Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1972
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Kurzanalysen, Berichte
LOHNKAMPF DER METALLARBEITER
"Unternehmer proben den Klassenkampf, also machen wir ihnen Dampf
verkündete ein Transparent vor den Toren des Daimler-Benz Werkes
Mannheim und die Streikenden ließen die Unternehmer auch nicht im
Unklaren darüber, wohin dieser Klassenkampf führen könne: "Kommt
Schleyer nicht mehr weiter, übernehmen den Betrieb die Benzarbei-
ter." Diese Parolen demonstrieren sowohl die Rückbesinnung der
westdeutschen Arbeiterklasse auf ihre alten, aber auch aktuelle
Kampfziele sowie die Entwicklung des Selbstbewußtseins einer
neuen Arbeitergeneration. Zwar dürfte ein Bewußtsein, wie es sich
in diesen Parolen widerspiegelt, auch nur für eine Minderheit der
Streikenden typisch sein, aber die Stuttgarter Demonstration
zeigte, daß nicht nur die Arbeiter von Daimler Benz Mannheim, be-
kannt ob ihrer gewerkschaftlichen Militanz, zu solchen Erkennt-
nissengekommenwaren. Es zeigte den politischen Fortschritt der
westdeutschen Arbeiterbewegung, daß eine der größten Massenkund-
gebungen der westdeutschen Arbeiterklasse, die Stuttgarter Demon-
stration, unter zahlreichen dieser Klassenkampfparolen stattfand,
wobei ersichtlich war, daß diese Parolen von den Arbeitern selbst
gemalt worden waren.
Entwicklung und Stationen des Kampfes
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Am 30. September 1971 kündigte die IG Metall in allen Tarifgebie-
ten mit Ausnahme Bayerns, wo der Tarifvertrag einen Monat später
ausläuft, die Tarifverträge. Anfang Oktober, nach dem Gewerk-
schaftstag der l G M, beginnen die Verhandlungen, zuerst in Nord-
baden-Nordwürttemberg, danach in NRW und in den anderen Tarifbe-
zirken.
Der Gesamtverband Metallindustrieller Arbeitgeberverbände, Ge-
samtmetall, war, wie er schon seit einem Jahr verkündete, zur
Wende in der Tarifpolitik entschlossen. Die Metallkapitalisten
steuerten auf die Machtprobe mit den Gewerkschaften zu, und die
Ergebnisse der Chemieauseinandersetzungen im Frühjahr bestätigten
scheinbar die Richtigkeit einer harten Linie der Kapitalisten.
Gesamtmetall hatte, um zu verhindern, daß einzelne Mitgliedsver-
bände wie im letzten Jahr aus der von den Großkapitalisten dik-
tierten Linie der. Zentrale von Gesamtmetall abweichen, die Ver-
handlungen zentralisiert. D.h. es wurde zwar, weil die IGM zu
zentralen Verhandlungen nicht bereit war, regional für die ein-
zelnen Tarifbezirke verhandelt, jedoch hatten die Verhandlungs-
vollmachten auf Unternehmerseite nicht mehr die regionalen Mit-
gliedsverbände, sondern Verhandlungskommissionen der Zentrale von
Gesamtmetall. Die IG Metall hatte die Tarifrunde diesmal mit ei-
nem Gegner durchzustehen, der finanziell und organisatorisch bes-
ser vorbereitet war denn je zuvor. Gesamtmetall versuchte als er-
stes die Verhandlungen soweit als möglich zu verzögern. In den
ersten Verhandlungsrunden macht Gesamtmetall überhaupt kein Ange-
bot, nachdem man sich daraufhin überall vertagt hatte, bot man in
der zweiten Verhandlungsrunde 4,5% an, wobei sich Gesamtmetall
auch noch erdreistete, dieses Angebot als soziale Großtat der Un-
ternehmer darzustellen, da vom wirtschaftlichen Standpunkt her
gesehen überhaupt keine Lohnerhöhung möglich sei.
