen, deren Ort in der sy-
stematischen Abfolge des "Kapitals" noch nicht erreicht ist.
Hierzu gehören besonders die Verweise auf Profit, Zins, Rente,
Kredit, Aktienkapital, Produktionspreise etc. Es bereiten diese
Auslassungen am wenigsten Schwierigkeiten, zumal ihre Wiederauf-
nahme ja innerhalb der Gesamtdarstellung noch erfolgt.
b) Verweise von Problemen, die außerhalb der Analyse des Kapi-
tals, aber in die etwaige Fortsetzung der allgemeinen Untersu-
chung der kapitalistischen Produktionsweise gehören. Hierzu fin-
den sich eine Vielzahl von Bemerkungen, deren völlige Fehlinter-
pretation erst zu einem Verständnis einer abgeschlossenen Kon-
struktion der allgemeinen Untersuchung führen kann.
c) Verweise von Problemen, die nur der spezifisch empirischen Si-
tuation eines Landes zu einem bestimmten Zeitpunkt geschuldet
sind, die sich allgemein also für die kapitalistische Produkti-
onsweise nicht mehr analysieren lassen, da sie nicht aus notwen-
digen inneren Gesetzmäßigkeiten erklärbar sind.
VII
Zu klären bleibt noch das Problem der Möglichkeit und Notwendig-
keit der Unterscheidung qualitativ verschiedener Stadien im Laufe
des Lebensprozesses der kapitalistischen Produktionsweise in ih-
rer realen Existenz. Nach dem bisher Dargestellten sollte bereits
klar sein: Weder kann sich eine qualitative Veränderung mit den
Bestimmungen und Gesetzen ergeben, wie sie im allgemeinen Begriff
des Kapitals entwickelt sind - schon hier ist bereits jeder Ver-
such zurückzuweisen, die Marxsche Theorie für eine - bloß einer
gewissen Stufe der kapitalistischen Produktion adäquate - Unter-
suchung erklären zu wollen. Dieser Gegenstand selbst ist ja kon-
stituierend für die bürgerliche Gesellschaft als einer besonderen
Formation der Menschheitsgeschichte. Mit diesem Inhalt kann sich
also keine weitere Veränderung ergeben, als die Aufhebung der ka-
pitalistischen Produktion selbst. Weiterhin ist aus dem darge-
stellten Verhältnis von innerer Natur des Kapitals und Konkurrenz
klar, daß auch diese unabdingbare Bedingung der bürgerlichen Ge-
sellschaft, selbst "die realisierte und erscheinende innere Na-
tur", ist.
Es stellt sich die Frage, worin also überhaupt eine qualitative
Unterscheidung verschiedener Stadien der kapitalistischen Ent-
wicklung zu treffen ist. Welches sind die Kriterien, die es trotz
der gegebenen Bestimmungen ermöglichen und notwendig machen, von
verschiedenen Stufen der kapitalistischen Produktion zu sprechen,
die sich nicht nur unterscheiden durch die 'reinere Form', in der
sich die inneren Gesetze durchsetzen, gegenüber Vorformen, in
denen noch zu überwindende Momente vorkapitalistischer Produkti-
onsweisen fortexistieren? Handelte es sich dabei lediglich um
weiterentwickelte Formen, deren Grundstruktur von Marx bereits im
"Kapital" analysiert sind, so z.B. um die Untersuchung von Inve-
stmentgesellschaften als weiter fortgetriebene und konkretisierte
Form der Verdopplung und Verdreifachung von Kapital, oder um ähn-
liches, so wäre unmißverständlich klar, daß es sich nur um quan-
titative Erweiterungen der Marxschen Untersuchung drehte, daß nur
die bereits gegebenen Bestimmungen und Beziehungen zu verfolgen
wären bis hin zu Spezialuntersuchungen z.B. des Kaufmanns- oder
Versicherungskapitals etc. Aber es geht in der Tat um weit mehr:
Rekapituliert man die Bestimmungen der Konkurrenz als "reelle
Entwicklung des Kapitals", "überhaupt (als) die Weise, worin das
Kapital seine Produktionsweise durchsetzt", so ist klar, daß
diese selbst eine bestimmte Form annimmt, in der sie ihrer Be-
stimmung gerecht zu werden hat. Sich darauf zu beschränken, den
Begriff der Konkurrenz lediglich dadurch zu bestimmen, daß mit
ihr die Existenz der vielen Kapitalien gesetzt ist, heißt letzt-
lich, sie nicht begrifflich zu fassen.
