Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1972
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Paul Boccara
ÜBERSICHT ÜBER DIE THEORIE DER ÜBERAKKUMULATION -
ENTWERTUNG DES KAPITALS UND DIE PERSPEKTIVEN DER
FORTSCHRITTLICHEN DEMOKRATIE (I) *)
Der grundlegende theoretische Mittelpunkt der Analyse des staats-
monopolistischen Kapitalismus A) ist die marxistische Theorie der
"Überakkumulation" und der "Entwertung (der stofflichen Elemente)
des Kapitals", die aus der Theorie von Mehrwert und Kapital ent-
wickelt wurde. 1)
Die ö k o n o m i s c h e A n a l y s e d e r K o m m u n i-
s t e n unterscheidet sich völlig von den Theorien und Analysen
anderer Strömungen und Gruppen, die sich ebenfalls als
demokratische Kräfte oder als Teile der Arbeiterbewegung be-
zeichnen, und die so wie wir, für den Sozialismus in unserem Land
sind. Vor allem unterscheidet sie sich durch die unerbittliche
wissenschaftliche Bemühung bei der Weiterentwicklung der marxi-
stischen Theorie auf dem Klassenstandpunkt der Arbeiterklasse,
und durch ihre Anwendung auf die ökonomischen, sozialen und poli-
tischen Kämpfe und Probleme im heutigen Kapitalismus. Im Mittel-
punkt der zeitgenössischen wissenschaftlichen Weiterentwicklung
steht die Theorie der Überakkumulation und Entwertung des Kapi-
tals.
Dieser Artikel soll einen zusammenfassenden Überblick über die
praktische Relevanz dieser revolutionären Theorie liefern, oder,
genauer gesagt, über einige offene Perspektiven ihrer Weiterent-
wicklung und ihrer Anwendung in den Kämpfen für die fortschritt-
liche Demokratie und für den Sozialismus in unserem Land. B)
Zuerst soll d i e T h e o r i e s e l b s t u n d i h r
P l a t z i m G e s a m t k o m p l e x d e r m a r x i-
s t i s c h e n T h e o r i e dargestellt werden. Dabei handelt
es sich nur darum, einige Aspekte der Frage auszuführen und zu
präzisieren. Dies könnte dazu beitragen, die Doppeldeutigkeiten
zu verringern, die das Verstehen einer relativ neuen oder doch
zumindest ungewohnten theoretischen Erkenntnis erschweren. Es
soll vor allem dazu beitragen, den Zusammenhang dieser Theorie
mit den Problemen der wissenschaftlich-technischen Revolution
(d.h. Weiterentwicklung der Produktivkräfte) innerhalb des
Kapitalismus aufzuzeigen, im Hinblick auf die Präzisierung der
objektiven Grundlagen der Krise des staatsmonopolistischen Kapi-
talismus und seiner revolutionären Überwindung.
Die zweite Problemstellung bezieht sich auf die A n w e n-
d u n g d e r T h e o r i e a u f d i e P e r s p e k t i-
v e n d e s s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e n K a-
p i t a l i s m u s u n d d i e E i n f ü h r u n g d e r
f o r t s c h r i t t l i c h e n D e m o k r a t i e i n
F r a n k r e i c h, der ökonomisch und politisch antimonopoli-
stischen Demokratie. Es scheint tatsächlich möglich, zu den be-
reits vorgelegten Studien über die Krise des staatsmonopolisti-
schen Kapitalismus sowie zum demokratischen Programm seiner Über-
windung einige Ergänzungen zu machen, obwohl die konkreten Per-
spektiven der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus
sicherlich immer wieder zahlreiche neue Fragen aufwerfen werden.
Die dritte Problemstellung betrifft g e w i s s e P e r-
s p e k t i v e n d e r E n t w i c k l u n g u n d d e s
F u n k t i o n i e r e n s d e r W i r t s c h a f t i n
d e r f o r t s c h r i t t l i c h e n D e m o k r a t i e,
der Etappe des revolutionären Übergangs zum Sozialismus. Dieses
ist das relativ neueste Problem. Deshalb kann es sich im dritten
Teil des Artikels nur einleitend darum handeln, die Aufmerk-
samkeit auf verschiedene Möglichkeiten, die Frage theoretisch zu
stellen, zu lenken. 2)
Einige Ausführungen über den aktuellen Stand der Theorie
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der Überakkumulation - Entwertung des Kapitals als Entfaltung
-------------------------------------------------------------
(Weiterentwicklung) der marxistischen Theorie und über ihre
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Anwendung auf den staatsmonopolistischen Kapitalismus
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1. Die Theorie der Überakkumulation-Entwertung, Weiterentwicklung
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der marxistischen Analyse des tendenziellen Falls der Profitrate.
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Die revolutionäre Theorie ist entscheidend für die revolutionäre
Bewegung. So ist heute eine korrekte Kenntnis der marxistischen
Theorie der Überakkumulation-Entwertung und ihre mögliche Wei-
terentwicklung von beträchtlicher politischer Relevanz. Dieses
wird noch deutlicher in den beiden folgenden Teilen, die die
Krise des staatsmonopolistischen Kapitalismus, den Übergang zur
fortschrittlichen Demokratie und die ökonomische Regelung in der
fortschrittlichen Demokratie behandeln.
Die revolutionäre Theorie ist der unerbittliche Gegner der bür-
gerlichen Ideologie, die uns in unserer Gesellschaft umgibt. Des-
halb stoßen ihre Vermittlung und ihre konkrete Anwendung auf
viele Hindernisse und müssen kämpferisch durchgesetzt werden.
Mehr und mehr verbreitet sich unter Marxisten die Kenntnis von
Prinzipien, Gesetzmäßigkeiten und Analyse des staatsmonopolisti-
schen Kapitalismus sowie in letzter Zeit auch von der Krise des
staatsmonopolistischen Kapitalismus, besonders also das Wissen
über das, was Marx die "Überakkumulation des Kapitals" oder auch
den "Kapitalüberschuß" nennt. Dieser Überschuß bezieht sich auf
die Beschränkung des produzierbaren und realisierbaren Profits
durch die Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals,
3) also auf die verminderte Verzinsung des akkumulierten Kapi-
tals. In der konkreten Realität zeigt sich der Fall der Pro-
fitrate nicht in dem Maße, wie es auf Grund der Wertverhältnisse
zu erwarten wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Die Akkumulation
und die Verwertung des Kapitals auf immer höherer Stufenleiter
setzt sich fort auf der Grundlage einer mehr und mehr
"aufgeblasenen" Profitrate auf Grund von Preisen, die den Profit
inflationär über den produzierten Mehrwert hinaus anheben.
Die Bemühungen zur Erlangung eines Extraprofites, die auf Grund
der Produktivitätssteigerung in den einzelnen Unternehmen möglich
wird, führt zu einer Erhöhung der organischen Zusammensetzung der
industriellen Kapitale, und gleichzeitig auch zu einer mehr und
mehr spekulativen Nachfrage, zu spekulativem Kredit, zur Bemühung
um inflationistischen Über-Profit in allen Bereichen. Das geht
solange, bis der Widerspruch zwischen der Profitinflation und
Preisentwicklung (auf der einen Seite) und der Beschränkung des
Konsums der Massen (auf der anderen Seite), auf diese oder jene
Weise zutage tritt. Die Reproduktion von Waren bringt dann an den
Tag, daß ein Überschuß an akkumuliertem Kapital, eine künstliche
Kreditpyramide, eine nach immer neuen Auswegen suchende Finanz-
politik vorhanden sind.
So stellt sich die notwendige Lösung, die "Entwertung" des Kapi-
tals dar in den vielfältigen Formen von Nicht-Verwertung von Ka-
pital, von negativer Verwertung und vielem anderem mehr. So setzt
sich der Fall der Profitrate durch und erlaubt gleichzeitig wie-
der ihre Anhebung. Durch die Entwertung des Kapitals werden alle
Veränderungen bewirkt, die die Profitrate und das Wiederingang-
kommen der Akkumulation betreffen, ob es sich nun um die 10-jäh-
rigen zyklischen Überproduktionskrisen, oder ob es sich um die
langen rückläufigen Phasen mit der Tendenz zu leichten Krisen und
längeren aufeinanderfolgenden Depressionen handelt. Diese langen
Phasen führen - durch heftige Klassenkämpfe - zur strukturellen
Entwertung des Kapitals und zu strukturellen Transformationen des
Kapitalismus bis hin zur In-Fragestellung seiner Existenz.
Die Analyse der Überakkumulation zeigt, daß die Schranke der Ent-
wicklung der Produktion das Kapital selbst, nicht etwa die Unzu-
länglichkeit der Produktion oder der Mehrwertrealisierung ist.