Die IGM Baden-Württemberg gab die einzig richtige Antwort darauf:
Sie bezeichnete dieses Angebot als Provokation und erklärte die
Verhandlungen für gescheitert.
Mit einiger Verzögerung scheiterten auch die Verhandlungen in den
anderen Tarifbezirken, womit die Schlichtungsautomatik anrollte.
Der Schlichtungsspruch in Baden-Württemberg fiel für die IGM äu-
ßerst günstig aus, 7,5% auf 7 Monate, jedoch lehnten die Unter-
nehmer, wie zu erwarten war, am 7. November diesen Schlichtungs-
spruch ab. Die große Tarifkommission der IGM des Tarifbezirks
Nordbaden-Nordwürttemberg beantragte hierauf beim Vorstand sofor-
tige Urabstimmung, die dieser auch für den 12. November ansetzte.
Die Urabstimmung war eine glänzende Demonstration der Kampfbe-
reitschaft der Metallarbeiter.
Von 251 242 Abstimmungsberechtigten stimmten 243 392 ab (96,9%),
davon 225 061 (gleich 89,5%) mit ja. Der Streikbeginn wurde dar-
aufhin vom Vorstand der IGM auf Montag, den 22. November, ange-
setzt Die Unternehmer versuchten nun noch einmal über die
Schlichtungsverhandlungen in NRW zu zentralen Verhandlungen zu
kommen.
Jedoch lehnte die IGM ab. Am 18.11. fällte Katzer mit den Stimmen
der IGM-Beisitzer seinen Schlichtungsspruch: 7,3% Lohnerhöhung
plus tariflicher Absicherung von 40% des 13. Monatsgehaltes bei
einer Laufzeit von 12 Monaten.
Am 22.11. beginnt schwerpunktmäßig der Streik in der Automobilin-
dustrie Baden-Württembergs, 55 000 Arbeiter von Daimler-Benz,
Audi-NSU und Graubremse Heidelberg treten geschlossen in den
Streik. Bei Daimler Benz Mannheim kommen auf 12 000 Beschäftigte
5 Streikbrecher. Die Disziplin und Geschlossenheit, mit der die
Arbeiter in den Kampf gehen, überrascht selbst die Gewerkschafts-
funktionäre. Die Kampfmoral ist ausgezeichnet. Die Gewerkschafts-
funktionäre haben Schwierigkeiten, den Kollegen in den Betrieben,
die noch weiterarbeiten, zu erklären, warum sie weiterarbeiten
sollen und nicht streiken. Ein Gewerkschaftsfunktionär stellt
fest: "1963 mußten wir die Stimmung noch anheizen, heute müssen
wir schon manchmal bremsen". Am Dienstag, dem 23.11., wurde der
Streik ausgedehnt Noch einmal 70 000 Arbeiter traten in den
Streik, darunter die Arbeiter sämtlicher metallverarbeitender
Großbetriebe Mannheims, das damit wieder, wie 1963, Streikzentrum
wurde. Am gleichen Tag beschließt Gesamtmetall die Aussperrung
für 360 000 Arbeiter. Jedoch die Hoffnung, mit Aussperrung die
Arbeiterklasse zu spalten und zu demoralisieren, schlägt fehl.
Zu Zehntausenden verlassen die Arbeiter am Donnerstag, dem
25.11., die Betriebe, da sie sich nicht aussperren lassen wollen,
und treten in den Streik.
Gesamtmetall versuchte nun, den Kampf über Nordbaden-Nordwürttem-
berg hinaus auszudehnen auf der Basis ökonomischen Drucks. Sie
sperrten fast in der gesamten Automobilindustrie aus, was als
Stillegungen infolge durch Streik verursachter Lieferschwierig-
keiten begründet wird. In dieser 'Strategie des Aushungerns' bau-
ten sie auf ihren Lakaien Stingl, Präsident der Bundesanstalt für
Arbeit, der verordnete, den Arbeitern der stillgelegten Metallbe-
triebe außerhalb des Tarifgebiets Nordbadens-Nordwürttembergs
keine Arbeitslosenunterstützung zu zahlen. Dieses Konzept schlug
fehl, da die Gewerkschaften im Verwaltungsrat der Bundesanstalt
für Arbeit die Aufhebung dieses Beschlusses durchsetzen konnte.