Die Form zu analysieren, in der die inneren Gesetze exequiert
werden, die Tendenzen aus dem gegenseitigen Druck der Kapitalien
aufeinander herauszufinden, die inneren Gesetze schließlich als
die dem einzelnen Kapitalisten als Zwangsgesetze der Konkurrenz
gegenübertretenden genauestens zu kennzeichnen, muß daher unbe-
dingter Inhalt der allgemeinen Untersuchung sein. Der Verzicht
darauf heißt, nicht angeben zu können, in welcher Form die ge-
sellschaftliche Reproduktion gewährleistet wird, wie die propor-
tionelle Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit sich durch-
setzt, heißt auch wieder, das Wertgesetz als uneingelöste Kon-
struktion bestehen zu lassen. Dagegen besteht "die Wissenschaft
... eben darin, zu entwickeln, w i e das Wertgesetz sich durch-
setzt." 80) Womit auch geklärt sein dürfte, daß die Wissenschaft
eine mißverstandene wäre, die nicht vermag, die Form der Durch-
setzung anders anzugeben, als in der bloßen Konstatierung der
vielen Kapitalien. Es bleibt so völlig verborgen, in welchem Zu-
sammenhang z.B. bei Marx die Ausgleichung zur allgemeinen Pro-
fitrate zu sehen ist, wenn nicht m dem, eine wesentliche Tendenz
zu sein, in der die vielen Kapitalien sich durch ihr gegenseiti-
ges Einwirken als allgemeine erst setzen. Aber es muß klar sein:
Die Tendenz zur Ausgleichung der Profitrate, die Verwandlung des
Werts in Produktionspreis, schließlich in Marktproduktionspreis,
der Durchschnittsprofit, der durchschnittliche Kostpreis in einer
Sphäre etc. sind bereits Bestimmungen, die eine F o r m der
Konkurrenz kennzeichnen. Sie wären total mißverstanden, - und es
läßt sich eine solche kausale Beziehung auch überhaupt nicht her-
stellen - wenn sie genommen würden, als begriffliche Bestandteile
der Konkurrenz selbst, wenn sie identifiziert werden würden mit
der Durchsetzungsweise der inneren Gesetze schlechthin. Es mutet
merkwürdig an, wenn auf der einen Seite die Beziehung von Kapital
im allgemeinen und Konkurrenz akzeptiert wird in der Bestimmung
der Konkurrenz "als prozessierende Einheit von Wesen und Erschei-
nung, die selber noch in der begrifflichen Darstellung zum Aus-
druck kommt", auf der änderen Seite aber, bei Betrachtung der
Konkurrenz selbst, eine solche Wechselbeziehung ausgeschlossen
bleibt. Diese nimmt demnach keine Form mehr an; da sie selbst die
Existenzform des Kapitals ist, scheint es überflüssig, herauszu-
finden, welche Bestimmungen aus ihr als p r o z e s s i e-
r e n d e Einheit hervorgehen. Somit ist sie aber dann auch
nicht mehr prozessierende Einheit, sondern lediglich wieder
erstarrte Abstraktion. Die richtige ideelle Widerspiegelung des
lebenden Stoffes hat dagegen ganz andere Konsequenzen: Er ist nur
adäquat gefaßt, wenn klar ist, daß einerseits die Konkurrenz
selbst, die Existenz der vielen Kapitalien, unzertrennliches
Merkmal der kapitalistischen Produktionsweise überhaupt ist,
andererseits aber die Art und Weise, in der sich die Konkurrenz
geltend macht, wiederum eine Form darstellt, die zwar in innerer
Beziehung steht zur Konkurrenz und damit auch zu den inneren
Gesetzen des Kapitals, dagegen aber nicht angehbar ist als
einzige Form der Konkurrenz. Allein aus der Aussage, die Kon-
kurrenz sei überhaupt die Form, in der sich die inneren Gesetze
durchsetzen, ableiten zu wollen, die Durchschnittsprofitrate z.B.
sei überhaupt die Form, in der das Kapital seinem Begriff ent-
spricht, erscheint als eine willkürliche Verlängerung der Bezie-
hungen. Indes beinhalten die gemachten Ausführungen keineswegs
eine Beliebigkeit der Form der Konkurrenz; im Gegenteil, diese
ist bestimmt als notwendig aus den inneren Gesetzen des Kapitals
hervorgehende, aber da diese sich selbst entwickeln, ist auch ihr
letzter Ausdruck nicht stagnierend. Vielmehr gilt es zu zeigen,
wie die Form der Konkurrenz, soll sie die den inneren Entwick-
lungsgesetzen adäquate Ausdrucksform sein, selbst Ihren Charakter
ändert, zunächst in rein quantitativer Entwicklung, dann aber,
auf einer bestimmten Stufe, auch im qualitativen 'Umschwung'.
Zunächst muß jedoch klar sein, daß eine Formveränderung der Kon-
kurrenz nicht irgendeine beliebige, nur weiterentwickelte Konkre-
tion bereits analysierter Grundformen darstellt, sondern tief-
greifende neue Bestimmungen notwendig macht. Dies dürfte sich be-
reits selbst erklären aus der Begriffsbestimmung der Konkurrenz:
Ist sie "wesentlicher Lokomotor der bürgerlichen Ökonomie", "die
Beziehung des Kapitals auf sich selbst als ein anderes Kapital",
"die reale Entwicklung des Reichtums als Kapital", so beinhaltet
ihre Formveränderung eine umfassende qualitative Wandlung inner-
halb der kapitalistischen Produktionsweise. Denn: erscheint die
Selbstbestimmung des Kapitals nur als Wechselbeziehung der vielen
Kapitalien aufeinander, so ist unmittelbar einleuchtend, daß eine
grundlegende Veränderung - nicht aber Beseitigung - der Form, in
der diese Wechselbeziehung vor sich geht, qualitativ die Durch-
setzungsweise der inneren Gesetze modifiziert, nicht also die
Konkurrenz aufhebt, sondern alle aus ihr hervorgehenden Formbe-
stimmungen generell in neue Beziehungen setzt. So bestimmt ist
auch die Einteilung der kapitalistischen Produktionsweise in zwei
qualitativ unterschiedene Stadien weder festzumachen an der Auf-
hebung der inneren Gesetze des Kapitals - diese würde überhaupt