Hier sieht man beim Übergang zum staatsmonopolistischen Kapita-
lismus besonders die "Entwertung" von Staatskapital und in staat-
licher Finanzierung betriebener kapitalistische Produktion, was
dazu führt, daß die, einen Teil des Profits beanspruchende, Kapi-
talmenge herabgesetzt wird, und so die monopolistische Profitrate
weiter steigen kann. Natürlich ist dies sozusagen nur der Rahmen,
in dem alle Veränderungen, die das vorgeschossene Kapital, den
produzierten Mehrwert, die Realisierungsbedingungen usw. betref-
fen, gesehen werden müssen. Übrigens bewirken diese strukturellen
Entwertungen, die zum staatsmonopolistischen Kapitalismus führen,
dadurch, daß sie die private monopolistische Akkumulation und ih-
ren Aufschwung begünstigen, eine erneute dauerhafte Überakkumula-
tion, wodurch der staatsmonopolistische Kapitalismus selbst und
mit ihm die Existenz des Kapitalismus selbst in Frage gestellt
wird. Wir haben auf der Konferenz von Choisy-le-Roi 1966 C) zwi-
schen "einfachem" Monopolkapitalismus und staatsmonopolistischem
Kapitalismus unterschieden. Der Begriff des "privaten" Monopolka-
pitalismus, der seitdem gebraucht wurde, um die erste Phase des
Imperialismus zu beschreiben, erscheint uns völlig falsch zu
sein. Die privaten Monopole sind weit entfernt davon zu ver-
schwinden. Sie weiten ihren Einfluß auf die gesamte Ökonomie des
staatsmonopolistischen Kapitalismus aus. Man kann aber auch nicht
von einer Verschmelzung von Monopolen und Staat sprechen, was
nämlich bedeuten würde, daß wir es mit einem öffentlichen oder
Staatskapitalismus zu tun hätten.
Die Erklärung des staatsmonopolistischen Kapitalismus durch die
Theorie der Überakkumulation-Entwertung ist sehr komplex. 4) Man
könnte versucht sein, in die Augen springende einfachere Lösungen
zu akzeptieren, die ähnliche Erklärungen anbieten und aus densel-
ben Tatsachen abgeleitet sind (wie zum Beispiel die Finanzierung
des öffentlichen Sektors im Interesse der privaten Monopole).
Wenn man die Theorie aus den Augen verliert, kann man n u r vom
tendenziellen Fall der Profitrate reden und dabei auf der Er-
scheinungsebene verbleiben. Denn wenn man vorgibt, vom tenden-
ziellen Fall der Profitrate auszugehen und diese gleichzeitig
ohne Bezug zur Theorie der Überakkumulation sieht, so verkürzt
man die marxistische Analyse dieses Gesetzes zu einem Dogma, das
unabhängig von der gesellschaftlichen Realität und ihrer wissen-
schaftlichen Reflexion steht.
Übrigens, wäre es nur der tendenzielle Fall der Profitrate (wie
in der mechanischen und apologetischen Kapital-Grenznutzen-Theo-
rie von Keynes) und nicht seine dialektische Ergänzung, der Kapi-
talüberschuß und die sich daraus ergebende Entwertung, wäre es
unmöglich die objektive Notwendigkeit von Überproduktionskrisen,
von konjunkturellen Fluktuationen und von Strukturkrisen zu ver-
stehen. Es gäbe dann absichtliche strukturelle Anpassungen des
Kapitals, die den Kapitalisten erlauben würden, effektiv auf un-
bestimmte Zeit diesen mechanischen Fall der Profitrate aufzuhal-
ten. Im Gegensatz dazu kann man mit der marxistischen Theorie der
Überakkumulation die kapitalistische Anarchie, die Verschwendung
und die Mißstände der blinden kapitalistischen Regulation, ver-
stehen.
Man sieht auch, daß alle strukturellen Veränderungen im Rahmen
der kapitalistischen Struktur zu erneuten strukturellen Blockie-
rungen führen. Darüber hinaus werden sich alle Anpassungsversu-
che, die die Bourgeoisie unter den strukturellen Bedingungen un-
serer historischen Epoche unternimmt, als unwirksam erweisen.
Nur die Strukturkrisen und die Klassenkämpfe können eine
w i r k l i c h e Umwandlung dieser Strukturen in bestimmten Be-
reichen erreichen, indem sie zum Beispiel gewisse Teilbereiche
des Monopolkapitals angreifen wie zur Zeit des Übergangs zum
staatsmonopolistischen Kapitalismus. Die Mißstände und Klassen-
kämpfe verlangen heute einen Umsturz, der den Weg zum Sozialismus
frei macht. Weil der staatsmonopolistische Kapitalismus seine
Krise nicht überwinden k a n n, muß der Herrschaft der Monopole
ein Ende gemacht werden.
Wird die dogmatische Auffassung vom tendenziellen Fall der Pro-
fitrate kritisiert, könnte ein "Erneuerungsversuch" eine duali-
stische, ekklektizistische Trennung von tendenziellem Fall der
Profitrate auf der einen Seite, Überakkumulation auf der anderen
Seite vornehmen. Deshalb soll noch einmal betont werden, daß die
Theorie der Überakkumulation-Entwertung die dialektische materia-
listische Weiterentwicklung der Analyse des tendenziellen Falls
der Profitrate ist. Diese Theorie ist die Krönung der Studien
dessen was schon vor Marx als tendenzieller Fall des Profits
(bzw. richtiger: der Profitrate) bekannt war, und was Marx im
"Kapital, Kritik der politischen Ökonomie", beschrieben und ana-
lysiert hat. 5)
Muß man daran erinnern, daß der dritte Abschnitt im Dritten Band
des "Kapitals" 'Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate'
heißt und drei Kapitel umfaßt: Kapitel 13: 'Das Gesetz als sol-
ches'; Kapitel 14: 'Entgegenwirkende Ursachen'; Kapitel 15:
'Entfaltung der inneren Widersprüche des Gesetzes'? In diesem 15.
Kapitel beginnt Marx die Bedeutung dessen zu erklären, was er
"Überakkumulation" von Kapital nennt, und entwickelt gleichzeitig
die antagonistische Lösung der Akkumulation, die wir "Entwertung"
nennen.
Marx benutzt den Begriff der "Entwertung von Kapital" im 15. Ka-
pitel des Dritten Bandes. Er betrachtet sie als notwendige ant-
agonistische Lösung der "Überakkumulation" im Rahmen der
T e n d e n z des Falls der Profitrate und beschränkt sie auf
die Verringerung des Wertes des Kapitals. 6) Er hatte "Ent-
wertung" übrigens schon früher mit der Bedeutung der Wertver-
minderung gebraucht (und hatte genau die Bedeutung dieses Phäno-
mens für die Wiederheraufsetzung der Profitrate beschrieben). Er
hatte sie der Vergrößerung des Kapitalwertes entgegengesetzt 7)
und nicht etwa der "Aufwertung" von Kapital, die bei ihm als Ver-
wertung bezeichnet wird, und die Produktion von Mehrwert im Pro-
duktionsprozeß bedeutet. In diesem beschränkten Sinn handelt es
sich also nur um eine Veränderung des vorgeschossenen Kapitalwer-
tes selbst (ohne Berücksichtigung des produzierten Mehrwertes).
Er entspricht dem Fall, daß bei einer Nicht-Verwertung oder Ent-
wertung von Kapital im weiteren Sinne des Wortes, unter Einschluß
also der Gesamtheit der relativen Lösungen der Überakkumulation,
ein "negativer Profit" entsteht. Im selben Kapitel spricht Marx
von der "Brachlegung" von Kapital. Dieses entspräche einem Null-
Profit. Weiter spricht er von Verwertung zu verminderter Rate,
was einen reduzierten Profit zur Folge hätte. Aber er erklärt
hier auch die (vorläufige) Lösung der Überakkumulation: "...
würde sich das Gleichgewicht herstellen durch Brachlegung und
selbst Vernichtung von Kapital in größerem oder geringerem Um-
fang." ("Kapital", Band 3, S. 264) Er berücksichtigt also noch
einmal den Fall, daß vorgeschossenes Kapital verloren wird (bzw.,
daß der Kapitalwert herabgesetzt wird, oder daß negativer Profit
entsteht), in der Lösung, die wir durch das Konzept der
"Entwertung" ausdrücken, und unterscheidet klar von der einfachen
Wertverminderung und dem völlig entgegengesetzten Konzept der
"Verwertung".
In dem Abschnitt des Kapitals über den tendenziellen Fall der
Profitrate ist zu bemerken, daß das zweite der drei Kapitel
(Entgegenwirkende Ursachen) die "Negation" aufzeigt, das letzte
Kapitel beschäftigt sich sozusagen mit der "Negation der Nega-
tion". So wird ausgeführt, daß die entgegenwirkenden Tendenzen
das Gesetz nicht daran hindern können, sich durchzusetzen.