Nachdem aber inzwischen auch in NRW, in Hamburg und in Hessen die
Friedenspflicht abgelaufen war, drängten auch hier die Arbeiter
auf Kampfmaßnahmen. Der Vorstand jedoch weigerte sich, Urabstim-
mungen anzusetzen. Er versuchte, die Auseinandersetzungen auf Ba-
den-Württemberg zu beschränken und drängte die Bezirke, zunächst
den weiteren Verlauf im Südwesten abzuwarten - entgegen der For-
derung des Stuttgarter IGM-Bezirksleiters, Willi Bleicher, der
erklärte: "Legt alle Betriebe still, und in einer Woche ist die-
ser Spuk zu Ende."
Stattdessen einigten sich Vorstand der IGM und Gesamtmetall auf
die Einleitung des "Besonderen Schlichtungsverfahrens", wofür als
"neutraler Schlichter" der Präsident des Bundessozialgerichtes,
Georg Wannagat, für 15 000 DM Salär angeheuert wurde. Gesamtme-
tall erhöhte sein Angebot von 4,5% auf 6% bei 20%iger Tarifierung
des 13. Monatsgehaltes, während die IGM ihre Forderung auf 7,9%
bei 40%iger Tarifierung des 13. Monatsgehaltes ermäßigte. Wanna-
gats Schlichtungsvorschlag lautete 7,5% bei 40%iger Tarifierung
des 13. Monatseinkommens. Die IG Metall stimmte zu, während Ge-
samtmetall wiederum ablehnte. Gleichzeitig jedoch intervenierte
die Bundesregierung. Brandt, Schiller und Arendt luden die Ver-
handlungskommissionen der Tarifkontrahenten nach Bonn ein, doch
scheiterten auch die Verhandlungen in Bonn, da die Metallkapita-
listen laut "Spiegel" der ihr suspekten sozialdemokratischen Bun-
desregierung keinen Schlichtungserfolg gönnten. Horst Knapp von
Gesamtmetall und Hans Mayr vom Vorstand der IGM einigten sich je-
doch auf die Weiterführung der Gespräche, die tags darauf, am
Mittwoch, dem 8. Dezember, nach einer Großkundgebung der IGM in
Stuttgart wieder aufgenommen wurden. Jedoch standen inzwischen
sowohl IG Metall als auch Gesamtmetall unter dem verschärften
Druck der wachsenden Kampfbereitschaft der Metallarbeiter. In
Hessen, Hamburg und NRW legten am Donnerstag, dem 9. Dezember,
Zehntausende von Metallarbeitern spontan die Arbeit nieder, die
Kampfbereitschaft der baden-württembergischen Metallarbeiter war
ungebrochen, die Aussperrung hatte die Erbitterung und die
Kampfentschlossenheit nur noch gestärkt.
Am Freitag, dem 10. Dezember, kam es dann jedoch in Stuttgart zum
Kompromiß, ohne daß die IGM ihre Kampfreserven ausgeschöpft
hätte: 7,5% Lohnerhöhung ab 1. Januar 1972, für Oktober, November
und Dezember 1971 eine Pauschale von 180 DM, eine tarifliche Ab-
sicherung des 13. Monatseinkommens je nach Länge der Betriebszu-
gehörigkeit bis zu 30%. Dieses Ergebnis wurde in der Urabstimmung
vom 13./14. Dezember von 71,2 % (= 175 761 Stimmen) der Abstim-
mungsberechtigten gebilligt. 51 640 Arbeiter (das sind 20,9 % der
Abstimmungsberechtigten) sprachen sich gegen das Ergebnis aus.
An den beiden letzten Streiktagen demonstrierten die Metallarbei-
ter noch einmal ihr Selbstbewußtsein und ihre Kampfbereitschaft.