die bürgerliche Gesellschaft als eigenständige Formation überwin-
den - noch an der Beseitigung der Konkurrenz, sondern an dem
neuen Charakter, den diese auf einer bestimmten Stufe der gesetz-
mäßigen Entwicklung n o t w e n d i g annehmen muß. Die hierin
ausgedrückte doppelte Abgrenzung muß nochmals betont werden: We-
der eine theoretische Konzeption, die die Aufhebung der Konkur-
renz unter Beibehaltung der kapitalistischen Produktionsweise für
möglich erklärt, liegt hier vor, noch ein Verständnis, das eine
bestimmte Form der Konkurrenz, eine nur einer bestimmten Entwick-
lungsstufe adäquaten Form, verabsolutiert und identisch setzt mit
der begrifflichen Bestimmung der Konkurrenz überhaupt. Die erste
Position findet einerseits ihren Ausdruck in dem Begreifen der
Marxschen Untersuchung als lediglich einer historischen Epoche
entsprechende Analyse, andererseits in der konzipierten Möglich-
keit eines absoluten Monopols, eines Generalkartells; die zweite
vermag überhaupt nicht mehr anzugeben, welche Entwicklungen die
kapitalistische Produktion in ihrem Lebensprozeß aus sich hervor-
treibt, welche Formen das kapitalistische Privateigentum in sei-
nem materiell-ökonomischen Prozeß durchläuft, sondern muß sich
darauf beschränken, beständig die reelle Entwicklung des Kapita-
lismus zu erklären als immer reinere Form, in der sich die inne-
ren Gesetze durchsetzen, als zunehmende Identität von allgemeinem
Begriff des Kapitals und realer Entwicklung. Das Konkrete nähert
sich somit immer mehr dem Abstrakten, die Konsequenz ist letz-
tendlich ein 'reiner Kapitalismus', von dem aus dann auch das
Verhältnis von Kapitalismus und Sozialismus "überhaupt" geklärt
werden kann. Daß aber ein solches Verständnis sich nicht gut auf
Marx berufen kann, zeigt bereits folgende Formulierung:
"Die freie Konkurrenz ist aber die adäquate Form des produktiven
Prozesses des Kapitals... Sobald es anfängt, sich selbst als
Schranke der Entwicklung zu fühlen und gewußt zu werden, nimmt es
zu Formen Zuflucht, die, indem sie die Herrschaft des Kapitals zu
vollenden scheinen, durch Züglung der freien Konkurrenz, zugleich
die Ankündiger seiner Auflösung und der Auflösung der auf ihm be-
ruhenden Produktionsweise sind." 81)
Ist die freie Konkurrenz die Form, in der das Kapital seine Pro-
duktionsweise durchsetzt, so muß es auf einer bestimmten Stufe
seiner Entwicklung Zuflucht nehmen zu Formen, die eben diese als
freie einschränken, letztlich aufheben, um überhaupt noch die
Fortexistenz der Produktionsweise zu sichern. Um eine Kurzformel
für die q u a l i t a t i v unterschiedenen "Aufgaben" der Kon-
kurrenz in beiden Formen zu finden, genügt also bereits die Fest-
stellung, daß im ersten Stadium der kapitalistischen Entwicklung
die freie Konkurrenz die Produktionsweise durchzusetzen, alle
vorkapitalistischen Hindernisse zu beseitigen, alle Produkte dem
Kapital zu unterwerfen, weiterhin durch die internationale Kon-
kurrenz die kapitalistische Produktionsweise zu verallgemeinern
hat. Im zweiten Stadium dagegen wird es zur Hauptaufgabe, Formen
und Beziehungen so zu entwickeln, daß die kapitalistische Produk-
tion, obwohl bereits nach ihren 'reinen Gesetzen' an die eigenen
Schranken gestoßen, aufrechterhalten werden kann. Daß sie mit
Notwendigkeit an diese Grenzen stoßen muß, sei in der
'einschlägigen Literatur' nachzulesen.
Gelingt es nun diese zweite Form der Konkurrenz zu analysieren,
sie allgemein zu untersuchen als notwendig aus den inneren Geset-
zen des Kapitals hervorgehend, alle sich mit dieser Veränderung
ergebenden Neubestimmungen und Beziehungen aufzuzeigen, so ist
klar, daß diese Analyse eine q u a l i t a t i v e W e i t e r-
e n t w i c k l u n g und Schöpferische Anwendung der Marxschen
Theorie und Methode darstellt. Sie vermag ideell auszudrücken,
was in der reellen Entwicklung der kapitalistischen Produktion
als qualitativ unterschiedene Stadien gesetzmäßig sich
entwickelt.
Ist im ersten Stadium die f r e i e Konkurrenz die adäquate
Durchsetzungsweise, so im zweiten Stadium die m o n o-
p o l i s t i s c h e Konkurrenz, wobei verstanden werden muß,
daß "beide ... nur verschiedene notwendige Erscheinungsformen
(sind), worin sich - um wiederum mit Marx zu sprechen - die
Notwendigkeit der ökonomischen Gesetze auf verschiedenen Stufen
der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise realisiert"
82). In diesem Zusammenhang muß jedoch hervorgehoben werden:
"Die monopolistische Konkurrenz ist aber nicht eine gradlinige
Fortentwicklung der freien Konkurrenz, sie ist eine q u a l i-
t a t i v n e u e K a t e g o r i e, eine qualitativ neue
Stufe in den gegenseitigen Beziehungen der Kapitale. Das ist ...
nicht mehr ein einfacher Prozeß, der sich zwischen 'gleichberech-
tigten Partnern' auf dem Markt vollzieht, sondern ein Prozeß des
Drucks, des Abwürgens, des Diktats, der Gewalt, der Herstellung
von Herrschaftsverhältnissen und der Ausübung ökonomischer und
außerökonomischer Macht." 83)
In welchem Verhältnis aber beide Formen der Konkurrenz zueinander
stehen, läßt sich zusammenfassend etwa so ausdrücken:
"Die monopolistische Konkurrenz beruht auf der Anwendung von öko-
nomischer und außerökonomischer Macht und Gewalt mit dem Ziel der
Produktion und Realisierung von Monopolprofit - das ist die ent-
scheidende Differenz zur vormonopolistischen freien Konkurrenz.
