Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1972


       zurück

       Diskussion, Besprechung
       

MÄRZKÄMPFE IM RUHRGEBIET 1920 *)

Die vorliegende Untersuchung, Ende 1970 in der BRD erschienen, ist der 1. Teil einer auf zwei Bände konzipierten Darstellung der Sozial- und Arbeitergeschichte im Ruhrgebiet nach dem Ersten Weltkrieg, der Abwehr des Militärputsches von den Brigaden KAPP, LÜTTWITZ und EHRHARDT und den Kämpfen der Arbeiter im Ruhrgebiet bis zur schließlichen Niederwerfung der Arbeiter durch die mili- tärische Konterrevolution. Dabei widerlegt - wie der Klappentext zu Recht hervorhebt - der Autor "die gängige Schulbuchthese, die Weimarer Republik sei zwischen rechts und links zerrieben worden" für den Zeitabschnitt, den er behandelt. Es zeigt sich in der mit der nötigen fachwissenschaftlichen Akribie und historiographisch- quellenkritischen Ernsthaftigkeit in jeder Phase von Lucas durch- geführten Analyse, daß von dieser herrschenden Legende nichts üb- rigbleibt. Im Gegenteil: schon im vorliegenden 1. Bd. wird deut- lich, daß schon in der Frühphase der Weimarer Republik dem ersten massiven Ansturm der Konterrevolution, der militärisch-imperiali- stischen Todfeinde der bürgerlichen Republik, der reaktionären Militärcliquen, entsprechender Kapitalgruppen ("Zechenkapital" im Ruhrgebiet etwa) n i c h t durch die formal-legalistische To- lerierungspolitik der Mehrheitssozialdemokratie und ihres Füh- rungskorps in Gewerkschaften und Staat begegnet werden konnte. Sondern einzig und allein, zumeist g e g e n die Politik dieser Sozialdemokratie, konnte die Weimarer Republik durch die solida- rische Aktion der Arbeiterklasse nicht nur "gerettet", sondern in eine reale, eine soziale Demokratie durchaus hätte transformiert werden können, in der sich die Arbeiterklasse zur herrschenden Klasse organisiert hätte. Der zweite Band, der die umfangreiche Quellenarbeit von Lucas darüber, "wie die Arbeiter nach dem Sieg über Militär und Polizei ihre Herrschaft im Ruhrgebiet" errichteten und schließlich "welchen Terror Militär und Polizei ... gegen die Arbeiter ent- falteten - im Auftrag derselben Regierung, die soeben erst durch die Aktionen der Arbeiter vor dem Sturz bewahrt worden war" (Klappentext), dokumentieren soll, ist noch nicht, obwohl für 1971 angekündigt, erschienen. Dieser zweite Teil, der dem Fachbe- reich Gesellschaftswissenschaften der Universität Marburg als Dissertation vorlag, soll aber lt. Ankündigung des Autors zu ei- nem Vorabdruck eines Kapitels über den "Ausnahmezustand in den ersten Jahren der Weimarer Republik" (in: "Kritische Justiz", 2/1972, pp. 163-174) noch in diesem Jahr erscheinen. Der erste Band enthält zunächst ein knapp gehaltenes Einleitungs- kapitel. Dieses gibt einen Überblick über die bisher vorliegen- den, freilich nur teilweise zugänglichen Literaturarbeiten zum Kapp-Putsch. Dabei wird deutlich, daß die bürgerliche Literatur mit einer einzigen Ausnahme zu den Auswirkungen des Kapp-Putsches im Ruhrgebiet teils offen reaktionär, teils direkt pro-faschi- stisch ist. Dies ändert - worauf Lucas plakativ hinweist-freilich nichts daran, daß sich die Lebenslüge der bürgerlichen deutschen Sozial- und der neueren Geschichtswissenschaft, Publizistik und politischen Pädagogik - die Weimarer Republik sei durch die "Extremen" zerstört worden, namentlich natürlich durch die "linksradikalen" und die klassenbewußten Kräfte der Arbeiterbewe- gung und ihrer kommunistischen Partei - bis heute - sieht man vom kurzen Zwischenspiel nach dem Zusammenbruch des deutschen Fa- schismus bis zum offensichtlichen Beginn von verstärkter Restau- ration, Westintegration, Wiederaufrüstung und Kommunisten- und Antifaschistenverfolgung seit Anfang der 50er Jahre einmal ab (vgl. J. Heinemann: "Schulgeschichtsbücher und Geschichtsbuchkri- tik in der BRD 1949-1970". In: "Gesellschaft und Schule", Heft 1/2/1972. Hrgg. von den FG Gymnasien der GEW, pp. 80-100, bes. pp. 80-85) - ungebrochen in der BRD weiterbesteht (wobei diese Legende derzeit vom gesamten imperialistischen Propagandaapparat in der BRD einmal mehr vulgarisiert und verbreitet wird). Lucas dagegen zeigt, daß es mit den Bergen von Material, durch welche sich ein vom Bergbau-Verein gedungener bürgerlicher Historiograph namens Hans Spethmann zur Erstellung einer pro-imperialistischen und pro-militaristischen 4-bändigen Monographie zur Geschichte des Ruhrbergbaus zwischen 1914 und 1925 hindurchgearbeitet haben will, nicht nur nicht weit her sein kann, sondern daß schon "ein Blick" in dieses, für die Verfahrensweise bürgerlicher Legenden- bildung und Geschichtsfälschung anscheinend typische Werk zeigt, daß jener Autor "die Tagespresse und die Parlamentsprotokolle nur höchst kursorisch durchgesehen hat." (13) Da es nun in einer kurzen Rezension unmöglich ist, die von Lucas aufgrund langjähriger Quellenstudien zur deutschen Sozial- und Arbeitergeschichte, die hier durchaus als materialistische Regio- nalgeschichte in einem Zentrum der Arbeiterkämpfe gegen die mili- tärische, bewaffnete imperialistische Reaktion, im Ruhrgebiet, aufgefaßt werden muß, zutage und ans Licht geförderten Ergebnisse im einzelnen zu referieren, kann hier nur auf die Grundlinie, die wissenschaftliche Arbeitsweise, die Intension und die Position des Autors selbst eingegangen und diese beispielhaft charakteri- siert werden. Zunächst schildert der Autor im Rahmenkapitel Verlauf und - ge- messen an den objektiven sozialen Zielen der revolutionären Ar- beiter - das schließliche Nichterreichen, oder vom Standpunkt Lu- cas und dem der L o g i k des Geschichtsprozesses, die "Nieder- lage" der Novemberrevolutionsbewegung, die Klassenkompromisse und die endliche "Errichtung der Militärdiktatur". Dabei verknüpft der Autor die allgemeine und Klassenentwicklung im Reich dialektisch mit den Kämpfen der Arbeiter gegen die Reaktion und Konterrevolution im Ruhrgebiet und dort besonders in den Zentren der - syndikalistisch orientierten - Arbeiterbewegung wie etwa Hamborn gegen das "Zechenkapital", hauptsächlich der Thyssen- Hütten. Ausgehend von der grundlegend materialistischen These, daß der Klassenkompromiß des Herrschaftsgefüges und der Institutionen der Weimarer Republik schon in der Frühphase die antagonistischen Klassengegensätze, gerade auch im Hinblick auf die Produktions- schwierigkeiten und die Versorgungskrise des Volkes mit Lebens- mitteln, kurz: der materiellen Verelendung der Arbeiter und des Volkes, weder beseitigen noch institutionell regeln konnte, son- dern sie allenfalls - beispielsweise durch die Politik der "Arbeitsgemeinschaft" mit dem Kapital von Teilen der