Obwohl seit Montag 0.00 Uhr die Aussperrung aufgehoben war, blie-
ben die Arbeiter, auch die übergroße Mehrheit der Unorganisier-
ten, der Arbeit fern. Sie nahmen die Arbeit erst wieder auf, als
die Gewerkschaft zum Mittwoch dazu aufforderte. Sie erfüllten da-
mit, was sie während des Streiks auf Transparenten angekündigt
hatten: "ERST WENN WIR ES WOLLEN, WIRD MERCEDES WIEDER ROLLEN."
Ergebnisse des Arbeitskampfes in der Metallindustrie
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Der Arbeitskampf in der Metallindustrie kann und darf nicht al-
lein nach seinem materiellen Ergebnis beurteilt werden. Würde man
dies tun, so käme man zu dem Schluß, die Metallarbeiter und mit
ihnen die gesamte westdeutsche Arbeiterklasse hätte eine schwere
Niederlage erlitten.
Dabei bleibt jedoch unberücksichtigt, daß sowohl in formaler wie
auch in inhaltlicher Hinsicht diese Tarifauseinandersetzung seit
den Septemberstreiks 69 die Tendenz der immer deutlicher werden-
den Steigerung des Kampf- und Selbstbewußtseins der westdeutschen
Arbeiterklasse erneut bestätigt hat Trotz der brutalen Gewalt der
Aussperrung, trotz der bundesweiten arbeiterfeindlichen Bericht-
erstattung des größten Teils der öffentlichen Medien, trotz der
klaren Stellungnahme der SPD-geführten Bundesregierung zugunsten
der Unternehmer und trotz der dem Arbeitskampf gegenüber halbher-
zigen Haltung der IG-Metall-Führung, stand die Streikfront bis
zum letzten Tag in Nord-Baden-Württemberg geschlossen. Zu dieser
Kampfbereitschaft und -kraft der Metallarbeiter steht das Ergeb-
nis des Kampfes in keinem Verhältnis.
Die ausgehandelten 7,5% Lohnerhöhung mit einer Laufzeit von 12
Monaten ab 1. Januar 1972 und einem Entgelt von je 60 DM für die
letzten drei Monate 1971 bedeuten bei gegenwärtig etwa 6% Preis-
anstieg zuzüglich 2,5% Erhöhung der Steuern und Sozialbeiträge
einen Abbau der Reallöhne um mindestens 2%. Hierbei sind noch
nicht die von Schiller für das Jahr 72 bereits bekanntgegebenen
Steuererhöhungen für Mineralöl, Tabak und Spirituosen, die Erhö-
hung der Mehrwertsteuer um 1 % sowie weitere Preissteigerungen um
mindestens 5% berücksichtigt.
Spätestens nach 8 Monaten werden die Metallarbeiter, an der Kauf-
kraft ihrer Löhne und Gehälter gemessen, ärmer sein als 1971, wo-
bei hierzu beachten ist, daß die Laufzeit dieses Tarifvertrages
durch die Sonderregelung für die Monate Oktober, November, Dezem-
ber und durch den Abschluß bis Dezember 1972 faktisch 15 Monate
umfaßt.
Doch die Metallarbeiter haben nicht für eine Reallohnsenkung na-
hezu drei Wochen gekämpft. Ihr Ziel war die Sicherung und Steige-
rung ihres Lebensstandards durch einen höheren Anteil an den von
ihnen geschaffenen Werten. Nicht nur in Baden-Württemberg, son-
dern aus allen anderen Tarifbezirken kam heftige Kritik an diesem
Ergebnis auf. So forderte die Funktionärsversammlung der IGM in
Herborn und die Stahlarbeiterkonferenz in Hagen die Metallarbei-
ter auf, bei der Urabstimmung gegen das zwischen der Tarif kom-
mission der IGM Bezirk Nordbaden-Nordwürttemberg und dem Unter-
nehmerverband ausgehandelte Ergebnis zu stimmen. Spontane Warn-
streiks in fast allen Tarifbezirken zeigten, daß die gesamte
westdeutsche Metallarbeiterschaft bereit war, für die Durchset-
zung ihrer berechtigten Forderungen zu kämpfen.