Indem das Monopol die freie Konkurrenz aufhebt, untergräbt es den
auf dem Durchschnittsprofit beruhenden Mechanismus, der die ein-
zelnen Produzenten spontan den ökonomischen Gesetzen gemäß han-
deln ließ und die Verteilung des Profits entsprechend der Kapi-
talgröße herbeiführte. An die Stelle der freien Konkurrenz und
neben sie treten eben die ökonomische und außerökonomische Macht
und Gewalt der Monopole. D i e s e treten den Produzenten jetzt
gegenüber, s i e bringen die inneren Gesetzmäßigkeiten der ka-
pitalistischen Produktionsweise den Produzenten gegenüber als
Zwangsgesetze des Handelns zur Geltung. Die ökonomische und au-
ßerökonomische Macht und Gewalt wird so zum 'Exekutor' der ökono-
mischen Gesetze. Es braucht wohl kaum betont zu werden, daß dies
mit absoluter Willkür der Monopole im ökonomischen Bereich nicht
das geringste zu tun hat, wie z.B. Mandel glaubt." 84)
Betrachtet man nun diese Ausführungen hinsichtlich ihrer Allge-
meinheit, ihrer unbedingten Zugehörigkeit zur allgemeinen Unter-
suchung der kapitalistischen Produktionsweise, so müßte bereits
einleuchten, welche Bedeutung dem Leninismus allein aus der
gründlichen Analyse und Beschreibung des Imperialismus als mono-
polistischem Stadium des Kapitalismus zukommt. Bestreitet man da-
gegen die Gültigkeit der notwendigen Entwicklung des Kapitalismus
aus seiner vormonopolistischen Form zum Imperialismus, so bleibt
eine merkwürdige Konstruktion übrig, die gezwungen ist, das öko-
nomische Monopol als lediglich historisch-zufälliges, die außer-
ökonomische Macht und Gewalt der monopolistischen Konkurrenz als
dem Kapital eigentlich widersprechende, nur kurzweilige Erschei-
nung zu erklären etc. Auf dieser Stufe gerät dann auch die Tren-
nung zweier "prinzipiell verschiedene(r) Stadien der kapitali-
stischen Entwicklung" 85) ins Schleudern, wenn einziges Kriterium
der Unterscheidung 'unentwickeltes' oder 'entwickeltes' Kapital-
verhältnis ist, eine sicherlich für die Taktik der proletarischen
Partei wichtiger Gesichtspunkt aber doch letztlich nur quantita-
tive Differenz, deren Aufhebung keine qualitative Weiterentwick-
lung erfordert:
"Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten
nur das Bild der eignen Zukunft." 86)
Dagegen kann eine wirklich qualitative Differenz nur getroffen
werden zwischen dem Kapitalismus der freien und dem der monopoli-
stischen Konkurrenz, die bereits in der Kennzeichnung des Impe-
rialismus als sterbendem Kapitalismus zum Ausdruck kommt.
Die eingangs getroffene Beschränkung der hier gemachten Bemerkun-
gen zwingt an dieser Stelle zum Abbruch; es war hier wesentlicher
Zweck, zu zeigen, daß die Notwendigkeit der Weiterentwicklung der
allgemeinen Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise
über den im "Kapital" angelegten Rahmen hinaus die Konsequenz ei-
nes richtigen Marx-Verständnisses darstellt, das Begreifen der
Untersuchung als fertige, abgeschlossene Konstruktion, die es nur
mehr anzuwenden gilt, dagegen eine verkürzte, methodisch unhalt-
bare Konzeption zur Folge hat, die ihre Unbrauchbarkeit späte-
stens dort erweist, wo es gilt, diese Anwendung vorzunehmen.
Würde indessen der eigene formulierte Anspruch auch methodisch
realisiert, so wäre diesem nichts hinzuzufügen, das Resultat
würde sich durchaus decken mit dem Ableitungszusammenhang der
kommunistischen Parteien, die hier kritisierte Position würde
ihre Metamorphose zur konsequent marxistisch-leninistischen Theo-
rie und Methode vollziehen, die angeführten Bemerkungen und Be-
denken hätten sich erübrigt:
"Die Darstellung der inneren Organisation der kapitalistischen
Produktionsweise ist folglich dort zu Ende, wo nunmehr Modifika-
tionen, die sich aus einer je besonderen an sich beliebigen Kon-
junktur der bürgerlichen Produktionsverhältnisse ergeben, wo also
die Verhältnisse nurmehr im einzelnen zu betrachten sind als Ver-
hältnisse, deren Besonderheit allein als Abweichung von den all-
gemeinen der bürgerlichen Produktionsform aufgrund der Einwirkung
von an sich für die Konstruktion der bürgerlichen Produktionsver-
hältnisse zufälligen Umständen zu fassen sind." 87)
Wo aber dieser Anspruch bloße Proklamation bleibt, die theoreti-
sche Gesamtkonzeption sich wesentlich von ihm unterscheidet, muß
noch auf die unmittelbaren politischen Konsequenzen kurz hinge-
wiesen werden:
Wurde eingangs ausdrücklich betont, daß Diskussionen und Ausein-
andersetzungen zwischen den bestehenden kommunistischen Parteien
und fortschrittlichen Teilen der Intelligenz nicht nur im Bereich
des Möglichen, sondern auch wünschenswert und sinnvoll seien, so
wurde auch schon auf die Grenzen einer sachlichen, solidarischen
Form dieser Diskussion hingedeutet. Es bleibt kein Zweifel, daß
diese dort überschritten sind, wo den Parteien generell der An-
spruch streitig gemacht wird, ihre Strategie und Taktik auf
Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus abzuleiten, wo ge-
zeigt werden soll, es handele sich gar nicht um marxistisch-
leninistische Parteien, in der Konsequenz auch gar nicht um den
politisch-organisatorischen Ausdruck der realen Arbeiterbewegung.