Gewerk- schaftsführung im ADGB - nur kurzfristig verschleiern konnte, analysiert Lucas im letzten Abschnitt seines Rahmenkapitels das "Vordringen der Konterrevolution (Mai 1919 bis März 1920)", bevor er aus der Stellung der kämpfenden Klassen zueinander und zum bürgerlichen Staat Putschverlauf und die "Reaktionen der bewaff- neten Macht, der Staatsbeamten und der Bourgeoisie" schildert. Dabei zeigt sich freilich eine Schwäche des Autors, nämlich die, daß er - beispielsweise in seiner Einschätzung des Verhaltens der SPD-Partei - und Staatsführung, welche die Arbeiter zum Kampf ge- gen die putschenden LÜTTWITZ, KAPP und EHRHARDT-Freikorps-Briga- den am 12. März 1920 aufforderte, nachdem die Freikorps sich nicht auf Aufforderung der Siegermächte von der deutschen Reichsregierung auflösen lassen wollten - die Rolle der SPD nicht umfassend einschätzt. Zwar erkennt Lucas, da er akribisch alle vorliegenden Materialien verarbeitet, daß mit diesem Aufruf o b j e k t i v die rechtssozialdemokratische Politik der Noske und Ebert, die Politik des Paktierens mit dem reaktionären Mili- tär und der Einsatz der alten kaiserlichen Militärtruppen "zusam- menbrach" (89), er kann aber dann nur die "ungeheure Demagogie" des Aufrufs der SPD zur "E r h a l t u n g d e r R e- p u b l i k" gegen die "W i e d e r k e h r d e r b l u t i- g e n R e a k t i o n" (Dokument, zit. 91/92) abstrakt-mora- lisch konstatieren und negieren, ohne zwingend die sich aus der historisch-konkreten Stellung der (Mehrheits-) Sozialdemokratie ergebende N o t w e n d i g k e i t einer derartigen Politik, die Arbeiter dann doch noch zu mobilisieren zu versuchen, zu begreifen, welche schließlich das eine entscheidende Mal im März 1920- ausweichen Motiven auch immer - die deutsche Arbeiterklasse nicht zu spalten versuchte, sondern sie zum aktiven solidarischen Handeln aufrief und dadurch den klassenbewußten Kräften ent- scheidenden Handlungsspielraum, o h n e daß sie es wollte oder wollen konnte, verschaffte. Darin besteht auch die reale D i a l e k t i k dieses Entwicklungsabschnittes. Daß der SPD- Aufruf natürlich nur von den kämpfenden Arbeitern und ihren Führungskadern materialisiert werden k o n n t e, versteht sich sowohl aus der allgemeinen Einschätzung des Imperialismus wie aus der Kenntnis der Politik der SPD in Deutschland und widerspiegelt nur den Geschichtsprozeß selbst. Dieser Aufruf vom 12. März 1920 wurde daher auch schon am näch- sten Tag unter dem Druck der militärischen Konterrevolution vom SPD-Führungskorps widerrufen. In dem neuen Aufruf "An das deut- sche Volk" wurde mit den Worten: "Das Volk wird verhungern, wenn neue Wirren die Wirtschaft und den Verkehr unterbinden" (Dokument, 95) eine "Absage an den sich ankündigenden General- streik erteilt" (95). "Der Militärputsch wurde ausgelöst durch die Zwangslage, in die v. Lüttwitz durch seine Entlassung geriet, also durch ein mehr zufälliges Ereignis. Der Putsch wurde also bei einem noch mangel- haften Stand der Vorbereitungen inszeniert. Überdies wirkten noch mehrere Hemmungen und Verzögerungen dahin, daß das Moment der Überraschung entfiel. Trotzdem erwies sich die Reichsregierung den Putschisten gegenüber als vollkommen ohnmächtig. Das war das logische Ergebnis ihrer Politik, deren Hauptkennzeichen waren: Aufrechterhaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, Durch- setzung des bürgerlichen Parlamentarismus und - als Kehrseite der Medaille - Unterdrückung der Arbeiterbewegung durch das Militär. Die Weiterexistenz der alten Regierung in Dresden hing an einem seidenen Faden: dem lavierenden und nicht eindeutig putschfreund- lichen Verhalten eines Generals. Den Putschisten dagegen schlug aus Militär und Bourgeoisie eine Welle von Unterstützung und Sym- pathie entgegen. Die geäußerten Vorbehalte bezogen sich oft nur auf die schlechte Durchführung und die entsprechend schlechten Chancen des Unternehmens. Das heißt: Bei besseren Erfolgsaussich- ten des Futsches wäre die Zustimmung noch weit größer gewesen. Nur aus solchen opportunistischen Gründen unterstellte sich auch ein Teil der Staatsbeamten nicht den Putschisten." (115/116) Die folgenden Kapitel (III-VI) entwickeln aus dem Verlauf des Ge- neralstreiks und seiner zunächst erfolgreichen Abwehr der offen imperialistisch-militärischen Diktatur eine Typologie der möglichen Bündnispolitik der Arbeiter, - Lucas geht dann auf das schließliche Scheitern der einheitlichen Arbeiterklassenbewegung ein und benennt die Ursachen für das Versagen des Kampfbündnisses der "Märzrevolution". Es sind, dies die fehlenden Momente: "1. Bildung von politischem Bewußtsein und Veränderung schon be- stehender - verfestigter Bewußtseinsinhalte" (wodurch eine Lösung von in der SPD organisierter Arbeiter möglich gewesen wäre) "2. Die bestehenden linken Organisationen (USPD, KPD, Freie Ver- einigungen, Unionen) erwiesen sich ... für die revolutionäre Ak- tion als nur begrenzt tauglich... 3. Die Arbeiterorganisationen hatten unterschiedliche Auffas- sungen darüber, wie weit der Abwehrkampf gegen den Putsch getrie- ben werden sollte..." (143) **) Hierin sieht Lucas auch einen "wesentlichen Grund für das Schei- tern der Märzrevolution im Ruhrgebiet" (ebda.) Freilich fällt bei dieser Einschätzung von Lucas auf, daß es - nach bekannter Manier des "Linkskommunismus" und Syndikalismus - wieder einmal die "verfestigten Bewußtseinsinhalte" vordringlich gewesen sein sol- len, die die Arbeiter an der dauerhaften Machtübernahme in Ge- sellschaft und Staat hinderten. Diese Erklärung erscheint, im Zu- sammenhang mit der Betonung des Lerncharakters in der Aktion selbst, zumindestens nicht hinreichend, auch dann nicht, wenn man die in der Tat schwierigen Kampfbedingungen der deutschen Arbei- ter im Ruhrgebiet in materieller (politisch-organisatorischer; militärischer; geographischer) Hinsicht berücksichtigt. In den folgenden Kapiteln schildert Lucas eindringlich die "ersten Waffensiege der Arbeiter" - die Zerschlagung von Frei- korps und regulären Truppen und der besonderen (Sicherheits-) Po- lizeiverbände sowie - was äußerst wichtig ist und von Lucas in jeder Phase hervorragend dokumentiert wird - die Politik und die Maßnahmen der militärischen Konterrevolution. Dem knappen 5. Kapitel über die Niederwerfung der Putschisten in Berlin (und in Stuttgart) durch den Generalstreik und die danach erfolgte, sofortige antiproletarische Wendung nach diesem ersten taktischen Sieg der Arbeiterbewegung - die "antibolschewistische Einheitsfront" - folgt die Analyse der Ausdehnung der revolutio- nären Bewegung im Ruhrgebiet überhaupt im Schlußkapitel dieses ersten Bandes in den Etappen und