Die Entwertung, die der Überakkumulation folgt und sich in der
Senkung der Profitrate ausdrückt, 8) ist die Voraussetzung für
das Spiel der Gegentendenzen, besonders für die Hebung der Aus-
beutungsrate und das Fallen des Tauschwertes der Elemente des
konstanten Kapitals, die mit der Verbesserung der Produktivität,
aber auch mit der Überproduktion etc. verbunden ist. Andererseits
zeigt diese Analyse, daß die Entwertung, die das Spiel der Gegen-
tendenzen begünstigt, den Prozeß, der zur Überakkumulation führt,
nicht hindern kann, sich immer zu wiederholen. Vielmehr reicht
die teilweise Entwertung, die zuerst ausreichend war, nicht mehr,
oder um es genauer zu sagen: die wichtigste Methode zur Anhebung
der Profitrate wird wirkungslos, weil der Anteil von konstantem
Kapital am Gesamtkapital zu groß wird. Daher nimmt die Überakku-
mulation einen relativ b e s t ä n d i g e n Charakter an und
die Entwertung gewinnt immer mehr an Bedeutung. Die Entwertung
hat vor allem Kapitalverlust und eine Tendenz zur rigorosen Re-
duktion von konstantem Kapital zur Folge. Sie stellt die kapita-
listische Struktur in Frage, die auf Akkumulation und Kapitalver-
wertung angewiesen ist, und deshalb eine immerwährende Tendenz
zur Dauer-Arbeitslosigkeit auf der einen, Schatzbildung auf der
anderen Seite. 9)
Der Dogmatismus zeigt sich hier schließlich auch noch als ein Re-
visionismus "im entgegengesetzten Sinne." Er gibt vor, auf die
komplexen Probleme der beweglichen Realität einzugehen, indem er
Grundbegriffe der marxistischen Theorie hervorkramt, ihre wichti-
gen Weiterentwicklungen aber wegläßt. Auf diese Weise aber kann
der Dogmatismus die wirklichen Bewegungen nicht erklären. Er muß
hier das Feld den diversen revisionistischen Verfälschungen, die
der bürgerlichen Ideologie entstammen, überlassen. Eine ekklekti-
zistische Auffassung der Analyse der Überakkumulation als
E r g ä n z u n g zur Analyse des Falls der Profitrate (und
nicht als Weiterentwicklung dieser Analyse) wird, weil sie diese
revisionistischen Verfälschungen nicht zu durchschauen vermag,
direkt zu den pseudo-Theorien von "Unterkonsumtion" oder "Über-
konsumtion" führen. Tatsächlich tendieren derartige Auffassungen
dazu, die Analyse der Erscheinungsformen des kapitalistischen
Systems vom Preisausdruck her und die Analyse der Wertver-
hältnisse nebeneinanderzusetzen, ohne zu berücksichtigen, daß die
Theorie der Überakkumulation-Entwertung die Verbindung zwischen
beiden darstellt. Sie beendet das Hin- und Hergerissensein des
Theoretikers zwischen dogmatischen Auffassungen und deren Ergän-
zung, den revisionistischen "Theorien".
2. Die Theorie der Überakkumulation-Entwertung, wichtigste
----------------------------------------------------------
Weiterentwicklung der gesamten Marxschen "Kapital"-Theorie.
-----------------------------------------------------------
Die Theorie der Überakkumulation-Entwertung erlaubt es den Marxi-
sten über die bürgerliche politische Ökonomie hinauszugehen und
sie zu kritisieren. Diese bürgerliche Theorie ist gezwungen die
Schwierigkeiten der Akkumulation mehr oder weniger einseitig und
oberflächlich zu erklären. Sie ist eine Rechtfertigungstheorie,
die dem Klassenkampf falsche Perspektiven weist.
Die kapitalistische Überproduktion kann nicht einfach mit einer
Unterkonsumtion - bzw. der nicht ausreichenden Konsumtion der
Massen - erklärt werden. Die unvermeidliche Tendenz des Falls der
Profitrate ist auch nicht einfach durch die Gegenthese zu erklä-
ren: die "Überkonsumtionstheorie", die in den Klassenkämpfen der
Arbeiter um höhere Löhne die Grenze der kapitalistischen Ausbeu-
tung sieht. Diese beiden Erklärungen, jede für sich, die erste
tendenziell linksradikal, aber auch ökonomistisch (trade-unioni-
stisch) die zweite eher rechtsgerichtet (oder direkt reaktionär),
sind beide so alt wie die ersten Kapitalismus-Betrachtungen und
finden sich auch heutzutage wieder, sogar in marxistischer Ver-
kleidung. 10) Jedoch ist d i e w i c h t i g s t e k a p i-
t a l i s t i s c h e M a ß n a h m e zur Behebung der Schwie-
rigkeiten der materiellen Produktion und zur Weiterentwicklung
der Produktivkräfte die E r h ö h u n g d e r o r g a n i-
s c h e n Z u s a m m e n s e t z u n g d e s K a p i t a l s.
Die Folgen davon aber sind: 1. Unabhängig von der Mehrwertrate
wird der Mehrwert im Verhältnis zum Überschuß des zu viel
akkumulierten Kapitals zu klein (und so müssen die Profite in-
flationär "aufgeblasen" werden); 2. Die Warenrealisierung reicht
nicht aus und das Verhältnis von Produktionsmittelproduktion und
Nachfrage nach Konsumtionsmitteln wird gestört. 11)
Wenn also alles ein Problem der Aufteilung wäre, so wäre die Lö-
sung für den Kapitalisten entweder das Brechen des Widerstandes
der Arbeiter gegen eine Lohnkürzung oder das Aufstellen von unge-
rechtfertigten angeblichen Behauptungen: zum Beispiel die Behaup-
tung, daß eine Beschränkung der Löhne a l l e i n durch den
technischen Fortschritt und die gesteigerte Arbeitsproduktivität
begründet sei (die man von Vertretern der Bourgeoisie ebensooft
wie von rechten Opportunisten hört). Für die linke Kritik würde
es ausreichen, die Löhne und die Konsumtion der Arbeiter auf Ko-
sten des Profits zu erhöhen, um Überproduktion und Arbeitslosig-
keit zu verhindern; oder aber müßten die Menschen und Institutio-
nen Antikonsum- und Antiproduktions-Haltung erwerben, um die
"quälenden Gedanken" von Engpässen zu beseitigen. Jedoch in Wirk-
lichkeit, wie es die Theorie der Überakkumulation zeigt, ist es
der F o r t s c h r i t t d e r P r o d u k t i v k r ä f t e
i n n e r h a l b d e r k a p i t a l i s t i s c h e n
S t r u k t u r e n, deren Ziele die Verwertung des Kapitalwer-
tes, die erweiterte Akkumulation, und die Tendenz zur Erhöhung
der organischen Zusammensetzung der Kapitale sind, durch den die
Schwierigkeiten der Überproduktion und der Arbeitslosigkeit zu
erklären sind.
Deshalb sind diese Schwierigkeiten auch nicht zu vermeiden. Der
Fortschritt der Produktivität und der Produktivkräfte im Kapita-
lismus macht Kapitalakkumulation notwendig, d.h. die Produktions-
verhältnisse im Kapitalismus bringen hervor Akkumulation für den
Profit und Profit für die Akkumulation.
Die Theorie der Überakkumulation-Entwertung leistet einen wichti-
gen Beitrag zur Erklärung des Wesens der kapitalistischen ökono-
mischen Regulierung, die spontan und blind, durch Strukturkrisen
und konjunkturelle Fluktuationen vor sich zu gehen scheint. Sie
deckt auf, wie der Fortschritt der Produktivkräfte in diesem Sy-
stem angeregt wird, und wie dieses System es erreicht, zeitweise
ein Gleichgewicht aufrechtzuhalten, obwohl die Widersprüche sich
weiterentwickeln und schließlich kann sie aufzeigen, wie dieses
System mit Hilfe von ökonomischem Wirrwarr und sozialem Elend
sein Gleichgewicht wiedererlangen kann. Indem es sich auf diese
Art und Weise entwickelt, muß sich dieses System verändern. Mehr
und mehr verlangt es nach einer revolutionären Überschreitung
seiner eigenen ökonomischen Formen. Unsere Theorie zeigt die Ver-
bindung zwischen der kapitalistischen Regulierung und den spezi-
fisch kapitalistischen ökonomischen Formen, die dem geschichtli-
chen Charakter der Produktivkräfte entsprechen. Auf diese Weise
kann sie auch zeigen, daß die Preisform im Unterschied zu Waren-
wert und Tauschwert vermittelt ist (sich aus der Differenz von
Warenwert und Tauschwert ableitet). Die Tauschwerte stellen die
Äquivalenzbeziehung zwischen zwei Waren unterschiedlichen Ge-
brauchswertes dar. Er setzt direkt die Massen von Gebrauchswert
zueinander in Beziehung und drängt ihren Wert in den Hintergrund,
berücksichtigt ihn nur indirekt, wenn auch ausschlaggebend.
D i e P r e i s f o r m in Verbindung mit der relativen Hebung
und Senkung des Tauschwertes (relativ zum Warenwert) stimuliert
den Fortschritt der Produktivität.