Diese Kritik birgt die Gefahr, in Dogmatismus zu erstarren.
Es sollte hier in diesem Zusammenhang darauf hingedeutet werden,
daß die Konzeption des "Projekts Klassenanalyse" stellvertretend
für ähnliche Versuche, das sich daraus ableitende Verhältnis zu
den kommunistischen Parteien der BRD und Westberlins unseres Er-
achtens droht, schon nicht mehr nur tendenziell sondern hart an
die Grenzen einer solidarischen Diskussion zu stoßen. So läßt
sich beispielsweise das anhand der 'Taktik-Kritik' skizzierte
'methodische Werkzeug' ohne weiteres auch anwenden, zu einer
'umfassenden Kritik' der Politik der friedlichen Koexistenz, auf
die Mitbestimmungskonzeption, auf das Verhältnis von demokrati-
schem und sozialistischem Kampf etc., kurz eigentlich auf die ge-
samte Strategie und Taktik der kommunistischen Weltbewegung. In
wessen Nähe man sich damit begäbe, dürfte auch und gerade für das
"Projekt Klassenanalyse" unschwer zu erkennen sein.
Davor bewahrt sie auch nicht die ständige Rückversicherung, in
der immer wieder betont wird, die einzige Alternative zum nur
ohnmächtigen Studentenprotest sei in den "distinkten Arbeiterpar-
teien" zu suchen. Zwar grenzt diese Erkenntnis die Kritiker ei-
nerseits von ultralinken dogmatischen Positionen ab, hebt sie
wohltuend hervor, schützt sie andererseits aber keineswegs vor
Beiträgen zur Diskussion, die mehr als nur bedenklich anmuten. So
läßt sich auch hier wieder eine Kluft zwischen formuliertem poli-
tischem Anspruch und eigener Betätigung konstatieren:
"Für die Situation in der BRD bedeutet eine solche nicht-sektie-
rerische Politik konkret: Unterstützung der Politik der DEUTSCHEN
KOMMUNISTISCHEN PARTEI. Die DKP ist die einzig im nationalen Rah-
men verbreitete distinkte Klassenpartei, die am Ziel der sozialen
Emanzipation der Arbeiterklasse festhält und eine nicht-sektiere-
rische Taktik in ihrer Politik befolgt ... Eine Form der Unter-
stützung des Konsolidierungsprozesses der proletarischen Partei
in der BRD besteht darin, durch theoretische Kritik die Einsicht
in die wirkliche Bewegung zu fördern...
Durch die Notwendigkeit innerhalb des Programms und der angenom-
menen Taktik gegen einzelne Parteischritte Opposition zu machen
und zum Teil auch Programm und Taktik selbst der Kritik zu unter-
werfen, darf jedoch niemals das gemeinsame Handeln zur Herstel-
lung der Aktionseinheit der Arbeiterklasse aus den Augen verloren
werden. So wenig die Partei auf die sozialistische Wissenschaft
und damit auf die Freiheit der Debatte verzichten kann, so wenig
darf im Prozeß der Konsolidierung der proletarischen Partei auf
gemeinsame Aktionen aller Sozialisten verzichtet werden." 88)
"Daß sich die Konsolidierung nur im Prozeß der Kritik und Korrek-
tur der unzureichenden Teile des Programms vollziehen kann, gilt
auch für die DKP und für die SEW." 89)
Wenn aber der Beitrag zur Konsolidierung eine derartige, hier
teilweise aufgezeigte, Form der systematischen Kritik an der Ge-
samtkonzeption kommunistischer Parteien annimmt, wenn die Aufgabe
in den Vordergrund tritt, die "besonders ... (nach dem zweiten
Weltkrieg) einsetzende dogmatische Verzerrung der marxistischen
Theorie in der kommunistischen Weltbewegung" 90) aufzuheben, so
bleibt nicht mehr einsichtig, auf welcher Grundlage sich noch ge-
meinsames Handeln zur Herstellung der Aktionseinheit der Arbei-
terklasse bewerkstelligen läßt, ist nicht mehr klar trennbar, ob
es sich um ernstzunehmende Unterstützung oder lediglich um belä-
chelnd-wohlwollendes Schulterklopfen handelt. Soll ersteres zu-
treffen, so gilt es, sich auch der eigenen Position zu vergewis-
sern, sich der Verantwortung kritischer Beiträge bewußt zu sein,
soweit als eben möglich die eigene theoretische Konzeption zu
überprüfen und zu hinterfragen, soll nicht Verwirrung, sondern
weitere Klarheit Ziel der Betätigung sein. Unter diesen Gesichts-
punkten sei nochmals der Versuch, die marxistisch-leninistische
Grundlage der Arbeiterparteien zu spalten überdacht, die angekün-
digte "Auseinandersetzung mit der Leninrezeption sowohl in der
Version linksradikaler Auffassungen als auch der der kommunisti-
schen Weltbewegung" 91) auf ihre Konsequenzen hin überprüft. Man
darf sonst auf sie kaum gespannt sein.