Orten (Essen, Wattenscheid, Stoppenburg, Mülheim, Düsseldorf, Duisburg und Hamborn). Dabei stellt Lucas - und das ist unzweifelhaft eines der großen Stärken seiner Arbeit - ständig die verfälschenden bürgerlichen Polizei- und Militärdarstellungen richtig - beispielsweise wird die Be- hauptung der Reaktion, die Arbeiter hätten Truppenangehörige, die sich schon ergeben hätten, erschlagen, fundiert als Lüge und Ver- fälschung entlarvt. Dies kann Lucas aufgrund seiner sorgfältigen Quellenarbeit hier am Fall der Kämpfe um den Essener Wasserturm (vgl. 289), wo akribisch die angeblichen "Greueltaten" der Roten- Ruhr-Armee am Essener Wasserturm, die sich bei Spethmann u.a. finden (vgl. 290-294), widerlegt werden. Somit wird auch diese Lebenslüge der bürgerlichen, später der faschistischen Ge- schichtsschreibung widerlegt, so daß sich dieses "Paradebeispiel für die sadistischen Greueltaten der 'Roten Armee' " (290), wel- ches "50 Jahre lang als Schulbeispiel für den 'roten Terror'" (293) in Deutschland galt, objektiv in sein direktes Gegenteil verkehrt. Lucas stellt richtig, daß aufgrund solcher Verfälschun- gen systematisch eine "Verleumdung des Ruhraufstands" (289) be- trieben werden konnte und wird, die nach dem Material, was er zu- tage förderte, in der Tat jeglicher historischer Grundlage und Faktentreue entbehrt. Der Abschnitt über den Befehl Watters zum "totalen Bürgerkrieg", dem "Operationsbefehl Nr. 1" vom 22. März 1920, "in dem er (Watter) den Aufmarsch der bereits vorhandenen sowie der aus den verschiedenen Provinzen des Reichs anrollenden Truppen im einzel- nen regelte" (307) sowie seinen gleichzeitigen "Geheimbefehl" (Nr. 2933) an die Truppenführer - den Lucas nur durch Zufall noch bei den Akten fand -, in dem angeordnet wird, daß auch die "u n b e w a f f n e t e n M a s s e n d u r c h F e u e r z e r s p r e n g t w e r d e n (m ü s s e n)..." und der die Untersagung jeder Verhandlung der Regierungstruppen mit den kämp- fenden Arbeitern sowie den Befehl zur Bildung von Standgerichten enthält (Dokument, zit. 307/308) sowie ein Bericht über die Beer- digung der von der Konterrevolution erschossenen Arbeiter, bei der nach Beobachteraussagen noch nie "solche Menschenmassen" ge- sehen wurden (310), müßten den zweiten Band der Untersuchung the- matisieren. Lucas hebt dabei hervor, daß der Befehl Watters "alles übertraf, was an derartigen Geheimbefehlen seit der Ent- faltung der Konterrevolution im Jahre 1919 ergangen war. Er zielte offenkundig auf die totale Vernichtung der Revolution, und zwar mit allen Mitteln, einschließlich der juristischen: Mobiler- klärung der Truppe, also Kriegsrecht; möglichst physische Liqui- dierung durch das Standrecht statt der nur zeitweiligen Ausschal- tung durch die Schutzhaft..." (308/309). Nachdem das konterrevo- lutionäre Konzept der "Ausrottungsfeldzüge" so aufgedeckt wurde, müßte sich hier logisch der zweite Band anschließen. - In diesem ersten Band über die "Märzrevolution im Ruhrgebiet" ist zunächst die beispielhafte Quellenarbeit des Autors hervorzuhe- ben, die er in 816 Fußnoten und Anmerkungen sowie Verweisen be- legt. Dabei hat Lucas zum einen bisher nicht bearbeitete Stadtar- chive a l l e r Städte, in denen und um die gekämpft wurde, ausgewertet, sich ebenso des damals im SPD-Archiv in Bonn lagern- den Nachlasses