Hinter den Verschwendungen und sozialen Mißständen in Konjunktur-
schwankungen sieht man die wirklichen Entwicklungsrichtungen:
Neue Techniken setzen sich allgemein durch, weil, wenn Tauschwert
und Preis über dem Wert liegen, hohe Gewinne gemacht werden; wäh-
rend die technisch zurückgebliebenen Unternehmen schließlich ein-
gehen, weil sie Verluste erleiden, weil Tauschwert und Preis un-
ter den Produktionskosten liegen. Mit der Bewegung des Tauschwer-
tes regt die Preisform, als Antwort auf die Bedürfnisse, die Ver-
mehrung, Verbesserung, und die Erfindung neuer Gebrauchsgegen-
stände an. Dieses geschieht natürlich nur in den antagonistischen
kapitalistischen Konsumverhältnissen. Auf einen Nenner gebracht
macht die Theorie es möglich, die Abhängigkeit des Produktions-
preises (d.h. Erhöhung des Kostpreises (c plus v) in Geld um den
durchschnittlichen Profit bezogen auf das vorgeschossene Kapital)
von der historisch-technologisch notwendigen Vergrößerung der
Menge des konstanten Kapitals und den unterschiedlichen organi-
schen Zusammensetzungen der verschiedenen Kapitale. Sie erlaubt
es uns, die begrenzte Bedeutung der durch den Monopolismus in
dieser Beziehung eingeführten Veränderungen aufzuzeigen. 12)
Durch den Prozeß der Überakkumulation-Entwertung, offensichtlich
durch eine Veränderung der Preisverhältnisse, hervorgerufen durch
die Entwertung, setzt sich die Regulierung der kapitalistischen
Preise durch das Wertgesetz wie auch durch den historisch beding-
ten Charakter dieser Regulierung, der dem Charakter der Produk-
tivkräfte entspricht, durch. Man sieht gleichzeitig die festen
Grundlagen, aber auch den trotz allem nur historischen, vergäng-
lichen Charakter der spezifischen Form des "Produktionspreises",
hinaus über die einfachen Grundlagen der Regulierung, die allen
Produktionsweisen gemeinsam sind.
Wenn die dogmatische Auffassung vom tendenziellen Fall der Pro-
fitrate blind ist, da sie auf der Ebene der Wertverhältnisse ver-
weilt, so wird doch auch eine dualistische Anschauungsweise, die
auf irgendeine Weise dogmatische Vorstellungen mit gewissen Vor-
stellungen von Überakkumulation nebeneinander stellt, d a s
V o r a n s c h r e i t e n d e r m a r x i s t i s c h e n
A n a l y s e i m "K a p i t a l", die die gesamte Wirklich-
keit reflektiert, nicht verstehen. Die Theorie der Überakkumula-
tion-Entwertung des Kapitals erlaubt, die Beziehungen zu vertie-
fen zwischen dem ersten und dritten Band des "Kapitals" (zwischen
der Analyse im Wertausdruck und der des Produktionspreises,
etc.), zwischen dem zweiten und dritten Band des "Kapitals", die
Marx nicht mehr vollenden konnte, (zwischen den Analysen der Re-
alisation und der Produktion der Profitrate, etc.). Sie ist die
weitestgehendste Analyse im Hauptwerk von Marx, Sie erlaubt über
das "Kapital" hinauszugehen, in dem sich Marx ja absichtlich auf
die Analyse des Kapitals i m a l l g e m e i n e n und die
v e r s c h i e d e n e n F o r m e n des Kapitals beschränkt
hatte - es somit also weiteren Werken anheimgestellt hat, von
diesen Grundlagen aus die Bewegungen der konkreten totalen Wirk-
lichkeit zu analysieren. 13) Drei grundlegende Momente der Kapi-
talismustheorie lassen sich unterscheiden: die Analyse der Ware
(mit der Theorie des Tauschwertes) die Analyse des Kapitals (mit
der Theorie des Mehrwertes), die Analyse der Entwicklung des Ka-
pitalismus (mit der Theorie der Überakkumulation-Entwertung).
Diese letztere Theorie, die sich aus den beiden vorhergehenden
entwickelt, erlaubt es, die konkrete vielzyklische Entwicklung
des Kapitalismus mit seinen mehr oder weniger dekadischen Fluk-
tuationen und auch seinen langen, ungefähr alle fünfzig Jahre
auftretenden Schwankungen, die schon in der historischen Analyse
der Preisbewegungen festgestellt wurden; sie erlaubt, die struk-
turellen Transformationen, die die Stadien und Phasen dieser Ent-
wicklungen kennzeichnen, zu erklären. Sie erlaubtes, klar, im
Rahmen der materialistischen Geschichtsauffassung, zu erfassen,
worin der vergängliche Charakter der kapitalistischen Produkti-
onsweise besteht; daß er an ein begrenztes Stadium der
Entwicklung der materiellen Produktivkräfte gebunden ist. Sie
zeigt die "tiefsten Wurzeln" des inneren Antagonismus der
kapitalistischen Strukturen, die Notwendigkeit ihrer Abschaffung
und ihren Ersatz durch überlegene Produktionsverhältnisse, auf
Grund des Fortschrittes der Produktivkräfte, die technisch-
ökonomischen Grundlagen dieses Ersetzens im Klassenkampf. Die
dogmatische Auffassung ist beschränkt auf die Vorstellung der
immer weiter steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals.
Die dualistische Auffassung sieht nicht die Gegentendenzen, die
sich notwendig im zyklischen Prozeß der Überakkumulation-
Entwertung durchsetzen und die kapitalistische Struktur selbst in
Frage stellen. Im Gegensatz dazu zeigt die authentische
marxistische Theorie der Überakkumulation-Entwertung, daß die
Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals, die die
wichtigste ökonomische Tendenz des Fortschrittes der
Produktivkräfte unter kapitalistischen Bedingungen ist, die die
Widersprüche zwischen den kapitalistischen Strukturen und dem
Fortschritt der Produktivkräfte zuspitzt. Sie zeigt wie dieser
Widerspruch - durch alle Strukturveränderungen hindurch - sich
durchsetzt, bis die kapitalistische Produktionsweise durch die
kollektive Produktionsweise revolutionär ersetzt wird.
3. Die Analyse der Überakkumulation-Entwertung:
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Theoretischer Ausdruck des Widerspruches zwischen dem Fortschritt
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der Produktivkräfte und den kapitalistischen Strukturen.
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Die ökonomische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft, das
heißt ihre Produktionsverhältnisse, sind vor allem durch den Ge-
gensatz von kapitalistischen Eigentümern von Produktionsmitteln
und Lohnarbeitern, Proletariern, gekennzeichnet. Genauer gesagt,
die Kapitalisten monopolisieren das Geld, die v e r g e g e n-
s t ä n d l i c h t e A r b e i t in den Produktionsmitteln,
die sie sich aneignen und untereinander verkaufen, und sogar die
vergegenständlichte Arbeit in den Produkten (der unmittelbaren
Produktion), deren Eigentümer und Verkäufer sie immer sind. So
können sie die Arbeitskraft der Arbeiter kaufen, die ihnen die
produktive l e b e n d i g e A r b e i t gegen einen Lohn
liefert. 14) Im System der kapitalistischen Produktion, der am
weitesten entwickelten Warengesellschaft, ist der Gegensatz und
die Trennung von vergegenständlichter Arbeit im Produkt und
lebendiger Arbeit größtmöglich. Die Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen, der Arbeitskraft des Menschen, erreicht ihren
Höhepunkt Die materielle Produktion entwickelt sich nach ihren
eigenen Gesetzmäßigkeiten mit dem einen Ziel: dem Mehrwert
(Differenz zwischen dem, was der Arbeiter schafft, und dem, was
er als Lohn erhält) und der Akkumulation der Werte (vergegen-
ständlichte Arbeit). Mit der "Produktion für die Produktion"
erreicht der Fortschritt der Produktivkräfte beispiellose
Leistungen im Vergleich zu allen vorausgegangenen Produktionswei-
sen. Trotz alledem handelt es sich um eine beschränkte, ja sogar
antagonistische Form der Entwicklung der Produktivkräfte, deren
Grenzen mehr und mehr zu Tage treten, je weiter die geschichtli-
che Entwicklung voranschreitet.
Die Kapitalisten treiben die Entwicklung der Produktivkräfte nur
deshalb voran, weil sie soviel Kapital wie möglich akkumulieren
wollen. Sie wollen soviel Mehrwert wie möglich scheffeln, ihr Ka-
pital verzinsen, indem sie die Mehr-Arbeitszeit über die notwen-
dige Arbeitszeit (die dem Lohn entspricht) hinaus erhöhen.
Die Steigerung der Produktivität der Arbeit, Haupttendenz der ka-
pitalistischen Produktionsweise, ist, entsprechend der ökonomi-
schen Struktur der Gesellschaft und dem geschichtlichen Charakter
der materiellen Produktivkräfte, nur Erhöhung der Produktivität
der lebendigen Arbeit über den Umweg der Akkumulation von verge-
genständlichter Arbeit in den Produktionsmitteln. Jedoch ist
diese Haupttendenz, die in der Tendenz zur Erhöhung der organi-
schen Zusammensetzung des Kapitals auftritt, eine antagonisti-
sche: sie gebraucht die Produktionsmittel und die vergegenständ-
lichte Arbeit gegen die Arbeiter und die lebendige Arbeit.
Dieser Antagonismus zeigt sich andauernd im Funktionieren des Ka-
pitalismus. Die Arbeitskraft der Proletarier wird wie eine Ware
behandelt, deren Nutzen es ist, soviel Mehrarbeit wie möglich zu
leisten. Die Arbeiter werden wie Zubehör zum materiellen Produk-
tionssystem behandelt, in der Bestrebung, ohne Unterlaß die Pro-
duktenmenge und die Differenz zwischen dem Preis des Produktes
und den Kosten zu erhöhen, um das Kapital zu verzinsen. Aber auch
hier tendiert der Antagonismus dazu, periodisch aufzubrechen.