Ilan Reisin
_____
1) Vgl. hierzu: INTERNATIONALE BERATUNG DER KOMMUNISTISCHEN UND
ARBEITERPARTEIEN, Moskau 1969, Berlin 1969; XXIV. PARTEITAG DER
KPDSU, Dokumente, Moskau-Berlin 1971; PROTOKOLL DES VIII. PARTEI-
TAGES DER SED, Bd. 1 und 2, Berlin 1971; sowie "Aufgaben der Ge-
sellschaftswissenschaften im Sozialismus", in: SOPO Nr. 14/15,
1971, S. 177-191.
2) Diese Abstraktion scheint uns auch angesichts der sich kaum
verändernden (nur die Form wechselnden) Bedeutungslosigkeit die-
ser Gruppen durchaus zulässig und geboten. Zur Verdeutlichung,
betrachte man besonders in letzter Zeit gescheiterte und schei-
ternde Versuche von aufwandsmäßig breit angelegten "Anti-Revisio-
nismus-Kampagnen" und Parolen, wie etwa "Sozialimperialismus der
Sowjetunion" oder "Restauration des Kapitalismus in der DDR", die
den Charakter ihrer ideologischen Substanz, ihre Zuordnung, zu
deutlich offenbaren, um unter den zunehmend fortschrittlichen
Strömungen an Bedeutung gewinnen zu können. Oder - wenn auch
Quantität ein Kennzeichen für Bedeutung sein kann - Vergleiche
Zahlenangaben zur 1. Mai-Demonstration 1972 in Westberlin; das
Verhältnis von Teilnehmern der separaten Kundgebungen von Sekten
und wirklicher Arbeiterbewegung beläuft sich dabei auf ca. 1:10-
1:15. Auch dies nur weiteres Merkmal dafür, daß "die Entwicklung
des sozialistischen Sektenwesens und die der wirklichen Arbeiter-
bewegung ... stets im umgekehrten Verhältnis" (zueinander ste-
hen). Marx: "Brief an Bolte" vom 23.11.1871, MEW 33, S. 328.
3) Gerd Hautsch: "Zur Einschätzung der linksradikalen Studenten-
bewegung", in: FRIEDRICH ENGELS - DENKER UND REVOLUTIONÄR, Mate-
rialien der internationalen theoretischen Konferenz zum 150. Ge-
burtstag von Friedrich Engels, veranstaltet von der DKP am 28.
und 29. November 1970 in Wuppertal, Ffm. 1970, S. 214.
4) Wir werden auf diesen neuen Charakter später noch näher einge-
hen.
5) Projekt Klassenanalyse: ZUR TAKTIK DER PROLETARISCHEN PARTEI -
MARXSCHE KLASSENANALYSE FRANKREICHS VON 1848-1871, Westberlin
1972, S. 11, vgl. auch S. 10. Wir werden genau auf dieses Ver-
ständnis von 'Rekonstruktion' und 'Anwendung' näher einzugehen
haben.
6) Im folgenden werden Arbeiten sowohl des "Projekts Klassenana-
lyse" selbst als auch namentlich gekennzeichnete Artikel einzel-
ner Mitglieder als gemeinsamer Ausdruck einer bestimmten theore-
tischen Position behandelt. Wir halten dies für legitim bei einem
Arbeitsgegenstand, dessen Erforschung wenigstens in den allgemei-
nen Grundzügen Gemeinsamkeit erheischt.
7) Joachim Bischoff: "Zu einigen Grundfragen revolutionärer Tak-
tik-Thesen zur Strategie und Taktik der DKP", in: SOPO Nr. 14/15,
1971, S. 103-143. Vgl. dazu: Willi Gerns, Robert Steigerwald:
"Antwort auf Kritik am Entwurf der Thesen der DKP", in: SOPO Nr.
16, 1972, S. 89-102.
8) Das ist bereits in vielfacher - wenn auch qualitativ unter-
schiedlicher - Weise andernorts geschehen; verwiesen sei hier be-
sonders unter den neueren Erscheinungen auf die in mehrfacher
Hinsicht hervorragend geeignete Arbeit von H. Heininger/P. Hess:
DIE AKTUALITÄT DER LENINSCHEN IMPERIALISMUSKRITIK, Ffm. 1970.
9) Joachim Bischoff: "Zu einigen ...", a.a.O., S. 104.
10) Gerns/Steigerwald: "Antwort ...", a.a.O., S. 90 f. Zu beach-
ten ist hierbei besonders die These des unvermittelten Übergangs
vom Kapitalismus zum Sozialismus bei Bischoff.
11) "Die Leninsche Theorie des Imperialismus und des staatsmono-
polistischen Kapitalismus sind in der vorliegenden Kritik ausge-
klammert. Ohne diese Theorie läßt sich jedoch der heutige Kapita-
lismus nicht verstehen. Eine richtige Strategie und Taktik der
Arbeiterbewegung für unsere Periode läßt sich nur auf der Grund-
lage dieser Theorie entwickeln." Gerns/Steigerwald: "Antwort
...", a.a.O., S. 89 (Hervorh. - d. Verf.).
12) Ebd., S. 90.
13) Vgl. ebda. S. 94.
14) Vgl. ebda. S. 95.
15) Es ist auch gerade diese Fragestellung, die in der gegenwär-
tigen Diskussion einen breiten Raum einnimmt, wie aus dem zweiten
Teil dieser Arbeit ersichtlich werden wird.