Die DKP hatte die auf Grundlage der DGB-Zielprojektion für 1972,
eine Steigerung der Netto-Löhne um 10,4 % zu erreichen, von
vielen Belegschaften, Vertrauensleutekörpern und gewerkschaftli-
chen Vertreterversammlungen aufgestellte Forderung nach 15% Loh-
nerhöhung voll unterstützt Ihre Durchsetzung wäre notwendig gewe-
sen, um eine Erhöhung der Reallöhne zu verwirklichen und der Pro-
duktivitätssteigerung annähernd Rechnung zu tragen. Die von der
großen Tarifkommission beschlossenen Forderungen von 9 bis 11%
waren jedoch Ausdruck dafür, daß die Mobilisierung der Masse der
Metallarbeiter für die 15%-Forderung nicht gelungen war, was vor-
nehmlich auf die gezielte Panikmache der Unternehmer und ihrer
Organe zurückzuführen ist. Das Kapital hatte den konkreten Kampf
gegen die Arbeiter und ihre Gewerkschaften in bezug auf die Me-
talltarifauseinandersetzung bereits im Sommer aufgenommen, ohne
daß die Gewerkschaft auch nur im entferntesten darauf reagiert
hat.
So kann die 11%-Forderung als Ausdruck des Standes der Kampfbe-
reitschaft der großen Masse der Metallarbeiter angesehen werden.
Gesamtmetall ging es um eine politische Machtprobe. Sie wollte an
der IG Metall und den Metallarbeitern, dem kampfbewußtesten und
-kräftigsten Teil der westdeutschen Arbeiterklasse ein Exempel
statuieren, um damit der gesamten westdeutschen Arbeiterklasse
eine entscheidende Niederlage zu versetzen und ihre in den letz-
ten Jahren gewachsene Kampfkraft zu zerschlagen.
Die Unternehmer selbst sehen jetzt in der Disziplinierung der Ar-
beiterklasse und ihrer Gewerkschaften die Hauptaufgabe. Ihr Unmut
über die SPD/FDP-Regierung resultiert gerade daraus, daß der So-
zialdemokratie, trotz des zweifellos vorhandenen guten Willens,
die Disziplinierung der Gewerkschaften nicht in dem für das Groß-
kapital erwünschten Maße geglückt ist. So schreibt das
"Handelsblatt":
"Was ist eigentlich anders als früher? Die Antwort ist insbeson-
dere in der Tatsache zu suchen, daß sich unter dieser soziallibe-
ralen Regierung die Gewerkschaften so sehr von Sachgesetzen der
Wirtschaft emanzipiert haben, daß mit ihrer konjunkturpolitischen
Disziplin nicht mehr gerechnet werden kann. Die Zentralen dieser
Arbeitnehmer-Organisationen haben in den wilden Streiks des hei-
ßen Herbstes 1969 erlebt, daß auch ihre Führungsposition gefähr-
det ist, wenn sie nicht jährlich mit scharf durchgeboxten Lohner-
höhungen ihren Existenznachweis erbringen. Im Herbst 1969 konnten
die streikenden und vielfach auch randalierenden Arbeiter an der
Ruhr nicht mehr durch Politiker oder Gewerkschaftssekretäre, son-
dern nur noch durch das Geld der Unternehmen von der Straße ge-
bracht werden. Diese Erfahrung ist zu einem Datum für Politiker,
Funktionäre und Arbeitgeber geworden. Man wird nicht einmal von
Schuld sprechen können, wenn die amtierende Regierung nicht mehr
die Konfrontation mit diesem wirtschafts- und gesellschaftspoli-
tisch so starken Sozialpartner wagt. Nachdem bereits eine Regie-
rung an der Rezession der Jahre 66/67 gescheitert ist, wird es
keine deutsche Regierung, gleich welcher Couleur mehr geben, die
sich selbst dieses Schicksal der Regierung Erhard durch das Ri-
siko einer Rezession bereitet." ("Sackgassen der Wirtschaftspoli-
tik", Beilage des "Handelsblatt" vom 31.12.71)
Die Unternehmer waren nicht in der Lage, ohne Gewinneinbußen dem
Bewußtseinsstand der Metallarbeiter entsprechende Zugeständnisse
zu machen, da in einer Periode der sinkenden Kapazitätsauslastung
weite Teile der Metallindustrie größere Lohnerhöhungen in ihrer
Gesamtheit nicht auf die Preise aufschlagen konnten, ohne weitere
Auftragsrückgänge in Kauf zu nehmen. Andererseits zwang die
Kampfbereitschaft der Metallarbeiter die Gewerkschaftsführung
dazu, die Forderungen des Großkapitals nicht in dem gewünschten
Maße akzeptieren zu können, wenn sie nicht offen den Anspruch,
Vertreter der Arbeiterinteressen zu sein, in Frage stellen woll-
ten.