Sicher, die materiellen Produktionsmittel werden in zunehmendem
Maße unabhängig von den (subjektiven) Beschränkungen der einzel-
nen Arbeiter und tragen so zur Objektivierung der gesellschaftli-
chen Arbeit bei. Daraus ergibt sich der beschleunigte Fortschritt
der Produktivkräfte. In der industriellen Revolution des 18.
Jahrhunderts, deren wichtigstes Element die Werkzeugmaschine war,
die die Hand des Handwerkers ersetzte 15), mit dem entsprechenden
Übergang zum klassischen Kapitalismus 16), beeinflußt die Ma-
schine, indem sie dabei aus dem Handwerker einen Teil-Arbeiter,
einen Proletarier macht, auf entscheidende Weise die Entwicklung
des kollektiven Charakters der materiellen Produktionsmittel. Die
Entwicklung der Maschinensysteme selbst zieht die immer intensi-
vere und systematischere Nutzung der Wissenschaften in der Pro-
duktion nach sich. Jedoch beruht diese gesellschaftliche Objekti-
vierung der kapitalistischen Produktion, die vor allem auf pri-
vate Zielsetzungen gerichtet ist, auf dem Widerspruch zwischen
der vergegenständlichten Arbeit, personifiziert im Kapitalisten,
und der lebendigen Arbeit der Lohnarbeiter. Mit dem zunehmend
kollektiven Charakter der neuen Produktivkräfte entwickelt sich
auch der antagonistische Widerspruch zwischen den Produktivkräf-
ten und den Produktionsverhältnissen weiter, und zeigt so die
Grenzen und den Übergangscharakter der kapitalistischen Produkti-
onsweise.
Der Widerspruch zwischen vergegenständlichter Arbeit im akkumu-
lierten Kapital und lebendiger Arbeit, die vom Proletarier gelie-
fert wird, entwickelt sich innerhalb des Widerspruches zwischen
vergegenständlichter Arbeit im konstanten Kapital und lebendiger
Arbeit, die durch das variable Kapital dargestellt ist. Der Fort-
schritt der Produktivität, der sich entsprechend der Gesetzmäßig-
keit der A k k u m u l a t i o n v o n v e r g e g e n-
s t ä n d l i c h t e r A r b e i t auf die Produktionsmittel
auswirkt und so t e n d e n z i e l l d i e P r o d u k t i-
v i t ä t d e r l e b e n d i g e n A r b e i t e r h ö h t,
läßt schließlich die diesen Prozessen innewohnenden Widersprüch-
lichkeiten zu Tage treten. Diese Methode, die Produktivität der
Arbeit zu steigern (total = lebendige + vergegenständlichte),
tritt tendenziell in Widerspruch zur Erhöhung der Arbeitsproduk-
tivität selbst, weil zu viel vergegenständlichte Arbeit in Pro-
duktionsmitteln akkumuliert wird. Im Wertausdruck bedeutet dies:
Das Ziel der Akkumulation von Kapital gerät tendenziell in Wider-
spruch zum Ziel der Verwertung von Kapital durch die Vergrößerung
des relativen Mehrwerts (der durch die Erhöhung der Produktivität
der Arbeit und die Differenz die zwischen notwendiger Arbeit ent-
sprechend dem Lohn, und wirklich geleisteter Arbeit des Arbeiters
entsteht). Aber bevor dieser Widerspruch vorherrschend wird,
tritt der Kapitalüberschuß zu Tage. Er bewirkt den tendenziellen
Fall der Profitrate und die Erhöhung der organischen Zusammenset-
zung des Kapitals.
Die Krise der Kapitalüberproduktion entläd sich periodisch durch
die Warenüberproduktion. Aber diese Krisen können schwach sein,
und die darauf folgenden Depressionen können kurz sein, wenn die
Wertverluste des Kapitals sehr begrenzt bleiben und wenn durch
die Erhöhung der Ausbeutungsrate und des relativen Mehrwertes
eine Lösung leicht möglich ist. Wenn jedoch die tendenzielle Er-
höhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals mit schwachen
Krisen in langen Zeiten tendenziellen Rückgangs der Akkumulation
von konstantem Kapital zusammenfällt, werden die Möglichkeiten,
den relativen Mehrwert zu erhöhen, immer geringer, was wiederum
die Tendenz zur Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Ka-
pitals verstärkt Man erreicht eine Situation, wo der Kapitalüber-
schuß relativ beständig wird und wo aus diesem Grunde die Depres-
sionen länger und zahlreicher werden.
Übrigens handelt es sich bei der beständigen Überakkumulation
über lange Zeiträume hinweg nicht um eine einfache Überakkumula-
tion von konstantem Kapital. Auf sehr komplexe Art und Weise kann
gleichzeitig 17) Unterversorgung neuer Bedürfnisse auftreten
(verbunden mit dem Wachstum der materiellen Produktionsmittel in
Quantität und technologischer Qualität) 18), weil die Mittel
nicht ausreichen, Kosten für vergegenständlichte Arbeit außerhalb
der im strengen Sinne materiellen Produktion aufzubringen, um Ka-
pazitäten zu vergrößern, die von den Arbeitern gefordert werden.
Daher die Tendenz zum Bremsen des Fortschrittes der Produktivität
und die Reaktion, die organische Zusammensetzung des Kapitals
noch schneller zu erhöhen. Auf diese Art und Weise wäre der Pro-
fitrate endgültig die Wertgrundlage genommen, während außerdem
verstärkte Vorwegnahmen von Investitionen außerhalb der materiel-
len Produktion auf die Profite drücken.
Man erreicht einen Zustand, wo die Menge der in Produktionsmit-
teln vergegenständlichten Arbeit (in konstantem Kapital), die es
erlaubt, die Produktivität der lebendigen Arbeit zu vergrößern,
auf Grund des einzigen Ziels des kapitalistischen Systems: der
Akkumulation und des Profits, mehr und mehr in Widerspruch zur
(Gesamt-) Produktivität der Arbeit gerät. Das kapitalistische Sy-
stem der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wird ein Hin-
dernis für den Fortschritt der Produktivkräfte, obwohl die Mög-
lichkeit zu einer Beschleunigung vorhanden ist. Gleichzeitig wird
die Möglichkeit der Vergrößerung des relativen Mehrwertes durch
den Fortschritt der Produktivität immer kleiner und kompli-
zierter, weil dies den Umfang des konstanten Kapitals beeinflußt.
Die Lösung dieses Problems kann nur die massive und dauerhafte
Verminderung von vergegenständlichter Arbeit in den Produktions-
mitteln sein. Aber diese Lösung ist antagonistisch zur Kapitalak-
kumulation, zu allen wichtigen Momenten der Produktion unter ka-
pitalistischen Bedingungen. Darüber hinaus ergibt sich aus der
historischen Untersuchung der nichtkapitalistischen Sphären, daß
sich, im Gegenteil, für die Arbeiter selbst und ihren Konsum,
verbunden mit den Erfordernissen der neuen, technisch überlegenen
Materialien, der Aufwand an vergegenständlichter Arbeit vergrö-
ßern muß. Indessen führen die Tendenz zur Überproduktion, die Ka-
pitalverluste und die Schatzbildung zur massiven und dauerhaften
Arbeitslosigkeit. Statt sofortiger Entwicklung der Produktion an-
derer Produkte wie Produktionsmittel oder nichtproduktiver Akti-
vitäten, wird die materielle Produktion gebremst, wenn nicht zu-
rückentwickelt. Die Entwertung durch den Wertverlust der Produk-
tionsmittel und den Druck auf ihre Preise schafft dabei die Mög-
lichkeit, gegen das Abbremsen der Produktivitätssteigerung zu
kämpfen, da die erhöhten Preise der Produktionsmittel die
n o t w e n d i g e E r h ö h u n g d e r t e c h n i-
s c h e n Z u s a m m e n s e t z u n g des Kapitals verhin-
dern. Aber auch die Herabsetzung der organischen Zusammensetzung
des Kapitals kann nicht eine globale, dauerhafte Stabilisierung
erreichen, es sei denn, daß auf der Grundlage der neuen
Zusammensetzung sich die Nachfrage entwickeln würde ohne Erhöhung
der organischen Zusammensetzung, auf Grund von neuen Produktivi-
tätsbedingungen und staatlichen (sozialen) Investitionen, verbun-
den mit tiefgreifenden strukturellen Veränderungen.
Nur durch die sich vergrößernden und dauerhaften Schwierigkeiten
des kapitalistischen Systems und die sich zuspitzenden Klassen-
kämpfe kann eine provisorische Lösung des Überakkumulations-Pro-
blems sich systemimmanent durchsetzen. Aber sie macht dabei
Strukturveränderungen nötig, die die kapitalistischen Strukturen
selbst verändern. Um die kapitalistischen Produktionsverhältnisse
in ihrem Wesen zu erhalten, werden Veränderungen vorgenommen, die
das Ende des Kapitalismus selbst näher bringen. Diese Veränderun-
gen entsprechen den strukturellen Entwertungen des Kapitals auf
dem Wege zur revolutionären Überwindung des Kapitalismus selbst,
unter dem Druck der revolutionären Veränderungen der materiellen
Produktivkräfte und der ökonomischen, ideologischen, politischen
Kämpfe des Proletariats und der Masse der Werktätigen.