16) Auf die Problematik der Unterscheidung von zwei Stadien der
kapitalistischen Entwicklung, deren Kriterien "unentwickeltes"
oder "hochentwickeltes" Kapitalverhältnis bilden, wird weiter un-
ten einzugehen sein.
17) Hier wäre das Verständnis von 'R e - Konstruktion' einer
allgemeinen Untersuchung und ihrer 'Anwendung' auf ein konkretes
Stück Zeitgeschichte etwa anzusiedeln.
18) THESEN DES DÜSSELDORFER PARTEITAGS DER DKP. Entwurf, S. 9
(These 4).
19) DER IMPERIALISMUS DER BRD, hrsg. v. Institut für Gesell-
schaftswissenschaften beim ZK der SED, Frankfurt 1971, S. 182
(Hervorh. - d. Verf.).
20) Bischoff: "Zu einigen...", a.a.O., S. 137 (Hervorh. - d.
Verf.).
21) Ebd. (Hervorh. - d. Verf.).
22) Gerade das "Projekt Klassenanalyse" hat ausführlich auf die
Schwierigkeiten der systematischen Verallgemeinerung der Aussagen
von Marx/Engels zum 'politischen Zyklus' hingewiesen. Vgl. etwa:
"Zu einigen ...", a.a.O., S. 125 f.
23) Wird dieser wichtige Aspekt nicht beachtet, so findet man
z.B. weder den Ansatz einer Erklärung für die Möglichkeit einer
Volksregierung in Chile (vgl. etwa Jorge Insunza: "Taktische und
strategische Probleme des Kampfes in Chile", in: KONSEQUENT, Nr.
8, Westberlin 1971, S. 46 f.), noch eine Interpretation der Ver-
träge von Moskau und Warschau bei gleichzeitiger Fortsetzung und
Verschärfung des Vietnam-Krieges durch die USA. Man kann wohl
schlecht die beiden letztgenannten Erscheinungen einem, seinem
Wesen nach, gleichem Imperialismus zuschreiben, ohne eben nach
weiteren Ursachen zu Fragen.
24) Die Alternative einer solchen Bestimmung kann nur mehr gese-
hen werden im tatenlosen Warten auf den '18. Brumaire des Franz-
Josef Strauss'.
25) Willi Gerns: "Grundfragen der Strategie und Taktik der DKP,
Diskussionsbeitrag auf der 9. Tagung des Parteivorstandes", in:
UNSERE ZEIT, Nr. 30, 24. Juni 1971, S. 10.
26) DER IMPERIALISMUS ..., a.a.O., S. 564.
27) Bischoff: "Zu einigen ...", a.a.O., S. 139 f. (Hervorh. - d.
Verf.).
28) Gerns/Steigerwald: "Antwort ...", a.a.O., S. 89.
29) Ebd., S. 93.
30) Projekt Klassenanalyse: "Versuch zur Bestimmung der Aufgaben
der kommunistischen Intelligenz", in: SOPO Nr. 12, 1971, S. 101.
31) Vgl. hierzu besonders die Ausführungen zum Sektenwesen in der
BRD und Westberlin in: SOPO Nr. 10, S. 39 f.; SOPO Nr. 12, S. 101
f.; sowie Auseinandersetzungen mit vulgärmarxistischen Theorien
in SOPO Nr. 11, S. 103. f.; SOPO Nr. 12, S. 1 f.; SOPO Nr. 14/15,
S. 193 f.
32) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 12.
33) Ebd., S. 15/16.
34) Aber es geht auch hier im folgenden faktisch um das problema-
tische Verständnis von 'logisch' und 'historisch' - allerdings
nicht mehr innerhalb der Darstellungsweise (in diesem Punkt ist
den Ausführungen des "Projekts Klassenanalyse" nichts hinzuzufü-
gen), sondern um das Verhältnis von allgemeiner Untersuchung und
ihrem in sich bereits historischem Gegenstand.
35) Projekt Klassenanalyse: "Bemerkungen zu: Helmut Reichelt: ZUR
LOGISCHEN STRUKTUR DES KAPITALBEGRIFFS BEI KARL MARX, in: SOPO
Nr. 11, 1971, S. 96.
36) F. Engels: "Brief an Bernstein" vom 22.9.1882, MEW 35, S. 366
(Hervorh. - d. Verf.). Wenn an dieser Stelle von J. Bischoff be-
tont wird, daß die "Beschleunigung des materiell-ökonomischen
Prozesses der Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft ... gebun-
den (ist) an die wissenschaftliche Einsicht in diesen Prozeß, den
das kapitalistische Privateigentum in der bürgerlichen Gesell-
schaft durchläuft," (SOPO Nr. 14/ 15, S. 106), so ist spätestens
hier das Verständnis von "Rekonstruktion des wissenschaftlichen
Sozialismus" und ihrer "Anwendung auf gegenwärtige Verhältnisse"
an seine Grenzen gestoßen: Wenn das Privateigentum in der bürger-
lichen Gesellschaft einen Prozeß durchläuft, der gekennzeichnet
ist durch widersprüchliche Formen und Tendenzen der Durchsetzung,
so ist nicht mehr ersichtlich, wie dieser Prozeß adäquat gefaßt
werden kann mit einer wissenschaftlichen Konstruktion, die - ein-
mal erstellt - nur mehr auf bestimmte Prozeß a b s c h n i t t e
anzuwenden ist. In diesem Gebäude spiegelt sich nicht mehr das
Leben des Stoffes ideell wider, sondern die Totenstarre einer
bloßen Abstraktion.