Es ist augenscheinlich, daß unter diesen veränderten Bedingungen
auch die Taktik des Monopolkapitals zur Niederwerfung der Arbei-
terklasse und der Umwandlung der Gewerkschaften zu einem Ord-
nungsfaktor im Interesse des Kapitals andere Formen annehmen
mußte. Unter Ausnutzung der offenen Konfrontation und Repression
sollte die Arbeiterklasse geschlagen und die Machtposition des
Großkapitals in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ausgebaut wer-
den. Durch zentrale Verhandlungsführung mittels einer zentralen
Verhandlungskommission von Gesamtmetall, die einheitliche Lohn-
stoppforderung, die darauf folgende einheitliche 4,5%-Provokation
und die Verpflichtung jedes Betriebes, sich den Beschlüssen von
Gesamtmetall zu unterwerfen, sollte der Arbeitskampf sofort auf
sämtliche Tarifbezirke ausgedehnt werden. Durch eine derartige
Verhandlungsführung, unterstützt durch brutalste Kampfmaßnahmen,
wie Kurzarbeit, Entlassungen und Gesamtaussperrung, sollte die
Tarifautonomie weiter eingeschränkt werden, ein wesentlicher
Bestandteil der Kampfkraft der Metallarbeiter, die Streikkasse
der IG Metall, auf kürzestem Wege ausgeschaltet werden und vor
allem die einheitliche Kampffront der Metaller durch das
Herausbrechen kampfschwächerer Bezirke zerschlagen werden.
Die anfänglich richtige Taktik der IG Metall, sich nicht in eine
derartige defensive Position drängen zu lassen und stattdessen
schwerpunktmäßig den Streik in ihrem kampfstärksten Bezirk Nord-
baden-Nordwürttemberg auszurufen, schlug in ihr Gegenteil um, als
die Metallindustrie durch Betriebsstillegungen den Kampf auch auf
die übrigen Tarifbezirke ausdehnte. Eine konsequente Gewerk-
schaftspolitik hätte hier erfordert, die geballte Macht der ge-
samten westdeutschen Metaller ins Feld zu führen, um die Offen-
sive des Großkapitals zurückzuschlagen. Denn mittlerweile, nach
einer Woche Arbeitskampf in Nordbaden-Nordwürttemberg, war auch
dem letzten Arbeiter in Westdeutschland aufgrund der offenen Re-
pression des Kapitals klar, daß man nur durch Kampf seine berech-
tigten Forderungen durchsetzen konnte und nur mit der vollen ge-
werkschaftlichen Kraft in allen Tarifbezirken die geschlossene
Unternehmerfrontaufbrechen konnte. Die Verhinderung dieser von
der Basis auf Funktionärs- und gewerkschaftlichen Vertreterver-
sammlungen geforderten Ausweitung des Arbeitskampfes macht den
Einfluß der rechten sozialdemokratischen Führung auf die Gewerk-
schaften deutlich.