4. Entwicklung der Theorie. Anwendung auf die Erklärung
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des staatsmonopolistischen Kapitalismus und seine Krise.
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Die strukturellen Entwertungen des Kapitals charakterisieren den
Übergang, Ende des 19. Jahrhunderts 19), zum Imperialismus, d.h.
zum Monopolkapitalismus.
Wir haben schon gezeigt, wie 1. der Monopolismus zu einer Entwer-
tung der nichtmonopolistischen Kapitale führt durch die Verringe-
rung der Verwertungsrate; 2. das Finanzkapital, mit verringerten
und sogar negativen Raten (Zinsen) die kleinen Finanzkapitale und
das öffentliche Sparwesen entwertet; 3. der Kapitalexport
schließlich es möglich macht, einen Teil des Kapitals der Metro-
polen zu entwerten, indem es in ursprünglich nicht kapitalisti-
schen Ländern angelegt und verwertet wird, etc. Aber gleichzeitig
treten neue Produktivitäts- und Nachfragebedingungen auf, die den
kollektiven Charakter fixer Produktionsmittel des Monopolismus-
tragen: die Aufwendungen für wissenschaftliche Forschung schützen
vor allem die großen Kapitale vor Entwertung und sind fixe Kosten
für den Monopolismus; die natürlichen Produktionsbedingungen der
vom Kapital eroberten Territorien, die neue Nachfrage in den ero-
berten Territorien, inclusive militärische und staatliche Ausga-
ben der Kolonisatoren, die Verallgemeinerung der Grundschulerzie-
hung und der Fortschritt der höheren Bildung in den Metropolen,
etc. Die neuen Formierungsbedingungen des Lebens und der Arbeit
bringen darüber hinaus eine erneuerte Intensivierung der Arbeit,
eine Erhöhung des relativen Mehrwertes, einen Fortschritt der
Wirtschaft in Punkto Kosten, etc.
Dank der neuen Produktivitäts- und Nachfragebedingungen, die das
Ende der langen Phase von vorwiegend depressiver Tendenz bringen,
erhöht sich nicht nur die Profitrate, sondern auch die Kapitalak-
kumulation; besonders die des konstanten Kapitals kann von neuem
in größerem Maße vor sich gehen in Verbindung mit der neuerlichen
Erhöhung der Profitrate und der Mehrwertmasse.
Auf diese Art und Weise folgt nach einer langen Phase, in der die
Überakkumulation mit Leichtigkeit überwunden werden konnte, wie
während der "belle epoque" der Jahre 1896-1914, eine weitere
lange Phase der Überakkumulation, die relativ dauerhaft ist, und
dann die massive Entwertung des Kapitals, wie in den Jahren 1914-
1944 (ungefähr).
Seit den zwanziger Jahren hat sich chronische und ausgedehnte Ar-
beitslosigkeit ausgebreitet 20), trotz der scheinbaren Prosperi-
tät. Erst Anfang der dreißiger Jahre zeigt sie sich in ihrer gan-
zen Brutalität. Zur gleichen Zeit, zwischen den beiden Weltkrie-
gen, kann man den Übergang vom einfachen Monopolkapitalismus zum
staatsmonopolistischen Kapitalismus beobachten; ein Vorgang, der-
sich durch Klassenkämpfe bisher nicht bekannter Ausdehnung und
Starke durchsetzte. Im Verlaufe dieser nationalen und internatio-
nalen Kämpfe widersetzen sich die Arbeiterklasse und die demokra-
tischen Kräfte mit Erfolg reaktionärsten Formen des staatsmonopo-
listischen Kapitalismus (Militarisierung und Faschisierung der
Wirtschaft) 21). Sie erzwangen demokratische Veränderungen, in
Frankreich zum Beispiel die nationale Front und die Befreiung vom
Faschismus. Die Einführung des staatsmonopolistischen Kapitalis-
mus deutet strukturelle Entwertung des Kapitals an, die quantita-
tiv und qualitativ einen neuen Charakter trägt. Die strukturellen
Entwertungen des imperialistischen Kapitals, repräsentiert durch
die Monopole, das Finanzkapital, den systematischen Kapitalexport
etc., werden ergänzt durch die Entwertungen mehr oder weniger
staatlicher Unternehmen, der staatlichen Finanzierung der kapita-
listischen Produktion, der kollektiven Konsumkosten, der staatli-
chen "Beihilfen" für den privaten Kapitalexport, etc. In diesem
Zusammenhang muß betont werden, daß es schon beim Übergang zum
einfachen Monopolismus nicht nur um eine Verringerung derjenigen
ging, die ihren gerechten Anteil am Profit verlangten, 22) son-
dern gleichzeitig Veränderungen der Akkumulationsbedingungen, der
Profitrate, des Mehrwertes, der Produktivität und der globalen
Nachfrage bewirkt wurden. Es entstanden neue Bedürfnisse im Bezug
auf die Infrastruktur und die Entwicklungskosten der Arbeiter.
Weil die kapitalistische Produktionsweise beibehalten wurde, ent-
stehen aus der neuen Bedeutung der Vorschüsse auf den Mehrwert
für die freiwirtschaftenden, die unproduktiven und die staatlich
entwerteten Kapitale, aus der Verschärfung der Auswirkungen der
Trennung von Kopf- und Handarbeit, und aus der Proletarisierung
der Kopfarbeiter diese Erfordernisse in antagonistischer Form.
Aber noch einmal, nach einer längeren, tendenziell ansteigenden
Phase der Akkumulation, in der die Überakkumulationskrisen zwar
nie unterdrückt, aber immer sehr schwach und kurz waren
("Rezessionen"), beginnt eine Phase von starker, relativ dauer-
hafter Überakkumulation, ungefähr von 1967/69 an.
Mit der starken und relativ dauerhaften Überakkumulation die sich
auf gleiche Art und Weise etwa 1873-75, 1914-20, und 1967-69 be-
merkbar machte, geschehen im staatsmonopolistischen Kapitalismus,
wie gewöhnlich, gleichzeitig Wiederholung und qualitative Erneue-
rung. Auf jeden Fall präsentiert sich dieses Mal die lange, durch
eine Tendenz zur Entwertung gekennzeichnete Phase, die vor kurzem
auf internationalem Maßstab begonnen hat, auf ganz neue Art und
Weise.
Auf der Ebene der Produktivkräfte wird die relativ dauerhafte
Überakkumulation im Beginn der alle Bereiche umfassenden techno-
logischen Revolution auf Grund der Automatisierung manifest. Man
kann sie wissenschaftliche Revolution D) nennen, in Analogie zur
industriellen Revolution, die allmählich - über ökonomische
Strukturveränderungen, die manchmal auch politische Revolutionen
notwendig werden lassen - die Industrialisierung der Länder, die
zuvor fast alle landwirtschaftlich wirtschafteten, bewirkte.
Die entscheidende Grundlage der industriellen Revolution im 18.
Jahrhundert war die Werkzeugmaschine, die die Hand des handwerk-
lichen Arbeiters ersetzte - die Bedeutung der neuen Energiequel-
len (Dampfmaschine) und der neuen Materialien ist weniger groß.
Gleicherweise setzte die Automation, die auf elektronischer
Steuerung basiert, eine technologische Revolution voraus, die die
Kontrolle, Korrektur und Steuerung der Werkzeugmaschine durch den
proletarischen Arbeiter abnimmt Die Entwicklung der Automation
macht notwendig und erlaubt einen bisher noch nie erlebten Auf-
schwung der Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit vom Stand-
punkt der direkten Bedürfnisse der materiellen Produktion selbst.
Indessen handelt es sich hier wieder um Möglichkeiten und Notwen-
digkeiten, die mit den Grenzen, die den kapitalistischen Produk-
tionsverhältnissen gesetzt sind, kollidieren und die zum Beispiel
in der Krise des staatsmonopolistischen Kapitalismus die Tendenz
zur Arbeitslosigkeit, die Dequalifizierung, usw. zur Folge haben.
Die technische Revolution D) beginnt erst. Sie ist in ihrem Wesen
dem Charakter der Produktivkräfte, die aus der industriellen Re-
volution hervorgegangen sind und im großen und ganzen der kapita-
listischen Struktur entsprechen, genau entgegengesetzt.
Die Entwicklung der wissenschaftlich-technischen Revolution er-
fordert, daß der Fortschritt der Produktivkräfte in immer größe-
rem Maße dazu bestimmt ist, die Fähigkeiten der gesamten Arbei-
terschaft zu entwickeln, daß die Investitionen in vergegenständ-
lichter Arbeit im Interesse der Arbeiter gemacht werden, und daß
genügend Freizeit für die Weiterentwicklung der Werktätigen vor-
handen ist. Das macht die revolutionäre Überwindung des Kapita-
lismus notwendig. Daher die Notwendigkeit des Kommunismus.
Unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus,
der durch staatliche Finanzierung der Produktion, durch die Aus-
weitung des staatlichen Konsums, und des staatlichen Eigentums zu
regulieren versucht, wird der Kapitalismus vor allem in struktu-
reller Beziehung durch die Krise des staatsmonopolistischen Kapi-
talismus in Frage gestellt. 23) Mit dieser Strukturkrise, die be-
reits begonnen hat und sich immer weiter verschärft, steht die
staatliche Intervention - die am weitesten entwickelte pro(mono-
pol)-kapitalistische Intervention, gekoppelt an den vorherr-
schenden Charakter des monopolkapitalistischen Eigentums - auf
dem Spiel. Außerdem wird in Verbindung mit dem besonderen techno-
logischen und strukturellen Charakter der neuen langen Phase
depressiver Tendenz die Bedeutung der Vorschüsse auf die Kosten
und das entwertete Kapital viel größer als zuvor, so daß
qualitativ neue Bedingungen entstehen, die zur relativ dauerhaf-
ten Überakkumulation beitragen.
Schließlich haben auf dieser Grundlage die Arbeiterklasse und die
demokratischen Kräfte ein Organisationsniveau, politische und
ideologische Reife erlangt, die sie der Bewegung der Jahre 1920
und 1930 überlegen macht, nicht zu vergessen das Niveau der Ent-
wicklung, das die sozialistischen Länder erreicht haben, die
trotz aller Schwierigkeiten heute vor der aufregenden Perspektive
des Aufbaus des Kommunismus stehen. 24)
_____
*) Übersetzung aus ECONOMIE ET POLITIQUE Nr. 202, Mai 71, S. 91-
108 von Sabine Auffermann. (Buchstaben = Übersetzungsanmerkungen)
A) Im Text wird "le capitalisme monopoliste d'état" abgekürzt:
"C.M.E.". Statt "S.M.K." oder ähnlichen Abkürzungen wird in der
Übersetzung der vollständige Begriff staatsmonopolistischer Kapi-
talismus verwendet.
1) In diesem Zusammenhang verweisen wir auf das Buch des Autoren-
kollektivs TRAITE MARXISTE D'ECONOMIE POLITIQUE, LE CAPITALISME
MONOPOLISTE D'ETAT, 1971, Editions Sociales, Paris, das von Mit-
gliedern der Sektion Ökonomie beim ZK der KPF (dieses Buch wird
im Frühjahr auf deutsch bei Dietz erscheinen, d.Ü.) und von Mit-
arbeitern der Zeitschrift ECONOMIE ET POLITIQUE verfaßt wurde.
B) Paul Boccara, Mitglied der Sektion Ökonomie beim ZK der KPF,
bezieht sich hier auf Frankreich. "Fortschrittliche Demokratie":
der französische Text benutzt den Ausdruck: "democratie avance".
In der deutschsprachigen Literatur wird die für die BRD anzustre-
bende Entwicklung oft als "antimonopolistische Demokratie" be-
zeichnet. Der Begriff "fortschrittliche Demokratie" wurde in
letzter Zeit von Mitgliedern des Präsidiums der DKP öfter ge-
braucht. Er bedeutet nichts anderes, ist jedoch der umfassendere
Begriff. Deshalb wird er, in Anlehnung an den französischen Aus-
druck, benutzt, obwohl er noch etwas ungebräuchlich ist.
2) Der erste Teil dieses Artikels ist hier veröffentlicht. Teil
zwei und drei werden nacheinander in den beiden folgenden Ausga-
ben dieser Zeitschrift veröffentlicht. Sie können unabhängig von
diesem mehr abstrakten, theoretischen Teil gelesen werden, der
jedoch die theoretische Fundierung für die beiden anderen lie-
fert. (Die SOPO schließt sich diesem Verfahren an)
3) Verhältnis von konstantem Kapital zu variablem Kapital
(Kapital vor der Verwertung), entsprechend der Definition der
technischen Zusammensetzung des Kapitals: Produktionsmittel im
Verhältnis zu produktiven Arbeitern.
C) Siehe dazu P. Boccara: "Zum Staatsmonopolistischen Kapitalis-
mus", in: SOPO 11, S. 7 ff.
4) Die Theorie der Überakkumulation-Entwertung des Kapitals, die
aus der Theorie des Mehrwertes und des Kapitals entwickelt ist,
ist nur die Grundlage der Erklärung. Sie erlaubt es, die ver-
schiedenen erklärenden Momente zu integrieren, ohne sie jedoch
durch Spekulationen ergänzen zu müssen. Für einen solchen Inte-
grationsversuch sei verwiesen auf das erste Kapitel des unter
Anm. 1. zitierten Buches.
5) Dieses ist die "Eselsbrücke" aller politischen Ökonomie bis
heutzutage, entsprechend eines Ausspruches von Marx in seinem
Brief an Engels vom 30. April 1868.
6) Vergleiche: KAPITAL, Band 3, Dietz 69, S. 258 (In Zukunft wird
aus dieser Ausgabe zitiert.)
7) Im KAPITAL, Band 3, Kapitel 6, Abschnitt II: "Wertsteigerung
und Entwertung, Freisetzung und Bindung von Kapital" bemerkt Marx
schon: "Da die Profitrate gleich ist dem Verhältnis des Über-
schusses des Werts des Produkts zum Wert des vorgeschossenen Ge-
samtkapitals, so wäre eine Erhöhung der Profitrate, die aus einer
Entwertung des vorgeschossenen Kapitals hervorginge, mit Verlust
an Kapitalwert verbunden...", ebenda, S. 123. Er verbindet den
Wertverlust mit der Bewegung der Preise, indem er vom möglichen
"Verlust" des Maschinenbesitzers und
ihrem Weiterverkauf "zu niedrigen Preisen" spricht, (ebenda, S.
24).
8) Die Überakkumulation ist nur ein Anzeichen für den Fall.
9) Die 1910 von Hilferding vertretene rechte Auffassung von der
fortschreitenden Milderung der Krisen durch das Finanzkapital und
auf dem Markt des General-Kartells entspricht seiner Erklärung
der neuen kapitalistischen Formen, wo er sich auch noch auf das
KAPITAL, Band 1, erstes Kapitel, und auf die Analyse des tenden-
ziellen Falls der Profitrate bezieht, aber die Überakkumulation
wegläßt. Auch Rosa Luxemburg zieht diese Verbindung nicht, als
sie 1913 über den tendenziellen Fall der Profitrate und die Re-
alisierungsschwierigkeiten auf dem kapitalistischen Markt
schreibt, also das Problem der Überakkumulation aufzeigt. Daher
stammt auch ihre Katastrophentheorie vom Abbruch der kapitalisti-
schen Akkumulation, die das Problem der strukturellen Transforma-
tion und des staatsmonopolistischen Kapitalismus nicht erkennen
kann. Wir wissen, daß Lenin im Gegenteil dazu schon 1899 am An-
fang von ENTWICKLUNG DES KAPITALISMUS IN RUSSLAND auf den beiden
Aspekten der marxistischen Theorie der Realisierung (Begrenzung
des Massenkonsums und Engpass des konstanten Kapitals) bestand,
die Verbindung mit der organischen Zusammensetzung des Kapitals
aufzeigte, und die revisionistischen Behauptungen von Bernstein
zurückwies, der einen formellen Widerspruch in der marxistischen
Krisentheorie gefunden zu haben glaubte.
Während Lenin übrigens die Unterkonsumtionstheorien von Rosa
Luxemburg kritisierte, entwickelte er im IMPERIALISMUS ... die
Theorie des Kapitalüberschusses als Begründung des kapitalisti-
schen Kapitalexports. Ebenfalls im IMPERIALISMUS setzt er der an-
geblichen Milderung der Möglichkeiten des Auftretens von Chaos
und Krise durch die Monopolbildung, die Zunahme dieser Möglich-
keiten, veranlaßt durch die Vermehrung des Kapitals, die keine
Grenze kennt, entgegen (Vgl. Lenin: WERKE, Bd. 22, S. 213)
10) Wir haben in ECONOMIE ET POLITIQUE vom August 68 die Kritik
an den Unterkonsumtionstheorien von Baran-Sweezy, ihren linksra-
dikalen Revisionismus zusammen mit rechten und reaktionären Theo-
rien von Überkonsumtion kritisiert. Auch die Überakkumulation
kann nicht durch das ekklektizistische Nebeneinandersetzen von
zwei "Grenzwerten" erklärt werden.
11) Wir haben (ebenda) die apologetischen Theorien über die Sta-
bilität der Zusammensetzung des Kapitals beschrieben. Wir ha-
ben die rechten, bourgeoisen Theorien des Falls des "Kapitalkoef-
fizienten" aufgezeigt. Diese Theorien gehen vom einheitlichen
Steigen der organischen Zusammensetzung des Kapitals aus, sie
lassen die historisch bedingten Schwankungen des Prozesses, die
Analyse der unproduktiven Arbeit etc. weg und revidierten so
Marx.
Man begegnet dieser Strömung auch in verschiedenen Teilen der Ar-
beit von Richta über POLITISCHE ÖKONOMIE DES 20. JAHRHUNDERTS.