des damaligen politischen Komissars und späteren preußischen Innenministers (ab 1920), Carl Severing, angenommen und diesen sowie dessen Memoiren kritisch durchleuchtet, zum an- deren nahezu sämtliche Arbeiterzeitungen - von der SPD bis hin zu den Organen der Unionen -, die damals im Reich und insbesondere im Kampfgebiet erschienen sowie nahezu lückenlos die bürgerlichen Tages- und Regionalzeitungen ausgewertet; ferner Sitzungsproto- kolle, Statistiken und Jahresberichte und Chroniken (für Unna, Essen, Bochum) sowie die bisher erarbeiteten Quellensammlungen. Außerdem die zeitgenössischen Artikel, Reden und Schriften, Me- moiren und veröffentlichten Tagebücher der Beteiligten jeglicher Provenience (77 Titel) und selbstverständlich die vorliegenden Monographien, wissenschaftlichen Untersuchungen, die Sekundärli- teratur (48 Titel) und die vorliegenden Romane (davon die von Grünberg und Marchwitza, die kürzlich in Westberlin wieder aufge- legt wurden). Darüberhinaus ist hervorzuheben, daß dem Buch di- verse Karten für die, die nicht extra in Land- und Stadtkarten nachschauen wollen oder können, beigefügt sind, ebenso wie ein - allerdings unvollständiges - Abkürzungsverzeichnis, Fremdworter- klärung sowie ein ausführliches Personen- und Ortsregister. Die teilweise notwendigerweise sehr ins Einzelne gehenden Schilderun- gen der Kämpfe in den einzelnen Regionen, Städten und Stadtteilen des Ruhrgebiets, die militärischen Stellungsverschiebungen der Kämpfenden, die Verbindungswege setzen eine genaue regionale Kenntnis des Autors voraus. Lucas hat sie und verbindet sie, ge- rade wenn er den militärischen Verlauf der Kämpfe schildert, mit einer sehr anschaulichen und lesbaren Darstellungsweise, die zeigt, daß er mit dem bearbeiteten Material so vertraut ist, als wäre er auf der richtigen Klassenfront dabeigewesen. Auf dieser Materialbasis kann Lucas seinen Hauptintensionen, für die Geschichtswissenschaft und besonders für die Sozial- und Ar- beitergeschichte Quellen zu erschließen, die häufig die zentralen Thesen der bisherigen bürgerlichen Interpretationen der Ereig- nisse teilweise infragestellen, teilweise widerlegen und somit die herrschende bürgerliche Historiographie ausgewiesen und fun- diert zu kritisieren, nachkommen. Er kann auch seinem berechtig- ten pädagogisch-aufklärerischem Anliegen, die Zurückweisung der sich in unseren Schulbüchern am offensichtlichsten zeigenden re- aktionär-bürgerlichen Geschichtsinterpretationen und Geschichts- fälschungen, gerecht werden. Deshalb stellt auch der Autor - in Verbindung mit seiner einleitenden knappen Literaturübersicht - in zwei Kapiteln ausdrücklich entsprechende Schulbuchzitate voran. Allerdings kann auch hier nur eindringlich davor gewarnt werden, in vorschneller Verallgemeinerung und - berechtigter - moralischer Empörung über das Zusammenspiel von sozialdemokrati- schen und Gewerkschaftsführern mit der militärischen Konterrevo- lution schon in der Anfangsphase der Weimarer Republik in einer eignen ersten informativen Schulbuchkonzeption und -darstellung die - sich zweifellos aufdrängende - Aktualisierung des histori- schen Stoffes nahtlos und exzessiv nachzuvollziehen - wofür, trotz aller richtiger und notwendiger Ansätze zur Destruktion der bürgerlichen Lebenslügen zur ideologischen Interpretation der