Während des gesamten Verlaufs der Lohnbewegung stand Minister
Schiller fest an der Seite der Metallbosse. Am 7. Dezember warf
er auf der Jahrestagung des Bundesverbandes der Arbeitgeberver-
bände in Bad Godesberg der IG Metall vor, durch "stures Weiterpo-
kern die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft" aufs Spiel zu setzen.
Er griff mit einer vorzeitigen Veröffentlichung der Orientie-
rungsdaten für 1972 und seiner Aussage in der Sitzung der Konzer-
tierten Aktion vom 10.12., die Gewerkschaften müßten sich "auf
maßvolle Tarifabschlüsse einrichten", in die Tarifautonomie ein.
Da Schiller von Bundeskanzler Brandt nicht zurückgewiesen wurde,
sondern im Gegenteil Brandt der Aufforderung Schillers nach einer
politischen Schlichtung am 7.12. folgte, kommt dieses Verhalten
Schillers einer massiven Stellungnahme der Bundesregierung gegen
die kämpfenden Metaller und für eine weitere Aushöhlung der
Tarifautonomie gleich. Trotz des Abschlusses der IG-Metall-
Führung, der der Kapitulation einer auf dem Vormarsch
befindlichen Armee ähnelt, müssen bei der Beurteilung dieser
offenen Klassenauseinandersetzung folgende Faktoren berücksich-
tigt werden: Durch den einheitlichen und geschlossenen Kampf der
Metaller in Nordbaden-Nordwürttemberg wurden die von Hüllen,
Schleier, Frankenberger und der Unternehmerverband zum Rückzug
gezwungen. Das "Nullangebot" und die unverschämte 4,5%-Provo-
kation wurden unter den Tisch gefegt
Millionen Arbeiter und Angestellte haben in diesem Kampf gelernt,
daß selbst die Verteidigung des Lebensstandards nur durch härte-
ste Kämpfe möglich ist.
Millionen Arbeiter haben gelernt, daß ihr "Sozialpartner" nur
eine Sprache versteht, und das ist die Macht, - und daß die ein-
zige Macht, die dem Kapital Zugeständnisse abzwingen kann, nie-
mand anders als die organisierte Arbeiterklasse selbst ist.
Viele Arbeiter haben die Schlußfolgerung gezogen, daß es an der
Zeit ist, die Macht des Monopolkapitals zurückzudrängen und zu
brechen, nachdem sie diese Macht über Wirtschaft, Staat und Ge-
sellschaft so deutlich wie noch nie erkennen konnten, und daß
auch unter einer sozialdemokratisch geführten Regierung, der
Staat ein Staat der Interessen des Monopolkapitals ist.
Angesichts der sich verschärfenden Klassenauseinandersetzungen
hängt jeder Fortschritt für die Arbeiterklasse und breite Teile
der Werktätigen von ihrer Geschlossenheit und Solidarität ab. Vor
allem wächst die Notwendigkeit starker, auf Klassenpositionen
stehender Gewerkschaften. Angesichts dessen steht als erste und
wichtigste Forderung, die gewerkschaftliche Bindung an die Kon-
zertierte Aktion und die staatlich regulierte Einkommenspolitik
aufzugeben, da gerade sie zu negativen Ergebnissen für die Arbei-
terklasse führt und einen Vertrauensbruch zwischen Gewerkschafts-
führung und Mitgliedschaft bewirkt. Das hat dieser Streik wieder
deutlich bewiesen.
Die im Frühjahr 1972 stattfindenden Betriebsrats- und Ortsverwal-
tungswahlen werden zeigen, inwieweit die Metallarbeiter aus die-
sem Arbeitskampf die richtigen Schlußfolgerungen gezogen haben.
Hannes Furth
***
SOPO 11 (Juni 71)
P. Boccara, Zum staatsmonopolistischen Kapitalismus
D. Klein, Imperialistische Zukunftsforschung im staatsmonopoli-
stischen Kapitalismus
W. Erdmann, Klassenkämpfe und Volkswirtschaft in der Türkei
Bericht, IMSF-Tagung "Ökonomische Theorie, Politische Strategie
und Gewerkschaften"
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