(Kritik in ECONOMIE ET POLITIQUE, Juli 69 und Dez. 69)
12) Im Gegensatz zu den vor allem von Hilferding verbreiteten Il-
lusionen die auch jetzt noch teilweise wirksam sind, unabhängig
von den immer neuen Formen monopolistischer Regulierung besteht
der Produktionspreis weiter, wenn er auch in verschiedenen Berei-
chen verschieden angeglichen wird, immer im Verhältnis zum Durch-
schnittsprofit.
Mehr noch, die durchschnittliche Profitrate verschwindet nie, da
es sich um einen abstrakten Durchschnitt handelt, der in der Pra-
xis regulierende Funktion hat. Weiterhin nimmt der tendenzielle
Fall der Profitrate Einfluß: er setzt der Überakkumulation der
Monopole eine absolute Grenze, unabhängig von ihren vielfältigen
Möglichkeiten die Profite innerhalb dieser durchschnittlichen
Grenze zu verändern.
13) Am Anfang des schon zitierten II. Abschnittes des 6. Kapitels
des dritten Bandes des KAPITALS schreibt Marx: "Die Phänomene,
die wir in diesem Kapitel untersuchen, setzen zu ihrer vollen
Entwicklung das Kreditwesen und die Konkurrenz auf dem Weltmarkt
voraus, das überhaupt die Basis und die Lebensatmosphäre der ka-
pitalistischen Produktion bildet. Diese konkreteren Formen der
kapitalistischen Produktion können aber nur umfassend dargestellt
werden, nachdem die allgemeine Natur des Kapitals begriffen ist;
zudem liegt ihre Darstellung außer dem Plan unseres Werkes und
gehört seiner etwaigen Fortsetzung an." (KAPITAL, Bd. 3, S. 120)
Zur Frage des "Plans" des KAPITAL sei auf einen vor 10 Jahren in
ECONOMIE ET POLITIQUE erschienenen Artikel "Probleme des Inhalts
des Kapital" hingewiesen (ECONOMIE ET POLITIQUE, Februar 61).
14) "Einerseits wird der Wert, die vergangene Arbeit, die die le-
bendige beherrscht, in Kapitalisten personifiziert, andererseits
erscheint der Arbeiter umgekehrt als bloß gegenständliche Ar-
beitskraft, als Ware." (KAPITAL, Band 3, S. 55)
15) Diese Revolution war durch die Entwicklung der Manufaktur
seit der Mitte des 16. Jahrhunderts vorbereitet. Unter Einschluß
der Phase der "Fabrik" entwickelt sich die industrielle Revolu-
tion in der Folgezeit in ihrer zweiten Phase am Ende des 19.
Jahrhunderts im Übergang zur tendenziell automatischen Fabrik.
Wir sehen weiter, daß die Automation sich im Zentrum einer neuen
technologischen Revolution entwickelt, der wissenschaftlichen Re-
volution. Diese benötigt für ihre Entfaltung die revolutionäre
Überwindung des Kapitalismus, damit sich die Fähigkeiten der Ar-
beiter entwickeln können und zum wichtigsten Mittel des techni-
schen Fortschrittes werden können.
16) Hier war es möglich eine allgemeine Profitrate ausgehend vom
Durchschnittsprofit, einzuführen, und die Entfaltung der kapita-
listischen Regulierung durch den Produktionspreis zu sichern.
17) Hinaus über die Probleme der Eroberung neuer Produktionssphä-
ren und neuer Länder durch die kapitalistische Produktionsweise.
18) Diese Bedürfnisse hängen zusammen mit den Forderungen der
neuen Generation, deren Expansion durch eine lange Phase mit auf-
steigender Tendenz begünstigt war.
19) Am Ende der langen tendenziell depressiven Phase der Jahre
1873-1895, die schon von Engels als Jahre chronisch depressiver
Tendenz bezeichnet wurden, und auf die sich Lenin im IMPERIALIS-
MUS bezieht, wurden die neuen monopolistischen Formen eingeführt.
(Vergleiche: Lenin: IMPERIALISMUS...).
20) Ganz zu schweigen von Schwierigkeiten, verursacht durch die
Bewegungen der nicht festgelegten Kapitale, die heute an Bedeu-
tung verloren haben.
21) Die Sowjetunion nimmt teil an diesen Klassenkämpfen (die das
kapitalistische System in Frage stellen und es zu tiefgreifenden
strukturellen Veränderungen zwingen, und soweit wie möglich die
Interessen der Werktätigen verteidigen und durchsetzen) seit dem
ersten Erfolg der sowjetischen Planung (die im Gegensatz zum öko-
nomischen Chaos der kapitalistischen Welt der 30er Jahre stand)
bis zum antifaschistischen Krieg.
22) Entwertung des betreffenden Kapitals besonders durch mehr
oder weniger staatliche Gelder, die wenig oder gar keinen Profit
beanspruchen, eventuellen Defizit (negativen Profit) ausglei-
chen, etc.
D) Im französichen Text werden nacheinander die Begriffe: wissen-
schaftliche-, technologische- und technische Revolution benutzt.
Die Übersetzung differenziert zuerst in Anlehnung an den Text,
geht man dann zum im deutschen Sprachgebrauch üblichen "wis-
senschaftlich-technische Revolution" über.
23) Diese Wendung der Verbindung der langen Phase war zum ersten
Mal öffentlich Ende 1967 während der "Woche des Marxistischen
Denkens", in Verbindung mit neuen Aspekten der Arbeitslosigkeit
in Westeuropa vorgeschlagen worden. Dazu verweisen wir auf einen
ersten umfassenden Versuch: "Die Krise des staatsmonopolistischen
Kapitalismus und die Kämpfe der Arbeiter" in ECONOMIE ET POLITI-
QUE, Dezember 69, Januar/Februar 70, März 70.
24) Übrigens hat der Wettbewerb mit dem Sozialismus eine ent-
scheidende Rolle gespielt in den Anfängen der praktischen Umset-
zung der wissenschaftlich-technischen Revolution, bei den Staats-
ausgaben für das öffentliche Erziehungswesen, und die For-
schungstätigkeit der USA in den 60er Jahren gespielt. Zu erinnern
ist hier an den "Sputnik-Schock".
***
SOPO 12 (Juli 71)
J. Bischoff: Materielle und geistige Produktion - Sohn-Rethels
'Siegeszug' durch die nichtrevisionistische Linke / W. Roth:
Möglichkeiten sozialistischer Politik - Beispiel Italien / V.
Gransow: Von "Imperialismus heute" zum "Imperialismus der BRD" /
Bericht: Klassenkampf bei August Thyssen / Bericht: I. Gründung
des Arbeitskreises "Lage und Kampf der Arbeiterklasse im staats-
monopolistischen Kapitalismus", II. Probleme der Lage und des
Kampfes der Arbeiterklasse im staatsmonopolistischen Kapitalismus
/ T. Müller, H. Schäfer: Bemerkungen zum Artikel "Die Sozial-
staatsillusion und der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital"
(SOPO 6/7) / L. Peter: Thesen über Studentenbewegung und Arbei-
terklasse / U. Garling, D. v.d. Lühe, W. Schuchardt, E. Witten:
Die gesellschaftswissenschaftliche Intelligenz im System des
staatsmonopolistischen Kapitalismus / Projekt Klassenanalyse:
Versuch zur Bestimmung der Aufgaben der kommunistischen Intellek-
tuellen.
SOPO 13 (Okt. 71) W.M. Breuer: Warenproduktion und Sozialismus /
H. Behrens: Das Bildungssystem der DDR - Aspekte seiner Entwick-
lung und seiner Probleme / L. Peter: Klassenkämpfe in Frankreich:
Renault 1971 / H. Ley, T. Müller: Technik und Gesellschaftsstruk-
tur / N.A. Aitow: Allgemeines und Besonderes in der Klassenstruk-
tur der sozialistischen Länder / G. Landwirth: Der bürgerliche
Konvertit und sein eigener Revisionismus / V. Gransow: Anstelle
einer Besprechung des Buches "Ausgewählte Reden, Aufsätze und Be-
schlüsse der 'KPD'-Aufbauorganisation" / Projekt Klassenanalyse:
Besprechung von Lavrov: "Die Pariser Kommune" / A. Sohn-Rethel:
Aus Anlaß von J. Bischoff: "Materielle und geistige Produktion"
in SOPO 12.
SOPO 14/15 (Dez. 71) M. Boni, B. Güther, G. Wilbert: Materialien
zur Analyse der antagonistischen Distributionsverhältnisse in der
BRD / G. Krause: Zur Kritik einer Variante bürgerlicher Monopol-
theorie / J. Bischoff: Zu einigen Grundfragen revolutionärer Tak-
tik / W. Roth: Zur aktuellen Situation der italienischen Gewerk-
schaftsbewegung / T. Scheffler: Zur Frage der friedlichen Koexi-
stenz / Bericht: Aufgaben der Gesellschaftswissenschaften im So-
zialismus / Projekt Klassenanalyse: Zur Kritik der 'Sozialstaats-
illusion' (SOPO 6/7) / P. Hess: Zum Staatsmonopolistischen Kapi-
talismus / J. Menschik: Zur politischen Soziologie des Arbei-
terbewußtseins / H. May: Zur Diskussion über Fragen der Mitbe-
stimmung / V. Gransow: Zur Geschichte der KPdSU / Autorenkol-
lektiv: Systemvergleich BRD-DDR.
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