deutschen Geschichte, etwa das zweite Kapitel eines l i n k e n "Schulbuchs" zum Kapp-Putsch (vgl. "lernen subversiv: Geschichte der Weimarer 'Republik'". Frankfurt/Main, pp. 55-90) einige t y p i s c h e Passagen aufweist. Dort wird nämlich allzu- schnell das, was in der D i s k u s s i o n der Schüler unter- einander und der Schüler mit fortschrittlichen Lehrern erst erar- beitet werden kann, auf der Basis der geschichtlichen Ereignisse, schon als Ergebnis vorweggenommen (vgl. dort im Kapitel über den Kapp-Putsch: pp. 61, 74 - Aufforderung: "Studiert Mao-Tse-Tungs Schriften zum Volkskrieg!", 75, 76, 84 -jeweils die Randbemerkun- gen). Von dieser Tendenz ist Lucas ebensowenig frei wie das ange- führte linke Schul- und Geschichtsbuch - und auch nicht die Form der Herausgabe von Romanen von Marchwitza, Grünberg, Bredel und anderen proletarisch-revolutionären Schriftstellern in der BRD heute -, in dessen zweitem Kapitel die Ergebnisse der Lucas' se- hen Arbeit bereits eingearbeitet werden konnte. Dieser offensichtlich a n a l y t i s c h e Mangel der Arbeit von Lucas erscheint freilich angesichts der Dichte des Stoffes der realen historischen Kämpfe der Arbeiter um die Macht, die ja schließlich aufgrund der besonderen historischen Situation ge- waltsam geführt werden m u ß t e n, im Hinblick auf manche, von Lucas selbst nicht immer explizierten Schlußfolgerungen und Ver- allgemeinerungen sowie Querverweisen, nicht allzu beträchtlich und gravierend, Seine für die Schilderung der bewaffneten Klas- senauseinandersetzungen zentrale These, die das gesamte Buch durchzieht, daß in militärischer Hinsicht der "Schlüssel des Pro- blems" in der "Stationierung" (280) der bewaffneten und zu allem entschlossenen Konterrevolution bei den Arbeiterkämpfen im Ruhr- gebiet im Frühjahr 1920 lag, wird als historische Exemplifizie- rung einer bekannten, schon von Engels mehrfach explizierten Überlegung zum militärischen Geschichtspunkt bewaffneter Klassen- auseinandersetzungen in ihrer Beweiskräftigkeit keineswegs durch diese Tendenz des Autors abgeschwächt oder gar infragegestellt. Die eigene implizite Position von Lucas, der - wie mir scheint - einer aus der Lebendigkeit des durchdringenden Stoffs allzu ver- ständlichen, syndikalistisch und aktionistischen, also im Grunde praepolitischen und emotional eingefärbten, Position durch scheinbar auf der Hand liegende vorschnelle Verallgemeinerungen Tor und Tür öffnet, mindert seine eigene wissenschaftliche Lei- stung keineswegs in nennenswertem Ausmaß. Sie tut - da man ihm ja schließlich n i c h t die Rezeption seiner Ergebnisse etwa in dem zitierten linken Versuch der Darstellung der "Geschichte der Weimarer 'Republik'" anlasten kann ohne ihn auf die Position der Goetheschen Hexenmeisters herunterzubringen - seiner w i s- s e n s c h a f t l i c h e n D i g n i t ä t a l s H i s t o- r i o g r a p h keinen Abbruch, wohl aber denen, die - wie im linken Geschichtsbuch geschehen - sich derzeit nicht scheuen, 16- und 19jährigen Oberschülern überwiegend nicht-proletarischer Herkunft zum "Studieren" der Volkskriegskonzeption Mao-Tse-Tungs (bzw. Lin-Piaos) aufzufordern. Sowohl diese Tendenz bei Lucas selbst als auch insbesondere die dokumentierte nahtlose Rezeption und Aktualisierung verdeutlichen aber, daß bei der Rezeption der Märzkämpfe im