37) Projekt Klassenanalyse: "Besprechung von Michael Mauke: DIE
KLASSENTHEORIE VON MARX UND ENGELS, in: SOPO Nr. 11, 1971, S.
103.
38) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 184.
39) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 791.
40) Ebd., S. 27 (Hervorh. - d. Verf.).
41) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 33.
42) Ebd., S. 54.
43) Ebd., S. 33.
44) Vgl. K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 329: "... und
der Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als
sich selbst verwertender Wert."
45) Auf die Problematik der Veränderung der Aufbaupläne bei Karl
Marx sei hier nicht näher eingegangen, vgl. hierzu: W.S. Wy-
godski: DIE GESCHICHTE EINER GROSSEN ENTDECKUNG, Kapitel 8, S.
117 ff., wobei zu erwähnen bleibt, daß wir die Ansicht Wygodskis,
Marx habe "in den Abschnitt "Das Kapital im allgemeinen" tatsäch-
lich viele der Probleme (eingeschlossen), die eigentlich den In-
halt der folgenden Abschnitte des ersten Buches und der anderen
Bücher seines ökonomischen Werks bilden sollten," (S. 124) nicht
teilen können, sondern vielmehr davon ausgehen, daß dieser
'Einschluß' dem 'eigentlichen Inhalt' geschuldet ist.
46) K. Marx: "Brief an Engels" vom 2.4.1858, MEW 29, S. 312.
47) K. Marx: "Brief an Kugelmann" vom 28.12.1862, MEW 30, S. 639
(Hervorh. - d. Verf.).
48) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 152.
49) Ebd., S. 199.
50) Ebd., S. 324.
51) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 335.
52) K. Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, Ber-
lin 1953, S. 353.
53) Ebd., S. 352-353.
54) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 33.
55) K. Marx: GRUNDRISSE ..., S. 317.
56) Ebd., S. 450.
57) Ebd., S. 543 f.
58) Ebd., S. 549 f. (Hervorh. (!!) - d.Verf.).
59) Ebd., S. 617.
60) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 887.
61) So lassen sich - um auf das bereits angeführte Beispiel zu-
rückzukommen - die Verträge von Moskau und Warschau nur konkret
aus der Untersuchung der bundesrepublikanischen Situation erklä-
ren; die generell notwendige Anpassung des Imperialismus an das
sich beständig zu seinem Ungunsten verändernde Kräfteverhältnis
ist dagegen allgemeines Kennzeichen der Krise des Kapitalismus.
Ist dies aber nicht unterstellt, so muß man zu der These von der
Verselbständigung der SPD-Regierung gegenüber den Kapitalinteres-
sen gelangen.
62) Projekt Klassenanalyse: "Besprechung von Reichelt ...",
a.a.O., S. 94.
63) Helmut Reichelt: ZUR LOGISCHEN STRUKTUR DES KAPITALBEGRIFFS
BEI KARL MARX, Ffm. 1970, S. 85.
64) Projekt Klassenanalyse: "Besprechung von Reichelt ...",
a.a.O., S. 95.
65) Bischoff, Ganßmann, Kümmel, Löhlein: "Produktive und unpro-
duktive Arbeit als Kategorien der Klassenanalyse", in: SOPO Nr.
6/7, 1970, S. 89.
66) Bierbaum, Bischoff, Krätke, Menard: "Zur Aktualität der Len-
inschen Partei", in: SOPO Nr. 10, 1971, S. 53 (Hervorh. (!!) - d.
Verf.).
67) Projekt Klassenanalyse: "Besprechung von Reichelt ...",
a.a.O., S. 96.
68) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 152.
69) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. l, MEW 23, S. 12.
70) Projekt Klassenanalyse: "Zur Kritik der
'Sozialstaatsillusion' (SOPO 6/7)", in: SOPO Nr. 14/15, 1971, S.
203.
71) H. Reichelt: ZUR LOGISCHEN ..., a.a.O., S. 85.
72) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 324.
73) K. Marx: THEORIEN ÜBER DEN MEHRWERT, Teil III, MEW 26.3, S.
497.
74) Projekt Klassenanalyse: "Zur Kritik ...", a.a.O., S. 203
(Hervorh - d Verf.).
75) Ebd., S. 204.
76) Vgl.: K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 3, MEW 25, S. 120.
77) Ebd., S. 245 (Hervorh. - d.Verf.)
78) Ebd., S. 772.
79) Bischoff, Ganßmann u.a.: "Produktive ...", a.a.O., S. 72.
80) K. Marx: "Brief an Kugelmann" vom 11.7.1868, MEW 32, S. 553.
81) K. Marx: GRUNDRISSE ..., S. 544 f.
82) Heininger/Hess: DIE AKTUALITÄT ..., a.a.O., S. 34.
83) Ebd., S. 32 (Hervorh. - d. Verf.).
84) Ebd., S. 34.
85) Vgl. Bischoff: "Zu einigen ...", a.a.O., S. 109.
86) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, MEW 23, S. 12.
87) Projekt Klassenanalyse: ZUR TAKTIK ..., a.a.O., S. 25.
88) Ebd., S. 9 ff.
89) Projekt Klassenanalyse: "Versuch zur Bestimmung ...", a.a.O.,
S. 105.
90) Projekt Klassenanalyse: ZUR TAKTIK ..., a.a.O., S. 10.
91) Vgl. Bischoff: "Zu einigen ...", a.a.O., Anmerkungen Nr. 94,
s. auch Anm. 67.
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