Ruhrgebiet 1920 (wie ebenso der Märzkämpfe 1921 und der Arbeiterkämpfe im Herbst 1923, insbesondere dem sog. "Hamburger Aufstand") eine gehörige Portion kritischer Distanz sowohl bei den Autoren selbst als auch insbesondere bei den Rezi- pienten nötig ist, gerade angesichts der sich aufdrängenden Ak- tualisierungen etwa der Rolle der Sozialdemokratie. Nur dadurch ist den scheinbar auf der Hand liegenden Analogie- und Kurz- schlüssen ein Riegel vorzuschieben. Diese notwendige kritische Distanz - wie schwer sie manchem auch immer fallen mag angesichts der Sympathie mit den um die Macht mit Waffengewalt kämpfenden Arbeitern - ist sowohl in der fort- schrittlichen Sozial- und Geschichtswissenschaft, die sich der materialistischen Geschichtstheorie verpflichtet weiß, als auch in der pädagogischen und erst recht in der politischen Praxis nö- tig. Denn ohne diese Distanz kann dem Tatbestand, daß sich die bürgerliche Gesellschaft im Imperialismus im allgemeinen und im entwickelten Imperialismus im besonderen weiterentwickelte, so daß sich die F o r m e n des demokratischen und sozialistischen Kampfes verändern, kaum gebührend Rechnung getragen werden. Eine ungebrochene Rezeption historischer Klassenkämpfe, insbesondere der gewaltsamen Kämpfe der Arbeiterklasse in Etappen, in denen sich der Klassenkampf in der Tat zuspitzte, was in der Kampfform der Arbeiter und des Volkes mit Waffengewalt seinen Ausdruck fand, kehrt sich heute nur allzuleicht in das Gegenteil des Beab- sichtigten um. Die historischen gewaltsamen Formen des proletari- schen Klassenkampfs enthistorisiert und verallgemeinert, kann durchaus auch heute in blanke Aufstandstaktik verkehrt werden, so daß diese Strategie in der Tat verkehrt wird. Dies ist im übrigen ein a l l g e m e i n e s K e n n z e i c h e n aller nicht- marxistischer Arbeiterpolitik, die jeweils die Kampfformen als Ausdruck des H e r a n g e h e n s an den Sozialismus aufgrund einer falschen klassenmäßigen Analyse falsch bestimmte. Eine ungebrochene Rezeption historischer Klassenkämpfe, gar noch zum Zwecke der strategischen Bestimmung der heutigen Aufgaben des Klassenkampfs betrieben, verkehrt sich somit unter der Hand ins direkte Gegenteil - ins Scheinradikale, manchmal offensichtlich ins offen Reaktionäre. Dadurch wird dann allerdings das Studium der Geschichte im allgemeinen und der Geschichte der Arbeiterbe- wegung im besonderen zum Zweck der Meisterung von Gegenwart und Zukunft seines einzig möglichen und sinnvollen, bewußt parteili- chen Sinns beraubt und erweist sich für fortschrittliche und ma- terialistische Wissenschaft, pädagogisch-aufklärerische und demo- kratische und sozialistische politische Praxis als eine stumpfe Waffe. Es bleibt zu hoffen, daß Lucas im zweiten Band - etwa in einem abschließenden Schlußkapitel - diese kritische Distanz für den Leser selbst herstellt und somit der Tendenz vorschneller Verall- gemeinerung wirkungsvoll entgegentritt. Richard Albrecht _____ *) Besprechung von Erhard Lucas: MÄRZREVOLUTION IM RUHRGEBIET. Vom Generalstreik gegen den Militärputsch zum bewaffneten Arbei- teraufstand. März-April 1920. (Bd. 1). Frankfurt/Main 1970. **) Vgl. auch: Lucas: "Ursachen und Verlauf der Bergarbeiterbewe- gung in Hamborn und im westlichen Ruhrgebiet 1918/19". In: DUIS- BURGER FORSCHUNGEN Bd. 15. zurück